So traf sie Goethe wieder, als er zuerst im Mai 1807, dann im Herbst

aufs neue auf längere Zeit nach Jena übersiedelte, fand sie verklärt

durch ein Leid, das jeder achtete, ohne es zu kennen. Es hatte ihren

mädchenhaften Liebreiz nur erhöht, und der Dichter, nach langem Ruhen

seiner Leidenschaften doppelt empfänglich, gab sich diesem Reiz nur

allzu gerne hin: er fühlte, dem Herbst des Lebens nahe, so etwas

wie das Werden eines neuen Liebesfrühlings. Die Worte »Abends bey

Frommanns« werden im Tagebuch zur ständigen Floskel. Anfangs mag er

wohl noch allein den geselligen Verkehr gesucht haben, der in dem

gastfreundlichen Hause von alters herrschte, auch die gemütliche

Teestunde mag ihn gelockt haben, zumal in dieser Jahreszeit, wo Sturm

und Regen das alte Schloß umtobten und das Gefühl der Einsamkeit,

des Alleinseins in dem riesigen Bau noch mehr verstärkten; da war es

drüben bei Frommanns viel traulicher und netter, da wurde gesungen und

gescherzt, gezeichnet und vorgelesen, es wurden Experimente gemacht mit

der neuen Laterna magica, und vor allem war da Minchen Herzlieb.

Und so verging bald kaum ein Tag, wo er nicht um die Dämmerstunde

Hut und Mantel nahm und über den dunklen »Graben« dorthin tappte --

schweigend lag das Haus hinter seiner Mauer, die Fensterläden sorglich

vor die Fenster geschlagen, kaum daß ein Lichtschein durch die Ritzen

drang. Und dann stand er vor der niedrigen Hoftür und klopfte, und

Minchen kam die Treppe herunter, dem verehrten Gast, dem väterlichen

Freund zu öffnen. Schelmisch lächelnd stand sie ihm im Flur gegenüber

-- das Töchterchen, so dachte er im Anfang, das er sich immer schon

gewünscht, dann Schwester, als er sich dieser holden Jugend gegenüber

immer jünger werden fühlte, und eines Abends, heiß durchzuckte es den

längst schon Graugewordenen, war es die Geliebte, die er in die Arme

schloß. Und die es sich in Demut gefallen ließ.

Ja, hat Goethe Minchen Herzlieb wirklich in Armen gehalten? Sie sich

vertrauend hineingeschmiegt? Ohne Zweifel. Warum auch nicht? Selbst

wenn sie nur »väterliche Gunstbezeugungen« darin gesehen, ihr Herz

den Schlag des seinen nicht ganz so heiß erwidert haben sollte, wie

er vielleicht geglaubt. Denn seine Neigung war nun ja längst schon zu

»Raserei der Liebe« geworden, längst hatte der stumm gewordene Mund des

Dichters durch sie wieder den beschwingten Wunderlaut der Jugendzeit

gefunden, sein Geist Aufschwung erfahren zu neuen dichterischen Plänen,

neuen Entwürfen. Es war am 29. November gewesen, dem ersten Advent

des Jahres 1807, daß Goethe, der Mann, in Minchen Herzlieb bei einer

Mittagsgesellschaft, »mächtig überrascht«, das Weib erkannt hatte, ihm

zur Gewißheit geworden war, daß er das Mädchen liebte ... das Tagebuch

zwar meldet nur kurz: »Mittags bey Frommanns mit Knebel, Seebeck, Oken,

Wesselhöft. Kam Legationsrath Bertuch. Abends Schattenspiel. Sodann

nach Hause. Knebel begleitete mich.« Nicht mehr -- wie sparsam war doch

dieser Goethe, wo es um seine Seele ging! Kein Name, keine voreilige

Konfession! Aber wir wissen: an diesem Abend des 29. November begann

er die »Pandora« zu diktieren, und daß er ihn in einem kurz darauf

entstandenen Sonett als »Epoche« feiert, beweist, was er für ihn selbst

gewesen ist.

Mit Flammenschrift war innigst eingeschrieben

Petrarcas Brust vor allen andern Tagen

+Karfreitag+. Ebenso, ich darf's wohl sagen,

Ist mir +Advent+ von Achtzehnhundertsieben.

