Drei wilde Gesellen begleiteten den Dichter des »Werther«: die beiden

Stolbergs, die Brüder jener Auguste, der Goethe die schönsten Briefe

seiner heißen und verworrenen Jugend geschrieben hat, und ein Graf

Haugwitz. In Sturm und Drang fegten sie durch das verstörte Land, das

ihnen, Ort für Ort, entgeistert nachstarrte, und rissen Goethe mit.

Den lockte mehr als ihre ungebärdige Art das Ziel der wilden Reise:

die Schweiz. Aber immerhin -- wie schön war's doch, der Fesseln ledig,

die die zwiespältige Leidenschaft zu Lili Schönemann ihm auferlegt,

durchs Land zu schweifen, im blauen Werther-Frack und Stulpenstiefeln,

und wenn die Kameraden, aller Sitte spottend, den Philistern in

Mannheim und Darmstadt lange Nasen drehten, so machte er nicht gerade

ungern mit. »Wir vier,« heißt es in einem Briefe des älteren Stolberg

an seine Schwester Katharina im fernen Dänemark, »sind bei Gott eine

Gesellschaft, wie man sie von Peru bis Indostan umsonst suchen könnte.«

Diese Gesellschaft, die in Frau Ajas Haus in Frankfurt -- man denke:

diesem wohlfundierten Patrizierhaus -- lärmend »nach Tyrannenblut

gelechzt«, hatte die Mainstadt am 14. Mai 1775 verlassen. Merck in

Darmstadt, ein besonnener Freund, hatte die vier Genies argwöhnisch

betrachtet: »Daß du mit diesen Burschen ziehst,« hatte er zu Goethe,

dem einzigen, der wirklich ein Genie war, gesagt, »ist ein dummer

Streich, du wirst nicht lange bei ihnen bleiben. Deine unablenkbare

Richtung ist, dem Wirklichen poetische Gestalt zu geben; die andern

suchen das sogenannte Poetische, das Imaginative zu verwirklichen, und

das gibt nichts als dummes Zeug.«

Bittere Worte! Deren Wahrheit und tiefen Sinn Goethe halb erkannte,

halb verneinte und die er damals, selbstverständlich, in den Wind

schlug. Aber als er, ein Menschenalter später, »Dichtung und Wahrheit«

niederschrieb, hatte er ihre Schicksalskraft an Leib und Seele

erfahren. Dort hat er sie denn auch verewigt.

Ja, es war ein bewegter Tag, der 16. Mai 1775, als die vier

ungleich-gleichen Fahrtgesellen in das abendliche Heidelberg einzogen;

die guten Heidelberger mögen nicht schlecht gestaunt haben, als

dies Quartett singend und hüteschwenkend durch die stillen Straßen

marschierte, Gestalten fast aus einer anderen Welt. »Nun gehen wir

hin,« erzählte der immer schreiblustige Christian Stolberg der

Schwester andern Tages, »das weltberühmte Heidelberger Faß zu sehen

...« Natürlich! Da's nicht Tyrannenblut sein konnte, nahm man mit

Neckarwein vorlieb, und wie in Mannheim trank man in lautem Rundgesang

auf das Wohl der Geliebten und zerschlug nachher die Gläser ... Und

Goethe? »Liebe Lili, wenn ich dich nicht liebte!« tönte es wohl damals

schon in seinem Herzen. Sehnsucht quälte den guten Jungen, trieb ihn

nur zu oft aus dem lauten Lärm der Zechgenossen. Und da winkte denn

am Markt ein stilles Haus, ärmlich anzusehen nur mit seinen zwei

Fenstern Front und dem niedrigen Dach: das Haus der guten Demoiselle

Delph winkte Trost und brachte Trost, so verstört der Kopf auch

war, in dem Wein und Liebeszweifel gleich stark rumorten. War sie,

eine Geschäftsfreundin des Schönemannschen Hauses, es doch gewesen,

die seinerzeit die Hände Lilis und Goethes »mit ihrem pathetisch

gebieterischen Wesen« ineinander gelegt hatte! So mochte sie nun auch

sehen, was sie angerichtet, mochte Gluten dämpfen, die sie selbst

entfacht ... Und so waren Ausklang dieses ersten flüchtigen Aufenthalts

in Heidelberg Worte der Klage und Anklage, von der ältlichen Jungfer

kopfschüttelnd angehört, derweilen die Freunde des Beichtenden oben im

Burgkeller lärmten.

