Hermann Seemann Nachfolger

Alle Rechte vom Verleger vorbehalten.

Druck der Spamerschen

Buchdruckerei in Leipzig

Neulich einmal waren wir in einer Gesellschaft mit dem Advokaten beisammen,

der den Ehescheidungsprozeß Josef Balthasar Stöger's geführt hatte.

Natürlich kam das Gespräch gleich auf diesen Fall. Denn in der Welt wurde

gerade von nichts anderem geredet -- das heißt, in einem jener vielen

bürgerlichen Kreise, von denen jeder annimmt, daß er »die Welt« sei. Die

Welt also war sehr beschäftigt mit Josef Balthasar Stöger's ehelichen

Angelegenheiten. Er selbst hatte sich der Teilnahme wie der Neugier,

allen bedauernden Händedrücken und indiskreten Blicken so bald als möglich

entzogen und eine Reise um die Erde angetreten.

Man wußte ja längst, daß er von seiner Frau betrogen wurde; vom ersten Tag

seiner Ehe an hatte niemand etwas Anderes erwartet. Es war alles gekommen,

wie es kommen mußte, mit unfehlbarer Sicherheit und Notwendigkeit.

Etwas von einem Naturgesetz lag darin, beinahe etwas Beruhigendes und

Befriedigendes. Josef Balthasar Stöger war dazu geboren, betrogen zu

werden. Jedermann hatte auch vorausgesetzt, daß er sich mit dieser

Thatsache bei Zeiten abgefunden, sich ohne Widerstreben in das

Unvermeidliche ergeben habe. Deshalb war an der ganzen Sache nur eines

unverständlich: warum er versuchte, sich das Leben zu nehmen, als er an der

Untreue seiner Frau nicht mehr zweifeln konnte. Er schoß sich eine Kugel in

die Brust, wie um dieses thörichte Herz zu strafen, das ihn so sehr in die

Irre geführt hatte. Aber die Kugel war mitleidiger als seine Frau; sie ging

an seinem Herzen vorbei, und er mußte weiterleben in all dem Aufsehen, das

die Entlarvung und Scheidung mit sich brachte.

Allerdings blieb es nicht unbekannt, daß nicht er es war, der diese

Entlarvung herbeigeführt hatte. Seine Mutter und seine verheiratete

Schwester, empört nicht minder über seine Langmut wie über das Treiben

seiner Frau, waren die Regisseure. Sie hatten es, wie die Welt behauptete,

geradezu darauf abgesehen, seine Frau so öffentlich als möglich

bloßzustellen, damit er endlich genötigt wäre, Ordnung zu machen, und nicht

länger versuchen könnte, die Augen zuzudrücken.

Ja, Josef Balthasar Stöger war ein lässiger Wächter seiner Ehre gewesen --

darin lag seine Schuld. Die Untersuchungen der Welt, wie weit auch er für

sein eheliches Mißgeschick verantwortlich sei, führten stets zu diesem

Ergebnis. Und noch etwas fiel sehr zu seinen Ungunsten in die Wagschale.

Er war ein lächerlicher Mensch. Wie konnte ein lächerlicher Mensch die

Anmaßung haben, eine so schöne Person zu heiraten und zu glauben, daß

er ihr als Mann genügen werde? Ein lächerlicher Mensch sollte niemals

heiraten; man kann als Frau allenfalls einen launenhaften, einen treulosen,

einen groben, einen tyrannischen Mann ertragen, nur einen lächerlichen

nicht.

