Und langsam neigte sich die Zeit, die Goethe der Erholung in Pyrmont

gönnen durfte oder wollte, ihrem Ende zu. In den Gärten blühten die

Juli-Rosen, und abends trug der Wind, der von den Bergen kam, den Duft

der reifenden Felder in die stillen Straßen. Auch regnete es oft. Das

war sehr langweilig. Denn die fremden Zimmer, auf die man dann doch

angewiesen war, wurden kalt und ungemütlich, die Reize des kleinen

Theaters waren bald erschöpft, der Kursaal, wo gespielt wurde, lockte

nicht.

Abwechslung, aber auch Unruhe hatte am 9. Juli die Ankunft »Durchlaucht

des Herzogs« aus Weimar gebracht ... der Kur Goethes jedenfalls

nicht sehr förderlich, denn Carl August war, kränkelnd und deshalb

mißgestimmt, gelegentlich auch zu alten Ausschweifungen +in Baccho et

Venere+ neigend, gewiß keine bequeme Gesellschaft.

Am 26. Juni hatte sich Carl August angemeldet. »Die fatalen Krämpfe,

mein lieber Freund,« hatte er an Goethe geschrieben, »haben endlich

doch die Überhand behalten, sie warfen mich seit Deiner Abreise

dreymahl nieder und überwiegen meine Plane, die ich in Ansehung des

Geldes und der Zeit gemacht hatte; ich komme doch nach +Pyrmonth+. Den

10. July Abends, Freytag über 14 Tage, komme ich dorten an. Erzeige mir

den Gefallen folgendes zu bestellen:

1 Stube mit Bette für mich,

1 dergleichen für Eglofstein,

1 dergleichen mit 2 Betten für Kammd und Canzlist;

2 Stuben für 3 Bedt und 2 Reitknechte, nebst geh. Betten.

Stall und Furage auf 4 Pferde.

Wir kommen über Caßel. An +Table d'hôte+ eßen wir beyde und bedürfen

daher keiner besonderen Kost. In welchem Hause wir wohnen sollen,

ist mir gleichgültig ... Deine Gesundheit befindet sich wohl an der

trefflichen Heils Quelle erneuert und frisch belebt? herzlich wünsche

ich es. Auch ich suche Trost dorten, um mit Dir noch etliche Jahre

vergnügt und nützlich zu vertreiben.«

Ein zweiter Brief am 29. Juni meldete dann in humorvollerer Form,

daß Carl August, um Goethe möglichst wenig Mühe zu machen, seinem

»Mephisto«, d. h. den Kammerdiener Kämpfer, als Quartiermacher nach

Pyrmont vorschicken würde: »Dazu kömmt, daß den armen Teufel es gut

behagen wird, wenn er ein Tager achte ohne an meinen Leibe warten und

schaaben zu müssen, ruhig zu seinem besten baaden und trincken kann.«

Ob der Herzog, um dessen Gesundheit es wirklich damals kritisch stand,

in Pyrmont die erwartete Erholung gefunden hat, weiß man nicht. Ein

Brief Goethes an Christiane berichtet nur kurz und sachlich: »Der

Herzog ist munter und lustig.« Aber immerhin: es spricht nichts

dagegen, daß Karl August sich in Pyrmont zumindest wohl gefühlt hat;

um im Stile seiner Briefe zu sprechen, hat das Bad doch dafür gesorgt,

daß nicht die schwarze, sondern die weiße Fahne wehte, und Goethe und

er haben noch mehr als »etliche Jahre vergnügt und nützlich« zusammen

vertrieben.

* * * * *

Am 17. Juli verläßt Goethe Pyrmont, mit »Akten und Erinnerungen reicher

beladen«, als er selbst gedacht, und vor allem, wie die nun folgenden

Tage in Göttingen zeigen, schaffensfreudig und empfänglich wie lange

nicht.

Regenwetter erleichtert den Abschied; die Sehnsucht nach der geliebten

Hausgenossin und Frau in Weimar, mit der er auf der Rückreise in

Kassel zusammentreffen will, hat den Zeitpunkt der Abfahrt ebenfalls

um Tage vorgerückt. »Mit Freuden werde ich,« schreibt er am 12. Juli

an Christiane, »Koppenfeldens Scheungiebel (das Nachbarhaus am

Frauenplan) wiedersehen und Dich an mein Herz drücken und Dir sagen,

daß ich Dich immerfort und immer mehr liebe.«

Wie schön, wie liebevoll diese wenigen Worte!

