Alexander hat ihn »seinem Lehrer in dankbarer Erinnerung errichtet«.
Und »Göthes Freund« ... wie die andere Seite meldet. Auch Johanna
Eckermann, die Frau, geb. Bertram aus Hannover, ruht hier auf dem
Alten Friedhof. Sie hatte, eine alternde Braut, lange gewartet, ehe der
ewig unentschlossene Bräutigam sie nach Weimar holte ... vielleicht war
auch Goethe schuld, der Eckermann für sich allein haben wollte. Es ist
auch nur ein kurzes Glück gewesen: 1834 schon starb Johanna, und da
störte niemand mehr den Eckermann, ganz seinem Goethe zu leben.
Da liegen an der Mauer, hart an der Straße, einträchtig beieinander
Pius Alexander Wolf, der Schauspieler, Riemer und seine Frau Caroline,
geb. Ulrich (die Uli, Christianens muntere Gesellschafterin), Carl
Augusts Leibarzt +Dr.+ Huschke, die Schauspieler Eduard Genast und
Carl Ludwig Oels. Auch Heinrich Meyer liegt hier mit seiner Frau,
Goethes alter Freund und langjähriger Hausgenosse am Frauenplan, der
»Kunschtmeyer«, wie man ihn spöttelnd nannte ... und gewiß erzählt die
Historie manche Schnurre von ihm; aber sie weiß auch, daß er den Tod
Goethes nicht verwinden konnte und ihm wenige Monate später nachstarb,
weiß, daß er ein Philanthrop war, dem »das dankbare Weimar« das hübsche
Denkmal setzte, das hier an ihn erinnert.
Gegenüber ein schlichter Stein auf flachem Hügel: Christine Kotzebue
aus Wolffenbüttel, geb. Krüger, des berühmten Kotzebue Mutter, die Frau
von Anna Amalias Kabinettssekretär ... aber während der schon 1765
starb, hat sie bis 1828 gelebt. Und hat also Ruhm, Schande und sogar
den häßlichen Tod des »großen« Sohnes erlebt und überlebt: welch ein
Mutterschicksal!
Drüben die andere Mauer aber, hinter der der »Neue Friedhof«
beginnt, ist stärkere Lockung. Alt-Weimar hat hier zunächst seine
Geschlechtertafeln: die Ludecus und Coudray, die Conta und Buchwald,
die Falk und Kirms, die Thon und Swaine ... schlichte schwarze
Eisentafeln mit goldenen Buchstaben, einfach in die Mauer eingelassen,
mit der sie nun, efeuübersponnen, fast eins. Aus Johannes Falks, des
Waisen- und Kinderfreundes, Grab wächst eine riesige Linde hervor:
»Unter dieser grünen Linden / Ist durch Christus frei von Sünden / Herr
Johannes Falk zu finden ...« betet einfältig-rührend die Steinplatte.
Und dankbar denkt man seines »Kriegsbüchleins«, das so hübsch »Weimars
Kriegsdrangsale in dem Zeitraum von 1806 bis 1813« schildert.
Auch die Familie Mieding hat hier ihren Platz ... man weiß: Goethes
Gedicht »Auf Miedings Tod«; aber der »gute Mann«, den der junge Goethe
so gepriesen, der liegt hier nicht, lag wohl an der Jakobskirche; es
sind Nachfahren, die an ihn mahnen.
* * * * *
[Illustration]
Und hier an der Mauer auch das Grab oder die Grabstellen, um
deretwillen Fremde von weit her kommen: Charlottens und das der Familie
Goethe. Alltag verfliegt, steht man davor, und Frauenplan und Ackerwand
bauen aus längst verflogenen Stunden Glückes wie Leides Zauberwelten
auf. Die Goethe Gesellschaft hat Frau von Stein dies Denkmal errichtet:
in Sandsteinumrahmung das Marmormedaillon mit dem zarten, etwas
schwermütigen Kopf Charlottens. Darüber der Goethesche Stern. Das Ganze
ein wenig steif, ein wenig förmlich -- unsinnlich, wie die, der es
Erinnerung. Wind macht sich auf, und die Bäume ringsum rauschen. Selbst
der Efeu rauscht. Da fängt das Ohr vertrauten Laut:
»Sag', was will das Schicksal uns bereiten?
