Nun, etwas anders als heute. Ein Jahrhundert ist lange Zeit und bringt

der Veränderungen viele, und seit Goethe dort gewesen ist, ist sogar

mehr als ein Jahrhundert vergangen. Aber vieles ist auch erhalten

geblieben: nicht nur eine Fülle der bescheidenen alten Häuser mit

Satteldach und grünen Fensterläden, auch das ganz in Wipfelgrün

getauchte Schloß, das Theater, das alte Badehotel, der Tempel in

den Anlagen lassen jetzt noch dem, der richtig zu sehen weiß, die

Vergangenheit erstehen, sind Kulissen einer Welt, um die der Zauber

alles Gewesenen schwebt. Das große Kurhaus und mancherlei anderes,

das erst die Kultur unserer Tage geschaffen, muß man sich natürlich

fortdenken. Aber kommt, nach heißen Sommertag vielleicht, die Dämmerung

mit ihren Schatten und erstirbt das Leben, das tagsüber Straßen und

Alleen durchpulst, dann kann man sich wohl in jene Zeit zurückträumen,

da hier Karl Philipp Moritz, der Verfasser des »Anton Reiser«, seine

seltsame und harte Jugend verlebt, die Frau Oberstallmeister von Stein

aus Weimar blaß und lieblich Sommer für Sommer zum Brodelbrunnen

schritt, Schopenhauers, die Eltern des damals noch nicht geborenen

großen Philosophen, mit Justus Möser und Lessings Berliner Freund

Nicolai an der Quelle literarische Dispute führten, Goethe, den kleinen

August an der Hand, in dieser oder jener Allee seinen fürstlichen

Freund Carl August zum Morgenspaziergang erwartete ...

[Illustration]

Es hieße lügen, wollte man behaupten, daß Goethe sich in Pyrmont nun

glücklich gefühlt, lügen auch, daß ihm die Kur die erhoffte Erholung

gebracht hätte. Nie hat Pyrmont in Goethes Leben die Rolle gespielt

wie »das Karlsbad« oder Teplitz ... ist er doch auch nie wieder nach

Pyrmont zurückgekehrt, während die böhmischen Bäder in der Folge

alljährliches Reiseziel wurden. »Die Cur,« schreibt er am 26. Juni an

Christiane, »wird mir hoffentlich gut bekommen; ob sie mir gleich beim

Gebrauch unbequem ist, indem sie mir den Kopf einnimmt und mich nicht

das Mindeste arbeiten läßt.« In einem anderen Briefe an Christiane

heißt es, unbewußt doppelsinnig: »Es geht mir und dem Kinde noch

immer recht gut, nur bleibe ich bei der Cur zu aller Art von Arbeit

untüchtig, welches mir denn doch ein wenig lästig ist.« Und er klagt,

daß der Brunnen ihn »gewaltig angriffe«.

Der letzte Brief aus Pyrmont, rührend vor allem in der Sehnsucht nach

Christiane und Weimar, meldet dann, daß er sich leidlich befunden hätte

und von der Kur noch gute Folgen erhoffte: »Das Beste dabei war die

Bewegung und Zerstreuung.« Das schreibt er am 12. Juli, also volle vier

Wochen nachdem er in Pyrmont eingetroffen war. Ähnlich skeptisch lauten

Nachrichten an Schiller und den Weimarer Hausgenossen vom Frauenplan,

Heinrich Meyer. Schiller schreibt er am 11. Juni noch, also von

Göttingen aus, daß er sich lange nicht so wohl und heiter befunden habe

wie dort; aber am 12. Juli klagt er aus Pyrmont auch ihm, daß ihn die

Kur zu aller Arbeit untüchtig gemacht und er »hier wenig Zufriedenheit

genossen« habe; er fügt allerdings hinzu, daß er doch manches guten und

interessanten Gesprächs nicht vergessen dürfe, und -- dies rätselhaft

andeutend -- daß er »die Totalität des Pyrmonter Zustandes« so ziemlich

vor sich habe.

