... Dir mehr über Pipin mitzuteilen? Wer Pipin ist? Aber es fällt doch
niemandem ein, darnach zu fragen. Er ist da, das ist genug. Und namentlich
ist er immer da, wenn etwas von ihm gebraucht wird. Jemand langweilt sich
-- Pipin leiht ihm Bücher; jemand hat keinen Regenschirm -- Pipin bringt
ihm den seinen; jemand macht eine Bergpartie -- Pipin versorgt ihn mit
Bergstock und Landkarte; jemand hat sein Taschentuch vergessen -- Pipin
zieht ein frisches aus der Tasche; jemand fürchtet, sich zu erkälten
-- Pipin wickelt ihn in seinen Plaid; jemand hat sich in den Finger
geschnitten -- Pipin klebt ihm englisches Pflaster auf; jemand fühlt sich
schlecht -- Pipin hält ihm den Kopf. Was immer geschehen mag, Pipin wird
um Hilfe gerufen; was immer fehlen mag, Pipin schafft es herbei. Es ist
mit Sicherheit anzunehmen -- obwohl Pipin darüber die strengste
Verschwiegenheit bewahrt -- daß er auch in hervorragendem Maße angepumpt
wird. Denn Pipin ist eben so reich, als er gefällig ist.
Ein Umstand fällt mir auf, den ich mir nicht ganz erklären kann. Pipin wird
von allen Gruppen dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, von
den freien Geistern und höheren Menschen wie von den Würdenträgern und
Titulaturgrößen bis herab zu jenen untergeordneten Elementen, die nach
keiner Richtung qualifiziert sind -- belächelt. Jedermann nimmt seine
Dienste als etwas Selbstverständliches an, und jedermann macht sich lustig
über ihn, kaum daß er außer Hörweite ist.
Vielleicht liegt die Veranlassung dazu bloß in dem Namen Pipin, den er sich
giebt, obwohl er eigentlich Josef heißt, mit der vorstadtmäßigen Variante
Pepi. Wer die Idee hatte, diesen Pepi in einen Pipin zu verwandeln,
ist nicht bekannt; aber Dr. Kranich war es, der den Namen Pipin mit dem
schmückenden Beiwort »der Dumme« versah. Viele kennen seinen wirklichen
Namen gar nicht; alle Welt nennt ihn einfach Pipin. Und nun heißt es
Pipin hin, Pipin her; und wenn er den Rücken kehrt, verbreitet sich ein
behagliches Schmunzeln, und das Wort »der Dumme« summt wie ein dumpfer
Glockenton von allen den schmunzelnden Lippen.
Warum sollte ein Name nicht genügen, um einen Menschen in den Augen seiner
Mitmenschen lächerlich erscheinen zu lassen? Aber es ist auch möglich, daß
er sich durch etwas in seinem Benehmen lächerlich macht. Er ist immer voll
Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit -- auch jenen gegenüber, die gewohnt
sind, als etwas Nebensächliches und mit Geringschätzung behandelt zu
werden. Nun nehmen sie an, daß Pipin tief unter ihnen stehe -- weshalb wäre
er sonst voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit gegen sie? Und noch eine
Eigenschaft hat Pipin, die geeignet ist, ihn in den Augen der »ernsthaften«
Menschen herabzusetzen. Er bewundert alles. Immer ist er voll Staunen über
irgend etwas. Die Natur, die Welt und die Menschen sind ihm ein Gegenstand
unerschöpflicher Bewunderung. Dadurch erweckt er den Anschein der
Inferiorität; denn die meisten befinden sich doch in einem Zustand
beständigen Mißvergnügens, und es ist ihnen nichts recht zu machen. Sie
sind Kritiker, nicht Bewunderer, und finden darin einen Beweis ihrer
Ueberlegenheit über die Dinge und Menschen ...«
* * *
Mondaufgang am Seeufer. Staffage: Eugenie, Dr. Kranich, Elmenreich, Pipin,
ich.
Dr. Kranich unterhält sich damit, in den öligen Wasserspiegel, dort, wo
der Mond wie ein goldenes Wasserrosenblatt schwimmt, Steine zu werfen.
Dann zerfällt der Mond in glitzernde Trümmer, hüpft unruhig über die
Wellenkreise und sammelt mühsam wieder seine zerrissene Scheibe.
Eugenie steht mit Elmenreich abseits.
»Patsch!« sagt Dr. Kranich und stößt mit dem Fuß einen großen Stein
ins Wasser. »Fräulein Eugenie, ich bemühe mich seit einem Jahrhundert
vergeblich, Ihre gnädige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erbarmt Sie der
arme Mond gar nicht, der da so gern ungestört auf dem Wasser liegen
möchte und sich selber betrachten? Sie wissen doch, im Mond sitzt eine
wunderschöne Fee, die sich wie alle schönen Frauen unersättlich in dem
Spiegel schauen will --«
»Das hab' ich nie gehört«, versetzt Eugenie; »im Mond sollen zwei Liebende
zu sehen sein, die sich küssen --«
»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur,
daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt.
Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht
hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten
von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und
kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere,
die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee
kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht
auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wie Spanferkel vor
Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter
den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken
wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem
blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen
will --«
Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem
Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was
er für ein Gesicht macht.
»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach
seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und
notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in
gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber
schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck --. Denn die schwarzen Schwäne,
Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck,
der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte
nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck kein =épousseur= ist und
bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die
Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt
ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das
meine Sorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere
Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das
Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort
brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein
großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten
schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal
sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«
»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt
ihm die Pointe --«
»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte
nicht mehr vor?«
»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und
unergründlich, wie eine marmorne Sphinx --«
»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«,
begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als
der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie
sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber
doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit
einer dunklen Gestalt am Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und
streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will
dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt
hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.
»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit
ihrer Sirenenstimme.
»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt
der Unbekannte enttäuscht.
Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich
habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich
habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der
Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer,
daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der
Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen;
er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am
Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle
guten Geister loben Gott den Herrn -- wer bist du?« Da bewegt sich das
Phantom -- und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am
Steuer steht, aber in einem phantastischen Kostüme, mit Scharlachmantel und
Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?«
antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich
bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt --« und schwupps!
ist er wieder unerreichbar weit weg.«
Dr. Kranich gähnt. »Das ist nichts für mich, dabei muß man sich etwas
denken«, sagt er zu Eugenie; »dieser lasterhafte Elmenreich will einen
immer zum Nachdenken verleiten --«
»Sind Sie etwa noch niemals mit Ihrem Phantom zusammengestoßen, Arthur? Es
liegt doch etwas Furchtbares, fast Schauerliches in dem Gedanken, daß
wir so wenig wissen, als was wir in dem Gehirn unserer Nebenmenschen
existieren. Heften sich nicht an unsere einfachsten und flüchtigsten Worte
unberechenbare Wirkungen? An Worte, die wir unbedacht hinaussprechen unter
dem Einfluß einer vorübergehenden Stimmung? Und diese Worte werden in
fremden Seelen eine Macht, über die wir selber keine Gewalt haben --«
Pipin, der indessen verschwunden war, kehrte jetzt zurück. Er hatte
Eugeniens Jacke aus der Veranda geholt.
»Ihnen ist kalt, nicht wahr?« sagte er, während er ihr beim Anziehen
behilflich war. »Ich habe gesehen, daß Sie auf einmal so blaß geworden
sind --. Vor lauter Märchenerzählen hätten wir beinahe die arme Mondfee
vergessen --!«
* * *