20. Juli 1893.

... Du hast wohl richtig geraten. Ich fühle selbst, daß ich mich Elmenreich

gegenüber verändere. Dir kann ich es ja gestehen: ich fange an, nicht mehr

ganz wie früher -- was nur? Während ich es nennen will, fehlt mir das Wort

dafür. Nicht mehr ganz wie früher an ihn zu glauben? Aber er ist noch immer

derselbe rechtschaffene Mensch, der Mensch des überlegenen Urteils, der

unbestechlichen Selbsterkenntnis, der Mensch ohne Täuschung über sich und

die anderen: kurz, noch immer alles, was ihn mir zu einer imponierenden

und verehrungswürdigen Erscheinung gemacht hat. Nur scheint mir -- ganz im

allgemeinen scheint mir in jeder Freundschaft der Augenblick bedenklich,

in dem man die erste Schwäche entdeckt, die erste Unzulänglichkeit. Es ist

eine entscheidende Wendung, wie die Wasserscheide auf einer Straße: von

jetzt an geht es bergab. Unaufhaltsam! Unaufhaltsam, so gerne man oben

bleiben möchte ...

Wie schwer ist es, einen Menschen in seiner Bedingtheit und

Unvollkommenheit zu begreifen! Wir wollen immer etwas Ganzes und Fertiges,

Helden oder Schurken, Engel oder Teufel. Daß der Mensch als etwas Halbes

dazwischen steht, macht ihn unverständlich und ungenießbar.

Aber im besonderen brauchte das nicht zuzutreffen. Es ist doch gar

nichts vorgefallen, gar kein greifbarer Anlaß eines Zerwürfnisses, einer

Verstimmung. Nein, wirklich nicht das Geringste! Bloß, daß ich immer

deutlicher die Empfindung habe, der Elmenreich, den wir vor drei Jahren

kennen lernten, sei ein anderer Mensch gewesen als der Elmenreich von

heute. Du wirst einwenden, daß sich ein Mensch nicht so rasch verändert, am

allerwenigsten in Elmenreichs Alter. Immerhin gäbe es Erklärungsgründe. Es

könnte ja der Einfluß des Grafen gewesen sein, der damals günstig auf ihn

einwirkte. Nicht etwa, weil der Graf eine so ausgezeichnete Persönlichkeit

ist, sondern weil Elmenreich ihn liebte, weil er ihn für eine

hoffnungsvolle und vielversprechende Erscheinung hielt. Damals erwartete er

doch große Dinge von ihm, wenn er das auch heute nicht mehr zugiebt. Und

es muß zu seiner Verbitterung nicht wenig beitragen, daß der Graf einen so

ganz anderen Weg eingeschlagen hat. Wie es auch sei: man reißt nicht eine

Seele aus seinem Herzen, ohne daß tiefe Narben davon zurückbleiben -- --

Oder hätte nur ich mir ein Bild von Elmenreich gemacht, das nicht ganz

zutrifft? Und ich wäre einfach im Begriff, die Fehler meines Bildes durch

eine genauere Kenntnis zu korrigieren? Unlängst sagte er zu mir unter

anderem: »Die Menschen glauben gewöhnlich das von einem, was man selbst

über sich aussagt. Sie merken nie, was hinter diesen Aussagen steht,

was man mit oder ohne Absicht verschweigt. Und dann erlebt man die

merkwürdigsten Ueberraschungen, wenn man zufällig einmal erfährt, als

was man in der Vorstellung seiner Nebenmenschen existiert.« Ich war ganz

betroffen über diese Worte, denn ich hielt sie für eine Anspielung;

aber als ich darauf eingehen wollte, sah ich sofort, daß sie nicht im

Entferntesten auf mich gemünzt waren.

Ich habe angefangen, seine Gespräche aufzuschreiben. Dabei verhehle ich mir

nicht, daß es ein schlechtes Zeichen ist, wenn man das Bedürfnis empfindet,

die Aussprüche eines Freundes schwarz auf weiß zu besitzen ...