Das Fazit dieses Pyrmonter Zustandes zieht dann der höchst

aufschlußreiche Brief an Meyer vom 31. Juli aus Göttingen, in dem es

heißt: »... von mir kann ich wenigstens gegenwärtig sagen, daß es mir

recht leidlich geht, es sey nun, daß die Bibliothek und das akademische

Wesen, indem sie mich wieder in eine zweckmäßige Tätigkeit nach meiner

Art versetzten, mir zur besten Cur gediehen oder daß, wie die Ärzte

sagen, die Wirkung des Brunnens erst eine Zeit lang hinterdrein kommt;

denn ich kann wohl sagen, daß ich mich in meinem Leben nicht leicht

mißmutiger gefühlt habe als die letzte Zeit in Pyrmont.«

Viel hat zu der offenbaren Mißstimmung, unter der Goethe, zumal in

der letzten Zeit, in Pyrmont gelitten hat, das schlechte Wetter

beigetragen. So klagt er Christiane in einem Briefe vom 12. Juli:

»Das Wetter zerstörte alles, Cur und Spazierengehen und Geselligkeit;

heute stürmts und regnets. Ich habe einheizen lassen.« Das ist ja auch

ärgerlich. Daß der immer noch Kränkliche ferner unter der Kur zunächst

gelitten hat, ist nur natürlich: jede Kur strengt an, und vielleicht

hat Goethe in dem Bestreben, möglichst rasch Erholung zu finden, des

Guten auch etwas zuviel getan. Daß bald Arbeitslust an sich einsetzte,

ist doch ein Zeichen der Kräftigung, wenn auch der Körper sich noch

nicht so kommandieren ließ, wie der Geist es wollte. Und die Ärzte, die

ihm volle Wirkung der Pyrmonter Kur erst für später voraussagten, haben

recht behalten: Goethe ist schließlich doch frisch und gekräftigt nach

Weimar zurückgekehrt.

Erst später hat er auch erkannt, daß ihm Pyrmont in geistiger Beziehung

viel gegeben, nicht allein, wie es in jenem Briefe an Schiller noch

zurückhaltend genug heißt, manches gute und interessante Gespräch,

nein, Pyrmont mit seinen vielen Erinnerungen an alte und älteste

Zeiten hat auch seiner Phantasie neue Nahrung zugeführt, hat ihm

zum ersten Male wieder seit langen Jahren den Plan zu einer großen

dichterischen Arbeit geschenkt. Das ist jene romanähnliche Erzählung

aus der mittelalterlichen Geschichte Pyrmonts, das »Mährchen« einer

Ritterpilgerfahrt zum Hylligen Born aus dem Jahre 1582, dessen endliche

Gestaltung einem damals viel gelesenen Buche, den »+Amusements des eaux

de Spaa+« eines Herrn von Pöllnitz, ähnlich werden sollte. Wohlgemerkt:

sollte. Denn es ist nie in Angriff, geschweige denn in Arbeit genommen

worden, und wenn die unausgeführt gebliebene Dichtung Goethes auch,

wie Gräf in seinem Werk »Goethe über seine Dichtungen« richtig dazu

bemerkt, in ihrem Entwurf für uns nicht entfernt die Wichtigkeit hat

wie des Dichters Berichte über so manchen anderen liegengebliebenen

Plan, so verdient sie doch größere Beachtung, als ihr bisher geworden.

