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Neulich einmal waren wir in einer Gesellschaft mit dem Advokaten beisammen,
der den Ehescheidungsprozeß Josef Balthasar Stöger's geführt hatte.
Natürlich kam das Gespräch gleich auf diesen Fall. Denn in der Welt wurde
gerade von nichts anderem geredet -- das heißt, in einem jener vielen
bürgerlichen Kreise, von denen jeder annimmt, daß er »die Welt« sei. Die
Welt also war sehr beschäftigt mit Josef Balthasar Stöger's ehelichen
Angelegenheiten. Er selbst hatte sich der Teilnahme wie der Neugier,
allen bedauernden Händedrücken und indiskreten Blicken so bald als möglich
entzogen und eine Reise um die Erde angetreten.
Man wußte ja längst, daß er von seiner Frau betrogen wurde; vom ersten Tag
seiner Ehe an hatte niemand etwas Anderes erwartet. Es war alles gekommen,
wie es kommen mußte, mit unfehlbarer Sicherheit und Notwendigkeit.
Etwas von einem Naturgesetz lag darin, beinahe etwas Beruhigendes und
Befriedigendes. Josef Balthasar Stöger war dazu geboren, betrogen zu
werden. Jedermann hatte auch vorausgesetzt, daß er sich mit dieser
Thatsache bei Zeiten abgefunden, sich ohne Widerstreben in das
Unvermeidliche ergeben habe. Deshalb war an der ganzen Sache nur eines
unverständlich: warum er versuchte, sich das Leben zu nehmen, als er an der
Untreue seiner Frau nicht mehr zweifeln konnte. Er schoß sich eine Kugel in
die Brust, wie um dieses thörichte Herz zu strafen, das ihn so sehr in die
Irre geführt hatte. Aber die Kugel war mitleidiger als seine Frau; sie ging
an seinem Herzen vorbei, und er mußte weiterleben in all dem Aufsehen, das
die Entlarvung und Scheidung mit sich brachte.
Allerdings blieb es nicht unbekannt, daß nicht er es war, der diese
Entlarvung herbeigeführt hatte. Seine Mutter und seine verheiratete
Schwester, empört nicht minder über seine Langmut wie über das Treiben
seiner Frau, waren die Regisseure. Sie hatten es, wie die Welt behauptete,
geradezu darauf abgesehen, seine Frau so öffentlich als möglich
bloßzustellen, damit er endlich genötigt wäre, Ordnung zu machen, und nicht
länger versuchen könnte, die Augen zuzudrücken.
Ja, Josef Balthasar Stöger war ein lässiger Wächter seiner Ehre gewesen --
darin lag seine Schuld. Die Untersuchungen der Welt, wie weit auch er für
sein eheliches Mißgeschick verantwortlich sei, führten stets zu diesem
Ergebnis. Und noch etwas fiel sehr zu seinen Ungunsten in die Wagschale.
Er war ein lächerlicher Mensch. Wie konnte ein lächerlicher Mensch die
Anmaßung haben, eine so schöne Person zu heiraten und zu glauben, daß
er ihr als Mann genügen werde? Ein lächerlicher Mensch sollte niemals
heiraten; man kann als Frau allenfalls einen launenhaften, einen treulosen,
einen groben, einen tyrannischen Mann ertragen, nur einen lächerlichen
nicht.
