... Es ist wirklich etwas Unsympathisches in dieser Gegend. Lauter Veduten.
Man kann keine halbe Stunde unterwegs sein, ohne daß man auf einen »Punkt«
gerät. Und dann steht immer in breitspuriger Gegenständlichkeit ein mehr
oder weniger schneebedeckter Berg da, der nichts neben sich aufkommen läßt.
Die Natur hat hier ihre Ruhe und Unbefangenheit verloren. Sie gewährt der
Seele keinen Raum. Sie ist keine Zuhörerin, sie will immer selber reden.
Noch mehr, sie will immer angestaunt werden. Und sie ist durch den Menschen
noch ausdrücklich hergerichtet für das Angestauntwerden.
Es giebt hier schauerliche Felsenkessel, in denen verwitterte Trümmer
übereinandergehäuft sind, ungeheure Wände, die senkrecht herabstürzen,
furchtbare Schluchten, wo eisgrüne Wässer in der Tiefe brausen -- aber alle
diese Schrecknisse sind unschädlich gemacht durch Geländer, Stege, Brücken,
Wegweiser. Man glaubt sich in einer weltverlorenen Einsamkeit, aber
plötzlich erblickt man eine Bank mit der unvermeidlichen Inschrift:
»errichtet vom Verschönerungsverein«. Das erweckt eine verdrießliche
Vorstellung, als wäre einem immer jemand auf den Fersen, als gäbe es keine
Stelle mehr, wo man wirklich mit sich allein sein kann.
Und dazu die Kurgäste, diese Parasiten der Natur! Sie stören und verderben
sie, sie gehören nicht zu ihr. Der Stil einer Landschaft ist vernichtet, wo
die erste Villa steht. Die Villa, das ist die architektonische Verkündigung
eines platten und stimmungslosen Lebens, in dem das Vergnügen die
Herrschaft führt. Man braucht bloß eine Villa und ein Bauernhaus zu
vergleichen, um als Mensch der Stadt etwas wie Beschämung vor den Bauern zu
empfinden. Ihnen hat die Natur ihren Ernst und ihre Einfalt aufgeprägt, die
harte Selbstverständlichkeit mit der sich das Leben vollzieht. Sie haben
noch Stil in ihrer Erscheinung wie in ihren Wohnstätten; man sieht
ihnen an, sie leben mit der Natur in einer wirklichen Ehe, die nicht zum
Vergnügen der Einzelnen gemacht ist, die man nicht aufheben kann, sobald
die Zeiten schlecht werden, in jener strengen und unauflöslichen Ehe,
bei der es um Leben und Tod geht, in der man ausharren muß, auch wenn der
unerbittliche furchtbare Winter anbricht.
Abseits von allen Punkten und Veduten habe ich eine Stelle gefunden, die
nur mir allein bekannt ist -- außer den Einheimischen, die nicht zählen.
Kein Promenadenweg führt hin, keine Marke bezeichnet die Richtung. Es ist
eine Wiese tief im Wald; ringsherum sieht man nur die schwarzen Wipfel der
Fichten und darüber den Himmel. Kein Berg, keine Felsenzacken, nichts, was
sich aufdrängt, was mitreden will. Eine kleine Blockhütte, in der ein
Rest vergilbten Heues vom vorigen Jahre liegt, steht auf der Wiese und am
Waldrand gegenüber eine helle, hohe Buche. Mitten unter lauter Fichten eine
einzige Buche. Zu ihren Füßen liegt ein großer grauer Stein. Jemand, der
lange tot ist, hat einmal die Buche zu dem großen grauen Stein gepflanzt.
Aus irgend einem Grunde, den niemand mehr weiß. Aber die Buche und der
Stein denken in der Stille daran. Ich liebe die Buche und den grauen Stein
wie gute Gefährten, die stumm bleiben, wenn sie sehen, daß man seinen
Gedanken nachhängen will ...
* * *
Seit sechsunddreißig Stunden gießt es in Strömen. Das Thermometer zeigt
sieben Grad Reaumur. Es ist um elf Uhr vormittags so finster in dem langen
Speisesaal, daß die Petroleumlampen angezündet werden müssen. Nun herrscht
ein peinliches Zwielicht; alle diese gelangweilten Gesichter sind halb
blau, halb gelb, sie werden aber nicht interessanter dadurch. Noch weniger
die weiblichen Handarbeiten, die das Regenwetter aus Koffern, Schachteln
und Körben herausgetrieben hat. Eine ganze Armee von Kreuzelstichen ist
längs den Tischen aufgepflanzt; sie eröffnen eine beängstigende
Perspektive auf bürgerliche Wohnungen mit Schutzdecken und Tischläufern und
Salongarnituren samt den dazu gehörigen Kaffeegesellschaften und Visiten.
