alten Gasthof schlendert ... die Straße seltsam ein Bild aus dem 18.
Jahrhundert, der Garten, von Flieder und Jasmin ganz eingesponnen, noch
immer genau so wie damals als hier Christiane mit den »Lustigen aus
Weimar« gesessen, zu Pfingsten und wenn die Rosen blühten und auch im
Herbst, wenn die Kastanien schon Rauschgold auf alle Wege streuten.
Als 1816 Goethes langjähriger Kutscher, der treue Dienemann, der ihn so
oft nach Karlsbad gefahren, heiratet, verschafft Christiane ihm durch
Fürsprache die Pacht des Schloßgasthofs. Ihr Tagebuch meldet am 8.
April: »Dienemann und seine Frau ziehen ab. Ihr Wirtschaftsgeräte nach
Belvedere. Die neue Köchin tritt an.«
Sie hat gewiß gedacht, dem vertrauten Mann hier oben noch oft zu froher
Stunde zu begegnen. Aber wenige Wochen später ist sie schon tot, und
Goethe gesteht schmerzlich, daß der ganze Gewinn seines Lebens sei,
ihren Verlust zu beweinen.
* * * * *
Ist er noch oft in Belvedere gewesen? Gewiß. Doch sicherlich nie, ohne
an die zu denken, die hier so gerne geweilt. Als die Schauspielerin
Ernestine Durand, einst als Demoiselle Engels die Freundin der Toten,
den Greis im Jahre 1826 bittet, ihr ein paar Worte ins Stammbuch zu
schreiben, steigen die Tage von Belvedere wieder vor ihm auf, und wie
ein leises Echo verwehter Freuden entklingen ihm die schwingenden Verse:
»Donnerstag nach Belvedere!«
Und so gings die Woche fort;
Denn das war der Frauen Lehre:
Lustige Leute, lustiger Ort!
Üben wir auf unsern Zügen
Auch nicht mehr dergleichen Schwung,
Stiftet inniges Vergnügen
Heitern Glücks Erinnerung.
Advent von Achtzehnhundertsieben
+In memoriam+ Minchen Herzlieb
... Und war es nur ein Schein, --
Sie lag in meinen Armen.
War sie drum weniger mein?
~Goethe~
Jena im November. Um den »Hanfried«, Johann Friedrichs des Großmütigen
ehrwürdiges Denkmal mit dem altmodischen Eisengitter, raschelt das
letzte welke Laub -- freigebig verstreuen es die Bäume des Marktes,
und nicht lange mehr, so stehen sie kahl, und allein die grauen,
verwitterten Häuserrahmen dann den weiten Platz.
[Illustration]
Früh kommt die Dämmerung. Sie kriecht von den Bergen her durch die
engen, winkligen Gassen der Stadt, umschattet die Türme, hängt
feuchte Schleier um Giebel und Dächer und hockt sich in die Tür- und
Fensternischen. Sie kommt auch zu dem Fremdling, der bei Göhre sitzt
und auf den Markt herabschaut, vom schweren roten Wein ein wenig
müde. Setzt sich zu ihm in das dunkle Fenster und erzählt von der
Vergangenheit. Die zu suchen, ist hier der Fremdling von Weimar, der
gnadenreichen Stadt, herübergefahren, und blasse Mittagssonne hat auf
stiller Wanderung alle Wunder des »lieben närrischen Nestes« enthüllt.
Nun, da der Abend nahe, lockt die schattenhafte Stadt zu neuer
Wanderung. Vielleicht, so raunt die dunkle Stunde, daß sich ein Wunder
begibt und, was die langen Jahre friedlich in Gräbern und in Grüften
ruht, für kurze Zeit lebendig wird und wandelt ... vielleicht, daß die
Legende einmal aufersteht, die diese Stadt und diese Straßen verklärt!