* * *

Graf Hermosa teilt die Menschen in drei Klassen: in Geistesmenschen,

Naturmenschen und Maniermenschen.

Gestern erläuterte er dieses System vor einem gemischten Auditorium,

nämlich vor Elmenreich, Pipin, dem Brunnhofer-Seppl und mir. Auf

Grund vertrauter Mitteilungen, die nicht bekannt sind, scheint er den

Brunnhofer-Seppl unter die Geistesmenschen zu rechnen, und behandelt ihn

vollkommen als seinesgleichen.

Elmenreich und ich waren zufällig vorübergekommen. Kaum erblickte der Graf

Elmenreich, als er seine Rede unterbrach und sich ihm in den Weg stellte.

»Ich erkläre; Pipin hat mich darum gebeten«, sagte er in einem demütigen

Ton, als müßte er sich entschuldigen. »Pipin hat nicht verstanden; Pipin

möchte wissen, wer hinter den verschlossenen Thüren sitzt, und wer aus dem

Sumpfe schreit: Pipin hört zu und denkt nach, aber er versteht nicht, er

ist noch ein Neophyt. Darf ich um die Ehre bitten, zwei Zuhörer mehr zu

haben?«

Elmenreich verbeugte sich formell und blieb einen Augenblick stehen. Er

musterte Pipin mit einem mißbilligenden Blick.

Der Graf fuhr in seinem Vortrag fort, mit seiner erloschenen Stimme, die

sich kaum jemals über ein Flüstern erhebt in seiner andeutungsvollen,

abgebrochenen Weise, die den Eindruck macht, daß er unaussprechliche

Geheimnisse, etwas ganz Wunderbares und Unmitteilbares bei sich behält. Es

kam mir vor, als rede er ausdrücklich für Elmenreich, als sei alles, was er

sagte, an diesen gerichtet, obwohl er sich scheinbar nur an Pipin hielt.

Unter Maniermenschen verstand er die Philister, die Satten und Zufriedenen,

die innerlich leer sind und sich deshalb mit konventionellen Begriffen

ausfüllen, mit der Ehre, mit der Pflicht, mit der Moral. »Sie sind keine

Menschen der inneren Wahrheit, sie sind Menschen der äußeren Manier. Der

höhere Typus des Menschen lebt in einem anderen Elemente; er lebt nicht in

der Zufriedenheit, sondern in der Sehnsucht. Die Sehnsucht ist der Weg der

Erlösung. Der Einfältige, der arm an Geist ist, der Naturmensch, geht den

Weg unwissentlich und blind, der Erleuchtete, der Geistesmensch, geht ihn

mit Wissen und zielbewußt. Und welchen Weg er auch gehe, es ist für ihn

nur ein Weg in jenes Reich, das unsichtbar ist den gemeinen Augen, aber

ahnungsvoll gegenwärtig demjenigen, der von der =turris eburnea= der

Eingeweihten die Welt schaut. Wie könnte es für diesen Schauenden noch

Sünde geben? Welche That könnte er begehen, die nicht aus ihm selbst ihre

Rechtfertigung empfinge? Kann daher der Geistesmensch nicht alles thun, was

nach der Ansicht der Maniermenschen ein unauslöschliches Schandmal bildet?

Alles -- wenn es für seine Seele der Weg der Entfaltung ist? Kann er nicht

sein Ehrenwort brechen, nicht stehlen, rauben, morden -- und es wird für

ihn nur eine Stufe sein --?«

Seine tiefen, brennenden Augen, unter denen violette Schatten liegen,

hefteten sich auf Elmenreich. Es war eine flehentliche Frage in seinem

Blick; und mit der südlichen Lebhaftigkeit seiner Geberden unterstrich er

die eindringliche, verhaltene Leidenschaft dieser Frage. Er erhob seine

beiden Hände gegen Elmenreich -- wunderbar gepflegte Hände mit schlankem

weichen Fingern, auf denen in zahlreichen Ringen herrliche Juwelen funkeln.

