Pipin, glühend: »Sie? Sie sind der ehrlichste Mensch unter der Sonne!«

Elmenreich: »Den aufrichtigen Menschen, die immer mit ihrer »Wahrheit«

herausplatzen, fehlt einfach das geistige Schamgefühl, deshalb entblößen

sie ihre Seele bei jeder Gelegenheit. Und sie muten es auch den anderen zu,

die anständig genug sind, ihre Kleider anzubehalten. Zum Kuckuck, wissen

denn diese Leute nicht, daß Kulturmenschen einander nicht ohne Widerwillen

nackt sehen können?«

Pipin, ratlos: »Dann bitte ich um Verzeihung, Herr Doktor. Ich habe es aber

wirklich nicht so gemeint. Ich sagte ja nur »aufrichtig«, weil ich -- je

nun, sagen Sie selbst, was hat man denn von einem unaufrichtigen Urteil?«

Elmenreich: »Im Gegenteil: wer hat etwas von einer Aufrichtigkeit, die

nicht schmeichelhaft für ihn ist? Der Mensch mit dem dämonischen Glauben an

sich selbst verachtet den Tadel und haßt den Tadler; der Mensch aber, dem

dieser Glaube fehlt, wird durch den Tadel entmutigt und ins Herz getroffen.

Und wissen Sie, Pipin, da will ich noch lieber einen solchen wütenden Stier

des Selbstbewußtseins wider mich aufgebracht haben, als eine solche arme

Seele tiefer ins Fegefeuer des Zweifels hineinstoßen. Offen gestanden,

es ist mir zu unbequem, eventuell einen solchen Zusammengefallenen mit

gütlichen Argumenten aufrichten zu sollen, bis er wieder halbwegs allein

stehen kann --.«

Pipin wußte sich nicht zu helfen. »Das habe ich wieder recht ungeschickt

angefangen«, sagte er, während er aus Verzweiflung den Hut abnahm und sich

den Kopf kratzte. Dann auf einmal lachte er erleichtert.

»Ach so, Sie meinen, daß Sie an mir einen solchen Zusammengefallenen

hätten, wenn Sie aufrichtig gegen mich wären? Da brauchen Sie nichts zu

fürchten, lieber Doktor; es handelt sich gar nicht um mich. Ich wollte Sie

ja nur fragen, was Sie aufrichtig, aber wirklich aufrichtig, über Fräulein

von Gabielski denken?«

»Ueber Fräulein von Gabielski? Warum fragen Sie das gerade mich?«

Elmenreich warf unter seinen gerunzelten Augenbrauen hervor einen strengen

Blick auf Pipin, der dunkelrot wurde. Er antwortete nicht gleich.

»Ich habe mir gedacht, daß Sie ein gewisses Vertrauen, eine gewisse Zu --

ein gewisses Wohlwollen für mich haben -- Sie sehen, Herr Doktor, ich bin

nicht so ganz ohne Selbstbewußtsein! Und wenn ich Sie nun bitte, geben Sie

mir einen solchen Beweis von Vertrauen --?«

»Sie sind ein Kindskopf! Welchen Wert glauben Sie denn, daß solche

bestellte Vertrauensbeweise haben können?«

»Also nein, nicht als Beweis von irgend etwas. Sondern sagen Sie es mir

nur als Menschenkenner, als Mann von überlegenem Urteil, als Ihre ganz

persönliche Meinung --«

»Ich weiß nicht, was Sie wollen. Fragen Sie doch lieber die gnädige Frau;

wenn es sich um Frauen handelt, muß man immer Frauen fragen; die sehen da

viel schärfer als wir Männer.«

»Daran zweifle ich nicht: aber wenn es nun gerade Ihr Urteil ist, das mich

interessiert, Ihre ganz persönlichen Empf -- wie soll ich denn nur sagen,

damit Sie nicht unangenehm berührt sind, oder damit Sie mich nicht für

zudringlich halten --? Ihre persönliche Meinung halt!«

»Hol mich Gott, was haben Sie denn vor, Pipin? Wollen Sie dieser jungen

Dame einen Heiratsantrag machen?«

»Gesetzt den Fall -- was würden Sie dazu sagen?«

Elmenreich faßte Pipin mit beiden Händen bei den Schultern und schüttelte

ihn heftig. »Mensch, Mensch, Sie werden doch nicht --?«

Pipins Miene schien ihn zu beruhigen. Er ließ ihn los, ging ein paarmal auf

und ab, und sagte dann kühl:

