Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sehe ich ferner in einem

anmutigen Tal so vieles, was, dem Bedürfnis des Menschen entsprechend,

weit und breit in allen Landen sich wiederholt. Ich sehe zu Dörfern

versammelte ländliche Wohnsitze, durch Gartenbeete und Baumgruppen

gesondert; einen Fluß, der sich vielfach durch Wiesen zieht, wo eben

eine reichliche Heuernte die Emsigen beschäftigt; Wehr, Mühle, Brücke

folgen aufeinander, die Wege verbinden sich auf und ab steigend.

Gegenüber erstrecken sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die

steilen Waldungen hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der

Aussaat und des Reifegrades. Büsche hier und da zerstreut, dort zu

schattigen Räumen zusammengezogen. Reihenweis auch den heitersten

Anblick gewährend seh' ich große Anlagen von Fruchtbäumen; sodann aber,

damit der Einbildungskraft ja nichts Wünschenswertes abgehe, mehr oder

weniger aufsteigende, alljährlich neu angelegte Weinberge.

Das alles zeigt sich mir wie vor fünfzig Jahren, und zwar in

gesteigertem Wohlsein, wennschon diese Gegend von dem größten Unheil

mannigfach und wiederholt heimgesucht worden. Keine Spur von Verderben

ist zu sehen, schritt auch die Weltgeschichte hart auftretend gewaltsam

über die Täler. Dagegen deutet alles auf eine emsig folgerechte,

klüglich vermehrte Kultur eines sanft und gelassen regierten, sich

durchaus mäßig verhaltenden Volkes ...

Nun aber sei vergönnt, mich von jenen äußern und allgemeinen Dingen

zu meinen eigensten und innersten zu wenden, wo ich denn aufrichtigst

bekennen kann: daß eine gleichmäßige Folge der Gesinnungen daselbst

lebendig sei, daß ich meine unwandelbare Anhänglichkeit an den

hohen Abgeschiedenen nicht besser zu betätigen wüßte, als wenn ich,

selbigerweise dem verehrten Eintretenden gewidmet, alles, was noch an

mir ist, diesem wie seinem hohen Hause und seinen Landen von frischem

anzueignen mich ausdrücklich verpflichte.«

Goethe selbst hat diesen Brief, der eben mehr als ein Brief, der eine

Konfession, eine Dichtung ist, zusammen mit einer Zeichnung jenes

Schloßportals aufbewahrt, und Eckermann erzählt in seinen Gesprächen

mit Goethe ergreifend, wie dieser ihm im März 1831 Brief und Zeichnung

gezeigt, wie tief beides auf ihn gewirkt und wie der greise Dichter es

dann wieder in einer besonderen Mappe fortgelegt hat, »um beides für

die Zukunft zu erhalten«.

* * * * *

Goethe hätte nicht Goethe sein dürfen, wenn nicht die Einsamkeit, die

er in Dornburg suchte, schließlich illusorisch geworden wäre. Alle

Welt besuchte ihn hier, und vielleicht hat er deshalb die Morgen- und

Abendstunden so geliebt, weil er da wirklich allein war und sich ganz

den geliebten Naturstudien widmen konnte. Es entspricht aber seinem

Wesen, das auch Anregung durch geistigen Gedankenaustausch in Wort und

Schrift brauchte, daß er über die vielen Besuche keineswegs ungehalten

war.

