Goethe sah es nun zum dritten Male, und nach der Schilderung, die er

gibt, scheint es nie so stark auf ihn gewirkt zu haben wie gerade

diesmal. Sah er mit anderen Augen? Wirkten die Erinnerungen, die

ihn mit dieser schönsten Stelle des Harzes verknüpften, verklärend?

Hörte er vielleicht als Echo den geliebten Namen, den er einst so

oft in diese Berge und Täler gerufen? Sah er sich wieder mit Fritz

von Stein auf den Steinen der Bode sitzen ... wer will es wissen?

Vor langen, langen Jahren hatte er einmal »im Rübelande«, hart unter

der Baumannshöhle, auf einer Brücke gestanden und in das eilig

dahinstürzende Wasser der »Bude« geschaut; damals trugen die Wellen

Grüße nach Weimar; jetzt stand er am »Hammer« in Thale, ruhig strömte

der Fluß in seinem niederen Geröllbett dahin, so ruhig und gelassen,

als ob es gar keine Eile, keine Aufregung gäbe, staute sich am Wehr und

wurde stiller, dunkler Spiegel. Die großen, dunklen Dichteraugen sahen

und begriffen es: Abbild des Lebens, das verrauscht und stille wird wie

dieser Fluß.

Da rief ein Klang ihn, kam von irgendwo: »Lebe tausendmal wohl!« Wem

hatte einst der Abschiedsgruß gegolten? Erinnerung stöhnte auf. Da war

sie wieder, die schlanke Silhouette, die er nicht vergessen konnte,

da das schmale Gesicht, da der Blick der heißen Frauenaugen, da das

Lächeln, das wehrlos machte ... Vorbei, vorbei! Jetzt saß im Fenster

an der Ackerwand, zu dem er so oft hinaufgebetet hatte, eine alte Frau,

vergrämt und verbittert, und sann verlorenem, verspieltem Glücke nach

... eine fremde Frau, die nicht ihn und die nicht er verstand. Sie

wohnten beide längst auf anderen Sternen. Und da quälte ihn der Klang

im Ohr, und er wandte sich.

Über Ballenstedt, Aschersleben, Cönnern ging's wieder nach Halle

zurück. Im Wagen lärmte der halbwüchsige August. Noch einmal wurde

Lauchstädt kurze Station. Dann aber konnte Christiane, freudestrahlend,

wieder Vater und Sohn umfangen. Und da war auch Goethes letzte

Harzreise aus.

An der Stelle aber, wo sein Auge zum letzten Male jenes

unvergleichliche Panorama, das Roßtrappe und Hexentanzplatz mit dem

Bodetal zusammen bilden, umfangen hat, steht ein Stein. Man sieht ihn

nicht, denn er ist nicht sichtbar. Es ist ein imaginärer Stein. Manche

sehen die Worte, die darauf stehen. Auch sie lauten: +Genio huius loci!+

* * * * *

Für uns aber gilt, was Goethe einmal -- drei Jahre später -- an die

Malerin Caroline Bardua schrieb: »Der Brocken wird noch eine Weile

auf seinen Füßen stehen bleiben, und die Spur des Roßtritts auch

nicht so bald verlöschen ...« Nein, so bald nicht, und mit ihnen wird

die Erinnerung an Goethe dauern, dem sie Erschütterung und tiefstes

Erlebnis gewesen.

Ilmenau

Goethe-Worte geleiten nach Ilmenau: »Es entfaltet sich ein

Trieb, alles, was von der Vergangenheit herauszuzaubern wäre, zu

verwirklichen. Die Sehnsucht wächst, und, um sie zu befriedigen, wird

es unumgänglich nötig, an Ort und Stelle zu gelangen, um sich die

Örtlichkeit wenigstens anzueignen.«

* * * * *

Und nun gelangt man an Ort und Stelle. Langsam klettert der Zug

bergauf. Der sanfte Frühlingstag, der Weimar noch in goldener

Verklärung zeigte, wandelt sich gemach in Grau. Die linden Lüfte sind

hier noch nicht erwacht. Wolken drängen dunkel übers Gebirge, Wind

wirft Regen an die beschlagenen Scheiben ... noch ist es früh im Jahr,

noch nicht Mai. Die warme Sonne um Goethes Gartenhaus, der Veilchenflor

»auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal« waren nur holder Trug. Kaum,

daß ein leichter grüner Hauch, der hier und da die kalten Hänge

übertuscht, daran erinnert. Fröstelnd steht man am Fenster und schaut

in die trübe Landschaft.

