Hof befohlen und stiehlt sich mit der niedlichen Hofdame der Herzogin
Louise ins Grüne, um an einem der Teiche am Parkrand zu fischen.
Fängt auch ein paar Fische und brät sie an Ort und Stelle. Aber für
die bizarre Schöpfung Ernst Augusts, dessen geistige Physiognomie
er doch einmal in einem frühen Briefe an den Herzog nach einem
zufällig gefundenen Porträt so ausgezeichnet analysiert hat, findet
er kein Wort, nur das Tagebuch registriert einmal kurz: »Die Ruinen
ruiniert«, d. h., man säuberte den Park von den >altmodisch< gewordenen
Spielereien Ernst Augusts. Der herrliche Wald nach Buchfart mit
seinen wilden Felspartien entlockt ihm keinen Jubelschrei, der Blick
auf Weimar keinen Sehnsuchtslaut, während er doch in Ettersburg, die
abendliche Stadt zu Füßen, dieser Sehnsucht in »Wanderers Nachtlied«
erschütternden Ausdruck gibt ...
Vielleicht hat das steife Hofleben in Belvedere -- die Herzogin
hielt sehr auf Etikette -- derartige Empfindungen nicht laut werden
lassen. Dieses Hofleben beherrscht auch fast ganz die spärlichen
Briefstellen, in denen Belvedere überhaupt erwähnt wird, und zwischen
den Zeilen steht oft genug, daß ihm die »Cour in Belweder« durchaus
nicht immer Spaß gemacht hat. So seufzt er am 9. November 1778: »Zu
Anfang künftger Woche wirds von Belvedere hereinkommen, und ich werde
auch für diesmal die Sorge für Fusböden, Ofen, Treppen und Nachtstühle
losseyn, bis es wieder von vorn angeht.« Und am 27. Mai 1781, nachdem
er wenige Tage zuvor ergeben verzeichnet hat: »Heute bin ich wieder ein
Hofverwandter«, schreibt er an Charlotte gar: »Ich hatte schon alles
zusammengepackt und wollte Ihnen Vorrath auf heute schicken, als mir
der Herzog sagen läßt, ich mögte zu ihm hinauf kommen, und mir also die
Ruh und Hoffnung auf den ganzen Tag genommen ist ... die Hofnoth steh
ich nicht den ganzen Tag mit aus.«
Doch ist ihm diese »Hofnoth« manchmal auch ganz willkommen, wenn sie
ihn mit der geliebten Frau zusammenbringt. Als Charlotte im Oktober
1778 nach Kochberg auf ihr Gut geht, klagt er:
»Von mehr als Einer Seite verwaist
Klag' ich um deinen Abschied hier.
Nicht allein meine Liebe verreist,
Meine Tugend verreist mit dir.«
Da schreibt sie tröstend auf die Rückseite des Billetts: »In Belvedere
seh ich Sie heute.« Und ein andermal erklärt er: »Ich liebe Belvedere
wo ich dich heute sehn werde.« Auch gemeinsame Spazierfahrten werden
so möglich. Im Mai 1781, beide sind zu »Cour und Konzert« gebeten,
bittet er sie, da ihn der Wind wieder am Reiten hindere, ihn im Wagen
mitzunehmen, und am 26. Mai 1784 macht er ihr den Vorschlag: »Gegen
Abend dächte ich besuchten wir das Prinzgen in Belvedere und führen
über Oberweimar wo wir beym alten Docktor absteigen könnten um sein
Wetterbeobachtungs Musäum zu besehn.«
[Illustration: _Schloß Belvedere_
_Das südliche Hauptportal neben den Fenstern der Goethe-Zimmer_]
So wirft die große Liebe zwischen Goethe und Frau von Stein Abglanz
auch auf Belvedere, -- wie es zwischen 1776 und dem bösen Jahre 1789,
das den Bruch bringt, ja überhaupt keinen Ort gibt, der nicht durch
irgendwelchen Gedankenaustausch in Beziehung zu dieser Frau steht.
Es ist ein schwacher Widerschein nur, und die heiße Inbrunst, die
andere Briefe fast versengt, fehlt hier. Dafür entschädigt eine süße,
selbstverständliche Innigkeit: »Ich liebe Belvedere wo ich dich heute
sehn werde ...« zarter kann niemand Liebe eingestehen!
