Briefe, vor allem auf die Briefe an Charlotte von Stein, angewiesen.
Wie schön fügt sich, geht man erst einmal an diese »Arbeit« heran,
ein Steinchen ans andere, um schließlich das wunderbare Mosaik zu
ergeben, das Goethes Leben gerade in dieser strahlenden, von Jugend,
Liebe, Sehnsucht wirr verklärten Zeit, tausendfarbig auf Goldgrund
widerspiegelt! Tag schließt sich an Tag, Woche an Woche, Jahr an
Jahr, und über allem steht in milde schimmernder Gloriole: »Alles um
Liebe.« Und da steigen dann auch, geweckt vom Willen zur Hingabe, aus
der Vergessenheit die Epochen herauf, um die bisher ungewissestes
Zwielicht zitterte. »Goethe im Harz« -- solange eine Formel, die wenig
oder nichts besagte und höchstens diesen oder jenen einmal zu den
Gedichten greifen ließ, um dort die »Harzreise im Winter« nachzulesen
-- diese erstarrte Formel wird zu leidenschaftdurchglutetem Leben, das
Stumme gewinnt Sprache und zieht den Freund der deutschen Landschaft
in ähnliche Zauberkreise wie Anspruchsvollere die Schilderung der
Italienischen Reise.
[Illustration]
* * * * *
Es war Ende November 1777. Weimar lag bereits im Winterschlaf. Da
unternahm der Herzog eine Jagd auf wilde Schweine im Eisenachschen.
Goethe, über die erste wilde Zeit in Weimar schon längst hinaus und
Charlotte von Stein, der »lieben Frau«, bereits ganz hingegeben,
stand der Sinn nach anderem als lautem Jagdvergnügen; er hatte einen
»wundersamen geheimen Reiseplan«, erwirkte sich kurzen Urlaub und
wollte erst später wieder mit der Jagdgesellschaft zusammentreffen. Ihn
bekümmerten nämlich -- wie er selbst mehr als vierzig Jahre später in
der »Campagne in Frankreich« erzählt -- Briefe eines jungen Theologen
aus Wernigerode, eines gewissen Plessing, den tiefste seelische Nöte
quälten und der sich an Goethe, den berühmten Dichter des »Werther«,
um Hilfe gewandt hatte. Ihn wollte er besuchen. Gleichzeitig wollte er
einmal das Harzer Bergwesen aus eigener Anschauung kennen lernen, um
das, was er dort sehen würde, nutzbringend für das in Verfall geratene
Bergwerk in Ilmenau, das wieder in Gang gebracht werden sollte, zu
verwenden. An diese »Reise auf den Harz« hatte er schon lange gedacht,
jetzt verwirklichte er sie.
Am 29. November bricht er auf, »in wunderbaar dunckler Verwirrung«
seiner Gedanken, wie er an Frau von Stein schreibt. Weitere Briefe
an diese, sein »lieb Gold«, das Tagebuch und die schon erwähnte
nachträgliche, allerdings nicht ganz genaue Beschreibung des
Besuchs bei Plessing in Wernigerode aus der »Campagne« geben ein
fast lückenloses Bild dieser ersten Harzreise, das noch ergänzt
wird durch die literarische Erklärung des Gedichts »Harzreise im
Winter«, die Goethe 1821 im 3. Band von »Kunst und Altertum« auf den
Kannegießerschen Deutungsversuch hin veröffentlichte.
Ein »bizarres Abenteuer« nennt er selbst in dieser Erklärung die Reise,
und bizarr genug war sie. Ganz alleine reitet er los, in Nacht und
Schnee hinein, immer in stiller Seelenzwiesprache mit der geliebten
Frau, die an allem teilnehmen muß; heißt Weber, ist ein Maler, hat
Jura studiert, beträgt sich höflich gegen jedermann und ist überall
wohl aufgenommen, hat auch bisweilen Heimweh. Notizbuchblätter, in
heftigstem Mitteilungsdrang den Briefen schnell noch nachgesandt, geben
die Stationen im einzelnen an: Nordhausen, Sachswerben, Ilefeld sind
die ersten. Im regnerischen Elbingerode, hoch zwischen Rübeland und
Dreiannenhohne gelegen, formen sich die ersten Verse des unsterblichen
Gedichts:
»Dem Geier gleich,
Der, auf schweren Morgenwolken
Mit sanftem Fittich ruhend,
Nach Beute schaut,
Schwebe mein Lied!«
Der Besuch der Baumannshöhle, in der er bei Fackellicht bewundert, wie
die »schwarzen Marmormassen, aufgelöst, zu weißen kristallinischen
Säulen und Flächen wiederhergestellt« sind, läßt ihn das Begonnene,
wieder ans Tageslicht zurückgekehrt, »mit ganz frischem Sinn«
fortsetzen ... auf Klippen sitzt er herum und zeichnet und dichtet.
