aufs neue auf längere Zeit nach Jena übersiedelte, fand sie verklärt
durch ein Leid, das jeder achtete, ohne es zu kennen. Es hatte ihren
mädchenhaften Liebreiz nur erhöht, und der Dichter, nach langem Ruhen
seiner Leidenschaften doppelt empfänglich, gab sich diesem Reiz nur
allzu gerne hin: er fühlte, dem Herbst des Lebens nahe, so etwas
wie das Werden eines neuen Liebesfrühlings. Die Worte »Abends bey
Frommanns« werden im Tagebuch zur ständigen Floskel. Anfangs mag er
wohl noch allein den geselligen Verkehr gesucht haben, der in dem
gastfreundlichen Hause von alters herrschte, auch die gemütliche
Teestunde mag ihn gelockt haben, zumal in dieser Jahreszeit, wo Sturm
und Regen das alte Schloß umtobten und das Gefühl der Einsamkeit,
des Alleinseins in dem riesigen Bau noch mehr verstärkten; da war es
drüben bei Frommanns viel traulicher und netter, da wurde gesungen und
gescherzt, gezeichnet und vorgelesen, es wurden Experimente gemacht mit
der neuen Laterna magica, und vor allem war da Minchen Herzlieb.
Und so verging bald kaum ein Tag, wo er nicht um die Dämmerstunde
Hut und Mantel nahm und über den dunklen »Graben« dorthin tappte --
schweigend lag das Haus hinter seiner Mauer, die Fensterläden sorglich
vor die Fenster geschlagen, kaum daß ein Lichtschein durch die Ritzen
drang. Und dann stand er vor der niedrigen Hoftür und klopfte, und
Minchen kam die Treppe herunter, dem verehrten Gast, dem väterlichen
Freund zu öffnen. Schelmisch lächelnd stand sie ihm im Flur gegenüber
-- das Töchterchen, so dachte er im Anfang, das er sich immer schon
gewünscht, dann Schwester, als er sich dieser holden Jugend gegenüber
immer jünger werden fühlte, und eines Abends, heiß durchzuckte es den
längst schon Graugewordenen, war es die Geliebte, die er in die Arme
schloß. Und die es sich in Demut gefallen ließ.
Ja, hat Goethe Minchen Herzlieb wirklich in Armen gehalten? Sie sich
vertrauend hineingeschmiegt? Ohne Zweifel. Warum auch nicht? Selbst
wenn sie nur »väterliche Gunstbezeugungen« darin gesehen, ihr Herz
den Schlag des seinen nicht ganz so heiß erwidert haben sollte, wie
er vielleicht geglaubt. Denn seine Neigung war nun ja längst schon zu
»Raserei der Liebe« geworden, längst hatte der stumm gewordene Mund des
Dichters durch sie wieder den beschwingten Wunderlaut der Jugendzeit
gefunden, sein Geist Aufschwung erfahren zu neuen dichterischen Plänen,
neuen Entwürfen. Es war am 29. November gewesen, dem ersten Advent
des Jahres 1807, daß Goethe, der Mann, in Minchen Herzlieb bei einer
Mittagsgesellschaft, »mächtig überrascht«, das Weib erkannt hatte, ihm
zur Gewißheit geworden war, daß er das Mädchen liebte ... das Tagebuch
zwar meldet nur kurz: »Mittags bey Frommanns mit Knebel, Seebeck, Oken,
Wesselhöft. Kam Legationsrath Bertuch. Abends Schattenspiel. Sodann
nach Hause. Knebel begleitete mich.« Nicht mehr -- wie sparsam war doch
dieser Goethe, wo es um seine Seele ging! Kein Name, keine voreilige
Konfession! Aber wir wissen: an diesem Abend des 29. November begann
er die »Pandora« zu diktieren, und daß er ihn in einem kurz darauf
entstandenen Sonett als »Epoche« feiert, beweist, was er für ihn selbst
gewesen ist.
Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben
Petrarcas Brust vor allen andern Tagen
+Karfreitag+. Ebenso, ich darf's wohl sagen,
Ist mir +Advent+ von Achtzehnhundertsieben.
Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort, zu lieben
Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,
Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,
Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.
Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,
War leider unbelohnt und gar zu traurig,
Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;
Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,
Süß, unter Palmenjubel, wonneschaurig,
Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.
Siebzehn Sonette sind es, die sich um den Namen Minchen Herzlieb
ranken. Sie sind in wenigen Wochen entstanden, die meisten in Jena als
unmittelbarer Niederschlag der großen seelischen Erregung, ein paar
dann noch in Weimar aus der Erinnerung heraus. Siebzehn Sonette in
einer Frist von Wochen, und das bei Goethe, dem die Liebessonette der
Romantiker noch vor kurzem so widerstrebten, der ihre tränenreichen
Dichter als »Lacrimasse« verspottet hatte!
Wie ging das zu?
Am 2. Dezember war Zacharias Werner, der Dichter des »Luther« und der
»Söhne des Tales« zu Goethe gekommen, um ihm, den er in Weimar verpaßt,
seine Aufwartung zu machen. Tags darauf führte Goethe den damals
Vielbesprochenen bei Frommanns ein. »Gegen 5 Uhr Werner und Knebel,«
sagt das Tagebuch, »mit beyden zu Frommanns, wo Werner verschiedene
kleine Gedichte, Sonette usw. vorlas.« Das war der Anfang der berühmten
»Sonettenwut«. Denn es blieb nicht dabei, daß der bisherige Verächter
des Sonetts, wie Knebel seiner Schwester schrieb, an denen Werners
allein großes Gefallen hatte, sondern je mehr er sich mit diesem über
die Kunstform des Sonetts unterhielt, um so mehr wuchs auch die Lust,
sie selbst ernsthaft zu erproben, und bereits am 6. Dezember liegt
das erste Goethesche Sonett »Das Mädchen spricht« fertig vor und wird
bei Knebel vorgelesen -- ein Liebessonett, natürlich, das aber die
Beziehung auf Minchen Herzlieb noch nicht deutlich werden läßt und
diese erst durch Einfügung in den späteren Zyklus erhält.
Damit war der Bann gebrochen. An dem »Sängerkrieg«, der nun bei
Frommanns ausgefochten wurde und Minchen verherrlichte, beteiligte
sich neben Werner, Riemer und Gries auch Goethe. Aber während die drei
andern diesen Wettkampf mehr oder weniger als Spielerei betrachteten,
gab Goethe Herzblut. Am 13. Dezember gestand er Minchen in dem Sonett
»Wachstum« seine Liebe. Das Blatt, das er ihr schenkte, wurde einem
langen Leben Reliquie. Noch in später Stunde schrieb das Mädchen, stolz
und selig-verschämt, das Datum darauf und die Worte »nachts 12 Uhr«
-- in enger Stube, die Kerze flackerte, sie saß, halb ausgekleidet
schon, auf ihrem Bett, und die Augen, die immer wieder die süßen Verse
tranken, wurden heiß. Bis sie dann müde auf das Lager sank, das Blatt
Papier am Herzen, und Traum sie forttrug. Die Frau Rat Walch hat
fünfzig Jahre später noch dem Goethe-Forscher Loeper erklärt, daß sie
in diesem Sonett ihr Verhältnis zu dem Dichter so dargestellt finde,
wie es gewesen sei!
