26. Juli 1893.

... Dir mehr über Pipin mitzuteilen? Wer Pipin ist? Aber es fällt doch

niemandem ein, darnach zu fragen. Er ist da, das ist genug. Und namentlich

ist er immer da, wenn etwas von ihm gebraucht wird. Jemand langweilt sich

-- Pipin leiht ihm Bücher; jemand hat keinen Regenschirm -- Pipin bringt

ihm den seinen; jemand macht eine Bergpartie -- Pipin versorgt ihn mit

Bergstock und Landkarte; jemand hat sein Taschentuch vergessen -- Pipin

zieht ein frisches aus der Tasche; jemand fürchtet, sich zu erkälten

-- Pipin wickelt ihn in seinen Plaid; jemand hat sich in den Finger

geschnitten -- Pipin klebt ihm englisches Pflaster auf; jemand fühlt sich

schlecht -- Pipin hält ihm den Kopf. Was immer geschehen mag, Pipin wird

um Hilfe gerufen; was immer fehlen mag, Pipin schafft es herbei. Es ist

mit Sicherheit anzunehmen -- obwohl Pipin darüber die strengste

Verschwiegenheit bewahrt -- daß er auch in hervorragendem Maße angepumpt

wird. Denn Pipin ist eben so reich, als er gefällig ist.

Ein Umstand fällt mir auf, den ich mir nicht ganz erklären kann. Pipin wird

von allen Gruppen dieser bunt zusammengewürfelten Gesellschaft, von

den freien Geistern und höheren Menschen wie von den Würdenträgern und

Titulaturgrößen bis herab zu jenen untergeordneten Elementen, die nach

keiner Richtung qualifiziert sind -- belächelt. Jedermann nimmt seine

Dienste als etwas Selbstverständliches an, und jedermann macht sich lustig

über ihn, kaum daß er außer Hörweite ist.

Vielleicht liegt die Veranlassung dazu bloß in dem Namen Pipin, den er sich

giebt, obwohl er eigentlich Josef heißt, mit der vorstadtmäßigen Variante

Pepi. Wer die Idee hatte, diesen Pepi in einen Pipin zu verwandeln,

ist nicht bekannt; aber Dr. Kranich war es, der den Namen Pipin mit dem

schmückenden Beiwort »der Dumme« versah. Viele kennen seinen wirklichen

Namen gar nicht; alle Welt nennt ihn einfach Pipin. Und nun heißt es

Pipin hin, Pipin her; und wenn er den Rücken kehrt, verbreitet sich ein

behagliches Schmunzeln, und das Wort »der Dumme« summt wie ein dumpfer

Glockenton von allen den schmunzelnden Lippen.

Warum sollte ein Name nicht genügen, um einen Menschen in den Augen seiner

Mitmenschen lächerlich erscheinen zu lassen? Aber es ist auch möglich, daß

er sich durch etwas in seinem Benehmen lächerlich macht. Er ist immer voll

Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit -- auch jenen gegenüber, die gewohnt

sind, als etwas Nebensächliches und mit Geringschätzung behandelt zu

werden. Nun nehmen sie an, daß Pipin tief unter ihnen stehe -- weshalb wäre

er sonst voll Dienstfertigkeit und Aufmerksamkeit gegen sie? Und noch eine

Eigenschaft hat Pipin, die geeignet ist, ihn in den Augen der »ernsthaften«

Menschen herabzusetzen. Er bewundert alles. Immer ist er voll Staunen über

irgend etwas. Die Natur, die Welt und die Menschen sind ihm ein Gegenstand

unerschöpflicher Bewunderung. Dadurch erweckt er den Anschein der

Inferiorität; denn die meisten befinden sich doch in einem Zustand

beständigen Mißvergnügens, und es ist ihnen nichts recht zu machen. Sie

sind Kritiker, nicht Bewunderer, und finden darin einen Beweis ihrer

Ueberlegenheit über die Dinge und Menschen ...«

* * *

Mondaufgang am Seeufer. Staffage: Eugenie, Dr. Kranich, Elmenreich, Pipin,

ich.