Ich fing nicht an, ich fuhr nur fort, zu lieben

Sie, die ich früh im Herzen schon getragen,

Dann wieder weislich aus dem Sinn geschlagen,

Der ich nun wieder bin ans Herz getrieben.

Petrarcas Liebe, die unendlich hohe,

War leider unbelohnt und gar zu traurig,

Ein Herzensweh, ein ewiger Karfreitag;

Doch stets erscheine, fort und fort, die frohe,

Süß, unter Palmenjubel, wonneschaurig,

Der Herrin Ankunft mir, ein ew'ger Maitag.

Siebzehn Sonette sind es, die sich um den Namen Minchen Herzlieb

ranken. Sie sind in wenigen Wochen entstanden, die meisten in Jena als

unmittelbarer Niederschlag der großen seelischen Erregung, ein paar

dann noch in Weimar aus der Erinnerung heraus. Siebzehn Sonette in

einer Frist von Wochen, und das bei Goethe, dem die Liebessonette der

Romantiker noch vor kurzem so widerstrebten, der ihre tränenreichen

Dichter als »Lacrimasse« verspottet hatte!

Wie ging das zu?

Am 2. Dezember war Zacharias Werner, der Dichter des »Luther« und der

»Söhne des Tales« zu Goethe gekommen, um ihm, den er in Weimar verpaßt,

seine Aufwartung zu machen. Tags darauf führte Goethe den damals

Vielbesprochenen bei Frommanns ein. »Gegen 5 Uhr Werner und Knebel,«

sagt das Tagebuch, »mit beyden zu Frommanns, wo Werner verschiedene

kleine Gedichte, Sonette usw. vorlas.« Das war der Anfang der berühmten

»Sonettenwut«. Denn es blieb nicht dabei, daß der bisherige Verächter

des Sonetts, wie Knebel seiner Schwester schrieb, an denen Werners

allein großes Gefallen hatte, sondern je mehr er sich mit diesem über

die Kunstform des Sonetts unterhielt, um so mehr wuchs auch die Lust,

sie selbst ernsthaft zu erproben, und bereits am 6. Dezember liegt

das erste Goethesche Sonett »Das Mädchen spricht« fertig vor und wird

bei Knebel vorgelesen -- ein Liebessonett, natürlich, das aber die

Beziehung auf Minchen Herzlieb noch nicht deutlich werden läßt und

diese erst durch Einfügung in den späteren Zyklus erhält.

Damit war der Bann gebrochen. An dem »Sängerkrieg«, der nun bei

Frommanns ausgefochten wurde und Minchen verherrlichte, beteiligte

sich neben Werner, Riemer und Gries auch Goethe. Aber während die drei

andern diesen Wettkampf mehr oder weniger als Spielerei betrachteten,

gab Goethe Herzblut. Am 13. Dezember gestand er Minchen in dem Sonett

»Wachstum« seine Liebe. Das Blatt, das er ihr schenkte, wurde einem

langen Leben Reliquie. Noch in später Stunde schrieb das Mädchen, stolz

und selig-verschämt, das Datum darauf und die Worte »nachts 12 Uhr«

-- in enger Stube, die Kerze flackerte, sie saß, halb ausgekleidet

schon, auf ihrem Bett, und die Augen, die immer wieder die süßen Verse

tranken, wurden heiß. Bis sie dann müde auf das Lager sank, das Blatt

Papier am Herzen, und Traum sie forttrug. Die Frau Rat Walch hat

fünfzig Jahre später noch dem Goethe-Forscher Loeper erklärt, daß sie

in diesem Sonett ihr Verhältnis zu dem Dichter so dargestellt finde,

wie es gewesen sei!