Um so tragischer ist es, daß Zufall ihn, nach Jahr und Tag, gerade hier
jenen bitteren Brief an die Geliebte, fast ihm schon Entschwundene
schreiben läßt, der halb Entschuldigung, halb Anklage ist. Und der das
mürbe und brüchig gewordene Band ganz zerreißt. Das kleine G. und das
Datum »Belveder d. 1. Juni 1789« stehn unter diesem Briefe wie ein
Todesurteil.
Noch einmal klingt später, fast ein Menschenalter später, als die
heißen Herzen längst kühl und müde geworden, aller Groll schlafen
gegangen, beide sich in behaglicher Altersfreundschaft wieder
zueinander gefunden, flüchtig in einem Brief Charlottens der Name
Belvedere auf. »Mögen Ihnen, mein guter Geheimerath,« schreibt sie am
27. Februar 1816 an Goethe, als dieser zur Stiftung des Falkenordens
nach Belvedere fahren muß, »die rauhen Lüfte nicht schaden, die mich
unlieblich gestern in Belvedere angeweht haben. Ihre Sie verehrende
Freundin von Stein.«
Ein Nichts, eine Bagatelle. Aber ob sie nicht beide da doch der Zeiten
gedacht haben, wo sie gemeinsam nach Belvedere zur Cour gefahren,
gemeinsam an der Tafel gesessen, gemeinsam durch den abendlichen Park
geschlendert? Nicht auch des Briefs vielleicht, der das alles dann
zerstört und der aus Belvedere datiert war?
Wer will es wissen? Es hat keiner von ihnen darüber gesprochen ...
* * * * *
Ein Schritt knarrt über den Kies, ein Schlüsselbund klirrt: der
Kastellan. Noch immer spielen über dem Brunnenbecken die dunklen
Falter. Der alte Mann sieht sie auch. Er nickt. »Ja, früher sprang
hier die Fontäne!« meint er. »Aber diesmal haben wir noch keine Order
bekommen. Von wem auch?« Und er seufzt: »Der Gärtner wollte auch schon
die Orangen und die Palmen 'rausbringen. Aber die neuen Herren da
unten wollten es nicht. Man wüßte doch noch nicht, was überhaupt mit
Belvedere würde. Ja.« Und während er die Gittertüre aufschließt, die
das niedrige Portal schützt: »Sonst sah's hier oben schon so hübsch
aus. Aber jetzt ist alles tot!«
Ist alles tot ...
Das Wort begleitet. Dämmerige Luft schlägt kühl dem Eintretenden
entgegen -- die Luft, die Truhen atmen, die lange nicht geöffnet
wurden, halb Staub und halb Lavendel.
Da die Eingangshalle! Auf den blauweißen Kachelwänden tanzen verlorene
Sonnenkringel. In zwei Armen schwingt sich die Treppe, von japanischen
Vasen flankiert, schön zum ersten Stock; auf halber Höhe springt aus
der Treppenwand, wie eine Theaterloge, ein zierlicher Balkon ... Hat
Goethe die Halle so gesehen? Kaum. Mit den Delfter Kacheln ließ erst
die Gattin Carl Alexanders, die spätere Großherzogin Sophie, die
niederländische Prinzessin war, Wand und Treppe auslegen, und auch das
silberne Geländer, die Vasen, die Leuchter, die Bilder stammen erst
aus jüngerer Zeit. Ganze Geschlechter haben hier ja ihren wechselnden
Geschmack, ihre Moden, ihre persönlichen Liebhabereien hineingetragen,
und an die Tage, da in Belvedere Carl August und Louise Hof hielten,
erinnert nicht mehr allzuviel. Nur die Allegorien Ösers haben schon
damals von der Decke des mächtigen Speisesaals herabgeschaut, im roten
Wartezimmer sich die Hofdamen an den blassen Reliefgemälden Reyers
erfreut, in kalten Frühherbsttagen die Fayencekamine die Fröstelnden um
ihre Glut versammelt. Und hier und da erzählen auch noch verschlissene
Gobelins, verblaßte Tapeten, erblindete Spiegel von dieser Zeit.