Dr. Kranich unterhält sich damit, in den öligen Wasserspiegel, dort, wo

der Mond wie ein goldenes Wasserrosenblatt schwimmt, Steine zu werfen.

Dann zerfällt der Mond in glitzernde Trümmer, hüpft unruhig über die

Wellenkreise und sammelt mühsam wieder seine zerrissene Scheibe.

Eugenie steht mit Elmenreich abseits.

»Patsch!« sagt Dr. Kranich und stößt mit dem Fuß einen großen Stein

ins Wasser. »Fräulein Eugenie, ich bemühe mich seit einem Jahrhundert

vergeblich, Ihre gnädige Aufmerksamkeit auf mich zu lenken. Erbarmt Sie der

arme Mond gar nicht, der da so gern ungestört auf dem Wasser liegen

möchte und sich selber betrachten? Sie wissen doch, im Mond sitzt eine

wunderschöne Fee, die sich wie alle schönen Frauen unersättlich in dem

Spiegel schauen will --«

»Das hab' ich nie gehört«, versetzt Eugenie; »im Mond sollen zwei Liebende

zu sehen sein, die sich küssen --«

»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur,

daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt.

Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht

hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten

von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und

kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere,

die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee

kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht

auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wie Spanferkel vor

Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter

den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken

wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem

blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen

will --«

Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem

Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was

er für ein Gesicht macht.

»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach

seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und

notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in

gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber

schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck --. Denn die schwarzen Schwäne,

Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck,

der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte

nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck kein =épousseur= ist und

bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die

Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt

ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das

meine Sorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere

Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das

Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort

brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein

großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten

schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal

sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«

»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt

ihm die Pointe --«

»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte

nicht mehr vor?«

»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und

unergründlich, wie eine marmorne Sphinx --«

»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«,

begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als

der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie

sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber

doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit

einer dunklen Gestalt am Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und

streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will

dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt

hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.

»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit

ihrer Sirenenstimme.

»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt

der Unbekannte enttäuscht.

Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich

habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich

habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der

Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer,

daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der

Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen;

er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am

Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle

guten Geister loben Gott den Herrn -- wer bist du?« Da bewegt sich das

Phantom -- und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am

Steuer steht, aber in einem phantastischen Kostüme, mit Scharlachmantel und

Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?«

antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich

bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt --« und schwupps!

ist er wieder unerreichbar weit weg.«

Dr. Kranich gähnt. »Das ist nichts für mich, dabei muß man sich etwas

denken«, sagt er zu Eugenie; »dieser lasterhafte Elmenreich will einen

immer zum Nachdenken verleiten --«

»Sind Sie etwa noch niemals mit Ihrem Phantom zusammengestoßen, Arthur? Es

liegt doch etwas Furchtbares, fast Schauerliches in dem Gedanken, daß

wir so wenig wissen, als was wir in dem Gehirn unserer Nebenmenschen

existieren. Heften sich nicht an unsere einfachsten und flüchtigsten Worte

unberechenbare Wirkungen? An Worte, die wir unbedacht hinaussprechen unter

dem Einfluß einer vorübergehenden Stimmung? Und diese Worte werden in

fremden Seelen eine Macht, über die wir selber keine Gewalt haben --«

Pipin, der indessen verschwunden war, kehrte jetzt zurück. Er hatte

Eugeniens Jacke aus der Veranda geholt.

»Ihnen ist kalt, nicht wahr?« sagte er, während er ihr beim Anziehen

behilflich war. »Ich habe gesehen, daß Sie auf einmal so blaß geworden

sind --. Vor lauter Märchenerzählen hätten wir beinahe die arme Mondfee

vergessen --!«

* * *

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 14 / 50 题