Sag', wie band es uns so rein genau?
Ach, du warst in abgelebten Zeiten
Meine Schwester oder meine Frau ...«
Der Goethe von 1776. Zehn Jahre, und das Glück (das nie ein Glück
gewesen, höchstens ein Schein-Glück) zerbrach. Freundschaft versuchte,
als der Lebensabend nahte, die Scherben zu kitten. Aber als man die
Tote, letztem Willen ungehorsam, an den Frauenplanfenstern vorübertrug,
verbarg sich der, dem sie in abgelebten Zeiten Schwester oder Frau.
Iphigeniens Seele. Eleonorens. Charlotte in den »Wahlverwandtschaften«.
Die Gräfin im »Wilhelm Meister«. Briefgeliebte wie keine andere
deutsche Frau und, in Stunden des Rausches, vielleicht auch Glück den
heißen Sinnen. Nun ein starres Medaillon aus kaltem Stein, Augen, die
ins Leere blicken, die suchen und nie mehr finden. Denn der Goethe der
Fürstengruft, ein allem Irdischen Entrückter, blickt von ihr weg nach
Osten. Das »Alles um Liebe« tönt seinem Ohr nicht mehr.
Es tönt nur uns.
* * * * *
Daneben Goethes Familie. Fünf flache Hügel ... jeder Bourgeois-Hügel
auf großstädtischem Massenfriedhof zeigt mehr Prunk. Aber über diesen
fünf Hügeln liegt in der Mauer, die die Namensplatten trägt, in
Tempelnische die süße Mädchengestalt, die selbst Flüchtige fesselt:
Alma, des Dichters Enkelin. Am Frauenplan lächelt, rosengeschmückt,
die Lebende: Luise Seidlers Bild; hier schläft sie, Marmor geworden.
Ja, schläft sie? Atmen diese Kinderbrüste nicht? Will sich die Hand,
die den Maiblumenstrauß hält, nicht bewegen? Der schmale Fuß nicht
das Lager verlassen? Traum macht die Lider schwer. Nein, sie ist tot.
Dieser Busen birgt kein lebendiges Herz. Diese Hand wird nie mehr mit
Blumen spielen. Dieser Mund sich nie mehr zu frohem Lachen öffnen.
[Illustration]
Unstet fuhr sie durch die Welt, da sie lebte, von der Mutter, die im
Taumel Ruhe suchte, hin- und hergerissen. Starb sechzehnjährig und
frühreif 1844 in Wien am Typhus. Wurde in Währung begraben, 1895 in
Weimar »zur letzten Ruhe bestattet«, und erst 1910 erhielt sie das
Denkmal, das bis dahin am Frauenplan im Keller gestanden ... welch'
eine Fülle von wilden Schicksalen! Das Blut des Vaters, das noch über
den frühen Tod hinaus Abenteuer und Fluch bedingte? Kaum. Den Ottilie
v. Pogwisch liebte, da sie Alma empfing, war nicht August von Goethe,
sondern einer der vielen Engländer, die damals nach Weimar drängten zu
der schönen Frau v. Goethe. War Charles Des Voeux, ein junger Schotte.
Aber der Mutter unruhiges Blut prägte dieses bittere Mädchenlos.
Ja, Ottilie v. Pogwisch, nun bist auch du längst zur Ruhe gegangen.
Daß Goethe in deinen Armen gestorben, ist dein Ruhm. Ihm verdankst
du Unsterblichkeit. Friedlich liegst du hier mit Mutter und Kindern
... eine Unglückliche unter Unglücklichen. Deines Mannes Grab in Rom
überschattet die Pyramide des Cestius, italienische Zypressen schwanken
darum, wenn der heiße Südwind weht. Deine Söhne, deine Tochter aber
hat der Tod dir wieder an das Herz gelegt, unter dem sie einst
verhängnisvoll keimten ... alle krank und lebensfremd, unfroh der Bürde
des Namens, die sie zeitlebens drückte.
