geworden war, weilte zur Kur in Karlsbad -- sich zu einer neuen
Rheinreise anschickte, Sehnsucht nach Marianne wundersam Geleit ...
nicht zehrende Sehnsucht, wie sie in früheren Jahren ihn gequält, nein,
eine frohe, die gleicher Gefühle bei der Geliebten gewiß war.
[Illustration: _Heidelberg. Der Schloßaltan._]
Am 24. Mai schon verließ Goethe diesmal Weimar. Wiesbaden war wieder
notgedrungen die Zwischenstation. Frankfurt und Gerbermühle, wo er
»freundlichst empfangen« wurde, schlossen sich Mitte August an. Und
dann kam Heidelberg.
Wieder wohnte Goethe bei den Boisserées -- die Delph war schon 1800
aus Heidelberg fortgezogen. Wieder blaute ein Herbst über Berg und
Tal, wie ihn so schön nur Träume sehen: Rauschgold bestreute alle
Wege, in den Gärten dufteten die späten Blumen, an den Spalieren
reiften die Trauben, und die Mauern des alten Schlosses brannten in
den Sonnestunden in verhaltener Glut. Köstlich war es, auf Altan und
Terrasse zu wandeln, mittags auf schattenfreier Bank zu rasten oder
nachts, wenn der Mond die nahen Zinnen, die Giebel der schlafenden
Stadt, die Neckarniederung mit blassem Silberlicht beträufelte, ins
Land zu sehen ... köstlich vor allem, weil Marianne, Gefährtin und
Geliebte, bald diese Stunden teilte, sie adelte, ihnen Duft und
sinnlichen Zauber gab.
Schon Frankfurt hatte den Zwiegesang von Hatem und Suleika begonnen, --
das Buch »Suleika« im Diwan tönt ihn wider, anhebend mit den Worten:
»Nicht Gelegenheit macht Diebe ...« Es ist das erste der Wechsellieder,
niedergeschrieben, als Goethe am 12. September in Willemers Stadthaus
»Zum roten Männchen« weilte. Heidelberg, wo Marianne mit Mann und
Stieftochter am 23. September eintraf, sehnsüchtig erwartet, wie sie
selbst sehnsüchtig nach Goethe verlangte, steigert nun Frage und
Antwort der Liebenden zu betörender Süßigkeit. Auch die Frau wird zur
Dichterin, deren Verse Goethe durch Aufnahme in den Diwan als den
seinen ebenbürtig erachtet ... Lieder wie das sehnsuchtsvolle »An den
Ostwind« oder das ganz vom Schmerz des Abschieds verklärte »Ach, um
deine feuchten Schwingen ...«
Das Tagebuch des Dichters, sonst so einsilbig und sachlich, schwärmt,
wiederholt immer wieder: »Herrlicher Morgen ... Herrlichster Morgen
... Vollkommenster Tag.« Noch mehr verraten die Gedichte, die Tag für
Tag entstehen, wie Tag für Tag -- es waren ja nur wenige, denn der 26.
September schon brachte die »Abreise der Freunde« -- die Kleinigkeiten,
die nur Liebenden gemein und offenbar, dazu Anlaß geben ... ob sie im
Vollmond nun zusammen an der Altanbrüstung des Schlosses lehnten und
sich gelobten, in der nächsten Vollmondnacht einander im Geiste nah
zu sein; ob Goethe-Hatem »an des luft'gen Brunnens Rand« die Chiffre
Suleikas in morgenländischen Lettern in den Sand zeichnete; ob sie
im Schloßgarten den geheimnisvollen Gingo-Biloba-Baum wiederfanden,
denselben Baum, von dem Goethe ein Blatt als Sinnbild der Freundschaft
nach der Gerbermühle geschickt hatte; oder ob sie traumversunken
lauschten, wie von denselben Bäumen ringsum die reifen Früchte auf den
Boden klopften: alles wurde zum Lied.
»Du beschämst wie Morgenröthe«, preist der Dichter die geliebte Frau,
»jener Gipfel ernste Wand, und noch einmal fühlet Goethe Frühlingshauch
und Sonnenbrand.«
Und sie antwortet, selig hingegeben:
»Nimmer will ich dich verlieren!