[Illustration]

Aber der andere Tag schenkte schnell Vergessen, und über Karlsruhe, wo

Klopstock besucht wurde und Goethe, sterngebunden, zum zweitenmal dem

jungen Thronerben von Sachsen-Weimar begegnete, ging's nach der Schweiz

zu Lavater.

* * * * *

»Liebwärts« blickte Goethe noch, als er, heimkehrend aus der Schweiz,

Frankfurt liegen sah: wartete dort am Kornmarkt seiner doch Lili, die

in so vielen Versen dieser Reise heißersehnte. Doch wenige Wochen

später floh er, von seinem Dämon getrieben, die, um die er noch

vor kurzem so gebangt. »Vergebens,« hatte er am 3. August dieses

schicksalsvollen Jahres an Auguste von Stolberg geschrieben, »daß ich

drei Monate in freier Luft herumfuhr, tausend neue Gegenstände in alle

Sinnen sog ... ich sitze wieder in Offenbach, so vereinfacht wie ein

Kind, so beschränkt als ein Papagei auf der Stange ... alles wirrt sich

in einen Schlangenknoten.« Da blieb nichts übrig als Bruch und Flucht.

Dazu jagten sich andere Ereignisse. Am 21. September, einen Tag nach

der Entlobung, hatte ihn Carl August, jetzt Herzog geworden, durch

Handschlag an sich gebunden: Weimar, fremd und unbekannt, wartete.

Der 12. Oktober erneuerte die Einladung. Goethe, des herzoglichen

Wagens harrend, der ihn nach Weimar bringen sollte, machte sich

reisefertig. Aber der Wagen kam nicht. Spott des Vaters, eigene Scham,

dazu das qualvolle Gefühl, Lili, die immer noch im stillen Geliebte,

sich verscherzt zu haben, trieben ihn, bei Nacht und Nebel, aus der

Vaterstadt. Italien sollte Vergessen und Linderung bringen: »Lili,

adieu Lili, zum zweitenmal!«

Und erste Zuflucht war wieder das stille Haus der guten Demoiselle

Delph in Heidelberg.

* * * * *

Im Mai war Heidelberg an Goethe vorbeigeglitten wie ein Traum. Jetzt

erlebte er es wirklich. Erlebte Herbsttage, die Gold und Trunkenheit

über Stadt und Schloß schütteten. Die Berge ringsum brannten. Schon das

Tagebuch, das er von nun an führte, war unterwegs, an der Bergstraße,

bei »ominöser Überfüllung des Glases« begonnen worden; im Gasthaus in

Weinheim hatte er, wie dasselbe Tagebuch berichtet, vor »Herbstbutten

und Zuber« nicht den Weg zum Wirtszimmer finden können; nun geriet er

in Heidelberg mitten in die Weinlese hinein. »Elsassische Gefühle«

lebten in ihm auf.

Die Handelsjungfer Delph tat alles, den Bekümmerten zu zerstreuen.

Tat's mit Erfolg. Sogar ein neuer Heiratsplan erwachte, neue

Mädchenschönheit bedrängte das noch wunde Herz, das Lili vergessen

wollte. Das Leben lächelte wieder.

Aber dann kam eine Nacht, der erste rauhe Wind rüttelte an den

Fensterläden und in den Gärten raschelte das welke Laub, da war der

alte Mißmut wieder rege geworden. Unfruchtbares Geschwätz mit der Delph

hatte die schon halb begrabenen Zweifel aufgestört: nun quälte das

Bild Lilis, quälte die eigentümliche Weimarer Geschichte, eine tolle

Geschichte, wenn man sie recht betrachtete, den einsamen Schläfer.

Leise ächzte er im Traum.

Da klang ein Posthorn in die Stille, jähes Klopfen brach das schlafende

Haus auf. Türen klappten, Licht fuhr eilig hin und her. Und dann trat

die Delph, notdürftig hergerichtet, in des Gastes Kammer, in der Hand

einen versiegelten Brief: Stafette aus Frankfurt ... der Geleitsmann

des Herzogs, dort endlich eingetroffen, wartete ... Weimar rief!