Aber auch das Tagebuch Goethes legt nunmehr, wortkarg allerdings wie
immer, Zeugnis dafür ab, wie sehr ihn diese Sonettendichterei innerlich
bewegt hat. Da heißt es am 10. Dezember: »Sonette. Lang im Bett
gelegen« (was typisch für Goethe ist, der mit Vorliebe morgens im Bette
dichtete), am 11.: »Das Sonett voran«, am 18.: »Einiges Sonettische«,
am 16.: »Um 5 Uhr zu Knebel. Sonette vorgelesen. Um 8 Uhr zu Frommanns
... Werner hatte vorgelesen. Nachher allein Werners Charaden-Sonett auf
Minchen Herzlieb.« Dies Charaden-Sonett trieb Goethe dann zu seiner
ungleich schöneren, lyrisch zarten Charade auf das Wort Herzlieb, die
später Bettina von Arnim so viel Kopfzerbrechen bereitete, weil sie
sie gern, wie die Sonette überhaupt, auf sich beziehen wollte und doch
nie klug daraus wurde ... Die Tagebuchstelle aber, die von dem Anlaß
dazu berichtet, ist besonders merkwürdig: sie ist die einzige, wo
der geliebte Name genannt wird. Er klingt noch einmal hier und da in
Briefen auf. Das ist aber auch alles. Wo Goethe sich später dieser
Zeit erinnert oder erinnern muß, begnügt er sich mit Andeutungen, die
zugleich Schleier sind.
Siebzehn Sonette sind es im ganzen, die Goethe für Minchen Herzlieb
gedichtet hat (nicht für Bettina, wie diese stolz sich brüstete);
sie runden sich zu einem Kranz, der unverwelklich das süße Haupt
dieser Mädchenblüte ziert ... die magisch verklärte Geschichte einer
Liebe, eine +Sinfonia domestica+, wie wir keine andere besitzen. Kuno
Fischer, der Heidelberger Forscher, hat sie liebevoll und feinfühlig
nach ihrem Inhalt geordnet, und wenn die zeitliche Reihenfolge auch
dagegen sprechen mag, konzipiert, gedacht, geformt hat Goethe sie
sicherlich so. Denn so erst wird die betörend süße Liebesnovelle
daraus, die dem Alternden noch einmal (wie er glauben mußte, wenn er
auch irrte: zum letzten Male) Rausch und Sehnsucht der Sinne schenkte.
Da folgt dem »Mächtigen Überraschen« schnell ein »Freundliches
Begegnen«, mit »Kurz und gut« beginnt das Liebesspiel, und »Das Mädchen
spricht«, »Wachstum«, »Reisezehrung«, »Abschied«, »Die Liebende
schreibt«, »Die Liebende abermals«, »Sie kann nicht enden«, »Nemesis«,
»Christgeschenk«, »Warnung«, »Die Zweifelnden«, »Mädchen«, »Epoche«
und »Charade« bringen dann in erregendem Auf und Ab des Gefühls die
einzelnen Stationen dieser Leidenschaft bis zum Adagio des Ausklangs
... am ergreifendsten vielleicht da, wo sich am unmittelbarsten
Erlebtes widerspiegelt:
Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte
Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe,
Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe
Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.
Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte,
Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,
Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe;
Da läs' ich, was mich mündlich sonst entzückte:
+Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!+
Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest
Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.
Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu lesen,
Womit du liebend meine Seele fülltest
Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.
Die »Epoche« ist das letzte in Jena entstandene Sonett. Es war Goethes
Abschiedsgedicht. Denn am 18. Dezember kehrte er nach Weimar zurück,
riß sich los -- ob mit, ob ohne Einverständnis Minchens, ob nach
schmerzlicher Trennung oder in wortloser Entsagung, wie er es gemeinhin
zu tun pflegte, das bleibt dunkel. Nie ist darüber auch nur das
geringste kund geworden. Der »Advent von Achtzehnhundertsieben« fand
kein lichterhelles Fest als Krönung.
Und Minchen?
Am 10. Februar 1808 endlich erzählt sie der Freundin Christiane etwas
von diesen Erlebnissen des Winters, und das auch erst, nachdem sie
seitenlang von anderem geredet. »Diesen Winter haben wir,« so schreibt
sie, »im ganzen recht froh zugebracht, ohne grade viele Menschen zu
sehen. Goethe war aus Weimar herübergekommen, um hier recht ungestört
seine schönen Gedanken für die Menschheit bearbeiten zu können ...«
Und so weiter. Es sei ihr unbeschreiblich wohl und doch auch weh in
seiner Gegenwart geworden, und wenn sie manchmal abends in ihrer Stube
seiner goldenen Worte gedacht habe, sei sie in Tränen ganz zerflossen.