Als das Gespräch bei dieser These angelangt war, sagte der Advokat zu der
Dame, die sie aufstellte:
»Verzeihen Sie, meine Gnädige, was wollen Sie damit sagen, daß er ein
»lächerlicher Mensch« war? Worin bestand denn das Lächerliche an ihm, wenn
ich fragen darf?«
»Das läßt sich nicht definieren. Alles an ihm war lächerlich; er hatte ein
lächerliches Air; wenn er eine Bewegung machte, so sah er lächerlich aus,
und wenn er etwas sagte, so bekam es gleich einen lächerlichen Anstrich --
mit einem Wort, er war eben ein lächerlicher Mensch.«
»Merkwürdig! Ein Mensch von so grenzenloser Herzensgüte müßte doch eher
etwas Sympathisches haben, namentlich für Frauen, sollte man meinen. Aber
ich bemerke, daß es gerade die Frauen sind, die ihn lächerlich finden.«
»Herzensgüte! Was nennen Sie denn seine Herzensgüte? Er ist ein schwacher
und bornierter Mensch, alles in allem; zuerst hatte ihn seine Frau am
Gängelband und jetzt Mutter und Schwester --«
»Aber ganz und gar nicht, meine Gnädigste! Wenn es nach dem Willen seiner
Angehörigen gegangen wäre, hätte er gegen seine Frau von aller Schärfe
des Gesetzes Gebrauch machen müssen. -- Wie die Dinge lagen, wäre er nicht
verpflichtet gewesen, ihr auch nur einen Kreuzer auszusetzen. Und Sie
wissen ja, daß seine Frau von Hause aus gänzlich unbemittelt war. Er aber
hat, gegen den Willen seiner Angehörigen, wohlgemerkt, in der freigebigsten
Weise für sie gesorgt, so freigebig, daß er sich selbst, trotz seines
Reichtums, manche Einschränkung wird auferlegen müssen.«
»Das war sein Fehler von allem Anfang an«, sagte eine alte Dame
stirnrunzelnd. »Er hätte seiner Frau von Anfang an den Herrn zeigen müssen,
statt ihr in allen Dingen nachzugeben. Eine Frau, die sich nicht vor ihrem
Manne fürchtet, wird sich immer allerhand erlauben, was schließlich auf
Abwege führt.«
* * *
Während der letzten Jahre hatte ich Josef Balthasar Stöger allmählich aus
den Augen verloren; und der unglückliche Ausgang seiner Ehe schien mir
nicht der geeignete Anlaß, neuerdings mit ihm anzuknüpfen. Es wäre für ihn
nur eine schmerzliche Mahnung gewesen, daß er seinen Weg nicht mit Glück
gegangen war -- eine doppelt schmerzliche Mahnung, weil auch ich seinerzeit
zu denen gehörte, die ihn davon abzuhalten suchten.
Der Zufall wollte es, daß ich am Tage nach dem voranstehenden Gespräch
einen Brief von ihm erhielt.
An Bord des »Cristoforo Colombo«
27. März 1900.
Verehrte Frau!
Seit gestern Morgen bin ich auf dem hohen Meer. Die alte Welt ist
hinter mir in den Ozean versunken -- nichts mehr als Wasser und Himmel,
so weit das Auge reicht. Ich mache keinen Versuch, von der Größe dieses
Schauspiels zu reden; ich will nur sagen, daß ich jetzt erst den Mut
finde -- nein, Mut ist nicht das rechte Wort, denn ich brauche
gar keinen Mut dazu, um Ihnen gegenüber, die Sie immer meine
nachsichtsvolle Freundin waren, das Vergangene zu erwähnen. Also daß
ich jetzt erst das Bedürfnis fühle, mich mit Ihnen in Verbindung zu
setzen. Sie werden wohl denken: er ist halt auch so ein Undankbarer,
der sich um seine alten Freunde nicht kümmert, bevor nicht das Unglück
bei ihm eingekehrt ist. Aber sehen Sie, gerade, weil das Unglück hinter
mir versunken ist wie die alte Welt, deshalb komme ich wieder zu Ihnen.
Nicht das Leiden, nur das Unglück. Und bisher habe ich nicht gewußt,
daß das zweierlei ist. Wie soll ich es Ihnen nur sagen? Mein Herz ist
wieder voll Dank, voll Dank; und zugleich ist es doch tot, verdorrt
wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich ausgerissen worden ist. Dieser
Vergleich paßt aber nicht; denn ich lebe ja wieder, ich lebe wieder
innerlich, als ob ich ein anderes Erdreich gefunden hätte. Und das ist
es, was ich Ihnen erzählen will.