Und so verstauen sich an einem feuchten Morgen, von den Bergen weht es

kühl, und auf der aufgeweichten Straße spiegeln die Regenpfützen grauen

Wolkenhimmel, »Vater, Sohn und Geist« wieder in der schwerfälligen

Reisechaise, die sie vor vier Wochen hierhergebracht: Goethe ernst und

nachdenklich, der in Pyrmont verlebten Tage gedenkend, deren Resultat

immerhin ungewiß; August lebhaft und sich kindlich des Neuen im voraus

freuend, das die Fahrt bieten wird; Geist, der Schreiber, gleichmütig

wie immer.

In der Haustür der Wirt, der Brunnenkassierer Voigt, devot das Käppchen

in der Hand, bis die Pferde anziehen und der Wagen davonrollt ... der

brave Mann ahnt nicht, daß ihm dieser Kurbesuch Unsterblichkeit schenkt!

Erstes Reiseziel Göttingen. Dort ist Goethe, sehr tätig, bis zum 14.

August. Tags drauf trifft er dann in Kassel Christiane und Heinrich

Meyer, und im Posthaus am Königsplatz, bei der Madame Goullon, kann die

»wertheste Demoiselle« Vulpius endlich wieder nach mehr als zehn Wochen

des Hangens und Bangens den geliebten Mann und das »Bübchen« in ihre

Arme schließen.

Donnerstag nach Belvedere ...

»Und durch die Gärten blendet der Palast

(wie blasser Himmel mit verwischtem Lichte),

in seiner Säle welke Bilderlast

versunken wie in innere Gesichte,

fremd jedem Feste, willig zum Verzichte

und schweigsam und geduldig wie ein Gast.«

~Rainer Maria Rilke~

Mai Achtzehnhundertunddreizehn. Weimar hat sich von dem Schrecken

erholt, den am 18. April ein Gefecht zwischen dem Blücherschen Korps

und der Avantgarde des Marschalls Ney in seine stillen Straßen getragen

hatte. Goethe ist in Teplitz. Die kriegerischen Wirren haben ihn nicht

von der gewohnten Badereise abhalten können. Am 17. April, einem Tag

nur vor dem Kampf am Kegeltor, hat er Weimar verlassen. In Tharandt

erst hört er davon -- wie er später aus Teplitz an Christiane schreibt:

auf eine Weise, die ihn mehr verdroß als erschreckte. Seine eigene,

so wunderbare und unvorsetzliche Entfernung hätte ihm die Hoffnung

gegeben, daß das Übel auch von Weimar entfernt geblieben sein würde ...

Nun ist Christiane schon weit über einen Monat allein zu Haus. Und

langweilt sich. Sie ist mittlerweile eine rundliche, behäbige Frau

geworden und sitzt jetzt mindestens ebenso gerne in dem schönen

bequemen Rohrstuhl, den ihr der »liebe Herr Geheimderath« geschenkt

hat und der unten in der Küche neben dem Herde steht, wie sie früher

getanzt hat ... womit nicht gesagt sein soll, daß sie etwa nicht auch

jetzt noch für ihr Leben gerne tanzte. In den weichen Grübchen um Kinn

und Mund wohnt noch immer der Schalk, und die guten braunen Augen

schauen noch genau so lustig und lebensfroh in die Welt wie damals, als

sie noch die junge Demoiselle Vulpius war.

Ja, sie langweilt sich. August, nun schon längst wohlbestallter

Kammerassessor, ist wieder einmal seine eigenen Wege gegangen, und

mit der verliebten Uli, der Gesellschafterin, die ihren Riemer im

Kopf hat, ist auch nichts Rechtes anzufangen. So wandert sie durch die

Zimmer des großen Hauses. Ihr ist heute nicht so recht. Daß aus Teplitz

kein Brief gekommen, macht ihr Sorge. Und die stillen, feierlichen

Räume mit den tausend Erinnerungen an Dingen, von denen sie nichts

weiß und versteht, bedrücken sie ... der kolossale Kopf der Juno, die

Nike, die ewig gleich und ruhelos auf ihrer Kugel über den ovalen Tisch

fliegt, die Silhouetten, die Kupfer an den Wänden.

