... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich
gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr
ganz wie früher -- was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort
dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer
derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der
unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und
die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden
und verehrungswürdigen Erscheinung gemacht hat. Nur scheint mir -- ganz im
allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich,
in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist
eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von
jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben
bleiben möchte ...
Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und
Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges,
Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes
dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.
Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar
nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer
Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer
deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren
kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von
heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am
allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es
könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn
einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeit
ist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine
hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er
doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und
es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so
ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine
Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben -- --
Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz
zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch
eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter
anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst
über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht,
was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die
merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als
was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz
betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung;
aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im
Entferntesten auf mich gemünzt waren.
Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir
nicht, daß es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet,
die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...
* * *
Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen,
Naturmenschen und Maniermenschen.
Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium,
nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf
Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den
Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn
vollkommen als seinesgleichen.
Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf
Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.
»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen
Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin
möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem
Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er
ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu
haben?«
Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er
musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.
Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die
sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen,
abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche
Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es
kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er
sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.
Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen,
die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen
ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine
Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der
höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in
der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der
Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den
Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn
mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn
nur ein Weg in jenes Reich, das unsichtbar ist den gemeinen Augen, aber
ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von der =turris eburnea= der
Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch
Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre
Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was
nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet?
Alles -- wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht
sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden -- und es wird für
ihn nur eine Stufe sein --?«
Seine tiefen, brennenden Augen, unter denen violette Schatten liegen,
hefteten sich auf Elmenreich. Es war eine flehentliche Frage in seinem
Blick; und mit der südlichen Lebhaftigkeit seiner Geberden unterstrich er
die eindringliche, verhaltene Leidenschaft dieser Frage. Er erhob seine
beiden Hände gegen Elmenreich -- wunderbar gepflegte Hände mit schlankem
weichen Fingern, auf denen in zahlreichen Ringen herrliche Juwelen funkeln.
Elmenreich stand mit der gleichgültigen und gelangweilten Miene eines
Menschen da, der Gemeinplätze oder Phrasen anhören muß; der Brunnhofer
Seppl hatte in seinem gebräunten Gesicht einen Ausdruck so
düsteren Ernstes, daß man wohl vermuten konnte, er habe irgend
eine Geistesmenschenthat auf dem Gewissen, über die er bisweilen
maniermenschliche Regungen unangenehmer Art empfinde; Pipin aber starrte
mit hochhinaufgezogenen Augenbrauen den Grafen an, sein Gesicht war ganz
rot und ein banges Erstaunen malte sich in seinen Mienen. Der Atem schien
ihm zu versagen; in der Stille, die entstanden war, schnappte er hörbar
nach Luft.
Da wandte sich Elmenreich gegen den Grafen.
»Halten Sie ein, Graf«, sagte er spöttisch, »Sie stürzen diesen armen
Neophyten zu früh in die Schrecknisse der letzten Grade.«
Der Graf warf den Kopf zurück und streifte Pipin mit einem ungnädigen
Blick.
Und in einem Ton, der keine Widerrede gestattete, fügte Elmenreich hinzu:
»Pipin, kommen Sie jetzt mit uns. Wenn Sie etwas nicht verstehen, können
Sie ja mich fragen; ich werde Ihnen schon Auskunft geben.« Damit kehrte er
dem Grafen den Rücken und setzte seinen Weg fort.
Pipin schloß sich ihm gehorsam an; aber er blieb in sich gekehrt und
schweigsam.
Heute sagte er zu Elmenreich sehr vergnügt: »Ich glaube, ich weiß jetzt
unter welche Gattung Menschen ich gehöre -- denn zu den Geistesmenschen
darf ich mich nicht rechnen, und zu den Maniermenschen, offen gestanden,
möcht' ich doch nicht gezählt werden --«
»Seien Sie nicht so albern, Pipin«, versetzte Elmenreich grob. »Sie werden
doch diese Klassifikation nicht ernst nehmen?«
»Warum denn nicht?« antwortete Pipin unschuldig. »Ich finde sie großartig,
das muß ich sagen. Und Sie, gnädige Frau?«
Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.
»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in
den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem
Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als
Geistesmensch zu legitimieren --«
»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die
Geistesmenschen gezählt zu werden --«
»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl,
der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle
willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind?
Nichts als ein =jeu d' esprit= für solche Narren wie der Graf einer ist,
und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind --?«
Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anschein gehabt hatte, als wolle der
Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.