Vor vier Tagen habe ich mich in Genua eingeschifft. Meine Mutter hat
mich bis dahin begleitet; und ich weiß kaum, wie ich hingekommen bin.
Ich ließ mit mir geschehen, was festgesetzt war; mein Schwager hatte
das Reiseprogramm ausgearbeitet, Ankunft, Abfahrt, Ankunft, Abfahrt,
alles zuverlässig nach dem letzten Eisenbahntarif. Ich sollte an die
Riviera, in die belebtesten, elegantesten Orte, wo sich die Hautevolée
von ganz Europa trifft und alle Tage ein anderes Fest ist. Zerstreuen
sollte ich mich, niemals einen Augenblick mit mir allein sein, immer
unter Menschen, immer im Gewühl, umgeben von heiteren sorglosen
Gesichtern: Das hatten sie mir verordnet. Es war schrecklich. Der bloße
Gedanke an die Unterhaltungen, die mir bevorstanden, raubte mir die
Fassung. Da war freilich nicht viel zu rauben. Gefaßt -- o Gott,
ich war nicht gefaßt, ich war nur stumpf, nur müde, nur innerlich
gestorben. Jeden Tag in der Frühe beim Aufwachen dachte ich mit
Schaudern: ein ganzer Tag, ein ganzer, endloser Tag fängt wieder an!
Wozu, wozu? Wozu geht ein unnützer, lebensuntauglicher, schiffbrüchiger
Mensch mit einem falschfreundlichen Gesicht herum und will sich
zerstreuen, und will thun, als hätte er noch etwas vom Leben zu
erwarten? -- Dann war ich nicht imstande, den Entschluß zu fassen,
der dazu gehört, sich im Bett aufzusetzen, und blieb liegen wie ein
Gelähmter, unfähig, ein Glied zu rühren, bis die Mutter den Kopf bei
der Thür hereinsteckte und mit ihrer ängstlichen Stimme sagte: »Fehlt
dir was, Pepi, weil du nicht aufstehst? Soll ich um einen Doktor
schicken?«
So waren wir nach Genua gekommen, und so sollten wir am nächsten Morgen
nach San Remo weiterfahren. Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand
auf, zog mich an und ging fort. Es war noch nicht Mitternacht. Der
Hausknecht wollte eben das Thor zumachen; er grüßte mich mit einem
einverstandenen Grinsen und trug sich als Führer an. Ich sagte, ich
wüßte schon meinen Weg, und ging so rasch davon, als wüßte ich ihn
wirklich. Das Meer ist aber in Genua nicht schwer zu finden; man kann
es nicht verfehlen, wenn man nur immer bergab geht. Und als ich unten
war, ging ich an der Küste fort, aus der Stadt hinaus. Da war ich
endlich allein, nach allen diesen furchtbaren Wochen das erste Mal
wieder allein!
Der abnehmende Mond stand über dem Meer; unten an den Felsen leuchtete
die Brandung. Ihr gleichmäßiges Rauschen hatte etwas Besänftigendes,
etwas Verlockendes. Man brauchte nur hinabzusteigen, zehn Schritte,
fünfzehn Schritte -- vielleicht glitt man in dieser schwachen
Helligkeit aus und fiel hinab zwischen die Klippen, wo die
Brandung rauschte. Dann wurde man hinausgetragen in das glänzende
Meer -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
Hatte ich denn noch ein Recht zu leben? Ich lebte ja gegen meinen
Wunsch und Willen, nur aus einer Ungeschicklichkeit, weil ich auch hier
nicht zu treffen verstanden hatte. Immer daneben zu greifen, immer
das nicht zu sehen, was jeder andere sieht -- unverbesserlich,
unabänderlich, unheilbar dumm, das lag auf mir mit einer unerträglichen
Gewißheit und erdrückte mich. Wenn irgend ein Mensch gewarnt worden
war, wenn irgend ein Mensch die Möglichkeit gehabt hatte, seinem
Unglück zu entgehen, so war ich es. Das war ja das unerträglich
Demütigende, daß alle, die mich mit Güte oder mit Gewalt seinerzeit
von meinem Willen abbringen wollten, recht behalten hatten, und ich
mit meiner innerlichen Sicherheit, mit meinem Glauben und Vertrauen
Unrecht!
