nun, wo man vom Walde kommt, ergreifend wahr. Sie bringen neue
Schattenbilder. »Wenn es möglich ist,« schreibt Goethe am 30. August
1783, auf dem Sprung nach Ilmenau, an Charlotte, »schreibe ich dem
Herzog ein Gedicht auf seinen Geburtstag.« Als er am 4. September nach
Weimar zurückkehrt, bringt er es fertig mit. Aus Traum und Wirklichkeit
hat sich ihm Ilmenau »zum 3. September 1783« zu neuem Erlebnis, zu
farbenfrohem Bild gestaltet.
Verklungene Tage stehen auf. In wilder Jagd durchstürmt der Herzog
wieder das Gebirge, am Fuße einer Felswand wird abends Rast gemacht --
es ist, vielleicht, der Hermannstein:
»Bei kleinen Hütten, dicht mit Reis bedecket,
Seh ich sie froh ans Feuer hingestrecket.
Es dringt der Glanz hoch durch den Fichten-Saal,
Am niedern Herde kocht ein rohes Mahl;
Sie scherzen laut, indessen, bald geleeret,
Die Flasche frisch im Kreise wiederkehret ...«
Und alle die treten auf, die damals mit in Stützerbach getanzt,
getollt, der behäbige Knebel, der Tollkopf Seckendorf, der blutjunge
Herzog, Goethe selbst -- treten auf und treten wieder ab auf dieser
Bühne der Erinnerung, Magie belebt die schwankenden Gestalten. »Ich
selbst saß davor,« erzählt der alte Goethe in den Annalen, »bei
glimmenden Kohlen, in allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlung
von Bedauern über mancherlei Unheil, das meine Schrift >Werther<
angerichtet.« Aber das ängstliche Gesicht zerrinnt, der schwere Traum
verschwindet. Die bange Sorge um den Herzog verscheucht die Hoffnung
auf »Gedeihn und festes irdsches Glück«, und der erhabene Berg läßt ihn
an »seinen sachten Höhn ein jugendlich, ein neues Eden sehn«.
Und zweiundvierzig Jahre später. Wieder ein »Tag der Lieb und Lust«.
Carl August feiert sein Regierungsjubiläum. Die Vision Goethes ist
Wirklichkeit geworden ... »die Ernte wird erscheinen und dich beglücken
und die Deinen.« Im Römischen Haus begrüßt Goethe den fürstlichen
Freund, in aller Frühe, der erste Gratulant. Wortlos stehen die beiden
Greise, Hand in Hand. »Bis zum letzten Hauch zusammen!« stammelt
endlich tief bewegt Goethe. Der Großherzog nickt. Traumhaft durchzuckt
Erinnerung sein altes Herz. »O achtzehn Jahre und Ilmenau!« ruft er und
deckt die Augen mit der Hand ...
* * * * *
Noch oft ist Goethe in Ilmenau gewesen, mit Knebel und bei Knebel,
mit Fritz von Stein, dem Liebling, der, wie er einmal an Charlotte
schreibt, ihr Bildnis sein soll, und manchmal auch ganz allein. Immer
wandern Briefe und Zettelchen nach Weimar und schwärmen und erzählen;
beteuern seine Liebe in leidenschaftlichen Worten und sind voll
Sehnsucht und Glück. »Mergeln« und Schwämme begleiten sie.
1784 werden endlich die neuen Bergwerke eröffnet. Am 24. Februar. Ein
Schicksalstag. Goethe bleibt in der feierlichen Eröffnungsrede stecken,
die er im Posthause hält. Aber niemand wagt zu lächeln. Seine dunklen
Augen halten alle im Bann. Nur daß es als üble Vorbedeutung genommen
wird, kann er nicht hindern.
Im Oktober 1785 schreibt er an Charlotte: »Es steht alles recht gut und
das ganze Werck nimmt einen rechten Weg.« Auch in den Folgejahren geht
alles gut. Noch 1816 gedenkt der alte Goethe freudig in einem Gedicht
an seinen alten Bergrat Voigt dieser Zeit:
»Von Bergesluft, dem Äther gleich zu achten,
Umweht, auf Gipfelfels hochwald'ger Schlünde,
Im engsten Stollen wie in tiefsten Schachten
Ein Licht zu suchen, das den Geist entzünde,
War ein gemeinsam köstliches Betrachten,
Ob nicht Natur zuletzt sich das ergründe?