Dunkel die Häuser, dunkel der Weg. Laternenlicht huscht über schwarze
Mauern. Merkwürdig stehen, wo sich die Gassen kreuzen, die Giebel gegen
den blassen Himmel -- Kulissen zu Szenen und Geschichten, wie sie der
Geist zuweilen in Nächten ohne Schlaf aufbaut und die im Hirn der
Dichter als Träume leben. Einmal steht man auf hochgewölbter Brücke
und blickt versonnen auf eines Flusses ruhevolles Gleiten, Baumwipfel
spiegeln sich, ein helles Fenster. Dann wieder Gassen hin und her,
Parkanlagen, aus denen herber Duft steigt, in schwarzem Rasen leuchtend
eine weiße Herme, hinter schwarzen Bäumen hell der Sandsteinbau der
Universität.
Hier stand einst das Schloß. Goethe hat oft darin gewohnt, in Knebels
»alter Stube«, in der er sich immer so wohl gefühlt hat. Es muß ein
düsterer, winkelreicher Bau aus Urvätertagen gewesen sein, dies alte
Schloß, halb verfallen schon zu Goethes Zeiten. Daß es abgerissen
wurde, ist trotzdem ein Unrecht, die Tat einer pietätlosen Zeit, der
Erinnerungen Schall und Rauch. Ein Bürger Jenas hat damals den Torbogen
gerettet, durch den Goethe und Schiller und auch Carl August so oft
geschritten sind, und hat ihn in die Mauer seines Gartens einfügen
lassen, weit draußen vor den Toren der Stadt, im Mühltal. Auch in dem
Winter auf 1808 hat Goethe hier gewohnt, jenem Winter, in dem das Herz
des fast Sechzigjährigen sich in jäher Liebe Minchen Herzlieb zuwandte,
der schönen Pflegetochter des Buchhändlers Frommann, und wenn Goethe da
nachmittags oder abends zu Frommanns ging, so hatte er keinen Weg zu
machen: sie wohnten nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber.
Nur ein paar Schritte ab, gleich schräg gegenüber ... das schlichte
Haus steht noch da, niedrige Mauer trennt es von der Straße, an die
es nur mit dem einen Flügel heranreicht, der andere, mit jenem durch
einen fensterreichen Mittelbau verbunden, endet in einem Gärtchen. Der
frühe Abend, nun schon ganz zu Dunkelheit geworden, läßt nur Umrisse
erkennen, doch über Dach und First fliegt ab und zu ein blasser
Glanz, wenn der Mond für Augenblicke aus den eilig wandernden Wolken
hervortritt: Theater, das Beschwörung haucht. Und irgendwo rauscht
Wind, irgendwo schlägt eine Uhr, langsam und bedächtig, der Fremdling
zählt die Schläge ... fünf, sechs, sieben. Stille. Sieben Uhr! Da
gleitet ein Schatten vorüber, eine große Gestalt, »im weiten Mantel
bis ans Kinn verhüllt«, auf dem Kopfe einen niedrigen Zylinder. Traum!
Denn dies, das Herz setzt aus und klopft dann wilden Takt, ist Goethe!
Auferstanden von den Toten ... also hat sich der Zeiger der Weltuhr
gedreht, hat sich das Wunder begeben, sind hundert Jahre ein Nichts
geworden?
[Illustration]
Gleichviel ... auf fliegt der eine Torflügel, wie von Geisterhand
berührt, Schritte hallen über den Hof, ein Klopfen zerreißt die
abendliche Stille, Fenster werden hell, eine Türe tut sich auf, und im
warmen Lampenschein steht eine Mädchengestalt, rührend, lichtumflossen,
Gretchen in der Mode von 1800, ein Häubchen deckt das dunkle Haar. Dem
Lauscher vor dem finsteren Tor wird heiß ... »Guten Abend, Exzellenz!«
Willkommenssingsang, lieblichster, aus Mädchenmund. Und die dunkle
Gestalt im Mantel breitet froh die Arme: »Lieb Kind! Mein artig Herz!«
Und die Türe fällt zu, die Fenster werden wieder dunkel, schweigend
liegt das Haus. Goethe und Minchen Herzlieb! Der Fremdling schauert.
Wind fährt die Straße herauf, feuchter Wind von den Saalewiesen, der
frösteln macht, Ziegeln klappern, an der Mauer scheuern sich ächzend
Zweige.
War's Spuk?
Ein Traum erregter Sinne? Vision aus Büchern?