Aus feuchten Nebeln taucht Elgersburg. Hoch thront auf steilem

Bergkegel das Schloß: Mittelalter, das phantastisch in unsere Zeit

ragt. Und die erste Goethe Erinnerung meldet sich. »Auf Wizlebens

Felsen, die herrlich sind,« hat Goethe am 8. August 1776 an Frau von

Stein, die ihn wenige Tage zuvor im nahen Ilmenau besucht hatte, jene

berühmten Verse süßester Liebesschwermut geschrieben:

Ach wie bist du mir,

Wie bin ich dir geblieben!

Nein an der Wahrheit

Verzweifl ich nicht mehr.

Ach wenn du da bist,

Fühl ich, ich soll dich nicht lieben,

Ach wenn du fern bist,

Fühl ich, ich lieb dich so sehr.

Und dann kommt Ilmenau. Es hat aufgehört, zu regnen, die Berge dampfen.

Die dünnen Bäume vor dem Bahnhof zaust der Sturm. »Anmutig Tal! du

immergrüner Hain!« singt Goethe ... der trübe Tag zeigt nichts davon.

Nur ab und zu steht hinter freier Gasse, regennassen Dächern groß die

dunkle »Sturmheide«, in deren Tannen sich die letzten Gassen Ilmenaus

verlieren, Bergluft weht, und einmal rauscht irgendwo ein Wehr. Das

ist die Ilm! sagt man sich. Aber man sieht sie nicht, findet sie auch

nicht. Uraltes Gemäuer führt den Fremdling irre, winkelt ihn immer

wieder aufs neue ein.

»Hier hat Goethe 1831 seinen letzten Geburtstag verlebt,« meldet eine

unscheinbare Tafel am »Goldenen Löwen«. Sie ist unter den Fenstern

des Zimmers angebracht, das er damals bewohnt hat ... damals. Ein

Jahrhundert fast ist darüber hingegangen, Throne sind gebrochen, Nord

und West und Süd zersplittert, aus einer grauenhaft verwandelten Welt

blickt der Enkel, der Erbe nun in diese selige Vergangenheit. Und aus

dem Zwielicht der engen, altertümlichen Gaststube lösen sich heimliche

Schatten und leisten dem einsamen Gast Gesellschaft.

* * * * *

Mai 1776. In Weimar läuft die Meldung ein, daß es in Ilmenau brennt.

Von einem Husaren begleitet jagt Goethe noch nachts hinüber. Kurz und

bündig das Tagebuch: »d. 3. Nach Ilmenau. Brand.« Mitteilsamer die

Briefe, die tags darauf an den Herzog und Frau von Stein abgehen. Sie

umschreiben in wenigen Worten das große seelische Erlebnis, das dieser

erste zufällige Besuch Ilmenaus für ihn bedeutete und das ihn für immer

an die arme Bergstadt ketten sollte ... »Um diese Zeit sollt ich bey

Ihnen seyn,« schreibt er an die geliebte Frau, »sollte mit bey Kalbs

essen und sizze aufm Thüringer Wald, wo man Feuer löscht und Spizbuben

fängt.« -- Und in dem Bericht an den Herzog: »Bey der Gelegenheit, zieh

ich von manchem Erkundigung ein, habe traurig die alten Ofen gesehen.

Aber die Gegend ist herrlich, herrlich!«

Das Feuer war bald gelöscht, und auf die »Spizbuben« fahndeten die

Husaren weiter. Goethe aber locken »Erdgeruch und Erdgefühl« trotz

Sturm und Regen unwiderstehlich in die Berge. Auf einsamster Wanderung

denkt er in »rastloser Liebe« der Frau im fernen Weimar, der er sich

in wunderlichem Schicksal aus »abgelebten Zeiten« her so eng verbunden

fühlt wie keiner Frau jemals zuvor:

Dem Schnee, dem Regen,

Dem Wind entgegen,

Im Dampf der Klüfte,

Durch Nebeldüfte,

Immer zu! Immer zu!

Ohne Rast und Ruh!

Wie soll ich fliehen?

Wälderwärts ziehen?

Alles vergebens!

Krone des Lebens,

Glück ohne Ruh,

Liebe, bist du!