Aber hier, in dieser ungeheuren Einsamkeit, hatte dieser Gedanke
auf einmal seinen Stachel verloren. Auf einmal erschien er mir ganz
gleichgültig. Er fiel von mir ab wie eine Kette, in der ein Glied
aufgeht.
Und wie ich so saß und hinausstarrte auf den schimmernden
Meeresspiegel, fühlte ich, daß eine Wandlung in mir vorging. Dieses
ohnmächtige kleine Ich, dessen Nichtigkeit mich so elend machte,
schien hinauszufließen in die weite Welt und wurde ein Teil von ihr; es
gehörte zu ihr wie der Stein, auf dem ich saß, wie der Nachtwind, der
in den Büschen säuselte, wie das Wasser, das da unten rauschte. Und aus
dieser Weite kam es zu mir zurück als ein Geschenk der Natur, in das
sie etwas von sich selbst hineingelegt hat, das Beste, was sie geben
kann. Und jetzt schien es mir nicht mehr elend und gering. Und jetzt
sah ich alles in einem anderen Licht. Etwas Neues kam über mich, das
ich nicht ausdrücken kann, so ein Gefühl, daß alles, was sich ereignet
hatte, notwendig und in sich unabänderlich war. Daß es für mich das
Leben war, das zu mir gehörte, und daß kein anderes aus mir hervorgehen
konnte, und daß ich es deshalb hinnehmen mußte, ohne zu mucksen, weil
es eben das meinige war, wie ein Vater sein Kind hinnehmen muß, wenn
auch andere Leute schönere, begabtere, glücklichere Kinder haben. Wenn
mir jetzt die Macht gegeben worden wäre, diese sieben Jahre aus meinem
Leben zu streichen, hätte ich es gethan? Wenn ich wieder dorthin
gestellt worden wäre, wo ich vor sieben Jahren stand, hätte ich anders
gehandelt? Nein, tausendmal nein!
Und da fiel die andere Kette von mir ab. Sobald alles in mir selbst
beschlossen lag, dann brauchte ich auch kein Ankläger mehr zu sein,
kein Richter und kein Rächer. Ich hatte der Welt die Ehre gegeben, das
war ihr Recht -- sollte ich für mich nicht die Liebe behalten dürfen?
Die war mein Eigentum, innerlich, und alles äußerliche Geschehen hatte
damit nichts zu schaffen. Die ganze Zeit her war ich in einer Art
Verpflichtung zu Groll und Haß gesteckt wie in einem Panzer, hatte mir
mit aller Gewalt weiß machen wollen, daß alles aus sei zwischen ihr und
mir. Jetzt aber, ganz allein mit Himmel und Erde, wußte ich, daß sich
in meinem Innern nichts geändert hatte, daß sich nie etwas ändern
würde. Alles, was geschehen war, war nur an der Oberfläche geschehen,
in der Tiefe blieb alles wie früher. Und sollte es bleiben. Vielleicht
wird auch ihr das Leben eines Tages schwer und bitter sein, vielleicht
wird ein Tag kommen, an dem sie Hilfe braucht -- aber auch wenn dieser
Tag niemals kommt! Für mich ist sie wieder, was sie früher für mich
war, das schöne, herrliche, hohe Weib, das sie sein könnte, wenn es
keine äußeren Einflüsse gäbe, denen sie unterliegt. Dieses Bild ihres
wahren Wesens lebt in mir, untrennbar mit mir verbunden, dieses Bild
bleibt mein eigen, ist mein für alle Zeit. Es war ein Schiff, das fuhr
im Sonnenschein übers Meer; dann kam ein großer Sturm, und es ging
unter. Niemals mehr wird es über das blaue Meer fahren. Aber unten auf
dem Grunde liegt es still und unversehrt. Die stummen Fische betrachten
es mit ihren großen runden Augen, und bunte Muscheln, schön wie
Schmetterlinge, setzen sich darauf ...
