Ein +schneller+ Menschenkenner war Emil Rathenau nicht. Dazu

war er zu vertrauensvoll und darum anfänglich stets geneigt, die

Menschen als das zu nehmen, was sie selbst darstellen und scheinen

wollten. Seine Naivität veranlaßte ihn, nicht nur die Menschen

direkt zu +behandeln+, sondern sie auch direkt, das heißt ohne

Hintergedanken zu +beurteilen+. So kam es, daß ihm auch ein

weniger wertvoller Mensch anfänglich zu interessieren, zu gefallen, ja

zu imponieren vermochte. Niemand konnte ihn aber auf die Dauer über

seinen Wert täuschen. Eine nähere Bekanntschaft offenbarte Rathenau

bald die wirkliche Natur und Fähigkeit eines Menschen, und wenn er

diese einmal als unzulänglich erkannt hatte, so war er für allezeit mit

ihrem Besitzer fertig. Auf eine nachträgliche Revision seines Urteils

ließ er sich nur höchst selten ein. Dies führte dazu, daß er -- der

im allgemeinen die Menschen richtig und gerecht einschätzte -- in

Ausnahmefällen auch einmal aus Vorurteil oder Eigensinn einem Menschen

unrecht tat. Las er meist auch nicht so schnell in Menschenseelen

wie andere sogenannte gute Psychologen, so las er doch häufig tiefer

und gründlicher als diese. Ungewöhnliche Menschen, auch wenn sie

ihre Eigenart noch nicht greifbar bekundet hatten, vielleicht selbst

nicht einmal kannten, hat er nicht selten entdeckt, gefördert und an

die richtige Stelle gesetzt. Als der Professor an der technischen

Hochschule +Klingenberg+ mit einem in der Konstruktion nicht

gerade gelungenen Automobilmotor zu Rathenau kam, erkannte dieser im

Gespräch, welche ungehobenen Schätze technischer Praxis in diesem

akademischen Professor schlummerten, und ohne langes Besinnen forderte

er ihn zum Eintritt in die Direktion der A. E. G. auf, in der sich

Klingenberg ganz so bewährte, wie es Rathenau vorausgesehen hatte.

Seine Mitarbeiter suchte und erzog er sich auf ganz individuelle Weise,

und zwar individuell für ihn wie für die anderen. Wenn irgend ein Platz

zu besetzen, irgend eine Aufgabe zu lösen war, so schaffte er sich

die Personen hierzu nicht nach dem System, das leider sonst vielfach

in der Industrie üblich ist, wo man bekannte Fachkräfte durch das

Angebot eines höheren Gehalts einfach aus ihrem früheren Wirkungskreis

fortengagiert. Ein derartiges System, bei dem schließlich nicht nur

Tenoristen-, sondern fast Bankdirektorengehälter für sogenannte erste

Fachkräfte üblich wurden, hat er seiner Konkurrenz oft vorgeworfen.

„Auf solche Weise ist es kein Kunststück, Leute zu bekommen,“ hat er

mir selbst einmal geklagt. Er selbst ging ganz anders zu Werke. Er nahm

nicht notwendigerweise für einen freigewordenen Posten oder eine zu

lösende Aufgabe -- abgesehen von Ausnahmen, bei denen die Zeit drängte,

oder es eine besondere Spezialität unbedingt verlangte, -- einen gerade

auf diesem Gebiete bewährten oder bekannten Fachmann, es sei denn,

daß er ihn ebenso leicht wie einen anderen bekommen und ihn ebensogut

brauchen konnte. Er suchte sich vielmehr unter seinen Leuten denjenigen

aus, der ihm für diese Sache die beste Eignung zu besitzen schien, auch

wenn er sich erst in das neue Gebiet einarbeiten mußte. Fähigkeiten,

nicht Vorkenntnisse waren für ihn ausschlaggebend und er wußte, daß

Frische, Unbefangenheit, die Gabe, sich eine Materie während der Arbeit

zu erobern, manchmal wertvoller sind als Wissen, das zur Routine

geworden ist. Er kannte seine Mitarbeiter genau, schematisierte nicht

mit Menschen und suchte jeden nach seiner Individualität, nach der Art,

nicht nur nach dem Maß seiner Leistung zu beschäftigen.