Aber auch das Tagebuch Goethes legt nunmehr, wortkarg allerdings wie

immer, Zeugnis dafür ab, wie sehr ihn diese Sonettendichterei innerlich

bewegt hat. Da heißt es am 10. Dezember: »Sonette. Lang im Bett

gelegen« (was typisch für Goethe ist, der mit Vorliebe morgens im Bette

dichtete), am 11.: »Das Sonett voran«, am 18.: »Einiges Sonettische«,

am 16.: »Um 5 Uhr zu Knebel. Sonette vorgelesen. Um 8 Uhr zu Frommanns

... Werner hatte vorgelesen. Nachher allein Werners Charaden-Sonett auf

Minchen Herzlieb.« Dies Charaden-Sonett trieb Goethe dann zu seiner

ungleich schöneren, lyrisch zarten Charade auf das Wort Herzlieb, die

später Bettina von Arnim so viel Kopfzerbrechen bereitete, weil sie

sie gern, wie die Sonette überhaupt, auf sich beziehen wollte und doch

nie klug daraus wurde ... Die Tagebuchstelle aber, die von dem Anlaß

dazu berichtet, ist besonders merkwürdig: sie ist die einzige, wo

der geliebte Name genannt wird. Er klingt noch einmal hier und da in

Briefen auf. Das ist aber auch alles. Wo Goethe sich später dieser

Zeit erinnert oder erinnern muß, begnügt er sich mit Andeutungen, die

zugleich Schleier sind.

Siebzehn Sonette sind es im ganzen, die Goethe für Minchen Herzlieb

gedichtet hat (nicht für Bettina, wie diese stolz sich brüstete);

sie runden sich zu einem Kranz, der unverwelklich das süße Haupt

dieser Mädchenblüte ziert ... die magisch verklärte Geschichte einer

Liebe, eine +Sinfonia domestica+, wie wir keine andere besitzen. Kuno

Fischer, der Heidelberger Forscher, hat sie liebevoll und feinfühlig

nach ihrem Inhalt geordnet, und wenn die zeitliche Reihenfolge auch

dagegen sprechen mag, konzipiert, gedacht, geformt hat Goethe sie

sicherlich so. Denn so erst wird die betörend süße Liebesnovelle

daraus, die dem Alternden noch einmal (wie er glauben mußte, wenn er

auch irrte: zum letzten Male) Rausch und Sehnsucht der Sinne schenkte.

Da folgt dem »Mächtigen Überraschen« schnell ein »Freundliches

Begegnen«, mit »Kurz und gut« beginnt das Liebesspiel, und »Das Mädchen

spricht«, »Wachstum«, »Reisezehrung«, »Abschied«, »Die Liebende

schreibt«, »Die Liebende abermals«, »Sie kann nicht enden«, »Nemesis«,

»Christgeschenk«, »Warnung«, »Die Zweifelnden«, »Mädchen«, »Epoche«

und »Charade« bringen dann in erregendem Auf und Ab des Gefühls die

einzelnen Stationen dieser Leidenschaft bis zum Adagio des Ausklangs

... am ergreifendsten vielleicht da, wo sich am unmittelbarsten

Erlebtes widerspiegelt:

Wenn ich nun gleich das weiße Blatt dir schickte

Anstatt daß ich's mit Lettern erst beschreibe,

Ausfülltest du's vielleicht zum Zeitvertreibe

Und sendetest's an mich, die Hochbeglückte.

Wenn ich den blauen Umschlag dann erblickte,

Neugierig schnell, wie es geziemt dem Weibe,

Riss' ich ihn auf, daß nichts verborgen bleibe;

Da läs' ich, was mich mündlich sonst entzückte:

+Lieb Kind! Mein artig Herz! Mein einzig Wesen!+

Wie du so freundlich meine Sehnsucht stilltest

Mit süßem Wort und mich so ganz verwöhntest.

Sogar dein Lispeln glaubt' ich auch zu lesen,

Womit du liebend meine Seele fülltest

Und mich auf ewig vor mir selbst verschöntest.

Die »Epoche« ist das letzte in Jena entstandene Sonett. Es war Goethes

Abschiedsgedicht. Denn am 18. Dezember kehrte er nach Weimar zurück,

riß sich los -- ob mit, ob ohne Einverständnis Minchens, ob nach

schmerzlicher Trennung oder in wortloser Entsagung, wie er es gemeinhin

zu tun pflegte, das bleibt dunkel. Nie ist darüber auch nur das

geringste kund geworden. Der »Advent von Achtzehnhundertsieben« fand

kein lichterhelles Fest als Krönung.

Und Minchen?