* * * * *

Neben den Klagen über die Kur und das schlechte Wetter erzählen Goethes

Briefe aus Pyrmont aber auch manches Heitere und Lustige. Goethe war

Mensch und als solcher Stimmungen unterworfen: der idyllischen Anmut

Pyrmonts, dem Zauber seiner Umgebung konnte er sich letzten Endes so

wenig entziehen wie jeder andere. Dazu kam, neben anderer, durchaus

nicht unangenehmer Gesellschaft, die er dort gefunden hatte, das

unausgesetzte Beisammensein mit dem kleinen August, das dem Vater viele

frohe Stunden bescherte. »August ist sehr glücklich,« meldet Goethe

einmal der Mutter in Weimar, »gestern waren wir auf einem Hügel 5/4

Stunden von hier, wo Versteinerungen und Krystallisationen angetroffen

werden, deren Suchen und Auffinden das größte Fest war.« Und im selben

Briefe heißt es: »Die Lage um Pyrmont ist sehr angenehm, und in der

Nähe gibt es allerlei Merkwürdigkeiten, Mineralien, Ruinen, und was

dergleichen sein mag.«

Und was dergleichen sein mag! Hier ist einzuhaken. Denn diese an

sich nichtssagenden Worte, niedergeschrieben am 26. Juni, beziehen

sich vielleicht auf den größten Fund, den Goethe, dank den mit

seinem Söhnchen gemachten Ausflügen entdeckerfreudig gestimmt, in

Pyrmont gemacht hat -- sei es, daß er durch das Aufstöbern alter

Baulichkeiten zu geschichtlichen Lektüre über Pyrmonts Vergangenheit

verführt wurde, sei es, daß ihn erst eine solche Lektüre dazu trieb,

Gegenständliches in der näheren und weiteren Umgebung zu suchen ...

denn fast gleichzeitig meldet sein Tagebuch, auch hier wie überall

und immer gewissenhaft geführt, am 30. Juni: »... die Erinnerung

an alle merkwürdige Vorfälle, die sich denn doch wohl mögen in der

Nachbarschaft ereignet haben, erregt ein ganz eignes Interesse.«

Diese Worte: »ein ganz eignes Interesse« bedeuten bei einem so

zurückhaltenden Menschen wie Goethe viel, und nimmt man sich die

»Annalen« des alten Goethe vor, so findet man da erstens einmal die

ganze Reise nach Pyrmont genau beschrieben, in dieser Beschreibung

dann aber auch das, was damals in Pyrmont ein so hohes Interesse

bei ihm erregt hat: nämlich jene wundersame und geheimnisvolle

Massen-Pilgerfahrt zu den Quellen Pyrmonts aus dem Jahre 1582.

Schönste Ergänzung dazu: der Aufsatz »Aufenthalt in Pyrmont. 1801«

in den »Biographischen Einzelheiten«, der, wahrscheinlich 1825

niedergeschrieben, erst 1837 aus dem Nachlaß bekannt wurde.

In den »Annalen« heißt es:

»In Pyrmont bezog ich eine schöne, ruhig gegen das Ende des Orts

liegende Wohnung bei dem Brunnenkassirer, und es konnte mir nichts

glücklicher begegnen, als daß Griesbachs ebendaselbst eingemiethet

hatten und bald nach mir ankamen. Stille Nachbarn, geprüfte Freunde,

so unterrichtete als wohlwollende Personen trugen zur ergetzlichen

Unterhaltung das Vorzüglichste bei. Prediger Schütz aus Bückeburg,

Jenen als Bruder und Schwager und mir als Gleichniß seiner längst

bekannten Geschwister höchst willkommen, mochte sich gern von Allem,

was man werth und würdig halten mag, gleichfalls unterhalten.

Hofrath Richter von Göttingen, in Begleitung des augenkranken Fürsten

Sanguszko, zeigte sich immer in den liebenswürdigsten Eigenheiten,

heiter auf trockene Weise, neckisch und neckend, bald ironisch und

paradox, bald gründlich und offen.

Mit solchen Personen fand ich mich gleich anfangs zusammen; ich wüßte

nicht, daß ich eine Badezeit in besserer Gesellschaft gelebt hätte,

besonders da eine mehrjährige Bekanntschaft ein wechselseitig duldendes

Vertrauen eingeleitet hatte.

Auch lernte ich kennen Frau von Weinheim, ehemalige Generalin von

Bauer, Madame Scholin und Raleff, Verwandte von Madame Sander in

Berlin. Anmuthige und liebenswürdige Freundinnen machten diesen Zirkel

höchst wünschenswerth.

Leider war ein stürmisch-regnerisches Wetter einer öftern Zusammenkunft

im Freien hinderlich; ich widmete mich zu Hause der Übersetzung

des Theophrast und einer weitern Ausbildung der sich immermehr

bereichernden Farbenlehre.