Elmenreich stand mit der gleichgültigen und gelangweilten Miene eines

Menschen da, der Gemeinplätze oder Phrasen anhören muß; der Brunnhofer

Seppl hatte in seinem gebräunten Gesicht einen Ausdruck so

düsteren Ernstes, daß man wohl vermuten konnte, er habe irgend

eine Geistesmenschenthat auf dem Gewissen, über die er bisweilen

maniermenschliche Regungen unangenehmer Art empfinde; Pipin aber starrte

mit hochhinaufgezogenen Augenbrauen den Grafen an, sein Gesicht war ganz

rot und ein banges Erstaunen malte sich in seinen Mienen. Der Atem schien

ihm zu versagen; in der Stille, die entstanden war, schnappte er hörbar

nach Luft.

Da wandte sich Elmenreich gegen den Grafen.

»Halten Sie ein, Graf«, sagte er spöttisch, »Sie stürzen diesen armen

Neophyten zu früh in die Schrecknisse der letzten Grade.«

Der Graf warf den Kopf zurück und streifte Pipin mit einem ungnädigen

Blick.

Und in einem Ton, der keine Widerrede gestattete, fügte Elmenreich hinzu:

»Pipin, kommen Sie jetzt mit uns. Wenn Sie etwas nicht verstehen, können

Sie ja mich fragen; ich werde Ihnen schon Auskunft geben.« Damit kehrte er

dem Grafen den Rücken und setzte seinen Weg fort.

Pipin schloß sich ihm gehorsam an; aber er blieb in sich gekehrt und

schweigsam.

Heute sagte er zu Elmenreich sehr vergnügt: »Ich glaube, ich weiß jetzt

unter welche Gattung Menschen ich gehöre -- denn zu den Geistesmenschen

darf ich mich nicht rechnen, und zu den Maniermenschen, offen gestanden,

möcht' ich doch nicht gezählt werden --«

»Seien Sie nicht so albern, Pipin«, versetzte Elmenreich grob. »Sie werden

doch diese Klassifikation nicht ernst nehmen?«

»Warum denn nicht?« antwortete Pipin unschuldig. »Ich finde sie großartig,

das muß ich sagen. Und Sie, gnädige Frau?«

Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.

»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in

den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem

Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als

Geistesmensch zu legitimieren --«

»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die

Geistesmenschen gezählt zu werden --«

»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl,

der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle

willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind?

Nichts als ein =jeu d' esprit= für solche Narren wie der Graf einer ist,

und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind --?«

Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anschein gehabt hatte, als wolle der

Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.

»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir

verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht -- vielleicht glaubt er,

daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich

gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:

»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber

gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen

kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als

innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren

Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur

des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen

ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten

der menschlichen Natur aufzutischen! Diese =commis voyageurs= in geistigen

Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit

ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von

Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem

Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine

Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon, was Neronisches

zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte

niedergehender Kulturen lustwandeln --«

Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:

»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«

»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und

das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie

können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt,

Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln

überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden.

Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und

glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen

damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen

und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen --«

Da leuchtete mir ein, daß hier nicht eine Beobachtung, sondern eine

Leidenschaft Ausdruck suchte. Ich erinnerte mich an das, was Dr. Kranich

neulich über Elmenreichs Verbitterung gesagt hat:

»Er bekommt seine ersten grauen Haare; bekanntlich aber hassen die Menschen

von Vierzig nichts auf der Welt so sehr als die Menschen von Zwanzig.« Und

mit einem Lächeln, unter dem seine blendenden Zähne so lieblich glänzten,

als könnten nur gütige und milde Worte zwischen ihnen durchgleiten, hatte

er geschlossen:

»Ueberdies posiert der gute Elmenreich mit seiner Galle. Galle ist ein

wohlfeiles Surrogat für Tiefe. Und was gäbe er nicht darum, wenn er selber

ein »tiefer« Mensch wäre!«

* * *

Ein Meteor ist aufgestiegen, das alle anwesenden höheren Menschen zu

verdunkeln drohte. Zum Glück verschwand es alsbald wieder und ließ nur eine

vorübergehende Sensation wie einen flüchtigen Feuerschweif hinter sich.