Und schreibt inzwischen nach Weimar, als ob er in der Einsamkeit
der Harzberge sich so recht besonnen hätte: »Ich hab' Sie wohl sehr
lieb.« Träumt von der Grünen Stube, träumt von heimlicher Stunden
verschwiegenem Glück, und ein Handschuh Charlottens, heimlich auf
die Reise mitgenommen, muß ihm den Duft der geliebten Frau vor die
sehnsüchtig erregten Sinne zaubern ...
[Illustration]
Dann, am 3. Dezember ist er in Wernigerode, bei Mr. Plessing. Die
köstliche Erzählung dieses abendlichen Besuchs in der »Champagne«
deutet reizvollst den »damaligen liebevollen Zustand seines Innern«;
das Abenteuerliche -- Goethe gibt sich nicht zu erkennen, hört sich
selbst aus Plessings Munde seines Schweigens wegen anklagen, muß sich
gleichsam selbst entschuldigen, lüftet aber trotz alledem nicht die
behagliche Maske -- verleiht dem Ganzen die Spannung einer Novelle,
und die winkligen Gassen Wernigerodes tief im Schnee, darüber der
sternenklare Winterhimmel, ergeben ein Bild von bezauberndem Reiz! Daß
Goethe den armen Plessing nun im Stiche läßt, ihn nicht mehr am andern
Tage wieder aufsucht, sondern fortreitet, ist wieder ganz er selbst.
Für ihn war die Sache eben abgetan. Wie tief er aber doch die flüchtige
Episode seelisch empfand, das bezeugt die Fortsetzung des Gedichts:
»Ist auf deinem Psalter,
Vater der Liebe, ein Ton
Seinem Ohre vernehmlich,
So erquicke sein Herz!
Öffne den umwölkten Blick
Über die tausend Quellen
Neben dem Durstenden
In der Wüste!«
Und das Notizbuch registriert weiter: Ȇber Ilsenburg auf Goslar.
Bei Schefflern eingekehrt. Ingrimmig Wetter.« Die Briefe ergänzen:
»Ein ganz entsezlich Wetter hab ich heut ausgestanden. Was die Stürme
für Zeugs in diesen Gebürgen ausbrauen ist unsäglich, Sturm, Schnee,
Schloßen, Regen, und zwey Meilen an einer Nordwand eines Waldgebürgs
her ...« In Goslar aber ist er »wieder in Mauern und Dächern des
Alterthums versenckt«. Von den Harzbewohnern sagt er: »Wie sehr
ich wieder, auf diesem dunklen Zuge, Liebe zu der Klasse Menschen
gekriegt habe, die man die niedere nennt, die aber gewiß vor Gott die
höchste ist. Da sind doch alle Tugenden beisammen, Beschränktheit,
Genügsamkeit, grader Sinn, Treue, Freude über das leidlichste Gute,
Harmlosigkeit, Dulden, Ausharren.« Er besucht die Bergwerke am
Rammelsberg, die Hüttenwerke an der Oker, fährt in Klausthal in die
Gruben ein, wo er beinahe von herabstürzender Wacke erschlagen wird. Er
empfindet es als seltsam, »aus der Reichsstadt, die in und mit ihren
Privilegien vermodert, hier heraufzukommen, wo von unterirdischem Segen
die Bergstädte fröhlich nachwachsen« und schläft sich am 9. Dezember in
Altenau von all dem Erlebten der letzten Tage »unendlich« aus.
