Sicherlich. Denn wenn er in Wirklichkeit auch allein im Wagen saß, als

Schatten begleiteten ihn doch der treue Lebensgefährte, dem sie jetzt

in Weimar in der kühlen Fürstengruft soeben das letzte Lager bereitet

hatten ... und in Gedanken mögen die Lippen des greisen Dichters,

während das große dunkle Auge in der von seligem Sonnenglanz erfüllten

Weite hing, manch erinnerungsschweres Wort geformt haben, das dem toten

Freunde und gemeinsam verlebten Stunden galt. Zwar jener erste Besuch

auf Dornburg gehörte nun schon einer Welt, aus der fast alle, die sie

einst belebten, längst ins Grab gesunken waren; aber da waren in den

nun zurückliegenden fünfzig Jahren hundert andere gewesen, die ihn,

allein und nicht allein, hierher geführt hatten, und sie alle spülte

nun die Erinnerung wieder aus der Vergangenheit herauf, Fluch und

Gnade in eins, und wunderlich vermengte sich in unbewußtem Nachdenken

Altes, das er längst abgetan geglaubt, mit Neuem, das seine Seele jetzt

bewegte.

Mit leisem Rauschen trieb neben ihm, im Getrappel der Pferde

kaum vernehmbar, die Saale dahin, von grüner Wiese und schwankem

Weidengebüsch sanft gehegt, nur manchmal, wenn sich aus den weichen

Uferhängen starre Felsen drängten, in unwilligem Bogen ausweichend, dem

Straße und Wagen folgen mußten. In den Ebereschen hingen schon rot die

Beerendolden.

Er dachte nach. Ferne Zeiten dämmerten herauf, die Jahre, da sein

Herz sich Tag und Nacht in heißer Sehnsucht nach der geliebten Frau

in jenem stillen, großen Hause an der Ackerwand in Weimar verzehrte

... fast ging es, trotz der sommerlichen Wärme des Julitages, wie ein

erkältender Hauch über ihn hin.

Da war der erste Besuch des Hofes, Anno 1777 im Juli ... die Herzogin

kannte Dornburg noch nicht, und wie Knebel an den in Pyrmont weilenden

Herder schrieb, soll sie geäußert haben: »Das ist der beste Tag, den

ich noch hier gehabt habe. Es ist mir wie in einem schönen Traum.«

Arme blasse Luise! Das Schicksal hat dir nicht viele solcher Tage in

Weimar geschenkt, und oft genug magst du des heiteren »Frühstücks

auf dem Fünfeck« gedacht haben, das ein »überherrlicher Morgen«, wie

Goethe selbst damals in seinem Tagebuche jubelt, zu einer Stunde

reinsten Glückes werden ließ ... Später hatte dann der Herzog seinen

jungen Minister ein paarmal zur Rekrutenaushebung ins Land geschickt,

zur »Auslesung« -- keine angenehme Aufgabe, besonders nicht für einen

Dichter, dessen Phantasie gerade um die hoheitsvollen Gestalten einer

Iphigenie, eines Orest schwingt. Ungefähres zuckte schmerzlich durch

sein Hirn.

Wir Enkel, die wir in den reichen Schätzen seines Erbes leben und atmen

dürfen, wir brauchen nur wieder die Briefe an Charlotte von Stein

aufzuschlagen und finden Gewisses. Da schreibt er am 2. März 1779 aus

Dornburg an die ferne Geliebte: »Knebeln können Sie sagen daß das Stück

sich formt, und Glieder kriegt. Morgen hab ich die Auslesung, dann will

ich mich in das neue Schloß sperren und einige Tage an meinen Figuren

posseln ... Jetzt leb ich mit den Menschen dieser Welt, und esse und

trinke, spase auch wohl mit ihnen, spüre sie aber kaum, denn mein

innres Leben geht unverrücklich seinen Gang.« Und zwei Tage später:

»Auf meinem Schlößgen ist's mir sehr wohl, ich habe recht dem alten

Ernst August gedankt, daß durch seine Veranstaltung an dem schönsten

Platz, auf dem bösten Felsen eine warme gute Stätte zubereitet ist

... Die Tage sind sehr schön, die Gegend immer allerliebst.« Mit dem

»Schlößgen« meint Goethe das mittlere der drei Dornburgschen Schlösser,

den Rokokobau. Denn nur dieses konnte damals bewohnt werden, da in dem

alten Schloß eine Barchentspinnerei untergebracht und das dritte, das

Stohmannsche Freigut, eben noch Freigut war und noch nicht dem Herzog

gehörte.