Und sie schreibt gleichzeitig an Zimmermann, den Freund und Arzt:

»Jetzt nenn ich ihn meinen Heiligen und darüber ist er mir unsichtbar

worden, seit einigen Tagen verschwunden, und lebt in der Erde fünff

Meilen von hier im Bergwercke.«

* * * * *

Die alten Öfen, das Bergwerk -- das hat Goethe neben den Offenbarungen

der Natur an das bescheidene Städtchen gefesselt. Seit Jahr und Tag

lag das alles brach. 1739 waren die Gruben bei einem Deichdurchbruch

»ersoffen«, und der Wohlstand, den sie Ilmenau gebracht, hatte sich

in Armut und bittere Not gewandelt. Nun besuchte Goethe, schon

damals leidenschaftlich bemüht, in den Tiefen der Erde »der großen

formenden Hand nächste Spuren« zu entdecken, gerne, als Wink des

Schicksals betrachtend, die verlassenen Werke, war »auf den Hämmern«,

stand grübelnd immer wieder vor den verwahrlosten Öfen des toten

Silberbergwerks. Mitleidig dachte er der notleidenden Bevölkerung,

der »armen Maulwürfe«, die hier auf eigene Faust in der Erde, in den

Klüften und Schlüften der Sturmheide herumkrochen und doch von dem

kargen Ertrag kaum ihr Leben fristen konnten ...

[Illustration: Ilmenau

Blick auf den Marktplatz mit Schloß und Rathaus]

Im Juli 1776 trat dann auf seine Berichte hin in Weimar eine

»Bergkommission« zusammen, der er selbst angehörte und deren Aufgabe

die Wiederbelebung des Ilmenauer Bergwesens war. Damit begann für das

arme Ilmenau eine kurze Epoche neuen Glanzes, neuen Wohlstandes.

Der Herzog, von Goethe für die Idee gewonnen, weilte oft in Ilmenau,

höfisches Leben brachte bescheidenen Prunk, Jagden erfüllten die

stillen Berge mit frohem Lärm.

Von dieser Zeit träumt Ilmenau noch heute.

* * * * *

[Illustration]

Träumt Ilmenau noch heute. Denn es ist, trotz Glasindustrie und

Technikum, eine tote Stadt. Leben bringt immer erst der Sommer, bringen

erst die Fremden. Sie wohnen in den Villen am Waldrand. Dann wird

die Lindenstraße, die »Allee«, die noch, als Goethe zum erstenmal

nach Ilmenau kam, recht und schlecht der »Endleich« hieß und ein

elender kahler Fahrweg war, Kurpromenade, -- harmlos genug: ein paar

Konditoreien, ein Café mit Terrasse, ein paar hübsche blanke Läden,

das ist alles. Immer aber schwebt über dem Heute geisterhaft der Hauch

des Gestern. Noch steht dem »Goldenen Löwen« gegenüber, unwirsch in

die Häuserzeile gezwängt, ein Turm des alten Endleichstores. Die

alten Wappen schauen verdrießlich in die neue Zeit. Noch steht der

»Löwe« selbst mit seiner wettergrauen Front genau so behäbig da wie

damals, als Goethe hier gewohnt, noch Knebels Haus mit seiner langen

Fensterreihe, noch, am Ende der Allee, der Gasthof zur Tanne, an dem

die Ilm vorüberströmt und jetzt das »Bad« beginnt ... und da ist auch,

ein paar Schritte den Fluß hinauf, der »Felsenkeller«. Eine Inschrift

am Giebel erzählt, daß dieses »Etablissement« 1811 erbaut worden ist

»zu Nutz und Frommen der ehrsamen Bürger Ilmenaus«. Oder so ähnlich.

Das Ganze, mit Saal, Logierhaus, Ausspann und Brücke, ein Stich der

Zeit. Nur die Staffage fehlt, die diese Stiche immer haben: die gelbe

Postkutsche, die schweren Landauer, die Herren und Damen im Kostüm der

zwanziger Jahre. Das muß die Erinnerung dazu geben.

