Doppelseitig wie die Stellung Rathenaus zur Aktie war auch die zu

den Aktionären. Er verachtete und ignorierte die Kapitalisten, die

ihr Geld ihm und seinen Gesellschaften anvertrauten, keineswegs,

wie das manche Selbstherrscher des Aktienwesens tun, von denen die

Aktionäre nur als Objekte, nicht als Subjekte der aktienrechtlichen

Gesetzgebung und der aktiengesellschaftlichen Interessen betrachtet

werden. Für Emil Rathenau stand das Interesse der Aktionäre sehr hoch

und wurde von ihm mit peinlicher Gewissenhaftigkeit wahrgenommen. Bei

allen Maßnahmen, die er traf, bei allen Vorschlägen, die er machte,

fragte er sich und seine Mitarbeiter stets: „Was werden die Aktionäre

dazu sagen, wie schneiden die Aktionäre dabei ab?“ Diese Frage

beschäftigte ihn unausgesetzt und spielte bei seinen Entschließungen

eine wichtige Rolle. Er fühlte sich durchaus als Sachwalter fremden

Vermögens, und in der Tat waren seine Maßnahmen, selbst wenn sie von

Generalversammlungs-Oppositionen heftig bekämpft wurden, auch vom

Standpunkte der Aktionäre aus betrachtet, fast immer wohlüberlegt.