Und noch einmal taucht Dornburg in den Briefen an Frau von Stein

auf. Das ist 1782. Wieder zwingt den Dichter, wie er in seinem

Tagebuch offenherzig schreibt, »das alberne Geschäft der Auslesung

zum Militär«, vier Wochen im Lande herumzureiten. Es ist März und

die Frühlingsstürme blasen. So fürchtet er schon in Jena, daß das

Zusammentreffen mit der Geliebten in Dornburg, das in Weimar verabredet

worden war, nicht möglich sein werde. Und es wurde auch nichts daraus.

Am 16. März geht dafür ein kurzer Brief aus Dornburg an sie ab, der

seine bange Sehnsucht und Erwartung schildert -- »jetzt da es Nacht

wird sinckt mein Vertrauen nach und nach, und die Resignation tritt

ein« -- und ihr meldet, daß sein »Mieting« (das herrliche Gedicht auf

Miedings Tod) fertig ist. Inzwischen war auch der Herzog auf Dornburg

angelangt, mit Briefen von Frau von Stein, die dem Dichter Beruhigung

brachten. Ein Sonntagsbrief Goethes an sie meint nun: »Jetzt ist mir's

lieber daß Du nicht gekommen bist. Der halbgeschmolzene Schnee zwischen

den schwarzen Bergen und Feldern gibt der Gegend ein leidig Ansehn. Du

sollst sie im Sommer zum erstenmal besuchen.« Und am Abend des gleichen

Tages läßt ihn die Sehnsucht noch einmal zur Feder greifen: »Es geht

morgen ein reitender Bote nach Weimar, so kannst du dies zum guten Tag

haben ... Leb wohl, ich bin dein. Meine Seele schliest sich in sich

selbst zusammen, wenn mir dein Anblick fehlt.« Der Tag wäre im übrigen

still hingegangen, sie hätten geplaudert und gelesen, wären auch ein

wenig spazieren gegangen. »Ich bin ganz leise fleißig, ich möchte nun

Egmont so gar gerne endigen. Und seh es möglich.«

[Illustration]

Das ist alles. Als Traum fliegt es durch die Erinnerung des sacht

Dahinfahrenden, Verse aus Iphigenie, Worte aus Egmont, hier mit dem

Blick auf die Saale und ihre Wälder und Felder geformt, klingen wie aus

verschütteten Tiefen herauf. Die Schlußzeilen aus dem Mieding-Gedicht,

hier einst gefunden, als der Märzsturm greulich die alten Felsen und

Mauern umtobte, gewinnen neue Bedeutung, da ihr zauberischer Klang nun

auch um ein anderes Grab schwingen darf:

»Fest steh dein Sarg in wohlgegönnter Ruh;

Mit lockrer Erde deckt ihn leise zu,

Und sanfter als des Lebens liege dann

Auf dir des Grabes Bürde, guter Mann!«

Und leise aufstöhnend deckt der alte Herr im Wagen, der so aufrecht

sitzt und dessen volles Kinn so gravitätisch in der schneeigen Binde

ruht, die Augen auf einen Moment mit der Hand ... und denkt vielleicht

auch daran, daß die, um die er hier in Dornburg und »soweit die Welt

nur liegt« in zehrender Liebe gebangt hat, nie die Dornburger Gegend

gesehen hat, die er ihr »im Sommer« einmal hatte zeigen wollen; daß

auch sie seit fast zwei Jahren tot ist ...

Und das Bild einer anderen Toten steigt aus der Erinnerung, das hübsche

Bild Christianens, seiner Frau. Frohe Tage bringt es mit sich, die ihr

helles Lachen, ihr heiteres Geplauder, ihre stete Fürsorge für ihn

verklärten. Wie oft ist er mit ihr und August in Dornburg gewesen!

Damals prangte sie noch in allem Glanz der Jugend, war eine »gute

Kleine«, und August war noch ein »Bübechen«. Auch das ist lange her!