»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir
verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht -- vielleicht glaubt er,
daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich
gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:
»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber
gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen
kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als
innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren
Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur
des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen
ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten
der menschlichen Natur aufzutischen! Diese =commis voyageurs= in geistigen
Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit
ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von
Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem
Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine
Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon, was Neronisches
zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte
niedergehender Kulturen lustwandeln --«
Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:
»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«
»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und
das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie
können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt,
Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln
überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden.
Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und
glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen
damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen
und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen --«
Da leuchtete mir ein, daß hier nicht eine Beobachtung, sondern eine
Leidenschaft Ausdruck suchte. Ich erinnerte mich an das, was Dr. Kranich
neulich über Elmenreichs Verbitterung gesagt hat:
»Er bekommt seine ersten grauen Haare; bekanntlich aber hassen die Menschen
von Vierzig nichts auf der Welt so sehr als die Menschen von Zwanzig.« Und
mit einem Lächeln, unter dem seine blendenden Zähne so lieblich glänzten,
als könnten nur gütige und milde Worte zwischen ihnen durchgleiten, hatte
er geschlossen:
»Ueberdies posiert der gute Elmenreich mit seiner Galle. Galle ist ein
wohlfeiles Surrogat für Tiefe. Und was gäbe er nicht darum, wenn er selber
ein »tiefer« Mensch wäre!«
* * *
Ein Meteor ist aufgestiegen, das alle anwesenden höheren Menschen zu
verdunkeln drohte. Zum Glück verschwand es alsbald wieder und ließ nur eine
vorübergehende Sensation wie einen flüchtigen Feuerschweif hinter sich.
Beim Mittagstisch in der großen Veranda.
Dr. Kranich weiht eben Pipin in einige Geheimnisse der amerikanischen Küche
ein, während der Graf am anderen Ende des Tisches mit würdevoller Ergebung
in das Unvermeidliche an einem sehr zähen Kalbsbraten kaut, und Elmenreich
dem Kellner zum hundertsten Mal erklärt, daß er unbedingt entschlossen
sei, diesen »Schlangenfraß« nicht länger zu sich zu nehmen. Da ließ sich
an einem leerstehenden runden Tisch in der Mitte ein junger Mann nieder.
Er trug einen Folianten unter dem Arm, den er sogleich vor sich aufschlug.
Seine langen, schwarzen Haare fielen ihm in fettigen Strähnen über die
Backen und verdeckten sein Gesicht, als er sich so über das Buch beugte.
Man sah nur eine große Nase mit einem großen goldenen Zwicker herausragen.
Ein weiter Kameelhaarmantel umgab in reichlichen Falten seine Gestalt bis
zu den Füßen, die nach Art der römischen Hirten mit Bundschuhen versehen
waren.
Als der Kellner ihm die Speisenkarte überreichte, blickte er mit
weltverlorener Miene auf und fragte mit sanfter Höflichkeit:
»Was wünschen Sie, lieber Freund?«
Und auf die Frage, ob er nicht zu Mittag speisen wolle, versetzte er wie
aus einem Traum erwachend:
»Ach so! Nun ja; bringen Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte!«
Dann öffnete er seinen Mantel über der Brust. Ein gelbliches Baumwolltuch,
das ein herausfordernd ungewaschenes Aussehen hatte, erschien an der
Stelle, die bei anderen Europäern durch eine Kravatte eingenommen wird. Es
war kreuzweise übereinandergelegt und durch eine umfangreiche Agraffe von
rätselhaften Umrissen zusammengehalten.
Er langte in die linke Brusttasche und zog ein flaches Glasfläschchen mit
einer hellgelben Flüssigkeit heraus, das er vor sich auf den Tisch stellte.
Dann langte er in die rechte Brusttasche und zog ein Pergamentsäckchen
heraus, das er gleichfalls vor sich hinstellte.
Sämtliche Anwesende verfolgen mit gespanntem Interesse jede seiner
Bewegungen. Selbst der Graf unterbricht sein ergebungsvolles Kauen, winkt
den Kellner zu sich und fragt:
»Wer ist dieser Fremdling?«
Die Nachricht, daß derselbe nur ein unbekannter Passant sei, vermindert das
Interesse keineswegs. Niemand ißt mehr; alle Gespräche sind verstummt; die
Kellner stehen herum und glotzen ihn an.
Und in diesem feierlichen Schweigen entkorkte der Fremdling gelassen, als
wäre er allein auf der Welt, sein Fläschchen, goß einige Tropfen Oel in
seine hohle Hand, schüttete aus dem Pergamentsäckchen einige Erbsen
dazu, und ließ sie, indem er sich weit zurückbeugte, in seine Mundhöhle
verschwinden. Das wiederholte er, bis das Pergamentsäckchen leer war.