Nun jedoch, wo er sich immer »tiefer ins Gebürg gesenckt«, seine
Sehnsucht, den Brocken zu besteigen, der Erfüllung nahe ist, nehmen die
Briefe an Frau von Stein fast hymnischen Charakter an: »Was soll ich
vom Herren sagen mit Federspulen, was für ein Lied soll ich von ihm
singen? im Augenblick wo mir alle Prose zur Poesie und alle Poesie zur
Prose wird.«
[Illustration]
Am 10. Dezember erklimmt er den Brocken, vom Torfhaus aus, über Schnee
und Eis hinweg -- allein geleitet vom Förster aus dem Torfhaus. Das
Notizbuch meldet: »Was ist der Mensch daß du sein gedenkest.« Es
war ein halsbrecherisches Unternehmen -- und war ein Erlebnis von
Ewigkeitswert. Nun lüftet er auch das Geheimnis, in dem er sich selbst
vor der geliebten Frau geborgen hatte, waren doch sogar alle Briefe an
sie ohne Ortsangabe gewesen! »Ich will Ihnen entdecken (sagen Sie's
niemand), daß meine Reise auf den Harz war, daß ich wünschte den
Brocken zu besteigen, und nun, Liebste, bin ich heut oben gewesen ...«
Über Klausthal, Andreasberg, Lauterberg, Duderstadt -- immer in
Nebel, Kot und Regen --, schließlich über Mühlhausen gelangt er am
15. Dezember, also nach reichlich vierzehn Tagen, nach Eisenach, wo
er die herzogliche Jagdgesellschaft vollzählig antrifft. Aber die
Jagd war aus, und zwei Tage später ist er schon wieder in Weimar.
Wo er das Gedicht vollendet hat, ist ungewiß, vielleicht noch
unterwegs, vielleicht auch erst in Weimar. Wie stark der Eindruck der
Brockenbesteigung aber gewesen sein muß, das gibt der psalmenartige
Schluß der »Harzreise im Winter« ergreifend wieder -- es ist, als ob
der Brockensturm darin sein uraltes Lied singt, vom leisen Säuseln bis
zum wütenden Orkan, es ist, als ob man die Donner einer Beethovenschen
Sinfonie hörte:
»Mit dem beizenden Sturm
Trägst du ihn hoch empor;
Winterströme stürzen vom Felsen
In seine Psalmen,
Und Altar des lieblichsten Danks
Wird ihm des gefürchteten Gipfels
Schneebehangner Scheitel,
Den mit Geisterreihen
Kränzten ahnende Völker.
Du stehst mit unerforschtem Busen
Geheimnisvoll offenbar
Über der erstaunten Welt
Und schaust aus Wolken
Auf ihre Reich und Herrlichkeit,
Die du aus den Adern deiner Brüder
Neben dir wässerst.«
* * * * *
Für die zweite Harzreise, im September 1783, sechs Jahre später
also, unternommen, fließen die Quellen spärlicher. Keine spätere
Aufzeichnung, nichts Dichterisches, kein Tagebuch legen Zeugnis davon
ab; wir sind allein auf die Briefe an Frau von Stein angewiesen. Nur
ein Bericht des Zellerfelder Oberberghauptmanns v. Trebra gibt noch
Ergänzungen.
[Illustration: Fritz von Stein
Statue von M. Klauer
in Schloß Tiefurt
]
Am 6. September tritt er die Reise an, diesmal mit Fritz von Stein,
Lottes Lieblingssohn, zusammen, den Goethe Anfang 1783 zu sich genommen
hatte und erzog. Es ist nicht recht ersichtlich, ob es anfangs eine Art
Dienstreise war und erst später zur Vergnügungsreise wurde, oder ob
Goethe sie unternommen hatte, um einmal, viel belästigt, wie er damals
war, auszuspannen und im Harz seinen geognostischen Liebhabereien zu
frönen. Er besuchte zunächst in Langenstein die Frau von Branconi,
die »schöne Frau«, wie sie allenthalben hieß, die er 1779 in Lausanne
kennen gelernt hatte. Sie war die Geliebte des Herzogs Carl Wilhelm
Ferdinand von Braunschweig. Frau von Stein war ein wenig eifersüchtig
auf sie, und Goethe neckt sie in einem Briefe, daß sie »immer Sturm und
leidig Wetter gemacht« hätte, solange er bei der schönen Frau gewesen
wäre ...