Der Briefwechsel zwischen Goethe und Christiane, den erst Hans Gerhard

Gräf, nach unbillig langer Sekretierung, »für die Guten und nicht für

die Bösen« endlich zugänglich gemacht hat, erzählt mancherlei von

diesen harmlosen Ausflügen. War Goethe in Jena, so fuhren die Geliebte

(die Goethe, wie aus früheren Briefen an Schiller hervorgeht, schon

längst als seine Frau betrachtete, wenn sie das in Wirklichkeit auch

erst 1806 wurde) und der kleine August oft von Weimar hinüber zu ihm,

und immer schloß sich dann eine jener »Partien« nach dem nahen Dornburg

an, die Christiane etwa dann die kindlich-reizenden Worte finden

ließen: »Ich danke Dir noch herzlich für das vergönnte Späßchen!« und

die in August, als er schon wohlbestallter Assessor und ein Lebemann

dazu war, noch sehnende Erinnerungen weckten ... Da heißt es dann in

Goethes Tagebuch immer kurz und lakonisch: »Mit den Meinigen nach

Dornburg« oder: »... wir fuhren abends nach Dornburg«; aber die wenigen

Worte sprechen für sich, und die Innigkeit des Tones verrät deutlich

die reine väterliche Freude, die dem Dichter solche Familienausflüge

gemacht haben müssen, zumal das zwanglose Landleben in Dornburg und

der Jahrmarkt im nahen Lobeda, dessen Besuch nie versäumt wurde, der

lebenslustigen Christiane Gelegenheit genug geboten haben werden, ihre

Frohnatur zu zeigen.

Ihre Frohnatur ... und wieder finden sich willfährig Verse, die

tröstend aus der Vergangenheit herüberklingen, als Schatten dem

Träumenden den Blick verdunkeln wollen:

»Froh glänzend Auge, Wange frisch und roth,

Nie schön gepriesen, hübsch bis in den Tod.«

Ja, bis in den Tod, und was einst, als sie in »fürchterlichem

Kampfe« starb, »Leere und Totenstille« in ihm ließ, das gestaltete

dankbare Erinnerung zu »fröhlichem Vermächtnis«. Zu diesem fröhlichen

Vermächtnis gehört auch Dornburg.

Und andere Tage gleiten dem Fahrenden durch den Sinn, Tage, da er,

nun schon lange einsam geworden, allein in Dornburg weilte, nur in

der Zwiesprach mit den stillen Pflanzen und den stillen Steinen

Unterhaltung suchend, die ihm mit stummer Hingabe seine rätselnde

Liebe lohnten. Wie war das doch damals gewesen, als er in Jena das

Zettelchen des Kanzlers von Müller empfing, das ihn in kurzen, warmen

Worten nach Dornburg lud? Zehn Jahre sind es gerade her, aber der

Frühlingstag steht deutlich vor ihm. Wieder einmal war Dornburg ein

Blütenmeer ... »Blüthenburg«, erzählt der Kanzler von Müller in seinen

Unterhaltungen mit Goethe, »sollte man Dornburg nennen, denn Dornen

fanden wir keine, aber duftende herrliche Blüthen in Menge.« Müller

war mit Julie von Egloffstein, Goethes »schöner Schülerin«, von Weimar

nach Dornburg gefahren und erwartete den Dichter in dem »allerliebsten

Feenschlößchen, das am schroffen Felsabhange wie durch Zauberei

aufgerichtet scheint«. Ernst und feierlich kam Goethe durch die Hecken

des kleinen Gartens geschritten. Im weißblauen Speisesaal wurde das

Mittagsmahl eingenommen, »auf derselben Stelle, wo einst vor sechzehn

Jahren eine verwandte fröhliche Gesellschaft bei ähnlicher Lustfahrt

im heitern Übermut auf rosenbestreuten Polstern unter Gitarrenspiel

und Gesang sich niedergelassen und dem Genius des Orts manch

geflügeltes Wort und Lied geopfert hatte«. Und in heiterem Geplauder

verging der schöne Sonnentag und endete in ernstem philosophischen

Gespräch. »Es war als ob vor Goethes innerem Auge die großen Umrisse

der Weltgeschichte vorübergingen, die sein gewaltiger Geist in ihre

einfachsten Elemente aufzulösen bemüht war. Mit jeder neuen Äußerung

nahm sein ganzes Wesen etwas Feierlicheres an, ich möchte sagen, etwas

Prophetisches.«

So kam der Abend, die Luft war schwer von Blütenduft, in den

Fliederhecken begannen die Nachtigallen zu schlagen. Der Himmel stand

über den Bergen des weiten Tals in rosiger Bläue. Da erhob sich Goethe.