Auch darüber plaudert der ihn die ganze Zeit über betreuende Hofgärtner

sehr hübsch in seinem kleinen Büchlein. Kam die Schwiegertochter mit

Eckermann und den Enkeln von Weimar herüber, so war er sogar froh und

überließ sich ganz dem großväterlichen Behagen. Reizend schildert

Eckermann selbst so einen Besuch (»Er schien sehr glücklich zu sein,«

meint der Getreue) und läßt dann Goethe selbst reden: »Ich verlebe hier

so gute Tage wie Nächte. Oft vor Tagesanbruch bin ich wach und liege

im offenen Fenster, um mich an der Pracht der jetzt zusammenstehenden

drei Planeten zu weiden und an dem wachsenden Glanz der Morgenröte

zu erquicken. Fast den ganzen Tag bin ich sodann im Freien und halte

geistige Zwiesprache mit den Ranken der Weinrebe, die mir gute Gedanken

sagen, und wovon ich auch wunderliche Dinge mitteilen könnte. Auch

mache ich wieder Gedichte, die nicht schlecht sind, und möchte überall,

daß es mir vergönnt wäre, in diesem Zustande so fortzuleben.«

Aber auch Besuche anderer Art erfreuten ihn. So brachte Soret den

jungen Erbgroßherzog zu ihm, die Herzöge von Wellington erwiesen ihm

ihre Reverenz, und mit dem Kanzler von Müller mag er, vielleicht ein

wenig wehmütig, Erinnerungen an entschwundene Zeiten ausgetauscht

haben. Fast immer hatte er, wie Sckell als getreuer Chronist erzählt,

sechs bis zehn Personen zu Tisch, und oftmals hat es den braven

Hofgärtner Mühe genug gekostet, ein Menü zusammenzustellen, das Goethe

befriedigte. Denn so wenig Goethe für sich selbst benötigte, so große

Ansprüche stellte er, wenn es galt, Gäste zu bewirten.

* * * * *

Und so kam der Tag, da er sich wieder von Dornburg trennen mußte ...

auch den Greis rief noch die Pflicht.

[Illustration]

Es war mittlerweile Herbst geworden, die Rosen waren verblüht, und auf

die geliebte Bacchantin im Garten hinter dem kleinen Schloß sanken

schon die ersten welken Blätter. Das Wetter war auch nicht mehr recht

beständig, und das Tagebuch meldet immer häufiger Nebel und Regen.

Trotzdem ist ihm der Abschied schwer geworden. Denn die Tage, die er in

Dornburg verlebt hat, gehören zu den innerlich reichsten seines Alters.

Das Abschiedsdistichon, das er dem lateinischen Portalspruch von 1608

nachempfunden hat, deutet ergreifend den Zustand seines Innern:

»Schmerzlich trat ich hinein, getrost entfern' ich mich wieder;

Gönne dem Herren der Burg alles Erfreuliche Gott.«

Tagelang wird gepackt. »Versuchte mich immer wieder abzulösen,« seufzt

er im Tagebuch noch einen Tag vor der Abreise. Am 11. September verläßt

er dann endlich Dornburg. Am gleichen Tage noch ist er in Weimar

eingetroffen, »rüstig und ganz braun von der Sonne«, auch heiter und

freien Gemüts, erzählt Eckermann; »blickte man aber tiefer, so konnte

man eine gewisse Befangenheit nicht verkennen, wie sie derjenige

empfindet, der in einen alten Zustand zurückkehrt, der durch mancherlei

Verhältnisse, Rücksichten und Anforderungen bedingt ist.«

Noch zweimal war Goethe in Dornburg, 1829 und 1830. Beide Male im

August. Fremde begleiteten ihn. Das letztemal mußte der Hofgärtner

Sckell wieder für ein Mittagsmahl im kleinen Schlößchen sorgen, es

gab sogar Sekt. Beim Abschied hielt Goethe lange die Hand des treuen

Mannes, mit dem ihn Erinnerung an schönste Zeit verband ... trübe

Ahnung bedrängte beider Herz. »Dort oben sehen wir uns wieder!« waren

Goethes letzte Worte.

Noch einmal umfing das große strahlende Auge, rückwärts gewandt, die

geliebte Landschaft, als der Wagen die Landstraße auf Jena zurollte,

dann nahm eine Wegbiegung den Blick. Als Traum nahm Goethe mit in die

Ewigkeit hinüber, was so oft ihm Entzücken im Leben gewesen.

Bei den Toten Weimars

»Dann, scheiden sie von diesem heil'gen Ort,

Wird als Geleitspruch sie umschweben

Das tapfre, siegesfreud'ge Wort

Des, der ein Kämpfer war: Gedenkt zu leben!«

~Paul Heyse~

»Lange leben heißt viele überleben.« So der alte Goethe an Zelter, als

dessen Sohn stirbt. Das Wort ist berühmt. Der skeptische Seufzer eines

Vielerfahrenen, um den schon die dünne Luft der Einsamkeit schwankt,

und also Maxime, die Weltanschauung prägt. Es fröstelt einen. Und an

gleicher Stelle, wo dies »leidige Ritornell« erklingt, heißt es müde

weiter: »Mir erscheint der zunächst mich berührende Personenkreis wie

ein Konvolut sibyllinischer Blätter, deren eins nach dem anderen, von

Lebensflammen aufgezehrt, in der Luft zerstiebt ...«

Eine fast mephistophelische Erkenntnis!