Und das Schicksal erfüllte sich: der nach Italien hatte wandern wollen,

eine kranke Liebe im Herzen, er zog nach der bescheidenen Ilm, einer

neuen Liebe entgegen, neuer Qual und neuem Rausch, weil es die Sterne

so wollten. Die Sonnenpferdeworte aus dem »Egmont«, sicherlich der

Delph, die warnte, nicht so spontan zugeschleudert, wie »Dichtung und

Wahrheit« es erzählt, aber, als Goethe damals in der gleichen Nacht

noch Heidelberg verließ, sicherlich dem Sinne nach so empfunden,

gaben das Geleit. Und der Goethe, der später aus der Erinnerung diese

ereignisschwere, geheimniserfüllte Nacht in »Dichtung und Wahrheit«

schilderte, der formte gleichzeitig jene »orphischen Urworte«:

Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen,

Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,

Bist alsobald und fort und fort gediehen

Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.

So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,

So sagten schon Sibyllen, so Propheten;

Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt

Geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

An dem schmalen, unscheinbaren Hause der Demoiselle Delph aber findet

der, der Augen für derartige Dinge hat, heute eine Tafel, die da meldet:

»+Aus diesem Hause

seiner mütterlichen Freundin Dorothea Delph

reiste Goethe, der Einladung Carl Augusts folgend,

den 4. November 1775 nach Weimar.+«

Die kleine Tafel gibt Kunde von dem wichtigsten Vorgang in Goethes

ganzem Leben. Wie wäre das wohl verlaufen, wenn hier der »Zufall«

anders gespielt hätte? Aber der Alltag treibt daran vorbei, und kaum

einer steht einmal still und versucht, die ungeheuere Bedeutung dieser

wortkargen Inschrift auch nur zu begreifen!

Und die Jahre stürzten. Die Ufer der Ilm wurden dem Fremdling Heimat.

»Gott im Himmel, was ist Weimar für ein Paradies!« jubelte Goethe

aus Mannheim Charlotte von Stein zu, als er im Dezember 1779 von der

zweiten Schweizer Reise zurückkehrte, die er mit dem herzoglichen

Freund zusammen unternommen. Sie hatte ihn auch flüchtig zu Beginn nach

Heidelberg geführt, und nachdenklich war der nun Dreißigjährige durch

die Gassen geschlendert, die er vor vier Jahren verlassen hatte, um ins

Ungewisse zu pilgern.

Wie hatte sich seitdem die Welt verändert!

Nicht die Welt Heidelbergs; die war, mit Schloßruine und abendlich

beglänztem Fluß, mit ihrer alten Giebel Flucht und Herbsteshauch,

die selbe geblieben; aber seine Welt war eine andere geworden. Lilis

Bild, einst süße Qual, hatte das neue Charlottens verdrängt: ruhig

hatte er die frühere Geliebte, jetzt Frau von Türkheim und glückliche

Mutter, in Straßburg sehen und sprechen können. Auch Friederike hatte

er in Sesenheim besucht, und sein Herz war unbewegt geblieben: »Da

ich iezt so rein und still bin wie die Luft, so ist mir der Athem

guter und stiller Menschen sehr willkommen,« hatte er Frau von Stein

geschrieben ...

Der Jüngling war eben zum Mann geworden, der »in Friede mit den

Geistern« seiner Jugend lebte.

Noch einmal hatte Heidelberg ihm nun die Erinnerung dieser dumpfen

Jugendtage geschenkt, das bröckelnde Schloß ihm von den Gesellen

erzählt, mit denen er hier einst in seliger Torheit kraftgenialisch

gelärmt, das kleine Haus der Demoiselle Delph ihn an die Nacht gemahnt,

da ihn das Posthorn aus Schlaf und wirrem Traum gejagt ... Es war

einmal! Das ist in unsichtbaren Lettern auch unter jener Zeichnung des

gesprengten Turms vom 23. September 1779 zu lesen, die ihn nun nach

Weimar begleitete -- einziges Zeichen dieses Aufenthalts in Heidelberg

von 1779, das wir besitzen.