Und während der Nachtwind von den blühenden Gärten Frühlingsgerüche
an mir vorübertrug, während der Mond seinen Weg über den wolkenlosen
Himmel vollendete, während die Brandung leise wurde, und das Meer
glatt, schien es mir, als ob diese Meeresstille in mich hereinflösse
und mich ausfüllte mit ihrer großen Ruhe und Herrlichkeit. Erinnerungen
kamen und gingen; aber sie hatten nichts Peinigendes mehr. Ich dachte
an eine andere Mondnacht; da spiegelte sich auch diese glänzende
Scheibe in einer stillen Wasserfläche. Lachende glückliche Menschen
standen herum und spielten mit glänzenden Gedanken. Erinnern Sie sich
noch, gnädige Frau? Damals erzählte Dr. Kranich die Geschichte von der
Mondfee und den schwarzen Schwänen, über die ich so lachte, weil ich
keine Ahnung hatte, wie ominös sie war. Und Elmenreich machte daraus
eine Geschichte vom fliegenden Holländer, die ich auch nicht ganz
verstand. O diese nachträgliche Einsicht, daß man nichts von dem
verstanden hat, was um einen vorging! Aber still! Das ist ja vorüber
und abgethan. Mir ist jener Abend unvergeßlich geblieben, weil ich
damals zum erstenmal in einer plötzlichen Eingebung fühlte, daß sich
etwas Großes und Neues in mir zugetragen hatte. Es war kühl geworden,
während wir da unten am Ufer standen und lachten; ich glaubte bemerkt
zu haben, daß sie schauderte. Als ich ihr ihre Jacke brachte, sah sie
mich mit einem so seltsamen Blick an; und dann -- ich hielt ihr die
Jacke zum Anziehen -- dann lehnte sie sich einen Augenblick, einen ganz
flüchtigen Augenblick lang an meine Schulter. Nein, niemals wird
der Glanz, den dieser Augenblick in meine Seele goß,
erlöschen! -- -- -- -- --
-- -- Die Zeit verging. Ich versank allmählich in einen Halbschlummer,
ohne daß ich die Augen von dieser magischen, unendlichen Meeresfläche
abwenden konnte. Alte Knabengeschichten, Knabenwünsche tauchten wie im
Traume auf, die kühnen Robinsonaden, von denen man voll ist, wenn man
die ersten Indianerbücher in die Hand bekommt. Vielleicht lag in meinen
Knabenidealen ein richtiger Instinkt: es wäre doch besser für
mich gewesen, ich wäre irgendwo am Orinoko oder Maranon Pflanzer
geworden ... (Sie sehen, ich bin vor Rückfällen noch immer nicht
sicher!)
Jedenfalls hat die seltsame Klarheit, mit der diese Gedankenwelt wieder
vor mir aufstieg, das Kommende vorbereitet. Als ich nämlich in der
ersten Morgendämmerung über den Hafen nach Hause ging, fiel mir ein
großer Dampfer in die Augen, auf dem schon in dieser frühen Stunde
ein geschäftiges Treiben herrschte. Ich redete einen vorüberkommenden
Matrosen an: um acht Uhr ging das Schiff nach Rio de Janeiro ab. Und
wie ein Blitz durchfuhr es mich: Da gehst du mit! Ich lief nach Hause;
noch ganz außer Atem stürzte ich zur Mutter hinein, und sagte: Mutter,
steh auf, packe meine Sachen; ich fahre heute um acht Uhr nach Rio
de Janeiro. Die arme Frau glaubte im ersten Schrecken, ich hätte den
Verstand verloren. Aber als sie sah, daß ich Ernst machte, und auch,
daß ich voll froher Laune und ein verwandelter Mensch war, ergab sie
sich leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte, in meinen Entschluß.