Dann reinigte er seine Hände, indem er sie gegeneinander rieb und sich ein
paarmal über die Haare fuhr. Zuletzt trank er das Glas Wasser aus und rief:
»Kellner, zahlen!«
Der Kellner bemerkte spöttisch, daß das Wasser vorläufig noch umsonst zu
haben sei.
Aber mit unstörbarer Freundlichkeit griff der Fremdling abermals in
die Falten seines Prophetenmantels, zog einen Silbergulden heraus und
überreichte ihn dem Kellner.
»Für Ihre Mühe, lieber Freund«, sagte er wie oben.
*
»Pipin, gaffen Sie diesen verehrungswürdigen Mann nicht so unverschämt an«,
ermahnte Dr. Kranich ernst.
»Was? Verehrungswürdig?« versetzte Pipin, der sich vor Lachen nicht mehr
halten konnte. »Das ist doch ein Narr, oder ein Geck! Warum würde er sonst
seine Mahlzeit hier, statt an dem nächstbesten Brunnen, einnehmen? Hab ich
nicht recht, Dr. Elmenreich?«
Elmenreich stieß nur einen Laut unaussprechlicher Verachtung aus.
Dr. Kranich jedoch erklärte mit erhöhtem Gewicht, ein Mensch, der
es verstehe, sich mit so unbeweglicher Seelenruhe zum Gegenstand des
allgemeinen Gelächters zu machen, sei ein wahrhaft überlegener Mensch.
»Sie, lieber Pipin, halten es vielleicht für ein Zeichen von Mut und
Ueberlegenheit, wenn ein Mensch sich duelliert, wozu jeder beliebige
Leutnant die Seelenstärke aufbringt. Aber sich dem öffentlichen Spott
aussetzen und nicht mit einer Wimper zu zucken, hundert Augen mit
Geringschätzung auf sich gerichtet sehen und nicht einen Moment die Fassung
zu verlieren, sich lächerlich machen mit vollem Bewußtsein, das können
nur die ganz seltenen Menschen. Ich werde mich ihm zum Zeichen meiner
Hochachtung vorstellen.«
Gerade als Dr. Kranich sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, stand
der Fremdling auf und entfernte sich. Vorher hatte er seine Busennadel aus
dem Baumwolltuch gezogen und sie als Lesezeichen in das Buch gesteckt, das
er auf dem Tische liegen ließ.
»Nun, Doktor Kranich«, sagte Elmenreich, »da Sie soviel Courage haben,
gehen Sie doch einmal nachsehen, was für ein Buch das ist, in dem Ihr Held
so dringend zu lesen hat.«
»Fürchten Sie sich nicht, Elmenreich, Ihre Neugier soll befriedigt werden
auch ohne mich. Pipin, das ist eine Aufgabe für Sie. Stehen Sie unauffällig
auf, gehen Sie unauffällig an dem Tisch vorbei und lesen Sie unauffällig
den Titel des Buches.«
Pipin traf vor dem Tische mit einem Dutzend anderer Abgesandter zusammen.
Er kehrte sehr nachdenklich zurück.
»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf steht =Arcana coelestia=; alles
Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist
die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht
aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange
schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein
Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas
zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser
geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch,
gnädige Frau?«
Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten
Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder
an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten,
malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.
Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen
durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten
Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu
äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:
»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen, Elmenreich. Wollen Sie nicht
hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«
Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte.
Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.
Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.
[Illustration]
Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen,
die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in
der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung
hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur
Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in
einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein -- sagen Sie,
Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«
Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in
Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur
möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen
Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich
beständig wandelt. Und dann -- giebt es etwas Langweiligeres als
lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich
nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine
Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund
in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man
sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese
paar Gedanken reisen?«
Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem
Gegenstande sind, Herr Doktor -- darf ich offen sprechen?«
Elmenreich unwirsch: »In Gottes Namen, wenn Sie wieder einmal etwas nicht
bei sich behalten können.«
Pipin: »Ich verstehe nämlich nicht -- Sie werden freilich sagen, daß ich
nicht alles zu verstehen brauche. Aber vielleicht ist Doktor Kranich falsch
unterrichtet. Er behauptet nämlich --«
Elmenreich: »Gewöhnen Sie sich doch dieses schreckliche Nämlich ab, Pipin.
Nämlich ist ein geradezu schwachsinniges Wort.«
Pipin errötet, faßt sich aber gleich wieder: »Danke; ich werde es mir
abgewöhnen. Doktor Kranich also behauptet --«