Und manches Jahr des stillen Erdenlebens
Ward so zum Zeugen edelsten Bestrebens.«
Aber 1796 bricht der Martinroder Stollen. Die Aufschlagewasser stauen
sich, der Schacht wird auflässig, die Werke ersaufen. Und wieder zieht
die Armut ein in Ilmenau.
Immer aber hat die Einsamkeit Ilmenaus Goethe dichterisch angeregt.
Hier ist »Wilhelm Meister« zu einem großen Teil entstanden. Auch
Mignons schmerzbewegtes Lied: »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was
ich leide!« hat Goethe hier zu dunkler Stunde gefunden. Am 20. Juni
1785 schickt er es Charlotte und fügt, ergreifend, hinzu: »Ein Lied,
das nun auch mein ist.«
Und noch ein anderes Lied hat ihm Ilmenau geschenkt, viele Jahre
später. Längst war die Liebe zu Frau von Stein erloschen, verbittert
hatte sich die Enttäuschte von ihm zurückgezogen. An ihre Stelle
ist Christiane getreten. Ihr gelten nun seine Gedanken: nicht wirre
Sehnsucht mehr, nicht Stammellaut und Schrei. Ein glücklicher Vater
schreibt der Mutter seines Gustel, der ihn, ein »Bübechen«, begleitet
und weiße Pfefferkuchen nach Weimar schickt, die er sich vom Munde
abspart. So feiert Goethe hier seinen 64. Geburtstag. Und die
Erinnerung lässt ihn, ein Nachklang seiner silbernen Hochzeit, erzählen:
»Ich ging im Walde
So vor mich hin,
Und nichts zu suchen
Das war mein Sinn.
Im Schatten sah ich
Ein Blümchen stehn,
Wie Sterne blinkend,
Wie Äuglein schön ...«
Christianes Lied! Er schickt's nach Weimar ... wie oft, wie stolz mag
es die heitere Frau, vielleicht im Korbstuhl neben dem Küchenherde
sitzend, an ihr warmes Herz gedrückt haben!
* * * * *
Nachmittag. In der Lindenstraße promeniert das junge Ilmenau. Der
Mühle gegenüber, die Goethe in jungen Jahren oft beherbergt hat,
Knebels Haus. Die Fenster schauen nachdenklich in das bunte Treiben.
Es ist, als ob noch immer hinter den dunklen Scheiben der »alte Timon«
an seinem Lucrez arbeitete. Aber das frohe Lachen, das »die Rudel«,
Knebels blutjunge Frau, die Weimarer Sängerin Luise von Rudorf, mit in
die Kleinstadtstille brachte, ist längst verhallt. An den »+élégant
savant+«, der hier einmal sein wunderlich Wesen getrieben, erinnert nur
die weiße Tafel über der Tür. Und auch die beachtet keiner.
Und weiter. Hinter der Kirche der Marktplatz. Die Häuser schlafen. Nur
der alte Brunnen schwatzt in die Stille. Eine tote Welt, -- Rokoko aus
Chodowiecki-Kupfern, unberührt, ganz noch das »heitere Landstädtchen«,
das Goethe fand, als er zum erstenmal hierher kam, um Ilmenau vor neuer
Einäscherung zu bewahren. Noch stehen Schloß und Rathaus, noch die
»Sonne« und der »Adler«, aus deren Fenstern Philine und Wilhelm Meister
einander den Morgengruß zunickten. Aber es liegt alles stumm und
verlassen, nichts spricht dafür, daß etwa Seiltänzer und Gaukler hier
ihr leicht Gerüst aufschlagen werden, kein Mädchen bietet dem fremden
Herrn Rosen an, wie's Wilhelm Meister geschah, und die beiden Gasthöfe
schauen so verdrossen drein, als ob sie überhaupt nicht mehr auf Gäste
rechneten ...
Die Vergangenheit geht hier spazieren.
* * * * *
Sie begleitet auch auf den Friedhof, zu Corona Schröters Grab. Einsam
und verlassen liegt die einst Gefeierte. Arme »Crone«! Wie oft hat
Goethe dich, du blühtest noch in all dem betörenden Glanz der Jugend
und ganz Weimar lag dir zu Füßen, bei diesem Schmeichelnamen genannt!
