6. Juli 1893.

... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten.

Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt«

gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr

oder weniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt.

Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der

Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden.

Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen

noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.

Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer

übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen,

furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen -- aber alle

diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken,

Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber

plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift:

»errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche

Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine

Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.

Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben

sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo

die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung

eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügen die

Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu

vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu

empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die

harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben

noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht

ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum

Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald

die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe,

bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der

unerbittliche furchtbare Winter anbricht.

Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die

nur mir allein bekannt ist -- außer den Einheimischen, die nicht zählen.

Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist

eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der

Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was

sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein

Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am

Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine

einzige Buche. Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der

lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt.

Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der

Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein

wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen

Gedanken nachhängen will ...

* * *

Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt

sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen

Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht

ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb

blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger

die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln

und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist

längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende

Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und

Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.

Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen

nicht Karten gespielt wird.

Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind

Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch

die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen

kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem

Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die

Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn

nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle

Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«

Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.

»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in

einem Zug ohne Aufwachen --«

»Bei mir will es noch immer nicht kommen. Alle zwei Stunden bin ich wach,

und von vier Uhr ab geht es überhaupt nicht mehr --«

»Und dieser Appetit! Ich kann meinen Kaffee schon beim Aufstehen kaum

erwarten.«

»Das könnte ich leider nicht behaupten. Und gar heute! Ich glaube,

der Kalbsbraten mit Rahmsauce gestern abends hat mir geschadet. Solche

Gasthaussaucen sind immer verdächtig.«

»Ja, man hat gleich einen verdorbenen Magen!«

»Und ich besonders. Ich vertrage nun einmal keine Veränderung in meiner

gewohnten Kost.«

»Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einen verdorbenen Magen habe?«

»O da habe ich auch ein ausgezeichnetes Mittel --«

Elmenreich stand geräuschvoll auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Jetzt

kommen die Hausmittel an die Reihe. Da will ich doch lieber einen

Spaziergang im Regen machen. Gehen Sie mit, Arthur?«

Dr. Kranich rauchte friedlich seine Zigarette daneben: »Warum denn? Diese

lieben kleinen Philistergespräche sind doch so nett. Man denkt dabei so

angenehm an nichts. Sie haben etwas Stimmungsvolles wie die Erinnerungen

an die Kindheit; sie bleiben sich immer gleich wie alle guten Dinge auf der

Welt.«

»Doktor Kranich, Panegyriker der Idiotik! Aber das ist Geschmackssache.

Ganz wie Sie wollen; ich gehe.«

An der Thür begegnete er zwei Ankommenden. Es war das schöne Mädchen und

die Uniform mit dem goldenen Kragen. Als diese Beiden herankamen, stieß der

Besitzer des verdorbenen Magens einen Ruf der Erleichterung aus.

»Ah, da sind Sie endlich, Herr Oberst! Wir warten schon mit Schmerzen auf

Sie. Bei diesem verzweifelten Wetter weiß man ja gar nicht, wie man die

Zeit totschlagen soll, wenn man nicht seine Partie Tarock hat.«

Der Oberst grüßte ziemlich unterthänig; er gestand nach gewissenhafter

Vergleichung der Taschenuhren eine Verspätung von zehn Minuten zu und

entschuldigte sich umständlich. Eugenie habe durchaus mitgehen wollen;

aber Frauenzimmer und Pünktlichkeit --! Deshalb sollte ein Soldat von

Rechtswegen niemals heiraten; eine Frau und eine erwachsene Tochter, das

belade einen Soldaten mit zu vielen weiblichen Ansprüchen --

Er schien unversehens die Tarockpartie mit einer Schlacht zu verwechseln

und redete sich in Eifer.

Der Besitzer des verdorbenen Magens wandte sich mit einem galanten Lächeln

gegen die Tochter. Einer so schönen Sünderin sei ja doch im Voraus alles

verziehen; wer würde da nicht sofort die Waffen strecken --?

Dame Eugenie stand unnahbar; sie antwortete weder auf die Vorwürfe, noch

auf das Kompliment mit der geringsten Veränderung ihrer Miene.

Indessen legte sich Dr. Kranich ins Mittel und nahm dem ungestümen Soldaten

die weitere Sorge für seine weibliche Bürde ab, indem er ihr, nicht ohne

korrekt um meine Erlaubnis gebeten zu haben, einen Platz an unserem Tische

anbot. Und dann begann er mit ihr ein Gespräch über Toiletten und Frisuren,

in Ausdrücken und Wendungen, als ob er selbst eine Dame oder ein Schneider

wäre. Er kritisierte ihren Anzug vom Kopf bis zu den Füßen, lobte und

tadelte mit Kennermiene. Durch eine geschickte Handbewegung lüpfte er sogar

den Saum ihres Rockes, um die »=dessous=« zu prüfen.