Und wie man so durch die stillen Zimmer wandert, geben die, die
einstmals hier gewohnt, schattenhaftes Geleit. Die alten Namen
klingen, der Kastellan, in langem Hofdienst ergraut, zählt sie mit
feierlicher Stimme auf. Ein ganzes totes Jahrhundert bedrängt die
Seele. Ringsum häuft auf Konsolen, Tischchen, Etageren, Säulen sich
das Vielerlei von Andenken, Bildern und Nippsachen, das ihnen einst
ihr Leben liebgemacht, das +bric à brac+ verwöhnter Menschen; von den
Wänden lächeln in goldenen Rahmen sie selbst und die, die ihrem Herzen
nahestanden, und aus alten Kupfern und Aquarellen steigt der Duft der
Landschaften und Städte, die ihnen auf Reisen Glück und Erlebnis
gewesen ... Leben, das längst Staub und Legende, erhält für Augenblicke
wieder Blut und Atem.
Da ist der Teesalon Carl Augusts, vom Treppenhaus durch Spiegelscheiben
getrennt, in die Pflanzenornamente eingeätzt sind. Der ganze Raum, in
mattem Blau und Silbergrau gehalten, reines Rokoko: Regentschaftsstil.
Filigran überrankt Spiegel und Wände, an der Decke flattern, von Öser
gemalt, phantastische Vögel um zierliche Volieren. Die drei Fenster
rahmen das ferne Weimar. Die »Kaiserzimmer« dann erinnern an die
Kaiserin Augusta, Carl Friedrichs und Maria Paulownas eine Tochter, die
hier oft geweilt; ein weißes Schlafzimmer, das ganz modern anmutet,
hat 1898 die junge holländische Königin, eine Nichte der Großherzogin
Sophie, später die frühgestorbene Erbgroßherzogin Pauline, die erste
Gattin Wilhelm Ernsts, bewohnt. Seit 1904 steht es verwaist ... ein
süßer, heimlicher Traum. Finsterer Prunk dagegen füllt das Sterbezimmer
Maria Paulownas, den westlichen Kuppelsaal. Aus den Mittelfenstern
blickt man in den »Russische Garten«. Das riesige goldene Bett steht
wie ein Katafalk unter der hohen Kuppel -- die Liegende sah in den
Himmel: gemalte Wolken verhüllen das Gewölbe. An dem einen Fenster ein
Stehspiegel aus türkisblauem Porzellan, in der Nische ein pompöser
Lapislazuli-Schreibtisch, alles schwer und wuchtig, der Geschmack
eines Landes, dessen immer noch barbarische Instinkte in wilder
Pracht Entfaltung suchen. Ein halbvollendetes Nähkästchen, zierliche
Handarbeit, erzählt von den letzten Stunden der Großfürstin.
Sie ist es auch gewesen, die über das ganze Schloß die unzähligen
Bilder und Andenken aus Rußland verstreut hat. Sie hat Belvedere sehr
geliebt. Es ist ihr eigentliches Heim gewesen. 1824 hat ihr der alte
Goethe, der der Fremden ganz ergeben war, ein Bildchen geschickt:
»Schloß Belvedere in der Abendsonne«, er hat darunter geschrieben:
»Erleuchtet außen hehr vom Sonnengold,
Bewohnt im Innern traulich, froh und hold.
Erzeige sich Dein ganzes Leben so:
Nach außen herrlich, innen hold und froh.«
Und eine entzückende Tuschzeichnung von Diez, aus dem Jahre 1850,
die in einem der kleineren Salons hängt und sie als reife Frau
darstellt, zeigt als reizende Staffage im Hintergrunde ebenfalls den
Lieblingsaufenthalt: in den Park gebettet Schloß Belvedere.