In Halberstadt will er dann die Herzogin erwarten, aber ein kleiner
Abstecher von zwei Tagen führt ihn und Fritz erst nach Blankenburg, von
wo aus sie bei schönstem Herbstwetter das Bodetal besuchen: »Wallfahrt
nach dem Rostrapp«. Goethe wünscht, daß Frau von Stein dabei gewesen
wäre, als er »mit Fritzen auf einem großen in den Fluß gestürzten
Granitstück« zu Mittag gegessen habe ... wie heimlich und reizend mutet
das an, wenn man selbst das Bodetal genau kennt und dort in frühen
Jahren selbst mit einem väterlichen Freunde auf den blankgewaschenen
Steinen herumgeklettert ist! Nun wird es ja zu Goethes Zeiten noch
etwas unwirtlicher ausgesehen haben, als in meinen Knabenjahren, und
einen »Waldkater«, wo man Forellen frisch aus der Bode essen konnte,
wird es auch noch nicht gegeben haben!
Tags drauf waren die beiden dann »im Rübelande«, haben die Marmorbrüche
und die Mühle besichtigt, Goethe hat, Erinnerungen auffrischend,
Fritz die Baumannshöhle gezeigt, und immer hat er Frau von Stein
an den schönsten Stellen »sehnlich« zu sich gewünscht ... »hier
im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten«, mag er nun
von uralter Steinbrücke herab auf das Dahinschießen des Wassers
gestarrt und kleinen Glitzerwellen Grüße aufgetragen haben nach dem
stillen Kochberg, oder mag er in manchem Felsen, mancher Klippe
»Gesellen« jenes Steins begrüßt haben, der im Garten am Stern über
seinem Lieblingssitze in den Rasenhang eingelassen war ... Denkmäler
des Glücks! Und nach kurzem zweiten Aufenthalt in Halberstadt, wo
inzwischen die Herzogin eingetroffen war, geht's dann im 17. September
nach Klausthal und Zellerfeld, wo Goethe sich »recht in seinem
Elemente« befindet; er freut sich, daß er mit seinen »Spekulationen
über die alte Kruste der neuen Welt« auf dem rechten Wege ist, und
»füttert sich mit Steinen an«. Am 21. September erklettern sie, vom
Oberberghauptmann von Trebra aus Zellerfeld geleitet, vom Torfhause aus
den Brocken; der alte Förster Degen vom Torfhaus erkennt Goethe, den
er 1777 durch Schnee und Eis auf den Brocken geführt hat. Er meint:
»Nun! da kommen Sie denn doch noch einmal, in einer besseren Jahreszeit
den Brocken zu besuchen,« und fährt fort: »Sie würden dorten, als Sie
mitten im Winter von mir begehrten, daß ich Sie auf den Brocken führen
sollte, mich mit allen Ihren guten Worten doch gewiß nicht beredet
haben, Ihr Führer zu sein, wenn nicht eben durch den gar zu starken
Frost eine harte Rinde über den tiefen Schnee gezogen gewesen wäre, die
uns tragen konnte.«
Nun, diesmal war der Aufstieg nicht so gefährlich und beschwerlich, und
»oben auf dem Gipfel auf den alten Klippen«, wo Goethe wohl die ersten
wirklichen Eindrücke für die Brockenszenerie des »Faust« empfing, hat
er sich nach Charlottes ferner Wohnung umgesehen und ihr »die Gedancken
der lebhafftesten Liebe« zugeschickt -- derweilen ihr Knabe, der Sohn
eines anderen und ihm doch lieb wie sein eigener, um ihn herumsprang.
Auch hier also: +Genio huius loci!+
Damit hatte die zweite Harzreise ihr Ende erreicht. Denn Göttingen,
wo Caroline Michaelis, die spätere Frau Schlegels und Schellings, ihn
flüchtig sah und sehr bewunderte, und Cassel, wo Goethe am Hof Besuche
machte, gehören nicht mehr hierher.