Doch ein anderes Wort des Greises loht aus den schweren Schatten

dieser Melancholie wie Fanal hervor. Wieder gilt es Zelter, dem

Getreuen. 1830. August, den Sohn und Erben, hat in Italien der Tod

ereilt, der einem unseligen Leben Ziel setzte. Trost wehrt Goethe

ab. »Prüfungen erwarte bis zuletzt!« schreibt er, seltsam gefaßt und

ruhig, nach Berlin. Satz für Satz des Briefes entschwebt im gleichen

getragenen Ton. Bis plötzlich das Feuer dieses Herzens noch einmal in

steiler Flamme aufschießt und in dem Schlußwort: »Und so, über Gräber,

vorwärts!« Trauer sich wandelt zu heroischer Geste.

Geht man in Weimar zu den Plätzen, wo die Toten ruhen, so werden diese

Goethe-Worte seelische Begleitmusik dem Wege, den man schreitet.

* * * * *

Zwei solcher Plätze hat Weimar.

Da es noch die kleine, weltverlorene Residenz, deren kaum gekanntem

Namen nur der wilde Ruhm des Herzogs Bernhard im Dreißigjährigen

Kriege flüchtigen Klang gegeben, trug man die Toten der Stadt auf den

Jakobsfriedhof. Den winkeln noch heute Gassen so eng ein, daß ihn nur

findet, wer ihn sucht. Steht man auf der Höhe über Weimar, vor dem

Prunkbau des Museums, dann sieht man hinter der alten Asbach-Talmulde

wohl den schwarzen Turm der Jakobskirche spitz und schlank aus dem

braunen Dächergewirr steigen ... mit den Türmen von Schloß und

Stadtkirche weithin uraltes Wahrzeichen der Stadt. Aber kaum betritt

man diese selbst, so verschwindet er, Häuserzeilen fangen das Auge, und

vor Straßenbahn und Auto verkriecht sich das Gestern, als ob es nicht

stören wollte.

So tot ist es in Weimar nirgends wie hier auf diesem Friedhof. Fachwerk

und Giebelwand, draus schläfrig halbblinde Fenster blinzeln, ein Stift,

ein karger Garten über bröckelnder Mauer -- das ist der ärmliche Rahmen

einer Stätte, wo ganze Geschlechter den letzten Schlaf fanden, noch

jetzt auf Stein und Säulenstumpf Namen von Glanz prunken.

Einst hürdeten Mauern den Platz. Eine »Totengasse« mit schmaler

Pforte führte zu ihm. Die Mauern sind gefallen, als neue Zeit den

Hügelwirrwarr der Vergangenheit einebnete, Licht und Luft schuf,

wo Trauerweide und Rosenstock sich im Laufe von Jahrhunderten zu

undurchdringlicher Wildnis verstrickt hatten ... ja, die Mauern sind

gefallen, und der Weg der Toten heißt jetzt weniger triste die Kleine

Kirchgasse. Aber die Kirche steht wie ehedem, da man sie, Anno 1712,

in schmucklosem Barock neu aufbaute, schwer wuchten ihre Quadern aus

dem Rasenboden, schwer lastet das gebrochene Dach auf ihren steilen

Pfeilern. Und auch der Gräber hat man etliche geschont. Verstreut

liegen sie in die Kreuz und Quer.

Und wie man so von einem Grab zum andern geht, hier an einem völlig

eingesunkenen Hügel verweilt, dort versonnen die verwitterten

Steinplatten betrachtet, die verloren an der Kirchenmauer lehnen, naht

Erinnerung und schlägt in Bann.

