So beginnt Tiefurts klassische Zeit. Das Pächterhaus des Kam

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Schattenspiel um Goethe

[Illustration]

Schattenspiel um Goethe

Von

Ludwig Sternaux

[Illustration]

Mit 49 Federzeichnungen von Dorothea Hauer

[Illustration]

Bielefeld und Leipzig 1922

~Verlag von Velhagen & Klasing~

Louis Esternaux

dem gütigen Freunde früher Jahre

in dankbarer Erinnerung

Uns Lebende zieht Sehnsucht zu den Toten; hinweg von den Zahllosen,

die uns umdrängen, die uns die warme Hand entgegenstrecken,

in deren Augen wir lesen können, gehen wir einsamere Wege und

beschwören die Gewesenen, die uns nicht Rede stehen. Wie Helden auf

einer nächtlichen, von Sturm umrauschten Bühne sehen wir sie mit

flatternden Gewändern, mit starken Gebärden die Geschichte ihres

Lebens spielen und werden nicht müde, den tragischen und süßen

Worten zu lauschen, die aus tiefer Vergangenheit abgerissen zu uns

auftönen.

~Ricarda Huch~

Tiefurt und Wittumspalais

»O Weimar! Dir fiel ein besonder Los!«

~Goethe~

Frühlingssonne. Weimar funkelt. Regen hat über Nacht die Straßen

blank gewaschen, daß sie wie Firnis glänzen. Alles atmet Duft und

Morgenfrische. Da ist es gut, durch die Stadt zu wandern und sich

wieder einmal das Märchen erzählen zu lassen, von dem sie nun schon

hundert Jahre träumt.

Ein Weilchen steht man unschlüssig auf dem Marktplatz. Die braunen

Giebel des Cranachhauses brennen in erster Glut, um Klauers

Neptunbrunnen trippeln die Tauben, sehr lustig anzusehen, und bei

Tietz werden gerade die Markisen heruntergelassen. Wohin zuerst? fragt

Ungeduld ... Da, gleich um die Ecke, geht's zum Goethehaus. Die gelbe

Front leuchtet durch die ganze Frauentorstraße. Da zur Esplanade. Oder,

wie man jetzt ja sagen muß: zur Schillerstraße. Und da, an »Elephant«

und »Erbprinz« vorbei, zum Park. Es lockt so vieles. Und da biegt man,

stärkerer Lockung widerstehend, in die enge Windischenstraße neben dem

Rathaus: Alt-Weimar tut sich auf.

Schmal die Gasse, schmal die Häuser: Zwielicht der Kleinstadt. Der

Himmel nur ein blauer Streifen. Hier tollten die Ratsmädel der Böhlau,

die Wildfänge. Das graue Haus da, es ist vielleicht das Kirstensche.

Steingerank umzieht die Tür, unterm Dachsims hocken Putten: Rokoko,

verstaubt und lieblich. Singsang, aus offnem Fenster wehend, beschwört

Träume, Versunkenheit lächelt. Wo seid ihr jetzt, Röse und Marie?

Hier wohnte aber auch der Kanzler von Müller, Goethes Freund und

Testamentsvollstrecker. Eine schwarze Tafel meldet's. Man blickt

versonnen zu den Fenstern hinauf. Gaben sie doch dem Tische Licht,

an dem die »Unterhaltungen« niedergeschrieben wurden. Fama weiß dazu

von Grüßen, die aus diesen Fenstern zu andern gegenüber wanderten, wo

hinter wehender Gardine, hinter Blumenstöcken zuweilen Mädchenaugen

leuchteten ... dann da wohnten die beiden jungen Gräfinnen Egloffstein

mit ihrer Mutter, Julie und Lina, die eine, die Malerin, Goethes

»schöne Schülerin«. Müller liebte die beiden hübschen Mädchen. Haben

die's gewußt? Ich glaube: nein. Es war eine unglückliche Liebe, und es

blieb bei Gruß und Lächeln.

Ja, es ist klassische Welt, die hier in Gassenenge dämmert. Drei Jahre

lang, von 1797 bis 1801 auch Schiller-Welt ... was keine Tafel meldet.

Denn hier, beim Perückenmacher Müller, wohnte Schiller, ehe er nach

der Esplanade zog. Zwei Treppen hoch. Mieterin vor ihm war Charlotte

v. Kalb gewesen, die geliebte. Wie anspruchslos, wie bescheiden, wie

ärmlich Haus und Zimmer! Und, wie Schiller selbst klagt, auch recht

»tumultarisch«. Die Kinder, der Lärm des nahen Markts, unter ihm der

ewig musizierende Geheimrat v. Schardt, Frau v. Steins Bruder, störten

ihn in der Arbeit. Trotzdem entstanden hier in der »Wünschengasse« eine

»Maria Stuart« und die »Jungfrau«. Und viele von Schillers tiefsten,

schwersten Gedichten.

Was keine Tafel meldet ...

* * * * *

Und leise wandelt sich die Chodowiecki-Szenerie in Mittelalter, in

Gassengewinkel und uraltes Gemäuer. Grau und finster steigt das

plötzlich auf, trägt schweres Dach und Erkerzierat, die Fensterscharten

haben Butzenscheiben, Eisenzahlen, auf den Stein geschnörkelt, deuten

in fernste Jahre.

[Illustration: _Die Einfahrt zum Wittumspalais der Herzogin Anna

Amalia_]

»Am Palais«, erklärt das Straßenschild. Am Wittumspalais also, Anna

Amalia Witwensitz. Da die Einfahrt! Auf den Torpfeilern bekränzte

Urnen. Das allein ist Rokoko, ist Zopf. Sonst ringsum veritables

Mittelalter. Man denkt wirklich mehr an Herzog Wilhelm den Frommen,

der hier Franziskanern-Barfüßern eine »Burg Gottes« errichtete, denn

an Anna Amalia in Reifrock und Perücke. Als die Mönche der Reformation

wichen, wurde die Klosterkirche Kornhaus. Die Bauern steuerten hier den

»Zehnten«, und Fluch schwelte Jahrhunderte um die düsteren Mauern. Anno

1767 kam dann der allmächtige Minister von Fritsch, der Anna Amalia

rechte Hand in den letzten Jahren ihrer Regentschaft für den unmündigen

Carl August. Die Klostergebäude wurden umgebaut, mit neuen Flügeln an

der nahen Stadtmauer ergab sich ein hübsches, bequemes Palais. Das

Kornhaus selbst blieb, was es war, bis es unter Carl Alexander, Carl

Augusts Enkel, Verwendung fand als Großherzogliche Musikschule. Das ist

das Haus noch heute, wenn auch nicht mehr Großherzoglich, und wo einst

feierliche Messen zelebriert wurden und der Weihrauch dampfte, üben

die Musikschüler fleißig ihre Tonleitern. Mitunter aber dringt aus den

kleinen Rundbogenfenstern auch Orgelklang, ganz dumpf, ganz verhalten,

ein dunkles, geheimnisvolles Brausen. Dann ist es einem, als ob die

alte Zeit wiedergekehrt wäre ...

Und ein paar Jahre später. 1774. Das Residenzschloß brennt nieder. Anna

Amalia ist obdachlos. Das Belvedere? Ist Sommerresidenz. Hat nicht

einmal Öfen. Da bietet Fritsch der Herzogin dieses sein neues Palais in

der »Wünschen-Windischengasse«, sie nimmt es dankbar an. Und höfischer

Prunk zieht in das einfache, fast bürgerlich bescheidene Haus, das nun

den Namen »Wittumspalais« erhält.