Sie ließ alles gleichgiltig geschehen. Mit gesenkten Augen gab sie kurze

einsilbige Antworten; wenn sie ihre Augenlider einmal aufschlug -- langsam

und müde, als ob das Gewicht dieser dunklen, langen Wimpern nicht zu heben

wäre -- so that sie es, um einen Blick in die Richtung der Eingangsthüre zu

werfen. Sie schien zerstreut und unruhig; sie hörte nur mit halbem Ohre zu,

kam mir vor.

Es konnte noch keine Viertelstunde vergangen sein, als sich die Thür

öffnete und Elmenreich wieder eintrat.

»Unerträglich, dieses Wetter«, sagte er und schüttelte die Tropfen von

seinem Wettermantel. »Keine Möglichkeit, eine Viertelstunde Luft zu

schnappen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.«

Dr. Kranich befühlte angelegentlich den Wettermantel. Na, das sei aber doch

nicht der Rede wert! Elmenreich scheine noch keine ernsthaften Strapazen

mitgemacht zu haben, wenn er über ein bißchen Feuchtigkeit schon außer Rand

und Band komme --

Ja, ja, er wisse schon, am Ohio und Mississipi sei der Regen viel nässer

als in Europa --

»Sehen Sie nur, Fräulein Eugenie: Dieser Mensch sagt viel lieber mir

eine Bosheit, als Ihnen ein Kompliment. Elmenreich, das ist kein schöner

Charakterzug von Ihnen. Gestehen Sie doch ohne schäbige Ausreden, warum Sie

so rasch wieder zurückgekommen sind.«

Aber Elmenreich wurde gleich sehr übellaunig. Er verbat sich trocken solche

»geschmacklose Bemerkungen«, setzte sich halb abgewendet an den Tisch und

versank in Schweigen.

Auch Eugenie war mit Elmenreichs Erscheinen vollkommen stumm geworden.

Dr. Kranich machte einige Versuche, unbefangen sein Gespräch fortzusetzen;

zuletzt sagte er mit einem sonderbaren Lächeln:

»Ich sehe, Elmenreich, Sie sind entschlossen, mich wegzuschweigen. Sie

haben mit Fräulein Eugenie Dinge zu reden, bei denen ich überflüssig bin.

Nun denn, als großmütiger Rivale räume ich freiwillig das Feld. Kann man

ethischer handeln?«

Elmenreich erblaßte vor Aerger, Eugenie errötete. Lachend entfernte sich

Dr. Kranich und gesellte sich zu einer Gesellschaft am anderen Ende des

Saales.

»Ich -- ich fürchte mich beinahe vor Dr. Kranich«, flüsterte Eugenie mit

einem Blick auf Elmenreich. »Er thut und sagt immer gerade dasjenige, womit

er jemandem am meisten Aerger oder Verlegenheit bereiten kann.«

»Das fehlte noch, daß die jungen Damen anfangen, sich vor ihm zu fürchten«,

versetzte Elmenreich aufgebracht. »Machen Sie ihm um Himmels willen nicht

das Vergnügen, sich durch ihn in Verlegenheit setzen zu lassen!«

»Und doch machen Sie ihm das Vergnügen, sich über ihn zu ärgern!«

»Fällt mir nicht ein. Was er sagt, ist mir so gleichgiltig, wie wenn ein

Hahn kräht oder ein Hund bellt.«

»Also dann -- was ist dann schuld, daß Sie so verstimmt sind, Herr Doktor?«

»Ich bin nicht verstimmt.«

»Und vorgestern -- vorgestern haben Sie auch die Flucht ergriffen, als Sie

uns aus der Kirche kommen sahen!«

»Ach Gott, ich tauge nicht für Gesellschaft. Sie waren ohnedies umringt

genug --«

»Es ist doch nicht alles eins, von wem man umringt ist --!«

Elmenreich machte eine skeptische Miene.

»Ich bin kein passender Umgang für junge Damen. Sie sind an Huldigungen

gewöhnt, Fräulein Eugenie, und Sie haben ein Recht, sie zu beanspruchen.

Aber dazu tauge ich nicht.«

»Habe ich denn Huldigungen von Ihnen beansprucht?«

»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles

erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter

aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur

mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«

»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«

»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes

vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein

interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu

lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie

sind jung und schön, was wissen Sie davon! Mit zwanzig Jahren hat man

keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so

viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn

noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher

vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen,

um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht

wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß

es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......

... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das

Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete

des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein

Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat

alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre

man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen

Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen

kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....

... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von

alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswert

schien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen

geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da

liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« -- das ist

die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der

Thatmenschen aufwiegt!«

Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts

in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise

ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt,

etwas Verstecktes und Abweisendes.

Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht

gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele

ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart --? Es giebt Dinge,

die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann

man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen

Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle

Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann -- --

Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde

gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderen Eindruck auf

mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten,

die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.

Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen

Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als --«

»Um meine großen Reisen? Wieso?«

»Nun ja, Sie sagten doch eben, Sie kennen die ganze Welt? Das wäre mein

sehnlichster Wunsch! Ich möchte das ganze Jahr auf Reisen sein, im Winter

an der Riviera oder in Kairo, im Sommer in der Schweiz oder in Norwegen,

und ich würde nicht müde und schwindlig werden. Man braucht doch in der

Welt nur Geld zu haben, dann stehen einem alle Herrlichkeiten offen. Wenn

ich denke, daß es soviel Sehenswertes giebt, und ich soll es vielleicht nie

kennen lernen --! Ach, nur fort, nur fort!«

Dann, als hätte sie schon zuviel gesagt, verstummte sie jählings, und hörte

wieder unbeweglich zu, während Elmenreich eine große Rede über das Lästige

und Banale der Vergnügungsreisen hielt.

Später kam jemand von einem Nachbartisch herüber.

»Können Sie vielleicht Auskunft geben, Herr Doktor«, sagte er zu Elmenreich

mit Gelächter, »wo steckt denn Pipin? Es ist schon ein allgemeines Fragen

um ihn. Die jungen Damen möchten gerne Kirschen haben; da könnte doch Pipin

geschwind einmal in den Markt laufen.«

Er lachte laut.

Eugenie sah den Lachenden von oben herab an.

»Pipin ist in den Markt gegangen, um etwas aus der Apotheke zu holen«,

sagte sie kühl. »Die Mama hat ihn darum gebeten; sie ist heute nicht ganz

wohl.«

Der Lachende entschuldigte sich und ging an seinen Tisch zurück. Dort

entstand eine große Heiterkeit; der Umstand, daß Pipin im Regen herumlaufen

mußte, schien eine unwiderstehliche Komik zu haben.

* * *

Ein grelles, kreischendes Lachen nähert sich. Es ist die Dame mit dem

bunten Blumenhut, die so lacht, und ihr Begleiter, der sie so unterhält,

ist einer der anwesenden Würdenträger. Daneben geht Eugenie, stumm,

unbeweglich, mit einem lässigen, müden Schritt, und einem Gesicht, das so

teilnahmslos ist, als höre sie einem Gespräch in einer fremden Sprache zu.

Als sie schon fast vorüber war, erblickte sie mich. Sie grüßte, zögerte

einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.

»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen

Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen

ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter

mitzugehen.«

Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte

sich mit dem amüsanten Würdenträger.

Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.

»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders

als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er

sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches,

das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie

kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«

Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse

für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn

kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen -- aber ihn selbst?

Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt -- aber wieviel

kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbe es in

Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und

Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?

Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum

von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die

Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und

Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen

der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen

Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der

Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen,

einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit

gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte

in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt.

Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge

hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als

Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens

zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften

Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig

anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten

Schicksalsschläge gebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken

begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen

Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und -- ich wollte

sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen.

Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke

stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?

Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:

»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber

nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir

unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es

nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne -- glauben Sie nicht

auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das

Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt

also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend

einen Beruf?«

»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus --«

»Warum nicht?«

»Er findet, daß man als Advokat zu sehr in die Erbärmlichkeit der

Durchschnittsmenschen hineinverstrickt wird --«

»Er ist also nicht darauf angewiesen, einen Beruf auszuüben?«

»Er ist völlig unabhängig.«

»Der Glückliche! Und doch ist er so unzufrieden? Nein, nein, dafür muß es

einen Grund geben! Ein reicher, unabhängiger Mensch kann doch sonst nicht

so unzufrieden sein!«

Und davon war sie durchaus nicht abzubringen. Eine düstere Grundstimmung

ohne äußere Veranlassung konnte sie als zureichende Erklärung nicht gelten

lassen.

Daß ich zu keinerlei weiteren Mitteilungen zu bewegen war, schien sie bloß

als Unaufrichtigkeit auszulegen, oder als Unfreundlichkeit. Sie fiel mit

einem Male in ihre kühle, statuenhafte Haltung zurück, blieb noch einige

Minuten schweigend neben mir sitzen und empfahl sich dann mit einer

konventionellen Entschuldigung, daß sie gestört habe.

* * *

(Aus einem Briefe.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 9 / 50 题