[Illustration]

Mit einem halben Seufzer tritt sie ans Fenster und blickt auf den

Platz hinab, den Maisonne mit Licht geradezu überschüttet. Ein leerer

Nachmittag. Was tun? Haus und Garten sind in Ordnung, alles blitzt,

alles funkelt, nirgends liegt ein Stäubchen. Draußen aber lacht der

junge Sommer durch die Gassen und lädt ins Freie. Sie denkt an Berka,

denkt ans Rödchen, an Belvedere. Belvedere ... das wäre etwas! Da

könnte man hübsch im Gasthof Kaffee trinken, nachher ein bißchen in den

Park gucken oder die Schwäne füttern, da würden die dummen Gedanken

schon vergehen. Und kurz entschlossen schickt sie zu Frau +Dr.+ Vulpius

herum, die nebenan wohnt, und zu Lortzings und der Demoiselle Engels,

der Sängerin: ob die Damen nicht mit nach Belvedere fahren wollten? Der

Wagen stände bereit, und Kuchen nähme sie mit.

Schon ein paar Minuten später schellt es unten ... am Torweg, wo es

zur Küche geht. Denn das Mittelportal, das zu der großen Treppe führt,

ist nur für die illustren Gäste da, das weiß ganz Weimar. Es ist die

Schwägerin. Ihr folgt die kleine Engels auf dem Fuße. Beide in ihrem

besten Staat, die frisch gestärkten Kleider rauschen, die Engels, ein

lebendiger Blumenstrauß, hat überm Arm an himmelblauem Band den großen

Schutenhut hängen. Lortzings, meldet der Diener, sind schon zu Fuß nach

Belvedere.

Und es dauert nicht lange, da biegt die offene Chaise mit den vier

Damen aus dem dunklen Torweg, und in lustigem Trab -- aus den Fenstern

am Frauenplan strecken die Nachbarn neugierig die Köpfe -- geht es

durch die Frauentorstraße, am Jägerhaus vorbei, wo Christiane als

Goethes »Klärchen« so schöne Stunden verlebt und wo sie August unter

dem Herzen getragen, in die Belvedere-Allee. Das Römische Haus ist ganz

in Flieder und Jasmin gebettet. Auch die Kastanien blühen. Das sind nun

auch schon alles große schattige Bäume geworden. In ihrer Kindheit,

entsinnt Christiane sich, führte ein elender staubiger Fahrweg nach

Belvedere; wo das Römische Haus steht, war kahles Feld; und der Park?

mein Gott, das war alles Sumpf und Wiese und graues Weidengestrüpp. Die

samtenen Rasenflächen, die jetzt da in der Sonne leuchten, die schönen

Bosketts, die schattigen Wege, das hat alles erst der Hätschelhans

geschaffen. Auch die Kastanien der Allee hat er erst angepflanzt.

Nun fährt man wie durch einen großen Garten nach dem Belvedere, und

erinnerungsversunken streicht die kleine Frau die weißen Blüten, die

von den Bäumen in den Wagen regnen, auf ihrem Schoß zusammen und

streut mit spielerischer Hand sie in den Wind, der sanft und warm die

Fahrenden umfächelt ... Grüße, die nach Teplitz wandern.

Aber das ist nur ein kurzer Augenblick. Schnell ist sie wieder mit den

Freundinnen in lustigem Gespräch, ihr helles Lachen übertönt das Rollen

des Wagens, das Getrappel des Pferdchens. Und als am Ende der Allee

hügelauf zwischen den Parkbäumen das Schloß auftaucht mit glitzernder

Fontäne, da winkt sie unbekümmert mit dem Taschentuch Willkommensgrüße

zu den herzoglichen Fenstern hinüber ... ganz Kind, ganz Lebenslust,

ganz Sommerfreude.

