10. Juli 1893.

... Man kann unmöglich gleichgiltig ihr gegenüber bleiben. Ihr Blick allein

macht betroffen. Er hat etwas Suchendes, Fragendes, Saugendes; er bleibt

hängen an demjenigen, auf den er sich heftet, wenn sie vorübergeht. Und

goldene Funken glühen in diesen Augen wie vom Reflexe ihrer blonden Haare,

die sich kräuseln, ringeln, locken in einem unentwirrbaren Spiele, um sich

über ihrem Nacken zu einem glänzenden Knoten zu schlingen. In ihrem höchst

regelmäßigen Gesicht herrscht für gewöhnlich jene Miene hoheitsvoller

Unnahbarkeit, in die ein Zug resignierter Schwermut gemischt ist, als

trauere sie beständig darüber, daß die Welt so häßlich und so gemein ist.

Du wirst diese Miene schon bei schönen Frauen gesehen haben. Es liegt

viele Kunst und die Kultur von Jahrhunderten darin: sie soll den Eindruck

hervorbringen, daß nichts Gewöhnliches, geschweige etwas Niedriges ihrer

Trägerin nahe kommen könne. Und jede Bewegung, die ganze Haltung ist auf

die gleiche Tonart gestimmt. Die Geberden dieser jungen Dame haben etwas

vornehm Ansichgehaltenes, ein wohlabgewogenes Maß, das die Vorstellung

erweckt, daß es in keinerlei Umständen durch gemeine Hast oder elementare

Heftigkeit zu stören wäre. Und unter diesen fürstlichen Allüren der

Schönheit verbirgt sich ihr Wesen undurchdringlich wie unter einem

kostbaren Goldbrokat, dessen großlinige Falten nichts von der Gestalt

verraten, die ihn trägt.

Ihr Vater hat vor kurzem zum zweitenmal geheiratet -- seine frühere

Wirtschafterin, sagt man. Eine sehr hübsche, sehr herausfordernde, sehr

energische Frau und in allen Stücken das Gegenteil ihrer Stieftochter.

Keine vornehmen Manieren, keine damenhafte Würde, sondern sehr lärmend und

sehr ungeniert. Niemand weiß etwas Näheres über dieses Familienleben, aber

jedermann errät, daß es zum mindesten für die Tochter kein angenehmes sein

kann. Daß sie sich nie beklagt, erhöht die Sympathie, die sie besitzt. »Sie

sollte heiraten, das wäre das Beste für sie«, sagen die ganz Wohlwollenden.

Aber die Weltkundigen versetzen: »Zum Heiraten gehört wie zum Kriegführen

vor allen Dingen -- Geld.« Noch andere ziehen die Augenbrauen hinauf und

ergänzen: »Und um ruhig an der Seite einer so schönen Frau zu leben, muß

man entweder ein Tyrann sein oder -- ein Esel.«

Bei dieser Gelegenheit habe ich auch einige gemeinnützige Betrachtungen

über die soziale Mission der Schönheit gehört. »So schöne Frauen dürften

von Rechtswegen nicht einem einzigen gehören. Wozu hätte die Natur ihnen

sonst die fabelhafte Anziehungskraft verliehen, mit der sie alle männlichen

Wesen an sich locken --? In der Oekonomie der Natur ist solchen schönen

Frauen eine andere Rolle zugedacht als sich die bürgerliche Moral träumen

läßt.«

Es war Dr. Kranich, der diesen Kommentar zur Oekonomie der Natur in Dingen

der weiblichen Schönheit gab ...

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 10 / 50 题