Dann erst ein paar nette Zeilen über Zacharias Werner, und, um mit ihr
selbst zu reden: »damit Punktum«. Nichts von den vielen Sonetten, die
ihr zu Ehren gedichtet worden waren, nichts von Goethes Liebe, nichts
(oder doch nur sehr wenig) von seinen häufigen Abendbesuchen, die doch,
wie ihr zumindest Instinkt hätte sagen müssen, schließlich einzig und
allein ihr gegolten hatten! Und nichts von irgend einer Heimlichkeit,
wie sie zwischen Liebenden doch einmal vorkommt -- nichts! Verschloß
ihr Scham den Mund? Gelöbnis? Einfalt? Rätsel über Rätsel, daß sie
nach einem solchen Erlebnis selbst für die vertrauteste Freundin keine
anderen Worte findet als die alltäglichsten, die man sich denken kann.
Daß sie der jäh auflodernden Leidenschaft Goethes gegenüber etwas
benommen geblieben war, ist möglich. Das paßt zu ihrem Charakterbild.
Daß sie sie überhaupt ignoriert haben sollte, ist unmöglich und würde
dem widersprechen, was die Gealterte später Herrn von Loeper gestanden
hat. Sie könnte dann weder auf Goethe den tiefen Eindruck gemacht
haben, dem die Sonette, die »Pandora« und die »Wahlverwandtschaften«
Spiegelung sind, noch ist Goethe der Mann gewesen, eine unerwiderte
Neigung zu »Raserei der Liebe« werden zu lassen. Vermutlich hat Goethe
die Geliebte, als der Tag der notwendigen Trennung nahte, durch ein
Gelöbnis zum Schweigen verpflichtet, vielleicht sogar um Vergessen
gebeten. Nur so sind die leeren Worte zu der Freundin zu erklären, nur
so ihr ganzes anscheinend teilnahmloses Verhalten, nur so die jähe
Flucht aus Jena.
Denn es war eine Flucht, daß sie Jena so schnell verließ und in die
Heimat zur Schwester eilte, die heiratete. Sie hoffte vielleicht,
dort im Trubel der Hochzeit Vergessen zu finden. Goethe mußte von
dieser auffälligen Reise gehört, Minchens Verschwinden ihn mit
Sorge erfüllt haben. Denn im Juni schrieb er aus Karlsbad an Frau
Frommann: »Hätten Sie, teure Freundin, in jener Stunde, als Sie uns
Ihren lieben Brief zudachten und schrieben, empfinden können, wie
nachrichtenbedürftig wir damals waren, so hätte Sie unser lebhaftester
Dank für diese Wohltat schon im voraus belohnt. Besonders dankbar
sind wir für die Versicherung, daß es unserem Minchen wohlgehe. Zwar
konnte man voraussehen, daß ein so liebes Kind, das der Natur und
Ihnen so viel verdankt, überall zum besten aufgenommen und lebhafte
Freundschaft erwecken würde, doch ist es eine eigene Empfindung, wenn
die Abwesenheit geliebter Personen uns verdrießlich fällt, so können
wir uns sie und ihre Umgebungen, niemals ganz heiter vorstellen. Desto
erfreulicher ist die ausdrückliche Versicherung Ihres Wohlbehagens.