»Laßt mich, Kinder,« sprach er, plötzlich vom Sitze aufstehend, »laßt

mich einsam zu meinen Steinen dort unten eilen; denn nach solchem

Gespräch geziemt es dem alten Merlin, sich mit den Urelementen wieder

zu befreunden.« Und in seinen hellgrauen Mantel gehüllt, den er als

Abendgewand so liebte (auch als er im Frühherbst 1815 bei Willemers auf

der Gerbermühle zu Besuch weilte, trug er, wie Marianne von Willemer

erzählt, immer abends seinen »weiß flanellenen Hausrock«), stieg er ins

Tal hinab, vorsichtig Schritt für Schritt die morschen Stufen prüfend,

ernst und feierlich, wie er am Mittag gekommen, aber jetzt in der schon

leise fallenden Dämmerung eine geisterhafte Erscheinung. Hin und wieder

blieb er ein Weilchen stehen, bückte sich nach Steinen, ließ Blumen

und Gräser durch die schöne weiße Hand gleiten. Und manchmal klang zu

den Zurückgebliebenen, die ihm wie gebannt nachsahen, gedämpft der

Klang des Hammers herauf, mit dem er den starren, schweigenden Fels

prüfte oder kleine Gesteinteile für spätere Forschungen abschlug ...

und so entschwand er allmählich dem Blick, zerrann im Schatten der

Berge, kein Mensch mehr, nein, ein Gott, der mit der Natur um ihre

tiefsten Geheimnisse rang ... Merlin der Alte, der Dichter des »Faust«

und selbst eine faustische Erscheinung. »Wir aber fuhren,« so schließt

Müller »unter traulichen Erinnerungsgesprächen durch das blühende

Jenaische Tal froh und heiter nach Hause.«

Das war im April 1818 gewesen!

Jetzt schrieb man 1828. Wieder lag das Jenaische Tal in abendlichem

Glanze, auf den Feldern wogte das gelbe Korn, und in dem unendlichen

Himmel standen wie Pünktchen die Lerchen und erfüllten die laue Luft

mit jubelndem Gesang. Statt des Flieders blühten auf den Terrassen der

Dornburg-Schlösser die Rosen, man sah sie nicht, aber der Wind trug

ihren Duft dem Wagen entgegen ... den schwachen Duft der zarten weißen

und den starken der üppigen roten. Da kamen wieder die Erinnerungen,

verklungene Rosenzeit stand auf und bedrängte das Herz des einsamen

Mannes. In diesem Herzen war es Herbst, später Herbst. Von der langen

Fahrt ermüdet, die Seele dumpf erfüllt von den »düstern Funktionen«

in Weimar, sank er für einen Augenblick in sich zusammen: Schatten,

wohin er sah, schattenhaft die Jahre, die vergangen, schattenhaft

die Gestalten, die ihnen Qual und tiefster Lebensrausch gewesen! Von

vielen, vielen Toten er der einzig Lebende! Kam nun auch für ihn

die Nacht? Ein kühler Hauch vom nahen Mühlenwehr, an dem sie grad

vorüberrollten, ließ ihn leicht erschauern ...

Die Pferde quälen sich den Berg hinauf, die Räder mahlen im Sande. Über

dem Städtchen Dornburg schwanken die Abendschatten. Und schattenhaft

auch das Schloß, das ehemalige Stohmannsche Freigut, als der Wagen

endlich hält. Nur um die letzten Giebel hängt noch ein wenig blasse

Sonne -- so auch das alte Haus zu einem Symbol des eigenen Lebens

gestaltend, denkt er. Goethes Sekretär John und der junge Hofgärtner

Sckell empfangen ihn. Vor dem reichverzierten Renaissance-Portal stutzt

sein Schritt, das Auge fesselt flüchtig ein lateinischer Spruch.

Wie lautet er?