* * * * *

So die Historie.

Nun sieht das Wittumspalais heute freilich etwas anders aus, als man es

sich in jenen Tagen seines höchsten Glanzes vorstellen darf. Hundert

Jahre sind eine lange Zeit, da verändert sich mancherlei.

Damals, als Anna Amalia es zu dem berühmten »Sitz der Musen« machte,

Goethe, Schiller, Wieland und viele andere Leute von Rang und Namen

dort ein- und ausgingen, lag es in einem großen parkähnlichen Garten,

der die ganze heutige Wielandstraße einnahm. Gartenmauer und Stadtmauer

waren eins. Ein Aquarell von der Fürstin eigener Hand, jetzt Besitz des

Weimarer Vereins »Frauenbildung-Frauenstudium«, zeigt reizend diesen

Garten: große schattige Bäume, verschlungene Wege, künstliche Hügel und

Grotten. Mitten drin ein Pavillon. Das war der Chinesische Tempel. Da

saßen Anna Amalia und die kleine bucklige Göchhausen mit Vorliebe an

den letzten warmen Tagen des Jahres, wenn die Astern blühten und die

Blätter leise von den Bäumen fielen ... Oeser, Goethes Lehrer, hatte

ihn +à la Chinoise+ ausgemalt, sehr fein, sehr zart, so etwa, wie das

jetzt Orlik oder Walser machen würden, und vielleicht hat hier Goethe

den Damen einmal den Urfaust vorgelesen, den die Göchhausen dann, uns

zum Heil, so hübsch sauber abgeschrieben hat.

Als später die Stadtmauer fiel, der »Schweinemarkt« davor vornehm ein

Carls-Platz, der Garten selbst für Häuserbauten aufgeteilt wurde, ließ

Carl August den Tempel nach dem Belvedere schaffen. Dort findet man

ihn noch heute hinter der Orangerie, allerdings in traurigem Verfall.

Aber die Chinesen und Chinesinnen Oesers lächeln noch immer lieb und

einfältig, und der Blick aus den Fenstern, der weit ins Thüringer Land

reicht, ist sogar anmutiger als anno dazumal der im alten Weimar, wo

das Auge nur das freie Feld vor der Stadtmauer und ein paar karge

Schrebergärten fand.

Jetzt liegt das Wittumspalais ganz in Straßen eingewinkelt, an der

Vorderfront die Schillerstraße und der Theaterplatz, seitlich die

Zeughofgasse. Nur die Pappeln über dem kleinen Hof und eine einsame

Kastanie neben dem einstigen Kammerfrauen-, dem jetzigen Kastellanshaus

erinnern noch an jenen Garten.

Jetzt liegt das Wittumspalais auch, sieht man es vom Theaterplatz

aus, viel höher. Der Platz ist aufgeschüttet worden, und so ging das

Untergeschoß der Straßenfront verloren. Das Portal, das heute Einlaß

gewährt, führt gleich in den früheren ersten Stock. Dies Portal gab's

damals überhaupt nicht. War eins der vielen Fenster. Und wenn man

in das Haus hineingelangen will, wie es Anna Amalia und ihre Gäste

betraten, so muß man von der Windischenstraße aus kommen, wo »Am

Palais« die Einfahrt war und noch ist, und über den Hof gehen ... unter

dem finsteren Tor des alten Klosterflügels hindurch, an der Küche und

den Ställen vorbei. Das mag da oft ein buntes Leben gewesen sein, wenn

die Herzogin Empfang hatte oder ein Fest, einen Ball gab. Da drängten

sich dann wohl bei Fackelschein die Sänften und Karossen, die Pferde

scharrten, Hunde bellten (der Herzog, Carl August, brachte zuweilen

seine ganze Jagdmeute mit), Haiducken und Läufer lärmten dazwischen,

und in der offenen Küche wirtschafteten die Köche an den fünf riesigen

Herden.

Oder die Herzogin ritt aus. Solch eine Kavalkade hat Johann Friedrich

Löber gemalt. Anna Amalia selbst auf einem Schimmel, sehr klein, sehr

zierlich, am zierlichsten ihr Fuß in rotem Reitstiefelchen, worauf

sie mit Recht stolz war. Neben ihr, groß und breit, Liutgarde v.

Nostitz, die Hofdame, dahinter der Oberhofmarschall v. Witzleben und

der Stallmeister Josias v. Stein, Charlottens Mann. Ein Zwergläufer

führt die Tête. So ging es durch die enge Windischengasse und, am Markt

vorbei, durch die Frauentorstraße zur Esplanade, immer von Gaffern

begleitet ... so ging's wohl auch nach Belvedere, Tiefurt, Ettersburg.

Auch die Esplanade sah damals anders aus als heute. War eine Promenade

mit einem Lusthaus in der Mitte und einem Goldfischteich, von der

Herzogin selbst angelegt, weil ihr der Weg nach dem »Wälschen Garten«

hinter der Ackerwand zu weit war und weil sie vom Palais aus hübsche

Aussicht haben wollte. Denn vorher hatte hier ein wüstes Durcheinander

von Gräben, Wällen und Tümpeln das Auge gequält. Nachts wurde diese

Promenade durch Gitter geschlossen. Mählich wandelte die Esplanade

sich dann in Straße, Häuser gaben festen Rahmen, das Hauptmannsche

Redoutenhaus, auch vom obdachlosen Hof zu größeren Festen benutzt,

war eins der ersten. An seiner Stelle prunkt jetzt ein Neubau, ein

Kaffeehaus, wo Billard gespielt wird und eine Musikkapelle Weimars

Lebewelt mit den neuesten »Schlagern der Saison« erfreut.

[Illustration]

Da aber, wo die Esplanade auf das Wittumspalais stößt, unweit besagtem

Café, führt eine dunkle, ganz verschattete Treppe an dem alten

Klosterflügel des Palais entlang zur »Wünschengasse«. Ein wilder

Birnbaum hat sich hier im Mauerwerk verwurzelt, und die Treppe ist

wie eine Laube ... in Sommernächten eine beliebtes Stelldichein, heut

wie ehedem. Wenn Ottilie v. Pogwisch und August v. Goethe abends bei

Schopenhauers gewesen waren, die auf der Esplanade wohnten, dann

schlüpften sie hier erst für Augenblicke unter, um sich satt zu

küssen, ehe er die Geliebte nach Hause brachte ... was übrigens keines

weiten Wegs bedurfte, denn Frau v. Pogwisch wohnte ebenfalls auf der

Esplanade, neben dem Schillerhaus. Und die Böhlauschen Ratsmädel wußten

den verschwiegenen Ort auch durchaus zu schätzen. Dort lauerten sie in

der Dämmerstunde den armen Liebespaaren auf, um mit den Erschreckten

ihre Allotria zu treiben; dort lasen sie heimlich die Liebesbriefe,

wenn Ottilie Pogwisch und Adele Schopenhauer die beiden Bälger in der

Kummerfeldenschen Nähstunde als postillions d'amour benutzten; dort

küßten sie sich später selbst mit ihren Freunden.

Das alles weiß der wilde Birnbaum noch sehr gut, so jung er damals auch

gewesen. Und wer in lauen Nächten hier ins Dunkel zu tauchen wagt, dem

erzählt's das leise Rauschen der Zweige. Dem klingen die alten Namen

aus der Vergangenheit herauf, und um jeden flicht Legende ihren Kranz.

