... denn in einen Kurort geschickt werden, hat immer etwas von einer
Verbannung. Man wird herausgerissen aus der natürlichen Lebensform und in
eine künstliche verpflanzt, in welcher der Müßiggang regiert. Man fühlt
sich ausgeschaltet, unnütz, überflüssig.
Und daß ich hier ohne dich ausharren muß, macht das Gefühl des
Verbanntseins noch lebhafter. Ohne dich nimmt das Leben für mich eine
seltsame Kälte und Fremdheit an; es ist, als ob es alle Wärme und alles
Licht von dir empfinge. Die Menschen und Dinge gleiten an mir vorbei, aber
sie nähern sich mir nicht. Und so werde ich hier allein herumgehen und
darüber nachdenken, wie öde die Welt ist ohne diese göttliche Zuflucht
einer geliebten Seele. Ich werde allein herumgehen unter lauter Fremden,
die da neben mir hinleben mit undurchdringlichen Stirnen wie mit
geschlossenen Visieren, gleichgültig, höflich, nur mit sich selbst
beschäftigt --.
Aber du hast recht: ich bin undankbar. Ich vergesse, daß Elmenreich da ist.
Ja, Elmenreich ist da. Er erwartete mich auf dem Bahnhof, als ich ankam;
er hatte ein Bouquet Alpenrosen mitgebracht, um es mir zu überreichen. Ich
glaube, daß er sich sogar über meine Ankunft freute. Und das Gesicht eines
Freundes an einem fremden Orte ist auf alle Fälle ein lieber Empfang. Aber
-- je nun, Elmenreich ist der Mensch des Aber. Ich glaube fast, daß er es
gewesen ist, der mich auf den Gedanken an die undurchdringlichen Stirnen
und die geschlossenen Visiere brachte. Das scheint ihm gegenüber nicht am
Platze zu sein; redet er denn nicht so viel, teilt er nicht alles mit,
was ihm durch den Kopf geht --? Aber gerade sein vieles Reden macht ihn
unerkennbar, kommt mir vor. Zum mindesten erscheint er mir in dieser
fremden Umgebung nicht wie ein Altbekannter, wie ein Freund. Ich weiß
nicht, warum: ich hatte auf einmal den Eindruck, als sei er ein anderer.
Bei uns zu Hause, auf seinem gewohnten Platz, mit uns allein, ist er mir
etwas Vertrautes, zu uns Gehöriges gewesen; hier fühlte ich plötzlich,
wie wenig man einen Menschen kennt, den man immer nur in _einer_ Situation
gesehen hat ...
* * *
Elmenreich begleitet mich auf meinem vorgeschriebenen Morgenspaziergang,
obwohl er selbst nicht zum Kurgebrauch hier ist. Ich verstehe nicht ganz,
warum er sich hier aufhält. Hört man ihn, so gewinnt man den Eindruck,
daß ihm hier nichts behagt, am wenigsten die vielen Menschen, mit denen er
fortwährend in Berührung kommt.
»Fremde Menschen -- was für eine Plage! Sich selbst wieder in Szene setzen
müssen! Sich aufspielen müssen vor diesen gleichgültigen Augen, deren Blick
immer an der Oberfläche haften bleibt! Und dazu das Befremden über das
wunderliche Wesen, das aus der stillen Intimität des eigenen Innern
herausgestiegen kommt! Wie angenehm haben es doch die Leute, die sich
immer so wohl fühlen in der eigenen Haut, daß sie niemals auf den Gedanken
kommen, was für ein erstaunliches und rätselhaftes Ding dieses Ich im
Grunde doch ist, dieses Ich, das da in unserem Körper agiert wie ein
schlechter Schauspieler. Zu denken, daß es Menschen giebt, die noch nicht
auseinandergefallen sind in Zuschauer und Schauspieler! Die immer ganz bei
sich zu Hause sind, sich ganz identifizieren mit dem =Spiritus familiaris=,
der die Maschine in Bewegung setzt. Weiß der Teufel: was mich betrifft,
mein Zuschauer zischt seinen Schauspieler gewöhnlich aus. Er ist gewöhnlich
nicht erbaut über das Auftreten dieses mittelmäßigen Künstlers. Und doch
ergreift er, wenn's darauf ankommt, für ihn Partei gegen das Publikum in
der Außenwelt, das ihn aus der Stimmung bringt. Uff! Wenn der Mechanismus
des Innenlebens so kompliziert geworden ist, sollte man sich nicht mehr
den Berührungen aussetzen, die mit der Geselligkeit verbunden sind. Man
erleidet zu viele Störungen. Und man braucht einen unverhältnismäßigen
Aufwand von Kraft, um sich wieder ins Gleichgewicht zu setzen ...«
Wir waren eine Stunde oder länger auf einem einsamen Waldweg gegangen; als
wir auf den Promenadeweg einlenkten, kamen gerade die Kurgäste von ihrer
Morgentour zurück. Es wimmelte nur so von Menschen. Und Elmenreich kannte
jedermann, begrüßte jedermann, blieb mit jedermann fünf Minuten beisammen
stehen.