Sie gibt es dazu. Sie begleitet auf Schritt und Tritt. Der Fuß Goethes

hat Weg und Straße hier geadelt in alle Ewigkeit. Sein Wesen wirkt

geheimnisvoll in Stein und Baum und Welle, und die Luft, die man atmet,

ist süß und rein wie die in Weimar und Tiefurt -- ob nun die Sonne

goldenen Glanz über die alten Gassen streut, Wind sie durchbraust,

Regen graue Schleier spinnt, Schnee die Stadt in weiße Stille bettet ...

* * * * *

Und so wandert man an einem Morgen in die Berge. Hinauf zum Gickelhahn.

Noch immer scheint die Sonne nicht, kalter Wind weht, der Himmel ist

grau, und »die Täler dampfen alle an den Fichtenwänden herauf« --

wie Goethe am 22. Juli 1776, zum zweitenmal in Ilmenau, an Charlotte

schreibt. Denn trotz des Sommers hat auch er damals unholdes Wetter

gehabt. Mit dem Herzog zusammen war er nach Ilmenau gekommen. »Wir sind

hier und wollen sehen, ob wir das alte Bergwerk wieder in Bewegung

setzen,« heißt es in einem Briefe an Merck; »Du kannst denken, wie

ich mich auf dem Thüringer Wald herum zeichne; der Herzog geht auf

Hirsche, ich auf Landschaften aus, und selbst zur Jagd führ ich mein

Portefeuille mit.«

Zeichnen war damals seine Leidenschaft. Es gab dem verstörten Herzen,

das sich in Sehnsucht nach der geliebten Frau, nach der Gewissheit

ihrer Neigung fast verzehrte, wenigstens für Augenblicke Trost und

Ruhe. »Ich hab auf der andern Seite angefangen was zu zeichnen ...«

beginnt der erste Brief, den er in diesen Tagen einsamen Waldlebens an

Charlotte schickt, fährt jedoch fort: »sehe nur aber zu wohl, daß ich

nie Künstler werde.« Und auf der Rückseite einer dieser Zeichnungen,

einem Blick in die nebelbrodelnden Täler, stehen die resignierten Verse:

»Ach, so drückt mein Schicksal mich,

Daß ich nach dem unmöglichen strebe.

Lieber Engel, für den ich nicht lebe,

Zwischen den Gebürgen leb ich für dich.«

Daneben aber meldet das Tagebuch: »Nach Stützerbach mit Einsiedel ...

Der Herzog kam, die Gesellschaft auch. Wirtschaft bei Glasern.« Und

dort, in Stützerbach, ging's lustig genug her, -- vielleicht, daß

Goethe in der »Studentenfidelität«, die sich, nach Aufzeichnungen

des Ober-Berghauptmanns v. Trebra aus jenen Tagen, dort mittags und

abends nach Jagd und Stollenbesichtigungen an des jungen, lebensfrohen

Herzogs Tisch entwickelte, für seine Liebesschmerzen flüchtiges

Vergessen fand ... das Gundelachsche Haus in Stützerbach, wo Goethe

und Carl August immer gewohnt haben, erzählt noch jetzt davon; der

»tollen Späße mit dem Glasmann Glaser« entsinnt sich noch, behaglich

lächelnd, der alte Goethe in Unterhaltungen mit dem Kanzler v. Müller.

»Glaser und leichtfertige Mädels«, »Glasern sündlich geschunden, mit

den Bauernmädels getanzt«, »Tagsüber Thorheiten« und so ähnlich heißt

es damals immer wieder im Tagebuch. Und im September 1776 schreibt

er, nach einem dritten Aufenthalt in Ilmenau, aus Eisenach mit naiver

Offenheit an Frau v. Stein: »In Stützerbach tanzt ich mit allen

Bauernmädels im Nebel und trieb eine liederliche Wirtschaft bis Nacht

eins ...«

* * * * *

Und langsam steigt der Weg. Goethe-Stimmung webt zwischen den Felsen,

den uralten Baumriesen ... der »immergrüne Hain«, der leise Regen, der

Dampf, der aus den Klüften quillt -- alles wie damals im Juli 1776.

Nur den Schnee, der zuerst noch leicht wie Watte im Dunkel des Waldes

liegt, dann an den Hängen sich wie lange weiße Laken dehnt, gibt der

rauhe Apriltag dazu. Faust-Verse klingen auf, der Osterspaziergang:

Der alte Winter, in seiner Schwäche,

Zog sich in rauhe Berge zurück.

Von dorther sendet er, fliehend, nur

Ohnmächtige Schauer körnigen Eises

In Streifen über die grünende Flur ...