Daß du ein »Engel« wärest, schrieb er an Frau von Stein und an den
Herzog schon aus Leipzig, von wo er dich nach Weimar holte. Er hat dich
wirklich sehr geliebt. Sein Tagebuch erzählt's, und auch die Bank in
Tiefurt mit dem Amor und der Nachtigall. Und in dem großen Gedicht »Auf
Miedings Tod« gelten dir die wundervollen Verse:
»Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,
Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.
So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,
Und selbst dein Name ziert, +_Corona_+, dich.«
Und dann?
Nach flüchtigem Glanz der lange, der bittere Lebensabend in Ilmenau.
Niemand kümmerte sich um die Verbannte. Auch Goethe nicht. Und so
einsam, wie sie zuletzt in Ilmenau gelebt, stirbt sie 1802. Der Tod
erlöst eine Tote.
Bekümmert steht man an dem kahlen Grab. Von der »Sturmheide« her fährt
der Wind über die Hügel, der Efeu raschelt, die kahlen Weiden schwanken
traurig hin und her. Die Stille weint. »Es ist sündlich, wie man in
Weimar mit den Toten umgeht,« schrieb Knebel damals. Ihm und der
Prinzessin Caroline verdankt die Vergessene den schlichten Grabstein.
Eine schwarze Eisenplatte ist's, in Sandstein eingelassen. Eine Harfe
und eine Fackel, ein Lorbeerkranz und ein Schmetterling schmücken sie.
Und leise wellt der Frühlingswind das Wasser, das Regen und Sturm
darauf geworfen.
Abschied von Ilmenau. In der Abenddämmerung steht man vor'm »Goldenen
Löwen«. Langsam erstirbt das Leben. Ein Lachen treibt vorbei, ein fader
Scherz, ein letztes Plaudern. Dann wird es still. Ganz still. In der
Ferne plätschert die Ilm.
Noch einmal wandert man durch die alten Gassen. Nun, wo der Tag zur Ruh
gegangen, regen sich die Schatten. Sie geben gespenstisches Geleit,
bedrängen die Seele, die sie aus ihren Grüften hervorgelockt. ...
Knebel und seine junge, viel zu junge Frau, Einsiedel, den Reue an
die Stätte bannt, wo Corona Schröter gewohnt, der junge Goethe, der
der dunklen Ilm verworrene Liebesgrüße nach Weimar anvertraut. Und
scheu und heimlich auch, in grauen Mantel gehüllt, den Dreispitz tief
in die Stirne gedrückt, der unselige Krafft, Goethes geheimnisvoller
Schützling. Denn hierher hatte Goethe, ein »dienstfertiger Samariter«,
den in die Irr Gegangenen geschickt, der sich in letzter Not an ihn
gewandt ... ohne Dank zu finden: der Verlorene ward auch in Ilmenau
nicht des Lebens froh, ward in Verkennung der Dienste, die Goethe
forderte, zum Spion. Noch immer wandert er durch die Straßen, er
lauscht an jeder Schenke, er horcht an jeder Tür. Und verflucht, das
unstete Auge bergend, das Schicksal, das ihn hierher verschlagen hat
... das heute wird zum Gestern, ein Jahrhundert flüchtiger Traum.
Abschied von Ilmenau -- -- --
[Illustration]
Über den Marktplatz klingt leise ein Lied. Philine singt. Ihr Fenster
im »Adler« wirft hellen Schein über den winkligen Platz. In das Dunkel
des Torwegs gedrückt stehen drüben, in der »Sonne«, Wilhelm Meister
und Mignon und lauschen. Laërtes schaut ihnen über die Schulter ... Da
bricht das Liedchen ab, das Licht geht aus, und auch das Tor des alten
Gasthofs fällt zu. Schatten begraben ein Goethe-Märchen. Am Himmel, der
in dunkler Bläue schwankt, flimmern kalt die Sterne.