Als das Gespräch bei dieser These angelangt war, sagte der Advokat zu der

Dame, die sie aufstellte:

»Verzeihen Sie, meine Gnädige, was wollen Sie damit sagen, daß er ein

»lächerlicher Mensch« war? Worin bestand denn das Lächerliche an ihm, wenn

ich fragen darf?«

»Das läßt sich nicht definieren. Alles an ihm war lächerlich; er hatte ein

lächerliches Air; wenn er eine Bewegung machte, so sah er lächerlich aus,

und wenn er etwas sagte, so bekam es gleich einen lächerlichen Anstrich --

mit einem Wort, er war eben ein lächerlicher Mensch.«

»Merkwürdig! Ein Mensch von so grenzenloser Herzensgüte müßte doch eher

etwas Sympathisches haben, namentlich für Frauen, sollte man meinen. Aber

ich bemerke, daß es gerade die Frauen sind, die ihn lächerlich finden.«

»Herzensgüte! Was nennen Sie denn seine Herzensgüte? Er ist ein schwacher

und bornierter Mensch, alles in allem; zuerst hatte ihn seine Frau am

Gängelband und jetzt Mutter und Schwester --«

»Aber ganz und gar nicht, meine Gnädigste! Wenn es nach dem Willen seiner

Angehörigen gegangen wäre, hätte er gegen seine Frau von aller Schärfe

des Gesetzes Gebrauch machen müssen. -- Wie die Dinge lagen, wäre er nicht

verpflichtet gewesen, ihr auch nur einen Kreuzer auszusetzen. Und Sie

wissen ja, daß seine Frau von Hause aus gänzlich unbemittelt war. Er aber

hat, gegen den Willen seiner Angehörigen, wohlgemerkt, in der freigebigsten

Weise für sie gesorgt, so freigebig, daß er sich selbst, trotz seines

Reichtums, manche Einschränkung wird auferlegen müssen.«

»Das war sein Fehler von allem Anfang an«, sagte eine alte Dame

stirnrunzelnd. »Er hätte seiner Frau von Anfang an den Herrn zeigen müssen,

statt ihr in allen Dingen nachzugeben. Eine Frau, die sich nicht vor ihrem

Manne fürchtet, wird sich immer allerhand erlauben, was schließlich auf

Abwege führt.«

* * *

Während der letzten Jahre hatte ich Josef Balthasar Stöger allmählich aus

den Augen verloren; und der unglückliche Ausgang seiner Ehe schien mir

nicht der geeignete Anlaß, neuerdings mit ihm anzuknüpfen. Es wäre für ihn

nur eine schmerzliche Mahnung gewesen, daß er seinen Weg nicht mit Glück

gegangen war -- eine doppelt schmerzliche Mahnung, weil auch ich seinerzeit

zu denen gehörte, die ihn davon abzuhalten suchten.

Der Zufall wollte es, daß ich am Tage nach dem voranstehenden Gespräch

einen Brief von ihm erhielt.

An Bord des »Cristoforo Colombo«

27. März 1900.

Verehrte Frau!

Seit gestern Morgen bin ich auf dem hohen Meer. Die alte Welt ist

hinter mir in den Ozean versunken -- nichts mehr als Wasser und Himmel,

so weit das Auge reicht. Ich mache keinen Versuch, von der Größe dieses

Schauspiels zu reden; ich will nur sagen, daß ich jetzt erst den Mut

finde -- nein, Mut ist nicht das rechte Wort, denn ich brauche

gar keinen Mut dazu, um Ihnen gegenüber, die Sie immer meine

nachsichtsvolle Freundin waren, das Vergangene zu erwähnen. Also daß

ich jetzt erst das Bedürfnis fühle, mich mit Ihnen in Verbindung zu

setzen. Sie werden wohl denken: er ist halt auch so ein Undankbarer,

der sich um seine alten Freunde nicht kümmert, bevor nicht das Unglück

bei ihm eingekehrt ist. Aber sehen Sie, gerade, weil das Unglück hinter

mir versunken ist wie die alte Welt, deshalb komme ich wieder zu Ihnen.

Nicht das Leiden, nur das Unglück. Und bisher habe ich nicht gewußt,

daß das zweierlei ist. Wie soll ich es Ihnen nur sagen? Mein Herz ist

wieder voll Dank, voll Dank; und zugleich ist es doch tot, verdorrt

wie eine Pflanze, die aus ihrem Erdreich ausgerissen worden ist. Dieser

Vergleich paßt aber nicht; denn ich lebe ja wieder, ich lebe wieder

innerlich, als ob ich ein anderes Erdreich gefunden hätte. Und das ist

es, was ich Ihnen erzählen will.