Am 10. Februar 1808 endlich erzählt sie der Freundin Christiane etwas

von diesen Erlebnissen des Winters, und das auch erst, nachdem sie

seitenlang von anderem geredet. »Diesen Winter haben wir,« so schreibt

sie, »im ganzen recht froh zugebracht, ohne grade viele Menschen zu

sehen. Goethe war aus Weimar herübergekommen, um hier recht ungestört

seine schönen Gedanken für die Menschheit bearbeiten zu können ...«

Und so weiter. Es sei ihr unbeschreiblich wohl und doch auch weh in

seiner Gegenwart geworden, und wenn sie manchmal abends in ihrer Stube

seiner goldenen Worte gedacht habe, sei sie in Tränen ganz zerflossen.

Dann erst ein paar nette Zeilen über Zacharias Werner, und, um mit ihr

selbst zu reden: »damit Punktum«. Nichts von den vielen Sonetten, die

ihr zu Ehren gedichtet worden waren, nichts von Goethes Liebe, nichts

(oder doch nur sehr wenig) von seinen häufigen Abendbesuchen, die doch,

wie ihr zumindest Instinkt hätte sagen müssen, schließlich einzig und

allein ihr gegolten hatten! Und nichts von irgend einer Heimlichkeit,

wie sie zwischen Liebenden doch einmal vorkommt -- nichts! Verschloß

ihr Scham den Mund? Gelöbnis? Einfalt? Rätsel über Rätsel, daß sie

nach einem solchen Erlebnis selbst für die vertrauteste Freundin keine

anderen Worte findet als die alltäglichsten, die man sich denken kann.

Daß sie der jäh auflodernden Leidenschaft Goethes gegenüber etwas

benommen geblieben war, ist möglich. Das paßt zu ihrem Charakterbild.

Daß sie sie überhaupt ignoriert haben sollte, ist unmöglich und würde

dem widersprechen, was die Gealterte später Herrn von Loeper gestanden

hat. Sie könnte dann weder auf Goethe den tiefen Eindruck gemacht

haben, dem die Sonette, die »Pandora« und die »Wahlverwandtschaften«

Spiegelung sind, noch ist Goethe der Mann gewesen, eine unerwiderte

Neigung zu »Raserei der Liebe« werden zu lassen. Vermutlich hat Goethe

die Geliebte, als der Tag der notwendigen Trennung nahte, durch ein

Gelöbnis zum Schweigen verpflichtet, vielleicht sogar um Vergessen

gebeten. Nur so sind die leeren Worte zu der Freundin zu erklären, nur

so ihr ganzes anscheinend teilnahmloses Verhalten, nur so die jähe

Flucht aus Jena.

Denn es war eine Flucht, daß sie Jena so schnell verließ und in die

Heimat zur Schwester eilte, die heiratete. Sie hoffte vielleicht,

dort im Trubel der Hochzeit Vergessen zu finden. Goethe mußte von

dieser auffälligen Reise gehört, Minchens Verschwinden ihn mit

Sorge erfüllt haben. Denn im Juni schrieb er aus Karlsbad an Frau

Frommann: »Hätten Sie, teure Freundin, in jener Stunde, als Sie uns

Ihren lieben Brief zudachten und schrieben, empfinden können, wie

nachrichtenbedürftig wir damals waren, so hätte Sie unser lebhaftester

Dank für diese Wohltat schon im voraus belohnt. Besonders dankbar

sind wir für die Versicherung, daß es unserem Minchen wohlgehe. Zwar

konnte man voraussehen, daß ein so liebes Kind, das der Natur und

Ihnen so viel verdankt, überall zum besten aufgenommen und lebhafte

Freundschaft erwecken würde, doch ist es eine eigene Empfindung, wenn

die Abwesenheit geliebter Personen uns verdrießlich fällt, so können

wir uns sie und ihre Umgebungen, niemals ganz heiter vorstellen. Desto

erfreulicher ist die ausdrückliche Versicherung Ihres Wohlbehagens.