»+Gaudeat ingrediens laetetur et aede recedens

His qui praetereunt det bona cuncta deus. 1608.+«

+Gaudeat ingrediens+ ... »Freudig trete herein!« murmeln seine Lippen,

und wie ein leiser Trost tritt da vor das trauervolle Herz Hatems das

Bild Suleikas.

Und an den Dienern vorbei, die Windlichter halten, schreitet Goethe,

nun wieder ganz verhaltene Würde, gelassen über die Schwelle und

verschwindet im Dunkel des Flurs.

Ruhe und Vergessen hat Goethe in Dornburg gesucht, beides hat er

gefunden. Die Natur tat ein übriges und schickte ihrem Liebling

wundervolle Sommertage. Hofgärtner Sckell -- der über ein Menschenalter

später diese Zeit in einem kleinen Buch mit dem Titel »Goethe in

Dornburg. Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes« geschildert hat -- hatte

ihm in dem neu erworbenen Schloß die sogenannte »Bergstube« im ersten

Stock eingerichtet, die in der Südwestecke des winkligen Baues liegt.

Das Zimmer ist heute wieder in genau dem gleichen Zustand wie damals,

als Goethe es bewohnte. Das Eckfenster, aus dem der Dichter so gerne

ins Tal geblickt hat, trägt auf seinem Rahmen unter Glas die Inschrift:

»1828 vom 7. Juli bis den 12. September verweilte hier Goethe.«

[Illustration]

Es ist ein ganz einfaches Zimmer, das in seiner Schmucklosigkeit

lebhaft an Goethes Schlaf- und Arbeitszimmer in Weimar erinnert. Der

Fußboden rohes Holz, die niedrige Balkendecke wie die Wände hellgrau

getüncht. Auch die Möbel völlig schmucklos -- ein brauner Arbeitstisch,

ein Sekretär, ein paar Stühle, deren gestickte Polsterbezüge von Frau

von Stein und Frau von Wolzogen stammen, zwischen den Fensterpfeilern

ein Tischchen -- das ist alles. Man betritt das ärmliche Gemach durch

ein Empfangszimmer, das Kupferstiche und Büsten etwas wohnlicher

gestalten. Aber auch dies Zimmer war nur für die Vertrauten, den

Besuch vornehmer Gäste und Fremder nahm Goethe in dem benachbarten

Rokokoschlößchen oder im Garten entgegen. Hinter der »Bergstube«, durch

eine niedrige Tür damit verbunden, die Schlafkammer. Ein schmales Bett,

ein grünes Sofa, ein paar Stühle, ein Schrank, über dem Bett wenige

selbstgeschnittene Silhouetten, das ist auch hier das ganze Mobiliar.