Mögen Sie meine besten Wünsche und Grüße zu ihr gelangen lassen.«
Minchen verlobte sich dann in Züllichau mit jenem Professor Pfund, den
Zelter so warm Goethe empfohlen hatte ... voreilig und unüberlegt,
was auch wieder die Vermutung nahelegt, daß sie um jeden Preis
vergessen wollte. Denn als der Verlobte sie Weihnachten 1812 aus
Jena, wohin sie inzwischen zurückgekehrt war, zur Hochzeit abholen
wollte, weigerte sie sich und löste die Verlobung kurzerhand auf,
zum Entsetzen der Pflegeeltern, die dieser jähen Sinneswandlung
verständnislos gegenüberstanden. Auch Goethe, für den die Adventtage
von 1807 nun schon längst bloße Episode geworden waren, nachdem er
in den »Wahlverwandtschaften« Ottilie, dem geliebten Kinde, die Züge
Minchens gegeben hatte, war erschrocken, als er davon hörte; die
Malerin Luise Seidler hielt ihn ja immer auf dem Laufenden über das,
was sich in Jena ereignete. Noch am 25. September 1811 hatte er dieser
geschrieben: »Sie sollen mir erzählen von sich, von den Freunden und
von dem guten Minchen, von der ich so lange nichts gehört, und deren
bevorstehende Wiedererscheinung mich angenehm überrascht.« Nun erfuhr
er die plötzliche Entlobung. »Grüßen Sie Minchen,« schrieb er darauf an
die Malerin, »ich habe immer geglaubt, dieses Geistchen gehöre einem
treueren Element an. Doch soll man sich überhaupt hüten, mit der ganzen
Sippschaft zu scherzen.« Hatte er sich tatsächlich innerlich schon so
gelöst von ihr, sich das ganze Jenaer Erlebnis so sehr von der Seele
gedichtet, daß er in dieser Weise scherzen konnte?
Von nun an ging der Weg des armen Minchens bergab, die Dämmerung, die
der endlichen geistigen Umnachtung voraufging, begann ihr Haupt zu
umschatten. Der völlig unmotivierte Bruch mit dem Professor Pfund,
der sie auf Händen getragen hätte, war das erste Symptom; die Ehe,
die sie dann neun Jahre später mit dem Jenaer Professor Walch, einem
Juristen, einging und die ganz glücklos blieb, weil ihre zarte Seele
nur widerwillig die eheliche Vereinigung ertrug, das zweite. Versuche
eines Zusammenlebens scheiterten kläglich, machten sie gemütskrank, und
lebten die »Gatten« getrennt, so machte sie sich wieder die schwersten
Vorwürfe, bemitleidete den unglücklichen Mann, dessen Verhängnis sie
war.
1853 starb Walch. Sie war erlöst. Aber nur erlöst, um für immer in
Melancholie zu versinken. Denn die unheilvollen Dämonen, die schon
das junge Mädchen so oft in unseligen Zwiespalt der Empfindungen
gestürzt, sie wahrscheinlich nie zum vollen Genuß des Lebens hatten
kommen lassen, nahmen nun ganz Besitz von ihr. Noch ein paar Jahre
lebte die verwitwete Frau Rat Walch still und in sich gekehrt in den
alten Stuben des Frommannschen Hauses dahin, von Verwandtenliebe treu
gehütet, zuweilen ein wenig wunderlich und immer ein bißchen traurig
und schwermütig, ohne daß sie zu sagen wußte: warum -- wie als junges
Ding, wo ihr Lieblingslied Goethes »Trost in Tränen« war. Gerne
ging sie spazieren, am »Paradies« unten an der Saale und durch den
Prinzessinnen-Garten hindurch zu den Friedhöfen oben am Philosophenweg.
Sie nahm auch an Gesellschaftsabenden des Bruders teil, und Kuno
Fischer hat die alte, jugendlich schlanke Dame auf einem solchen
-- es wurde Goethes »Tasso« vorgelesen! -- noch unterhaltsam und
lebendig gefunden. Dann aber verwirrte sich ihr Geist und fand sich
nicht mehr zurecht in diesem Leben, und man mußte sie einer Anstalt
für Nervenkranke in Görlitz anvertrauen. Dort ist Minchen Herzlieb am
10. Juli 1865, sechsundsiebzig Jahre alt, gestorben ... einsam, fremd
und abseits allem Leben. Sie hat niemand mehr gekannt, der endlichen
Auflösung des erdenmüden Körpers war die des Geistes grauenhaft
voraufgeschritten.