Mögen Sie meine besten Wünsche und Grüße zu ihr gelangen lassen.«

Minchen verlobte sich dann in Züllichau mit jenem Professor Pfund, den

Zelter so warm Goethe empfohlen hatte ... voreilig und unüberlegt,

was auch wieder die Vermutung nahelegt, daß sie um jeden Preis

vergessen wollte. Denn als der Verlobte sie Weihnachten 1812 aus

Jena, wohin sie inzwischen zurückgekehrt war, zur Hochzeit abholen

wollte, weigerte sie sich und löste die Verlobung kurzerhand auf,

zum Entsetzen der Pflegeeltern, die dieser jähen Sinneswandlung

verständnislos gegenüberstanden. Auch Goethe, für den die Adventtage

von 1807 nun schon längst bloße Episode geworden waren, nachdem er

in den »Wahlverwandtschaften« Ottilie, dem geliebten Kinde, die Züge

Minchens gegeben hatte, war erschrocken, als er davon hörte; die

Malerin Luise Seidler hielt ihn ja immer auf dem Laufenden über das,

was sich in Jena ereignete. Noch am 25. September 1811 hatte er dieser

geschrieben: »Sie sollen mir erzählen von sich, von den Freunden und

von dem guten Minchen, von der ich so lange nichts gehört, und deren

bevorstehende Wiedererscheinung mich angenehm überrascht.« Nun erfuhr

er die plötzliche Entlobung. »Grüßen Sie Minchen,« schrieb er darauf an

die Malerin, »ich habe immer geglaubt, dieses Geistchen gehöre einem

treueren Element an. Doch soll man sich überhaupt hüten, mit der ganzen

Sippschaft zu scherzen.« Hatte er sich tatsächlich innerlich schon so

gelöst von ihr, sich das ganze Jenaer Erlebnis so sehr von der Seele

gedichtet, daß er in dieser Weise scherzen konnte?

Von nun an ging der Weg des armen Minchens bergab, die Dämmerung, die

der endlichen geistigen Umnachtung voraufging, begann ihr Haupt zu

umschatten. Der völlig unmotivierte Bruch mit dem Professor Pfund,

der sie auf Händen getragen hätte, war das erste Symptom; die Ehe,

die sie dann neun Jahre später mit dem Jenaer Professor Walch, einem

Juristen, einging und die ganz glücklos blieb, weil ihre zarte Seele

nur widerwillig die eheliche Vereinigung ertrug, das zweite. Versuche

eines Zusammenlebens scheiterten kläglich, machten sie gemütskrank, und

lebten die »Gatten« getrennt, so machte sie sich wieder die schwersten

Vorwürfe, bemitleidete den unglücklichen Mann, dessen Verhängnis sie

war.

1853 starb Walch. Sie war erlöst. Aber nur erlöst, um für immer in

Melancholie zu versinken. Denn die unheilvollen Dämonen, die schon

das junge Mädchen so oft in unseligen Zwiespalt der Empfindungen

gestürzt, sie wahrscheinlich nie zum vollen Genuß des Lebens hatten

kommen lassen, nahmen nun ganz Besitz von ihr. Noch ein paar Jahre

lebte die verwitwete Frau Rat Walch still und in sich gekehrt in den

alten Stuben des Frommannschen Hauses dahin, von Verwandtenliebe treu

gehütet, zuweilen ein wenig wunderlich und immer ein bißchen traurig

und schwermütig, ohne daß sie zu sagen wußte: warum -- wie als junges

Ding, wo ihr Lieblingslied Goethes »Trost in Tränen« war. Gerne

ging sie spazieren, am »Paradies« unten an der Saale und durch den

Prinzessinnen-Garten hindurch zu den Friedhöfen oben am Philosophenweg.

Sie nahm auch an Gesellschaftsabenden des Bruders teil, und Kuno

Fischer hat die alte, jugendlich schlanke Dame auf einem solchen

-- es wurde Goethes »Tasso« vorgelesen! -- noch unterhaltsam und

lebendig gefunden. Dann aber verwirrte sich ihr Geist und fand sich

nicht mehr zurecht in diesem Leben, und man mußte sie einer Anstalt

für Nervenkranke in Görlitz anvertrauen. Dort ist Minchen Herzlieb am

10. Juli 1865, sechsundsiebzig Jahre alt, gestorben ... einsam, fremd

und abseits allem Leben. Sie hat niemand mehr gekannt, der endlichen

Auflösung des erdenmüden Körpers war die des Geistes grauenhaft

voraufgeschritten.