Denn wurde hier nicht, ein Maiabend war's, und nie hätten, wie Caroline

von Wolzogen erzählt, die Nachtigallen »so anhaltend und volltönend«

gesungen wie in dieser Nacht, Schiller beigesetzt? Verse Conrad

Ferdinand Meyers klingen auf:

»Ein flatternd Bahrtuch. Ein gemeiner Tannensarg

Mit keinem Kranz, dem kärgsten nicht, und kein Geleit!

Als brächte eilig einen Frevel man zu Grab.

Die Träger hasteten. Ein Unbekannter nur,

Von eines weiten Mantels kühnem Schwung umweht,

Schritt dieser Bahre nach. Der Menschheit Genius war's.«

Schrecklich! Man sieht den dünnen, im Fackellicht gespenstisch

schwankenden Zug in der finsteren »Totengasse«, sieht, ganz in dunklen

Schatten, das »Kassengewölbe« an der Mauer, das mit schwarzem Tore

wartet ... ungeduldig wartet, nur wieder zufallen zu können hinter dem

»gemeinen Tannensarg«. Man sieht das, derweilen man vor der Marmortafel

grübelt, die da, wo bis 1853 das »Kassengewölbe« stand, in die Mauer

eingelassen ist. Und die in steifen Lettern nüchtern erzählt, daß hier

Schillers erste Begräbnisstätte.

Nun ruht er ja in der Fürstengruft. 1825, zwanzig volle Jahre später,

nur noch Schädel und nacktes Gebein, dorthin gebracht, als man schon

kaum mehr am zerfallenen und vermoderten Sarg feststellen konnte, ob

es auch wirklich sein Schädel, wirklich sein Gebein war, die am ehrte,

Goethe im »ernsten Beinhaus« erst den richtigen Schädel an seiner

»geheimnisvollen Form«, an der »gottgewollten Spur« herausfinden mußte.

[Illustration]

Diese zwanzig Jahre sind für das Weimar Goethes und Carl Augusts ein

böses Rätsel. Wie war das möglich? Hatte Knebel recht, der einmal an

seine Schwester Henriette schreibt: »Es ist sündlich, wie man in Weimar

mit den Toten umgeht; über Personen, die wirkliche Verdienste für

sich und die Gesellschaft hatten, habe ich acht Tage nach ihrem Tode

auch nicht einen Laut mehr reden hören!« Knebel meint, 1802, Corona

Schröter. Aber das Vergessen, das diese in Ilmenau begrub, hielt auch

die Pforte des »Kassengewölbes« auf dem Jakobsfriedhof geschlossen

... ein Vergessen, das um so unverständlicher, als der Weimarer Hof

doch Sonntag für Sonntag hier an den Gräbern vorbei zum Gottesdienst

schritt, da die Jakobskirche zugleich Hofkirche war.

* * * * *

Es war im Oktober 1806. Der Krieg war über Weimar dahingegangen. Goethe

hatten im eigenen Hause Marodeure attackiert, Christiane, damals

noch Demoiselle Vulpius, hatte ihm durch Geistesgegenwart das Leben

gerettet. Dankbar machte er sie auch vor der Welt jetzt zu dem, was

sie, seines August Mutter, für ihn selbst schon längst war: zu seiner

Frau.

In der Jakobskirche war die Trauung. In der Sakristei. Hart daneben an

der Mauer, für alle, die zur Sakristei gingen, nicht zu übersehen, das

»Kassengewölbe«. Wenig mehr als ein Jahr war es her, daß Schiller hier

beigesetzt. Wenig mehr als ein Jahr, daß Goethe an Zelter geschrieben:

»Ich glaubte, mich selbst zu verlieren, und verliere einen Freund und

mit ihm die Hälfte meines Daseins.« Wenig mehr als ein Jahr, daß er den

Toten in seinem »Epilog zur Glocke« in Lauchstädt schwärmend gefeiert.

Aber nichts deutet darauf hin, daß ihm die triste Gruft, armselig und

würdelos wie die Bestattung, die ihr »der Menschheit Genius« zugeführt,

je gerührt ... auch nicht, da er, Christiane am Arm, hier zur Trauung

schritt. »Der Lebende hat recht!« heißt es im »Faust«. Goethe sah die

Gestorbenen nur noch als Scheinbilder, die er, der Realist, negierte,

so sehr er sie auch bedauerte und betrauerte.