Emil Rathenau hatte das Glück, schon bei der Gründung oder kurz nach

der Gründung seines Unternehmens Mitarbeiter zu finden, die ihm und

seiner Gesellschaft ihr ganzes Leben lang treu blieben und so eng mit

ihr verwuchsen wie er selbst. Daß Deutsch, Mamroth oder Jordan jemals

hätten aus der A. E. G. ausscheiden, eine andere Stellung suchen oder

annehmen können, ist ein Gedanke, der allen Beteiligten wohl absurd

vorgekommen wäre. Diese treue und gute Kameradschaft, die auf der

Arbeit an der gemeinsamen großen, unter ihren Händen aufblühenden

Sache, aber auch auf der gegenseitigen Achtung vor der Persönlichkeit

der anderen beruhte, spricht gleicherweise für den menschlichen Wert

Rathenaus wie seiner Mitarbeiter. Tüchtige, energische Charaktere von

eigener Prägung und starkem Wuchs gruppierten sich um den Mittelpunkt

des Genies, dessen Überlegenheit alle anerkannten, das aber auch

ihnen Spielraum und Entwickelungsfreiheit für ihre Kräfte gewährte.

Die Stärke des Vorstandes der A. E. G., sagte mir einmal eines seiner

Mitglieder, liegt in ihrer seltenen, nicht herbeigeführten, sondern

„gewordenen“ +Homogenität+. Da war stets ein vollständiges

Gleichgewicht in dem Verwaltungskörper vorhanden, niemand drängte

sich vor, niemand blieb zurück, nichts verschob sich, nichts

mußte verschoben werden. Palastrevolutionen, innere Konflikte und

Auseinandersetzungen -- abgesehen von Meinungsverschiedenheiten wegen

sachlicher Fragen -- gab es nicht. Eifersucht, Neid, Intriguen,

persönliche Motive trugen keine Verwirrung in den Geschäftsgang. Die

geschäftliche Arbeit spielte sich auf dem Untergrund langjähriger

persönlicher Freundschaft ab. Viele Jahre hindurch wohnte Emil Rathenau

mit Deutsch und Mamroth zusammen in einem Hause am Schiffbauerdamm,

ganz nahe den alten und nicht fern den neuen Geschäftsräumen, Rathenau

im ersten, Deutsch und Mamroth im zweiten Stockwerk. Rathenau in

seiner Einfachheit hätte die alte Wohnung vielleicht nie aufgegeben.

Aber die Kollegen zogen fort, erbauten sich eigene Villenhäuser.

So entschloß sich denn auch Rathenau als Siebzigjähriger zum Bau

eines eigenen Hauses in der Viktoriastraße, auf dem Grundstück,

das seinen Eltern, zuletzt seiner Mutter, gehört hatte und das er

durch das danebenliegende erweiterte. Pietät gegen einen geliebten

Menschen erleichterte ihm den Bruch mit der Pietät gegen die gewohnte

Heimstätte. Um den Umständlichkeiten, den Gemütsbewegungen des Umzuges

zu entgehen, reiste er nach Wien, als schwerkranker Mann kehrte er

zurück und kurz, nachdem er sein neues Heim bezogen hatte, mußte er

sich zur Beinamputation entschließen.

Die Organisation des Vorstandes der A. E. G. ist, wie ich schon sagte,

nicht geschaffen worden, sie hat sich historisch entwickelt und ist

gerade darum so innerlich organisch geworden. Es wird von Interesse

sein, sie nachstehend in der Form, zu der sie sich in den letzten

Jahren Rathenaus entwickelt hatte, zu schildern.

1. +Deutsch+:

System der inländischen und ausländischen Zweiganstalten.

Installation und Fabrikation im Auslande. Organisation

der 300 Filialen, Installations- und Ingenieurbureaus. --

Großinstallationsgeschäft, soweit es von Berlin aus geleitet

wurde, also Einrichtung von Stationen für Berg- und Hüttenwerke,

Fabriken usw. (Privatanlagen). Fertigstellung der Jahresbilanz

(nicht Buchwesen). Sozusagen Minister des Äußeren.

2. +Mamroth+:

Wiederverkaufsgeschäft, Warenhandelsgeschäft, Buchführung,

Kasse, Gelddispositionen (Anlage der flüssigen Gelder,

Bankguthaben), Überwachung der Betriebsgesellschaften (nicht der

Trustunternehmungen). -- Sozusagen Minister des Inneren.