[Illustration]

Derweilen war sie als Ottilie längst in die Unsterblichkeit

eingegangen. 1809 schon waren ja die »Wahlverwandtschaften« erschienen,

und es will fast scheinen, als ob der Dichter dem lebendigen

Menschenkind die Seele gestohlen hätte, um dem erlauchten Geschöpf

seiner Phantasie das ewige Leben zu verleihen. Denn ungefähr von dieser

Zeit an war der Weg der wirklichen Ottilie nur noch ein seelenloses

Gleiten und Taumeln gewesen ...

Zu Eckermann hat Goethe, der Greis, noch kurz vor seinem Tode

gesagt, daß in den »Wahlverwandtschaften« kein Strich enthalten sei,

der nicht erlebt, aber auch kein Strich so, wie er erlebt worden.

Das gilt vor allen Dingen wohl von dem Erlebnis jenes »Advent von

Achtzehnhundertsieben«. Gewiß, von der Seele geschrieben hat sich

Goethe diese rätselhafte Liebesleidenschaft wohl, vergessen hat er sie

nie. Immer wieder tauchte sie zu verschiedenen Perioden seines Lebens

vor ihm auf, mahnend, anklagend, Rechenschaft heischend. So im Herbst

1815, als Goethe sich, unendlich leidend und trotz der heroischen

Geste fast seelischem Tode nahe, von Marianne von Willemer losgerissen

hatte. Da fuhren er und Sulpiz Boisserée zusammen von Karlsruhe nach

Heidelberg. Alte Erinnerungen wachten in dem Dichter auf, und er

erzählte. Auch auf die »Wahlverwandtschaften« kam er. »Die Sterne waren

aufgegangen, er sprach von seinem Verhältnis zur Ottilie, wie er sie

lieb gehabt und wie sie ihn unglücklich gemacht. Er wurde zuletzt fast

rätselhaft ahndungsvoll in seinen Reden.«

So Boisserée in seinem Tagebuch. Auf ähnliche Äußerungen stößt

man in den Annalen, als Goethe dort, von Erinnerung geleitet,

die Jahre 1807 bis 1809 schildert, in die u. a. die poetische

Entwicklung der »Wahlverwandtschaften« fällt. »>Pandora< sowohl

als die >Wahlverwandtschaften<«, heißt es da 1807, »drücken das

schmerzliche Gefühl der Entbehrung aus und konnten also nebeneinander

gar wohl gedeihen.« Und unter dem Jahre 1809: »Um von poetischen

Arbeiten nunmehr zu sprechen, so hatte ich von Ende Mai an die

>Wahlverwandtschaften<, deren erste Konzeption mich schon längst

beschäftigte, nicht wieder aus dem Sinn gelassen. Niemand verkennt an

diesem Roman eine tief leidenschaftliche Wunde, die im Heilen sich zu

schließen scheut, ein Herz, das zu genesen fürchtet.«

Ein seltsames Hin und Her von Stimmungen und Reflexionen. Und sind

im Grunde doch nichts weiter als der alte Schmerz, der ihn einst,

1807, im später »Abschied« genannten Sonett die »jähe Trennung« von

der Geliebten so wild anklagen ließ. Fritz Frommann meint in seinen

Aufzeichnungen über Minchen Herzlieb: »Mögen auch Goethes Empfindungen

für sie stärker gewesen sein als er sich merken ließ, so ist doch

soviel gewiß, daß auch er nie an ihren Besitz gedacht hat, und daß

diese Episode in seinem Leben mit der dichterischen Darstellung der

Ottilie in den >Wahlverwandtschaften< ihren völligen Abschluß gefunden,

daß er sich damit von aller leidenschaftlichen Erregung befreit hat

und ihm auch davon nur geblieben ist, >das süße Erinnern, das Leben im

tiefsten Innern<.«

Das ist der Irrtum des Bürgers, der Rausch und Qual der Erinnerungen

nicht kennt. Hervorgerufen vielleicht dadurch, daß Goethe und Minchen

sich im Laufe der Jahre im Frommannschen Haus begegneten, ohne daß

die Vergangenheit irgendwie neue Leiden schaffte. Die Fama will ja

sogar wissen, daß Goethe stets »mit ungetrübten Eindrücken« von dort

geschieden ist ... Immerhin, wie sehr diese Begegnungen Maskerade

waren, wie sehr Goethe bemüht war, Totes nicht wieder aufleben und

Alltagsgeschwätz werden zu lassen, das zeigt die Behandlung der Jenaer

Sonette in den Werken von 1815: »Epoche« und »Charade«, die verraten

könnten, wer in ihnen gemeint, nimmt er nicht auf! Und über die andern

breitet er durch die Anordnung Schleier. 1817 schickt er der einst

Geliebten ein Exemplar der zehn caschierten Gedichte, zum Geburtstage.