Tragisches Geschick, daß die, die hier in später Trauung Erfüllung

ihrer Lebensträume fand, zur gleichen Stätte als Tote kehrte! Auch

sie bestattet, als ob sie irgendeine beliebige Bürgersfrau und nicht

Christiane von Goethe, eines Goethe Frau und Exzellenz gewesen. Wenn

heute wenigstens Eisengitter und Steinplatte den Platz schmücken, wo

sie seit 1816 still und alleine ruht (höchstens gleicher Erde mit ein

paar ihrer kleinen totgeborenen oder schnellgestorbenen Kinder), so ist

das Liebesdienst von Goethe-Freunden. Mann, Sohn und Enkel fanden nie

den Weg ... der Mann, dem sie ein Menschenalter Hausfrau und rührendste

Geliebte, der bei ihrem Tode ergreifend klagte, daß der ganze Gewinn

seines Lebens wäre, ihren Verlust zu beweinen; der Sohn, dem sie die

beste Mutter und Freundin; die Enkel, die doch auch ihres Blutes.

[Illustration]

Arme Christiane! Da hat man alle die, die zur Familie Goethe gehören,

auf anderem Friedhof sorglich vereint, selbst die fremden Frauen, die

August, der Sohn, durch seine Heirat in diese Familie hineingeführt;

da hat man deines eigenen Gatten Sarg neben den Särgen von Herzögen

und Herzoginnen in fürstlicher Gruft aufgestellt ... nur dich hat man

vergessen. Das ist Feme und ist Unrecht noch über den Tod hinaus!

Denn du warst doch seine Frau!

Aber ob Frühling oder Sommer, ob Herbst oder Winter, nie flattert eine

Blume auf dein kaltes Grab, und daß sich jemand über das Gitter lehnt

und mit dir leise Zwiesprach hält, dir liebe Worte zuruft, den dunklen

Stein, der deinen Namen trägt, mit Blicken streichelt, ich fürchte,

es geschieht nicht oft. Höchstens der Wind, der durch Weimars enge

Straßen läuft, der bringt dir vielleicht zuweilen einen Gruß, weht

Schmeichellaut dir zu und Kuß vom fernen Garten am Stern, wo du, ein

»loses, leidig-liebes Mädchen«, einst in römisch-schwüler Nacht von

Goethe den Sohn empfangen. Da mag vielleicht dann auch das Rauschen

der Ilm an dein schlafendes Ohr dringen, und mit ihm die Stimme des

Freundes. Alt ist das Lied, das diese Stimme singt, und traurig ist es

auch. Wie geht es doch?

»Fließe, fließe, lieber Fluß!

Nimmer werd' ich froh,

So verrauschte Scherz und Kuß

Und die Treue so.«

Die Bäume über dir, sie fangen den Klang auf. »Und die Treue so!« klagt

das Echo. Die Kinder, die in wildem Spiele hier über die Gräber toben,

überlärmen es. Und der Wind der Gasse fegt Unrat zusammen, wo Rosen

blühen sollten.

* * * * *

Noch eine andere Christiane liegt auf dem Sankt-Jakobsfriedhof

begraben, auch eine Goethesche. Christiane Becker, geb. Neumann.

Euphrosyne hat Goethe sie genannt, als Euphrosyne hat er die kleine,

blutjung gestorbene Schauspielerin unsterblich gemacht in unsterblichem

Liede. So eine Schwester der Corona, ist sie wie diese Gestalt in den

Werken: Mignon, -- Mädchen und lieblichstes Kind und auch »verstellter

Knabe«. Oder, wie das Gedicht an anderer Stelle will:

»Knabe schien ich, ein rührendes Kind, du nanntest mich Arthur

Und belebtest in mir britisches Dichter-Gebild ...«

Ein Goethe-Geheimnis umschwelt das bescheidene Grab. Auch hier Stein

und Gitter, nichts weiter. Aber die darunter schläft, Gattin und

Mutter wider Willen, sie ward nicht vergessen. Liebe gab ihr Anno

1800 im Park, auf dem Rosenhügel des Rothäuser Gartens, eine Säule

mit Inschrift. Heinrich Meyer entwarf sie, der Bildhauer Döll führte

sie aus: Genien im Tanz, die Spitze lodernde Flamme. Als der Parkteil

Privatbesitz wurde, die Besitzer eigensüchtig die Säule vor fremdem

Blicke bargen, ließ Wildenbruch sie kopieren. Mit neuen Versen von

ihm steht sie nun auf dem Hügelhang neben Goethes Garten am Stern,

von Efeu umhäkelt, von wilden Veilchen und, kommt der Herbst, von

Herbstzeitlosen umblüht ... ein süßes, trauriges Lied, das Monument

geworden.