Im Gasthofsgarten oben, unter den Linden, suchen Lortzings, mit Hallo

begrüßt, schon nach einem schattigen Platz. Schnell ist der Tisch

gedeckt. Der Wirt, in weißer Schürze, bedient höchstselbst die lustige

Gesellschaft. Das läßt er sich nicht nehmen, wenn die Exzellenz Goethe

da ist. Die Kaffeetassen klappern, um den Kuchen summen erste Bienen,

auf dem Teiche vor der Schlehdornhecke gleiten langsam die Schwäne auf

und ab -- behaglich sitzt Christiane im warmen Blätterschatten, die

Hände im Schoß. Erzählt, läßt erzählen und denkt bisweilen auch, das

Auge traumverloren in der Ferne, wo im Sonnendufte Weimar mit seinen

Türmen liegt, an ihren lieben Geheimderath in Teplitz.

Und leise kommt der Abend. Im Parke fangen die Nachtigallen an zu

schlagen. Alle Wege umspinnt eine süße Heimlichkeit -- wie damals, als

die junge Christel, das »kleine Naturwesen«, sich zu dem Geliebten ins

Gartenhaus am Stern stahl. Durch die laue Dämmerung geht es heim, und

während aus den Wiesen Ober-Weimars weiß die Nebel steigen, singt die

kleine Engels mit halber Stimme Goethe-Lieder ...

Noch nachts schreibt Christiane nach Teplitz. Schwärmt kindlich von dem

schönen Nachmittag in Belvedere, vom Abend, wo sie zu Hause mit Uli und

der Schwägerin noch ein bißchen »Rabusche« gespielt. Und für morgen

wäre, wenn das Wetter so bliebe, »eine Partie nach Zwätzen arrangirt«,

und für Sonntag hätte die Knebel sie nach Jena eingeladen, zum Tanzen.

Und sie wäre »wie ein Vogel so vergnügt« und »sein treuer Schatz«. Und

wenn wir auch nicht wissen, ob sie wirklich so geschrieben hat, denn

ihre Briefe aus dieser Zeit sind verloren gegangen, so hat der Brief

doch sicherlich so ähnlich gelautet.

Goethe, nun doch schon ein Sechziger, lächelt behaglich, als er das

krause Geschreibsel erhält. »Ich freue mich,« antwortet er, »daß Alles

bei euch wieder im alten Gleise geht, die Besorgung der Gärten, das

Theater und das liebe Belvedere. Fahret so fort, das Nöthige zu thun

und euch zu vergnügen.« Und mag wohl auch bei diesen Worten an die

übermütigen Verse gedacht haben, die er vor noch gar nicht langer Zeit

für »Die Lustigen aus Weimar« niedergeschrieben hat, an jenes heitere

Gedicht:

Donnerstag nach Belvedere,

Freitag geht's nach Jena fort;

Denn das ist, bei meiner Ehre,

Doch ein allerliebster Ort!

Samstag ist's, worauf wir zielen,

Sonntag rutscht man auf das Land;

Zwätzen, Burgau, Schneidemühlen

Sind uns alle wohlbekannt.

Montag reizet uns die Bühne;

Dienstag schleicht dann auch herbei,

Doch er bringt zu stiller Sühne

Ein Rapuschchen frank und frei.

Mittwoch fehlt es nicht an Rührung;

Denn es gibt ein gutes Stück;

Donnerstag lenkt die Verführung

Uns nach Belveder' zurück.

Und es schlingt ununterbrochen

Immer sich der Freudenkreis

Durch die zweiundfunfzig Wochen,

Wenn man's recht zu führen weiß.

Spiel und Tanz, Gespräch, Theater,

Sie erfrischen unser Blut;

Laßt den Wienern ihren Prater;

Weimar, Jena, da ist's gut.

* * * * *

Und ein anderer Maitag. Ein Jahrhundert und mehr ist vergangen. Ein

unseliger Krieg, der bitterste, den je ein Volk zu führen gehabt hat,

liegt hinter uns, und vieles hat in Deutschland sich geändert. Auch

Weimar hat keinen Fürsten mehr. Der höfische Glanz, der wohlgefällig

sich in den zahlreichen Hoflieferantenschildern spiegelte, ist jäh

in nichts zerronnen, die kleine Stadt ist jetzt allein auf ihre

Erinnerungen angewiesen. Sie sind die alten geblieben: der Frauenplan,

die Ackerwand, der Garten am Stern, das Römische Haus. Sie geben auch

auf dem Weg nach Belvedere noch immer ergreifend das Geleit, wo von

den Kastanien still die Blüten fallen. Ihre Zeit ist um. Ein rosiger

Schaum, bedecken sie weithin die ganze Allee. Die ist gemach ein

einziger großer Laubengang geworden, und der Enkel, der in ihrem grünen

Schatten wandert, kann sich kaum mehr vorstellen, daß das jemals anders

gewesen. Des jungen Goethe stolzer Traum ist herrlichste Erfüllung

geworden.