3. +Jordan+:

(früher im Patentamt tätig, leitete zuerst das Patentbureau der

A. E. G.) Leitung der gesamten Fabriken der A. E. G. mit Ausnahme

des +Kabelwerks+, und ausschließlich derjenigen Fabriken, die an

ausländische Zweiganstalten angegliedert waren. Arbeiterwesen.

4. Prof. +Klingenberg+:

Bau der Zentralstationen für eigene und fremde Rechnung.

5. Baurat +Pforr+:

Elektrische Bahnen.

6. +Emil Rathenau+:

Vereinheitlichung und Kontrolle der Geschäftspolitik,

Kontrolle der Finanzinvestitionen, technische Politik, wie

Aufnahme neuer Fabrikationszweige, ferner besondere Mitwirkung

beim Bahnengeschäft, beim juristischen, litterarischen und

Patentbureau. Das Kabelwerk, das Erich Rathenau geleitet hatte,

übernahm nach dessen Tode Emil Rathenau aus Pietät. -- Vertretung

der Gesellschaft in ihren Ausstrahlungen, Finanzbeteiligungen

(Aufsichtsräten) in erster Linie E. +Rathenau+, unterstützt

durch Dr. Walther Rathenau und daneben durch Deutsch, Mamroth

und Klingenberg. -- Fusionsunternehmungen behandelte E. Rathenau

mit Dr. Walther Rathenau, Elektrobankunternehmungen Dr. Walther

Rathenau allein.

Diese Organisation des Vorstandes erwies sich als außerordentlich

glücklich und leistungsfähig.

„Wir bewältigen damit einen Umsatz von 300 Millionen Mark, wir können

ebenso gut damit einen Umsatz von einer halben, ja einer ganzen

Milliarde kontrollieren,“ sagte einmal Deutsch zu einem Frager.

Bei einem Vorstande, der aus so starken Persönlichkeiten

zusammengesetzt ist, bei einer Gesellschaft, die sich zudem geldlich

so unabhängig zu halten verstand wie die A. E. G., ist die bestimmende

geschäftliche Mitwirkung des +Aufsichtsrats+ natürlich nur

verhältnismäßig gering. Abgesehen von den gesetzlichen Funktionen,

die er zu erfüllen hat, sind seine Aufgaben im wesentlichen

dekorativer Natur, nicht in leer repräsentativer Bedeutung, sondern

in dem Sinne einer Zusammenfassung und Wiederspiegelung wichtiger

geschäftlicher Beziehungen, die das Unternehmen mit anderen Industrie-

und Kapitalmächten verbinden. Eine intensive Arbeitsleistung kann ein

Kollegium von 30 Mitgliedern, das fast schon ein kleines Parlament

ist und sich nur ein paar Mal im Jahr vollständig versammeln wird,

naturgemäß nicht vollbringen. Es waren wohl auch zu vielerlei

Interessen in ihm vertreten, als daß diesem Kollegium ein allzutiefer

Einblick in alle Geschäftsdetails gegeben werden konnte. Neben den

Vertretern fast aller Großbanken gehörten Repräsentanten solcher

Unternehmungen dem Aufsichtsrat der A. E. G. an, die in einer

hervorragenden Geschäftsverbindung mit ihr standen, so Albert Ballin

von der Hamburg-Amerika-Linie, Ministerialdirektor a. D. Micke und

später Dr. Wussow von der Großen Berliner Straßenbahn, ferner die

Vertreter der früher mit der A. E. G. fusionierten Konzerne der

„Union“, der Lahmeyerwerke, der Felten & Guilleaume-Gesellschaft.