Gassen, nun schon schwarze Nacht, führen wieder zum Markt, zu Göhre
... mit dem putzigen kleinen Zigarrenladen, mit der Wendeltreppe,
mit den alten Stuben und den alten Sofas: Raabe-Klima. Das läßt gut
weiterträumen.
* * * * *
Jena im November. Tage der Versunkenheit. Der spürenden Erinnerung
erschließt sich die Vergangenheit, und der Jenaer »Advent von
Achtzehnhundertsieben«, der sich in Goethes Brust nach eigener
Konfession mit Flammenschrift eingeschrieben, ersteht aufs neue.
Wie war das doch mit Minchen Herzlieb?
Am 13. Dezember 1812 empfiehlt Zelter Goethe in einem Briefe einen
Berliner Gymnasialprofessor namens Pfund, der nach Weimar kommen werde.
Goethe antwortet am 15. Januar 1813 dem Freunde: »Herrn Pfund habe ich
gern und freundlich, obwohl nur kurze Zeit gesehen. Er empfahl sich mir
besonders durch seine Anhänglichkeit an Dich. Seine Braut fing ich an
als Kind von acht Jahren zu lieben und in ihrem sechzehnten Jahr liebte
ich sie mehr als billig. Du kannst ihr auch deshalb etwas freundlicher
sein, wenn sie zu Euch kommt.«
[Illustration: _Das Haus des Buchhändlers Frommann zu Jena_
_Im Querbau oben die Fenster des Wohnzimmers_]
Diese Braut, von der Goethe spricht, war Minchen Herzlieb. Er lernte
sie tatsächlich schon früh kennen, wenn auch nicht als Kind von acht,
so doch von neun Jahren. Sie war eine Pflegetochter des Buchhändlers
Friedrich Ernst Frommann in Jena, in dessen Haus Goethe seit 1798,
wo dieser kluge und tiefgebildete Mann von Züllichau nach Jena
übergesiedelt war, viel und freundschaftlich verkehrte. Denn er fand
dort fast das ganze geistige Jena jener Zeit, und es ist nicht allein
Frommann selbst gewesen, der sein Haus zu diesem Sammelpunkt von
Dichtung und Wissenschaft zu machen verstand, sondern vor allem wohl
auch seine Frau, die mit aller bürgerlichen Bescheidenheit Grazie und
Anmut und geistige und künstlerische Interessen zu verbinden wußte.
Ihr Sohn, der später die Frommannsche Buchhandlung übernahm und im
Geiste des toten Vaters weiterführte, hat ihr 1870 in seinem kleinen
Buche »Das Frommannsche Haus und seine Freunde« ein rührendes Denkmal
gesetzt, und auch Goethe hat immer viel von dieser seltenen und noch
im Alter anmutigen Frau gehalten -- seine zahlreichen Briefe an die
»teure Freundin«, seine besorgten Anfragen nach ihrem Wohlergehen,
seine häufigen Besuche, seine wiederholten Einladungen nach Weimar
bezeugen das.
In diesem gastfreien und lebendigen Hause nun wuchs Minchen Herzlieb
auf, eine Waise, die Tochter eines Pfarrers aus Züllichau, wo sie
am 22. Mai 1785 geboren worden war. Sie war neun Jahre alt, als die
Pflegeeltern nach Jena kamen, ein hübsches, zutrauliches Kind, das
neben den Stiefgeschwistern still und ruhig dahinlebte und Goethe,
der für hübsche Kinder immer eine Vorliebe hatte, wohl gefallen haben
mag. Für ein Mehr an Gefühl allerdings fehlt aus diesen frühen Jahren
jeder Beleg. Auch seine spätere Äußerung zu Zelter ist wohl kaum so zu
deuten, scheint vielmehr ein wenig scherzhaft gemeint, wenn auch von
einem leisen Klang der Wehmut durchzittert, daß er die, die er nachher
»mehr als billig« geliebt, so rasch verlieren mußte ... Daß sie ihm,
unbewußt, schon als kleines Mädchen mehr gewesen ist als bloß das
hübsche Pflegekind der Freunde, ist ihm erst klar geworden, als die
Liebe zu dem reizvoll aufgeblühten Wesen die Erinnerung auch an das
Einst verklärte, -- wie der gereifte Mann ja oft schon das Kind geliebt
zu haben glaubt, das seinem Herzen später als Frau teuer ist. In einem
der Sonette, die er später in »Raserei der Liebe« an sie gerichtet, hat
er diese nachträglichen Empfindungen reizvoll umschrieben:
Als kleines art'ges Kind nach Feld und Auen
Sprangst du mit mir, so manchen Frühlingsmorgen.