Die grünende Flur? Ja, Knospendrang auch hier. In den Bäumen, den

Büschen, der dunklen Erde gärt geheimnisvoll der Frühling, schon

springt trotz Schnee und Eis allenthalben aus schwankem Ast das erste

Grün, die schwarzen Tannen tragen festlich helle Spitzen. Und durch das

Brausen des Windes klingt unablässig das süße, das unbeholfene, das

inbrünstige Gestammel der Vögel.

Gabelbach. An den grauen Schindeln des Jagdhauses zerrt der Sturm. Ein

Schuß klatscht hart in die gespenstische Einsamkeit. Nebel erstickt

ihn. Man denkt der toten Zeit, da hier Carl August nach der Jagd in

froher Tafelrunde gezecht, später der Hof aus Weimar bescheidene

Sommerfreuden gesucht. Jetzt liegt das kleine Haus verlassen da, hinter

den geschlossenen Fensterläden wohnt im Dunkel bei alten Bildern und

Jagdtrophäen alleine die Erinnerung.

Und immer wilder, immer unwirklicher wird die Szenerie. Die Erde

schwankt, wandelt sich in Dunst und fliehende Wolke. Irgendwo in nahen

Wipfeln wühlt der Sturm, tobt wie stürzender Gewitterregen, abgerissene

Äste, ganze Baumkronen sausen hart an dem Wanderer vorbei, der Boden

ist mit Tannenzapfen übersät. Aber man sieht sie nicht, diese Wipfel.

Man sieht überhaupt nichts. Alles überbrandet ein milchiges Meer.

Und atemheiß kämpft man sich vorwärts »im Dampf der Klüfte, durch

Nebeldüfte, immer zu, immer zu!«

Aber dann ist man auf einmal da. In jäher Biegung krümmt sich der Weg,

an Abgrund und starrendem Fels vorbei, zur letzten Höhe. Tannen steigen

steil und finster aus dem geisterhaften Zwielicht, Gebüsch umkraust

verwitterte Stufen ... der Gickelhahn! Um das Goethehäuschen braust der

Wind.

* * * * *

Das erste Zettelchen, das von hier nach Weimar geflattert, erzählt:

»Hoch auf einem weit rings sehenden Berge. Im Regen sizz ich hinter

einem Schirm von Tannenreisern. Warte auf den Herzog, der auch

für mich eine Büchse mit bringen wird.« Eine um so größere Rolle

spielt in diesen frühen Aufzeichnungen dafür die »Höhle unter dem

Hermannstein«. Zu ihm springt der Weg über Wurzelwerk und sturmverwehte

Zweige, Felstrümmer und gestürzte Bäume, im halbvertauten Schnee kaum

kenntlich. Es ist ein beschwerliches Wandern. Nebelschwaden werden

vorbeigerissen, der Wind wirft Wolkenfetzen in das Tannendunkel ...

ein wirrer Schattenreigen, der in nichts zerstäubt. Wie Klagerufe

ächzt und stöhnt es durch den Wald. Dann aber steht man plötzlich vor

einem mächtigen Fels ... ein Ungetüm, das Urgewalten aus der Erde

drängten. Das Auge, das staunend an den zerrissenen Wänden in die Höhle

klettert, schwindelt. Die letzten Zacken findet es nicht mehr. Sie

schwimmen im Nebel.

»Hier im Stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten ...« Zwei

kleine grüne Eisentafeln, neben der dunklen Höhle in die Felswand

eingelassen, von Flechten überwuchert, vom Rost schon halb zerfressen,

erzählen davon.

»Was ich leugnend gestehe und offenbarend verberge,

Ist mir das einzige Wohl, bleibt mir ein reichlicher Schatz.

Ich vertrau es dem Felsen, damit der Einsame rathe,

Was in der Einsamkeit mich, was in der Welt mich beglückt --«

lautet die eine. Und die andere:

»Felsen sollten nicht Felsen und Wüsten Wüsten nicht bleiben,

Drum stieg Amor herab, sieh, und es lebte die Welt.