Das »Mährchen« von Pyrmont
»Goethe ist zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung
seiner Gesundheit beschäftigt ...«
~Schiller~
Der Reisewagen, der am 5. Juni 1801 in aller Herrgottsfrühe vor dem
Haus am Frauenplan Posto faßt, wartet auf einen Kranken. Denn noch
immer fühlt Goethe, der an diesem Morgen mit dem elfjährigen August
zusammen nach Pyrmont reist, sich von der schweren Krankheit nicht
genesen, die den schon lange Leidenden zu Beginn des Jahres 1801 fast
dahingerafft. Wohl war es der Pflege Christianens, seiner »lieben
Kleinen«, wie er am 1. Februar der Mutter rühmte, gelungen, ihn am
Leben zu erhalten; wohl befand er sich nach dieser »schrecklichen
Krise der Natur«, wie es in einem Briefe an die Weimarer Freundin
Elisa Gore heißt, wieder ganz leidlich; aber den Vollbesitz seiner
geistigen und körperlichen Kräfte hatte er trotz aller Ruhe, trotz
eines sechswöchigen Landaufenthalts auf Ober-Roßla nicht wiedererlangt,
und erst Pyrmont soll ihm nun gründliche Erholung bringen.
Pyrmont erfreute sich schon damals alten Rufes, vielleicht größeren
als jetzt, wo so viel andere Bäder mit dem stillen, ganz in Lindengrün
gebetteten Idyll an der Emmer wetteifern. Goethe selbst kannte es auch
nur vom Hörensagen. Charlotte von Stein, allein und auch mit Mann und
Kindern dort oft zur Kur, mag ihm viel von diesem ihren Zufluchtsort
erzählt, mag ihm die Heilkraft des »Hylligen Borns« gerühmt haben ...
die Briefe, die sie von Pyrmont aus an Goethe geschrieben, Antworten
auf das sehnsuchtsbange Liebesstammeln, das ihr aus Weimar und
Ilmenau nachtönte, sind ja leider verloren, vernichtet wie alle ihre
anderen an Goethe; aber Spiegelung der Tage, die Charlotte in Pyrmont
verlebt, findet, wer zwischen Zeilen zu lesen versteht, in den von
Liebe, Sehnsucht und wirrer Klage erfüllten Ergüssen des Dichters,
die dieser der Fernen, Kuß und Schmeichelwort so weit Entrückten
nachgesandt. Und an den langen Herbst- und Winterabenden in Weimar mag
im Beieinandersein bei stiller Kerze Erzählung manches nachgeholt und
wieder heraufbeschworen haben, was dem Briefe anzuvertrauen Tinte und
Papier erschwert hatten.
So hat Goethe das Bad am Teutoburger Wald, als Liebender für die Worte
der Geliebten doppelt empfänglich, vielleicht besser gekannt als viele,
die dort stumpfer Sinne, nur ihrem leiblichen Wohl und Wehe hingegeben,
wochenlang die Kur gebraucht haben; was die Augen nicht in Wirklichkeit
gesehen, erlebte die beschwingte Seele des Dichters doppelt intensiv,
gewann holde Verklärung, weil die, die es ihm schilderte, seinem Herzen
nahestand.
[Illustration]
So ist wohl auch zu erklären, daß der Genuß des Pyrmonter Wassers --
neben dem »Selzer« wie Christiane das Selterser nennt -- in Goethes
Hause gang und gäbe, lange bevor der Dichter es am Ursprungsorte selbst
getrunken: die wohltätige Wirkung, die es auf Frau von Stein und ihren
Mann ausübte, gewann dem Pyrmonter auch die Neigung Goethes, führte
es in Weimar überhaupt ein. Trank doch die ganze Hofgesellschaft, der
früh schon von Gicht und Rheumatismus geplagte Herzog an der Spitze,
Pyrmonter! Und bei Goethes am Frauenplan durfte es gar nie ausgehen.
Immer wieder stößt man in den Briefen Goethes, die er, weilte er in
Jena, an Christiane schrieb, auf die Bitte, ihm ein paar Flaschen
Pyrmonter mit der Botenfrau zu schicken; und Christiane beeilte sich
dann stets sehr, diesen Wunsch zu erfüllen, weil sie wußte, wie gut dem
Gatten -- denn Gatten waren sie, auch wenn die Trauung, die sie vor
der Welt dazu machte, erst 1806 erfolgte, schon von dem Tage an, wo
Goethe mit ihr das große Haus am Frauenplan bezog -- das Wasser tat,
das »bernoder« wie sie es in dem oft kaum zu entziffernden Kauderwelsch
ihrer einfältig-innigen Briefe genannt hat.