[Illustration]
Derweilen war sie als Ottilie längst in die Unsterblichkeit
eingegangen. 1809 schon waren ja die »Wahlverwandtschaften« erschienen,
und es will fast scheinen, als ob der Dichter dem lebendigen
Menschenkind die Seele gestohlen hätte, um dem erlauchten Geschöpf
seiner Phantasie das ewige Leben zu verleihen. Denn ungefähr von dieser
Zeit an war der Weg der wirklichen Ottilie nur noch ein seelenloses
Gleiten und Taumeln gewesen ...
Zu Eckermann hat Goethe, der Greis, noch kurz vor seinem Tode
gesagt, daß in den »Wahlverwandtschaften« kein Strich enthalten sei,
der nicht erlebt, aber auch kein Strich so, wie er erlebt worden.
Das gilt vor allen Dingen wohl von dem Erlebnis jenes »Advent von
Achtzehnhundertsieben«. Gewiß, von der Seele geschrieben hat sich
Goethe diese rätselhafte Liebesleidenschaft wohl, vergessen hat er sie
nie. Immer wieder tauchte sie zu verschiedenen Perioden seines Lebens
vor ihm auf, mahnend, anklagend, Rechenschaft heischend. So im Herbst
1815, als Goethe sich, unendlich leidend und trotz der heroischen
Geste fast seelischem Tode nahe, von Marianne von Willemer losgerissen
hatte. Da fuhren er und Sulpiz Boisserée zusammen von Karlsruhe nach
Heidelberg. Alte Erinnerungen wachten in dem Dichter auf, und er
erzählte. Auch auf die »Wahlverwandtschaften« kam er. »Die Sterne waren
aufgegangen, er sprach von seinem Verhältnis zur Ottilie, wie er sie
lieb gehabt und wie sie ihn unglücklich gemacht. Er wurde zuletzt fast
rätselhaft ahndungsvoll in seinen Reden.«
So Boisserée in seinem Tagebuch. Auf ähnliche Äußerungen stößt
man in den Annalen, als Goethe dort, von Erinnerung geleitet,
die Jahre 1807 bis 1809 schildert, in die u. a. die poetische
Entwicklung der »Wahlverwandtschaften« fällt. »>Pandora< sowohl
als die >Wahlverwandtschaften<«, heißt es da 1807, »drücken das
schmerzliche Gefühl der Entbehrung aus und konnten also nebeneinander
gar wohl gedeihen.« Und unter dem Jahre 1809: »Um von poetischen
Arbeiten nunmehr zu sprechen, so hatte ich von Ende Mai an die
>Wahlverwandtschaften<, deren erste Konzeption mich schon längst
beschäftigte, nicht wieder aus dem Sinn gelassen. Niemand verkennt an
diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu
schließen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet.«
Ein seltsames Hin und Her von Stimmungen und Reflexionen. Und sind
im Grunde doch nichts weiter als der alte Schmerz, der ihn einst,
1807, im später »Abschied« genannten Sonett die »jähe Trennung« von
der Geliebten so wild anklagen ließ. Fritz Frommann meint in seinen
Aufzeichnungen über Minchen Herzlieb: »Mögen auch Goethes Empfindungen
für sie stärker gewesen sein als er sich merken ließ, so ist doch
soviel gewiß, daß auch er nie an ihren Besitz gedacht hat, und daß
diese Episode in seinem Leben mit der dichterischen Darstellung der
Ottilie in den >Wahlverwandtschaften< ihren völligen Abschluß gefunden,
daß er sich damit von aller leidenschaftlichen Erregung befreit hat
und ihm auch davon nur geblieben ist, >das süße Erinnern, das Leben im
tiefsten Innern<.«
Das ist der Irrtum des Bürgers, der Rausch und Qual der Erinnerungen
nicht kennt. Hervorgerufen vielleicht dadurch, daß Goethe und Minchen
sich im Laufe der Jahre im Frommannschen Haus begegneten, ohne daß
die Vergangenheit irgendwie neue Leiden schaffte. Die Fama will ja
sogar wissen, daß Goethe stets »mit ungetrübten Eindrücken« von dort
geschieden ist ... Immerhin, wie sehr diese Begegnungen Maskerade
waren, wie sehr Goethe bemüht war, Totes nicht wieder aufleben und
Alltagsgeschwätz werden zu lassen, das zeigt die Behandlung der Jenaer
Sonette in den Werken von 1815: »Epoche« und »Charade«, die verraten
könnten, wer in ihnen gemeint, nimmt er nicht auf! Und über die andern
breitet er durch die Anordnung Schleier. 1817 schickt er der einst
Geliebten ein Exemplar der zehn caschierten Gedichte, zum Geburtstage.