Liebe gibt der Liebe Kraft.
Magst du meine Jugend zieren
Mit gewalt'ger Leidenschaft.
Ach! wie schmeichelt's meinem Triebe,
Wenn man meinen Dichter preist:
Denn das Leben ist die Liebe,
Und des Lebens Leben Geist.«
[Illustration: VAN EYCK. MARIA IN DER KIRCHE]
Aber jedem Traum folgt ein Erwachen. Auch dieser Herbsttraum, dem eine
gütige Sonne so wundervollen »Frühlingshauch« gegeben, verflog. Wind
lief über die Chiffre Suleikas im Sande und verwischte sie; Wind nahm
dem Gingo-Biloba die Blätter; Wind trieb Wolken über den Mond, der dem
Liebesflüstern von Hatem und Suleika geleuchtet. Wind verwehte auch den
Kuß, den Goethe bei der letzten Zusammenkunft der jungen Frau auf Stirn
und Mund gehaucht. Beide haben sich nie wieder gesehen. Der Traum war
aus. Nur Briefe trugen noch in unschuldiger Geheimschrift verdeckte
Schmeichellaute hin und her zwischen Weimar und Frankfurt ... viele,
viele Briefe, erst Goethes Tod im Jahre 1832 ließ sie aufhören. Oft
klingt der Name Heidelberg in ihnen auf. Denn immer, führten Reisen
Marianne dorthin, meldete sie dem fernen Freunde es, beglückt noch
durch die Erinnerung, die sie mit Schloß und Stadt verband, eine
»andächtige Pilgerin«, die, wie sie 1831 an Goethe schreibt, die durch
Freud und Leid geweihten Orte alle besucht und ein Blatt von der
bekannten Gingo-Biloba zu sich gesteckt hat. Diese Briefe heiligen die
Liebe Goethes zu Marianne, eine Liebe, die entsagte, ohne je genossen
zu haben, in alle Ewigkeit.
* * * * *
»Blieb zu Hause,« heißt es in Goethes Tagebuch am 26. September 1815.
Und dahinter steht: »van Eyk«. Die Bilder der Freunde boten also ersten
Trost. Hielt er vor? Nicht recht. Andere Zerstreuung brachten die
Ankunft Carl Augusts, ein Ausflug mit diesem nach Mannheim, eine kurze
Reise mit Sulpiz Boisserée nach Karlsruhe. Aber schon am 6. Oktober
erzählt dieser besorgt von Goethe: »Er ist sehr angegriffen, hat nicht
gut geschlafen, muß flüchten.« Es ist der 6. Oktober, an dem Goethe den
aufklärenden Abschiedsbrief an Willemer geschrieben: »... und ich eile
über Würzburg nach Hause, ganz allein dadurch beruhigt, daß ich, ohne
Willkür und Widerstreben, den vorgezeichneten Weg wandle und um desto
reiner meine Sehnsucht nach denen richten kann, die ich verlasse.«
Schwere Trauer umschattet die ganzen Aufzeichnungen des Freundes aus
diesen Tagen: der »Alte«, wie Boisserée sagt, war völlig aus dem
Gleichgewicht gebracht, quälte sich und andere mit Todesahnungen,
wollte sein Testament machen. Auch litt er unter Erinnerungen, die ihn
bedrängten: die Bilder Lilis und Minchen Herzliebs traten klagend und
anklagend trübe aus der Vergessenheit hervor.
Als erste Stürme Kälte brachten, verließ er, von Sulpiz sorgsam
begleitet, Heidelberg. Am 7. Oktober. Auch Heidelberg hat er nie
wieder gesehen. Aber es lebte in ihm. Die vielfachen Aufzeichnungen
des Greises bezeugen es. Und die Strophen, die der Einsame 1828 in
Dornburg, wohin er sich nach des fürstlichen Freundes Tod geflüchtet
hatte, »dem aufgehenden Vollmond« gewidmet hat, sie bauen zwar
Saale-Landschaft auf, aber sie muten ganz an wie ein sanfter Nachklang
der Heidelberger Zeit, da eine »überselige« Nacht ihn nicht alleine
sah, das »Liebchen« Marianne noch nicht fern war.