Jedenfalls kann Emil Rathenau kein Fall nachgewiesen werden, in dem

er berechtigte Interessen der Aktionäre verletzt und Ansprüche,

die von einem höheren Gesichtspunkte aus begründet waren, nicht zu

erfüllen versucht hätte. Aber formell erkannte er den außenstehenden

Aktionären nicht das Recht zu, sich über wichtige gesellschaftliche

Fragen, die nur aus der Kenntnis der inneren Verhältnisse und Vorgänge

bei dem Unternehmen begriffen werden konnten, ein Urteil anzumaßen,

das an fachmännischem Gehalt dem der Verwaltung gleichwertig gewesen

wäre. Der Tag der Generalversammlung war für Rathenau durchaus

keine bloße Formalität, keine unbequeme Äußerlichkeit, der aus

gesetzlichen Gründen genügt werden und die man so schnell als möglich

erledigen mußte. Er schilderte den Aktionären seine Beweggründe so

ausführlich, wie er das mit den geschäftlichen Interessen der Firma

vereinbaren zu können glaubte, gab Auskunft, so weit er es für irgend

tunlich hielt und gewährte den Aktionären volle Rede-, Frage- und

Beschwerdefreiheit. In seinen Entschlüssen ließ er sich aber fast nie

durch sie umstimmen, zumal sie ihm selten etwas Neues vortrugen, einer

Frage eine Beleuchtung geben konnten, in der er sie nicht schon selbst

gesehen hatte. Er pflegte ja die ihm vorliegenden Probleme nach allen

Seiten hin zu durchdenken, sie immer wieder hin- und herzudrehen, ehe

er zu einem Ergebnis kam. Sein Sohn Walther hat nach dem Tode des

Vaters einmal Aktionären, die der Ansicht waren, neue Gesichtspunkte

zur Beurteilung einer Angelegenheit beigebracht zu haben, das Wort

zugerufen: „Glauben Sie denn nicht, daß wir Phantasie genug besitzen,

um uns ungefähr alle Einwände, die Sie hier in der Generalversammlung

vorbringen könnten, schon vorher vorzulegen und sie in Erwägung zu

ziehen?“ -- Die Aktionäre antworteten auf diesen Ausspruch, -- der ganz

und gar aus dem Geiste Rathenaus, des Vaters, gesprochen war, wenn

dieser ihm vielleicht auch nicht die schlagfertige, scharf pointierte

Fassung gefunden haben würde, -- daß dann ja die Generalversammlung

nur eine Farce sei und es sich für die Aktionäre nicht lohne, sie zu

besuchen und in ihr das Wort zu ergreifen. In der Tat läßt sich mit

einer solchen Aktionärpolitik mancher Mißbrauch treiben, denn keine

Verwaltung ist unfehlbar und es gibt Fälle, in denen der Außenstehende

mehr und schärfer sieht, eine bessere Distanz zu den Dingen hat, als

die doch immerhin im Geschäftsgang befangene Verwaltung. Rathenau hat

sich solchen Mißbrauch aber eben nie zu schulden kommen lassen. Wenn

man heute zurückschauend die verschiedenen Kämpfe zwischen ihm und den

Aktionären betrachtet, so wird man finden, daß +in der Sache+

fast stets Rathenau recht gehabt hat, und daß die Anträge und Wünsche

der Aktionäre, wenn ihnen Folge gegeben worden wäre, die A. E. G. von

der finanziellen Richtung, die sie mit so großer Konsequenz und mit

so glänzendem Erfolge innehielt, abgelenkt und vielleicht etwas ganz

anderes aus ihr gemacht hätten.

Niemals ist Emil Rathenau in den Generalversammlungen wegen Schäden,

fehlerhafter oder schlechter Führung der Geschäfte angegriffen worden,

sondern das in allen Versammlungen mit seltener Regelmäßigkeit

wiederkehrende Thema der Opposition waren die angeblich zu niedrigen

Dividenden. „Tun Sie doch nicht immer nur in den Spartopf hinein,

sondern nehmen Sie doch auch einmal etwas für die Aktionäre heraus.“ --

„In guten Zeiten sammeln Sie für die schlechten, in schlechten nehmen

Sie nichts von den Notreserven, sondern sammeln weiter im Hinblick

auf die ungeklärte Lage.“ -- „Was nützen uns die Reserven, von denen

man versprochen hat, daß sie uns einmal zugute kommen werden, wenn

erst unsere Enkel den Vorteil davon haben sollen.“ -- So und ähnlich

lauteten die manchmal ganz witzig und klug zugespitzten Wendungen, mit

denen man ihn -- nicht selten mit Argumenten aus dem Arsenal seiner

eigenen Logik -- zu schlagen und aus seiner Festung herauszulocken

suchte. Emil Rathenau blieb kühl bis ans Herz hinan. Er war nicht

so gewandt wie sein Sohn Walther, der als Aufsichtsratsvorsitzender

resigniert zu entgegnen pflegte: „Es hat keinen Zweck, der Opposition

entgegen zu kommen, denn gleichgültig, welche Dividende wir auch

vorschlagen, es wird stets eine Erhöhung um 2% beantragt werden.“ Wenn

die Opposition heftig oder gar in der Form verletzend wurde, so konnte

allerdings auch Emil Rathenau in Harnisch geraten und seine Worte waren

dann manchmal von einer Bitterkeit, einer persönlichen Gereiztheit,

die er ruhigen Blutes wohl selbst als zu weit gehend erkannt haben

würde. -- Zu derart heftigen Kämpfen kam es aber nur in einigen wenigen

Versammlungen, so in der vom 12. Dezember 1905, als der Führer der

Opposition, Rechtsanwalt Elsbach, nachdem er die Bilanz undurchsichtig,

den Geschäftsbericht einen furchtbaren Blender genannt und dem

Generaldirektor vorgeworfen hatte, daß er seine Versprechungen nicht

gehalten habe, seine Rede mit den Worten schloß: „Wir bitten nicht

mehr, fordern wollen wir. Wir sind hier im eigenen Hause und stehen vor

den Verwaltern unseres Vermögens.“ -- Rathenau entgegnete aufbrausend:

„Wenn wir in derartiger wenig taktvoller Weise angegriffen, ja

persönlich besudelt werden, so können wir nichts anderes tun, als Ihnen

unseren Platz zur Verfügung zu stellen.“ -- Erst Fürstenberg, der kluge

Dialektiker, der die Verhandlungen gewöhnlich anstelle der dekorativen

Aufsichtsratsvorsitzenden mit dem Staatssekretärstitel leitete, konnte

durch seine schlagfertigen Bemerkungen die Situation in solchen Fällen

wieder einigermaßen herstellen. Derart scharfe Zusammenstöße bildeten

aber Ausnahmen. Im allgemeinen verliefen die Generalversammlungen ruhig

und sachlich, und wenn die Aktionäre auch durch sie keinen Einfluß auf

die Verwaltung zu gewinnen vermochten, so waren diese Tage doch für

die Besucher nicht selten recht interessant und lehrreich, und diese

konnten stets die Beruhigung mit davon tragen, daß die Verwaltung ihres

Vermögens in guten Händen sei.