Ein Aechzen und Stöhnen der Langeweile kommt von allen Tischen, an denen
nicht Karten gespielt wird.
Elmenreich: »Da sitzen wir also einmal in den Wolken! Aber die Wolken sind
Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen kann ... Hol mich Gott! Auch
die Menschen gehören zu jenen Gegenden, die man nur aus der Ferne genießen
kann. Giebt es etwas Deprimierenderes als zweihundert Menschen auf einem
Fleck beisammen? Nicht ohne Grund sind alle großen Menschenfreunde, die
Heiligen, Propheten und Erlöser, in die Wüste gegangen. Hätten sie denn
nicht zusammengesperrt mit zweihundert Exemplaren der Spezies Mensch, alle
Neigung zu ihrem Werke verlieren müssen?«
Am Tische nebenan sitzen zwei ältere Herren.
»Ich muß sagen, ich schlafe hier wie eine Kanone. Von zehn bis sieben in
einem Zug ohne Aufwachen --«
»Bei mir will es noch immer nicht kommen. Alle zwei Stunden bin ich wach,
und von vier Uhr ab geht es überhaupt nicht mehr --«
»Und dieser Appetit! Ich kann meinen Kaffee schon beim Aufstehen kaum
erwarten.«
»Das könnte ich leider nicht behaupten. Und gar heute! Ich glaube,
der Kalbsbraten mit Rahmsauce gestern abends hat mir geschadet. Solche
Gasthaussaucen sind immer verdächtig.«
»Ja, man hat gleich einen verdorbenen Magen!«
»Und ich besonders. Ich vertrage nun einmal keine Veränderung in meiner
gewohnten Kost.«
»Wissen Sie, was ich mache, wenn ich einen verdorbenen Magen habe?«
»O da habe ich auch ein ausgezeichnetes Mittel --«
Elmenreich stand geräuschvoll auf und stieß seinen Stuhl zurück. »Jetzt
kommen die Hausmittel an die Reihe. Da will ich doch lieber einen
Spaziergang im Regen machen. Gehen Sie mit, Arthur?«
Dr. Kranich rauchte friedlich seine Zigarette daneben: »Warum denn? Diese
lieben kleinen Philistergespräche sind doch so nett. Man denkt dabei so
angenehm an nichts. Sie haben etwas Stimmungsvolles wie die Erinnerungen
an die Kindheit; sie bleiben sich immer gleich wie alle guten Dinge auf der
Welt.«
»Doktor Kranich, Panegyriker der Idiotik! Aber das ist Geschmackssache.
Ganz wie Sie wollen; ich gehe.«
An der Thür begegnete er zwei Ankommenden. Es war das schöne Mädchen und
die Uniform mit dem goldenen Kragen. Als diese Beiden herankamen, stieß der
Besitzer des verdorbenen Magens einen Ruf der Erleichterung aus.
»Ah, da sind Sie endlich, Herr Oberst! Wir warten schon mit Schmerzen auf
Sie. Bei diesem verzweifelten Wetter weiß man ja gar nicht, wie man die
Zeit totschlagen soll, wenn man nicht seine Partie Tarock hat.«
Der Oberst grüßte ziemlich unterthänig; er gestand nach gewissenhafter
Vergleichung der Taschenuhren eine Verspätung von zehn Minuten zu und
entschuldigte sich umständlich. Eugenie habe durchaus mitgehen wollen;
aber Frauenzimmer und Pünktlichkeit --! Deshalb sollte ein Soldat von
Rechtswegen niemals heiraten; eine Frau und eine erwachsene Tochter, das
belade einen Soldaten mit zu vielen weiblichen Ansprüchen --
Er schien unversehens die Tarockpartie mit einer Schlacht zu verwechseln
und redete sich in Eifer.
Der Besitzer des verdorbenen Magens wandte sich mit einem galanten Lächeln
gegen die Tochter. Einer so schönen Sünderin sei ja doch im Voraus alles
verziehen; wer würde da nicht sofort die Waffen strecken --?
Dame Eugenie stand unnahbar; sie antwortete weder auf die Vorwürfe, noch
auf das Kompliment mit der geringsten Veränderung ihrer Miene.
Indessen legte sich Dr. Kranich ins Mittel und nahm dem ungestümen Soldaten
die weitere Sorge für seine weibliche Bürde ab, indem er ihr, nicht ohne
korrekt um meine Erlaubnis gebeten zu haben, einen Platz an unserem Tische
anbot. Und dann begann er mit ihr ein Gespräch über Toiletten und Frisuren,
in Ausdrücken und Wendungen, als ob er selbst eine Dame oder ein Schneider
wäre. Er kritisierte ihren Anzug vom Kopf bis zu den Füßen, lobte und
tadelte mit Kennermiene. Durch eine geschickte Handbewegung lüpfte er sogar
den Saum ihres Rockes, um die »=dessous=« zu prüfen.