Die drei Schlösser Dornburg
Es spricht sich aus der stumme Schmerz,
Der Äther klärt sich blau und bläuer --
Da schwebt sie ja, die goldne Leier,
Komm, alte Freundin, komm ans Herz.
~Goethe~
Wer von Berlin nach München fährt, sieht bald hinter Kösen auf steiler
Bergeshöh hart an der Saale drei Schlösser liegen. Das mittlere, ein
zierlicher Rokokobau mit hellen Fenstern, steht zwischen dem uralten
Gemäuer der beiden anderen wie ein lichter Traum. Das sind die drei
Schlösser Dornburg. Der Zug rast hochmütig daran vorbei, gerade, daß
das Auge den Stationsnamen erhascht. Und in der Erinnerung bleibt ein
Landschaftsbild von eigenartig feinem Reiz.
Dornburg? Ein Name wie so viele andere. Kaum einer, der ihn kennt, kaum
einer, der stutzt und an Goethe denkt. Denn die Vielen wissen noch
immer nichts von ihm, der dieses ganze Land zwischen Saale und Ilm auf
ewige Zeiten geweiht hat. Und doch schwingt auch hier verklärender
Schimmer um Turm und Giebel, und mögen Wein und wuchernder Efeu die
drei bescheidenen Schlösser über der Saale noch so dicht und heimlich
umranken, ihr stiller Zauber bleibt. Der Name Goethe triumphiert über
alle Vergessenheit.
* * * * *
Den Weimar-Pilger führt der Weg über Jena nach Dornburg. Nicht dem
brausenden D-Zug erschließt sich diese ganze stille Welt, nur dem
gemächlichen Wanderschritt.
Schon die Stadt an der Ilm hat mit ihren weihevollen Erinnerungen süße
Ruhe über das Herz gebreitet. Nun ist man auf ein Weilchen in Jena
untergetaucht. In die engen Gassen, die winkligen Plätze schicken
die grünen Berge ringsum Waldesduft und köstliche Frische. Aber
unablässig spricht die Vergangenheit in alles Gegenwärtige hinein,
die schmucklosen grauen Häuser der Altstadt mit ihren verwunschenen
Höfen und Gärten atmen den Hauch einer toten Zeit aus, und man braucht
nicht erst auf die abgelegenen Friedhöfe hinter dem Botanischen Garten
zu gehen, um den Schatten der Goethe- und Schillerzeit zu begegnen und
sich in die Tage der Romantiker zu verlieren. Man wird auch so auf
Schritt und Tritt daran gemahnt. Und verwundert steht man vor den jetzt
fast armselig anmutenden Stätten, von denen aus einst deutscher Geist
die Welt umspannte und in deren weltverlorener Heimlichkeit die großen
Dichtungen entstanden, die noch jetzt unserem ganzen Schrifttum Ziel
und Richtung geben. Wie für uns, so war auch für Goethe fast immer Jena
Station, wenn er nach Dornburg fuhr, der alten »Felsenburg«, wie er es
in einem späten Brief an Knebel nennt. Bei diesem, der am »Paradies« an
der Saale ein »paradiesisches Heim« hatte, wohnte er dann meist. »In
Jena, in Knebels alter Stube, bin ich immer ein glücklicher Mensch,
weil ich keinem Raum auf dieser Erde so viele produktive Momente
verdanke!« schreibt er 1802 an Schiller.
Stillste Augenblicke schenkt der Prinzessinnen-Garten, der sich in
Terrassen oberhalb des Botanischen Gartens hinzieht. Die Einsamkeit
häkelt hier fast gespenstisch um Strauch und Baum, verhaltene
Melancholie weint um das kleine gelbe Schloß mit den verschlossenen
Türen und Fensterläden. Nirgends aber spürt man den Bann der alten
krausen Stadt so tief wie hier, wo sie einem zu Füßen liegt. Wie ein
leichter Nebel schweben da die Erinnerungen über ihren Dächern und
Türmen, und was einst lebenslustig und versonnen in ihren Gassen
dahin trieb, wird nun dem träumenden Auge zu einem geisterhaften
Schattenspiel der Lüfte, zu einem wunderlichen Schemenreigen, in dem
der ernste Goethe der verführerischen Caroline Schlegel die Hand
reicht und die heißblütige Sophie Mereau dem jungen Clemens Brentano
erste Liebesblicke sendet, in dem Schiller und Tieck seltsame Partner
sind und der greise Wieland Lotte von Schiller gewagte Dinge ins Ohr
flüstert.