Auch die beiden großen Berliner Kohlenhändler Eduard Arnhold in

Firma Caesar Wollheim und Fritz von Friedländer-Fuld waren in

ihm vertreten. Als Fachleute, die für eine industrie-technische

Kontrolle in Betracht kamen, konnten eigentlich nur die früheren,

inzwischen in den Aufsichtsrat gewählten Vorstandsmitglieder und

einige wissenschaftliche Praktiker oder Konstrukteure, wie Geheimrat

Dr. Kirchhoff und bis zu seinem Tode v. Hefner-Alteneck gelten. Den

Vorsitz im Aufsichtsrat führten nach Georg v. Siemens Ausscheiden zwei

Exzellenzen, zuerst der preußische Staatsminister a. D. Herrfurth,

dann der Staatssekretär a. D. Hollmann, Repräsentationsfiguren, die

offenbar Beziehungen zu Regierungskreisen herstellen sollten und in

dieser Hinsicht auch wertvolle Dienste leisten konnten, namentlich

in einer Zeit, in der die A. E. G. als jüngeres Unternehmen noch mit

dem alten Ruhm und Ruf, den die Konkurrenzfirma Siemens & Halske

namentlich bei Behörden sich erhalten hatte, ringen mußte. Der

eigentlich geschäftsführende Vorsitzende war in jenen Zeiten Carl

Fürstenberg, der finanzielle Vertrauensmann und Freund Emil Rathenaus,

der den Titel eines stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden

führte. Nach dem Ausscheiden Hollmanns wurde Dr. Walther Rathenau

Aufsichtsratsvorsitzender der Gesellschaft und erhielt nach dem Tode

Emil Rathenaus als solcher den Titel Präsident der A. E. G. Mit diesem

war eine ausgedehnte und dauernde Arbeitsstellung verbunden, in die

ein Teil der früher von Emil Rathenau erfüllten Obliegenheiten, u. a.

die Zusammenfassung der Gesamtpolitik der A. E. G., eingebracht wurde,

während den anderen Teil der Vorsitzende des Direktoriums Geheimrat

Felix Deutsch übernahm.

Die ungewöhnliche und geistig leitende Stellung, die dem einzig

überlebenden Sohne Emil Rathenaus in der von diesem geschaffenen,

aber doch längst über die Grenzen eines persönlichen und privaten

Unternehmens hinausgewachsenen Gesellschaft von den bewährten

Mitarbeitern des Gesellschaftsgründers bereitwillig eingeräumt wurde,

findet ihre hinreichende Erklärung nicht in einem traditionellen

Erbgange, nicht in dem Streben nach einer Fortführung der „Dynastie

Rathenau“ aus dekorativen Gründen. Dem verständnisvollen Leser dieses

Buches braucht nicht gesagt zu werden, daß nur +sachliche+ Gründe

zu verantwortlichen Stellungen in der A. E. G. führen, daß solche

Stellungen nicht ererbt werden konnten, sondern erworben werden mußten.

Um den Nachweis für die Richtigkeit dieser Ansicht zu führen, aber auch

deswegen, weil es für das Charakterbild des Vaters nicht ohne Wert sein

kann, wenn dem Wesen und Wirken der Kinder -- ebenso wie dem der Eltern

-- nachgegangen wird --, wollen wir uns mit den Gestalten der Söhne

Emil Rathenaus an dieser Stelle kurz befassen. Der Anteil, den sie an

der Schöpfung des Vaters genommen haben, war nicht gering; er war auch

nicht äußerlich und zufällig, sondern innerlich und sozusagen organisch.

Emil Rathenaus Söhne sind beide keine Epigonennaturen gewesen. Sie

haben ihr Licht nicht nur von dem väterlichen Gestirn erhalten, sondern

durch ausgeprägte Eigenleistungen gezeigt, daß die Kraft des Stammes,

die das Genie des Vaters formte, in ihnen nicht ermüdete, sondern

lebendig blieb. Der jüngere von ihnen, +Erich+ Rathenau ist an der

Schwelle der Mannesjahre einem tückischen Leiden erlegen, das ihn schon

in den Knabenjahren befiel. Wohl kein Ereignis seines Lebens hat den

Vater so schwer getroffen, wie dieses Leiden und dieser Tod, es hat ihn

jahrelang der Geselligkeit und eine Zeitlang fast dem Werke entfremdet.

Erich Rathenau wird von allen, die ihn kannten, als ein gradliniger,

schlichter und gütiger Mensch geschildert. Er hatte ohne Zweifel das

Zeug zu einem hervorragenden Techniker. Das Kabelwerk der A. E. G.,

das er leitete, hat er zur Vollendung entwickelt. Es war keine Phrase,

wenn Emil Rathenau, als ihm in einer Generalversammlung vorgeworfen

wurde, daß er nun auch noch seinen zweiten Sohn in den Vorstand der A.