Sie ließ alles gleichgiltig geschehen. Mit gesenkten Augen gab sie kurze
einsilbige Antworten; wenn sie ihre Augenlider einmal aufschlug -- langsam
und müde, als ob das Gewicht dieser dunklen, langen Wimpern nicht zu heben
wäre -- so that sie es, um einen Blick in die Richtung der Eingangsthüre zu
werfen. Sie schien zerstreut und unruhig; sie hörte nur mit halbem Ohre zu,
kam mir vor.
Es konnte noch keine Viertelstunde vergangen sein, als sich die Thür
öffnete und Elmenreich wieder eintrat.
»Unerträglich, dieses Wetter«, sagte er und schüttelte die Tropfen von
seinem Wettermantel. »Keine Möglichkeit, eine Viertelstunde Luft zu
schnappen, ohne bis auf die Haut durchnäßt zu werden.«
Dr. Kranich befühlte angelegentlich den Wettermantel. Na, das sei aber doch
nicht der Rede wert! Elmenreich scheine noch keine ernsthaften Strapazen
mitgemacht zu haben, wenn er über ein bißchen Feuchtigkeit schon außer Rand
und Band komme --
Ja, ja, er wisse schon, am Ohio und Mississipi sei der Regen viel nässer
als in Europa --
»Sehen Sie nur, Fräulein Eugenie: Dieser Mensch sagt viel lieber mir
eine Bosheit, als Ihnen ein Kompliment. Elmenreich, das ist kein schöner
Charakterzug von Ihnen. Gestehen Sie doch ohne schäbige Ausreden, warum Sie
so rasch wieder zurückgekommen sind.«
Aber Elmenreich wurde gleich sehr übellaunig. Er verbat sich trocken solche
»geschmacklose Bemerkungen«, setzte sich halb abgewendet an den Tisch und
versank in Schweigen.
Auch Eugenie war mit Elmenreichs Erscheinen vollkommen stumm geworden.
Dr. Kranich machte einige Versuche, unbefangen sein Gespräch fortzusetzen;
zuletzt sagte er mit einem sonderbaren Lächeln:
»Ich sehe, Elmenreich, Sie sind entschlossen, mich wegzuschweigen. Sie
haben mit Fräulein Eugenie Dinge zu reden, bei denen ich überflüssig bin.
Nun denn, als großmütiger Rivale räume ich freiwillig das Feld. Kann man
ethischer handeln?«
Elmenreich erblaßte vor Aerger, Eugenie errötete. Lachend entfernte sich
Dr. Kranich und gesellte sich zu einer Gesellschaft am anderen Ende des
Saales.
»Ich -- ich fürchte mich beinahe vor Dr. Kranich«, flüsterte Eugenie mit
einem Blick auf Elmenreich. »Er thut und sagt immer gerade dasjenige, womit
er jemandem am meisten Aerger oder Verlegenheit bereiten kann.«
»Das fehlte noch, daß die jungen Damen anfangen, sich vor ihm zu fürchten«,
versetzte Elmenreich aufgebracht. »Machen Sie ihm um Himmels willen nicht
das Vergnügen, sich durch ihn in Verlegenheit setzen zu lassen!«
»Und doch machen Sie ihm das Vergnügen, sich über ihn zu ärgern!«
»Fällt mir nicht ein. Was er sagt, ist mir so gleichgiltig, wie wenn ein
Hahn kräht oder ein Hund bellt.«
»Also dann -- was ist dann schuld, daß Sie so verstimmt sind, Herr Doktor?«
»Ich bin nicht verstimmt.«
»Und vorgestern -- vorgestern haben Sie auch die Flucht ergriffen, als Sie
uns aus der Kirche kommen sahen!«
»Ach Gott, ich tauge nicht für Gesellschaft. Sie waren ohnedies umringt
genug --«
»Es ist doch nicht alles eins, von wem man umringt ist --!«
Elmenreich machte eine skeptische Miene.
»Ich bin kein passender Umgang für junge Damen. Sie sind an Huldigungen
gewöhnt, Fräulein Eugenie, und Sie haben ein Recht, sie zu beanspruchen.
Aber dazu tauge ich nicht.«
»Habe ich denn Huldigungen von Ihnen beansprucht?«
»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles
erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter
aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur
mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«
»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«
»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes
vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein
interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu
lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie
sind jung und schön, was wissen Sie davon! Mit zwanzig Jahren hat man
keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so
viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn
noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher
vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen,
um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht
wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß
es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......
... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das
Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete
des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein
Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat
alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre
man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen
Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen
kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....
... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von
alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswert
schien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen
geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da
liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« -- das ist
die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der
Thatmenschen aufwiegt!«
Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts
in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise
ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt,
etwas Verstecktes und Abweisendes.
Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht
gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele
ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart --? Es giebt Dinge,
die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann
man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen
Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle
Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann -- --
Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde
gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderen Eindruck auf
mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten,
die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.
Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen
Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als --«
»Um meine großen Reisen? Wieso?«
»Nun ja, Sie sagten doch eben, Sie kennen die ganze Welt? Das wäre mein
sehnlichster Wunsch! Ich möchte das ganze Jahr auf Reisen sein, im Winter
an der Riviera oder in Kairo, im Sommer in der Schweiz oder in Norwegen,
und ich würde nicht müde und schwindlig werden. Man braucht doch in der
Welt nur Geld zu haben, dann stehen einem alle Herrlichkeiten offen. Wenn
ich denke, daß es soviel Sehenswertes giebt, und ich soll es vielleicht nie
kennen lernen --! Ach, nur fort, nur fort!«
Dann, als hätte sie schon zuviel gesagt, verstummte sie jählings, und hörte
wieder unbeweglich zu, während Elmenreich eine große Rede über das Lästige
und Banale der Vergnügungsreisen hielt.
Später kam jemand von einem Nachbartisch herüber.
»Können Sie vielleicht Auskunft geben, Herr Doktor«, sagte er zu Elmenreich
mit Gelächter, »wo steckt denn Pipin? Es ist schon ein allgemeines Fragen
um ihn. Die jungen Damen möchten gerne Kirschen haben; da könnte doch Pipin
geschwind einmal in den Markt laufen.«
Er lachte laut.
Eugenie sah den Lachenden von oben herab an.
»Pipin ist in den Markt gegangen, um etwas aus der Apotheke zu holen«,
sagte sie kühl. »Die Mama hat ihn darum gebeten; sie ist heute nicht ganz
wohl.«
Der Lachende entschuldigte sich und ging an seinen Tisch zurück. Dort
entstand eine große Heiterkeit; der Umstand, daß Pipin im Regen herumlaufen
mußte, schien eine unwiderstehliche Komik zu haben.
* * *
Ein grelles, kreischendes Lachen nähert sich. Es ist die Dame mit dem
bunten Blumenhut, die so lacht, und ihr Begleiter, der sie so unterhält,
ist einer der anwesenden Würdenträger. Daneben geht Eugenie, stumm,
unbeweglich, mit einem lässigen, müden Schritt, und einem Gesicht, das so
teilnahmslos ist, als höre sie einem Gespräch in einer fremden Sprache zu.
Als sie schon fast vorüber war, erblickte sie mich. Sie grüßte, zögerte
einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.
»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen
Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen
ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter
mitzugehen.«
Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte
sich mit dem amüsanten Würdenträger.
Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.
»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders
als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er
sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches,
das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie
kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«
Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse
für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn
kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen -- aber ihn selbst?
Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt -- aber wieviel
kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbe es in
Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und
Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?
Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum
von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die
Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und
Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen
der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen
Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der
Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen,
einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit
gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte
in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt.
Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge
hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als
Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens
zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften
Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig
anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten
Schicksalsschläge gebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken
begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen
Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und -- ich wollte
sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen.
Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke
stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?
Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:
»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber
nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir
unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es
nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne -- glauben Sie nicht
auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das
Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt
also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend
einen Beruf?«
»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus --«
»Warum nicht?«
»Er findet, daß man als Advokat zu sehr in die Erbärmlichkeit der
Durchschnittsmenschen hineinverstrickt wird --«
»Er ist also nicht darauf angewiesen, einen Beruf auszuüben?«
»Er ist völlig unabhängig.«
»Der Glückliche! Und doch ist er so unzufrieden? Nein, nein, dafür muß es
einen Grund geben! Ein reicher, unabhängiger Mensch kann doch sonst nicht
so unzufrieden sein!«
Und davon war sie durchaus nicht abzubringen. Eine düstere Grundstimmung
ohne äußere Veranlassung konnte sie als zureichende Erklärung nicht gelten
lassen.
Daß ich zu keinerlei weiteren Mitteilungen zu bewegen war, schien sie bloß
als Unaufrichtigkeit auszulegen, oder als Unfreundlichkeit. Sie fiel mit
einem Male in ihre kühle, statuenhafte Haltung zurück, blieb noch einige
Minuten schweigend neben mir sitzen und empfahl sich dann mit einer
konventionellen Entschuldigung, daß sie gestört habe.
* * *
(Aus einem Briefe.)