Sie dürfen mir glauben, gnädige Frau: als die Ankerkette rasselte und
die erste unbestimmte Bewegung durch das Schiff ging, da erfüllte
mich ein so reines, ganzes Gefühl, wie ich es seit Jahren nicht mehr
empfunden habe. Seit Jahren! Aber nichts mehr davon! Ich gehe in die
neue Welt -- nicht um ein neuer Mensch zu werden, sondern um mich mit
dem alten in mir dauernd wieder vertragen zu lernen. Und so werde ich
auch von der anderen Seite der Erde eines Tages -- kann sein erst in
vielen Jahren -- wieder zurückkommen
als Ihr getreuer, unveränderlicher
Pipin.
* * *
Diese Zeilen riefen mir vergangene Zeiten lebhaft in die Erinnerung zurück.
Sie waren der Anlaß, daß ich mich wieder mit Personen und Ereignissen zu
beschäftigen begann, die inzwischen aus meinem Gesichtskreis entschwunden
waren. Ich suchte alte Papiere hervor, Briefe, die ich in einer
mehrmonatlichen Abwesenheit an meinen Mann geschrieben hatte, Tagebücher,
in denen ich manches aufgezeichnet hatte, was mir aus besonderen Gründen
damals nahe ging. Damals stand allerdings für mich nicht Josef Balthasar
Stöger im Vordergrund.
Jetzt widme ich ihm diese Blätter. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen
Gestalt gelassen, ohne Ergänzungen hinzuzufügen, obwohl sie nur eine sehr
lückenhafte Chronik seines Geschickes bilden.
Denn was erfährt man von dem Geschicke derjenigen, die neben uns leben?
Irgend etwas ereignet sich; aber es ist nicht das Gleiche für alle, die
dabei sind. Jeder handelt nach seinen verborgenen Gründen, geht nach seinem
heimlichen Ziele, und der Zuschauer deutet die äußeren Zeichen. Die innere
Seite des Geschehens bleibt unsichtbar und unmitteilbar; sie muß erraten
werden, wie man ein Rätsel löst. Darin liegt eine Gefahr des Lebens,
aber auch ein Zauber. Wer das erfahren hat, wird es vorziehen, wenn der
Zuschauer sich nicht in einen Erzähler verwandelt.
[Illustration]
=I.= Teil.
Elmenreichs Reden.
[Illustration]
Elmenreich: »Eine herrliche Gegend? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein,
gnädige Frau? Gebirge ist das Unerträglichste, was es auf der Welt giebt!
Und gar ein solches Gebirge wie hier! Diese Berge ohne Größe der Linien,
einer vor den anderen getürmt -- eine zwecklose Einengung des Horizontes,
weiter nichts. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals künftig wo
anders Erholung suche als am Meer. Der Anblick des Meeres, das ist es, was
man braucht; etwas Ungeheures, an das der Mensch nicht herankann, etwas
ganz Großes, ganz Wildes, ganz Ungebändigtes, vor dem man den erbärmlichen
Schnickschnack der Kultur vergißt. Nichts sehen als Wasser und Himmel,
nichts hören als das Rauschen der Brandung, die das Denken einschläfert,
dieses gottverdammte Denken, an dem man vor der Zeit alt und hinfällig wird
und unbrauchbar für alle guten und gesunden Dinge des Lebens.
Hingegen das Gebirge -- pfui Teufel! In den Thälern herumbummeln, auf
diesen braven, wohlgeebneten, kiesbestreuten Promenadewegen, wo man dem
Regierungsrat Müller und dem Hofrat Mayer und allen übrigen Mayer und
Müller der Welt begegnet, während einem die Berge vor der Nase stehen wie
zum Hohn! Dort oben die Freiheit, die Einsamkeit, die Größe! Wer aber kann
denn jeden Tag auf einen solchen einsamen Gipfel klettern, von dem man drei
Tage lang den Knieschnapper behält, nachdem man wieder unten ist? Und dann
einsame Gipfel, schon gut! Nicht einmal die halten sich mehr frei von
den lästigen sozialen Wesen, von denen die Thäler bewimmelt sind. Das
Bergsteigen ist so recht die Erfindung eines banausischen Zeitalters,
das nichts Hohes unangetastet lassen kann, eine Erfindung für
Alpenvereinsmitglieder, die in der Natur nur die markierten Wege suchen.