[Illustration]

Die merkwürdige Dunsthöhle in der Nähe des Ortes, wo das Stickgas,

welches mit Wasser verbunden so kräftig heilsam auf den menschlichen

Körper wirkt, für sich unsichtbar eine tödtliche Atmosphäre bildet,

veranlaßte manche Versuche, die zur Unterhaltung dienten. Nach

ernstlicher Prüfung des Lokals und des Niveaus jener Luftschicht

konnte ich die auffallenden und erfreulichen Experimente mit sicherer

Kühnheit anstellen. Die auf dem unsichtbaren Elemente lustig tanzenden

Seifenblasen, das plötzliche Verlöschen eines flackernden Strohwisches,

das augenblickliche Wiederentzünden, und was dergleichen sonst noch

war, bereitete staunendes Ergetzen solchen Personen, die das Phänomen

noch gar nicht kannten, und Bewunderung, wenn sie es noch nicht im

Großen und Freien ausgeführt gesehen hatten. Und als ich nun gar dieses

geheimnisvolle Agens in Pyrmonter Flaschen gefüllt mit nach Hause trug

und in jedem anscheinend leeren Trinkglas das Wunder des auslöschenden

Wachsstocks wiederholte, war die Gesellschaft völlig zufrieden und der

unglaubige Brunnenmeister so zur Ueberzeugung gelangt, daß er sich

bereit zeigte, mir einige dergleichen wasserleere Flaschen den übrigen

gefüllten mit beizupacken, deren Inhalt sich auch in Weimar noch völlig

wirksam offenbarte.

Der Fußpfad nach Lügde zwischen abgeschränkten Weideplätzchen her ward

öfters zurückgelegt. In dem Oertchen, das einigemal abgebrannt war,

erregte eine desperate Hausinschrift unsere Aufmerksamkeit, sie lautet:

Gott segne das Haus!

Zweimal rannt' ich heraus,

Denn zweimal ist's abgebrannt;

Komm' ich zum dritten Mal gerannt,

Da segne Gott meinen Lauf,

Ich bau's wahrlich nicht wieder auf.

Das Franziskaner-Kloster ward besucht und einige dargebotene Milch

genossen. Eine uralte Kirche außerhalb des Ortes gab den ersten

unschuldigen Begriff eines solchen früheren Gotteshauses mit Schiff

und Kreuzgängen unter einem Dach bei völlig glattem unverziertem

Vordergiebel. Man schrieb sie den Zeiten Karls des Großen zu; auf alle

Fälle ist sie für uralt zu achten, es sei nun der Zeit nach, oder daß

sie die uranfänglichen Bedürfnisse jener Gegend ausspricht.

Mich und besonders meinen Sohn überraschte höchst angenehm das

Anerbieten des Rektors Werner, uns auf den sogenannten Krystallberg

hinter Lügde zu führen, wo man bei hellem Sonnenschein die Aecker von

tausend und aber tausend kleinen Bergkrystallen widerschimmern sieht.

Sie haben ihren Ursprung in kleinen Höhlen eines Mergelsteins und sind

auf alle Weise merkwürdig als ein neueres Erzeugniß, wo ein Minimum

der in Kalkgestein enthaltenen Kieselerde, wahrscheinlich dunstartig

befreit, rein und wasserhell in Krystalle zusammentritt.

Ferner besuchten wir die hinter dem Königsberge von Quäkern angelegte

wie auch betriebene Messerfabrik und fanden uns veranlaßt, ihrem ganz

nah bei Pyrmont gehaltenen Gottesdienst mehrmals beizuwohnen, dessen

nach langer Erwartung für improvisirt gelten sollende Rhetorik kaum

Jemand das erste Mal, geschweige denn bei wiederholtem Besuch, für

inspirirt anerkennen möchte. Es ist eine traurige Sache, daß ein reiner

Kultus jeder Art, sobald er an Orte beschränkt und durch die Zeit

bedingt ist, eine gewisse Heuchelei niemals ganz ablehnen kann.

Die Königin von Frankreich, Gemahlin Ludwigs XVIII., unter dem Namen

einer Gräfin Lille, erschien auch am Brunnen, in weniger, aber

abgeschlossener Umgebung.

Bedeutende Männer habe ich noch zu nennen: Konsistorialrath Horstig

und Hofrath Marcard, den Letztern als einen Freund und Nachfolger

Zimmermanns.

Das fortdauernde üble Wetter drängte die Gesellschaft öfters ins

Theater. Mehr dem Personal als den Stücken wendete ich meine

Aufmerksamkeit zu. Unter meinen Papieren find ich noch ein Verzeichniß

der sämmtlichen Namen und der geleisteten Rollen; der zur Beurtheilung

gelassene Platz hingegen wird nicht ausgefüllt. Iffland und Kotzebue

thaten auch hier das Beste, und Eulalia, wenn man schon wenig von

der Rolle verstand, bewirkte doch durch einen sentimental-tönend

weichlichen Vortrag den größten Effekt; meine Nachbarinnen zerflossen

in Thränen.