Vor vier Tagen habe ich mich in Genua eingeschifft. Meine Mutter hat

mich bis dahin begleitet; und ich weiß kaum, wie ich hingekommen bin.

Ich ließ mit mir geschehen, was festgesetzt war; mein Schwager hatte

das Reiseprogramm ausgearbeitet, Ankunft, Abfahrt, Ankunft, Abfahrt,

alles zuverlässig nach dem letzten Eisenbahntarif. Ich sollte an die

Riviera, in die belebtesten, elegantesten Orte, wo sich die Hautevolée

von ganz Europa trifft und alle Tage ein anderes Fest ist. Zerstreuen

sollte ich mich, niemals einen Augenblick mit mir allein sein, immer

unter Menschen, immer im Gewühl, umgeben von heiteren sorglosen

Gesichtern: Das hatten sie mir verordnet. Es war schrecklich. Der bloße

Gedanke an die Unterhaltungen, die mir bevorstanden, raubte mir die

Fassung. Da war freilich nicht viel zu rauben. Gefaßt -- o Gott,

ich war nicht gefaßt, ich war nur stumpf, nur müde, nur innerlich

gestorben. Jeden Tag in der Frühe beim Aufwachen dachte ich mit

Schaudern: ein ganzer Tag, ein ganzer, endloser Tag fängt wieder an!

Wozu, wozu? Wozu geht ein unnützer, lebensuntauglicher, schiffbrüchiger

Mensch mit einem falschfreundlichen Gesicht herum und will sich

zerstreuen, und will thun, als hätte er noch etwas vom Leben zu

erwarten? -- Dann war ich nicht imstande, den Entschluß zu fassen,

der dazu gehört, sich im Bett aufzusetzen, und blieb liegen wie ein

Gelähmter, unfähig, ein Glied zu rühren, bis die Mutter den Kopf bei

der Thür hereinsteckte und mit ihrer ängstlichen Stimme sagte: »Fehlt

dir was, Pepi, weil du nicht aufstehst? Soll ich um einen Doktor

schicken?«

So waren wir nach Genua gekommen, und so sollten wir am nächsten Morgen

nach San Remo weiterfahren. Da hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand

auf, zog mich an und ging fort. Es war noch nicht Mitternacht. Der

Hausknecht wollte eben das Thor zumachen; er grüßte mich mit einem

einverstandenen Grinsen und trug sich als Führer an. Ich sagte, ich

wüßte schon meinen Weg, und ging so rasch davon, als wüßte ich ihn

wirklich. Das Meer ist aber in Genua nicht schwer zu finden; man kann

es nicht verfehlen, wenn man nur immer bergab geht. Und als ich unten

war, ging ich an der Küste fort, aus der Stadt hinaus. Da war ich

endlich allein, nach allen diesen furchtbaren Wochen das erste Mal

wieder allein!

Der abnehmende Mond stand über dem Meer; unten an den Felsen leuchtete

die Brandung. Ihr gleichmäßiges Rauschen hatte etwas Besänftigendes,

etwas Verlockendes. Man brauchte nur hinabzusteigen, zehn Schritte,

fünfzehn Schritte -- vielleicht glitt man in dieser schwachen

Helligkeit aus und fiel hinab zwischen die Klippen, wo die

Brandung rauschte. Dann wurde man hinausgetragen in das glänzende

Meer -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

Hatte ich denn noch ein Recht zu leben? Ich lebte ja gegen meinen

Wunsch und Willen, nur aus einer Ungeschicklichkeit, weil ich auch hier

nicht zu treffen verstanden hatte. Immer daneben zu greifen, immer

das nicht zu sehen, was jeder andere sieht -- unverbesserlich,

unabänderlich, unheilbar dumm, das lag auf mir mit einer unerträglichen

Gewißheit und erdrückte mich. Wenn irgend ein Mensch gewarnt worden

war, wenn irgend ein Mensch die Möglichkeit gehabt hatte, seinem

Unglück zu entgehen, so war ich es. Das war ja das unerträglich

Demütigende, daß alle, die mich mit Güte oder mit Gewalt seinerzeit

von meinem Willen abbringen wollten, recht behalten hatten, und ich

mit meiner innerlichen Sicherheit, mit meinem Glauben und Vertrauen

Unrecht!