* * * * *

Doch zurück zu Anna Amalia! Ein Menschenalter hat sie im Wittumspalais

gewohnt, bis zu ihrem Tode. Und sie starb 1807. Rührig, still und

einfach lebte sie hinter diesen Fenstern, diesen Mauern, nur im

Frühling und Sommer die Stadtwohnung mit dem nahen Tiefurt tauschend,

zuweilen, doch nie lange, auf Reisen. Ihre Freundin und Vertraute: die

Göchhausen. Luise mit Vornamen, aber Freundesscherz nannte sie, die

zwerghaft-zierliche, Thusnelda. »De Frailein von Kechhausen, wisse Se,

wo bloß so glein kewese is, das heißt nemlich, häre Se, se war pucklich

un verwachse, aber sähr gluch.« So der Kastellan des Wittumspalais, der

vermutlich aus Sachsen ist. Erich Schmidt, der ihre Urfaust-Handschrift

fand, hat sie dann so berühmt gemacht, daß heute die Jungen und Mädels

in der Schule ihren Namen lernen. Und Goethe-Verse, leibhaftige,

huldigen ihr:

»Der Kauz, der auf Minervens Schilde sitzt,

Kann Göttern wohl und Menschen nützen;

Die Musen haben dich beschützt,

Nun magst du sie beschützen.«

Was die Kleine redlich tat. Andere Hausgenossinnen der Herzogin: die

Kammerfrauen. Auch hier bekannte Namen. Amalie Kotzebue, die Tante

Augusts, treu der Herrin bis zur Erblindung. Genast, der Schauspieler,

sah als Knabe die Blinde noch im Hofe des Palais in der Sonne sitzen.

Amalie von Berg, die Schriftstellerin, die auch eine Kotzebue war und

später den Steuerrat Ludecus heiratete. Ihr Grab ist auf dem Alten

Friedhof am Poseckschen Garten. Und die beiden Bendas ... alle, worauf

Anna Amalia großen Wert legte, nicht Domestiken, sondern Talente und

»schöne Geister«.

Diese drei Jahrzehnte Wittumspalais unter Anna Amalia umspannen

Goethe-Welt. 1775, im November, taucht der Dichter des »Werther« in

Weimar auf, »mit seinem schwarzen Augenpaar, zaubernden Augen mit

Götterblicken, gleich mächtig zu töten und zu entzücken«, ein Meteor,

das schnell zum Stern wird, der über Weimar stehen bleibt wie der Stern

der Verheißung über Bethlehem. Und so auch über der Herzogin Amélie

Palais ... jetzt, wo die Regierung aus ihren Händen an den mündig

gewordenen Carl August übergangen, tatsächlich nur noch ein Witwensitz.

Und Goethe-Welt ist es, die dies stille Haus spiegelt. Auch hier, hat

man den düsteren Torbogen erst passiert, der junge Frühling. Grünes

Licht rauscht auf, betritt man den Hof. Die Spatzen unter der Kastanie

lärmen. Sonne legt Gold auf die grauen, verwitterten Wände und läßt die

toten Fenster glitzern.

Tür, Treppe, Vorplatz: ein Bürgerhaus. Wie am Frauenplan. Behäbig,

aber ohne jeden Prunk. Den bieten erst die Zimmer. Die seidenen

Tapeten leuchten, das Parkett glänzt, die Kristallüster flimmern.

Aber es ist ein sterbendes Rokoko. Ein paar der weißen Stuckdecken,

ein paar Möbelstücke gefallen sich noch in geschweifter Linie. Alles

andere ist bereits Empire: steif, kühl, sparsam im Ornament. Ein

Kranz, eine Schleife, ein dünnes Fruchtgehänge, an den weißen Türen,

an der Boiserie der Fensternischen schmale goldene Linien -- das ist

alles. Üppig nur die Bilder. Da das herrliche Porträt der Fürstin

von Tischbein: die großen Augen, der zarte Mund, um den verhaltenes

Lächeln spielt, die schöne Büste ... Anna Amalia, wie Goethe die

»verwittibte Herzogin« zuerst sah. Da Friedrich der Große, der

Fürstin Oheim, »in zugeknöpftem blauen Zivilrock mit Ordenssternen,

wie er soeben den Siebenjährigen Krieg beendet hat«, das einzige

Bild, zu dem der König gesessen hat: der herrliche, sieghafte Glanz

der Friedrichs-Augen flimmert auch in denen der Nichte. Da, im

rotbespannten »Dichterzimmer«, Goethe und Schiller, von May, von Graff;

im Schlafzimmer der Herzogin die Söhne: Carl August, achtzehnjährig,

von Schlosser, und Constantin, ein dunkeläugiges zartes Kind, von

Tischbein. Und so fort. Die ganze Dynastie, der ganze Hof, Weimar

in Goethe-Tagen. Selbst die beiden Schwestern Gore fehlen nicht,

die Engländerinnen, deren eine, die schöne Emilie, Carl August

nahe gestanden haben soll. Und auch Corona Schröter nicht. Wie sie

lächelt! Kaum verhüllt das Kleid den vollen Busen, Locken rahmen das

Iphigenien-Antlitz. Wen hat in Weimar man so gefeiert wie sie? Wen so

rasch vergessen? Ihr Lächeln tut weh, und die schmale Galerie, in der

ihr Bild hängt, verfinstert sich, denkt man des einsamen Grabes in

Ilmenau.

So weckt hier jedes Bild, jedes Zimmer, jeder Gegenstand Erinnerungen.

Das Herz hält Totenschau und ist, für tiefe Augenblicke, den Toten

näher als den Lebenden. Zumal im »Lesezimmer«, das hinter den

verhängten Fenstern ein grünes Zwielicht geheimnisvoll erregend füllt,

drängen sich die Schatten. Georg Melchior Kraus, der Maler, hat

den Abendkreis von Menschen, der hier sich bei der Herzogin so oft

zusammenfand, im Bilde festgehalten. Da sitzen sie alle um den Tisch,

in der Mitte die Fürstin, die malt, rings um sie herum, ganz zwanglos,

die anderen: Goethe, der vorliest, neben ihm Einsiedel, dahinter, bei

riesigen Bildermappen, Heinrich Meyer, und die »schöne Kehle«, das

Fräulein v. Wolfskeel, schaut gespannt, welchen Kupferstich, welche

Zeichnung Meyer der Gesellschaft vorlegen wird. Gegenüber die Gores,

Vater und Töchter, über eine Stickerei gebeugt die Göchhausen und,

bequem in den Stuhl zurückgelehnt, Herder.

Was liest Goethe vor? Wovon sprechen sie? In welche Fernen blickt

Herders Auge? Vielleicht steigt Italien vor ihnen allen auf, wo die

Herzogin vor kurzem gewesen ... Italien, das, wie Goethe in seiner

Widmung der »Venetianischen Epigramme« rühmt, Anna Amalia ihnen

in Germanien von neuem erschuf. Vielleicht liegen in den Mappen

neben Meyers Sessel die Aquarelle von Tivoli, die jetzt im grünen

Wohnzimmer der Herzogin hängen, vielleicht ist es das Tagebuch seiner

italienischen Reise, in dem Goethe blättert ... wer kann es wissen?