Langsam klettert die Straße hügelan. Ober-Weimar, ganz von rotem

Flieder umbrandet, bleibt zurück, Felder begleiten. Ab und zu ein

Haus. Aber plötzlich steigt hinter steiler Rasenwand, von dunklen

Baumbosketts gerahmt, die Schloßfassade auf -- Vergangenheit, von

Goldglanz überhaucht, blickt müde und verschlafen aus toten Fenstern

auf den Fremdling, der ihr sich naht mit bannender Gebärde, und

seltsam mengt sich in den Duft des jungen Sommers, der über Busch

und Wiesen flügelt, der strenge Hauch von welkem Laub, das irgendwo

vermodert. Und wie die breite Allee nun schmaler Weg wird und sich

behutsam näher schlängelt -- kein Gitter, keine Mauer trennen die Welt

des Gestern und des Heute --, merkt man, daß hier das Leben längst

gestorben ist. Historie hält Schloß und Park gefangen, die Wirklichkeit

wird Traum, wird Märchen.

Verhaltenen Atems wandert man um das Rondell, das vor der

langgestreckten Front liegt. Der Brunnen in der Mitte ist versiegt,

das Becken ist vertrocknet. Wo früher plätschernd die Fontäne stieg,

spielen zwei dunkle Falter, und in den steinernen Schilderhäusern neben

dem Altan hockt die Einsamkeit und träumt in die Stille. Es ist so

still, daß in der Erde man das Echo seiner eigenen Schritte hört. ...

gespenstisch still.

Auch die Gebäude, die den weiten Vorplatz malerisch umgeben, schlafen:

die sogenannten Kavalierhäuser, zwei kleine und zwei größere. Die

gebrochenen Dächer, die bizarren Türmchen stehen vor der dunklen

Parkwand wie Kulissen aus »Kabale und Liebe«. Aus dem einen, dem Haus

des Kastellans, kräuselt dünner Rauch in die blaue Luft ... das bißchen

Rauch allein verrät, daß hier noch Menschen wohnen. Sonst alles ein

leibhaftiges Rokoko -- nur tot, so tot, daß einen fast ein leises

Grauen beschleicht.

In einer Laube wartet man des Führers. Durch die Blätter kann man die

goldene Schloßfront sehen. Sie glüht wie in geheimnisvollem Leben, um

Turm und Kuppeln tanzt das Licht, der Schiefer gleißt wie flüssiges

Silber. Da naht Erinnerung und plaudert von verschollenen Zeiten.

* * * * *

Belvedere ... schon der Name beschwört ein längst verwehtes

Gefühlsklima. Die Welt Watteaus steigt auf. Man denkt an Schäferspiele

und galante Feste. Die Fürsten Deutschlands, so lange eingewinkelt in

die engen Mauern ihrer finsteren Burgen, bauen kokette Lustschlösser

und borgen sich bei Frankreich und Italien die anmutig klingenden

Namen dafür. Überall spukt Versailles, fremd glitzern in den stillen

deutschen Gärten hinter Taxushecken und vergoldeten Gittern die

»Monbijou« und »Monplaisir«, die »Sanssouci« und »Bellevue«.

[Illustration]