Ein paar Räume weiter das »Aquarellzimmer«, einst der Musiksalon der
Herzogin Johann Albrecht. Die Bilder, die es schmücken, schenkten den
Namen. Es atmet französische Eleganz, die leichte Eleganz der siebziger
Jahre. Alabasterlampen, Bronzen, japanische Wandschirme, Schildpatt-
und +Cloisonné+-Arbeiten geben ein Interieur der Zeit, wie wir es auf
frühen Bildern Albert von Kellers sehen. Ganz noch die Welt des Rokoko
dagegen der Speisesaal im Mittelbau der Parkfront, ein königlicher
Raum. Köstlich ist die weiße Stuckdecke mit dem Öserschen Olymp,
köstlich die Marmorkamine mit den riesigen Spiegeln darüber, in denen
der wundervolle venezianische Lüster vielfältig glitzert, köstlich das
schimmernde Parkett. Jetzt wohnt hier die Einsamkeit. Die gelbseidenen
Polsterstühle um die Tafel herum schützen graue Bezüge, Zwielicht
schattet um die dunkelroten Säulen, und leise fällt der Staub und deckt
das alles zu. Nur noch ein vager Duft, ein Duft von welken Blumen und
von Kerzen, die lange nicht gebrannt, mahnt an verschollener Tage Glanz
und Geigenklang.
Und so das Übrige, Zimmer an Zimmer. Einmal bannen ein paar dunkle
Gemälde, die hellblaue Tapete, auf der sie hängen, gibt den Gestalten
seltsames Leben. Das eine die Kinder Carl Augusts: der Erbprinz Carl
Friedrich, die Prinzessin Caroline und der kleine Prinz Bernhard,
gemalt von Tischbein. Holdes Kinderlächeln verklärt die höfische
Grandezza, die Augen verschleiert leise Müdigkeit. Das andere Maria
Feodorowna, die Kaiserin, die Mutter der Maria Paulowna, strahlend
von Schönheit und Brillanten, ein Meisterwerk des jüngeren Lampi.
Und daneben, blasser, von unberühmter Hand, Carl Friedrich und die
Maria Paulowna. Erinnerung schmückt die toten Bilder mit Flor und
Immortellenkranz ...
Ganz Erinnerung auch das »Japanische Zimmer«, das einen Teil der
Schätze birgt, die Prinz Bernhard, der holländischer General war, von
seinen Weltreisen mit heim in das enge Belvedere gebracht hat. Die
dunkelblaue Tapete, schwere gestickte Seide, flammt in verhaltener
Glut, in den schwarzen Schränken gleißt das Perlmutt und Elfenbein, um
die Bronzen, die Vasen, die Lackarbeiten schwingt der Zauber ferner
Abenteuer. Man denkt an holländische Schlösser, wo ganze Säle voll von
diesen Dingen sind ...
Das Carl Alexander-Zimmer, den östlichen Kuppelsaal, überwölbt wieder
ein wolkiger Himmel. Er blickt, im Lauf der Jahre grau geworden,
auf totes Mobiliar herab, das hier wahllos beiseite gestellt ist,
hochbeinige Sekretäre und wuchtige Kommoden, gesprungene Spiegel und
verstaubte Bilder. Die Miniaturen, die ein großer Wandschirm trug,
hat der letzte Großherzog kurz vor dem Sturze sich an einem trüben
Novembertage noch geholt; jetzt sieht man auf der ausgefahlten Seide
nur noch die Stellen, wo sie hingen, -- kleine dunkelrote Rechtecke
und Ovale, die von einer wehen, herben Stunde erzählen! Und die
Begassche Büste der Kaiserin Augusta, die hier verloren steht, mag den
Flüchtenden bitter an den einstigen Glanz des Hauses gemahnt haben, das
so ruhmlos enden mußte.
Bleibt noch das »Lämmerzimmer«, ein Salon der Großherzogin Sophie, der
den Lämmern in den verblaßten, seidengewirkten Tapeten aus der Zeit
Anna Amalias den wunderlichen Namen dankt. Sessel stehen behaglich
um einen runden Tisch, auf einem Eckschrank leuchtet, zwischen alten
Photographien, erlesenes Porzellan, der Meißener Kronleuchter prunkt in
tausend Farben ... die, die hier oft in stiller Abendstunde gesessen,
könnte wieder eintreten, sie würde alles finden, wie sie es verlassen,
alles. Aber sie tritt nicht ein, und nie wieder wird hier Tee getrunken
werden.
* * * * *
»Und Goethe?« Jawohl. Aus dem Hellen geht's ins Dunkle. Eine enge
Treppe schraubt zwischen dumpfem Mauerwerk sich langsam in die Höhe.