Auch belegte er mir die Höhle mit himmlischem Lichte,

Zwar der Hoffnung nur, doch ward die Hoffnung erfüllt!«

Sie ward ihm erfüllt, die Hoffnung. Der Sehnsuchtsruf, in banger

Herzensnot hier in der Höhle, seinem »geliebten Aufenthalt«, aufs

Papier gestammelt, fand bereites Echo. »Wenn Du nur einmal hier seyn

könntest, es ist über alle Beschreibung und Zeichnung,« schreibt er an

Charlotte, die damals, nicht allzu fern, in Meiningen weilte. Und sie

kam. In einem Brief vom 2. August Goethes Jubelschrei: »Liebe, Du gibst

mir ein neues Leben, daß Du wieder kommst. Ich kann Dir nichts sagen.

Den Herzog freuts. Addio.« Die alten Fichten rauschten verschwiegenen

Liebesstunden. Keiner von beiden hat je darüber gesprochen, der stumme

Fels das Geheimnis gewahrt. Nur ein Brief an Herder vom 9. August

enthält die Andeutung: »Einen ganzen Tag ist mein Aug nicht aus dem

ihrigen kommen, und mein gnomisch verschlossen Herz ist aufgetaut.«

Und der Geliebten gesteht er: »Deine Gegenwart hat auf mein Herz eine

wunderbaare Würckung gehabt, ich kann nicht sagen wie mir ist! mir ist

so wohl und doch so träumig.« Mit Meißel und Hammer steigt er wieder

zum Hermannstein hinauf, und an der Stelle, wo Charlotte »sich bückte

und ein Zeichen in den Staub schrieb«, schlägt er ein großes S in das

harte Gestein der Höhlenwand ...

Vier Jahre später, als Goethe wieder in den geliebten Bergen

herumstreifte, ist er auch wieder in der Höhle gewesen. »Ich bin in

die Hermannsteiner Höhle gestiegen,« schreibt er an Charlotte, »an

den Plaz, wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch

wie von gestern ausgezeichnet steht, geküßt und wieder geküßt, daß

der Porphyr seinen ganzen Erdgeruch ausathmete, um mir auf seine Art

wenigstens zu antworten. Ich bat den hundertköpfigen Gott, der mich so

viel vorgerückt und verändert und mir doch Ihre Liebe, und diese Felsen

erhalten hat; noch weiter fortzufahren und mich werther zu machen

seiner Liebe und der Ihrigen.«

Die Liebe Charlottens zerbrach. Das S, das sie, getreu dem Tagebuch,

als »Sonne« pries, hat die Zeit getilgt. Nun tropft das Wasser rings

gleich Tränen von den Wänden, und um die Höhle, wo einst der Juliwind

die Liebenden in süßen Traum gewiegt, heult der Sturm. Faust-Stimmung.

»Erhabner Geist, du gabst mir, gabst mir alles, worum ich bat ...« Die

Worte, hier einst gefunden und geformt, werden zu Gebet, der »Vorwelt

silberne Gestalten« bevölkern Wald und Höhle.

* * * * *

Die Jagd, die Bergwerksgeschichten, das mißliche Geschäft der

Rekrutenaushebung führten Goethe nun oft nach Ilmenau. Der

Schwalbenstein, ein steiler Fels am Südabhang der »Sturmheide«, schenkt

ihm den 4. Akt der »Iphigenie«, die Stadt die Szenerie für vieles im

»Wilhelm Meister«, an dem er in diesen Jahren arbeitet. Und immer

begleitet ihn das Bild der Geliebten: Iphigenie trägt ihre Seelenzüge.

[Illustration]

Im Frühherbst 1780 ist er wieder einmal auf dem Gickelhahn. Ganz

allein. In Weimar feiern sie den Geburtstag des Herzogs mit Ball und

Illumination. Vor dem »Geschwirre der Menschen« ist er geflohen.

Unterkunft gewährt die unscheinbare Jagdhütte, die verloren auf dem

letzten Gipfel des Berges steht.