e)

Wenn in der Presse die Unergiebigkeit unseres politischen Lebens, das

angeblich niedrige Niveau unserer Parlamente und Parlamentsdebatten

beklagt wird, so empfiehlt man häufig als Abhilfe die Zuwahl unserer

geistigen und gewerblichen Führer in den Reichstag oder Landtag,

da man von ihnen glaubt und hofft, daß sie mit ihren anderwärts

bewährten überlegenen Persönlichkeitswerten auch das parlamentarische

Leben befruchten, neue und größere Gesichtspunkte in den Kleinkram

der geschäftspolitischen Verhandlungen bringen könnten. Die Stände

des Handels und der Industrie haben es auch oft genug beklagt, daß

ihre Vertreter in den Parlamenten weit spärlicher zu finden seien

als zum Beispiel Persönlichkeiten aus der Landwirtschaft. Ob die

so ausgesprochenen Gedanken und Wünsche allgemein betrachtet einen

berechtigten Kern haben, ist mir stets zweifelhaft gewesen. Die

Beschäftigung mit der Politik stellt ihre eigenen Ansprüche, fordert

ihre eigenen Maßstäbe. Nicht geistiges, industrielles oder agrarisches

Talent ist zu ihrer Ausübung erforderlich, sondern politisches,

daneben auch politische Leidenschaft. Sie fordert heute bei der Fülle

der Facharbeit, die im parlamentarischen Leben zu erledigen ist, den

ganzen Mann, und ist nicht mit den paar beschäftigungslosen oder der

eigentlichen Beschäftigung abgerungenen Stunden zufrieden, die ihr

ein auf anderem Gebiete voll in Anspruch genommener Mann etwa widmen

könnte. Beim Landwirt liegen die Verhältnisse meist etwas anders.