Die morschen Stufen, so lange nicht betreten, knarren. Einmal streicht
die Hand unwillig ein Spinnennetz hinweg, das häßlich-kühl um Stirn und
Kopf sich legte ... bis man dann plötzlich in der hellen Sonne steht,
oben auf dem Dachaufsatz, aus dem, achteckig, der fensterreiche Turm
emporsteigt, ein Gartenpavillon in luftiger Höh'. Der Blick reicht
weit ins Land von hier aus, in grünen Wellen breiten sich ringsum des
alten Ernst August Jagdgründe. Sein Porträt, von unbeholfener Hand
gemalt, schmückt auch die Mitte der Decke, und um ihn herum paradieren,
reichlich dekolletiert, seine acht Geliebten. Regen und Nässe haben
hier und da die Gesichter zerfressen, die Farbe ist abgeblättert, und
über die Wände kriecht häßlich der Schwamm und löst die alten Delfter
Kacheln aus dem Mörtel.
[Illustration]
Hier haben Goethe und Carl August in den ersten Jahren, als noch
die wilde Jugend des Herzogs überströmend nicht Ziel, nicht Grenze
kannte, oft in ausgelassener Gesellschaft gezecht ... sie wollten, aus
guten Gründen, keine Zuschauer dabei, und das »Tischlein deck dich«,
ein Speisenaufzug, der immer neu besetzte Platten aus der Tiefe hob
und jegliche Bedienung überflüssig machte, stammt aus jener Zeit.
Das mag lustig genug gewesen sein, wenn so die Wildschweinsköpfe,
die Fasanen, die Rehrücken und die Torten hier wie durch Zauberhand
vor den Tafelnden erschienen. Und das Singen und das Lachen und der
Lichterschein mögen das Getier, das nachts um solche Türme flattert,
die Dohlen und die Fledermäuse, recht verdrossen haben. Drang es
doch gar bis Weimar, und die ehrsamen Bürger haben genug darüber
spektakelt ...
Carl Alexander, der Enkel, hat dieses »Tischlein deck dich« dann
auch ein paarmal benutzt, allerdings in etwas soliderer Runde. Zum
letztenmal 1896, kurz bevor er nach Moskau zur Kaiserkrönung fuhr.
Der Kastellan, der jetzt das Schloß betreut, hat damals mit in dem
unter dem Turm gelegenen Anrichteraum die Speisen und die Weinflaschen
in die Höhe gedreht. Ein Blick in diesen Raum zeigt jetzt wüstes
Durcheinander. Die Flaschenzüge sind mürbe geworden, im Holze tickt der
Wurm, die Spinnen haben alles mit grauen Schleiern überhäkelt. Und die
Mäuse, die hier nachts von Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel huschen, sind
das einzige Leben, das in dieser Öde sich noch regt.
»Und wo hat Goethe gewohnt?« fragt man, schon wieder in der Vorhalle
und Hut und Stock in der Hand ... denn 1789 zum Beispiel, damals, als
er an Charlotte die schweren Abschiedsbriefe schrieb, ist er mit dem
kleinen Erbprinzen sogar acht Tage lang in Belvedere gewesen. »Etwa in
den Kavalierhäusern?«
Der Kastellan stößt rechter Hand die Tür auf: »Angeblich hat er hier
gewohnt!«
[Illustration]
Zwei Zimmer. Die Decke des ersten wieder von Öser, diesmal die vier
Jahreszeiten. An der Wand einsam eine italienische Landschaft. Ein
dünnes Tischchen Gegenstück zu einem anderen in Tiefurt. Das zweite,
das Schlafkabinett, merkwürdig durch zwei Spiegel in der Fensternische,
die so gestellt sind, daß sie den Betrachter unendlich vervielfältigen.
Und das ist alles. Aber wenn man daran denkt, daß Goethe in diesen
Räumen wahrscheinlich jenen Brief an Frau von Stein geschrieben hat,
der Bande zerriß, die für ein Leben geknüpft erschienen, kann man sich
eines leichten Schauers nicht erwehren, fühlt man Goethe-Atem auch hier
und sucht nach irgend etwas, was die Erinnerung davontragen könnte.