Aber hier, in dieser ungeheuren Einsamkeit, hatte dieser Gedanke

auf einmal seinen Stachel verloren. Auf einmal erschien er mir ganz

gleichgültig. Er fiel von mir ab wie eine Kette, in der ein Glied

aufgeht.

Und wie ich so saß und hinausstarrte auf den schimmernden

Meeresspiegel, fühlte ich, daß eine Wandlung in mir vorging. Dieses

ohnmächtige kleine Ich, dessen Nichtigkeit mich so elend machte,

schien hinauszufließen in die weite Welt und wurde ein Teil von ihr; es

gehörte zu ihr wie der Stein, auf dem ich saß, wie der Nachtwind, der

in den Büschen säuselte, wie das Wasser, das da unten rauschte. Und aus

dieser Weite kam es zu mir zurück als ein Geschenk der Natur, in das

sie etwas von sich selbst hineingelegt hat, das Beste, was sie geben

kann. Und jetzt schien es mir nicht mehr elend und gering. Und jetzt

sah ich alles in einem anderen Licht. Etwas Neues kam über mich, das

ich nicht ausdrücken kann, so ein Gefühl, daß alles, was sich ereignet

hatte, notwendig und in sich unabänderlich war. Daß es für mich das

Leben war, das zu mir gehörte, und daß kein anderes aus mir hervorgehen

konnte, und daß ich es deshalb hinnehmen mußte, ohne zu mucksen, weil

es eben das meinige war, wie ein Vater sein Kind hinnehmen muß, wenn

auch andere Leute schönere, begabtere, glücklichere Kinder haben. Wenn

mir jetzt die Macht gegeben worden wäre, diese sieben Jahre aus meinem

Leben zu streichen, hätte ich es gethan? Wenn ich wieder dorthin

gestellt worden wäre, wo ich vor sieben Jahren stand, hätte ich anders

gehandelt? Nein, tausendmal nein!

Und da fiel die andere Kette von mir ab. Sobald alles in mir selbst

beschlossen lag, dann brauchte ich auch kein Ankläger mehr zu sein,

kein Richter und kein Rächer. Ich hatte der Welt die Ehre gegeben, das

war ihr Recht -- sollte ich für mich nicht die Liebe behalten dürfen?

Die war mein Eigentum, innerlich, und alles äußerliche Geschehen hatte

damit nichts zu schaffen. Die ganze Zeit her war ich in einer Art

Verpflichtung zu Groll und Haß gesteckt wie in einem Panzer, hatte mir

mit aller Gewalt weiß machen wollen, daß alles aus sei zwischen ihr und

mir. Jetzt aber, ganz allein mit Himmel und Erde, wußte ich, daß sich

in meinem Innern nichts geändert hatte, daß sich nie etwas ändern

würde. Alles, was geschehen war, war nur an der Oberfläche geschehen,

in der Tiefe blieb alles wie früher. Und sollte es bleiben. Vielleicht

wird auch ihr das Leben eines Tages schwer und bitter sein, vielleicht

wird ein Tag kommen, an dem sie Hilfe braucht -- aber auch wenn dieser

Tag niemals kommt! Für mich ist sie wieder, was sie früher für mich

war, das schöne, herrliche, hohe Weib, das sie sein könnte, wenn es

keine äußeren Einflüsse gäbe, denen sie unterliegt. Dieses Bild ihres

wahren Wesens lebt in mir, untrennbar mit mir verbunden, dieses Bild

bleibt mein eigen, ist mein für alle Zeit. Es war ein Schiff, das fuhr

im Sonnenschein übers Meer; dann kam ein großer Sturm, und es ging

unter. Niemals mehr wird es über das blaue Meer fahren. Aber unten auf

dem Grunde liegt es still und unversehrt. Die stummen Fische betrachten

es mit ihren großen runden Augen, und bunte Muscheln, schön wie

Schmetterlinge, setzen sich darauf ...