Ein Schattenspiel ... wie das ganze Jena trotz Zeiß, Haeckel und
Diederichs etwas Schattenhaftes hat. Man fühlt sich tief in tote
Zeit verstrickt. Und erst, wenn die Saalewiesen schimmern, der Kranz
der hohen Berge sich zu freier Landschaft öffnet, unter Brücken der
unbehinderte Fluß rauscht, fällt der Bann der alten Mauern wieder von
einem ab. Und so wandert man auf Dornburg zu, gesegnet, vorbereitet
durch das Erlebnis Jena, das leise in grünen Tälern versinkt.
* * * * *
Auch in Dornburg schläft Geschichte. Das alte Schloß, ein wuchtiger
Bau aus grauer Vorzeit, der wie ein Bild von Hoffmann von Fallersleben
anmutet, steigt aus uraltem Wald. Steinstufen führen durch eine
romantische Schlucht aus dem Tal, aus dem roten Dächergewirr des Dorfes
hinauf. Oben braust der Wind. Am Abhang ziehen sich morsche Terrassen
hin, über die im Sommer Flieder und Rosen hängen, im Herbst die blauen
Weintrauben. Um winzige Fenster und Mauerlöcher rankt wild der Efeu.
Der Blick klettert staunend an Mauern empor, die für die Ewigkeit
gefügt erscheinen. Jahrhunderte haben daran gebaut. Die Sage erzählt,
daß Heinrich der Vogeler die Burg als Grenzfeste gegen Sorbenhorden
errichtet hat. Möglich! In der Tat reichen Bauteile, so die Fundamente
des Turmes und eine Küchenesse, bis ins 11. Jahrhundert zurück. Noch
jetzt ist das Schloß ganz malerisches Mittelalter, und die modernen
Menschen, die nun drin hausen, die es vom weimarischen Staate irgendwie
gepachtet haben und bevorzugten Fremden im Sommer Pension gewähren,
nehmen sich seltsam genug in dieser zeitfernen Umgebung aus. Die Stürme
jedenfalls, die im Bauernkriege an die ungefügen Mauern brandeten, sind
längst verweht, die Turmglocke, die einstmals gegen wilde Kroatenhorden
wimmerte, schläft, und in dem Hofe, wo vor vielen hundert Jahren
die Sachsenkaiser Land- und Reichstage abhielten, stolzieren nun
gravitätisch die Hühner umher. Der Frieden wohnt hier jetzt. Und in
der zerbrochenen Laterne auf dem einen Torpfeiler wächst wilder Wein.
Schlaf hält das alte Schloß gefangen.
[Illustration: _Die drei Schlösser Dornburg über dem Dorfe Naschhausen_]
Ein paar Schritte weiter tut sich eine andere Welt auf. Mittelalter
wird zu Rokoko. Aus Rosenhecken wächst ein kleines Sanssouci.
»Schlößchen Dornburg« nennt es Goethe in seinen Briefen. Hier wohnten
die »Herrschaften«, wenn sie in Dornburg waren, das 1672 an die
weimarische Linie der sächsischen Herzöge gefallen war, und höfische
Luft schwingt noch jetzt um den zierlichen Bau, den Garten und die
Terrassen. Der Herzog Ernst August, der Großvater Carl Augusts, hat
das Schloß um 1740 herum von dem Italiener Struzzi erbauen lassen. Mit
seiner gelblich getönten Verputzung, den hellen Fensterumrahmungen,
den vielen Ballons, dem schöngeschweiften Kuppeldach wirkt es neben
dem finsteren, nur auf Schutz und Trutz berechneten Gemäuer des alten
Baus doppelt leicht und graziös. Der Duft galanter Feste weht hier,
und die Phantasie ist nur zu gern bereit, die reizenden Säle, die
schönen Vorplätze, den Garten mit seinen Hecken und verschlungenen
Wegen, den wundervollen Altan, das »Fünfeck« Goethes, mit Reifrockdamen
und bezopften Herren zu bevölkern ... das »Rosenfest« pflegte der
weimarische Hof hier ja alljährlich zu feiern, und noch zu Goethes
Zeiten siedelte die zarte, blasse Großherzogin Luise jedes Jahr für
einige Zeit mit ihrem ganzen Hofstaat nach Dornburg über.