Aber es bleibt nur der Blick durch die Fenster, und auf Busch und Baum
des Parks hat wohl auch damals sein Auge geruht, das Trost suchte und
doch nicht fand.
So geht man denn auf leisen Wegen in den Park, der weit und ruhig das
Schloß umgibt. Die Sonne ist im Sinken. Schon liegt die Gartenfront
in blassen Schatten, auf dem Dach sitzen die Amseln und singen ihr
Abendgebet. Ihr Lied ist der einzige Laut, der die unendliche Stille
belebt.
Es sind Wege Goethes, die man geht. Wie die Anlagen an der Ilm und die
Allee, die von Weimar hierher führt, ist der Park von Belvedere sein
Werk, -- wenn ihm auch der alte Herzog Ernst August mit seinen barocken
Wunderlichkeiten und Anna Amalia, die sie wieder tilgte, vorgearbeitet
haben ... sein und Karl Augusts Werk. Die leidenschaftliche Hingabe
an die freie, unverstellte Natur, das »Erdgefühl«, das damals unter
Goethes Einfluß den ganzen Weimarer Hof beherrschte, vertrug die
Schnörkelwege nicht mehr, die die steife Mode der Vergangenheit in den
alten Wald geschnitten hatten. Der Park von Wörlitz wird Vorbild, dem
nahezukommen der Fürst und sein Minister sich bemühen; ging doch die
allgemeine Neigung jetzt auf derartige »ästhetische Parkanlagen« aus.
Die Äußerungen Goethes darüber aus jungen Jahren sind spärlich. Ein
paar belanglose Briefstellen, ein paar Tagebuchnotizen -- mehr ist
nicht zu finden. Später, in den achtziger Jahren, schreibt er wohl
einmal an Frau von Stein, daß er nach Belvedere gehen und seine
»botanischen Augen und Sinne weiden« wollte; oder daß er dort mit dem
Gärtner »allerley botanica zu tracktieren« habe. Erst der alte Goethe
wird mitteilsamer. In seiner umständlichen Art erzählt er 1822 in
einem »Schema zu einem Aufsatze, die Pflanzenkultur im Großherzogtum
Weimar darzustellen«, wie im Anschluß an die Arbeiten an der Ilm
die Verschönerung des Parks von Belvedere in Angriff genommen und
durchgeführt worden ist. Dabei werden auch die Beamten genannt, die
sich um Belvedere verdient gemacht haben, so der Hofgärtner Reichert
und der Garteninspektor Sckell, auch der Legationsrat Bertuch aus
Weimar, der sechzehn Jahre hindurch die Verwaltung geführt hat,
wird lobend erwähnt. Vor allem aber war man bemüht, als Ausbau der
Orangerie einen botanischen Garten von wissenschaftlichem Wert zu
schaffen, und »die eifrige Vermehrung bedeutender Pflanzen neben den
immerfort ankommenden Fremdlingen macht«, wie der Greis in jenen späten
Aufzeichnungen erzählt »die Erweiterung in Belvedere, sowohl auf dem
Berg als in dem Tal gegen Mittag gelegen, höchst nöthig. In der letzten
Region werden Erdhäuser nach Erfindung Serenissimi angebracht, in der
letzten Zeit ein Palmenhaus erbaut von überraschender Wirkung«.
[Illustration]
Und noch einmal kommt er, 1830, auf diese Parkarbeiten zurück, als
er, damit beschäftigt, aus Erinnerung und Tagebuch die Chronik seines
Lebens in »Tag- und Jahresheften« zusammenzustellen, das »Louisenfest«
beschreibt. Am 9. Juli hatte die Herzogin Louise Geburtstag. 1778
feiert ihn der weimarische Hof in einem Gartenfest, und der Greis,
außer Knebel der einzige noch Lebende von allen denen, die es
mitgemacht, nennt es »auch für uns noch merkwürdig, als von dieser
Epoche sich die sämtlichen Anlagen auf dem linken Ufer der Ilm, wie sie
auch heißen mögen, datiren und herschreiben«.