Und während der Nachtwind von den blühenden Gärten Frühlingsgerüche

an mir vorübertrug, während der Mond seinen Weg über den wolkenlosen

Himmel vollendete, während die Brandung leise wurde, und das Meer

glatt, schien es mir, als ob diese Meeresstille in mich hereinflösse

und mich ausfüllte mit ihrer großen Ruhe und Herrlichkeit. Erinnerungen

kamen und gingen; aber sie hatten nichts Peinigendes mehr. Ich dachte

an eine andere Mondnacht; da spiegelte sich auch diese glänzende

Scheibe in einer stillen Wasserfläche. Lachende glückliche Menschen

standen herum und spielten mit glänzenden Gedanken. Erinnern Sie sich

noch, gnädige Frau? Damals erzählte Dr. Kranich die Geschichte von der

Mondfee und den schwarzen Schwänen, über die ich so lachte, weil ich

keine Ahnung hatte, wie ominös sie war. Und Elmenreich machte daraus

eine Geschichte vom fliegenden Holländer, die ich auch nicht ganz

verstand. O diese nachträgliche Einsicht, daß man nichts von dem

verstanden hat, was um einen vorging! Aber still! Das ist ja vorüber

und abgethan. Mir ist jener Abend unvergeßlich geblieben, weil ich

damals zum erstenmal in einer plötzlichen Eingebung fühlte, daß sich

etwas Großes und Neues in mir zugetragen hatte. Es war kühl geworden,

während wir da unten am Ufer standen und lachten; ich glaubte bemerkt

zu haben, daß sie schauderte. Als ich ihr ihre Jacke brachte, sah sie

mich mit einem so seltsamen Blick an; und dann -- ich hielt ihr die

Jacke zum Anziehen -- dann lehnte sie sich einen Augenblick, einen ganz

flüchtigen Augenblick lang an meine Schulter. Nein, niemals wird

der Glanz, den dieser Augenblick in meine Seele goß,

erlöschen! -- -- -- -- --

-- -- Die Zeit verging. Ich versank allmählich in einen Halbschlummer,

ohne daß ich die Augen von dieser magischen, unendlichen Meeresfläche

abwenden konnte. Alte Knabengeschichten, Knabenwünsche tauchten wie im

Traume auf, die kühnen Robinsonaden, von denen man voll ist, wenn man

die ersten Indianerbücher in die Hand bekommt. Vielleicht lag in meinen

Knabenidealen ein richtiger Instinkt: es wäre doch besser für

mich gewesen, ich wäre irgendwo am Orinoko oder Maranon Pflanzer

geworden ... (Sie sehen, ich bin vor Rückfällen noch immer nicht

sicher!)

Jedenfalls hat die seltsame Klarheit, mit der diese Gedankenwelt wieder

vor mir aufstieg, das Kommende vorbereitet. Als ich nämlich in der

ersten Morgendämmerung über den Hafen nach Hause ging, fiel mir ein

großer Dampfer in die Augen, auf dem schon in dieser frühen Stunde

ein geschäftiges Treiben herrschte. Ich redete einen vorüberkommenden

Matrosen an: um acht Uhr ging das Schiff nach Rio de Janeiro ab. Und

wie ein Blitz durchfuhr es mich: Da gehst du mit! Ich lief nach Hause;

noch ganz außer Atem stürzte ich zur Mutter hinein, und sagte: Mutter,

steh auf, packe meine Sachen; ich fahre heute um acht Uhr nach Rio

de Janeiro. Die arme Frau glaubte im ersten Schrecken, ich hätte den

Verstand verloren. Aber als sie sah, daß ich Ernst machte, und auch,

daß ich voll froher Laune und ein verwandelter Mensch war, ergab sie

sich leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte, in meinen Entschluß.