»Also meine persönliche Meinung über Fräulein Eugenie! Mna! Lieber Pipin,

über junge Mädchen giebt es kein Urteil. Wer soll denn erraten können, was

für ein Schmetterling aus einem solchen Seidencocon ausfliegen wird? Und

was meine persönliche Meinung über die Ehe betrifft, so kann ich Ihnen nur

sagen: entweder man muß den Mut haben, kopfüber hineinzuspringen, auf den

ersten Anlauf, ohne einen Blick in die Tiefe zu werfen, als Abenteurer und

Glücksritter; oder -- nun, sobald man sich besinnt, ist es aus; man

kehrt tausendmal lieber um und geht den langweiligen ebenen Weg

der Junggesellenexistenz allein weiter, als daß man sich in diesen

schauerlichen Abgrund stürzt, der da vor einem liegt.«

»Aber ganz so schrecklich kann die Sache nicht sein, da doch die meisten

Menschen den Sprung machen!«

»Das ist nur ein Beweis mehr, daß die meisten Menschen gedankenlos und

empfindungsroh sind. Sonst könnte eine so furchtbare Institution wie die

Ehe nicht bestehen. Wenn in einem Zirkus zwei reißende Bestien in einen

Käfig zusammengesperrt werden und sich zerfleischen, dann schreien die

Empfindsamen über Tierquälerei; sie bemerken aber nicht, daß sie selbst

alle paarweise in Käfige gesperrt werden, und daß der Mensch in seiner

gemeinen Alltäglichkeit das bösartigste Vieh auf der Welt ist. Giebt es

etwas Abstoßenderes als diese Tragikomödie der Ehe, in der zwei von Natur

aus so feindliche Wesen wie Mann und Weib mit ihren primitivsten Instinkten

auf einander losgelassen werden, um sich durch ihre albernen Gewohnheiten

und schäbigen Unarten, durch die ganze erbärmliche Notdurft des täglichen

Lebens zu Tode zu schinden --?«

»Aber wenn sich die beiden lieben --«

»Desto schlimmer! Sie glauben wohl auch, Pipin, die Liebe ist ein Packesel,

dem man alles aufbürden kann, was im Leben lästig und schwierig ist?

Und dann: welcher denkende Mensch wird im Zustand des Rausches eine

Entscheidung auf Lebenszeit treffen wollen? Verliebt sein, heißt nichts

anderes, als eine illusionäre Vorstellung auf eine ganz unbekannte Person

übertragen. Wenn man aus Liebe heiratet, erhebt man diese unbekannte Person

zur »Lebensgefährtin«, um durch die Erfahrung belehrt zu werden, wie sehr

man sich im Zustande der Illusion verrechnet hat. Nein, lieber Pipin, Liebe

und Ehe -- das sind zwei getrennte Welten, die vernünftige Menschen nicht

in Verbindung setzen wollen. Aber kommen Sie so einer höheren Tochter mit

dergleichen! Da wird jedes Bedenken über die Ehe gleich als persönliche

Beleidigung aufgefaßt, als eine böswillige Betriebsstörung. Heiraten,

heiraten, das ist das Alpha und Omega ihres ganzen Denkens. Wenn sie einen

Mann kennen lernen, so sehen sie ihn gleich daraufhin an, ob er für sie

»passend« ist oder nicht --«

»Nun ja, ja«, unterbrach ihn Pipin etwas ungeduldig. »Das ist aber ganz

selbstverständlich, da ja das Heiraten in der That das Alpha und Omega für

sie bedeutet. Wie sollten sie denn nicht alle Mittel anwenden --«

Aber Elmenreich ist nicht der Mann, der sich unterbrechen läßt. Er fuhr

fort:

»Und dann sieht man erst, wie undifferenziert diese zarten und feinen Wesen

sind. Wo die äußeren Verhältnisse entsprechende sind, wird ihnen alsbald

auch der Inhaber dieser »Verhältnisse« eine interessante, eine anziehende,

eine liebenswerte Persönlichkeit, da verzeihen sie alles, da dulden sie

alles, da ertragen sie alles, ganz wie es der heilige Paulus von der Liebe

will. Man muß sie nur kennen, diese Virtuosinnen der standesgemäßen Liebe,

um zu wissen, was man von ihrem leisen Entgegenkommen und ihren verschämten

Anbiederungsversuchen zu halten hat --«

»Sie sind ein Weiberfeind«, rief Pipin mit Entrüstung.