Die Widmung lautet:

An Fräulein Wilhelmine Herzlieb.

Wenn Kranz auf Kranz den Tag umwindet,

Sey dieses auch Ihr zugewandt;

Und wenn Sie hier Bekannte findet,

So hat Sie sich vielleicht erkannt.

Jena am 22. May 1817. Goethe.

Das klingt kühl. Aber das »vielleicht« der letzten Zeile verrät doch

die Aschenwärme alter Gluten, läßt Frage klingen, die auf Antwort

hofft. Natürlich hat Minchen sich erkannt, sie, die in ihrer Schatulle

die Urschrift des »Wachstum«-Sonetts als kostbarsten Besitz verwahrt

und die einem Advent ohne Heiland, vielleicht, ihre Seele geopfert hat

... natürlich, nur das Wissen darum fehlt. Kein Brief, kein Gespräch,

keine Äußerung ist erhalten, keiner ist, der davon erzählt. Es ist

furchtbar, wie dies frühe Liebesspiel in stummer Verschwiegenheit

endet. Bald war es so, als hätten die zwei Menschen nie voneinander

gewußt. Selbst als in den Goethe-Werken der Ausgabe letzter Hand

endlich, volle zwanzig Jahre nach Entstehen, »Epoche« und »Charade«

erscheinen, letzte Schleier fallen, findet das in Jena kein Echo. Auch

er behält die Maske vor. »Eine seltsame Empfindung« nennt er's, als

er Minchen um diese Zeit einmal flüchtig sieht, und spricht von ihrem

»artigen und niedlichen Betragen«.

So kann Goethe schließlich sterben, ohne daß aus dem Frommannschen

Hause, wo Minchen auch als Frau Professor Walch fast immer lebte,

verzweifelter Schrei aus Frauenmund, nicht einmal leise Klage dringt.

Und fragte die Greisin mit den dunklen, schwermutsvollen Augen später

einmal jemand nach ihren Erinnerungen, so wurde sie scheu und wortkarg,

als ob sie Totes gerne tot ließe ...

Rätsel verschatten die Historie, und in himmlischer Klarheit leuchtet

allein das Werk des Dichters. Es hat das bißchen Menschenleben in sich

aufgesogen.

Herbsttage in Heidelberg

Auf der Terrasse hoch gewölbtem Bogen

War eine Zeit sein Kommen und sein Gehn ...

~Marianne von Willemer~.

Denkt man an Goethe und Heidelberg, so klingen aus der Erinnerung zwei

Frauennamen herauf. Lili und Marianne. Die diese Namen trugen, sie

haben beide, nun von Legende längst in Sphären der Verklärung entrückt,

das Herz des Dichters besessen ... die eine, selbst im vollen Glanz der

Jugend prunkend, das des Jünglings, der wild ins Leben stürmte, »der

Wunder bang, von Sehnsucht süß bedrängt«; die andere, eine »Frau von

dreißig Jahren«, das des Mannes, dem schon der Lebensabend nahte. Und

Heidelberg war beidemal die Stätte, da die Entscheidung fiel: sie hieß

im einen wie im andern Fall Entsagung.

Doch laufen Fäden auch vom Neckar nach der Ilm, und Unrecht wäre

es, nicht auch Charlottens und Christianens zu gedenken, nach denen

Sehnsucht des Freundes und des Gatten hier in Heidelberg auch oft genug

gebangt ...

* * * * *

Das war ein bunter Tag aus andern bunten Tagen, als Goethe zum

erstenmal nach Heidelberg kam.

Denn er kam nicht allein.

Schattenspiel um Goethe · 第 9 / 14 段