Eines Tages begegnen Offiziere auf der Landstraße nach Jena einem alten

Manne in dürftigem Reisehabit. »Was ist das für ein närrischer Kerl?«

fragt einer ... »Er wird das Handwerk grüßen!« meint ein anderer,

sehr von oben herab. »O nein!« fährt da der erste fort, »ich habe ihn

gestern im Garten der Herzogin gesehen.«

Es war der Dichter Seume.

Und so wie er durfte kein »schöner Geist« Weimar passieren, ohne

im Wittumspalais eingekehrt zu sein. Es hat dieser Gäste vielerlei

gesehen, ihre Namen klingen mit, wenn der Name »Wittumspalais«

aufklingt. Der alte Wieland vor allem, so vertraut, daß er jederzeit

Zutritt hatte, dann Goethe natürlich, Herder und Schiller. Sie wäre

eine wackere Frau, die Herzogin, und es lebte sich gut mit ihr,

bekannte Schiller, der skeptisch war gegen Fürstengunst. Lenz, Klinger

tauchen sporadisch auf. Auch Merck. Später wird Jean Paul feierlich

empfangen -- wetteiferte an schnellem Ruhm er eine Zeitlang doch fast

mit dem Herrn vom Frauenplan! Sein Schreibsekretär, später hierher

gebracht, erinnert an ihn. Auch Jena schickte illustre Köpfe: Humboldt,

Hufeland, Fichte, Schelling, Hegel. Und von der Staël, die bei der

Herzogin wiederholt zu Gast, erzählt Goethe in den »Annalen« folgende

Anekdote: »An einem personenreichen Abendessen« sitzt Goethe in

Schweigen versunken. Irgend jemand hält sich darüber auf. Die Staël

pflichtet bei. Und fügt hinzu: »Übrigens mag ich Goethe nicht, wenn er

nicht eine Bouteille Champagner getrunken hat!« Goethe hört's und meint

schlagfertig: »Da müssen wir uns denn doch schon manchmal zusammen

bespitzt haben.« Unterdrücktes Lachen, verlegene Pause im Gespräch.

Die Staël, des Deutschen nicht mächtig, will wissen, was er gesagt.

Niemand traut sich, bis Benjamin Constant es unternimmt, »ihr mit einer

euphemistischen Phrase genugzutun«.

Wo dies »personenreiche Abendessen« gewesen? Vermutlich im Obergeschoß,

im »Theatersaal«. Da ist erst das schöne, türkisblaue »Empfangszimmer«

mit den weißgoldenen Möbeln und den Leuchtergirandolen, die Goethe der

Herzogin aus Italien mitgebracht, und dann, mit den Fenstern nach Hof

und Esplanade, dieser Saal. Hier wurde getafelt, hier Theater gespielt,

hier getanzt. Die Decke von Oeser. Die übliche Allegorie. Die Wände

schöner roter Marmor. Die Sessel gelber Atlas. Ein Riesenteppich deckt

den Boden. Alles sehr festlich und, wenn die Kerzen flimmern, sicher

warm und behaglich. Goethes »Paläophron und Neoterpe« hat hier, anno

1800, der alten Herzogin gehuldigt ... ein Maskenspiel, in Worten

tändelnd, die leicht wie Hauch, der Spinettklang einer abgelebten Zeit.

Dieser Klang haftet noch. Man spürt ihn bis in letzte Nerven. Nur ist

die heiter-bewegliche Gesellschaft, die einst danach tanzte, tot, und

jetzt schwingen hier im Lichte sich allein die Sonnenstäubchen.

* * * * *

Lange lag diese ganze Welt in tiefem Schlaf. Man schien vergessen

zu haben, daß hier einst eine »vollkommene Fürstin mit vollkommen

menschlichem Sinn«, wie Goethe Anna Amalia genannt, gewohnt hatte.

Schien vergessen zu haben, daß über die schlichte graue Holztreppe die

erlauchtesten Geister einer großen Zeit geschritten waren. Weimar trieb

Kult mit andern Göttern: wenn Liszt sich, lockenumwallt, am Fenster

seines Hauses in der Belvedere-Allee sehen zu lassen geruhte, zwang

Verzückung die Weiber auf die Knie ... ein paar Akkorde, von seiner

Hand gegriffen, faszinierten eine Welt!

Erst Carl Alexander brach den Bann.

Da säuberte das alte Schlößchen man sorgfältig von Spinneweben und

Domestikenplunder und baute hübsch zierlich, von Zimmer zu Zimmer, die

Erinnerungen auf, die dem Einst Glück und Rausch verflogener Stunden

gewesen ... die vielen Bilder, das Porzellan, die Uhren, die Vasen aus

Alabaster und Biskuit, die Bronzen, das Tausenderlei von Andenken,

das Reisen und Besuche angehäuft, Tand vielleicht und doch mehr, weil

Herkunft und Gebrauch die meisten der Sachen geadelt. So fein baute

man das alles auf, daß Anna Amalia, die sehr auf Ordnung hielt, nichts

auszusetzen fände, schritte sie jetzt noch einmal die Flucht der Zimmer

ab.

Alles steht an seinem Platz ... sie fände im Wohnzimmer das

Schachbrett, im Schlafzimmer Waschservice und Frühstücksgeschirr,

am Fenster ihre Malutensilien; da die kleine antike Räucherlampe

auf dem »Balkon« des gußeisernen Ofens harrt nur der Hand, die sie

anzündet, da auf dem Spinett die Mandoline nur der Finger, die sie zum

Klingen bringt. Die Noten daneben, Mozart, liegen aufgeschlagen, und

auch die Harfe steht bereit. Ja, sie fände sogar in einem kindlich

mit Goldpapier verklebten Glaskästchen die winzigen rotseidenen

Pantoffeln ...

Aber sie kommt nicht. Die Stadtkirche hütet ihre Toten gut. Nur ihr

Geist beseelt noch immer die Räume, die sie einst bewohnt, den kann

kein Stein und keine Gruft bannen. Und die alte Dame auf Jagemanns

Bild, Anna Amalia 67 Jahre alt, lächelt, als ob sie das wüßte.

* * * * *

Wagenfahrt unter blühenden Obstbäumen. Die Sonne schon sommerlich warm:

Gold tropft aus dem grünen Baldachin des Laubes, verwehte Blütenblätter

taumeln gleich lichttrunkenen Faltern. Da die Landstraße höher steigt,

wandert das Auge über Felder, die sich wie blasser Brokat wellen.

Dazwischen ein Silberband: die Ilm, der »liebe Fluß«. An ihrem Ufer

Tiefurt.

Goethes Tagebuch am 20. Mai 1776: »... Tiefurt. Einzug.« Am 21.: »In

Tiefurt mit den beiden Herzoginnen, Edelsheim usw. Drauß geschlafen.«

Und ein Brief Knebels: »Wir vertrieben den Pächter aus seiner Wohnung,

rissen die Bauerngehege hinweg und bereiteten nach und nach einen

angenehmen Aufenthalt in der überaus günstigen Gegend.«

So beginnt Tiefurts klassische Zeit. Das Pächterhaus des Kammerguts,

ein anspruchsloser Bau ohne jeden Stil und Komfort, wird auf Wunsch der

Herzogin Sommerquartier des Prinzen Constantin, Carl Augusts Bruder.

Knebel, der Erzieher des Prinzen, richtet die Wohnung her, Goethe,

Hansdampf in allen Gassen, muß helfen. Zwei Stuben müssen vorläufig

genügen. Oeser malt sie in pompejanischer Manier aus: auf gelbem Grund

ein wenig Blumenornament.