Beim Mittagstisch in der großen Veranda.

Dr. Kranich weiht eben Pipin in einige Geheimnisse der amerikanischen Küche

ein, während der Graf am anderen Ende des Tisches mit würdevoller Ergebung

in das Unvermeidliche an einem sehr zähen Kalbsbraten kaut, und Elmenreich

dem Kellner zum hundertsten Mal erklärt, daß er unbedingt entschlossen

sei, diesen »Schlangenfraß« nicht länger zu sich zu nehmen. Da ließ sich

an einem leerstehenden runden Tisch in der Mitte ein junger Mann nieder.

Er trug einen Folianten unter dem Arm, den er sogleich vor sich aufschlug.

Seine langen, schwarzen Haare fielen ihm in fettigen Strähnen über die

Backen und verdeckten sein Gesicht, als er sich so über das Buch beugte.

Man sah nur eine große Nase mit einem großen goldenen Zwicker herausragen.

Ein weiter Kameelhaarmantel umgab in reichlichen Falten seine Gestalt bis

zu den Füßen, die nach Art der römischen Hirten mit Bundschuhen versehen

waren.

Als der Kellner ihm die Speisenkarte überreichte, blickte er mit

weltverlorener Miene auf und fragte mit sanfter Höflichkeit:

»Was wünschen Sie, lieber Freund?«

Und auf die Frage, ob er nicht zu Mittag speisen wolle, versetzte er wie

aus einem Traum erwachend:

»Ach so! Nun ja; bringen Sie mir ein Glas Wasser, ich bitte!«

Dann öffnete er seinen Mantel über der Brust. Ein gelbliches Baumwolltuch,

das ein herausfordernd ungewaschenes Aussehen hatte, erschien an der

Stelle, die bei anderen Europäern durch eine Kravatte eingenommen wird. Es

war kreuzweise übereinandergelegt und durch eine umfangreiche Agraffe von

rätselhaften Umrissen zusammengehalten.

Er langte in die linke Brusttasche und zog ein flaches Glasfläschchen mit

einer hellgelben Flüssigkeit heraus, das er vor sich auf den Tisch stellte.

Dann langte er in die rechte Brusttasche und zog ein Pergamentsäckchen

heraus, das er gleichfalls vor sich hinstellte.

Sämtliche Anwesende verfolgen mit gespanntem Interesse jede seiner

Bewegungen. Selbst der Graf unterbricht sein ergebungsvolles Kauen, winkt

den Kellner zu sich und fragt:

»Wer ist dieser Fremdling?«

Die Nachricht, daß derselbe nur ein unbekannter Passant sei, vermindert das

Interesse keineswegs. Niemand ißt mehr; alle Gespräche sind verstummt; die

Kellner stehen herum und glotzen ihn an.

Und in diesem feierlichen Schweigen entkorkte der Fremdling gelassen, als

wäre er allein auf der Welt, sein Fläschchen, goß einige Tropfen Oel in

seine hohle Hand, schüttete aus dem Pergamentsäckchen einige Erbsen

dazu, und ließ sie, indem er sich weit zurückbeugte, in seine Mundhöhle

verschwinden. Das wiederholte er, bis das Pergamentsäckchen leer war.

Dann reinigte er seine Hände, indem er sie gegeneinander rieb und sich ein

paarmal über die Haare fuhr. Zuletzt trank er das Glas Wasser aus und rief:

»Kellner, zahlen!«

Der Kellner bemerkte spöttisch, daß das Wasser vorläufig noch umsonst zu

haben sei.

Aber mit unstörbarer Freundlichkeit griff der Fremdling abermals in

die Falten seines Prophetenmantels, zog einen Silbergulden heraus und

überreichte ihn dem Kellner.

»Für Ihre Mühe, lieber Freund«, sagte er wie oben.