»Mit ihm erlosch Goethes Geschlecht, dessen Name alle Zeiten
überdauert,« meldet Walthers Stein. Ja. Der Morgenstern, der dieses
Namens Symbol, wird ewig leuchten. Sein Glanz umstrahlt auch die, die
unter seinem Lichte litten und die geblendeten Augen in dem Dämmer der
Dachstuben am Frauenplan verbargen ... die Freiherren waren und doch so
wenig frei, so wenig Herr, nur arme Menschen.
Über das eiserne Gitter gelehnt, blickt man auf ihre Gräber, und die
Seele, trauervoll bewegt, schickt Gebete in die Fernen, die keiner
kennt.
* * * * *
Und weiter. Namen über Namen, jeder irgendwie mit Goethe verknüpft.
Es ist erschütternd, wie weit der Umkreis dieser Welt noch im Grabe.
Laßberg, Pappenheim, Beulwitz, Egloffstein, Wolfskeel -- der Adel
Weimars. Auch die »kleine Waldner« fehlt nicht, Luise Adelaide v.
Waldner, wie Frau v. Stein Hofdame der Herzogin Luise. Und nur allzu
oft der eifersüchtigen Charlotte ein Dorn im Auge, wenn sie ihren
Freund von dem immer lachlustigen, koketten Persönchen gefesselt
glaubte. Tragikomisch auch eine Tagebuchstelle Goethes von 77: »Abends
Kronen und Herzog bei Laiden ertappt« ... Krone die Schröter, und Laide
die Waldner, und das Ganze der Anfang vom Ende: denn selbst mit einem
Herzog teilte Goethe nicht, wo er liebte. Mein Gott, wie lange ist das
her! Doch weiter: da ein Wieland! Carl, der Sohn, großherzoglicher
Rechnungsrat. »Kein Dichter war des großen Dichters Sohn.« Man denkt
an das enge, kinderreiche Haus gegenüber dem Wittumspalais, denkt
an Oßmannstedt. Da Luise Seidler, die Malerin aus Jena, von Goethe
väterlich betreut. Kersting hat sie als »Stickerin am Fenster« gemalt,
ein berühmtes Bild; die Kaiserin Augusta war ihre Schülerin. Auch
ein Vulpius-Grab weckt Erinnerungen: Rinaldo und Bianca ... Rinaldo,
der Sohn von Christianens Bruder; er trägt den Namen des »Helden«,
dem sein Vater im Roman zu so traurigem Ruhm verhalf. Andere Gräber:
Bonaventura Genelli, Johann Nepomuk Hummel, Hufeland, der Arzt, +Dr.+
Heinrich Goullon, der Ratsmädelfreund, Schwerdgeburth, der Maler oder,
wie der Grabstein will: Hofkupferstecher. Sein Goethe-Kopf, der beste,
den es gibt, schwebt unsichtbar als Denkmal über dem bescheidenen
Erbbegräbnis. Und ganz in der Nähe das Müllersche: ein einziges
Efeubeet. Hier ruht der Kanzler v. Müller, einer der treuesten Freunde,
die Goethe, einer der besten Diener, die Carl August hatte. Nichts
erinnert an ihn als auf rostiger Eisentafel der Familienname. Und die
»Unterhaltungen«. Die allerdings sind dauernder als Tafeln aus Erz oder
Stein.