In Weimar regiert Ernst August, ein üppiger, prachtliebender Herr, der

gern in stolzer Kavalkade auf die Jagd reitet, teure Reisen macht und

sich im übrigen in der alten Wilhelmsburg mit ihrem Wall und Graben

durchaus nicht wohlfühlt. Auch er träumt von Versailles, auch ihn

packt das Baufieber, das damals an den deutschen Höfen grassiert und

die seltsamsten Blüten treibt. Italienische Architekten erscheinen

in Weimar, Pläne werden entworfen, vernichtet, neu entworfen. Der

Herzog selbst, ein wenig roh zwar, aber keineswegs ohne eigenen

Geschmack und Kunstverständnis, sitzt tagelang ehrlich hingegeben über

den Rissen der fremden Künstler, und wenn die Enkel Palladios seine

Residenz naserümpfend ein elendes Nest nennen, gibt er ihnen recht

und verrennt sich immer mehr in seine kostspieligen, das Land unmäßig

belastenden Verschönerungsideen. So entsteht auf bewaldetem Berghang

bei Ehringsdorf, eine knappe Stunde Wegs von Weimar, als Jagdschloß

gedacht, zuerst Belvedere. Eine alte Chronik erzählt darüber: »Als

aber Ihro Hochfürstliche Durchlaucht Herzog Ernst August die ungemeine

schöne Lust Gegend ansahen, so traffen Höchstdieselben mit der

Ehringsdorffischen Kirche einen Tausch, und gaben derselben an dessen

Statt ein Holtz an so genanntem Kettendorfer Berge, und erbauten in

diesen Frauen-Holtz ein Lust-Schloß nebst noch andern schönen Gebäuden,

versahen solches rings herum mit Mauern, und nannten es wegen der

schönen Aussicht +Bellevüe+ oder +Belvedere+ ...«

1724 beginnt man mit dem Bau, 1732 ist er vollendet -- ein wenig

wunderlich in der Anlage, die die Flügel in Einzelgebäude zerlegt,

die Front durch die Säulendurchfahrten zerreißt, aber im ganzen

doch hübsch und gefällig in der Wirkung. Er spiegelt mit all

dem krausen Beiwerk, das den Berg überspinnt, dem Marstall, der

Orangerie, der Menagerie, der Fasanerie, den Tempeln, Grotten und

versteckten Lauben, getreu die barocke Laune, der es das Dasein

dankt, und betont doch gleichzeitig gebührend, trotz aller ländlichen

Bescheidenheit, Rang und Würde des fürstlichen Bauherrn. Joh. Heinr.

Acker, ein Gymnasialdirektor aus Altenburg, preist schon anno 1730 die

»+Augustische Bellevüe+« in einer langatmigen Ode als ein »Lust-Haus

der +Philomelen+«, und aus dem unbeholfenen Schwulst seiner Verse

steigt rührend die »sonderbahre« Schönheit des Schlosses auf:

»Was Welschland recht und zierlich bauet

Wird hier in gleichem Strich, und gleichem Glanz geschauet.

Man siehet ja recht Königliche Zimmer

In vollem Schimmer.

Der Römer August baute schön,

Statt Ziegeln ließ er Marmor sehn,

Allein August, der Held von Sachsen,

Bey dessen Raute Kunst und Wissenschaften wachsen,

Baut aus Metall und Porcellan Paläste

Für Götter Gäste ...«

Der eigentliche Baumeister von Belvedere ist unbekannt. Vielleicht ist

es der Italiener Struzzi gewesen, der etwas später für Ernst August das

reizende Rokoko-Schlößchen in Dornburg gebaut hat. Manche Ähnlichkeit

spricht dafür, aber Gewisses ist nicht zu ermitteln. Auch Ettersburg,

zur gleichen Zeit in Anlehnung an italienische Renaissance-Villen

erbaut, verrät nichts. So schnell, wie sie gekommen, sind sie auch

wieder aus Weimar verschwunden, die fremden Künstler, und nur in dem

Namen Belvedere und in manchen Einzelheiten des eigenartigen Baus

schwingt noch etwas von ihrem grazilen, südlich-lebhaften Wesen.

* * * * *

Schicksal hat das Schloß eng verflochten mit dem Leben vieler Menschen.

Ernst August, der's erbaut, wie Goethe nach einem Porträt urteilt: »bey

übrigen trefflichen Anlagen Tyrann«, ist 1749 gestorben, einem Kind

sein Erbe lassend, und Schloß und Garten verwildern. Häßlich schreien

nachts die Pfauen in ihren goldenen Käfigen, kreischen die Affen, die

hier das Gnadenbrot erhalten. So findet es Anna Amalia, als der Sohn,

achtzehnjährig und seit einem Jahre Herzog, die braunschweigische

Prinzessin im März 1756 hier als junge Frau hinaufführt. Und gewinnt

es lieb für immer. Neuer Glanz belebt das Verfallene, die stillen

Säle und Zimmer füllt frohes Lachen. Als Ernst August Constantin nach

zwei Jahren stirbt, wählt die Witwe Belvedere als Sommerresidenz.