Und der es in versonnener Stunde angefertigt, der war nicht mehr der

wilde Dichter des »Götz« und des »Werther«, sondern der Geheimrat

Goethe, rechte Hand und Ein und Alles Carl Augusts. Denn am 6.

September dieses Jahres hatte der Herzog wider allen Brauch und Sitte

dem baß Verwunderten und drob von den Schranzen in Weimar nur noch mehr

Beneideten und Gehaßten den »Geheimdenraths Titel« gegeben.

* * * * *

Goethe an Christiane aus Heilbronn am 28. August 1797: »Den 26., an

einem außerordentlich klaren und schönen Tag, blieb ich in Heidelberg

und erfreute mich an der schönen Lage der Stadt, die am Neckar zwischen

Felsen, aber gerade an dem Puncte liegt, wo das Thal aufhört und die

großen fruchtbaren Ebenen von der Pfalz angehen.«

Goethe an Christiane ... ja, in den achtzehn Jahren, die seit der

zweiten Schweizer Reise ins Land gegangen waren, hatte sich das Leben

des Dichters wunderlich genug gestaltet. Vieles war längst wieder zu

Traum und Vergangenheit geworden, was einst beglückende und quälende

Wirklichkeit, sonnenreiches Heute gewesen. Wo war Charlotte von

Stein, die gütige, die liebevolle Gefährtin in so manchen Wirrnissen?

Vergessen? Nein, das nicht. Aber fremd und kalt geworden. Sie hatte

es nicht ertragen können, daß eine Christiane Vulpius an ihre Stelle

trat, als Goethe 1788 verjüngt, ein neuer Mensch mit neuen Ansichten

und Sehnsüchten, aus Italien nach Weimar heimkehrte, und hatte sich

grollend zurückgezogen. Dann war zwar wieder aus der Mißgunst, die

neidisch das friedliche Glück am Frauenplan beschielte und behechelte,

eine blasse Freundschaft geworden ... der kleine August, Christianens

Sohn, hatte den Weg zum Herzen der Verbitterten gefunden. Aber die

alte Liebe blieb gestorben: Christiane, so wenig sie, ein bescheidenes

Naturkind aus kleinbürgerlichen Verhältnissen, auch geistig mit

Charlotte wetteifern konnte, war in menschlicher Hinsicht die

Nachfolgerin »Lidas«. Und diese lebte eigentlich nur noch als Iphigenie

und Eleonore in Goethes ewigen Dichtungen. Sonst war sie eine Tote, das

Haus an der Ackerwand eine Gruft.

An wen also sollte Goethe schreiben, wenn er auf Reisen war und

die Begebenheiten des Tages vertrauten Herzen erzählen wollte? An

Christiane, die Frau. Denn wenn Christiane dies vor der Welt auch nicht

war, erst 1806 wurde, für Goethe selbst war sie schon längst nicht mehr

das »arme Geschöpf«, dem er Empfindungen gönnte, sondern die Frau, die

Mutter seines Sohnes, die er mit voller Inbrunst liebte.

Aus diesem ruhigen Familienleben heraus hatte er, alter Sehnsucht

folgend, eine neue Schweizer Reise vorbereitet, eine dritte, und

vielleicht sollte sie gar, zum großen Kummer Christianens, nach Italien

führen. Am 7. Juli 1797 meldete er dem Freunde Heinrich Meyer nach

Stäfa am Züricher See, er würde bald »so los und ledig als jemals«

sein. »Ich gehe sodann nach Frankfurt mit den Meinigen, um sie meiner

Mutter vorzustellen, und nach einem kurzen Aufenthalt sende ich jene

zurück und komme, Sie am schönen See zu finden ...«

Und so geschah's.

Frau und Kind wurden der stolzen und gerührten Großmutter gezeigt, zwei

Tage später wieder nach Hause geschickt, nach kurzen Wochen verließ

auch Goethe Frankfurt, um über Stuttgart und Tübingen nach Zürich zu

reisen. Und auf dieser Reise kam er auch, zum viertenmal in seinem

Leben, nach Heidelberg.

Herbsttage? Nicht ganz. Mehr ein feierlicher, milder Nachsommer,

ein sattes Lächeln. Aber herbstlich waren die Gedanken, die Goethe

bewegten, herbstliche Reife atmeten die Briefe, die Christiane und die

Freunde erhielten.