Stein auch die anderen Gräber des Jakobsfriedhofs, Zopf und Empire in

Stil und Schnörkel. Mühsam entziffert man die Lettern. Da ruht Georg

Melchior Kraus, der Maler, dem halb Weimar sein Bildleben in Stich und

Aquarell dankt, Freund und Reisebegleiter Goethes. Da Johann Joachim

Christian Bode, der Übersetzer: »Freunde setzten ihm dies Denkmal,

dem Leser zur Erinnerung, für sie bedurfte es keines.« Musäus, der

Märchendichter. Und ein ganz Großer: Lukas Cranach. Der Stein lehnt

an der Kirchenmauer, eine Nachbildung. Das Original findet man in

der Stadtkirche ... in der uralten Stadtkirche zu St. Peter und Paul

auf dem Herderplatz, deren schönster Schmuck das Altargemälde Lukas

Cranachs, deren Allerheiligstes die Gruft Anna Amalias. Und ein

paar Schritte ab unter der Orgelempore, die ihres Freundes Herder.

So mischen sich in Heiligenlegende und Fürstenhistorie, hier seit

Jahrhunderten gehütet in magischem Dämmer, die »Stimmen der Völker in

Liedern«, denen der Fromme sein Leben lang begeistert gelauscht.

[Illustration]

Auch er liegt hier allein, fern der Frau, die ihm Gefährtin und Mutter

so vieler Kinder war. Wer das Grab Caroline Flachslands sucht, muß

zurück zum Jakobsfriedhof ... ohne es wahrscheinlich dort zu finden.

Denn es ist eins der vielen namenlos gewordenen Gräber, grasverwachsen,

eingesunken der Hügel, und die Inschrift des Steins haben die vielen

Kinderfüße verwischt, die hier jahraus, jahrein darüber hinwegtollen:

junges Leben, das der Majestät des Todes nicht achtet und Haschen

spielt, wo dem Wissenden Trauer das Auge verschleiert.

Nachts, wenn der Mond die Giebel der Häuser mit Silberlicht beträufelt,

geht zwischen den Gräbern hier die Vergangenheit spazieren. Rückt hier

an einem schiefgewordenen Stein, legt dort einen frommen Kranz nieder.

Die Bäume seufzen. Doch naht der Morgen, der Sonne bringt, verfliegt

der Spuk, und die Steine liegen wieder schief, und die Kränze sind

verschwunden.

Bis 1840 etwa brachte Weimar noch Tote auf den stillen Kirchplatz. Aber

schon 1818 wurde der »Neue Friedhof vor dem Frauentor« eröffnet, oben

am Poseckschen Garten, wo jetzt in Anlagen das Wildenbruch-Denkmal

steht ... und so modern Anlagen und Denkmal sind, das braune Posecksche

Haus dahinter, ganz die Zeit um 1800, dämpft das Heute, ist der

abgelegenen Gegend Kulisse der Vergangenheit und ein Stück Goethe-Welt,

die das Gestern beschwört.

Und Goethe-Welt ist dieser Friedhof, nun schon lange wieder zum »Alten

Friedhof« geworden. Verwittert die Mauer, angerostet die Gittertore.

Bäumchen und Sträucher von einst Wipfelgebirge und üppig wucherndes

Gebüsch. Die schwanke Trauerweide, die man dem ersten Toten, der hier

1818 bestattet wurde, einem Schauspieler Eulenstein, auf den Grabhügel

gesetzt hat, ist Riesenbaum geworden, der weithin über andere Gräber

schattet. Bei diesen Gräbern wohnt die letzte Stille, wohnt die

Vergessenheit. Hier hört das Leben Weimars auf.

Hört es auf? Beginnt es nicht erst?