Und zum dritten: Ein Jahr später! Erholungs-, Dienst- und
Forschungsreise in eins. Denn Goethes geognostische Studien hatten
inzwischen immer festere Gestalt angenommen, waren aus früher Spielerei
zu ernster wissenschaftlicher Betätigung geworden: der Geist, der
alle Gründe und Abgründe des Seins durchdrang, rätselte am Realsten,
Gegenständlichsten, am Boden der alten Mutter Erde.
Hofrat Kraus war diesmal der Begleiter, Georg Melchior Kraus, auf
Goethes Betreiben, der ihn schon 1769 in Frankfurt a. M. kennengelernt
hatte, seit 1780 Direktor der neu gegründeten Weimarer Zeichenschule.
Er sollte das, was Goethe auf dieser dritten Harzreise interessant
dünkte, im Bilde festhalten, und durch die Zeichnungen von Kraus, die
leider bis auf wenige, die in einem Werke Trebras veröffentlicht sind,
unzugänglich sind, erhält diese Reise noch mehr wissenschaftlichen
Charakter.
Diesen bezeugt auch das ernsthaft geführte »Geognostische Tagebuch der
Harzreise«. Hauptquelle sind aber auch hier die Briefe an Frau von
Stein, diese unerschöpflichste Fundgrube, und diese Quelle ist diesmal
besonders interessant, weil das Verhältnis zwischen Goethe und Lotte
von Stein sich schon dem Punkte näherte, wo es kein Darüberhinaus mehr
gab; der Siedepunkt war so gut wie erreicht, und das unsagbar herrliche
Gedicht, das Goethe von dieser Reise aus, aus Braunschweig, an die
Geliebte richtet, jenes:
»Gewiß, ich wäre schon so ferne, ferne,
Soweit die Welt nur offen liegt, gegangen,
Bezwängen mich nicht übermächt'ge Sterne,
Die mein Geschick an deines angehangen,
Daß ich in dir nun erst mich kennen lerne.
Mein Bitten, Trachten, Hoffen und Verlangen
Allein nach dir und deinem Wesen drängt,
Mein Leben nur an deinem Leben hängt«
spricht doch am deutlichsten für das schon zwiespältige Gefühl, das ihn
in gleicher Weise von dieser Frau entfernte wie wieder zu ihr hintrieb,
und das erst in der Flucht nach Karlsbad zwei Jahre später Erlösung
fand.
Am 8. August begann die Reise. Der Tag, an sich nichts weiter als ein
Reisetag wie viele andere auch, wurde von der allergrößten Bedeutung
für Goethes Dichten: entstand doch an ihm die »Zueignung«! Schon der
erste Briefzettel an Frau von Stein, aus Dingelstädt, »Abends 10 Uhr«,
berichtet: »Zwischen Mülhausen und hier ist uns seine Axe gebrochen
und wir haben müssen liegen bleiben. Um mich zu beschäfftigen und
meine unruhigen Gedancken von Dir abzuwenden, habe ich den Anfang
des versprochenen Gedichtes gemacht, ich schicke es an Herders, von
denen erhältst Du es.« Dies Gedicht waren »Die Geheimnisse«, und die
herrlichen Anfangsstrophen hat Goethe später eben als »Zueignung« vor
seine Werke gesetzt.
Im übrigen brachte die Reise Goethe eigentlich nur Bekanntes und
Vertrautes. Erinnerung gibt ihm auf Schritt und Tritt unsichtbares
Geleit. Aber diese Erinnerung gilt noch immer -- im Gegensatz zur
letzten Harzreise von 1805, wo der Bruch mit Frau von Stein schon fast
wieder geheilt war -- der fernen Geliebten in Weimar, und ist also auch
von immer neu erregender Süßigkeit. So heißt es einmal in den Briefen
an Charlotte: »Ich freue mich die Berge wiederzusehen, die ich schon
vor Jahren mit Sehnsucht zu Dir im Herzen bestiegen habe.« Und ein
andermal: »Wie Deine Liebe mir nah ist, mag ich nicht sagen. Vor sieben
Jahren schrieb ich Dir auch von hier ...«
Das war in Elbingerode.