Der Park wird von den Schnörkeln und den Arabesken Ernst Augusts,

überlebten Spielereien, die dem gesunden Geschmack der jungen Fürstin

nicht behagen, gesäubert, die »Mauren« fallen, die jeden Blick in die

Außenwelt wehrten, und den jungen Prinzen Carl August und Constantin,

die hier Kindertage verleben, lächelt unverfälschte Natur.

Fast zwanzig Jahre bleibt es so. Das Leben in Weimar geht still

seinen Gang. Carl August wächst heran -- in nur zu vielem ganz das

wilde, ungestüme Blut des Großvaters. Kaum können Mutter und Erzieher

den Dahinbrausenden halten. Einziges Ereignis ist in dieser ganzen

Zeit der Schloßbrand vom Mai 1774. Die alte Wilhelmsburg wird Ruine,

die Herzogin obdachlos und flüchtet in das Fritschsche Haus an der

Stadtmauer, das spätere »Wittumspalais«. So ist in diesem Sommer, dem

letzten von Anna Amalias Regentschaft, Belvedere allein Residenz. Im

Jahr darauf besteigt Carl August den Thron, und in Belvedere zieht

im Sommer 1776 des Herzogs junge Frau ein, die hessische Prinzessin

Louise. Anna Amalia siedelt, schweren Herzens, nach Ettersburg über.

Damit beginnt für Belvedere die große Zeit, beginnt auch die große

Zeit Weimars. Über ein Jahrhundert ist das Schloß nun Sommeraufenthalt

der fürstlichen Familie, und erst dem Urenkel, dem jetzt vertriebenen

Großherzog, haben die Räume, in denen alle seine Vorfahren sich

behaglich gefühlt haben, nicht mehr genügt. Er hat Belvedere mit dem

modern ausgebauten Wilhelmstal bei Eisenach vertauscht.

1775, im November, aber ist auch Goethe nach Weimar gekommen. Sein

Stern leuchtet hell auch über Belvedere.

* * * * *

Am 12. September 1776 schreibt Goethe an Charlotte von Stein, die rasch

gewonnene Geliebte: »Gestern war ich in Belveder. Louise ist eben ein

unendlicher Engel, ich habe meine Augen bewahren müssen, nicht über

Tisch nach ihr zu sehn -- die Götter werden uns allen beystehn ...«

Das ist, sieht man vom Tagebuch ab, seine erste Äußerung über

Belvedere -- sparsam genug. Kein Wort über Schloß und Park, wo er

sonst doch jeden Eindruck, den Natur und Kunst ihm bieten, geradezu

verschwenderisch umschreibt. Nur: »Louise ist eben ein unendlicher

Engel.«

Hat ihr Bild das der Landschaft verdunkelt, ihr trauriges Geschick,

schon damals, ein Jahr nach der Hochzeit, offenbar, alle Anteilnahme

seines Herzens in Anspruch genommen? Oder hat er alles, was er

schildern könnte, bei Charlotte, die als Frau des Oberstallmeisters

zur Hofgesellschaft gehörte und also oft genug in Belvedere war, als

bekannt vorausgesetzt? Wir wissen es nicht. Auch später wird er nicht

ausführlicher. Wo er Belvedere in den sonst so mitteilsamen Briefen an

Charlotte erwähnt, geschieht es kurz, nie wird es mehr als flüchtig

hingeworfene Notiz. »Ich erwarte das Pferd, um nach Belvedere zu

reiten. Die Waldnern soll schön geplagt werden,« heißt es am 21. Mai

1777. Oder, ein paar Tage später: »Ich reite nach Belvedere um Steinen

zu sprechen.« Am 8. Juni: »Heute sehe ich Sie doch wohl in Belvedere!«

Und ein wenig inhaltreicher am 12. Juni: »Heut früh war ich in

Belveder, und haben gefischt und auf der Stelle gebacken, ich und der

Waldnern Charlott, ein trefflich Essen bereitet.«

Schattenspiel um Goethe · 第 6 / 14 段