Pipin bemerkt nicht, daß Elmenreich ausweichen will. Er fährt tapfer fort:
»Ei freilich! Er behauptet näm -- pardon, er behauptet, daß Sie vor einigen
Jahren der beste Freund des Grafen waren, -- wie er sich ausdrückt: =frère
et cochon= mit ihm. Ist das wahr?«
»Und wenn es wahr wäre?«
»Dann verstehe ich nicht -- Sie haben mir ja erlaubt, offen zu sprechen,
Herr Doktor -- ich verstehe nicht, wie Sie jetzt so böse auf ihn sein
können. Wenn man einmal eines Menschen Freund ist, muß man es doch
bleiben!«
Elmenreich macht eine Bewegung ärgerlicher Ungeduld. Pipin aber läßt sich
nicht einschüchtern.
»Ich bitte Sie, Herr Doktor, sagen Sie mir die Wahrheit! Die Sache
beunruhigt mich auf das Tiefste. Sie sind doch beide so großartige,
bedeutende Menschen! Wie herrlich müßte es sein, wenn Sie beide wieder
vereinigt wären! Gäbe es denn kein Mittel?«
»Lassen Sie das, Pipin!«
»Ist es wirklich unmöglich? Können Sie mir nicht wenigstens den Grund
sagen? Den Anlaß Ihres Zerwürfnisses? Vielleicht ist es ein bloßes
Mißverständnis gewesen, das nur aufgeklärt zu werden braucht? Vielleicht,
wenn Sie sich dazu bewegen ließen, mit mir darüber zu sprechen, könnte ich
dem Grafen -- glauben Sie mir, Herr Doktor, ich würde nichts unversucht
lassen! Ich würde alles -- sagen Sie doch ein Wort!«
Elmenreich schien durch Pipins Eifer gerührt. »Pipin, das verstehen Sie
nicht« -- sagte er, aber in einem väterlichen Ton.
»Vielleicht doch! Versuchen Sie es wenigstens! Gott, wenn es mir gelänge,
wenn -- wenn ich das bewirken könnte, ich wäre närrisch vor Freude!«
»Also da Sie es durchaus wissen wollen: es ist gar kein besonderer Anlaß
gewesen, gar kein Zerwürfnis. Wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«
»Auseinanderge -- was?« fragte Pipin.
»Auseinandergewandelt!« wiederholte Elmenreich mit Betonung. »Nun werden
Sie wohl begreifen, daß da nichts zu machen ist.«
Pipin sah nicht sehr überzeugt aus. Er seufzte, wagte aber keine Frage
mehr.
Abends nahm er Dr. Kranich beiseite. »Ich möchte Sie etwas fragen«, sagte
er mit wichtiger Miene. Als ich mich entfernen wollte, hielt er mich
zurück. »Oh, es ist kein Geheimnis, gnädige Frau; vielleicht können Sie
mich aufklären, falls Doktor Kranich nicht wollte. Denn Doktor Kranich
ist leider nicht geneigt, sein Wissen und Können in den Dienst anderer
zu stellen. Denken Sie sich, neulich hat er gesagt, daß das »Humane«
ein überwundener Standpunkt ist, von dem nur mehr Provinzschullehrer und
gebildete Damen das Heil erwarten --«
»Ei Pipin, Sie fangen an, mich bei den gebildeten Damen zu denunzieren?
Wollen Sie etwa mit der gnädigen Frau einen Wohlthätigkeitsverein für Arme
im Geiste gründen?«
Ungehaltener, als ich ihn jemals gesehen, versetzte Pipin: »Ach bitte,
lassen Sie doch die gnädige Frau aus dem Spiel! Ich wollte Sie ja nur
fragen, weil Sie sich in allen modernen Fragen so gut auskennen, was denn
das heißt: »sich einfach auseinander wandeln --?«
»Wo haben Sie denn das aufgeschnappt?«
»Ist das nicht alles eins?«
»Ich frage, wo Sie das aufgeschnappt haben?«
»Wenn ich es sagen muß: Doktor Elmenreich behauptete es von sich und dem
Grafen. Er sagte wörtlich: »wir haben uns einfach auseinandergewandelt.«
Dr. Kranich lachte laut auf. »Na, dann zerbrechen Sie sich Ihr Köpfchen
nicht darüber, Pipin. Das ist nur für die =upper ten thousand= des Geistes
und nicht für Sie.«
* * *
(Aus einem Briefe.)