Die Welt, die sich vor einem auftut, wenn man die schönen Gittertore
der Orangerie durchschreitet, ist noch in allem die Goethes. Die
Menschen aus »Wilhelm Meister« haben hier ihr Klima. Die ganze Anlage,
die ja in der Hauptsache noch von Ernst August stammt, ist bestes
Rokoko. In mächtigem Halbrund säumen die Gewächshäuser den Garten,
der, groß und leer, auf die Oleander- und Orangenkübel wartet; wo die
Flügel zusammenstoßen, liegt, gleichzeitig Endpunkt der Allee, das
schloßartige Haus des Gärtners mit seiner gelben, leicht eingebuchteten
Front.
Und es ist wirklich fast alles noch wie einst. Noch immer werden
die Gewächshäuser durch Steinkanäle erwärmt, die mit Holz gefeuert
werden, die Arbeiter richten sich nach Goethes Sonnenuhr. Es ist ein
eigentümliches Gefühl, vor denselben Myrten, Zypressen und Palmen zu
stehen, die schon Goethe und Carl August bewundert haben. Auch hier
haben die Nachfahren manches nach der Mode ihrer Zeit verändert,
Grotten im Geschmack der fünfziger Jahre eingebaut und kleine Bassins
mit Goldfischen, das »Erdhaus« zum Wintergarten umgestaltet. Ein
heimlicher Platz unter blühenden Zimmerlinden erinnert durch eine
Bank an Maria Paulowna, und es berührt seltsam, sich zu denken, daß
in dieser bescheidenen Umgebung die verwöhnte Großfürstin mit ihren
Kindern glücklich gewesen ist ...
Ein kleiner Teesalon aus roten Ziegeln schließt das Ganze nach Süden
ab. Der Belvederehügel fällt hier steil zu Tal, man sieht weit ins
Land, die nahe Landstraße bot Abwechslung und Zerstreuung. Es ist
der »chinesische Tempel«, der einst im Garten des Wittumspalais auf
der Stadtmauer gestanden hat. Jetzt füllt Gerümpel ihn, die seidenen
Vorhänge sind zerfetzt, Bohnenstangen und Holzjalousien verdecken die
zarten Chinoiserien Ösers, und von der Decke fällt der Putz ...
Wie lange mag es her sein, daß hier an stillen Sommerabenden der Hof
den Tee genommen, lustige Hofdamen mit den bezopften Herrschaften an
der Wand gescherzt, Carl August mit der schönen Caroline Jagemann
gesessen, und die Pagen servierten Eis und französischen Champagner?
Es war einmal. Böse schwelt jetzt hier häßlicher Verfallsgeruch, und
die Öserschen Gestalten blicken in eine Welt, die diese leichten Spiele
der Seele nicht mehr versteht. Eine andere Zeit ist angebrochen.
* * * * *
Und noch ein letzter Blick in den »Russischen Garten« am anderen Ende
des Parks ... es ist der Garten, in dem Maria Paulownas Kinder ihre
Bäume, ihre Beete, ihre stillen Plätze hatten; aus den Fenstern ihres
Schlafzimmers konnte sie dem Spiel der Prinzessinnen zusehen, und von
ihr mag dieser Teil des Parks dann wohl den Namen erhalten haben, unter
dem er jetzt als besondere Sehenswürdigkeit gezeigt wird. Aber an sich
stammt auch er aus der Zeit Carl Augusts.
Schon hängen die Abendschatten in den Baumkulissen der Naturbühne.
Wie auf den Höhen Ettersburgs und in Tiefurts Tal wurde auch hier
oft »unter dem Gewölb der hohen Nacht« Theater gespielt, und in die
Verse Goethes klang das Liebesflüstern der Vögel, das Rauschen des
Windes. Vorbei! Aus diesen Hecken tritt keine Iphigenie mehr, auf den
Rasenbänken davor werden keine Zuschauer mehr Platz nehmen. Das Grab
Corona Schröters in Ilmenau deckt schwer der Stein, und die hier einst
voll froher Lust sich in geträumten Leben ein Abbild des wirklichen
erschufen, im schmerzlichsüßen Klang von Geige, Waldhorn und Fagott die
Seele wiegten, sie liegen alle still und stumm in ihren Särgen in der
Fürstengruft in Weimar -- Väter, Söhne und Enkel.