»Nein, lieber Pipin, ich bin nur für reinliche Unterschiede. Die

Hochschätzung meiner Person ist mir sehr wertvoll bei Frauen, die an meinen

übrigen Verhältnissen nicht interessiert sind. Und was die erotischen

Vergnügungen betrifft -- nun, wissen Sie, Pipin, wenn schon einmal dafür

bezahlt werden muß, dann zieh ich diejenigen Personen vor, die diese nackte

Thatsache nicht mit dem Brimborium der Liebe überschminken. Alles in allem:

um den Preis der Ehe kaufe ich die Erlaubnis nicht, meine schönen Gefühle

durch den täglichen Gebrauch abzunützen.«

»Ach Gott, Sie haben ja gar keine schönen Gefühle, sonst würden Sie nicht

so reden«, sagte Pipin verzweifelt. »Was helfen alle diese allgemeinen

Betrachtungen, wenn sie auch zehnmal richtig sind? Sehen Sie denn nicht,

wie die Sachen liegen? Ein schönes, edles, herrliches Geschöpf schmachtet

in der erbärmlichsten Umgebung, wird mit Füßen getreten, muß täglich,

stündlich alle Qualen erdulden, die nur immer einem höheren Wesen durch

niedrige und rohe Menschen zugefügt werden können -- und Sie stellen

allgemeine Betrachtungen über die Ehe und die standesgemäße Liebe an! Nein,

ich begreife Sie nicht, Herr Doktor! Können Sie da wirklich ruhig zusehen?

Sind Sie denn in Ihrem Innern nicht der Meinung, daß da etwas geschehen

soll?«

»Ich fühle in meinem Innern durchaus keine Nötigung, mich bei jeder

beliebigen Andromeda als Perseus aufzuspielen. Und da Sie mich um meine

aufrichtige Meinung gefragt haben, so würd' ich auch Ihnen dringend

raten, Pipin, sich vor jedem derartigen Versuch zu hüten. Es sollen Fälle

vorkommen, wo die befreite Andromeda sich späterhin selbst in einen Drachen

verwandelt, der über den voreiligen Perseus herfällt --«

Pipin knöpfte mit zitternden Fingern seinen Rock zu.

»Verzeihen Sie, aber ich bin wirklich nicht imstande, diesen Ton

länger auszuhalten«, sagte er und ging hastig weg, bevor Elmenreich ihn

zurückhalten konnte.

* * *

Welche seltsame Gewalt die Stimmung der Umgebung ausübt!

Jemand spielte Orgel in der Kirche. Gedämpft drangen die Töne heraus wie

aus einer unbestimmten, raumlosen Ferne; zuweilen schwollen sie heulend

an, zuweilen starben sie in ein ersticktes Flüstern hin. Es dämmerte; die

tiefherabhängenden Wolken färbten sich mit einem schwermütigen Violett und

zerrissen hier und dort. Dann sah man auf graue Felswände oder schwarze

Wälder wie auf unbegreifliche fremde Welten. Aber nur in einer kurzen

Vision; die Nebel zogen sich wieder darüber, wallten abwärts, aufwärts,

in einem lautlosen, feierlichen Spiel, ruhevoll geschäftig wie in

verschwiegener Vorbereitung wunderbarer Dinge.

Elmenreich steht neben einem der Grabsteine und betrachtet in tiefem

Nachdenken den Rasengrund, der so viele menschliche Leiber verschlungen

hat. Nach einem langen Schweigen richtet er sich aus seiner Versunkenheit

auf.

»Diese Musik, diese furchtbare Musik! Gehen wir doch fort! Ich kann die

Musik nicht ertragen! Sie reißt etwas auf in meinem Innern, das sonst

verschlossen ist, und alle dunklen Gestalten kommen daraus hervor, die ich

nicht sehen will, die ich nicht hören will --«

In seiner Stimme war jener Ton des Leidens, der immer mitklingt, wenn er

von sich selber spricht. Und ich sagte: »Ja, lassen Sie uns gehen. Es ist

besser, man räumt der Musik keine Gewalt ein; sie verspricht immer etwas,

ohne es zu halten --«

Aber er hörte mich gar nicht, und er ging auch nicht fort. Er blieb an der

niedrigen Mauer lehnen, das Gesicht hinausgewendet gegen den Himmel.