Sie dürfen mir glauben, gnädige Frau: als die Ankerkette rasselte und

die erste unbestimmte Bewegung durch das Schiff ging, da erfüllte

mich ein so reines, ganzes Gefühl, wie ich es seit Jahren nicht mehr

empfunden habe. Seit Jahren! Aber nichts mehr davon! Ich gehe in die

neue Welt -- nicht um ein neuer Mensch zu werden, sondern um mich mit

dem alten in mir dauernd wieder vertragen zu lernen. Und so werde ich

auch von der anderen Seite der Erde eines Tages -- kann sein erst in

vielen Jahren -- wieder zurückkommen

als Ihr getreuer, unveränderlicher

Pipin.

* * *

Diese Zeilen riefen mir vergangene Zeiten lebhaft in die Erinnerung zurück.

Sie waren der Anlaß, daß ich mich wieder mit Personen und Ereignissen zu

beschäftigen begann, die inzwischen aus meinem Gesichtskreis entschwunden

waren. Ich suchte alte Papiere hervor, Briefe, die ich in einer

mehrmonatlichen Abwesenheit an meinen Mann geschrieben hatte, Tagebücher,

in denen ich manches aufgezeichnet hatte, was mir aus besonderen Gründen

damals nahe ging. Damals stand allerdings für mich nicht Josef Balthasar

Stöger im Vordergrund.

Jetzt widme ich ihm diese Blätter. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen

Gestalt gelassen, ohne Ergänzungen hinzuzufügen, obwohl sie nur eine sehr

lückenhafte Chronik seines Geschickes bilden.

Denn was erfährt man von dem Geschicke derjenigen, die neben uns leben?

Irgend etwas ereignet sich; aber es ist nicht das Gleiche für alle, die

dabei sind. Jeder handelt nach seinen verborgenen Gründen, geht nach seinem

heimlichen Ziele, und der Zuschauer deutet die äußeren Zeichen. Die innere

Seite des Geschehens bleibt unsichtbar und unmitteilbar; sie muß erraten

werden, wie man ein Rätsel löst. Darin liegt eine Gefahr des Lebens,

aber auch ein Zauber. Wer das erfahren hat, wird es vorziehen, wenn der

Zuschauer sich nicht in einen Erzähler verwandelt.

[Illustration]

=I.= Teil.

Elmenreichs Reden.

[Illustration]

Elmenreich: »Eine herrliche Gegend? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein,

gnädige Frau? Gebirge ist das Unerträglichste, was es auf der Welt giebt!

Und gar ein solches Gebirge wie hier! Diese Berge ohne Größe der Linien,

einer vor den anderen getürmt -- eine zwecklose Einengung des Horizontes,

weiter nichts. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals künftig wo

anders Erholung suche als am Meer. Der Anblick des Meeres, das ist es, was

man braucht; etwas Ungeheures, an das der Mensch nicht herankann, etwas

ganz Großes, ganz Wildes, ganz Ungebändigtes, vor dem man den erbärmlichen

Schnickschnack der Kultur vergißt. Nichts sehen als Wasser und Himmel,

nichts hören als das Rauschen der Brandung, die das Denken einschläfert,

dieses gottverdammte Denken, an dem man vor der Zeit alt und hinfällig wird

und unbrauchbar für alle guten und gesunden Dinge des Lebens.

Hingegen das Gebirge -- pfui Teufel! In den Thälern herumbummeln, auf

diesen braven, wohlgeebneten, kiesbestreuten Promenadewegen, wo man dem

Regierungsrat Müller und dem Hofrat Mayer und allen übrigen Mayer und

Müller der Welt begegnet, während einem die Berge vor der Nase stehen wie

zum Hohn! Dort oben die Freiheit, die Einsamkeit, die Größe! Wer aber kann

denn jeden Tag auf einen solchen einsamen Gipfel klettern, von dem man drei

Tage lang den Knieschnapper behält, nachdem man wieder unten ist? Und dann

einsame Gipfel, schon gut! Nicht einmal die halten sich mehr frei von

den lästigen sozialen Wesen, von denen die Thäler bewimmelt sind. Das

Bergsteigen ist so recht die Erfindung eines banausischen Zeitalters,

das nichts Hohes unangetastet lassen kann, eine Erfindung für

Alpenvereinsmitglieder, die in der Natur nur die markierten Wege suchen.