Derweilen ist es Abend geworden. Der Himmel schimmernder Opal, in
dem schon, leicht wie Flaum, der Mond schwimmt. Schatten schwanken
um die Gräber. Eine alte Dame, ganz in Schwarz, zittrig und gebückt,
Vergißmeinnicht in der welken Hand, täuscht Vergangenheit, die hier
bei den Toten ihr Leben von gestern sucht. Ist es Adelheid v. Schorn,
die mit der tiefen Pietät der Greisin aus Jugenderinnerungen und zwei
Menschenaltern das »nachklassische Weimar« aufgebaut? Nein, die hat
hier auch schon ihre letzte Ruhe gefunden: die Urne auf mütterlichem
Grab, von frommem Kranz umwunden, ist Denkmal, das an sie gemahnt. Oder
ist's das Gomelchen, Isebies Böhlaus Großmutter? Auch die ist ihrem
Freunde Budang schon in den Tod gefolgt ... Röse hieß sie, da sie jung
war, und war eins von den lustigen Ratsmädeln aus der »Wünschengasse«,
über deren tolle Streiche Goethe und der Herzog so oft gelacht. Und
auch Charlotte Krackow ist es nicht, die bis zu ihrem späten Tode
+anno+ 15 in dem schönen Kirmsschen Hause in der Jakobsgasse gewohnt
und noch Goethe gekannt, die letzte übrigens, die ihn gekannt. Denn
die ruht auf dem »Neuen Friedhof«. Es wird wohl die Erinnerung selbst
sein, die hier im Abend gespenstert, ruhig und gelassen, wie man in
Weimar eben gespenstert!
Denn jetzt ist es fast dunkel geworden. Nur vom »Silberblick« her
fliegt noch ein wenig Licht des entsunkenen Tages über die Baumwipfel,
erhellt notdürftig die Wege, die ganz in stummem Schweigen liegen.
Auch die Vögel sind stille geworden, die unbekümmert um die Stätte der
Trauer, die ihnen Zufall als Heimat gegeben, den ganzen langen Tag über
der Sonne und dem Leben zugejubelt. Kühl weht es über die Gräber. Wo
ist die alte Dame geblieben? Wo das Kreuz der Fürstengruft? Hart fällt
das Gitter hinter dem späten Besucher ins Schloß, verdrossen riegelt
der Friedhofswärter zu. Nacht umfängt die Toten Weimars.
Und da klingt noch einmal das Wort des alten Goethe auf. »Und so, über
Gräber, vorwärts!« Trost, der ins Leben zurückgeleitet, das freundlich
aus erhellten Fenstern auf Weimars Gassen und Plätze lächelt. Mond und
Sterne wandern am Himmel mit. Und die Brunnen rauschen. Sie rauschen
wie vor hundert Jahren, da noch der alte Goethe ihrer Zaubermelodie
gelauscht.
Inhalt
Tiefurt und Wittumspalais Seite 1
Die Reisen in den Harz " 23
Ilmenau " 40
Das »Mährchen« von Pyrmont " 58
Donnerstag nach Belvedere " 80
Advent von Achtzehnhundertsieben " 103
Herbsttage in Heidelberg " 125
Die drei Schlösser Dornburg " 142
Bei den Toten Weimars " 167
* * * * *
Geschrieben in den Jahren 1919--1921
Gedruckt in Herbst 1921 von Velhagen & Klasing in Bielefeld
unter Verwendung der »Frühlingsschrift« von Rudolf Koch.
Umschlagzeichnung und Einband von Dorothea Hauer. Hundert Exemplare
wurden auf Hadernpapier abgezogen, numeriert und in Leder gebunden.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtlich fehlerhafte Zeichensetzung wurde stillschweigend
korrigiert.
Der Satz von Ellipsen wurde vereinheitlicht.
Die Schreibweise in den Zitaten wurde beibehalten.
Korrekturen:
S. 16: _genugtuzun_ -> _genugzutun_ »ihr mit einer euphemistischen
Phrase _genugzutun_«.
S. 55: _warum_ -> _worum_
_worum_ ich bat ...«
S. 75: _der_ sollte _vor_ heißen (nicht geändert):
und so sich _der_ jedem physischen Andrang gesichert.
S. 76: _aus_ -> _auf_ heiter _auf_ trockene Weise,
S. 179: _Währung_ sollte _Währing_ heißen (nicht geändert):
Wurde in _Währung_ begraben,
End of Project Gutenberg's Schattenspiel um Goethe, by Ludwig Sternaux