E. G. berufen lasse, sein Vorgehen in folgender Weise begründete: „Dem

tüchtigen Fachmann Erich Rathenau sind von der Konkurrenz so glänzende

Anerbietungen gemacht worden, daß es besonderer Gegenleistungen seitens

der A. E. G. bedarf, um ihn zu halten.“

+Walther+ Rathenau, sein älterer Bruder, ist eine kompliziertere

Natur. Auch er ging vom Technischen aus. Als Ingenieur war er

in schaffender Weise an der Ausbildung der elektrochemischen

Arbeitsgebiete der A. E. G. beteiligt, baute und leitete sieben

Jahre hindurch die drei Fabriken der Elektrochemischen Werke G. m.

b. H., deren Chlorverfahren er selbständig entwickelt hatte. Im

Jahre 1899 trat er in den Vorstand der A. E. G., übernahm dort die

Abteilung „Zentralenbau“ und führte insbesondere das Baugeschäft

für fremde Rechnung, das vorher etwas vernachlässigt worden war,

zu ansehnlichem Wachstum. Im Jahre 1901 wurde er mit Karl Frey

Administrateur der Elektrobank in Zürich, deren Geschäftskreis er ganz

selbständig verwaltete und deren Geschäftsmethoden er reformierte;

eine Tätigkeit, die ihn zu weitgehender Mitwirkung an dem Aufbau

des Trust- und Finanzsystems der A. E. G. berief und fähig zeigte.

Die Besserung der Beziehungen zu der Konkurrenzfirma Siemens &

Halske, die eine Verständigung über das Zentralengeschäft und die

Bildung des Kabelkartells ermöglichte, hat er durch ausgesprochenes

Verhandlungsgeschick angebahnt. Besonders war seine Hand bei den

großen Ausdehnungsgeschäften der A. E. G. zu spüren. Die Aufnahme

der Schuckert-Gesellschaft, für die er sich nach gründlicher

Untersuchung der Verhältnisse entschieden ins Zeug legte, konnte

er im Vorstandskollegium nicht durchsetzen. Dieses Schicksal eines

persönlichen Projektes, dessen Mißlingen er als einen großen und

dauernden Verlust für die A. E. G. ansah, veranlaßte ihn im Jahre 1902

aus dem Vorstand der A. E. G. auszuscheiden und einer Aufforderung

Karl Fürstenbergs zu folgen, in die Berliner Handelsgesellschaft als

Geschäftsinhaber einzutreten. Aber auch nach seinem Austritt blieb

Walther Rathenau in enger Fühlung mit der A. E. G., zumal da er seine

Stellung als Administrateur der Elektrobank beibehielt. Bei der

Verschmelzung der A. E. G. mit der „Union“ wirkte er in weitgehender

Weise mit; den Zusammenschluß mit dem Lahmeyer-Konzern, der ja von der

Elektrobank seinen Ausgang nahm, hat er fast selbständig entworfen,

desgleichen die erst nach dem Tode Emil Rathenaus eingeleitete Serie

der B. E. W.- und Elektrowerke-Transaktionen, durch die die Berliner

Elektrizitätswerke Akt. Ges. nach der Verstadtlichung ihrer Berliner

Zentralen durch Überführung des größten Teils der Aktien mit der A.

E. G. nahe verbunden und dann von dem ihr zur Last gewordenen Besitz

an den Elektrowerken in Bitterfeld befreit wurde. Bei allen diesen

Entwürfen kamen ihm sein Sinn für die Architektur großer Transaktionen

und seine konstruktive Begabung zustatten, die er während des Krieges

in noch größerem Rahmen bei der Rohstoffsicherung für die Zwecke des

deutschen Heeresbedarfs erweisen konnte.

Hatte sich in Erich Rathenau die naive Seite des väterlichen

Charakters fortentwickelt, so war Walthers Erbteil die Größe und

Schärfe des Denkens. Eine Erscheinung von ausgesprochener und sehr

bewußter Geistigkeit, die sich nicht auf das Fachgebiet des Vaters

oder das eigene beschränkte, sondern die allgemeinen Probleme des

wissenschaftlichen, künstlerischen und gesellschaftlichen Lebens ihrer

Zeit in den Brennspiegel ihrer Persönlichkeit zog. Die nicht nur in

den +Schaffens-+, sondern auch in den +Lebensformen+, mit

denen der Vater, wie wir gesehen haben, im Kleinbürgertum seiner

Herkunft haften geblieben war, frei zum Weltbürgertum emporwuchs

und darum ihrer Geistigkeit auch Kultur zu geben verstand. Daß eine

solche Entwickelung auch zu schriftstellerischer Betätigung drängen

mußte, ist verständlich. An dieser Stelle das Bild des Schriftstellers

Walther Rathenau und seines litterarischen Schaffens zu zeichnen, ist

unmöglich. Aber wenn wir feststellen, daß er Tiefe des Gedankens mit

einer ungewöhnlichen Plastik der Darstellungsweise, Originalität der

Anschauung mit einem sicheren Blick für das Praktische zu verbinden

weiß, sind wir uns der Zusammenhänge bewußt, die zwischen dem Geist des

Vaters und dem des Sohnes bestehen.

