... Außer diesen gehört noch der Graf zu unserer Tischgesellschaft. Ich
bilde mir ein, es liegt immer eine Spannung in der Luft wie vor einem
Gewitter. Aber die Luft bleibt trotzdem ruhig und kühl. Elmenreich wird
schweigsam, sobald der Graf kommt; unausgesprochene Glossen auf den Lippen
und versteckte Bosheiten in den Augenwinkeln sitzt er da, und spielt mit
seinem Barte; wenn er etwas zu sagen hat, wendet er sich an Pipin oder
an mich. Mit Dr. Kranich ist er kurzangebunden, mit Pipin grob, mit den
Kellnern übellaunig, mit dem Grafen aber höflich. Er sieht ihn nie an;
geschieht es, daß der Graf eine Bemerkung an ihn richtet, die er nicht
überhören kann, so antwortet er auf das Tischtuch hin.
Die Art des Grafen kennst du ja. Er hat hier wieder einen Freundschaftsbund
geschlossen. Sein gegenwärtiger Intimus ist der Brunnhofer Seppl, ein
handfester junger Bursche, der als Bergführer, Gepäcksträger, Ruderknecht,
Bote und dergleichen im Hotel beschäftigt wird. Er gehört unter die
sogenannten schönen Männer; und es scheint, er weicht auch im Punkte seiner
intellektuellen Fähigkeiten nicht von jener Regel ab, nach welcher die
Natur in ihrer haushälterischen Weise die körperlichen Vorzüge an den
geistigen abzuziehen pflegt. Der Graf verbringt fast den ganzen Tag in
seiner Gesellschaft; häufig sieht man beide in der größten Sonnenhitze
auf der staubigen Fahrstraße, den Brunnhofer Seppl mit einem Pack auf
dem Rücken, den Grafen mit einem Päckchen auf dem Arm, das er ihm zur
Erleichterung abgenommen hat.
Dieses Verhältnis erregt hier kein geringes Aergernis, wie du dir denken
kannst. Unter den Hof- und Regierungsräten hat der Graf ohnedies wegen
seiner bunten Schärpe heftige Feinde; diese Schärpe wirkt auf sie wie jenes
rote Tuch, das bei den spanischen Stierkämpfen eine bekannte Rolle spielt.
Und sie ergreifen jeden Anlaß, um ihrer Erbitterung über ihn Luft zu
machen. Einer von ihnen sagte zu mir: »Da kann man sehen, wie weit es mit
den Aristokraten schon gekommen ist! Sie sind gar nicht mehr fähig für den
Umgang mit gebildeten Menschen.«
Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis
eigens zu dem Zwecke begonnen »=pour épater les bourgeois=.« Und diese
verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem
gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn
seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht,
sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn
geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen
finanziellen Kalamitäten zu ziehen. -- Es ist nicht gut, dem schwarzen
Panther in die Klauen zu fallen!
Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen
verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer
unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich
auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem
unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig
herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht,
als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen
sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr
Geheimnis.
Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit
Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, den Brotteller,
er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder
Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann
wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar
nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als
derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer
zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er
immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.
Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst
Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen
stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr
wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf
Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es
ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche
gelangt. Man horcht auf, man stutzt -- doch man kann nicht unterscheiden,
ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der
gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.
Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit
fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen. Die
Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von
Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es
wird beständig ins Blaue geschossen -- »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber
alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen
meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.
Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme
Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen
wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz,
was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach
der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des
Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin
vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner
lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine
Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte
Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.
Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese
Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen
zu Bett gehen, gehört in das Gebiet der Legende. Der einzige überlebende
Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät«
war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die
Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin
beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser
auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns
schließt ...
* * *
Fragmente der Abendgespräche.
Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende
Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke,
Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit --«
Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird -- was
auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack
und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und
Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die
Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen
ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so
kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß
sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die »erste Generation« sind, daß mit
ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch
ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit
Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet,
was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat --?«
Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn
genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas
Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter
Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit -- nichts weiter als das. Der alte
Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu
den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten,
knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er
weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit
wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst
nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«
*
Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister
sein. Welche geniale Idee, =for instance=, die Alten und Schwachen, die
jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren, =sans façons= über
Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil
unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten.
Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen,
kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln,
damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«
Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«,
Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten
darunter?«
Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage
ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen
ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich,
ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und
Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und
Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen,
daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«
*
Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die
Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir
als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts
als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung.
Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle
diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution,
Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und
quacken.«
Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren
muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«
Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine
Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder
seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind
souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren
unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das
widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit
und das Gesetz der Schwere regiert -- und noch einige andere Gesetze, die
wir nicht beachten oder nicht kennen. Es schreitet über uns hinweg, es läßt
uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige
Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht
sind --«
Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht
zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem
Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen
Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits
verhüllt -- aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns
herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der
Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk
des Lebens tobt durch unsere Adern ...«
Der Graf seufzt laut -- etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie
Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette
mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck
verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:
»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen,
was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas
Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb
weniger ehrwürdig, weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen
Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine
Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles
herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten,
sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu
schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die
Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze
unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen,
Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn
der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...
*
Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und
Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet,
daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen
amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.
Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch
immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für
einen Leitstern. Europa, das ist nur ein mißratener Ableger von Asien.
Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche
Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund,
stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen
Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den
Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als
ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem
Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem
Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben
sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein,
und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen
wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im
Sumpfe --«
Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur,
was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur
Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir
doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«
[Illustration]
Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr
lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich
hielt mich an.