Am 20. Mai der Einzug. Der ganze Hof ist draußen, auch Goethe mit

Frau von Stein. Die Bauern empfangen den Prinzen mit »Musik, Böllern,

ländlichen Ehrenpforten, Kränzlein, Tanz, Feuerwerkspuffer, Serenade

usw.«. Zwei Tage dauert das Fest. Da im Schlößchen noch keine Betten

für Gäste, übernachten der Herzog, Goethe und »noch einige« im Freien

... was man damals, jugendlich begeistert, als »Erdgefühl« cachierte.

[Illustration]

Dieser Prinz Constantin, schon in frühen Jahren ein Sorgenkind, hat

hier bis 1780 gewohnt ... sicherlich nicht freiwillig. Er war ein

unruhiger Geist, schwierig zu behandeln, bei aller Wildheit überzart,

mit schmalen Schultern, blassen Schläfen, den dunkelglühenden Augen

eine Verfallserscheinung. Was konnte ihm, der nach Abenteuern und

Ekstasen Leibes und der Seele gierte, das Idyll Tiefurt geben? So

schickte man ihn auf Reisen. Vergebens. Krank taumelt er durchs Leben,

bis ihn, 1793, die Kriegstrommel verführt. Als sächsischer Oberst macht

er die Kampagne gegen Frankreich mit und stirbt, fern der Heimat,

irgendwo an der Ruhr, so ein nutzloses Dasein nicht einmal heldisch

endend. Mutterliebe hat ihm im Tiefurter Park ein Denkmal gesetzt,

eins der vielen hier. Ein antiker Sarkophag, sehr schön in den Linien,

die Inschriften feiern den Toten in ergreifenden Worten als Helden und

»Opfer dieses unglücklichen Krieges«.

* * * * *

Dies ist die Ära Constantin ... verweht, vergessen. Nur das Denkmal an

der Ilm erinnert leise daran und eine schmale Silhouette des Prinzen

im Schloß. Das Tiefurt Anna Amalias, die nun das ferne Ettersburg

aufgibt und hier im Sommer wohnt, ist das heutige ... der Park mit

seinen Urnen, Bänken und Gedenksteinen hat sich selbst erhalten, das

verwahrloste, mit Krimskrams aller Art überladene, lange nur als

Rumpelkammer benutzte Haus hat Enkelpietät ganz so wiederhergestellt,

wie es zu ihren Zeiten war. Dank Wilhelm Ernst, dem nun Vertriebenen,

der das getan! Auch hier würde die Erlauchte, kehrte einmal sie aus

Elysium zu der Stätte zurück, die ihr eine Stätte reinsten Glücks

und lauterster Freude gewesen ein Leben lang, alles finden, wie sie

es verlassen, als der Tod sie abberief. Wirklich alles. Nur die

Steintafel am Eingang zum Park fehlt, die einst schwärmte:

»Hier wohnt Stille des Herzens, goldene Bilder

Steigen aus der Gewässer klarem Dunkel.

Hörbar waltet am Quell der leise Fittich

Segnender Geister!«

Fromme Worte, die noch jetzt Magie. Wer den Park betritt, dem klingen

sie im Herzen auf, und wer ihn verläßt, den begleiten sie.

* * * * *

Zwei Wege führen von Weimar nach Tiefurt, beide gleich schön, zumal

im Frühling, wenn junges Grün sie säumt. Der eine die Landstraße, die

das »Webicht« quert: erst Villen, dann Garten und Feld, schließlich

der Wald. Wie oft ist hier der alte Goethe mit Eckermann gefahren, in

Erinnerung versunken! Der andere, die »Carolinen-Promenade«, läuft die

Ilm entlang.

»Es ist ein äußerst angenehmer Weg,« schreibt 1780 ein junger Theologe,

der Herder nach Tiefurt begleitete, »der Ilm nach, durch ein Wäldchen,

wo wir meisterlich waten mußten.« Das braucht man heute nun nicht mehr.

Man gelangt trockenen Fußes ans Ziel. Aber wenn der Briefschreiber

weiter erzählt: »Endlich kamen wir auf eine schöne Wiese, dann wieder

ins Holz, dann übers Wasser in den Garten, wo eine kleine chinesische

Hütte ist, hinauf auf den Berg, den Knebels Phantasie ausgebildet hat,

zu einigen kleinen Altärchen, wo man ins Tal eine schöne Aussicht hat,

zu einer Grotte, die Virgils Grab heißt, oben gegen dem Feld am Wald

vorbei auf eine hohe Eiche von drei Stockwerken, ordentlichen Altanen,

wo eine schöne Aussicht ist und reine herrliche Luft weht«, so kann man

der Schilderung eher beipflichten. Nur konnte Herders Begleiter, der ja

auch »Tiefort« noch ein »Lusthaus des Prinzen Constantin« nennt, anno

1780 die mancherlei Veränderungen nicht kennen, die der Park nun unter

Anna Amalia erfuhr.

Und die aus Wald und Wiese, Fluß und Uferhang, Berg und Tal einen

»elysischen Hain« machten. »Faune und Nymphen sollen sich nicht zu

schämen brauchen, ihren Aufenthalt darin zu nehmen.« So sie selbst.

Knebels Anlagen sind der Grundstock. Nun baut sie, mit Goethe,

weiter. Bäume werden gepflanzt, Wege gezogen, Durchblicke geschaffen.

Jede Bank erhält ihren Namen, jeder Platz seine tiefere Bedeutung.

Ein »Musentempel«, weiß und schlank, steigt reizvoll aus dem Samt

der grünen Rasenflächen, die Freunde werden durch Altäre und Urnen

gefeiert. Das Ganze schließen jenseits der Ilm Felsterrassen harmonisch

ab ... ein Theater der Natur, das sentimentalisches Gefühlsklima atmet,

Oden und Elegien in Stein, Baum, Boskett tändelnd beleben.

Oder wie die Goethe-Verse auf dem Holzsockel der Wieland-Büste es

wollen:

»Wenn zu den Reihen der Nymphen

Die eine Mondnacht versammelt

Sich die Grazien heimlich

Von dem Olympe gesellen,

Hier belauscht sie der Dichter

Und hört die schönen Gespräche

Sieht dem heiligen Tanz

Ihrer Bewegungen zu.

Was der Himmel Herrliches hat

Was glücklich die Erde

Reizendes hervorbringt

Erscheint dem wachenden Träumer.

Dann erzählt er's den Musen

Und daß die Götter nicht zürnen

Lehren ihn die Musen

Bescheiden Geheimnisse sprechen«.

Die ursprüngliche Form der Distichen, die in den Werken als »Geweihter

Platz« feierlichere Prägung erhalten haben. Geweihter Platz -- das

ist ganz Tiefurt. Man wandert von Erinnerung zu Erinnerung, immer die

Ilm zur Seite, die mit Glitzerwellchen lustig über Stein und Wurzel

dahinströmt. Enten treiben drauf, Blütenblätter, zuweilen hascht Sonne

einen Fisch und läßt den schmalen, blanken Leib in kühler Flamme

lodern ... alles wie anno dazumal, als Anna Amalia hier in weißem

Sommerkleid, eine bescheidene Landedelfrau, morgens lustwandelte. Mit

Wieland vielleicht, »ihrem guten Alten«. Oder mit Goethe, mit Herder.