Die Widmung lautet:
An Fräulein Wilhelmine Herzlieb.
Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,
Sey dieses auch Ihr zugewandt;
Und wenn Sie hier Bekannte findet,
So hat Sie sich vielleicht erkannt.
Jena am 22. May 1817. Goethe.
Das klingt kühl. Aber das »vielleicht« der letzten Zeile verrät doch
die Aschenwärme alter Gluten, läßt Frage klingen, die auf Antwort
hofft. Natürlich hat Minchen sich erkannt, sie, die in ihrer Schatulle
die Urschrift des »Wachstum«-Sonetts als kostbarsten Besitz verwahrt
und die einem Advent ohne Heiland, vielleicht, ihre Seele geopfert hat
... natürlich, nur das Wissen darum fehlt. Kein Brief, kein Gespräch,
keine Äußerung ist erhalten, keiner ist, der davon erzählt. Es ist
furchtbar, wie dies frühe Liebesspiel in stummer Verschwiegenheit
endet. Bald war es so, als hätten die zwei Menschen nie voneinander
gewußt. Selbst als in den Goethe-Werken der Ausgabe letzter Hand
endlich, volle zwanzig Jahre nach Entstehen, »Epoche« und »Charade«
erscheinen, letzte Schleier fallen, findet das in Jena kein Echo. Auch
er behält die Maske vor. »Eine seltsame Empfindung« nennt er's, als
er Minchen um diese Zeit einmal flüchtig sieht, und spricht von ihrem
»artigen und niedlichen Betragen«.
So kann Goethe schließlich sterben, ohne daß aus dem Frommannschen
Hause, wo Minchen auch als Frau Professor Walch fast immer lebte,
verzweifelter Schrei aus Frauenmund, nicht einmal leise Klage dringt.
Und fragte die Greisin mit den dunklen, schwermutsvollen Augen später
einmal jemand nach ihren Erinnerungen, so wurde sie scheu und wortkarg,
als ob sie Totes gerne tot ließe ...
Rätsel verschatten die Historie, und in himmlischer Klarheit leuchtet
allein das Werk des Dichters. Es hat das bißchen Menschenleben in sich
aufgesogen.
Herbsttage in Heidelberg
Auf der Terrasse hoch gewölbtem Bogen
War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn ...
~Marianne von Willemer~.
Denkt man an Goethe und Heidelberg, so klingen aus der Erinnerung zwei
Frauennamen herauf. Lili und Marianne. Die diese Namen trugen, sie
haben beide, nun von Legende längst in Sphären der Verklärung entrückt,
das Herz des Dichters besessen ... die eine, selbst im vollen Glanz der
Jugend prunkend, das des Jünglings, der wild ins Leben stürmte, »der
Wunder bang, von Sehnsucht süß bedrängt«; die andere, eine »Frau von
dreißig Jahren«, das des Mannes, dem schon der Lebensabend nahte. Und
Heidelberg war beidemal die Stätte, da die Entscheidung fiel: sie hieß
im einen wie im andern Fall Entsagung.
Doch laufen Fäden auch vom Neckar nach der Ilm, und Unrecht wäre
es, nicht auch Charlottens und Christianens zu gedenken, nach denen
Sehnsucht des Freundes und des Gatten hier in Heidelberg auch oft genug
gebangt ...
* * * * *
Das war ein bunter Tag aus andern bunten Tagen, als Goethe zum
erstenmal nach Heidelberg kam.
Denn er kam nicht allein.