»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten
Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als
mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck;
Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt
in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen
ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und
unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn
ich einmal in die rechten Hände käme --«
Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren
Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:
»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet --«
»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es,
ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir
sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen, unbrauchbaren,
mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht --«
»Aber wie können Sie nur --«
»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur
die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie
sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß
es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu
kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der
rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese
lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht;
aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See
gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein --«
»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit
vibrierender Stimme.
»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der
Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen,
daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht
sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur
werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sie von
den Ihrigen. -- Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts
Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet
immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich
ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören
nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir
steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts --«
Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst
recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«
Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch
in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die
außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt
überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen
Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen,
während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in
ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf
spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es
die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als
König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in
der Finsternis finden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter
Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen
fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der
Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat.
Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht,
in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron
Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem
Sumpfe ziehen will --
Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die
Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet
nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar
wird.
Dieses Lachen machte Elmenreich stutzig. Er hielt inne und sah befremdet
auf.
»Da ist nichts zum Lachen«, sagte er finster. »Sie haben eben von solchen
Zuständen keinen Begriff! Wenn Sie wüßten, wie einem solchen Menschen zu
Mute ist, würden Sie nicht lachen.«
»Aber Herr Doktor, wenn jemand über sich selbst so lustig redet, kann es
doch nicht gefährlich sein!«
»Lustig? Das kommt Ihnen lustig vor? Ich bin also für Sie eine Art
trauriger Hanswurst, der umso komischer wirkt, je melancholischer er sich
geberdet? Aber ich gestehe, Fräulein Eugenie, die Rolle des unfreiwilligen
Komikers zu spielen, hab' ich nicht Lust. Das Leben hat mir zu wenig Humor
dafür gelassen --«
Er war ernstlich böse.
Eugenie blickte ihn fassungslos an. Das Weinen schien ihr nahe zu sein.
»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich sagen soll! Ich kann es Ihnen
nicht recht machen --«
»Ja, ich bin ein unleidlicher Patron, hab' ich es Ihnen nicht gesagt?
Geben Sie mich auf, Fräulein Eugenie; wir werden uns nie verständigen. Mit
solchen vertrackten Menschen wie ich ist nicht auszukommen, wie oft soll
ich es denn wiederholen? Wollen Sie durchaus nicht hören?«
Sie legte schweigend ihre Hand mit dem Rücken an die Stirne und schloß die
Augen. Ueber ihr marmornes Gesicht, dessen Linien so bedeutend sind, und
das so wenig von dem verrät, was sich in der Tiefe dieser Seele abspielt,
ging eine flüchtige Bewegung -- vielleicht Beschämung, vielleicht
Enttäuschung, vielleicht nur Aerger.
Elmenreich sah diese Geberde. Und seine Haltung veränderte sich; er zog
Eugeniens Hand von ihrer Stirne weg, schüttelte sie halb scherzhaft
und halb leidenschaftlich und sagte mit einer Stimme, die nicht ohne
Zärtlichkeit war:
»Gott bewahre, Gott bewahre! Wir werden uns doch dergleichen nicht zu
Herzen nehmen! Es wäre ein Frevel an diesen himmlischen Augen, wenn sie
durch Thränen getrübt werden sollten. Das möchte ich nicht verschuldet
haben, nein, das nicht!«
Eugenie schlug die Augen auf. Sie waren trocken. Ein kühler, abweisender
Blick fiel auf Elmenreich.
»Ich habe nicht geweint«, sagte sie stolz. »Sie brauchen sich nicht zu
beunruhigen.«
Da wurde auch Elmenreich sogleich wieder der Alte. Er versetzte
kurz: »Desto besser«, und dann gingen beide verstimmt und schweigend
nebeneinander her.
Am Ende des Promenadenweges lief uns Pipin entgegen. Er war ganz erhitzt
und aufgeregt.
»Welches Glück ich habe!« rief er und schlug die Hände zusammen wie ein
Kind. »Der liebe Gott meint es mit mir beinah so gut wie mit der gewissen
Heiligen -- Sie werden ja wissen, wie sie heißt, Herr Doktor -- ich meine
diese, Fräulein Eugenie, die sich mit einer Notlüge aus der Affaire zog.
Eben habe ich mir Ihrem Herrn Papa gegenüber durch eine Notlüge geholfen --
und sieh da, es trifft alles ein!«
Eugenie erblaßte.
»Dem Papa gegenüber? Der Papa ist doch auf die Jagd gefahren? Ist er schon
wieder zurück?«
»Es ist etwas dazwischen gekommen, ich weiß nicht was. Ich glaube, Fräulein
Eugenie, es wäre gut -- vielleicht wären Sie geneigt, gleich nach Hause zu
gehen. Er war ein wenig ungehalten darüber, daß Sie abwesend waren und Ihre
Frau Mama allein -- oder vielmehr nicht allein, sondern ohne Sie. Da
sagte ich -- verzeihen Sie, aber es schien mir in diesem Augenblick das
Einfachste -- ich sagte auf gut Glück, daß Sie mit der gnädigen Frau
zusammen spazieren gegangen sind: und siehe da, ich hab' es erraten!«
Eugenie runzelte die Augenbrauen und antwortete nichts. Sie beschleunigte
aber ihren Schritt sofort.
Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den
Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit,
bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte
versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst
zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte.
Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf
angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen. Unglücklicherweise sei sie
in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein
im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau
habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen --
wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich
nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine
unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte
und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu
genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu
Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich
die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten -- auf die Gefahr hin, von dem
Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für
dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz
zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten
Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung!
Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«
Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der
Empfindung, von der es bewegt war.
Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:
»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner
Stelle wäre -- es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen,
aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde -- lieber Gott! Ich glaube,
ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es
weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht
bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«
* * *
(Aus einem Briefe.)