Vielleicht auch nur begleitet von der »Gnomide«, der Göchhausen, und

deren dickem Mops.

Ein Baum, ein Steintisch, eine Büste ... wie dürftig! Und doch

vollkommenstes Idyll. Idyll auch, ein paar Schritte weiter, die Bank

mit dem Amor: Coronas Denkmal. Kein Name verrät, daß es ihr gilt. Aber

im Rauschen der Bäume, im leisen Flüstern der Blätter ringsum klingt

süß und leise noch heute die Stimme, die sich hier einst so oft im

Lied gewiegt. Sie ist Philomele, der die Goethe-Verse der Steintafel

huldigen:

»Dich hat Amor gewiß, o Sängerin, fütternd erzogen;

Kindisch reichte der Gott dir mit dem Pfeile die Kost.

Schlürfend saugtest du Gift in die unschuldige Kehle,

Und mit der Liebe Gewalt trifft Philomele das Herz.«

Niedlich darüber der Amor, ein kleiner Marmorgott. Die eine Hand,

die mit dem Pfeile, hat ein Umsturz-Wicht zerschlagen. Nun klagt das

Kinderauge, und Philomele, ängstlich in die andre Hand geschmiegt, ist

ohne süße Nahrung. Aber wenn der Abend kommt und Flieder und Jasmin

stärker duften, aus den Flußwiesen der Nebel steigt, singt sie doch ...

der ganze Park wird dann ein einziges trunkenes Liebesstammeln.

[Illustration]

Wenn der Abend kommt, erwacht hier überhaupt die Vergangenheit, aus

Schatten drängen Schatten und werden wieder Leben. Wissen muß helfen,

sie zu beschwören. Da ist Goethes Tagebuch. Immer wieder meldet es im

Sommer 1781, dem ersten, den Anna Amalia hier als Herrin verbracht:

»Abends Tiefurt.« Auch die Briefzettelchen an Charlotte, wilder,

heißer, ungestümer denn je, erzählen damals unablässig davon. Da wird

mit den Bauern und der Dorfjugend der »Ärndtekranz« gefeiert, da wird

»Nathan und Tasso gegeneinander gelesen«, da singt Corona Schröter

Rousseaus neue Lieder, da wird der »Musentempel« eingeweiht, ein

frischer Gedenkstein enthüllt ... wir würden heute sagen: immer ist

in Tiefurt was los. Und Charlotten, die ihre Migräne hat und an der

Ackerwand eifersüchtig des Freundes denkt, der mit anderen »miselt«,

vielleicht sogar mit »Krone«, vielleicht auch mit der schönen Baronin

Werthern oder der kecken Waldner, der Person, -- Charlotten wird

berichtet: »Gestern ist unsre Feyerlichkeit zu iedermanns Vergnügen

begangen worden.«

Feierlichkeit?

Wieder mögen Goethe-Verse Deutung geben. Das große, das wundervolle

Gedicht »Auf Miedings Tod«, das den Theatermeister Mieding und die

Schauspieler preist:

»Als euern Tempel grause Glut verheert,

Wart ihr von uns drum weniger geehrt?

Wie viel Altäre stiegen vor euch auf!

Wie manches Rauchwerk brachte man euch drauf!

An wie viel Plätzen lag, vor euch gebückt,

Ein schwer befriedigt Publikum entzückt!

In engen Hütten und im reichen Saal,

Auf Höhen Ettersburgs, in Tiefurts Tal,

Im leichten Zelt, auf Teppichen der Pracht

Und unter dem Gewölb der hohen Nacht

Erschient ihr, die ihr vielgestaltet seid,

Im Reifrock bald und bald im Galakleid ...«

Theater also, Possenspiel. Und die Bühne ist die »Theaterwiese«,

Parkett das »Chinesische Haus« mit schmaler Terrasse. So einst, und

so noch heute, nur liegen die Wiese, der schlichte Fachwerkpavillon

verödet und verlassen. Und nachher dann »Beleuchtung«. Da wird an

Miedings Stelle Goethe, der Rembrandt-Schwärmer, Regisseur, und

Fluß und Uferhang wandeln sich, wie so oft schon vorm Gartenhaus am

Stern, in idealische Landschaft von magischem Helldunkel, werden

Rembrandt-Tableau »zu jedermanns Vergnügen«.

Und das Tagebuch vom 28. August 81: »Abends in Tiefurt, wo man die

+Ombres Chinois+ gab.« An Frau von Stein tags darauf: »Gestern ist das

Schauspiel recht artig gewesen, die Erfindung sehr drollig und für den

engen Raum des Orts und der Zeit sehr gut ausgeführt. Hier ist das

Programm. +NB+ es war +en ombre Chinois+ wie Du vielleicht schon weißt.«

Dieser 28. ist Goethes Geburtstag, das Schattenspiel, das Seckendorf

gedichtet, Huldigung für ihn: »Minervens Geburt, Leben und Taten.«

Im »Tiefurter Journal«, Anna Amalias netter, handschriftlich

vervielfältigter Chronik dieser Jahre, kritisierte Wieland die

Aufführung. Alles sehr hübsch, sehr gelungen, doch Venus sei in einem

Aufzuge erschienen, »welcher dem Negligé einer Waschfrau und Grasnymphe

ähnlicher sah, als dem einzigen Schmuck, der sich für die Göttin der

Schönheit ziemt«. Ob Emilie Werthern, eben jene Venus, ein andermal den

guten »Papa Wieland« mehr befriedigt hat?

Ein Jahr später, an heißem Juli-Abend, die »Fischerin«, unten an der

Ilm bei Fackelbeleuchtung gespielt. Goethe an Merck: »Ehestens wirst

Du ein Wald- und Wasser-Dram zu sehen kriegen. In Tiefurt aufgeführt,

tut es gute Wirkung.« An Charlotte, die Verstimmung fern gehalten: »Von

meinem gestrigen Stück, das sehr glücklich ablief, bleibt mir leider

nichts als der Verdruß daß Du es nicht gesehen hast.« Das Tagebuch

stumm. Um so beredter die Tuschzeichnung von Kraus im Schlößchen in

Farbenduft und zarter Linie: die Erlen, die Fischerhütte, an einem

kleinen Feuer Töpfe, im Hintergrunde Netze und Fischergeräte, auf dem

Fluß im Mondschein der Kahn mit den Fischern, vorn Dortchen, die den

»Erlkönig« singt ... ein reizendes Bild, ganz die Szenerie des Stücks

in Goethes Angabe, ganz Tiefurt-Zauber. Dortchen, im üppig gerafften

Reifrock mehr eine Schäferin des Rokoko denn eine ländliche Fischerin

ist Corona Schröter, die Liebliche. Und wie kann es anders sein, daß da

die Verse aufklingen, die sie unsterblich gemacht:

»Ihr Freunde, Platz! Weicht einen kleinen Schritt!

Seht, wer da kommt und festlich näher tritt!

Sie ist es selbst -- die Gute fehlt uns nie --

Wir sind erhört, die Musen senden sie.

Ihr kennt sie wohl; sie ist's, die stets gefällt:

Als eine Blume zeigt sie sich der Welt,

Zum Muster wuchs das schöne Bild empor,

Vollendet nun, sie ist's und stellt es vor.

Es gönnten ihr die Musen jede Gunst,

Und die Natur erschuf in ihr die Kunst.