* *

*

Haben wir im Vorstehenden geschildert, wie Emil Rathenau die

Menschen als einzelne Persönlichkeiten behandelte, so bleibt noch

zu untersuchen, wie er zu den +Menschengruppen+, zu den

Kollektivpersönlichkeiten stand, mit denen er in Berührung kam.

Rathenau hatte, wie fast alle bedeutenden Industriellen seiner Epoche,

keinen ausgesprochenen Sinn und kein unmittelbares Interesse für das

+Soziale+. Er war nicht gerade antisozial, aber er war asozial.

Das Schicksal der Arbeiter- und Beamtenklasse interessierte ihn nicht

um dieser Menschenschichten oder um der Menschheit willen, sondern weil

er mit ihnen zu tun hatte, sie für seine industriellen Zwecke und Pläne

brauchte. Daß die meisten Industriepolitiker keine Sozialpolitiker

sind, ist erklärlich. Um ein bedeutender Industriepolitiker zu werden

und zu sein, braucht man die Arbeit eines ganzen Lebens und oft reicht

sie nicht einmal dazu hin. Auch die Sozialpolitik braucht ihren ganzen

Mann. Dazu kommt, daß der Industrielle, der verdienen, das Verhältnis

zwischen Einnahmen und Ausgaben ständig verbessern will, als größten

Widerstand auf diesem Wege die ständige Forderung des Arbeiters und

Beamten nach höherer Entlohnung, höherem Anteil am Produktionsertrag

findet. Der Fabrikant, dessen Streben in der Gegenrichtung fortdrängt,

hat es naturgemäß am schwersten, den Standpunkt der arbeitenden Klassen

zu begreifen. Denn er muß erst sich selbst ausschalten, seine stärksten

Ichgefühle neutralisieren, ehe er beginnen kann, sich in die Seele des

Arbeiters einzufühlen. So einfach, so primitiv und brutal darf man

den Gegensatz natürlich nicht darstellen, als ob die unersättliche

Geldgier des reichen Produzenten dem armen Arbeiter nicht von seinem

Überfluß ein Teilchen zur Verbesserung seiner Existenzbedingungen

abgeben will. Gewiß, auch das hat es häufig gegeben und gibt es wohl

auch noch. Aber gerade bei industriellen Schöpfernaturen spielt das

Geld nicht die ausschlaggebende Rolle, sondern die Kalkulation,

die Ökonomie des Produktionsprozesses, das Gedeihen des Werkes.

Gerade die tiefsten Verelendungen der Arbeiterklasse hatten ihren

Ursprung nicht in der Willkür zu reichlich verdienender Fabrikanten,

sondern in der Verschlechterung der Produktionsbedingungen für den

Industriellen, häufig sogar in dem Aufkommen neuer überlegener

Produktionseinrichtungen, die die Herstellung der nach den alten

Verfahren arbeitenden Unternehmer unrentabel machten und sie zum

Lohndruck zwangen.

Emil Rathenau hat sich mit der Sozialwissenschaft, die derartige

soziale Übergangskatastrophen zu verhindern oder doch zu mildern

suchte, nicht bewußt beschäftigt, ebenso wenig war er allerdings auch

konsequenter Antisozialist, wie zum Beispiel Kirdorf. Er war in dieser

Hinsicht, wie in mancher anderen, Unternehmer, Realist und Rationalist

und suchte mit dem Sozialismus, den er als eine wurzelstarke,

unausrottbare Bewegung erkannt hatte und mit dem er darum rechnen

mußte, so gut wie möglich fertig zu werden. Konflikte suchte er so

lange als möglich zu verhindern, denn er wußte, daß eine Niederlage für

den Arbeitgeber verhängnisvoll werden konnte, daß ein Sieg die Lage für

ihn nur auf eine verhältnismäßig kurze Zeit sicherte und den Keim zu

immer neuen Kämpfen bildete. Dabei war seine Art, der Arbeiterbewegung

Konzessionen zu machen, keineswegs die alte patriarchalische, die

sich vorzugsweise an das Gemüt wendet und die auch in ganz großen

Betrieben, wie zum Beispiel bei der Firma Fried. Krupp noch gepflegt

wird. Seine Methode war vielmehr eine ganz nüchtern rechnungsmäßige,

die an den Verstand appelliert und vom Verstande geleitet wird.