Die agrarischen Führer sind fast durchweg Berufspolitiker, die aus

landwirtschaftlichen Kreisen stammen und die Interessengesichtspunkte

ihrer Herkunft mit in das politische Leben hinübernehmen. Üben

sie eine landwirtschaftliche Tätigkeit noch aus, so ist sie meist

nebensächlicher Natur. Es fehlt ihr auch fast stets der schöpferische

Inhalt, der den großen Industriellen so stark ausfüllt und beansprucht,

daß er kaum eine seiner Hauptkräfte für eine ganz anders geartete

politische Tätigkeit einsetzen kann. Für die Richtigkeit dieser

Ansicht sprechen die Erfahrungen, die wir mit bedeutenden Kaufleuten

in ihrer parlamentarischen Praxis gemacht haben. In ihrer besten

schaffenskräftigsten Zeit waren sie nur selten gute, vollgültige

Politiker. Man wird vielleicht auf Männer wie Hansemann und Camphausen

verweisen. Aber diese gehörten einer anderen Zeit an. Damals lag

das wirtschaftliche Leben ganz auf der Linie des politischen. Die

Wirtschaft wollte frei werden wie der Staatsbürger. Beide hatten

denselben Weg. Inzwischen ist die wirtschaftliche Freiheit schneller

zum Ziele gelangt als die politische. Statt nach Zielen orientierte

sich die Wirtschaft nunmehr nach Interessen. Das war auch auf die

Stellung der Industriellen nicht ohne Einfluß geblieben. Sie waren

nun meistens Interessenten, ähnlich wie die Agrarier, nur nicht

auf einem so geschlossenen und in sich einheitlichen Gebiet wie

der Landwirtschaft, sondern auf ihrem eigenen Sondergebiete, das

ja in politischer wie wirtschaftlicher Hinsicht durchaus nicht von

denselben Interessen beherrscht zu werden brauchte, wie irgend ein

anderes, nicht minder wichtiges, aber auch nicht minder beschränktes

Wirtschaftsgebiet. Es gibt Gewerbe, die schutzzöllnerisch sind, andere

die dem Freihandel zuneigen, es gibt Gewerbe, deren Vertreter politisch

rechts, andere, deren Vertreter politisch links stehen. Der Hansabund,

dessen unorganische Zusammensetzung im Gegensatz zu dem homogenen Bund

der Landwirte schnell zutage trat, ist ein sprechendes Beispiel für

diese politische Zerfallenheit der Handels- und Industriekreise. Die

höheren politischen und wirtschaftlichen Gesichtspunkte, die früher

in unserem parlamentarischen Leben zur Geltung kamen, vermochte er

ebensowenig zurückzubringen, wie das die stärkere Zuwahl bedeutender

Gewerbetreibender in unsere Parlamente tun könnte, wenn diese nicht

zugleich einen entwickelten Sinn für Dinge des Gemeinwohls, für

staatsbürgerliche und staatsgesellschaftliche Interessen hätten.

Emil Rathenau gingen diese Interessen so gut wie völlig ab. Auf seinem

Fachgebiete universell, in allem Können und Wissen, das diesem

Fachgebiete irgendwie nützen konnte, unbestrittener Meister, schloß

er sich von Gesichtspunkten und Fragen des Gesamtinteresses fast

ebenso entschieden ab, wie von den schönen Künsten, den theoretischen

Wissenschaften und ähnlichen für ihn abseits liegenden Dingen. Sein

Leben war so ganz von der Sphäre durchdrungen, in der es zur Vollendung

gelangte, daß er sicher keine Zeit, und ebensowenig Neigung zu Dingen

hatte, in denen er es höchstens zu halben Resultaten hätte bringen

können. Die Mehrzahl der +intensiven+ Schöpfer ist so organisiert,

ihre Kraft ist an den Boden gebannt, dem sie entwuchs, und nur ganz

frei und leicht schaffenden Naturen ist es manchmal gegeben, daß ihnen

ihre Genialität auch auf anders geartete Gebiete folgen darf. Emil

Rathenau war ein überwiegend naiver Schöpfer, aber darum wurde ihm

sein Werk nicht leicht. Sein Ringen mit ihm verzehrte alle Kräfte.

So blieb er denn auch ganz in seinem Werk und dessen Dunstkreise

befangen. Seine Tätigkeit für gemeinwirtschaftliche Fragen beschränkte

sich auf eine vorübergehende Gastrolle, die er im Ältestenkollegium

der Berliner Kaufmannschaft gab. Nach dem Tode seines Sohnes Erich

zog er sich auch von dieser Tätigkeit und der damit verbundenen

Geselligkeit zurück. Allgemeine wirtschaftspolitische Anschauungen

besaß er vielleicht, sie waren aber nach den Interessen seines

Faches orientiert, ein freies wirtschaftspolitisches Weltbild wurde

nicht daraus. Er war gegen Kartelle, weil sie der elektrotechnischen

Industrie nicht „lagen“, er war gegen die hohen Schutzzölle, weil seine

Industrie einen ausländischen Wettbewerb im Inlande nicht zu befürchten

brauchte und andererseits stark auf den Export angewiesen war. Er war

in diesen Dingen Interessent, besaß aber Takt und Selbsterkenntnis

genug, um seine privatwirtschaftlichen Interessen nicht im Gewande

des Volkswirts der Allgemeinheit aufzudrängen. Einmal hat er, befragt

von einer illustrierten Zeitschrift (Illustrierte Zeitung, 27. Januar

1910), sich über Zollfragen öffentlich ausgelassen. Die Äußerung ist so

interessant, daß sie hier wiedergegeben werden soll.

„Als Nichtpolitiker möchte ich mich einer Antwort auf die

erste Frage enthalten, wie sehr ich auch die Bedeutung des

darin angeregten schiedsgerichtlichen Vertrages für die

deutsch-französischen Beziehungen und für das gesamte Kulturleben

zu schätzen weiß.