»Auf dem Gickelhahn,« schreibt er an Frau von Stein, »dem höchsten Berg

des Reviers, den man in einer klingendern Sprache Alecktrüogallonax

nennen könnte, hab ich mich gebettet, um dem Wust des Städgens, den

Klagen, dem Verlangen der Unverbesserlichen, Verworrenheit der Menschen

auszuweichen ... Es ist ein ganz reiner Himmel und ich gehe, des Sonnen

Untergangs mich zu freuen. Die Aussicht ist groß, aber einfach.« Und

viele Tage später, am 16. Oktober, längst wieder in Weimar, an die

Marchesa Branconi, die »schöne Frau«: »Ihr Brief hätte nicht schöner

und feierlicher bei mir eintreffen können. Er suchte mich auf dem

höchsten Berg im ganzen Lande, wo ich in einem Jagdhäuschen, einsam

über alle Wälder erhaben und von ihnen umgeben, eine Nacht zubringen

wollte.«

An diesem Abend ist »Wandrers Nachtlied« entstanden. Auf die Berge in

der Runde legte die Sonne letzten Glanz, aus den Tälern stiegen hie und

da »einige Vapeurs von den Meulern«. Die Welt ging schlafen. Eine ferne

Erinnerung sprach von Ettersburg. »Süßer Friede, komm, ach komm in

meine Brust!« hatte er da einst, über Weimar brannten blaß die Sterne,

den Himmel angefleht. Nun ward ihm hier Erfüllung seiner Sehnsucht. Mit

Bleistift hat er die Verse auf die Bretterwand geschrieben. Ergriffen

steht man vor der verwitterten Inschrift. Auch sie atmet Ruhe und

Vergessen, bringt den Frieden.

Ȇber allen Gipfeln

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

D. 7. September 1780. Nachtlied.«

Das Häuschen ist nicht das alte, die Inschrift ist Kopie. In den

siebziger Jahren ist es abgebrannt. Das Stückchen Holz, auf dem

die Verse standen, haben die Flammen verschont, das Frankfurter

Goethe-Museum birgt den Schatz. Aber man hat alles genau so wieder

aufgebaut wie es war. Und wer da reines Herzens ist, der spürt hier

bis in die tiefste Seele hinein den Geist Goethes, der einst die arme

Hütte, die Stätte, wo sie steht, für immer geweiht hat.

[Illustration:

_Über allen Gipfeln

Ist Ruh_

]

Nur noch ein einzigesmal ist Goethe hier oben gewesen. Das war im

August 1831, volle fünfzig Jahre später, und der Dreißigjährige, der

dort einst, in schwermütiger Abendstimmung, »Wanderers Nachtlied«

gedichtet, war ein Greis geworden. »Freundlich veranstalteten

Festlichkeiten ausweichend,« wie er an Amalie von Levetzow, die Mutter

Ulrikens, schreibt, war er nach Ilmenau gefahren, um in Stille seinen

82. Geburtstag zu verleben. Längst war es um ihn öde und leer geworden.

Von allen, mit denen er einst hier frohe Stunden verbracht hatte, lebte

nur noch Knebel, der jetzt, seit langem schon, in Jena wohnte. All die

anderen waren gestorben. So schreckten die Erinnerungen, und »um die

Vergangenheit,« wie es in einem Briefe an den Grafen Reinhard heißt,

»durch die Gegenwart des Herankommenden auf eine gesetzte und gefaßte

Weise zu begrüßen«, hatte er die beiden Enkel, »die jungen Wesen«,

mitgenommen.

Mit dem Ilmenauer Bergrat Mahr fuhr er zusammen nach dem Gickelhahn

hinauf. Es war ein heiterer Sommertag, und um die Berge blaute

still und klar der Himmel ... die ganze Landschaft ein Abglanz der

abgeklärten Seele, die hier nach Menschenaltern vergessenes Glück,

vergessenes Leid beschwören, Abschied nehmen wollte von ihrer Jugend.

»Über allen Gipfeln ist Ruh« -- erinnerungsversunken stand der

Achtzigjährige vor den verblaßten Bleistiftzeilen, die das morsche

graue Holz kaum noch erkennen ließ, und während Tränen ihm das große,

das zeitlose Auge verdunkelten, sprach er leise vor sich hin: »Ja,

warte nur, balde ruhest du auch!«

Er hat dann, wie er acht Tage später Zelter in einem Briefe erzählt,

die Inschrift »rekognosziert«: die Greisenhand hat die fast unleserlich

gewordenen Buchstaben nachgezogen und darunter gesetzt: »Renov. den 28.

August 1831.«

So liest man es jetzt mit verhaltener Rührung.

* * * * *

Über Kammerberg und Manebach zurück nach Ilmenau. Aus Sturm und Regen

ist ein sanfter, silberner Frühlingsnachmittag geworden. Die feuchte

Erde duftet, es rauscht die Ilm.

Schattenspiel um Goethe · 第 3 / 14 段