Jetzt steht das kleine Lustschloß auch längst verwaist, die Zimmer sind
mit kostbaren Erinnerungen aller Art und Zeiten überladen, das Ganze
ist, wie so viele andere unbenutzte Schlösser, ein Museum geworden,
und über das gleißende Parkett, über das einstmals die Stöckelschuhe
trippelten und die seidenen Schleppen rauschten, schlürft nun nur noch
gelegentlich in Filzpantoffeln der Fremde, der eine abgelebte Zeit aus
toten Dingen beschwören will.
Und wieder ein paar Schritte ab das dritte Schloss, das
»Goethe-Schloß«. Ein ernster Bau in deutscher Renaissance. Mit drei
barocken Giebeln schaut es weithin ins Tal, die schweren, braunen
Mauern wuchten unmittelbar aus dem steil abfallenden Felsen herauf,
kein Weg führt, wie doch bei den anderen beiden Schlössern, am
Abgrund hin, nur die Weinreben ranken ein wenig aus der schwindelnden
Tiefe. Ursprünglich wohl ein Kloster, wurde es dann ein Freigut, das
nach seinem letzten Besitzer allgemein das »Strohmannsche Freigut«
genannt wurde und noch genannt wird. 1824 erst wurde es von Carl
August käuflich erworben, der auf Goethes Anraten hin sofort die
schmale beschwerliche Wendeltreppe, die in einem erkerartigen Turm der
Hinterfront zu den beiden Geschossen führt, sperren und dafür eine
schöne, bequeme Freitreppe einbauen ließ. Breite, weitläufige Treppen
waren ja von jeher eine Leidenschaft Goethes -- man denke nur an die
prachtvolle Treppe, durch die er, auch nachträglich, seinem Haus am
Frauenplan den palaisartigen Charakter gab.
Das sind die drei Schlösser, die unter dem Namen Dornburg nun zu einem
Begriff verschmolzen sind. Kühn und unvermittelt hängen sie, Wind und
Wetter zum Trotz, über dem schroffen Abgrund, weithin das Saaletal
beherrschend, in ihren Fenstern spiegeln sich die Wolken, um ihre
Zinnen fliegen die Vögel. Sie sind in Gärten gebettet, die man vom Tale
aus nur ahnen kann, in weiche, grüne Gärten, die im Frühling, wenn der
Flieder blüht, ein einziges violettes Meer sind. In Kaskaden schäumt
dann der Blütenüberschwang über die Terrassen, die den Abgrund säumen.
Und die ganze Nacht singen hier die Nachtigallen.
Hinter den Gärten, durch schöne schmiedeeiserne Barockgitter und
niedrige »Kavalierhäuser« von ihnen getrennt, liegt die Stadt
Dornburg. Die Stadt? Ein Städtchen, zierlich und kurios wie aus einer
Spielzeugschachtel, und auch so sauber und adrett. Da gibt es einen
weiten Marktplatz mit Linden und einem Ententeich und einem Rathaus,
das ein spitzes Türmchen krönt. Einen Ratskeller, eine Kirche und eine
Apotheke, die noch vor kurzem eine »Hofapotheke« war ... Auch ein
Kammergut ist da. Und kommt man vom Dorfe herauf durch den Wald, der
das alte Schloß umrauscht, so gelangt man in die »Stadt« durch den
Wirtschaftshof eben dieses Kammerguts, von Schweinen angegrunzt, von
Gänsen angefaucht, von Hühnern umgackert, von Hunden bekläfft, und
ist um so verdutzter, dann diese reizende Duodezausgabe einer kleinen
Residenz zu finden.
[Illustration]
Immer aber rauscht im Tal die Saale. Ein breites Silberband, schlängelt
sie sich durch Weidengebüsch und Wiesen, sanfte Berge begrenzen
das Paradies. Eine breite Steinbrücke führt über den Fluß zum Dorf
Naschhausen, zum »Blauen Schild«, wo man Forellen ißt. So war es immer
schon, so wird es bleiben.