Nun aber fügte es das Schicksal, daß Goethe, mit seinen Ärzten der
Wunderkraft der Pyrmonter Quellen vertrauend, die aus »Bouteillen« ihm
nicht frisch und stark genug entgegensprudelte, sich auf die Reise
machte, um diese Wunderkraft an Ort und Stelle zu erproben.
Es ist ein frischer Morgen, da er diese Reise antritt, munter und
lebenskräftig, wie er sich lange nicht gefühlt. Vergessen der bange
Winter, da schon der Tod zu Häupten seines Bettes gestanden, vergessen
auch der Ärger in Ober-Roßla, wo er »mit der rohen Natur und über
das ekelhafte Mein und Dein« mit dem Pachter im Streite gelegen:
wieder einmal sieht er, reisefertig, unbekannte Welt vor sich liegen,
von neuem regt Phantasie die Schwingen, die in Alltagssorgen und
Alltagsgezänk fast zu erlahmen gedroht hatten. Abenteuer lockt.
August, den jungen Reisekameraden, an der einen Hand, den andern Arm
Christiane, dem getreuen Hausgeist, um den Hals gelegt, tritt er aus
der Tür, -- ungebeugt die massige Gestalt, doch im Gesicht um Mund und
Augen den Zug des Leidens, den zehn schwere Januartage da eingegraben.
Noch schläft Weimar. Nur der Brunnen rauscht, First und Fenster der
Kleinbürgerhäuser gegenüber glühen in erster Sonne. Irgendwoher kommt
Lindenduft. So kann Goethe sich ungestört durch neugierige Blicke von
seiner Frau verabschieden, die ihm und dem Kinde, ein wenig traurig,
Geleit gibt: bleibt sie nun doch wieder auf Wochen allein in dem
weitläufigen Hause zurück, dessen erlauchte Welt nicht die ihre, fremd
am eigenen Herd; verläßt sie doch diesmal nicht nur der Mann, der ihr
Leben und Dasein bedeutet, sondern auch, zum erstenmal auf längere
Zeit, das Kind, das sie ihm geboren!
Jedoch die Pferde scharren ungeduldig, der Kutscher knallt mit der
Peitsche. Ein letztes Wort, ein letztes Streicheln, halb väterlich,
wie jede Liebkosung, die Goethe Christianen schenkte, ein letztes
Winken -- und dann holpert die zweispännige Chaise, hochbepackt, die
Frauentorstraße hinauf und verschwindet.
[Illustration: _Abfahrt nach Pyrmont am 5. Juni 1801_
_Der Reisewagen Goethe's vor dem Hause am Frauenplan_]
Da schließt die einsame Frau die Haustür. Drinnen im kühlen, dämmerigen
Flur lehnt sie ein Weilchen, die Hand vor den Augen, an dem Geländer
der feierlichen Treppe, die noch den Klang von Goethes schweren
Schritten zu halten scheint ... ein Weilchen nur. Dann rafft sie sich
auf und geht. Aber nicht die Treppe hinauf. Die führt in jene Welt, die
nicht ihr gehört. Sie geht durch ein Seitentürchen zur Küche: da lag
ihr Reich.
* * * * *
Drei sind's, die in Goethes Wagen sitzen, Vater, Sohn und Geist --
denn Goethes Schreiber, den er mitgenommen, hieß ulkigerweise Geist
und vervollständigte so auch dem Namen nach die äußere Dreieinigkeit
der Reise aufs beste. Geist berichtet denn auch der »werthesten
Demoiselle« Vulpius von Göttingen aus, wo Station gemacht wurde, über
den bisherigen Verlauf der Fahrt; der »Herr Geheimde Rat« fügt diesem
Bericht nur ein paar Worte an, in denen allerdings trotz der Kürze
die ganze Zärtlichkeit des Abschieds von »Mütterchen« zittert, -- wie
Goethe überhaupt auf Reisen in ein paar kurze Worte mehr Zärtlichkeit
hineinzulegen weiß, als andere durch einen überschwenglichen Brief
auszudrücken vermögen.