Und doch hat sich Goethe in dieser ärmlichen Umgebung glücklich

gefühlt, sehr glücklich sogar. Er lebte ja auch eigentlich nicht in

den engen Zimmern, sondern draußen in der Natur. Die Terrassen, der

Garten, der »Hain«, das weite Saaletal, das war sein Reich. Wieder

waren ihm die Pflanzen und die Steine die liebste Gesellschaft, in dem

stillen, ungestörten Verkehr mit ihnen fand er die ersehnte Linderung

für den großen Schmerz, den ihm der plötzliche Tod des fürstlichen

Freundes bereitet hatte, gewann er die ruhige Kraft zu den strengen

wissenschaftlichen Arbeiten, die auch hier seinen Tag ausfüllten, und

tiefster Seelenrausch vor allem wurden ihm die lauen Augustnächte, wenn

das weite Tal ihm zu Füßen im Licht des Vollmonds schwamm und die Berge

mit silbernen Konturen gegen den geheimnisvoll durchleuchteten Himmel

standen. In solchen Stunden fand sein beschwingter Mund Worte, die in

ihrer schweren Süßigkeit an seiner jungen Jahre schönste Dichtungen

gemahnen. Sehnsucht nach einer geliebten Frau tat auch diesmal das

Ihre dazu. Als Goethe nämlich vor langen Jahren, es war im Herbst

1815, mit Marianne von Willemer und ihrem Mann in Heidelberg zusammen

gewesen war, hatten sich die beiden Liebenden in einer dufterfüllten

Vollmondsnacht versprochen, bei jedem zukünftigen Vollmond einander im

Geiste nah zu sein. Der Hatem-Rausch war nun schon längst verflogen,

die Zeit, von der die wundervollen Verse erzählen: »... und noch einmal

fühlet Goethe Frühlingshauch und Sonnenbrand,« war längst im Spiegel

des »West-Östlichen Diwan« eingefangen; aber die stille Neigung zu

Suleika hatte der Jahre flüchtigen Lauf überdauert, und aufs neue

erwachte sie, als Goethe nun in Dornburg, drei Tage vor dem Eintritt in

sein achtzigstes Lebensjahr, nachts am Fenster seiner Bergstube stand

und geblendeten Auges, aufs tiefste erschüttert, in die silberne Fülle

des Mondes blickte ... er war im Geiste bei der Frau, die er seit jenem

frühlingshaften Heidelberger Herbste nie wieder gesehen hatte. Vom 25.

August 1828 stammt das Gedicht: »Dem aufgehenden Vollmond.« Es lautet:

»Willst du mich sogleich verlassen?

Warst im Augenblick so nah!

Dich umfinstern Wolkenmassen,

Und nun bist du gar nicht da.

Doch du fühlst wie ich betrübt bin,

Blickt dein Rand herauf als Stern!

Zeugest mir, daß ich geliebt bin,

Sei das Liebchen noch so fern.

So hinan denn! Hell und heller,

Reiner Bahn, in voller Pracht!

Schlägt mein Herz auch schmerzlich schneller,

Überselig ist die Nacht.«

Marianne erhielt das Gedicht am 23. Oktober von Weimar aus. Aber im

Begleitbrief heißt es: »Mit dem freundlichsten Willkomm die heitere

Anfrage: wo die lieben Reisenden am 25. August sich befunden? und ob

sie vielleicht den klaren Vollmond beachtend des Entfernten gedacht

haben? Beikommendes gibt, von seiner Seite, das unwidersprechlichste

Zeugnis.«

Die Natur, die hier alles ist, war ihm wirklich alles. Er gab sich ihr

ganz hin. Schon das erste Tagebuchblatt aus Dornburg meldet: »Früh in

der Morgendämmerung das Thal und dessen aufsteigende Nebel gesehen. Bey

Sonnenaufgang aufgestanden. Ganz reiner Himmel, schon zeitig steigende

Wärme ... Abends vollkommen klar. Heftiger Ostwind.« Ähnliches

findet sich Tag für Tag, und immer wiederholt sich die Bemerkung:

»Auf der Terrasse spaziert.« Sckell erzählt, daß er stets schon um

6 Uhr aufstand. Das Tagebuch bezeugt es. Wenn die Welt noch ganz

still und keusch in feierlicher Schönheit dalag, empfand er lebendig

das homerische Wort von der »heiligen Frühe«. Auch hier formt sich

seelische Erschütterung zu Versen:

»Früh, wenn Tal, Gebirg und Garten

Nebelschleiern sich enthüllen,

Und dem sehnlichsten Erwarten

Blumenkelche bunt sich füllen;

Wenn der Äther, Wolken tragend,

Mit dem klaren Tage streitet,

Und ein Ostwind, sie verjagend,

Blaue Sonnenbahn bereitet,

Dankst du dann, am Blick dich weidend,

Reiner Brust der Großen, Holden,

Wird die Sonne, rötlich scheidend,

Rings den Horizont vergolden.«

Genaueres über sein Leben in Dornburg geben die Briefe, die er hier

geschrieben, darunter manche, die von der Schönheit eines lyrischen

Gedichtes sind. Der fast Achtzigjährige war eben wieder ganz in

poetischer Bewegung, wie immer, wo er so unmittelbar in und mit der

Natur lebte wie hier. Rückhaltlos spricht er sich zu den alten Freunden

Zelter, Heinrich Meyer, Soret und Knebel aus. »Seit fünfzig Jahren,«

schreibt er bereits am 10. Juli an Zelter, »hab' ich an dieser Stätte

mich mehrmals mit ihm (dem Großherzog) des Lebens gefreut, und ich

könnte diesmal an keinem Orte verweilen, wo seine Tätigkeit auffallend

anmutiger vor die Sinne tritt.« Und nun schildert er, was Carl August

für Dornburg alles getan, und deutlich spürt man zwischen den Zeilen

die tiefe, fast behagliche Freude des Genusses an all dem Schönen, was

hier Natur und Kunst in edlem Wettstreit bieten, ja, er malt förmlich,

und das Bild, das so von Dornburg entsteht, ist so plastisch, daß

selbst jemand, der Dornburg und seine Schlösser nie gesehen hat, sich

dem Reiz der Darstellung nicht entziehen kann.

