12. Juli 1893.

... Außer diesen gehört noch der Graf zu unserer Tischgesellschaft. Ich

bilde mir ein, es liegt immer eine Spannung in der Luft wie vor einem

Gewitter. Aber die Luft bleibt trotzdem ruhig und kühl. Elmenreich wird

schweigsam, sobald der Graf kommt; unausgesprochene Glossen auf den Lippen

und versteckte Bosheiten in den Augenwinkeln sitzt er da, und spielt mit

seinem Barte; wenn er etwas zu sagen hat, wendet er sich an Pipin oder

an mich. Mit Dr. Kranich ist er kurzangebunden, mit Pipin grob, mit den

Kellnern übellaunig, mit dem Grafen aber höflich. Er sieht ihn nie an;

geschieht es, daß der Graf eine Bemerkung an ihn richtet, die er nicht

überhören kann, so antwortet er auf das Tischtuch hin.

Die Art des Grafen kennst du ja. Er hat hier wieder einen Freundschaftsbund

geschlossen. Sein gegenwärtiger Intimus ist der Brunnhofer Seppl, ein

handfester junger Bursche, der als Bergführer, Gepäcksträger, Ruderknecht,

Bote und dergleichen im Hotel beschäftigt wird. Er gehört unter die

sogenannten schönen Männer; und es scheint, er weicht auch im Punkte seiner

intellektuellen Fähigkeiten nicht von jener Regel ab, nach welcher die

Natur in ihrer haushälterischen Weise die körperlichen Vorzüge an den

geistigen abzuziehen pflegt. Der Graf verbringt fast den ganzen Tag in

seiner Gesellschaft; häufig sieht man beide in der größten Sonnenhitze

auf der staubigen Fahrstraße, den Brunnhofer Seppl mit einem Pack auf

dem Rücken, den Grafen mit einem Päckchen auf dem Arm, das er ihm zur

Erleichterung abgenommen hat.

Dieses Verhältnis erregt hier kein geringes Aergernis, wie du dir denken

kannst. Unter den Hof- und Regierungsräten hat der Graf ohnedies wegen

seiner bunten Schärpe heftige Feinde; diese Schärpe wirkt auf sie wie jenes

rote Tuch, das bei den spanischen Stierkämpfen eine bekannte Rolle spielt.

Und sie ergreifen jeden Anlaß, um ihrer Erbitterung über ihn Luft zu

machen. Einer von ihnen sagte zu mir: »Da kann man sehen, wie weit es mit

den Aristokraten schon gekommen ist! Sie sind gar nicht mehr fähig für den

Umgang mit gebildeten Menschen.«

Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis

eigens zu dem Zwecke begonnen »=pour épater les bourgeois=.« Und diese

verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem

gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn

seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht,

sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn

geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen

finanziellen Kalamitäten zu ziehen. -- Es ist nicht gut, dem schwarzen

Panther in die Klauen zu fallen!

Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen

verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer

unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich

auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem

unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig

herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht,

als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen

sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr

Geheimnis.

Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit

Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, den Brotteller,

er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder

Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann

wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar

nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als

derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer

zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er

immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.

Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst

Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen

stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr

wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf

Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es

ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche

gelangt. Man horcht auf, man stutzt -- doch man kann nicht unterscheiden,

ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der

gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.

Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit

fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen. Die

Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von

Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es

wird beständig ins Blaue geschossen -- »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber

alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen

meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.

Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme

Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen

wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz,

was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach

der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des

Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin

vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner

lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine

Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte

Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.

Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese

Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen

zu Bett gehen, gehört in das Gebiet der Legende. Der einzige überlebende

Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät«

war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die

Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin

beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser

auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns

schließt ...

* * *

Fragmente der Abendgespräche.

Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende

Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke,

Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit --«

Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird -- was

auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack

und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und

Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die

Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen

ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so

kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß

sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die »erste Generation« sind, daß mit

ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch

ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit

Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet,

was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat --?«

Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn

genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas

Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter

Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit -- nichts weiter als das. Der alte

Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu

den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten,

knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er

weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit

wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst

nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«

*

Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister

sein. Welche geniale Idee, =for instance=, die Alten und Schwachen, die

jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren, =sans façons= über

Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil

unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten.

Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen,

kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln,

damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«

Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«,

Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten

darunter?«

Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage

ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen

ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich,

ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und

Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und

Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen,

daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«

*

Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die

Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir

als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts

als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung.

Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle

diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution,

Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und

quacken.«

Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren

muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«

Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine

Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder

seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind

souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren

unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das

widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit

und das Gesetz der Schwere regiert -- und noch einige andere Gesetze, die

wir nicht beachten oder nicht kennen. Es schreitet über uns hinweg, es läßt

uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige

Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht

sind --«

Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht

zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem

Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen

Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits

verhüllt -- aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns

herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der

Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk

des Lebens tobt durch unsere Adern ...«

Der Graf seufzt laut -- etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie

Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette

mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck

verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:

»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen,

was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas

Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb

weniger ehrwürdig, weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen

Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine

Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles

herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten,

sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu

schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die

Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze

unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen,

Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn

der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...

*

Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und

Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet,

daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen

amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.

Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch

immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für

einen Leitstern. Europa, das ist nur ein mißratener Ableger von Asien.

Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche

Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund,

stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen

Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den

Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als

ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem

Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem

Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben

sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein,

und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen

wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im

Sumpfe --«

Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur,

was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur

Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir

doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«

[Illustration]

Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr

lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich

hielt mich an.

»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten

Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als

mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck;

Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt

in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen

ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und

unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn

ich einmal in die rechten Hände käme --«

Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren

Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:

»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet --«

»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es,

ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir

sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen, unbrauchbaren,

mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht --«

»Aber wie können Sie nur --«

»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur

die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie

sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß

es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu

kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der

rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese

lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht;

aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See

gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein --«

»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit

vibrierender Stimme.

»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der

Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen,

daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht

sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur

werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sie von

den Ihrigen. -- Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts

Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet

immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich

ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören

nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir

steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts --«

Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst

recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«

Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch

in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die

außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt

überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen

Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen,

während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in

ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf

spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es

die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als

König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in

der Finsternis finden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter

Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen

fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der

Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat.

Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht,

in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron

Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem

Sumpfe ziehen will --

Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die

Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet

nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar

wird.

Dieses Lachen machte Elmenreich stutzig. Er hielt inne und sah befremdet

auf.

»Da ist nichts zum Lachen«, sagte er finster. »Sie haben eben von solchen

Zuständen keinen Begriff! Wenn Sie wüßten, wie einem solchen Menschen zu

Mute ist, würden Sie nicht lachen.«

»Aber Herr Doktor, wenn jemand über sich selbst so lustig redet, kann es

doch nicht gefährlich sein!«

»Lustig? Das kommt Ihnen lustig vor? Ich bin also für Sie eine Art

trauriger Hanswurst, der umso komischer wirkt, je melancholischer er sich

geberdet? Aber ich gestehe, Fräulein Eugenie, die Rolle des unfreiwilligen

Komikers zu spielen, hab' ich nicht Lust. Das Leben hat mir zu wenig Humor

dafür gelassen --«

Er war ernstlich böse.

Eugenie blickte ihn fassungslos an. Das Weinen schien ihr nahe zu sein.

»Nun weiß ich wirklich nicht mehr, was ich sagen soll! Ich kann es Ihnen

nicht recht machen --«

»Ja, ich bin ein unleidlicher Patron, hab' ich es Ihnen nicht gesagt?

Geben Sie mich auf, Fräulein Eugenie; wir werden uns nie verständigen. Mit

solchen vertrackten Menschen wie ich ist nicht auszukommen, wie oft soll

ich es denn wiederholen? Wollen Sie durchaus nicht hören?«

Sie legte schweigend ihre Hand mit dem Rücken an die Stirne und schloß die

Augen. Ueber ihr marmornes Gesicht, dessen Linien so bedeutend sind, und

das so wenig von dem verrät, was sich in der Tiefe dieser Seele abspielt,

ging eine flüchtige Bewegung -- vielleicht Beschämung, vielleicht

Enttäuschung, vielleicht nur Aerger.

Elmenreich sah diese Geberde. Und seine Haltung veränderte sich; er zog

Eugeniens Hand von ihrer Stirne weg, schüttelte sie halb scherzhaft

und halb leidenschaftlich und sagte mit einer Stimme, die nicht ohne

Zärtlichkeit war:

»Gott bewahre, Gott bewahre! Wir werden uns doch dergleichen nicht zu

Herzen nehmen! Es wäre ein Frevel an diesen himmlischen Augen, wenn sie

durch Thränen getrübt werden sollten. Das möchte ich nicht verschuldet

haben, nein, das nicht!«

Eugenie schlug die Augen auf. Sie waren trocken. Ein kühler, abweisender

Blick fiel auf Elmenreich.