Die alten, verfallenen Grabsteine ragten neben ihm auf wie

Geistererscheinungen, stumme, hoffnungslose Zeugen, daß alles Leben ewig in

dem ungeheuren Ozean des Nichts ertrinkt.

Und ich glaubte zu wissen, was in dieser schweigenden, versunkenen Gestalt

vor sich ging. Deutlich als hätte ich sie eben vernommen, lebten die Worte

in meiner Erinnerung auf, die er einst in einer ähnlich feierlichen Stunde

zu mir sagte, die Worte, die einen so großen Eindruck auf mich machten, daß

sie mir der Schlüssel zu seinem ganzen Wesen geworden sind.

»Ich bin mit dem Leben unzufrieden, es ist mir eine Last. Und warum sollte

ich mich nicht davon freimachen können, wie von einer anderen Plage und

Last? Aber ich will die Entscheidung darüber treffen als ein freier und

besonnener Mensch; und ich will mir vorher das Leben darauf hin ansehen ein

paar Jahre lang. Wir leben für gewöhnlich so blind in den Tag hinein, als

ob es sich von selbst verstünde, daß man lebt. Man könnte aber auch das

Leben einmal unter der Perspektive seiner Wertlosigkeit betrachten -- und

in dem Augenblick, als man erkannt hat, daß es nichts wert ist, ein Ende

machen, aus freiem Entschluß, mit unbewegter Seele, göttlich überlegen über

Tod und Leben ...«

Oft seither, wenn ich ihn stumm und finster vor sich hinbrüten sah,

dachte ich mit einem Schauer, daß er vielleicht jetzt über Leben und Tod

entscheide. Mit einem Schauer fragte ich mich oft, ob wohl der Termin,

den er sich gesetzt hat, abgelaufen sei. Und Elmenreich schien mir aus der

Reihe der gewöhnlichen Sterblichen herausgetreten, dem gemeinen Erleben

entrückt. Etwas wie eine höhere Mission schien einen Nimbus um ihn zu

verbreiten. Er war ein Richter zwischen Sein und Nichtsein. Deshalb löst er

alles Geschehen in Reflexionen auf und verwandelt seine Umgebung in bloße

Zuhörer. Er sucht keine Antworten, keine Zustimmung, keine Meinung eines

anderen. Ein Argument, das er nicht selbst findet, ist etwas Fremdes und

Unbrauchbares für ihn. Und er muß immer allein mit sich bleiben und kann

niemals von einem anderen etwas empfangen.

Ueber die grauen Wogen des Nebels kam ein Anhauch von Röte heraufgeflogen.

Er setzte die Gegend in ein wundersam verheißungsvolles Zwielicht. Morgen,

wenn die Sonne heraufsteigt, werden diese Schleier fallen. Dann stehen alle

Gipfel in wolkenloser Klarheit am Himmel und erfüllen die Thäler mit dem

Glanz ihres Anblicks -- die Thäler, für die ihre grauenvollen Schluchten

nur sanfte blaue Schatten, ihre tötlichen Einöden nur leuchtende

Sonnenflecke sind.

Das Orgelspiel erhob sich zu einer triumphierenden Schlußkadenz. Die Töne

rauschten noch einmal laut auf, schwollen in breiten Fluten herein, den

Friedhof mit festlichem Brausen umbrandend.

Dann plötzlich tiefe Stille. Entzaubert, ernüchtert lag die Welt in der

grauen Dämmerung. Von der Straße leuchteten die ersten Laternen herüber. Es

wurde empfindlich kalt; wie Reif senkte sich die Feuchtigkeit als blasser

Schimmer auf die Wiesen.

Elmenreich schüttelte sich wie ein Erwachender. Er wendete sich an mich und

begann zu reden.

Aber was er sagte, war nicht das, was ich erwartete. Es war bloß der

Kommentar zu seinem gestrigen Gespräch mit Pipin. Ich hatte seine

schweigende Versunkenheit ganz falsch interpretiert. Und wie ungerecht es

auch sein mochte -- ich war verdrießlich darüber und nicht geneigt, auf

sein Gespräch einzugehen.