Noch wohnte die »mütterliche Freundin«, die Beraterin seiner Jugend,

in dem kleinen Haus am Markt neben der Hofapotheke, alt geworden,

aber nicht weniger unterhaltsam. Und noch einmal stand wohl tote

Zeit auf, da er sie besuchte. Aber im übrigen hatte er vergessen und

wollte auch nicht erinnert sein. Sein Auge, das in den verflossenen

Jahren so vieles gesehen, sah jetzt das Leben anders an, kühl, ruhig,

leidenschaftslos, von der hohen Warte des in Stürmen und Kämpfen

gereiften Mannes, des Dichters, den eine Welt bewunderte und beneidete,

des Sammlers vor allem, der reiste, um seine Akten und Schränke zu

bereichern. Was sollte ihm da das Gestern?

»Ich ging in die Stadt zurück, eine Freundin zu besuchen, und sodann

zum Obertor hinaus,« heißt es über Heidelberg in der »Reise in die

Schweiz 1797«, die Goethe 1823 mit Eckermann aus Tagebuchnotizen und

alten Manuskripten zusammengestellt hat. Oder: »Ich ging in Erinnerung

früherer Zeiten über die schöne Brücke und am rechten Ufer des Neckars

hinauf ...« Die ganze übrige Schilderung dieses Aufenthalts in

Heidelberg spiegelt restlos neue Empfindungen, und dies in der klugen,

etwas steifen Prosa, die Goethe im Alter liebte, die aber bei aller

äußeren Kühle von innerer Glut durchleuchtet und dichterisch beschwingt

ist: ein Monument der Stadt von ergreifender Gewalt.

[Illustration]

Und doch -- war Goethe nicht immer der sinnlich erlebende, auch Totes

immer wieder freudvoll und leidvoll nacherlebende Mensch? Er war es

wohl auch damals. »Gegen Abend ging ich mit Demoiselle Delph,« so

schließt die Schilderung, »nach der Plaine zu, erst an den Weinbergen

hin, dann auf die große Chaussee herunter, bis dahin, wo man Rohrbach

sehen kann ...« Ein Abendspaziergang, und aus der Neckarniederung

stiegen die Nebel. Der Äther schwamm in Gold. Da mag auch ihn, den

von der Heimat Gelösten, weichere Erinnerung befallen, die neben ihm

Schreitende mit mancherlei Gespräch versunkene Zeit heraufbeschworen,

Sehnsucht nach Frau und Kind ihm das Herz umschattet haben.

Aber davon wissen wir nichts. Wir wissen nur, daß diese ganze Schweizer

Reise nicht die Hoffnungen erfüllte, die Goethe auf sie gesetzt hatte

und daß er sie vorzeitig abbrach. Er erhielt nicht Christianens,

Christiane nicht seine Briefe. Das Band mit zuhause war zerrissen, und

das ertrug er nicht. »Ich kann aber auch wohl sagen,« schreibt der

Heimkehrende aus Tübingen am 30. Oktober nach Weimar an Christiane,

»daß ich nur um Deinet- und des Kleinen willen zurückgehe. Ihr allein

bedürft meiner, die übrige Welt kann mich entbehren.«

* * * * *

Die übrige Welt hätte diese Ansicht schwerlich geteilt. Nicht 1797,

da auch schon genug vorging, was ihr Interesse hätte von Kunst und

Literatur abziehen können, und nicht später, da sie ganz aus den Fugen

ging. Oder da, wie eben dieser Goethe selbst die wilden Geschehnisse

der Zeit von 1806 bis 1814 im Spiegel weniger Verse auffing, Nord und

West und Süd zersplitterten, Throne barsten, Reiche zitterten ... denn

über Zusammenbruch und Erhebung hinaus blickte sie in immer gleicher

Ehrfurcht nach Weimar, wo in stiller Zurückgezogenheit ihr größter

Dichter als »Statthalter der Poesie auf Erden« residierte.