»Ich habe nicht geweint«, sagte sie stolz. »Sie brauchen sich nicht zu

beunruhigen.«

Da wurde auch Elmenreich sogleich wieder der Alte. Er versetzte

kurz: »Desto besser«, und dann gingen beide verstimmt und schweigend

nebeneinander her.

Am Ende des Promenadenweges lief uns Pipin entgegen. Er war ganz erhitzt

und aufgeregt.

»Welches Glück ich habe!« rief er und schlug die Hände zusammen wie ein

Kind. »Der liebe Gott meint es mit mir beinah so gut wie mit der gewissen

Heiligen -- Sie werden ja wissen, wie sie heißt, Herr Doktor -- ich meine

diese, Fräulein Eugenie, die sich mit einer Notlüge aus der Affaire zog.

Eben habe ich mir Ihrem Herrn Papa gegenüber durch eine Notlüge geholfen --

und sieh da, es trifft alles ein!«

Eugenie erblaßte.

»Dem Papa gegenüber? Der Papa ist doch auf die Jagd gefahren? Ist er schon

wieder zurück?«

»Es ist etwas dazwischen gekommen, ich weiß nicht was. Ich glaube, Fräulein

Eugenie, es wäre gut -- vielleicht wären Sie geneigt, gleich nach Hause zu

gehen. Er war ein wenig ungehalten darüber, daß Sie abwesend waren und Ihre

Frau Mama allein -- oder vielmehr nicht allein, sondern ohne Sie. Da

sagte ich -- verzeihen Sie, aber es schien mir in diesem Augenblick das

Einfachste -- ich sagte auf gut Glück, daß Sie mit der gnädigen Frau

zusammen spazieren gegangen sind: und siehe da, ich hab' es erraten!«

Eugenie runzelte die Augenbrauen und antwortete nichts. Sie beschleunigte

aber ihren Schritt sofort.

Pipin hielt mich zurück; als ein genügender Zwischenraum zwischen den

Vorangehenden und uns entstanden war, teilte er mir flüsternd mit,

bei welchem peinlichen Auftritt er eben Zeuge gewesen sei. Er wollte

versprochene Bücher bringen; beim Gartenthor traf er mit dem Oberst

zusammen, der angeblich von einem vereitelten Jagdausflug zurückkehrte.

Aber diesen Jagdausflug scheine er nur vorgeschützt zu haben, nur darauf

angelegt, seine Frau unvermutet zu überfallen. Unglücklicherweise sei sie

in der That mit dem betreffenden Herrn, der dem Oberst nicht passe, allein

im Garten gewesen. Seine erste Frage war nach Eugenie; denn die Frau

habe den strengen Befehl, die Tochter nie allein ausgehen zu lassen --

wahrscheinlich damit sie selbst nie unbeaufsichtigt bleibe. Und als es sich

nun herausstellte, daß Eugenie nicht zu Hause sei, machte der Oberst eine

unerhörte Szene, eine Szene, die jeder Beschreibung spotte. Er schimpfte

und fluchte wie ein Hausknecht, ohne sich vor den unfreiwilligen Zeugen zu

genieren. Die Frau aber blieb ihm nichts schuldig: und so wäre es fast zu

Thätlichkeiten zwischen den beiden gekommen, wenn nicht schließlich

die Zeugen sich ins Mittel gelegt hätten -- auf die Gefahr hin, von dem

Wüterich hinausgeworfen zu werden. »Guter Gott, was für ein Daheim für

dieses arme, schöne, edle Geschöpf! Wie schrecklich, diese Existenz

zwischen einem rohen Vater und einer leichtsinnigen, ungebildeten

Stiefmutter! Eine so herrliche Erscheinung in einer so gemeinen Umgebung!

Wenn man sie daraus befreien könnte! Wenn man sie retten könnte!«

Pipin's unbedeutendes Gesicht wurde beinahe anziehend in dem Ausdruck der

Empfindung, von der es bewegt war.

Nach einer Pause fuhr er nachdenklich fort:

»In diesem Punkte ist mir Elmenreich unbegreiflich. Wenn ich an seiner

Stelle wäre -- es ist ja anmaßend und kindisch, sich so etwas vorzustellen,

aber wenn ich an seiner Stelle wäre, ich würde -- lieber Gott! Ich glaube,

ich würde vor Stolz und Glück den Verstand verlieren. Und ihn berührt es

weiter gar nicht, er ist ewig verstimmt und schlecht aufgelegt Vielleicht

bemerkt er es nicht einmal. Nein, wirklich, er ist mir unbegreiflich.«

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 11 / 50 题