Durch die Baumwipfel fällt schräg die Abendsonne. Sie vergoldet das

Kreuz auf der Fürstengruft. Es gibt nicht nur der schattendunklen Allee

Licht, die zu Coudrays schönem Bau führt, es leuchtet Deutschland und

der Welt. Denn hier ruht Goethe. Flüsterlaut der Grabkapelle wird

Andacht und Schweigen in der Gruft. Wie kühl Wand und Gewölbe! Wie dünn

die Luft! Und doch atmet man schwer, atmet beklommen; es ist, als ob

der Takt des Herzens fürchte, in all den stummen Särgen Echo zu wecken.

Welke Kränze. Schleifen. Kandelaber, die Krepp umflort. Steil

darauf die Kerzen. Blumen, die im Vergehen duften ... Treue hat sie

niedergelegt auf Goethes Sarg, auf Schillers Sarg, auf Carl Augusts

Sarg. Holz, Samt, Bronze, so stehen sie da, diese Särge, auf kaltem

Steinpodest, von kaltem Stein umgeben. Nur die der beiden Dichter

tragen Namen. Für die anderen gibt die Eintrittskarte, zugleich ein

Orientierungsplan, stumm die Erklärungen. Und da findet man das ganze

Weimarische Fürstenhaus, von Herzog Wilhelm IV., dem Stammvater, bis

auf Carl August und Luisen, Carl Friedrich und Maria Paulowna, Carl

Alexander und Sophie. Großherzöge, Erbgroßherzöge, Herzöge und

Prinzen und ihre Frauen ... eine ganze erlauchte Dynastie.

[Illustration: _Die Fürstengruft auf dem Alten Friedhofe am Poseckschen

Garten_]

Und mitten unter ihnen, mehr als sie alle von Gottes Gnaden Königliche

Hoheit: +GOETHE+.

Es ist sein Name, den das goldene Kreuz der Kuppel in die Welt brennt,

es ist sein Gebein, das diese Gruft heiligt, es ist sein Geist, der von

hier aus unablässig »über Gräber vorwärts« dringt und immer neuen Segen

spendet.

Noch drei andere Kreuze schimmern hell in der Abendsonne. Gleich hinter

der Fürstengruft. Auf drei Zwiebeltürmchen. Auf dem höchsten das

russische mit dem zweiten schrägen Querbalken. Das ist die Russische

Kapelle, ganz in Grün versteckt, ganz von Gräbern bis dicht an die

Mauern umbrandet, 1858 für die tote Maria Paulowna gebaut, die dem

Glauben ihres Vaterlandes treu geblieben war. Da steht ihr Sarg nun an

geweihter Stätte und doch nahe dem des Gatten in der Fürstengruft: Carl

Friedrichs, und ruft der Jüngste Tag, an den sie beide glaubten, dann

können sie aus ihren Sarkophagen Hand in Hand zum Licht emporsteigen,

die russische Kaisertochter und der deutsche Fürst, dem zuliebe sie

einst die Heimat geopfert.

Dann gesellen sich vielleicht auch Treue aus den Gräbern zu ihr. Ihr

halber Hofstaat liegt ja hier. Ihre Oberhofmeisterin zum Beispiel,

die Gräfin Ottilie Henckel von Donnersmarck, Ottilie v. Pogwischs

Großmutter, der unweit eine feierliche Steinkammer letzte Ruhestätte

ist. Oder andere, Hofdamen und Kammerfrauen ... das russische Kreuz

kehrt immer wieder, zuweilen in gleichem Gitter dem unsrigen auf

zweitem Grab vereint, wo dann Gatten verschiedener Konfession ruhen.

Und wie man durch die Gräberreihen geht, hier vorsichtig ein

morsches Holzkreuz meidend, das schon wieder Erde werden will, dort

von verwittertem Stein die Efeuranken hebend, um die Inschrift zu

enträtseln, bedrängt Vergangenheit immer stärker das Herz. Eine tote

Zeit steht auf. Namen klingen, die in Büchern ewiges Leben; der ganze

Goethe »berührende Personenkreis« ist hier Hügel an Hügel, Mal für Mal

versammelt.

Schattenspiel um Goethe · 第 13 / 14 段