So häuft sie willig jeden Reiz auf sich,

Und selbst dein Name ziert, Corona, dich.«

* * * * *

So führt Erinnerung, süßen Plaudertons, zum Schloß. Altersbraun,

verwittert Dach und Mauerwand, liegt's unter Riesenbäumen. Weimar

trinkt hier gerne Kaffee. Der Kastellan hat kleine Wirtschaft, an

schönen Sommernachmittagen sind Tisch und Stuhl, heut leer und

Turngerät für Hühnervolk und Spatzen, dicht besetzt ... die »Stille des

Herzens« ist dann Illusion.

Ein Schloß?

Man lächelt. Kaum ein Schlößchen. Ein Guts-, ein Pächterhaus, wie's

deren Tausende gibt. Bescheidener kann man nicht wohnen. Allein die

hölzerne Pergola der Parkfront mit ihren Säulen, ihrem Gitterwerk,

ihren Skulpturen verrät, daß hier Anmut und Geist sich eine +maison

d'âme+ in ländlicher Idylle geschaffen, hier Heimat von Menschen

gewesen, die mehr als Ackerbau und Viehzucht trieben.

Anmut und Geist verklären auch das schlichte Innere. Ein Wittumspalais

im Kleinen! Winzig die Zimmer. Die niedrigen Decken einfach geweißt,

der Fußboden bemalte blanke Wachsleinwand, die reizend Mobiliar und

Fenster spiegelt. Überall das Ornament des Empire, halb Mäander, halb

Pompeji. Die Wände zartgetönt: gelb, grau, hellgrün ... am apartesten

ein »Empfangszimmer« mit den aufgeklebten schwarzen Kupferstichen.

Prunk fehlt ganz. Die Kronleuchter, auch sie Pompeji, das damals große

Mode, nur aus Holz geschnitzt, die Gardinen Mull, die Polsterbezüge

Rips. Hier und da ein Sessel mit Handstickerei: Hofdamengeschenke.

Bilder natürlich in Hülle und Fülle. Porträts in Öl, Porträts in

Pastell. Alte Stiche. Silhouetten. Wachsreliefs. Als Proben Ötternschen

Marmors, den Goethe zuerst brechen ließ, Büsten und Figuren von Klauer:

der junge Goethe, Fritz von Stein, die Göchhausen.

Es ist eine empfindsame Wanderung. Alles, was der Park erzählt, steht

hier noch einmal auf in Bild und Andenken ... ein Schattenspiel der

Seele. Aber die es einst in Dämmerstunden schnitten, sind alle tot ...

nur ihrer Persönlichkeiten geheimer Duft schwingt noch in den Räumen:

im Speisezimmer, wo sie, Raphaels Farnesinagemälde vor Augen, tafelten,

im Empfangszimmer, wo die Leseabende des Wittumspalais ihre sommerliche

Fortsetzung fanden, im Wohnzimmer, wo musiziert wurde, im Schlafzimmer,

wo Bett und Waschgeschirr, nebenbei: ein Puppengeschirr, das immer

von neuem verwundertes Lächeln hervorruft, noch so stehen, als ob die

Herzogin nur mal in den Park gegangen wäre und jeden Augenblick wieder

durch die Tür eintreten könnte.

[Illustration]

Und so kommt man auch, über schmale Treppe, schmalen Gang, zu der

Wohnung des Fräuleins von Göchhausen, die Luise hieß, aber, von den

Grafen Stolberg einst in übermütiger Laune, klein, wie sie war,

Thusnelda getauft, von der Herzogin zärtlich-liebevoll »Thusel« gerufen

wurde ... und dieser schmale Gang, eine Art Galerie, ist vielleicht

das Schönste hier im Schlößchen. Ist Rokoko-Kulisse, die verschnittene

Hecke vortäuscht. Ist Mozartsche Musik, ein wenig steif, ein wenig

tänzelnd, süß und lieblich. Auf die Laubtapete gemalt Steinfiguren, die

Jahreszeiten: +Le Printemps+, +L'Été+, +L'Automne+, +L'Hiver+. Damit

die falschen Statuen plastisch wirken, werfen sie alle Schlagschatten

... rührend komisch in verhaltener Grazie! So hat in unsern Tagen der

Russe Konstantin Somoff, so Walser Rokoko gemalt. Und vor der Galerie

die Pergola. Welch ein Blick! Der ganze Park. Da die Kastanienallee

zum Teesalon, da die drei Lärchen, die Goethe gepflanzt, da die

Theaterwiese mit dem Musentempel ... entzückend! Das grüne Gitterwerk,

von Wein berankt, der Rahmen für lauter Bilder von Corot.

Die gleiche Aussicht haben die Göchhausen-Fenster. Da hat die kleine

putzige Person, »Genie in Fülle -- kann aber nichts machen!«, am

Schreibsekretär gesessen, der geliebten Herrin Hand in Bronze vor

sich, und hat an Knebel geschrieben: »O Knebel, setzen Sie sich aufs

erste beste Pferd und erfreuen uns irgend einen guten Abend mit Ihrer

Erscheinung! Dies ist der Herzogin, Goethens und mein liebster Traum,

wenn wir in diesem lieben, lieben Tempe die Sonne untergehen und den

Mond in seiner stillen Pracht aufgehen sehen. Lieber, überlegen Sie's!

Oder vielmehr überlegen Sie's nicht und kommen Sie! So schön wie dies

Jahr war's noch nie! Die Akazien blühen wie überschüttet mit Blumen.

Rosen, Jasmin und Jelängerjelieber sind wie ausgelassen und können gar

nicht erwarten, bis sie alle da sind ...«

* * * * *

So gehen die Jahre. Die Farben von Tiefurt verblassen, die Menschen,

die hier Sommer für Sommer wohnen, werden alt, ihre Augen matt, ihre

Herzen müde. Weit verstreut in alle Lande, bis in das des Todes, sind,

die hier einst gelacht, gescherzt. Auch Goethe ist ein seltener Gast

geworden. Die Einsamkeit häkelt um Schloß und Park, und ein Besuch der

Königin Luise, die hier ein Paretz ins Weimarische übersetzt, findet,

ist 1804 fast unliebsame Unterbrechung des Friedens. »Nun denken Sie

sich den Holdelpolder im Tiefurter Bezirk!« schreibt die Göchhausen an

Knebel, den Freund, in Jena, »die Esel schrien, die Kühe brüllten, die

Gänse schnatterten, und die Hühner machten glu, glu, glu! Alles sang

Hymnen nach seiner Art.«

[Illustration]

Das Leben, das so freundlich hier gelächelt, in so buntem Glanz

geblüht, ist gemach zu +ombres Chinoises+ geworden, zu Silhouette, die

wehmütige Erinnerungen weckt. Man schaut sie an und hängt ein Kränzlein

um den Rahmen. Und fragt: Wie lange noch?

Herbst 1806. Der Krieg naht. Schwüle vor dem Sturm. Noch ist die

Herzogin in Tiefurt, Wieland leistet ihr Gesellschaft. Man musiziert

»mit schwerem Herzen«, wie Goethe in den Annalen erzählt, »es ist

aber in solchen bedenklichen Momenten das Herkömmliche, daß Vergnügen

und Arbeiten so gut wie Essen, Trinken, Schlafen in düsterer Folge

hintereinander fortgehen.« Da bricht der Sturm los, Anna Amalia

muß, Hals über Kopf, nach Kassel flüchten. Prinzessin Caroline, die

Enkelin, begleitet sie. Sie hat Tiefurt nie wiedergesehen. Denn kann

sie auch bald nach Weimar zurückkehren, so ist es jetzt doch Winter,

harter Winter, und das Wittumspalais bietet der alten Dame besseren

Schutz als Tiefurt. Außerdem kränkelt sie. Diesen Aufregungen war die

Achtzigjährige nicht mehr gewachsen. Als es wieder Frühling wird, legt

sie sich zu Bett und stirbt.