Einstmals wohnten auf den Bergesgipfeln die Götter; heute -- Gott steh uns

bei! Giebt es denn noch eine Höhe ohne Schutzhütte und Touristen? Und gar

die Zahnradbahnen! Empörend, diese gemästeten Kommerzienräte, vor denen man

auch 2000 Meter über dem Meere nicht mehr sicher ist! Das ganze deutsche

Flachland hat man jetzt bei uns in den Bergen auf dem Halse! Unlängst, bei

einem Ausflug nach Sankt Wolfgang -- dieser ehemals so reizende Ort, man

möchte blutige Thränen weinen --«

Der Hotel-Omnibus klapperte und rasselte, während wir durch die

schlechtgepflasterten Straßen des Marktes fuhren. Elmenreich mußte

schreien, um sich verständlich zu machen. Er bemerkte nicht, daß er mir

eine unangenehme Enttäuschung bereitete, indem er gleich bei meiner Ankunft

die Gegend heruntermachte, die er mir noch drei Wochen früher so lebhaft

angepriesen hatte.

Als wir uns nach einer halbstündigen Fahrt wieder einem Orte näherten,

grüßte Elmenreich jeden dritten Menschen. Er schien sämtliche Sommergäste

zu kennen. Jemand sprang sogar für einen Augenblick auf den Wagentritt und

rief herein: »Heute um 5 Uhr Rendezvous auf der Seewiese; Sie sind doch

dabei, Herr Doktor?«

Dann sah ich eine jugendliche Männergestalt, ganz in weißen Flanell

gekleidet, die Straße kreuzen. Eine blaubunte Schärpe leuchtete für einen

Augenblick unter dem weißen Rock hervor. Und auch der wiegende Gang mit

den kurzen Schritten war nicht zu verkennen, obwohl mir die Gestalt gleich

wieder aus dem Gesichte verschwand.

»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, möchte ich schwören, daß

eben -- Graf Hermosa vorübergegangen ist«, sagte ich, ungewiß, ob nicht

Elmenreich schon bei dem bloßen Namen außer sich geraten würde.

Ohne sonderliche Gemütsbewegung versetzte er in seinem gewohnten

ärgerlichen Tonfall:

»Natürlich ist er vorübergegangen! Er treibt sich ja den ganzen Tag hier

auf der Straße herum.«

»Wie? Graf Hermosa ist wirklich hier?«

»Warum sind Sie so verwundert darüber, gnädige Frau?«

»Ja aber -- begegnen Sie ihm da nicht zuweilen?«

»Zuweilen? Täglich, stündlich, jeden Augenblick.«

»Und -- und weicht er Ihnen dann aus? Oder grüßen Sie einander?«

»Warum sollen wir uns denn nicht grüßen? Wir speisen doch mittags und

abends an demselben Tisch!«

Elmenreich ärgerte sich über meine Verwunderung.

»Sie halten dergleichen Menschen für zu wichtig, gnädige Frau«, sagte

er geringschätzig. »Der gute Graf ist nicht bedeutend genug, als daß man

dauernd mit ihm in Feindschaft leben könnte. Man muß solche Leute als das

nehmen, was sie sind -- als einen Stoff zur Unterhaltung. Im Grunde habe

ich ihn nie für etwas anderes gehalten.«

»Aber Elmenreich! Wenn Sie jetzt behaupten wollen, daß Sie den Grafen nie

ernst genommen haben!«

»Also meinetwegen: früher habe ich mich wohlwollend mit ihm unterhalten --

und jetzt habe ich das Wohlwollen gestrichen. Aus der Welt schaffen kann

ich ihn nicht, so lasse ich ihn eben mitlaufen.«

* * *

(Aus einem Briefe an meinen Mann.)

Pipin: Ein Sommererlebnis · 第 7 / 50 题