Einstmals wohnten auf den Bergesgipfeln die Götter; heute -- Gott steh uns
bei! Giebt es denn noch eine Höhe ohne Schutzhütte und Touristen? Und gar
die Zahnradbahnen! Empörend, diese gemästeten Kommerzienräte, vor denen man
auch 2000 Meter über dem Meere nicht mehr sicher ist! Das ganze deutsche
Flachland hat man jetzt bei uns in den Bergen auf dem Halse! Unlängst, bei
einem Ausflug nach Sankt Wolfgang -- dieser ehemals so reizende Ort, man
möchte blutige Thränen weinen --«
Der Hotel-Omnibus klapperte und rasselte, während wir durch die
schlechtgepflasterten Straßen des Marktes fuhren. Elmenreich mußte
schreien, um sich verständlich zu machen. Er bemerkte nicht, daß er mir
eine unangenehme Enttäuschung bereitete, indem er gleich bei meiner Ankunft
die Gegend heruntermachte, die er mir noch drei Wochen früher so lebhaft
angepriesen hatte.
Als wir uns nach einer halbstündigen Fahrt wieder einem Orte näherten,
grüßte Elmenreich jeden dritten Menschen. Er schien sämtliche Sommergäste
zu kennen. Jemand sprang sogar für einen Augenblick auf den Wagentritt und
rief herein: »Heute um 5 Uhr Rendezvous auf der Seewiese; Sie sind doch
dabei, Herr Doktor?«
Dann sah ich eine jugendliche Männergestalt, ganz in weißen Flanell
gekleidet, die Straße kreuzen. Eine blaubunte Schärpe leuchtete für einen
Augenblick unter dem weißen Rock hervor. Und auch der wiegende Gang mit
den kurzen Schritten war nicht zu verkennen, obwohl mir die Gestalt gleich
wieder aus dem Gesichte verschwand.
»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, möchte ich schwören, daß
eben -- Graf Hermosa vorübergegangen ist«, sagte ich, ungewiß, ob nicht
Elmenreich schon bei dem bloßen Namen außer sich geraten würde.
Ohne sonderliche Gemütsbewegung versetzte er in seinem gewohnten
ärgerlichen Tonfall:
»Natürlich ist er vorübergegangen! Er treibt sich ja den ganzen Tag hier
auf der Straße herum.«
»Wie? Graf Hermosa ist wirklich hier?«
»Warum sind Sie so verwundert darüber, gnädige Frau?«
»Ja aber -- begegnen Sie ihm da nicht zuweilen?«
»Zuweilen? Täglich, stündlich, jeden Augenblick.«
»Und -- und weicht er Ihnen dann aus? Oder grüßen Sie einander?«
»Warum sollen wir uns denn nicht grüßen? Wir speisen doch mittags und
abends an demselben Tisch!«
Elmenreich ärgerte sich über meine Verwunderung.
»Sie halten dergleichen Menschen für zu wichtig, gnädige Frau«, sagte
er geringschätzig. »Der gute Graf ist nicht bedeutend genug, als daß man
dauernd mit ihm in Feindschaft leben könnte. Man muß solche Leute als das
nehmen, was sie sind -- als einen Stoff zur Unterhaltung. Im Grunde habe
ich ihn nie für etwas anderes gehalten.«
»Aber Elmenreich! Wenn Sie jetzt behaupten wollen, daß Sie den Grafen nie
ernst genommen haben!«
»Also meinetwegen: früher habe ich mich wohlwollend mit ihm unterhalten --
und jetzt habe ich das Wohlwollen gestrichen. Aus der Welt schaffen kann
ich ihn nicht, so lasse ich ihn eben mitlaufen.«
* * *
(Aus einem Briefe an meinen Mann.)