Was aber in Pyrmont apprehensiv wie eine böse Schlange sich durch die

Gesellschaft windet und bewegt, ist die Leidenschaft des Spiels und

das daran bei einem Jeden, selbst wider Willen erregte Interesse. Man

mag, um Wind und Wetter zu entgehen, in die Säle selbst treten oder

in bessern Stunden die Allee auf und ab wandeln, überall zischt das

Ungeheuer durch die Reihen; bald hört man, wie ängstlich eine Gattin

den Gemahl nicht weiter zu spielen ansieht, bald begegnet uns ein

junger Mann, der in Verzweiflung über seinen Verlust die Geliebte

vernachlässigt, die Braut vergißt; da nun erschallt auf einmal der Ruf

grenzenloser Bewunderung: die Bank sei gesprengt! Es geschah diemal

wirklich in Roth und Schwarz. Der vorsichtige Gewinner setzte sich

alsbald in eine Postchaise, seinen unerwartet erworbenen Schatz bei

nahen Freunden und Verwandten in Sicherheit zu bringen. Er kam zurück,

wie es schien mit mäßiger Börse; denn er lebte stille fort, als wäre

nichts geschehen.

Nun aber kann man in dieser Gegend nicht verweilen, ohne auf

jene Urgeschichten hingewiesen zu werden, von denen uns römische

Schriftsteller so ehrenvolle Nachrichten überliefern. Hier ist noch

die Umwallung eines Berges sichtbar, dort eine Reihe von Hügeln und

Thälern, wo gewisse Heereszüge und Schlachten sich hatten ereignen

können.

Da ist ein Gebirgs-, ein Ortsname, der dorthin Winke zu geben scheint,

herkömmliche Gebräuche sogar deuten auf die frühesten, roh feiernden

Zeiten, und man mag sich wehren und wenden, wie man will, man mag

noch so viel Abneigung beweisen vor solchen aus dem Ungewissen ins

Ungewissere verleitenden Bemühungen, man findet sich wie in einem

magischen Kreise befangen, man identifiziert das Vergangene mit der

Gegenwart, man beschränkt die allgemeinste Räumlichkeit auf die

jedesmal nächste und fühlt sich zuletzt in dem behaglichen Zustande,

weil man für einen Augenblick wähnt, man habe sich das Unfaßlichste zur

unmittelbaren Anschauung gebracht.

Durch Unterhaltungen solcher Art, gesellt zum Lesen von so mancherlei

Heften, Büchern und Büchelchen, alle mehr oder weniger auf die

Geschichte von Pyrmont und die Nachbarschaft bezüglich, ward zuletzt

der Gedanke einer gewissen Darstellung in mir rege, wozu ich nach

meiner Weise sogleich ein Schema verfertigte.

Das Jahr 1582, wo auf einmal ein wundersamer Tag aus allen Weltgegenden

nach Pyrmont hinströmte und die zwar bekannte, aber noch nicht

hochberühmte Quelle mit unzähligen Gästen heimsuchte, welche bei völlig

mangelnden Einrichtungen sich auf die kümmerlichste und wunderlichste

Art behelfen mußten, ward als prägnanter Moment ergriffen und auf

einen solchen Zeitpunkt, einen solchen unvorbereiteten Zustand

vorwärts und rückwärts ein Märchen erbaut, das zu Absicht hatte, wie

die +Amusemens des eaux de Spa+ sowol in der Ferne als der Gegenwart

eine unterhaltende Belehrung zu gewähren. Wie aber ein so löbliches

Unternehmen unterbrochen und zuletzt ganz aufgegeben worden, wird aus

dem Nachfolgenden deutlich werden. Jedoch kann ein allgemeiner Entwurf

unter andern kleinen Aufsätzen dem Leser zunächst mitgetheilt werden.«

Hier der »allgemeine Entwurf«:

»~Aufenthalt in Pyrmont~.

1801.