Aber gerade in dieser stillen Zurückgezogenheit, die mancher

Teilnahmlosigkeit schalt und die in Wahrheit doch, wie des »Epimenides

Erwachen« bewies, leidenschaftliches Miterleben war, bereitete sich

1814 neue Wandlung vor. Östlicher Hauch war aus dem fernen Persien

in die Stuben am Frauenplan gedrungen, der Mund, der solange Genüge

daran gefunden, in klassischem Versmaß zu sprechen, versuchte sich

in Hafisliedern, die von Wein und Liebe und duftenden Wundernächten

erzählten; und gegen die erhabenen Schatten der Antike, die seit

der italienischen Reise allein die Gefühls- und Geschmackswelt

Goethes bevölkerten, rückte gleichzeitig die farbenfrohe Kunst des

deutschen Mittelalters an ... sie siegte nicht, nein, dazu hing der

»Heide« Goethe in zu tiefer Liebe an den verlorenen Göttern jener

untergegangenen Welt. Aber sie behauptete sich daneben, aufs neue

stiegen aus der fernen Jugend die Türme des Straßburger Münsters

auf, und der Torso des Kölner Domes ließ gotische Musik in die

schwülen Bülbül-Melodien des nun entstehenden west-östlichen Diwans

hineinklingen. West-östlich wahrhaft wurde das Klima, das Goethes Leben

und Dichten in diesen Jahren lyrischer Wiedergeburt umduftete. Sie

stehen unter dem Zeichen: Heidelberg und Marianne.

Denn wieder war es, wie schon früher oft Wendepunkt und Lebensstation,

die Neckarstadt, die, selber ewig jung, Blut und Seele des

Altgewordenen verjüngte, gelassen das »Stirb und Werde!« sprach, nach

dem die »wiederholte Pubertät« Goethes verlangte.

[Illustration]

Dort wohnten seit 1810, wo sie von Köln nach Heidelberg übergesiedelt

waren, die Brüder Boisserée: Sulpiz und Melchior, die, beide fromme

Katholiken und leidenschaftliche Liebhaber der alten deutschen und

niederländischen Malerei, eine wundervolle Gemäldesammlung besaßen.

Dieser toten Welt die Neigung Goethes zu gewinnen, der ihnen als

Heros galt, in Goethe, dem gefeierten Dichter, einen Anwalt zu finden

auch für ihre Bestrebungen, den verfallenden Dom der Vaterstadt neu

aufzubauen und zu vollenden, betrachteten sie als Lebensaufgabe.

Und es gelang ihnen. Der erst und lange Ablehnende gab endlich nach,

und als ihn Not des Leibes im Spätsommer 1814 zur Kur nach Wiesbaden

führte, besuchte er die neuen Freunde in Heidelberg. Die wenigen

Tage, die er dort vom 24. September bis zum 9. Oktober 1814 verlebt,

wundervolle Herbsttage, die rotes Gold um Schloß und Stadt häuften,

gewannen ihn ganz. Derweilen draußen die ersten Blätter müde von den

Bäumen fielen, schenkten ihm die Bilder im Boisseréeschen Hause,

unermüdlich betrachtet, wie er später in der »Reise am Rhein, Main und

Neckar« gestanden, »eine neue, ewige Jugend«. Schönste Begleitmusik

dieser erlebnisreichen Tage aber sind die Briefe an Christiane. Sie

spiegeln in rührender Treue und Einfalt die starken Empfindungen des

Fünfundsechzigjährigen, der kränkelnd, wenn auch geistesfrisch, dem

Zureden seiner besorgten Frau folgend, Weimar am 25. Juli verlassen

hatte und nun in Wiesbaden auffällig rasch gesundete. So gründlich

gesundete, daß er auch die Vaterstadt, wo inzwischen der Tod reiche

Ernte gehalten hatte und nun schon die zweite Generation den seltenen

Gast feierte, mit ganz neuen Augen ansah, mit ganz frischen Sinnen von

neuem in ihrer vielfältigen Geselligkeit erlebte. Und wieder liebgewann.