Mehr berechtigt halte ich mich zur Beantwortung der zweiten

Frage, die das wirtschaftliche Verhältnis der beiden Länder

betrifft. Sie bietet mir eine willkommene Gelegenheit, zunächst

einige grundsätzliche Bemerkungen zu machen. Das unter der Parole

„Schutz der nationalen Arbeit“ betriebene System hat nunmehr zwar

schon eine langjährige Geschichte, indes ist damit noch nicht

ohne weiteres seine Berechtigung erwiesen. Vorteilhafter ist es

vielmehr, wenn eine Ware möglichst da produziert wird, wo die dafür

günstigsten Bedingungen gegeben sind. Statt dessen hat es das

Schlagwort vom Schutz der nationalen Arbeit mit sich gebracht, daß

heute nicht mehr bloß jedes Land, sondern auch die verschiedenen

Städte, ja selbst kleine Gemeinden allerlei herstellen möchten,

was geeigneter anderwärts und unter anderen Bedingungen geschaffen

werden kann. Um Produktion und Konsum steht es am besten, wenn die

denkbar höchste Qualität unter möglichst niedrigen Kosten erreicht

werden kann. Das läßt sich nur erzielen, wenn die Herstellung an

dem dafür zweckmäßigsten Orte erfolgt, da, wo sie sich am ehesten

im großen auf höchster Stufenleiter betreiben läßt. Statt dessen

werden die Produktionsstätten verengt, wenn die Länder sich

gegeneinander absperren, und wenn dem Vorbilde, das diese in ihrem

Verhalten zueinander geben, auch Städte und Gemeinden innerhalb der

einzelnen Länder folgen.

Dieser Auffassung von den Nachteilen des Schutzzollsystems

pflegen die Vereinigten Staaten von Amerika als ein Beispiel

entgegengehalten zu werden, das für die Ersprießlichkeit der

Schutzzölle spreche. Indes nehmen die Vereinigten Staaten eine

Ausnahmestellung ein. Ich werde da an eine Begegnung mit Mac Kinley

erinnert. Wir sprachen über den teueren Lebensunterhalt in Amerika

und ich bezeichnete ihn als eine nachteilige Wirkung der von Mac

Kinley so eifrig vertretenen Hochschutzzölle. Er stimmte meiner

Verurteilung dieses Systems und meiner Befürwortung des freien

Handels im Prinzip zu, nur wollte er meinen Standpunkt nicht für

die Vereinigten Staaten gelten lassen. Sie bildeten ein Land für

sich, das auf das Ausland nicht angewiesen wäre. Amerika sei als

eine Art Robinson Crusoe imstande, seine Bedürfnisse vom Rohprodukt

bis zum letzten Fabrikat selber herzustellen.

Mindestens bis zu einem gewissen Grade ist dieses Urteil Mac

Kinleys in der Tat berechtigt. Die sich auf achtzig Millionen

belaufende Bevölkerung der Vereinigten Staaten stellt einen

Konsumenten von ungewöhnlicher Größe dar. Da sie zudem fast

völlig einheitlich in ihrer Sprache, ihren öffentlichen

Einrichtungen und ihren Lebensgewohnheiten ist, hat sie mehr als

die Bevölkerung anderer Länder die Möglichkeit, ihre Bedürfnisse

durch Massenfabrikation zu befriedigen. Indem damit der Arbeit

der Maschine ein so viel größerer Spielraum gewährt ist, wird die

Produktion durch die Höhe der Löhne für menschliche Arbeit nur

verhältnismäßig wenig benachteiligt. Die übrigen Produktionsmittel

aber stehen dem Lande in der größten Mannigfaltigkeit und Fülle zur

Verfügung.

Anders die europäischen Länder. Deutschland mit seinen sechzig,

Frankreich mit vierzig Millionen Einwohnern bleiben in der

Bevölkerungszahl hinter der amerikanischen stark zurück. Dazu ist

die Bevölkerung und damit auch die Befriedigung ihrer Bedürfnisse

hier um vieles differenzierter. Und weiter ist keines dieser Länder

mit den vielseitigen und reichen Naturschätzen bedacht, die den

Vereinigten Staaten beschieden sind. In Frankreich ist, da es über

Kohle und Erz nur in relativ unzureichenden Mengen verfügt, der

Betrieb von Gewerben, in denen es auf Massenfabrikation ankommt,

erschwert. Er ist vergleichsweise so viel mehr für Deutschland

geeignet, dem jene Roh- und Hilfsmaterialien in umfassender

Menge zu Gebote stehen. Hinwiederum sind Frankreich in manchen

seiner Weine und in deren vorzüglicher Kultur, sowie in dem durch

jahrhundertlange Tradition überlegenen Kunst- und Luxusgewerbe

Produktionszweige gegeben, in denen es berufen ist, die Bedürfnisse

des Auslandes, unter anderm auch die Deutschlands, zu befriedigen.