Im Jahre 1582 begab sich auf einmal aus allen Welttheilen eine lebhafte

Wanderschaft nach Pyrmont, einer damals zwar bekannten, aber doch noch

nicht hochberühmten Quelle; ein Wunder, das Niemand zu erklären wußte.

Durch die Nachricht hiervon wird ein deutscher wackerer Ritter, der

in den besten Jahren steht, aufgeregt; er befiehlt seinem Knappen,

alles zu rüsten und auf der Fahrt ein genaues Tagebuch zu führen, denn

dieser, als Knabe zum Mönch bestimmt, war gewandt genug mit der Feder.

Von dem Augenblicke des Befehls an enthält sein Tagebuch die Anstalten

der Abreise, die Sorge des Hauswesens in der Abwesenheit, wodurch uns

denn jene Zustände ganz anschaulich werden.

Sie machen sich auf den Weg und finden unzählige Wanderer, die von

allen Seiten herzuströmen. Sie sind hilfreich, ordnen und geleiten die

Menge, welches Gelegenheit gibt, diese Zustände der damaligen Zeit vor

Augen zu bringen. Endlich kommt der Ritter als Führer einer großen

Karawane in Pyrmont an; hier wird nun gleich so wie bereits auf dem

Wege durchaus das Lokale beachtet und benutzt. Es war doch von uralten

Zeiten her noch manches übrig geblieben, das an Hermann und seine

Genossen erinnern durfte. Die Kirche zu Lügde, von Karl dem Großen

gestiftet, ist hier von höchster Bedeutung. Das Getümmel und Gewimmel

wird vorgeführt; von den endlosen Krankheiten werden die widerwärtigen

mit wenig Worten abgelehnt, die psychischen aber, als reinlich und

wundervoll, ausführlich behandelt, sowie die Persönlichkeit der damit

behafteten Personen hervorgehoben. Bezüge von Neigung und mancherlei

Verhältnisse entwickeln sich, und das Unerforschliche, Heilige macht

einen wünschenswerten Gegensatz gegen das Ruhmwürdige. Verwandte

Geister ziehen sich zusammen, Charaktere suchen sich, und so entsteht

mitten in der Weltwoge eine Stadt Gottes, um deren unsichtbare Mauern

das Pöbelhafte nach seiner Weise wütet und ras't; denn auch Gemeines

jeder Art versammelte sich hier: Marktschreier, die besonderen Eingang

hatten; Spieler, Gauner, die jedermann, nur nicht unseren Verbundeten

drohten; Zigeuner, die durch wunderbares Betragen, durch Kenntnisse der

Zukunft Zutrauen und zugleich die allerbänglichste Ehrfurcht erweckten;

der vielen Krämer nicht zu vergessen, deren Leinwand, Tücher, Felle vom

Ritter sogleich in Beschlag genommen und dem sittlichen Kreise dadurch

ein gedrängter Wohnort bereitet wurde.

Die Verkäufer, die ihre Ware so schnell und nützlich angebracht

haben, suchten eilig mit gleichen Stoffen zurückzukehren; andere

spekulierten, daraus sich und Andern Schirm und Schutz gegen Wind und

Wetter aufzustellen; genug, bald war ein weit sich erstreckendes Lager

errichtet, wodurch bei stetigem Abgange der Nachfolgende die ersten

Wohnbedürfnisse befriedigt fand.

Den Bezirk der edlen Gesellschaft hatte der Ritter mit Pallisaden

umgeben und so sich der jedem physischen Andrang gesichert. Es fehlt

nicht an mißwollenden, widerwärtig-heimlichen, trotzig-heftigen

Gegnern, die jedoch nicht schaden konnten; denn schon zählte der

tugendsame Kreis mehrere Ritter, alt und jung, die sogleich Wache und

Polizei anordnen; es fehlt ihm nicht an ernsten geistlichen Männern,

welche Recht und Gerechtigkeit handhaben.

Alles dieses ward im Stile jener Zeit als unmittelbar angeschaut

von den Knappen täglich niedergeschrieben mit naturgemäßen kurzen

Betrachtungen, wie sie einem heraufkeimenden guten Geiste wohl

geziemten.

Sodann aber erschienen, Aufsehen erregend, langfaltig blendend weiß

gekleidet, stufenweise bejahrt, drei würdige Männer: Jüngling, Mann und

Greis, und traten unversehens mitten in die wohldenkende Gesellschaft.