»Diese vielen Begegnungen sind Ihnen gewiß lästig«, sagte ich. »Könnten wir
nicht einen anderen Weg einschlagen?«
Man braucht hier bloß hundert Schritt abseits zu gehen, auf einen der Wege,
die der Verschönerungsverein nicht in Stand hält, und man ist ganz allein.
Aber Elmenreich überhörte meine Bemerkung. Er schien sich in dieser
Gesellschaft ganz wohl zu fühlen.
»Nur eines bitt' ich Sie, Elmenreich: stellen Sie mir nicht alle Ihre
hiesigen Bekannten vor, wenn wir ihnen begegnen!«
»Das geht doch nicht anders«, antwortet er erstaunt. »Was würden sonst die
Leute denken?«
»Nun, Sie könnten ja Ihren Bekannten nachträglich sagen, daß ich
menschenscheu bin oder dergleichen --«
Das versetzte ihn in Heiterkeit:
»Sie und menschenscheu! Niemand paßt besser für den Umgang mit Menschen als
Sie! Sie besitzen die Gabe des Zuhörens -- und im Grunde verlangt jeder zu
allererst von seinen Mitmenschen, daß sie hören, was er zu sagen hat. Jeder
will selber reden, keiner will zuhören. Deshalb ist ein aufmerksamer und
teilnahmsvoller Zuhörer der geeignetste Gesellschafter. In diesem Punkte
werden Sie nur von einer einzigen Person übertroffen, die ich kenne, und
das ist Pipin.«
»Pipin? Wer ist Pipin?«
»Pipin -- mna, Pipin ist Pipin. Gegenwärtig befindet er sich auf einer
Bergtour mit Dr. Kranich. Wenn er zurückkommt, werde ich ihn Ihnen
vorstellen -- außer Sie bestehen darauf, daß ich Sie mit niemandem mehr
bekannt mache --?«
* * *
Sonntag.
Die Messe war aus. Ein Strom von Menschen ergoß sich ins Freie,
Einheimische und Sommergäste durcheinander. Unter diesen größtenteils
Damen, aber auch eine kleine Anzahl älterer Herren.
Elmenreich lehnte sich an das eiserne Geländer, das die Umgebung der Kirche
von der höhergelegenen Fahrstraße trennt, und sah hinunter.
»Da kommen sie alle, die Sonntagsreiter des Glaubens«, sagte er
verächtlich, »alle, die sich's mit dem lieben Gott nicht verderben wollen,
für den Fall, daß er wider Erwarten doch da sein sollte. So machen sie
ihm jeden Sonntag wenigstens eine Anstandsvisite, wenn sie sich schon die
übrige Woche nicht um ihn kümmern. Mich wundert nur, daß diese Männer sich
nicht schämen, mitten unter den Weibern einherzumarschieren --«
Da sagte hinter uns eine helle, übermütige Stimme in einem spöttisch
wohlwollenden Ton: »Warum wundern Sie sich darüber, Elmenreich? In Amerika
ist das nichts Ungewöhnliches. Dort gehört das Kirchengehen durchaus nicht
bloß zum =cant= der Frauen.«
Als ich mich umwandte, sah ich zwei Reihen wundervoller weißer Zähne, die
aus einem lachenden Mund blendend hervorblitzten. Diese Zähne beherrschten
das ganze Gesicht; ich hatte fürs erste keinen anderen Eindruck als ein
phänomenales Gebiß.
Elmenreich sagte halb über die Achsel: »Haben es denn dort die Leute auch
notwendig?«
»Warum haben es die Leute hier notwendig, nach Ihrer Meinung?« versetzte
das phänomenale Gebiß.