Während der Patriarchalismus manchen Forderungen des Sozialismus,

rein sachlich betrachtet, entgegenkommt, aber stets betont, daß er

diese Konzessionen freiwillig, gewissermaßen als Wohltat gewähre, dem

Arbeitenden jedoch keinen Anspruch auf sie einräumen will, war es

Rathenau ziemlich gleichgültig, in welcher Form er die Forderungen der

Arbeiter erfüllte. Wenn er sachlich etwas geben mußte, hielt er sich

nicht lange bei der Formfrage auf, ob er den Arbeitenden ein Recht

einräume, oder ob er ihnen ein Geschenk mache. Die Hauptfrage war für

ihn der rechnerische Effekt, die Einwirkung auf die Ökonomie. Erschien

diese ihm zu nachteilig, so ließ er es lieber auf den Kampf ankommen,

ehe er nachgab. Im anderen Falle war er zum Entgegenkommen bereit,

sofern er den Eindruck hatte, daß der Gegner stark genug war, um einen

Arbeitskampf wagen zu können. Im allgemeinen huldigte er der Ansicht,

daß es auch wirtschaftlich zweckmäßig sei, Störungen der industriellen

Arbeit möglichst zu vermeiden, da sie auch dem Unternehmer häufig mehr

schaden könnten als Zugeständnisse, die er den Arbeitern machte und die

vielleicht durch Verbesserung der Arbeitsmethoden wieder ausgeglichen

werden konnten. Von Arbeitskämpfen aus prinzipiellen Gründen wollte er

nicht viel wissen, und vermied sie, wenn es irgend angängig war.

Naturgemäß haben sich seine Anschauungen und Methoden auch in der

Arbeiterfrage im Laufe der Zeit verändert und entwickelt. Vor einer

Reihe von Jahren hielt ihm einmal jemand vor, daß er in der Zeit der

Hochkonjunktur viele Arbeiter eingestellt habe, die er dann in der

Periode des Rückschlags nicht behalten konnte. Er erwiderte: „Habe

ich denn diese Arbeiter alle gezeugt, daß ich +verpflichtet+

bin, sie zu beschäftigen? Wenn ich Arbeit für sie habe und sie zu

mir kommen, gebe ich ihnen Beschäftigung, habe ich keine Arbeit mehr

für sie, muß ich sie entlassen.“ -- Von diesem Standpunkt kam er mit

den Jahren immer mehr ab, je klarer er erkannte, wie vorteilhaft es

vom geschäftlichen Standpunkt für ein Großunternehmen ist, einen

dauernden, treuen und geübten Arbeiterstamm zu besitzen. Natürlich

führte er diese Ansicht nicht bis zu der Konsequenz durch, nun

überhaupt keinen Arbeiter mehr zu entlassen, auch wenn es für ihn

an Beschäftigung fehlte. Aber er suchte die Entlassungen möglichst

einzuschränken, indem er für Arbeiter, deren Tätigkeit auf einem Gebiet

beendigt war, neue Arbeitsmöglichkeiten zu schaffen bestrebt war und

zur Erreichung solcher Zwecke auch Opfer nicht scheute, von denen er

wußte, daß sie sich später wieder bezahlt machen würden. Übrigens trug

sein kaufmännisches System, die A. E. G. vor Beschäftigungskrisen

sicherzustellen und die Produktion auch in schlechten Zeiten konstant

zu erhalten, naturgemäß dazu bei, auch die Arbeiterverhältnisse in

ihren Betrieben zu festigen. Entlassungen fanden in späteren Jahren

weniger in Zeiten des Konjunkturrückganges als infolge der Einführung

neuer arbeitersparender Produktionsmethoden statt. Hier war aber der

Arbeiterrückgang meist nur ein ganz vorübergehender, denn solche neuen

Produktionsmethoden pflegten sehr schnell den Bedarf anzuregen und

damit auch die Nachfrage nach Arbeitern wieder zu heben.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 40 / 41 段