Der Weg ist diesmal recht einfach. Über Zellerfeld und Goslar geht
es nach Braunschweig, wo Goethe bei Hofe zu tun hat, längere Tage,
und von Braunschweig über Goslar, den Brocken, das Bodetal nach einem
neuerlichen Besuch bei Frau von Branconi, »+la fée de Langenstein
dont tu+ -- schreibt er an Frau von Stein -- +ne seras pas jalouse+«,
zurück nach Weimar zu »+sa douce, son adorable amie+«. Hauptpunkte sind
auf dieser Reise eigentlich nur der Brocken und das Bodetal mit dem
Roßtrappfelsen. Den Brocken besteigen die beiden Reisenden von Goslar
aus am 4. September, -- es ist das dritte- und letztemal, daß Goethe
oben ist. Sie finden diesmal schon ein Brockenhaus vor, und Goethe
zeichnet sich in das Fremdenbuch mit dem folgenden Spruche aus dem
»Astronomicon« des Manilius ein:
»+Quis coelum posset nisi coeli munere nosse
Et reperire Deum nisi qui pars ipse Deorum est.+
+d. 4. Sept. 1784+ +Goethe+.«
[Illustration: _Der Roßtrapp-Felsen im Bode-Thal_
»... _ie resterai encore quelques jours avec Krause entre les rochers
du Rosstrapp_ ...«.
_Goethe an Frau von Stein am 31. August 1784_]
Im Bodetal, das sie von Elbingerode-Rübeland aus, dem Flußlauf abwärts
folgend, hinabwanderten, haben sie dann »alle Felsen der Gegend
angeklopft«, und »Krause hat ganz köstliche Dinge gezeichnet«. Über
»den Roßtrapp« enthalten die Briefe nichts mehr. Auch der schöne Brief
an Herder aus Elbingerode, der, alles in allem, in dem Jubellaut
gipfelt: »... die Tage sind herrlich,« verrät nur Hoffnungen: »Morgen
und übermorgen geht's an der Bude hinunter, wir werden an den Fall
gelangen, wo dieses Flüßchen hinter dem Roßtrapp hinabstürzt. Zwischen
diesen Felsen hoff ich noch viel für meine Spekulation, es ist ein
Durchschnitt, der sehr lehrreich ist.« Über all dies erzählt das
»Geognostische Tagebuch« trotz seiner Kürze und Trockenheit mehr, und
wer zwischen den Zeilen zu lesen versteht und das Bodetal bei Treseburg
kennt, der wird sich mit einiger Phantasie ausmalen können, wie
Goethe und Kraus sich durch die zerklüfteten Schluchten und Engpässe
hinquälten. Ab und zu halten die beiden inne. Dann fliegen Felleisen
und Mantelsack ins Gras. Kraus greift zu seiner Skizzenmappe. Goethe
aber, immer noch jugendlich schlank, in Reiserock und Dreispitz,
schreitet gelassen zwischen den wirren Felstrümmern hin und her,
beklopft gebückt Wand um Wand, und sein Hammer lockt aus dem starren
Granit Hall und sprühende Funken. Ist es ein Mensch oder ist es mehr
als ein Mensch, der da den stummen Bergen ihr letztes Geheimnis
entreißen will? ... »Werde mir Zeuge, du Stein!« Wer hat's gesprochen?
Niemand. Nachhall des Herzens äfft uns. Aber doch sind diese Steine,
diese wilden Felsen längs der Bode Zeugen dessen, daß ein Großer
sie einst angerührt, bei ihrem dumpfen Erklingen vielleicht an die
Frau gedacht hat, die er, ach! so bald verlassen sollte, um sie nie
wiederzufinden.
»Lebe tausendmal wohl!« -- das ist das letzte Wort, das sie damals aus
dem Harz erhielt. Es wohnt noch jetzt im Echo der heiligen Harzberge.