»Für solch ein Töchterchen, mit holden Sorgen,
Möcht' ich als Vater segnend Häuser bauen!«
Und als du anfingst, in die Welt zu schauen,
War deine Freude häusliches Besorgen.
»Solch eine Schwester! und ich wär geborgen:
Wie könnt' ich ihr, ach! wie sie mir vertrauen!«
Doch das heißt der Zeit vorgreifen! Jahr und Tag gingen zunächst
hin, ohne daß Goethe das holde Wunder, das sich da in dem Haus am
Fürstengraben entfaltete, mit den Augen des Mannes, des Liebhabers
gesehen hätte. Das entdeckte als erster ein junger livländischer
Edelmann, der in Jena studierte und bei Frommanns verkehrte, ein Herr
von Manteuffel. Minchen war damals noch nicht vierzehn Jahre, und nach
der Schilderung, die der Stiefbruder in seinem Buche gibt, muß sie
entzückend gewesen sein, schon ganz das schöne Geschöpf, das wenige
Jahre später dem sechzigjährigen Goethe Pandora, die milde Göttin, und
die Ottilie der »Wahlverwandtschaften« wurde: »So gesund sie von Jugend
auf war, entwickelte sie sich doch geistig nur langsam und behielt ihr
Leben lang etwas Träumerisches. Eine regelmäßig schöne Gesichtsbildung
hatte sie zwar nicht, aber ihr reiches schwarzes Haar und ihre großen
braunen Augen mit dem unbefangenen freundlichen Ausdruck, der auch
um ihren Mund spielte, ließen nicht an das denken, was etwa fehlen
mochte, zumal alles in Harmonie war mit dem Ebenmaß ihrer schlanken
Gestalt und der Anmut jeder ihrer Bewegungen, beseelt durch allgemeines
Wohlwollen, bescheidenes, hingebendes, auf alle Bedürfnisse und
nicht ausgesprochenen Wünsche der anderen aufmerksames Wesen. So war
es natürlich, daß sie auf alle, die ihr, wenn auch nur in gewisser
Entfernung, nahten, einen unwiderstehlichen Zauber übte, der sich auch
noch in späten Jahren alle Herzen gewann.«
So auch ein Bild von ihr aus diesen Jahren, ein Miniaturporträt von der
Hand Johanna Frommanns, die als Mutter vielleicht mit den Augen der
Liebe gesehen, aber aus dem gleichen Grunde sicherlich den geistigen
Ausdruck des geliebten Kindes besser getroffen hat als mancher
Berufskünstler. Das ist schon die Ottilie Goethes, die in der Pension
in ihrer rührenden, ein wenig dumpfen Einfalt und Bescheidenheit das
Herz des »Gehülfen« rührt, später, auf Eduards Schloß, diesen in
ihren Bann zieht ... die dunklen, unschuldsvollen Augen sind leicht
verschleiert, mädchenhafter Liebreiz liegt um Wange und Mund, das
lockige Haar rahmt eigenwillig das zarte Antlitz. Minchen hat dies Bild
einer Freundin geschenkt, Christiane Selig, als diese im Sommer 1806
Jena verließ und nach Lüneburg zog. Christiane Selig, die dort dann
bald heiratete, war auch das einzige Wesen, dem gegenüber Minchen etwas
mehr aus sich herausging, war die Vertraute, vor der sie, im übrigen
von einer fast krankhaften Verschlossenheit und Mitteilungsscheu,
keine Geheimnisse hatte. Mit ihr allein stand sie in brieflichem
Gedankenaustausch, und die wenigen Blätter von ihrer Hand, die aus
diesem Briefwechsel erhalten sind, sind die einzigen Briefe, die wir
überhaupt von ihr besitzen -- Dokumente einer stillen, verträumten
Natur, die sich in Selbstanklagen und Zweifeln gefiel, im Ton oft
überschwenglich und auf der anderen Seite von einer rätselhaften
Schwermut beschattet: Ottilien-Briefe!