Ein völliges Kunstwerk ist der große Brief vom 18. Juli an Friedrich

August v. Beulwitz, den Generaladjutanten des neuen Großherzogs

Carl Friedrich. In ihm erscheint die ganze Dornburger Zeit in

poetischer Verklärung -- das Tagebuch nennt ihn ja auch die »reflexive

Relation meines hiesigen Aufenthalts«. Das lange und ausführliche

Schreiben beginnt mit jenem alten Distichon, das über dem Portal des

Stohmannschen Freiguts in den Stein gemeißelt ist; den lateinischen

Worten läßt Goethe gleich die Übersetzung folgen:

»Freudig trete herein und froh entferne dich wieder!

Ziehst du als Wanderer vorbei, segne die Pfade dir Gott.«

Und er schildert dann, wie er nach Verlauf von einigen Tagen und

Nächten der Trauer sich ins Freie gewagt und begonnen hat, die Anmut

dieses »wahrhaften Lustorts« still in sich aufzunehmen:

»Da sah ich vor mir auf schroffer Felskante eine Reihe einzelner

Schlösser hingestellt, in den verschiedensten Zeiten erbaut, zu

den verschiedensten Zwecken errichtet. Hier, am nördlichsten Ende,

ein hohes, altes, unregelmäßig weitläufiges Schloß, große Säle zu

kaiserlichem Pfalzlager umschließend, nicht weniger genugsame Räume zu

ritterlicher Wohnung. Es ruht auf starken Mauern, zu Schutz und Trutz.

Dann folgen später hinzugestellte Gebäude, haushälterischer Benutzung

der umherliegenden Feldbesitzer gewidmet.

Die Augen an sich ziehend aber steht weiter südlich, auf dem solidesten

Unterbau, ein heiteres Lustschloß neuerer Zeit zu anständigster

Hofhaltung und Genuß in günstiger Jahreszeit. Zurückkehrend hierauf an

das südliche Ende des steilen Abhanges, finde ich zuletzt das alte, nun

auch mit dem Ganzen vereinigte Freigut wieder, dasselbe, welches mich

so gastfreundlich einlud.

Auf diesem Weg nun hatte ich zu bewundern, wie die bedeutenden

Zwischenräume, einer steil abgestuften Lage gemäß, durch Terrassengänge

zu einer Art von auf- und absteigendem Labyrinthe architektonisch

auf das schicklichste verschränkt worden, indessen ich zugleich

die sämtlichen übereinander zurückweichenden Lokalitäten auf das

vollkommenste grünen und blühen sah. Weithingestreckt, der belebenden

Sonne zugewendete, hinabwärts gepflanzte, tiefgrünende Weinhügel;

aufwärts, an Mauergeländern, üppige Reben, reich an reifenden, Genuß

zusagenden Traubenbüscheln; hoch an Spalieren sodann eine sorgsam

gepflegte, sonst ausländische Pflanzenart, das Auge höchstens mit

hochfarbigen, am leichten Gezweige herabspielenden Glocken zu ergötzen

versprechend; ferner vollkommen geschlossen gewölbte Laubwege, einige

in dem lebhaftesten Flor durchaus blühender Rosen, höchlich reizend

geschmückt; Blumenbeete zwischen Gesträuch aller Art.

Konnte mir aber ein erwünschteres Symbol geboten werden? deutlicher

anzeigend, wie Vorfahr und Nachfolger, einen edlen Besitz

gemeinschaftlich festhaltend, pflegend und genießend, sich von

Geschlecht zu Geschlecht ein anständig bequemes Wohlbefinden emsig

vorbereitend, eine für alle Zeiten ruhige Folge bestätigten Daseins

und genießenden Behagens einleiten und sichern? ...

Schattenspiel um Goethe · 第 12 / 14 段