* * * * *
Und 1805. Schiller ist im Mai gestorben. Goethe, schon zu Beginn des
Jahres schwer krank, kränkelt von neuem. Wird sichtlich alt. Die
Hälfte seines Daseins habe ihm Schillers Tod entrissen, klagt er dem
neuen Freunde Zelter. Da besucht ihn im Juni der Philologe Friedrich
August Wolf aus Halle und muntert ihn ein wenig auf. Die Badekur im
nahen Lauchstädt, wo ihn Christiane, sein »kleiner Hausgeist«, pflegt,
scheint die Erholung zu vollenden, und als Christiane am 12. August
nach Weimar zurückkehrt, fährt Goethe mit seinem Sohne August nach
Halle zu Wolf. Der Besuch wird Wohltat, die Zerstreuung ist Medizin
für Goethe. Und ob er nun, als er nach Halle reiste, schon an einen
Abstecher in den Harz gedacht, oder ob der immer unternehmungslustige
Wolf ihn erst dazu angeregt hat -- gleichviel: nach kurzem Aufenthalt
in der Saalestadt fuhren die drei heiter und guter Dinge los. »Mein
humoristischer Reisegefährte,« erzählt Goethe selbst später in den
Annalen, »erlaubte gern, daß mein vierzehnjähriger Sohn August Theil an
dieser Fahrt nehmen durfte, und dieses gereichte zur besten geselligen
Erheiterung.«
So gewinnt diese vierte und letzte Harzreise Goethes eine hübsche
Beigabe: Vaterfreude verklärt sie. Diese Vaterfreude spiegeln deutlich
die Briefe an Christiane, die Mutter. Lassen sie auch die leichten
Schatten der Erinnerung erkennen, die dieser hellen Sommertage Glanz
hie und da verdunkelt haben mögen? Denn wie anders sah er die Berge
wieder, die er einst im ersten Rausche junger Liebe erstiegen!
Achtundzwanzig Jahre waren es her, daß er abenteuerlustig mitten im
Winter auf den Brocken geklettert war; jetzt sah er ihn von weitem,
von Thale aus, winken ... er lockte ihn nicht mehr. Mehr als die Berge
reizten ihn diesmal seltsame Menschen. Ihnen galt ja auch die Reise.
Goethe selbst hat sie ausführlich, wie gesagt, in seinen Annalen
geschildert; stellenweise gehört diese 1822 abgefaßte Schilderung zum
Schönsten, was wir in Prosa überhaupt von Goethe besitzen; besonders
gegen Ende blüht die Harzlandschaft noch einmal in so wundervollen
Farben auf, daß man nur bedauert, daß der Dichter nicht auch auf die
Harzreisen von 1783 und 1784 noch einmal eingegangen ist. Aber auch
hier mag er wohl nicht an etwas haben rühren wollen, was er für immer
begraben hatte ... die Wunde, die er Frau von Stein geschlagen hatte,
schmerzte wohl am tiefsten ihn!
Ja, ein wie anderer war er geworden, als er diese vierte Harzreise
antrat. Ein Leben lag hinter ihm. Die italienische Reise hatte ihn von
der Frau getrennt, die ihm einst Inhalt und Sinn des Lebens gewesen,
eine andere hatte ihm den Sohn geboren, der jetzt im Wagen neben ihnen
saß. Diese erhielt jetzt liebevolle Briefe, an jene diktierte er nur
einen höflichen Bericht. Freier als diesen beiden gegenüber äußerte
er sich zu den Freunden: zu seinem Herzog und zu Zelter, und zwei
ausführliche Briefe an Carl August sind es denn auch, die die beste
Ergänzung zu der Schilderung in den Annalen bilden.
Man fuhr zunächst von Halle nach Magdeburg, wo Goethe der Dom mit
seinen alten Kaiserstatuen besonders interessierte, dann nach
Helmstädt, wo man den Sonderling Beireis, einen regelrechten Vorfahren
späterer Hoffmannscher Gestalten, besuchte, besah sich in Harbke den
schönen Veltheimschen Park mit seinen seltenen ausländischen Hölzern,
kehrte auf dem Gute des »tollen Hagen« ein, ging gerne und willig in
dem winkligen, stimmungsvollen Mittelalter Halberstadts mit seinem Dom
und seinen noch nahen Gleim-Erinnerungen auf und landete endlich im
Bodetal.