»Ist man nicht ein Narr, wenn man sich vor dem Unglück fürchtet? Was könnte

mir schließlich dabei geschehen? Unglücklich werden? Als ob ich jetzt

glücklich wäre! Was hat man denn davon, daß man im Leben immer mit heiler

Haut davongekommen ist, dank seiner Besonnenheit, dank seiner »höheren

Einsicht« --? Man leidet zuletzt an seiner heilen Haut eben so sehr als

an allen Wunden der Enttäuschung und Verbitterung. Giebt es etwas

Lächerlicheres als die Borniertheit der Erkenntnismenschen, die beständig

den Ast absägen, auf dem sie sitzen? ... Eine Illusion, ein Königreich

für eine Illusion! In diesem einen Fall einmal nichts durchschauen, nichts

besser wissen, in diesem einen Fall glauben und vertrauen, blind sein, aber

glücklich, glücklich! Ganz hinschmelzen in der süßen Wärme, die von

der Illusion ausströmt! Und warum nicht? Es könnte ja etwas Echtes

im Hintergrund sein! Möglicherweise ist doch nicht alles Berechnung,

Anempfindung, Komödie! Ich könnte mich doch auch einmal täuschen. Dieses

Mißtrauen ist vielleicht nur eine andere Art Verblendung. Man müßte sich

eben Beweise schaffen, untrügliche Beweise. Hja! untrügliche Beweise für

die Menschen des Mißtrauens! Ohne Beweise zu glauben, da liegt's! Das ist

die ganze Kunst, zu lieben. -- Aber nur vor allem nicht merken, wer da so

geschäftig am Werke ist! Wer da so wütend an der Kette reißt! Wer da die

Oberseele verleumdet, um die Geschäfte der Unterseele zu besorgen. Eine

angenehme Stellung für das Ich, so als beteiligter Zuschauer dabei zu sein,

wie sich die Interessen der Gattung und die Interessen der Persönlichkeit

in den Haaren liegen! Diesen Krieg zweier entgegengesetzter Instinktsphären

in der eigenen Brust mitzumachen! Und etwas schreit nach Glück, nach Glück,

nach Frieden, nach Ruhe -- nach allem, was einfach ist und widerspruchslos.

Zum Teufel mit der Persönlichkeit, wenn sie Händel anzettelt, wenn sie sich

auflehnt, wo sie zu gehorchen hätte! Zum Teufel mit der Einsicht, wenn sie

das Leben schwer und kompliziert macht, statt es zu erleichtern! ...«

Unversehens fixiert er mich mit einem prüfenden Blick.

»Nun, und Sie sagen gar nichts?« fragt er beinahe vorwurfsvoll. »Sie

müssen doch auch einen Eindruck haben, eine Meinung! Man geht doch an einer

solchen Erscheinung auch als Frau nicht gleichgiltig vorüber?«

»Aber Elmenreich! Glauben Sie denn im Ernst, daß meine Meinung den

Eindruck, den Sie selber haben, im Geringsten beeinflussen könnte?

Meine Meinung würde Sie nur zum Widerspruch reizen -- nicht weil Sie sie

geringschätzen, sondern eben, weil Sie sich nicht beeinflussen lassen

wollen --«

Da lacht er mit seinem kurzen, scharfen Lachen. »Ja, das ist wahr! Ich bin

dazu verurteilt, mit mir allein zu bleiben in alle Ewigkeit ...«

[Illustration]

=II.= Teil.

Der Auserwählte.

[Illustration]

Hier entstand eine Lücke in diesen Aufzeichnungen. Mein Mann holte mich zu

einer kleinen Reise ab, und ich war ungefähr eine Woche abwesend.

Als ich zurückkam, fiel es mir auf, daß eine Art Entfremdung zwischen Pipin

und Elmenreich eingetreten war. Nicht als ob Pipin weniger ehrfurchtsvoll

jeden Wink Elmenreichs beobachtet hätte. Aber es war nicht mehr Elmenreich,

dem er sich anschloß, wenn mittags die Tafel aufgehoben wurde, es war

der Graf. Die herablassenden Blicke, mit denen Graf Hermosa sonst Pipins

Annäherungen duldete, hatten sich in vertrauliche verwandelt; er ergriff

beim Fortgehen Pipins Arm, und man konnte unschwer merken, daß er wichtige

Angelegenheiten mit ihm verhandelte.

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 18 / 50 题