»Die lieblichste aller jungfräulichen Rosen« nennt sie, ein wenig
später, die Malerin Luise Seidler. Auch sie hat Minchen gemalt; das
schöne Bild, wie das viel herbere der Mutter nun auch im Goethe-Haus
am Frauenplan, dem es Vermächtnis, atmet den ganzen süßen Reiz dieser
Mädchengestalt in seelischer Verklärung: eine Novelle in Farben.
Novelle auch, wenn die Künstlerin weiter schwärmt: »... mit großen,
dunklen Augen, die, mehr sanft und freundlich als feurig, jeden
herzig-unschuldsvoll anblickten und bezaubern mußten; die Flechten
glänzend rabenschwarz; das anmutige Gesicht vom warmen Hauche eines
frischen Kolorits belebt; die Gestalt schlank und biegsam, vom
schönsten Ebenmaß, edel und graziös in allen ihren Bewegungen. Sie
liebte schlichte weiße Kleider; gewöhnlich trug sie auch beim Ausgehen
keinen Hut, sondern nur ein kleines Knüpftüchelchen, unter dem Kinn
zugebunden.«
So also lebte sie, ein liebenswürdiges Menschenkind, in dem schönen
Haus am Fürstengraben, so ging sie durch die Gassen des alten Jena,
Friederike Brion in neuer Gestalt. Die häusliche Wirtschaft, eine
Mädchenfreundschaft, arglose Tändelei mit Jenas Studenten, Spaziergänge
zum »Paradies«, war's Sommer, nach den Mühlen der Umgebung und wohl
auch nach Burgau, Zwätzen und Lobeda, füllten dieses Leben aus. Wer
sich ein wenig Mühe gibt, der findet auch im heutigen Jena noch
genug, das diese alte Zeit heraufbeschwört, da Minchen Herzlieb mit
dem Körbchen am Arm zum Krämer sprang oder des Sonntags sittsam zur
Stadtkirche schritt -- denn wie die Ottilie ihres großen Freundes hatte
sie, das Pfarrerkind, immer eine Neigung zum Kirchlichen, und das
Geheimnisvolle des Gottesdienstes mag ihrem träumerischen, kindlich
hingebenden Wesen ein notwendiger Ausgleich zum Alltag gewesen sein.
Der junge Student, der zuerst das Weib in ihr gesehen und wohl auch
geweckt, verließ nach einigen Jahren Jena. Warum? weiß man nicht
... wie überhaupt diese ganze Episode in Dunkel gehüllt ist und nur
ein schwaches Licht erhält aus Briefen Minchens an die Freundin in
Lüneburg. Da klagt sie, daß er ein Bild von ihr eigenmächtig mit auf
die Reise genommen habe, fühlt sich dadurch verletzt, in ihrem Ruf
gefährdet und doch geschmeichelt. Neugierig fragt sie die Freundin, ob
sie nicht wisse, was aus ihm geworden. Melancholie umflort die Zeilen.
[Illustration]
Ja, hat sie diesen Herrn von Manteuffel wirklich geliebt?
Wahrscheinlich, wie ein junges Mädchen, dem zum ersten Male ein Mann
verehrend naht, eben liebt. Und wenn er auch später so etwas wie
eine Idealgestalt für sie wurde, ihr Herz sein Bild nicht vergessen
konnte -- daß es sich um eine wirklich tiefe Neigung gehandelt hat,
scheint wenig glaublich. Eine Jugendliebe war's, wie andere sie auch
gehabt, kaum mehr. Wie überhaupt Minchen ihrer ganzen Veranlagung
nach einer schenkenden, beglückenden Liebe kaum fähig gewesen sein
dürfte, weder in jungen noch in späteren Jahren. Wesen wie sie
entzünden wohl Neigungen und träumen sich wohl auch selbst in Glut;
aber alles in allem ist ihr Reich nicht von dieser Welt, sie vermögen
die Neigung nicht zu erwidern, die entfachte Glut nicht zu löschen.