Weitere Nachrichten aus Göttingen, wahrscheinlich auch die ersten aus
Pyrmont, wo die Reisenden am Nachmittag des 13. Juni eintrafen, sind
nicht erhalten. Christiane hat sich in Weimar sehr gegrämt, denn der
Geistsche Brief aus Göttingen erreichte sie erst am 25. Juni: drei
volle Wochen war sie also ohne jede Nachricht, und wenn sie am 23.
Juni nach Pyrmont schreibt: »Ich hoffe recht sehnlich auf einen Brief
von Dir, um zu hören, daß Du Dich mit dem guten Kinde wohlbefindest.
Ich bin ganz wohl, aber so ganz ohne das zu sein, was man herzlich
liebt, will mir gar nicht behagen, und bei aller Zerstreuung, die ich
mir mache, ist doch immer, als wenn mir das Beste fehlte,« so hört man
deutlich aus den kargen Worten die bange Sorge heraus, die ihr Frauen-
und Mutterherz erfüllte.
Goethe mag gerade auf dieser Reise mancherlei durch den Kopf gegangen
sein. Reisen regt immer zum Nachdenken an; dann aber ist der Mensch,
der harte Krankheit überstanden und mit knapper Mühe dem Tode entgangen
ist, doppelt leicht geneigt, empfindsame Rückschau zu halten. Und
daß es gerade nach Pyrmont ging, muß dem Fünfzigjährigen Erinnerung
an abgelebte Zeit ergreifend haben wiederkehren lassen. Während
Berge und Täler, Dörfer und Städte an den Reisenden vorüberglitten,
von August, dem »Bübchen«, mit dem hellen Jauchzen des Kindes, von
Geist mit subalternem Gleichmut begrüßt, weilte der Blick der dunklen
Dichteraugen bei Vergangenem. Die erste Trennung von Frau von Stein,
1776, im ersten Weimarer Glückssommer. Damals mag zum ersten Male der
Name Pyrmont, wohin die Geliebte sich zur Kur begeben, ein Name, der
bis dahin für Goethe wahrscheinlich Schall und Rauch gewesen, Bedeutung
gewonnen haben ... damals! Wie lange war das her! Verse klangen aus der
Vergessenheit herauf, die er in jenen Tagen wirren Liebestaumels einmal
mit einem Brunnenglas an Charlotte nach Pyrmont geschickt:
»Laß dir gefallen
Aus diesem Glas zu trincken
Und mög dir düncken
Wir säßen neben dir
Denn obgleich fern sind wir
Dir doch die nächsten fast von allen.«
Und andere, tiefer empfundene, tönten sanft dazwischen, die sein
damaliges Leben im Garten am Stern spiegeln:
»Und ich geh meinen alten Gang
Meine liebe Wiese lang.
Tauche mich in die Sonne früh
Bad ab im Monde des Tages Müh,
Leb in Liebes Klarheit und Krafft,
Thut mir wohl des Herren Nachbarschafft,
Der in Liebes Dumpfheit und Krafft hin lebt --
Und sich durch seltnes Wesen webt.«
Vorbei! Vorbei wie die Tage von Ilmenau, deren erste Erschütterungen
er der fernen Frau in Pyrmont in Briefen gebeichtet, die heiße Glut
in alle Ewigkeit atmen; vorbei wie der Sommer 1777, in Sehnsucht fast
verzweifelnd, von Weimar nach Kochberg, Charlottens Schloß, flüchtete,
um der wieder in Pyrmont Weilenden wenigstens in ihren Zimmern und
Möbeln nahe zu sein, sich wenigstens an ihrem Dunstkreis satt zu weiden
... bis er am 29. Juli in das getreue Tagebuch den Erlösungsseufzer
eintragen konnte: »Abends die Stein zurück von Pyrmont unerwartet.«
Und so gingen die Jahre. Liebe, so heiß sie auch einst geglüht,
erkaltete, Treue, für die Erdenzeit geschworen, starb. Die Flucht
nach Italien, das Verhältnis mit Christiane, Frucht der Entfremdung
zwischen Charlotte und ihm, brachten den Bruch. Keine Liebesbriefe mehr
flatterten nach Pyrmont, wenn Frau von Stein dort zur Kur war; dafür
stand, einzige Erinnerung an dies Pyrmont, auf seinem Tisch in Weimar
und in Jena Mittag für Mittag die Flasche Pyrmonter, dem überreizten,
übersättigten Körper Linderung bringend und allgemach trotz Etikett und
Namen doch kaum mehr an verschwundene Zeiten und ihr Glück mahnend;
dafür rieten die Ärzten, als die körperlichen Beschwerden sich häuften,
diese an der heilkräftigen Quellen Ursprung selbst abzubaden und
abzutrinken.