Selbst geheimnisvoll, enthüllten sie das Geheimnis ihres

Zusammenströmens und ließen auf die künftige Größe Pyrmonts in eine

freundliche Ferne lichtvoll hinaussehen.

Dieser Gedanke beschäftigte mich die ganze Zeit meines Aufenthaltes,

ingleichen auf der Rückreise. Weil aber, um dieses Werk gehaltvoll

und lehrreich zu machen, gar manches zu studieren war und viel dazu

gehörte, dergleichen zersplitterten Stoff ins Ganze zu verarbeiten,

so daß es würdig gewesen wäre, von allen Badegästen nicht allein,

sondern auch von allen deutschen, besonders niederdeutschen Lesern

beachtet zu werden, so kam es bald in Gefahr, Entwurf oder Grille zu

bleiben, besonders da ich meinen Aufenthalt in Göttingen zum Studium

der Geschichte der Farbenlehre bestimmt hatte, wovon an seinem Ort

gehandelt worden.«

* * * * *

Dies das »Mährchen« von Pyrmont, in der Tat wundersam und schon im

»Schema«, wie Goethe seinen Entwurf nannte, voller Reize, die in

der Ausarbeitung sicherlich noch deutlicher hervorgetreten wären.

Jedenfalls hätte diese Dichtung, als Roman oder Epos vollendet, eine

ganz einzigartig Stellung in Goethes Schaffen eingenommen: wie weit ab

liegt schon das Stoffliche von den sonstigen Interessengebieten des

Dichters! Nur im »Faust« klingt ähnliches. Aber es ist müßig, etwa

darüber zu klagen, daß Goethe die »sehr weitschichtige Arbeit«, wie er

sie fünfundzwanzig Jahre später noch nannte, Entwurf bleiben ließ; er

wird gewußt haben, was er tat, wird schon bei der Konzeption instinktiv

das Fremde gewittert haben, das wir selbst daran als unpoetisch

empfinden, und mit dem Verklärten, in Göttersphären Entrückten darüber

zu rechten, daß er so und nicht anders gehandelt, wäre kleinlicher

Eigensinn.

Interessanter, den Quellen nachzugehen, aus denen Goethe geschöpft --

gewinnt man da doch gleichzeitig einen Überblick über die Lektüre, die

der Pyrmonter Kurgast Goethe, sicherlich der erlauchteste, den das

Bad jemals beherbergt, damals gepflogen. Von »Büchern und Büchelchen«

spricht der Greis in den »Annalen« ... Forscherfleiß hat diese Bücher

und Büchelchen in alten Archiven aufgestöbert, und wenn man nun Titel

aufzählen darf wie diese: »Pyrmonts Denkwürdigkeiten, Eine Skizze

für Reisende und Kurgäste, Leipzig 1800 bei Karl Wilhelm Küchler«

und »Beschreibung von Pyrmont von Henrich Matthias Marcard, Leipzig

1784/1785 bey Weidmanns Erben und Reich«; oder liest man im Tagebuch

des Dichters von dem Eindruck, den etwa eine jene Pilgerfahrt von 1582

behandelnde Erzählung von Heinr. Bünting in der »Braunschweigischen

und Lüneburger Chronika« (Magdeburg 1620) auf ihn gemacht hat, so kann

man sich gut den bedächtigen, sorgfältig gekleideten Mann vorstellen,

wie er, diese alten Folianten und Pappbände im Arm, die Alleen Pyrmonts

durchwandelt und nach einem stillen Platz zu ungestörtem Lesen sucht.

Da stieg dann, auf geschichtlichem Boden, die Vergangenheit des

Bades aus diesen Büchern, und die dunklen Augen Goethes mögen oft

versonnen über die nahen Hügel und Berge geschweift sein, über die

schon die Legionen des Varius gezogen waren und um die noch der Spuk

mittelalterlicher Legenden geisterte ... bis ihn Freund Griesbach aus

Jena oder der kleine August, der den Vater suchte, aus seinen Träumen

weckten zu freundlichem Genuß des Tages und des gegenwärtigen Lebens.

* * * * *

Schattenspiel um Goethe · 第 5 / 14 段