Bis dann endlich ein Brief aus Heidelberg vom 28. September Christiane

meldete: »Bei Boisserées fand ich das lieblichste Quartier, ein großes

Zimmer neben der Gemäldesammlung. August (-- denn August hatte ja von

1808 bis 1810 in Heidelberg studiert --) wird sich des Sickingischen

Hauses erinnern auf dem großen Platze, dem Schloß gegenüber. Hinter

welchem der Mond bald heraufkam und zu einem freundlichen Abendessen

leuchtete.«

Und so weiter, Tag für Tag, Bilder beschauend, spazierengehend und auch

Erinnerungen nicht ausweichend. Denn wenn er da der fernen Hausfrau

erzählt, wie ihn an einem Oktobermorgen der schönste Sonnenschein früh

aufs Schloß gelockt, wo er sich »in dem Labyrinth von Ruinen, Terrassen

und Gartenanlagen ergötzte und die heiterste Gegend abermals zu

bewundern Gelegenheit hatte«, so muß dem alten Herrn die Vergangenheit

genaht sein, Vergangenheit »mit allen Rausch- und Tränengaben«, und aus

den zerfließenden Herbstnebeln muß ihn, während rings die Kastanien

fielen und herber Odem die alten Mauern umstrich, das Bild Lilis

angelächelt haben ...

Das Bild Lilis? Oder lächelte nicht vielleicht dem Verjüngten ein neues

Frauenbild?

Wieder gibt ein Brief an Christiane Auskunft, am 8. August schon aus

Wiesbaden abgesandt. Da heißt es, wenn auch wortkarg, unter anderem:

»Schon vor einigen Tagen besuchte mich Willemer mit seiner kleinen

Gefährtin.« Diese »kleine Gefährtin« nennt das Tagebuch vom 4. August.

Es war »Dlle Jung«, Marianne mit Vornamen, ein Pflegetöchterchen des

Geheimrats von Willemer aus Frankfurt, das jener bald darauf, der

zweiten Witwerschaft müde, zu seiner Frau machte, und dieser Besuch in

Wiesbaden war die erste Begegnung Goethes mit ihr.

O wunderliche Verknüpfung der Geschicke ... Hatem hatte in Clemens

Brentanos schwärmerisch gefeierter Biondetta seine Suleika gefunden.

* * * * *

Denn Goethe war Hatem geworden. Und blieb es treu, wenn auch nicht ganz

so leidenschaftlich wie in jenen Tagen neu erwachender Liebe, sondern

entsagungsvoll, bis zu seinem Lebensende. Als er von Weimar am 25.

Juli 1814 in jenem »Fahrhäuschen«, das er in seinem Gedicht »Der neue

Kopernikus« so anschaulich beschreibt, nach Wiesbaden reiste, war

das erste Wort, das er in Eisenach in das geliebte Tagebuch eintrug,

»Hafis«. Dieser Hafis hat ihn nicht mehr verlassen, bis er selbst ihn

verließ, als nämlich der West-östliche Diwan vollendet war und in einem

köstlich illuminierten Sonderdruck an Marianne-Suleika abging.

Dieser Tag der Vollendung aber lag damals noch fern; ihn

herbeizuführen, hatte ihm das Schicksal eben jene Marianne von Willemer

über den Weg geschickt, führte es den ganz in jugendliche Bewegung und

lyrische Ekstase Zurückversetzten erst noch einmal an die Stätte so oft

erprobten Heils: nach Heidelberg.

Das war ein Jahr darauf zu genau der gleichen Zeit.

* * * * *

Als Goethe sich im Herbst 1814 von Willemers, die sommers in

der Frankfurt nahen Gerbermühle unweit Oberrad am Main wohnten,

verabschiedete, hatte er der anmutigen Frau des Freundes sein Stammbuch

dagelassen. Sie schickte es ihm nach Weimar mit den berühmten Versen:

»Zu den Kleinen zähl' ich mich« ... Versen, die dann kühn gestehen:

»Als den Größten nennt man dich,

Als den Besten ehrt man dich,

Sieht man dich, muß man dich lieben ...«

Diese Verse, im Tone noch halb schalkhaft, sind das erste Bekenntnis

ihrer Neigung. Daß diese bald zu Liebe und mit Liebe beantwortet wurde,

das klingt und singt der ganze Diwan, der nun in raschem Fluß entstand:

die dreißigjährige Frau, die sich den vollen Liebreiz der Jugend

bewahrt hatte, hatte das Herz des Dichters gewonnen.

Schattenspiel um Goethe · 第 10 / 14 段