Die Tote hat man gefeiert. Die Sterbende war allein. Ergriffen steht

man vor dem schmalen Bette ihres Sterbezimmers im Wittumspalais. An

der grünen Seidenwand, jung und strahlend, die Porträts der Söhne,

zu Häupten des Betts ein Bild Friedrichs des Großen. Auf der Kommode

die Uhr und das Mundporzellan. Sonst nichts. Die letzte Welt einer

Fürstin, deren Geist keine Grenzen gekannt. Alles andere ferner

Traum: die Heimat Braunschweig, Belvedere, wo sie junge Frau gewesen,

Ettersburg und Tiefurt mit den bittern Tagen früher Witwenschaft, mit

den Tagen Wielands, Goethes, Herders, die der Einsamen verlorenes Glück

ersetzten. Was flüstert die Fiebernde? Formt Sehnsucht noch einmal

den greisen Mund zu wirrem Schmeichellaut? Oder ist's ein skeptisches

Lächeln, das um diese Lippen zittert?

Draußen rüttelt der Frühlingswind an den Fensterläden, und die

Kammerfrauen beten. Leise tickt die Uhr. Sie hat Jahre gezählt, nun

zählt sie Augenblicke. In das brechende Auge lächelt das Kinderantlitz

des Prinzen Constantin.

Die Reisen in den Harz

»Bin so in Lieb zu ihr versunken,

Als hätt' ich von ihrem Blut getrunken.«

~Goethe~

Im Weimarer Park, nicht weit von Goethes Gartenhaus und der Ilm so nah,

daß man ihr leises Rauschen gerade noch hören, den Schimmer des Wassers

durch das Gezweig von Weide und Erle gerade noch sehen kann, steht an

einer Weggabelung ein kleines Monument: der Schlangenstein. Martin

Klauer, der Bildhauer, hat ihn auf Wunsch Carl Augusts nach antiken

Vorbildern geschaffen, im Mai 1787 wurde der »Altar mit der Schlange«

hier aufgestellt.

[Illustration]

Derlei war damals Mode. Auch Goethe selbst hatte schon anno 77 in

seinem Garten am Stern einen ähnlichen »Altar des guten Glückes«

errichtet. Nun fand er, aus Italien zurückkehrend, diesen neuen an

nicht weniger vertrauter Stätte: mit der Inschrift »+Genio huius loci+«

auf dem Säulenstumpf eine zarte Huldigung des fürstlichen Freundes für

den Dichter. Denn wer konnte denn der »gute Geist dieses Ortes« sein,

wenn nicht er, auf dessen schöpferische Ideen die ganzen Parkanlagen

ringsum doch zurückgingen?

So wenigstens die eine Deutung der rätselhaften Worte. Andere meint,

der Herzog hätte gewußt, daß Goethen mit dem heimlich-stillen Platze

liebe Erinnerungen verknüpften, der seltsame Stein also ein »Denkmal

des Glücks« im Goetheschen Sinne wäre wie so manches andere Monument

im Park. Man denke nur an jene Steintafel in Goethes Garten, die Frau

von Stein gilt! Sie allerdings ist beredter, die Lettern, die ihr

eingegraben, erzählen rührende Legende:

»Hier im stillen gedachte der Liebende seiner Geliebten;

Heiter sprach er zu mir: Werde mir Zeuge, du Stein!

Doch erhebe dich nicht, du hast noch viele Gesellen;

Jedem Felsen der Flur, die mich, den Glücklichen, nährt,

Jedem Baume des Walds, um den ich wandernd mich schlinge:

Denkmal bleibe des Glücks! ruf' ich ihm weihend und froh.

Doch die Stimme verleih' ich nur dir, wie unter der Menge

Eine die Muse sich wählt, freundlich die Lippen ihm küßt.«

Wo sind sie, diese »Gesellen«? Diese unsichtbaren Geschwister von

Schlangenstein und Charlotten-Tafel? Felsen der Flur und Bäume des

Waldes, sind sie überall, wo Goethe jemals geweilt, sein guter Geist

Ort und Stätte begnadet. Sie zu finden, braucht man sich nur ein wenig

in seine Tagebücher und Briefe zu vertiefen, die so stark Beschwörung

verklungener Leiden und Freuden hauchen. Wer, diese +monumenta+

liebender Erinnerung fromm im Herzen tragend, durch die Landschaft

wandert, die Goethe-Spuren kreuzen, der begegnet auf Schritt und Tritt

solchen unsichtbaren »Denkmälern des Glücks«; er sieht in manche

Baumesrinde geschnitten, in manche Felswand gegraben, auf manche Tapete

geschrieben, in manches Fenster geritzt die drei geheimnisvollen

Worte: +Genio huius loci+ ... sieht sie im Geiste, wie er sie auf

dem »Felsenweg« im Park zu Weimar, von Ahnen hold bedrängt, am

Schlangenstein in Wirklichkeit gesehen.

Von solchen nicht in Erz und Stein sich deutlich kündenden Stationen

des Goethe-Weges soll hier die Rede sein.

* * * * *

Goethe im Harz ...

Sofort setzt die Erinnerung ein: natürlich, »Harzreise im Winter«!

Und doch ist diese Harzreise im Winter, die durch das wundervolle

Gedicht des Achtundzwanzigjährigen und durch die Brahmssche Rhapsodie

Ewigkeitsprägung erhalten hat, nur eine, die erste, und Goethe ist

danach noch dreimal im Harz gewesen. Schon allein der Einfluß, den

die drei Brockenbesteigungen auf Goethes »Faust« gehabt haben, sollte

ein Wissen darum über das enge Gebiet der Forschung hinaus zumindest

bei allen denen voraussetzen lassen, die immer wieder mit allen

Sinnen den romantischen Zauber der Walpurgisnächte in den beiden

Teilen des »Faust« erleben und empfinden, sei es im Theater, wenn all

der Hexenspuk auf der halbhellen Bühne vorübertaumelt und Faust und

Mephistopheles durch Glimmergründe zum Brocken hinaufsteigen, sei es in

der Stille des abendlichen Zimmers bei der Lektüre, wenn das Auge zu

der Stelle gelangt: »Harzgebirg. Gegend von Schierke und Elend,« sei es

im Konzertsaal, wenn Mendelssohns Vertonung der »Ersten Walpurgisnacht«

zu Musik werden läßt, was bisher nur als Wort in uns gebrannt ...

Aber das Wissen darum ist spärlich. Nicht alle Harzreisen Goethes haben

wie die erste des Winters 1777 dichterische Verklärung gefunden, und

so viele und so reiche Zeiten seines Lebens der Dichter später sich

und uns auch nacherzählt hat, gerade über die elf Jahre in Weimar, die

bis zur Italienischen Reise reichen und die das Verhältnis zu Frau von

Stein mit Duft überhaucht, hat er sich, ähnlich wie über die späteren

Jahre mit Schiller, ausgeschwiegen. Nur die Schweizerreise von 1779

macht eine Ausnahme.

Schattenspiel um Goethe · 第 1 / 14 段