... Man kann unmöglich gleichgiltig ihr gegenüber bleiben. Ihr Blick allein
macht betroffen. Er hat etwas Suchendes, Fragendes, Saugendes; er bleibt
hängen an demjenigen, auf den er sich heftet, wenn sie vorübergeht. Und
goldene Funken glühen in diesen Augen wie vom Reflexe ihrer blonden Haare,
die sich kräuseln, ringeln, locken in einem unentwirrbaren Spiele, um sich
über ihrem Nacken zu einem glänzenden Knoten zu schlingen. In ihrem höchst
regelmäßigen Gesicht herrscht für gewöhnlich jene Miene hoheitsvoller
Unnahbarkeit, in die ein Zug resignierter Schwermut gemischt ist, als
trauere sie beständig darüber, daß die Welt so häßlich und so gemein ist.
Du wirst diese Miene schon bei schönen Frauen gesehen haben. Es liegt
viele Kunst und die Kultur von Jahrhunderten darin: sie soll den Eindruck
hervorbringen, daß nichts Gewöhnliches, geschweige etwas Niedriges ihrer
Trägerin nahe kommen könne. Und jede Bewegung, die ganze Haltung ist auf
die gleiche Tonart gestimmt. Die Geberden dieser jungen Dame haben etwas
vornehm Ansichgehaltenes, ein wohlabgewogenes Maß, das die Vorstellung
erweckt, daß es in keinerlei Umständen durch gemeine Hast oder elementare
Heftigkeit zu stören wäre. Und unter diesen fürstlichen Allüren der
Schönheit verbirgt sich ihr Wesen undurchdringlich wie unter einem
kostbaren Goldbrokat, dessen großlinige Falten nichts von der Gestalt
verraten, die ihn trägt.
Ihr Vater hat vor kurzem zum zweitenmal geheiratet -- seine frühere
Wirtschafterin, sagt man. Eine sehr hübsche, sehr herausfordernde, sehr
energische Frau und in allen Stücken das Gegenteil ihrer Stieftochter.
Keine vornehmen Manieren, keine damenhafte Würde, sondern sehr lärmend und
sehr ungeniert. Niemand weiß etwas Näheres über dieses Familienleben, aber
jedermann errät, daß es zum mindesten für die Tochter kein angenehmes sein
kann. Daß sie sich nie beklagt, erhöht die Sympathie, die sie besitzt. »Sie
sollte heiraten, das wäre das Beste für sie«, sagen die ganz Wohlwollenden.
Aber die Weltkundigen versetzen: »Zum Heiraten gehört wie zum Kriegführen
vor allen Dingen -- Geld.« Noch andere ziehen die Augenbrauen hinauf und
ergänzen: »Und um ruhig an der Seite einer so schönen Frau zu leben, muß
man entweder ein Tyrann sein oder -- ein Esel.«
Bei dieser Gelegenheit habe ich auch einige gemeinnützige Betrachtungen
über die soziale Mission der Schönheit gehört. »So schöne Frauen dürften
von Rechtswegen nicht einem einzigen gehören. Wozu hätte die Natur ihnen
sonst die fabelhafte Anziehungskraft verliehen, mit der sie alle männlichen
Wesen an sich locken --? In der Oekonomie der Natur ist solchen schönen
Frauen eine andere Rolle zugedacht als sich die bürgerliche Moral träumen
läßt.«
Es war Dr. Kranich, der diesen Kommentar zur Oekonomie der Natur in Dingen
der weiblichen Schönheit gab ...
* * *
(Aus einem Briefe.)