Sie war eigentlich die geborene Himmelsbraut. Dafür spricht auch der
erschütternde Verlauf, den das weitere Leben dieser +anima candida+
genommen, dafür die tragische Erfüllung ihres Schicksals, dagegen
keineswegs das Goethe-Erlebnis, das diesem Mädchenleben flüchtigen
Inhalt, ihrer Gestalt Unsterblichkeit gegeben hat.
Das Goethe-Erlebnis -- wann begann es, wann endete es? Auch hier
das merkwürdige Zwielicht, das über so vielen Liebesepisoden des
großen Dichters schwebt. Von ihm vielleicht mit Absicht nicht durch
Bekenntnisse und Mitteilungen unmittelbarer Natur aufgehellt, um
dieser späten und ergreifenden Leidenschaft nichts von ihrem Duft,
von ihrem Schmelz zu rauben; und Minchen Herzlieb selbst, die ja,
soweit wir sehen, eine etwas passive Rolle dabei spielte und über den
wahren Umfang von Goethes Neigung sich vielleicht nie ganz im klaren
gewesen sein dürfte, war gar nicht in der Lage, nähere Aufschlüsse
zu geben. Wo sie es getan, in brieflichen Äußerungen der Zeit, in
späteren Mitteilungen, die man der Schweigsamen entlockt, hat sie sich
auf Andeutungen beschränkt oder vielleicht beschränken müssen, weil
ihre persönlichen Erinnerungen zu arm waren ... mit einer Friederike
Brion, einer Lotte Buff, einer Lili, einer Charlotte von Stein, einer
Marianne von Willemer und deren Erinnerungen darf man das schöne
Mädchen von Züllichau nicht vergleichen. Minchen, eben erblüht und vom
ersten Glanz der Jugend umwittert, hat auf Goethe einen weit tieferen
Eindruck gemacht als dieser, der »liebe alte Herr«, auf das blutjunge
Mädchen. Sie ließ es sich gefallen, angeschwärmt zu werden; aber wieder
schwärmen, das konnte sie nicht. Sie neigte nur demütig und dankbar,
vielleicht sogar ein wenig verständnislos, das Haupt. Die anderen alle
haben Goethe geliebt.
Es mag wohl um die Zeit gewesen sein, da noch der junge livländische
Student das Herz Minchens besaß, daß Goethe gewahr wurde, wie aus dem
kleinen Mädchen ein Weib, aus der Knospe über Nacht die schwanke,
taufrische Rose geworden war. Das war im Herbst 1806, kurz vor den
Schreckenstagen der Schlacht bei Jena. Goethe weilte damals vom 26.
September bis zum 6. Oktober in Jena; wie sein Tagebuch meldet, war er
oft »abends bey Frommanns«, und während er dort mit der Familie und den
Freunden des Hauses um den Teetisch saß, vorlesend oder zeichnend und
auf das Gespräch der anderen lauschend, mag sein Auge wohl bisweilen
entzückt auf der sylphidenhaften Gestalt Minchens geruht haben, die
leise hin und her ging und die Mutter mit kleinen Handreichungen in
der Bewirtung der Gäste unterstützte ... mag sein Dichterherz mit
unbewußter Eifersucht den Abglanz erster Liebesfreuden und Liebesleiden
in dem jungen Antlitz empfunden haben.