Und noch einmal: nicht dem brausenden D-Zug erschließt sich diese
stille, träumende Welt, nur dem gemächlichen Wanderschritt.
* * * * *
Am 14. Juni 1828 war Carl August auf der Rückreise von Berlin, wohin
der seit Jahren Kränkliche gegen den Rat der Ärzte im Mai gefahren
war, um seinen ersten Urenkel, den späteren Prinzen Friedrich Karl
von Preußen, zu sehen, in Graditz bei Torgau rasch und unvermutet
gestorben. Goethe empfing die Trauerkunde bereits am Mittag des 15.
Juni -- wie das Tagebuch verzeichnet, hatte er gerade Gäste bei sich,
»die Tyroler sangen bey Tische«, und »die Nachricht von dem Tode des
Großherzogs störte das Fest«.
Lakonischer konnte die Aufzeichnung unmöglich lauten.
Und doch hat ihn die Nachricht, die ihm sein Sohn schonend beibrachte,
aufs tiefste erschüttert, wie tief, das deuten ein paar weitere Worte
des Tagebuchs vom gleichen Tage an: »Gar manches andere im traurigen
Bezug«, und klarer noch geht es hervor aus der schmerzlich bewegten
Schilderung Eckermanns, der ihn am Abend noch einmal sprach. »Er schien
zu fühlen,« erzählt Eckermann in den Gesprächen, »daß in sein Dasein
eine unersetzliche Lücke gerissen worden. Allen Trost lehnt er ab und
wollte von dergleichen nichts wissen.« Wie immer in solchen Fällen,
verlangte seine Seele schnell nach Einsamkeit; fern dem lauten und
letzten Endes doch immer gefühllosen Treiben der Welt, in der Stille
der Natur, so wußte er, würde er am ehesten das so schwer gestörte
seelische Gleichgewicht wiederfinden.
Und er fand es in der Einsamkeit von Schloß Dornburg. Wohl mußte
er erst noch furchtbare Tage in Weimar über sich ergehen lassen,
notwendige Besprechungen aller Art, die Vorbereitungen für die
Trauerfeier und die Beisetzung, Kondolenzbriefe an die Großherzogin
Luise und den zehnjährigen Erbgroßherzog Carl Alexander nahmen ihn ganz
in Anspruch, und während er in einem Briefe an den Bonner Professor
Nees von Esenbeck schreibt: »Meine Empfindungen sind wortlos!« und sein
Schreiben an den Erbgroßherzog in die trauervollen Worte ausklingen
läßt: »Auch dieses Spärliche hat mich viel gekostet, denn ich scheue
mich, an dasjenige mit Worten zu rühren, was dem Gefühl unerträglich
ist,« mußte er die Geduld aufbringen, Stieler, der ihn damals gerade,
eigens aus München dazu nach Weimar berufen, malte, unermüdlich weiter
zu sitzen ... Immer wieder stößt man in diesen unruhvollen Wochen im
Tagebuch, unter sichtlicher Vermeidung des Wortes »Tod«, auf Ausdrücke
wie »das Notwendigste des Augenblicks«, »das Nächstvergangene und
Zunächstbevorstehende« und »das traurige Ereignis«, und ein langer
Brief an die in Karlsbad weilende Schwiegertochter Ottilie schildert
noch einmal, zusammenfassend, in ergreifenden Worten die ganze lastende
Schwere dieser Tage. Dann aber verzeichnet das Tagebuch am 3. Juli,
fast froh, die »Vergünstigung eines Aufenthalts in Dornburg«, und am
5. schon meldet Goethe sich »auf Montag« bei Knebel, dem alten Freunde
junger, längst verrauschter Jahre, der seit langem in Jena wohnte, an.
Am 7. endlich, gegen Abend, traf er in Dornburg ein, wo ihn die
heißersehnte Stille empfing.
* * * * *
Vor über fünfzig Jahren war Goethe, damals noch von allem Reiz der
Jugend umstrahlt, zum erstenmal in Dornburg gewesen. Jetzt kehrte er,
ein Greis, an die geliebte Stätte zurück, um still für sich den zu
betrauern, der ihm in jungen Tagen gemeinsamen Glücks die wundervolle,
weltverlorene Schönheit dieses Stückchens Erde erschlossen hatte.