*

»Pipin, gaffen Sie diesen verehrungswürdigen Mann nicht so unverschämt an«,

ermahnte Dr. Kranich ernst.

»Was? Verehrungswürdig?« versetzte Pipin, der sich vor Lachen nicht mehr

halten konnte. »Das ist doch ein Narr, oder ein Geck! Warum würde er sonst

seine Mahlzeit hier, statt an dem nächstbesten Brunnen, einnehmen? Hab ich

nicht recht, Dr. Elmenreich?«

Elmenreich stieß nur einen Laut unaussprechlicher Verachtung aus.

Dr. Kranich jedoch erklärte mit erhöhtem Gewicht, ein Mensch, der

es verstehe, sich mit so unbeweglicher Seelenruhe zum Gegenstand des

allgemeinen Gelächters zu machen, sei ein wahrhaft überlegener Mensch.

»Sie, lieber Pipin, halten es vielleicht für ein Zeichen von Mut und

Ueberlegenheit, wenn ein Mensch sich duelliert, wozu jeder beliebige

Leutnant die Seelenstärke aufbringt. Aber sich dem öffentlichen Spott

aussetzen und nicht mit einer Wimper zu zucken, hundert Augen mit

Geringschätzung auf sich gerichtet sehen und nicht einen Moment die Fassung

zu verlieren, sich lächerlich machen mit vollem Bewußtsein, das können

nur die ganz seltenen Menschen. Ich werde mich ihm zum Zeichen meiner

Hochachtung vorstellen.«

Gerade als Dr. Kranich sich anschickte, seinen Vorsatz auszuführen, stand

der Fremdling auf und entfernte sich. Vorher hatte er seine Busennadel aus

dem Baumwolltuch gezogen und sie als Lesezeichen in das Buch gesteckt, das

er auf dem Tische liegen ließ.

»Nun, Doktor Kranich«, sagte Elmenreich, »da Sie soviel Courage haben,

gehen Sie doch einmal nachsehen, was für ein Buch das ist, in dem Ihr Held

so dringend zu lesen hat.«

»Fürchten Sie sich nicht, Elmenreich, Ihre Neugier soll befriedigt werden

auch ohne mich. Pipin, das ist eine Aufgabe für Sie. Stehen Sie unauffällig

auf, gehen Sie unauffällig an dem Tisch vorbei und lesen Sie unauffällig

den Titel des Buches.«

Pipin traf vor dem Tische mit einem Dutzend anderer Abgesandter zusammen.

Er kehrte sehr nachdenklich zurück.

»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf steht =Arcana coelestia=; alles

Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist

die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht

aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange

schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein

Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas

zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser

geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch,

gnädige Frau?«

Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten

Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder

an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten,

malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.

Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen

durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten

Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu

äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:

»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen, Elmenreich. Wollen Sie nicht

hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«

Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte.

Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.

Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.

[Illustration]

Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen,

die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in

der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung

hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur

Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in

einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein -- sagen Sie,

Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«

Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in

Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur

möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen

Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich

beständig wandelt. Und dann -- giebt es etwas Langweiligeres als

lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich

nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine

Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund

in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man

sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese

paar Gedanken reisen?«

Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem

Gegenstande sind, Herr Doktor -- darf ich offen sprechen?«

Elmenreich unwirsch: »In Gottes Namen, wenn Sie wieder einmal etwas nicht

bei sich behalten können.«

Pipin: »Ich verstehe nämlich nicht -- Sie werden freilich sagen, daß ich

nicht alles zu verstehen brauche. Aber vielleicht ist Doktor Kranich falsch

unterrichtet. Er behauptet nämlich --«

Elmenreich: »Gewöhnen Sie sich doch dieses schreckliche Nämlich ab, Pipin.

Nämlich ist ein geradezu schwachsinniges Wort.«

Pipin errötet, faßt sich aber gleich wieder: »Danke; ich werde es mir

abgewöhnen. Doktor Kranich also behauptet --«

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 12 / 50 题