Goethe eilte dann nach Weimar, wie es die unsicheren Verhältnisse
geboten. In einer Schilderung dieser Tage erzählt Johanna Frommann,
wie sie mit Minchen am Fenster gestanden habe, als Goethes Wagen unten
vorbeifuhr. Der Freund hatte sie wohl gesehen. »Er hielt und schickte
noch herauf, uns ein Lebewohl sagen zu lassen; uns war, als entflöhe
unser Schutzgeist -- er blieb uns doch. Wer in seiner Nähe gelebt hat,
wird sich des wohltätigen Eindrucks ewig erfreuen können ...«
Die verhängnisvolle Zeit, die dann folgte, ging an Jena, ging auch
am Frommannschen Hause gnädig vorüber, trotzdem gerade der »Graben«
ein Tummelplatz der aufgelösten Soldateska war. Von Goethe traf noch
am Sonnabend der Unglückswoche ein Rundschreiben in Jena ein, in dem
er die dortigen Freunde, darunter natürlich auch Frommanns, um ein
Lebenszeichen ersuchte: »Ich bitte daher Nachverzeichnete, nur ein Wort
auf dieses Blatt zu unserer Beruhigung zu schreiben. Was mich betrifft,
so sind wir durch viel Angst und Not auf das glücklichste durchkommen.«
Ob er nicht um Minchen zumal besorgt gewesen ist, deren Schönheit in
diesen Tagen fremder Einquartierung eine besondere Gefahr bildete? Frau
Frommann mag so etwas gefühlt haben, und sie antwortete: »Unerlaubt
froh sind Minchen und ich gestern abend über die guten Nachrichten
von Ihnen gewesen, da es doch noch so viel anderes Unglück gibt! Ach,
als Sie fortfuhren, war es, als wiche unser Schutzgeist! Er war nicht
gewichen, die Worte, die durch Sie in unser Herz geschrieben waren,
haben uns in den Stunden der höchsten Angst gehoben und erhalten. Dank
dem Lehrer und dem gütigen Freunde!«
Das war am 19. Oktober 1806. Am gleichen Tage ließ sich Goethe
mit Christiane Vulpius, die ihn mit eigener Lebensgefahr vor den
Ausschreitungen französischer Marodeure geschützt hatte, in Weimar
trauen -- ein Schritt, der natürlich auch bald in Jena bekannt wurde
und ohne Zweifel bei Minchen nur noch mehr darauf hingewirkt hat, in
Goethe allein den »Lehrer und den gütigen Freund« zu sehen, als den ihn
auch die Mutter, vielleicht mit Absicht, in ihrem Briefe apostrophiert
hatte. Denn noch immer dachte das Mädchen schwermütig des geflohenen
Geliebten -- ein Brief an Christiane Albers, die Freundin, der nach
Wiederkehr geordneter Verhältnisse anschaulich die Unglückstage des
Oktobers schildert, fragt zum Schlusse aufs neue: »Ich habe noch etwas
auf dem Herzen, nämlich ob Du wieder etwas von dem Bewußten gehört
hast? Den Namen mag ich kaum nennen, es ist recht albern von mir,
sein Schicksal könnte mir nun ganz gleich sein, denn es wird doch nie
ein anderes Verhältnis zwischen uns stattfinden, und doch bin ich so
neugierig, was er treibt, aber nun genug von dem Menschen, nie will
ich wieder von ihm reden.« Man sieht: Entsagung, Neugier, Klage -- die
Spiegelung eines Herzens, das keine rechte Ruhe findet. Sie soll in
jener Zeit auch den Hausgenossen gegenüber besonders verschlossen, oft
traurig und bewegt gewesen sein, oft geweint haben, als ob ein schweres
Leid sie bedrückte. Der Bruder, damals ein zehnjähriger Junge, erzählt,
wie sie gerne Goethes »Trost in Tränen« vor sich hergesagt, das Lied
wohl auch mit halber Stimme gesungen habe:
»Die Sterne, die begehrt man nicht,
Man freut sich ihrer Pracht,
Und mit Entzücken blickt man auf
In jeder heitern Nacht.
Und mit Entzücken blick' ich auf,
So manchen lieben Tag;
Verweinen laßt die Nächte mich,
So lang ich weinen mag ...«
Sie war innerlich, bei aller Harmonie, die sie nach außenhin zur
Schau trug, eine zerrissene Natur, schon damals. Jugendschwermut, nur
hier besonders stark! Sie hat wohl frühe schon das tragische Geschick
geahnt, das ihrer wartete: den geistigen Tod. Solche Menschen fühlen
sich irgendwie gezeichnet ... vielleicht hilft Rilke hier verstehen,
der im »Stundenbuche« klagt:
»Da leben Menschen, weißerblühte, blasse,
und sterben staunend an der schweren Welt,
und keiner sieht die klaffende Grimasse,
zu der das Lächeln einer zarten Rasse
in namenlosen Nächten sich entstellt.«