Folgte er dem Rat? Wie hatte er doch erst vor wenigen Wochen an
die Mutter in Frankfurt geschrieben? »Hätte ich im vorigen Jahre
ein Bad gebraucht, wie ich in früheren Zeiten getan, so wäre ich
vielleicht leidlicher davon gekommen; doch da ich nichts eigentliches
zu klagen hatte, so wußten auch die geschicktesten Ärzte nicht, was
sie mir eigentlich raten sollten, und ich ließ mich von einer Reise
nach Pyrmont, zu der man mich bewegen wollte, durch Bequemlichkeit,
Geschäfte und Ökonomie abhalten, und so blieb denn die Entscheidung
einer Krise dem Zufall überlassen.«
Ja, Bequemlichkeit, Geschäfte und Ökonomie ... diese drei Worte deuten
tatsächlich das Leben, das Goethe, der sonst rastlos tätige, seit
geraumer Zeit geführt hatte. Die Arbeit an Voltaires »Tancred«, die ihn
Weihnachten 1800 zum großen Kummer der Seinen in Jena gehalten, war jäh
von der Krankheit abgelöst worden, und als diese überstanden, wagte
sich der geschwächte Geist an keine andere: die »Farbenlehre« war das
einzige, um das sein müdes Denken kreiste, und alles in allem nahm die
Stagnation, an der Goethes dichterische Produktion nun schon seit Jahr
und Tag krankte, beängstigende Formen an. Der Aufschwung, die Anregung
fehlten! Die Freunde, allen voran Schiller, der gerade in voller
dichterischer Ekstase an der »Jungfrau« arbeitete, waren denn auch
besorgt genug; schrieb doch dieser in jenen Tagen an Cotta: »Goethe ist
zu Pyrmont und nur mit Wiedererlangung seiner Gesundheit beschäftigt
... Er ist seit langem ganz unproduktiv und es ist nur zu wünschen, daß
er nicht ganz alle seine poetische Tätigkeit verlieren möge.«
Sorgen, die Goethe selbst während der Reise gequält, seine Seele
umschattet haben mögen! Dafür aber winkte in Göttingen der lange
entbehrte Verkehr mit den Gelehrten der dortigen Universität, ihm
für die Arbeit an der »Farbenlehre« diesmal besonders wichtig; dafür
versprach Pyrmont Kräftigung Leibes und Geistes und damit neuen
Aufschwung. Zukunft lächelte. Und so mag der ernste Mann wohl, kamen
Vergangenheit und Sorge ihm allzu nahe, derweil der Reisewagen
schwerfällig durch die sommerliche Landschaft Thüringens und des
Eichsfelds rollte, zukunftsfreudig die Schatten mit einer kräftigen
Handbewegung verscheucht, mag im kindlichen Lachen und Plaudern des
Sohnes Erquickung und Zerstreuung gefunden haben. Die kurze Meldung an
Christiane aus Göttingen, daß die Promenade ihnen, Vater und Sohn, viel
Vergnügen gemacht, war sicherlich nicht nur pure Wahrheit, sondern läßt
auch günstige Rückschlüsse auf die ganze Reise zu.
Am 13. Juni trifft man also endlich in Pyrmont ein. Es ist Nachmittag,
und der stille Ort mit seinen Straßen und schönen Alleen liegt anmutig
im Widerspiel von Abendsonne und grünem Schatten. Verstaubt und
reisemüde klettern »Vater, Sohn und Geist« vor einem alten, schlichten
Hause der Bassinstraße aus dem Wagen und atmen mit Behagen die reine,
kräftige Luft ein.
* * * * *
Wie Pyrmont damals ausgesehen?
[Illustration]