Die Legende erzählt, daß Goethe und Carl August Anno 1776 von Apolda
aus hierher geritten sind, auf einem der vielen wilden Ausflüge,
die der junge, lebenslustige Fürst und der Dichter des »Werther«
damals so gerne machten, um dem steifen, höfischen Leben von Weimar
zu entfliehen. Oktober war es, und die steilen Saalehänge lagen im
Rauschgold des Herbstes. Der Weg war beschwerlich. Verlockend zwar
winkten von der Höhe des Berges, tief in bronzebraunes Laub gebettet,
die drei Schlösser, aber die Pferde waren müde. Verdrießlich fragte
Goethe, dessen in neue Liebe verstricktes Herz nach der Stein bangte
und dem der gerade Weg nach Weimar der liebste gewesen wäre, den
Freund: »Du führst mich ja einen bösen Weg. Wird's sich auch lohnen?«
Und »Warte nur!« entgegnete ihm Carl August, der seiner Freiheit froh
war und kein so dringendes Gelüsten nach dem dumpfen, stickigen Weimar
trug, »wenn wir oben sind, wirst du's sehen!«
Und ja, es lohnte sich! Goethe, von jeher für landschaftliche
Reize empfänglich wie kein anderer, war hingerissen. Das hatte er
nicht erwartet, und jeder, der zum erstenmal von den Terrassen der
Dornburgschen Schlösser aus auf das in friedvoller Ruhe daliegende
Saaletal herniederblickt, wird es verstehen, daß Goethe zeit seines
Lebens mit immer gleicher Liebe an diesen Schlössern, dieser
Landschaft hing. Damals ruhte er, alter lieber Gewohnheit folgend,
nicht eher, als bis er den großen Eindruck, den die drei auf steilster
Bergeslehne thronenden Schlösser auf ihn gemacht hatten, im Bilde
festgehalten hatte. Die kleine Bleistiftzeichnung, die jetzt das
Goethe-Nationalmuseum in Weimar mit vielen anderen von Goethes Hand als
kostbarstes Vermächtnis aufbewahrt, schickte er, in Gedanken ja doch
immer bei Charlotte von Stein weilend, sofort an diese nach Kochberg,
und auf die Rückseite des Blattes schrieb er dazu die wenigen Worte
»Ich bin eben nirgend geborgen,
Fern an die Saale hier
Verfolgen mich manche Sorgen
Und meine Liebe zu dir.
Dornburg 16. Oktbr. 76.«
Diese kurzen Verse und die Zeichnung sind die ersten wirklichen Belege
für Goethes Bekanntschaft mit Dornburg -- vergeblich habe ich versucht,
was die Legende so hübsch erzählt, durch Tatsachen zu erhärten, aber
so ergiebig die Goethe-Literatur auch sonst ist, hier versagt sie. Der
Briefwechsel mit Charlotte von Stein, der diese sehnsüchtigen Verse
zwischen einen rührend hingebenden Abschiedsbrief an die »Madonna«
und den leidenschaftlichen Hymnus des Dichters »An den Geist des
Johannes Sekundus« stellt, und das Tagebuch mit den drei kargen Worten:
»Dornburg. Camburg. Naumburg.« bleiben nach wie vor einzige Quelle.
Aber gerade das Ungewisse -- das auch Goethe selbst durch keine, auch
nicht die kleinste Äußerung in seinen Schriften, Briefen und Gesprächen
später aufzuhellen für gut befunden hat -- breitet, wie um so vieles
in seinem Leben, auch um diese Episode den Schleier der Verklärung, und
was ihm selbst in seinem hohen Alter vielleicht Legende dünkte, bleibt
es nun auch für uns.
* * * * *
Hat Goethe damals, als er im Juli 1828 in seiner großen, bequemen
Reisekalesche von Jena die Saale abwärts nach Dornburg fuhr und, von
der untergehenden Sonne in rote Glut getaucht, die drei Schlösser vor
ihm auftauchten, jener fernen Zeit gedacht?