»Nun, es giebt bei uns gewisse Esel, die eine Löwenhaut tragen, und es
daher als ihre Pflicht betrachten, »mit gutem Beispiel voranzugehen«, oder
auch Wölfe, die es für ihr weiteres Fortkommen zuträglich halten, wenn sie
sich einen Schafpelz umhängen, oder auch Schweine, die sich in den Geruch
der Frömmigkeit bringen wollen, um sich für höherstehende Nasen angenehm zu
parfümieren --«
»Gott wie witzig! Strengen Sie sich nicht so an, Elmenreich! Sie leben
noch in dem Glauben, daß der höhere Mensch geistreich sein muß. Wissen Sie
nicht, daß der Witz längst aus der Mode ist? Daß es nichts Altmodischeres
giebt als das Geistreichsein?«
»Wodurch zeichnet sich denn gegenwärtig der höhere Mensch aus -- nach Ihrer
Meinung?«
»Durch sein Herz!«
Elmenreich wandte sich mit einem Ruck nach dem phänomenalen Gebiß um.
»Wie? Durch sein Herz? Was ist das Neues? Seit wann sind Sie auf das Herz
verfallen?«
»Ich suche nur mehr Menschen von Herz. Gedanken sind überflüssig und
unangenehm; Gefühl ist das Einzige, was das Leben erträglich macht. Ich bin
für die schönen Gefühle; alles andere lehne ich gegenwärtig ab.«
Elmenreich lachte höhnisch und sagte zu mir gewendet laut: »Dieser Doktor
Kranich hat immer geniale Einfälle! Es ist ja unendlich wohlfeiler, auf
Gefühle zu posieren als auf Gedanken. Gedanken muß man mindestens irgendwo
gelesen haben, während man Gefühle ohne weiteres aus Eigenem bestreiten
kann --«
Obwohl Dr. Kranich hierauf ein jauchzendes Lachen ausstieß und sich
vor Vergnügen auf den Zehenspitzen schaukelte, fand ich es nicht ganz
behaglich, so als Schallwand für Elmenreichs Glossen zu dienen.
»Das ist Dr. Kranich?« fragte ich, um das Gespräch abzubrechen. »Da muß
also auch Pipin wieder hier sein?«
»Oh meine Gnädigste -- =I beg your pardon=, Elmenreich hätte mich wohl
vorstellen können --«
»Die gnädige Frau ist menschenscheu, man darf ihr niemanden vorstellen«,
brummte Elmenreich.
Daraufhin blieb mir nichts übrig, als in Dr. Kranichs Gelächter
einzustimmen. Ich bemerkte, daß über seinen herrlichen Zähnen zwei
schwarze, stechende Augen funkelten, die durchaus nicht mitlachten.
»Was aber Pipin betrifft, meine Gnädigste, so muß ich bemerken, daß wir
beide keineswegs =inséparables= sind, wie Sie anzunehmen scheinen --«
»Na, lieber Arthur, wenn Sie wirklich die Menschen nach dem Herzen
taxieren, dann können Sie sich nur eine Ehre daraus machen, mit Pipin in
einem Atem genannt zu werden.«
Dr. Kranich jauchzte wieder laut auf.
»Unbezahlbar, dieser Elmenreich!« sagte er wie überwältigt vor Vergnügen.
»Ist er nicht amüsant, gnädige Frau? Was für eine himmlische Grobheit!
Darin ist er unübertrefflich, unnachahmlich! Ich kenne auf beiden
Hemisphären keinen Menschen, der ihm darin gleich käme. Aber Sie haben
recht, Elmenreich: ich sollte in Pipins Gesellschaft mein Herz zu bilden
suchen. Und ich will gleich den Anfang damit machen.«
Er lüftete den Hut und schwang sich mit behenden Sätzen die Stufen hinab,
die zur Kirche führten. Etwas Mutwilliges, Selbstbewußtes, Ueberlegenes war
in seinen Bewegungen, wie er so hinuntersprang. Seine Gestalt war schlank
und biegsam; der schwarzblaue Stoff seiner enganliegenden Kniehosen
zeichnete in knappen Falten langgestreckte, elegante Glieder. Er erinnerte
an eine jener königlichen Katzen des Südens, die eben so schön sind als
gefährlich, an einen schwarzen Panther, der wohl gezähmt ist, vor dem man
aber doch auf der Hut bleiben muß.
Unter der Kirchenthür erschienen eben so ziemlich als die Letzten
eine auffallend schöne junge Dame und an ihrer Seite ein unbedeutend
aussehender, ganz junger Mann, mit einem blonden Backenbärtchen, das wie
der Flaum eines eben ausgekrochenen Küchleins war. Hinter ihnen tauchte
noch eine Uniform mit goldenem Kragen und ein bunter Blumenhut von
ansehnlichem Umfang auf.
Elmenreich wandte sich ab. »Gehen wir, bevor sich diese ganze Gesellschaft
uns an die Fersen hängt«, sagte er finster.
* * *
(Aus einem Briefe.)