Aus dieser meiner Auffassung ergibt es sich als selbstverständlich,

daß ich alle Schritte, die das bisherige handelspolitische

Verhältnis Deutschlands zu Frankreich bessern könnten, mit voller

Sympathie begrüße. Da die hier veranstaltete Umfrage die Anregung

gibt, „in einem bestimmten Punkte Vorschläge zu machen“, liegt es

mir nahe, im Hinblick auf etwaige Besprechungen zwischen den beiden

Regierungen Frankreich darauf hinzuweisen, von welcher Bedeutung

es für die französische Bevölkerung wäre, wenn ihr die Möglichkeit

geboten würde, elektrotechnische Fabrikate, für deren Herstellung

in Deutschland die günstigeren Voraussetzungen bestehen, billiger

und leichter, als es bisher möglich ist, zu beziehen.

Die deutsche Elektrotechnik nimmt in Europa eine führende

Stellung ein. Der Vorsprung, den sie erreicht hat, läßt sich

anderwärts in absehbarer Zeit nicht einholen. Es wäre demnach

natürlich, daß die Nachbarländer sich die Leistungen der deutschen

Elektrizitätsindustrie zunutze machten, zumal es keinerlei

Beschäftigung oder Beruf gibt, in denen die Elektrizität

nicht in irgend einer Weise Verbesserungen der Arbeits- und

Lebensbedingungen mit sich bringt. Für die Erzeugnisse der

elektrotechnischen Industrie besteht aber zwischen Frankreich

und Deutschland keine handelsvertragliche Verständigung. Die

Zollschranke, die Frankreich zwischen sich und der Schweiz

aufgerichtet hat, und die die elektrotechnische Industrie im

besonderen Grade trifft, gilt laut Vertrag vom Jahre 1871 unter der

Bezeichnung einer „Meistbegünstigung“ auch für die deutsche Einfuhr

nach Frankreich. Wenn ein Handelsabkommen zwischen Deutschland

und Frankreich zustande käme, das den Erzeugnissen der deutschen

Elektrotechnik die französische Grenze öffnete, würde Frankreich

damit die Teilnahme an den Fortschritten der Industrie erleichtert

werden. Für den Vorteil, der sich daraus zugleich für Deutschland

ergäbe, könnten Frankreich Zugeständnisse bei der Einfuhr seiner

Weine und kunstgewerblichen Fabrikate gemacht werden. Das hätte

auch für Deutschland den Vorteil, daß die Lebensfreude hier durch

die Erzeugnisse Frankreichs gehoben würde.

Statt daß die Lebenshaltung des einen Landes durch die Zollmauer,

die es von dem andern trennt, niedergehalten wird, schüfe ein

auf der Grundlage freieren Warenaustausches sich aufbauendes

Handelsabkommen eine Harmonie der Interessen, die hier und dort

Arbeit und Genuß mehrten und erleichterten.“

Wir sehen also: Am Anfang ganz gescheite, wenn auch nicht

übermäßig originelle Ausführungen prinzipieller Natur. Sobald

aber die Nutzanwendung kommt, steuern sie in das Fahrwasser

einer Interessenpolitik, die nur auf den Nutzen für die eigene

Industrie, nicht auf eine wirklich tief durchdachte und objektive

wissenschaftliche Begründung Wert legt. Hätte Emil Rathenau, als er zu

schaffen anfing, den Vorsprung, den sich damals Amerika und England in

der elektrotechnischen Industrie errungen hatten, als etwas gegebenes

hingenommen und auf eine eigene Betätigung in dieser Industrie

verzichtet, so würde er nie die A. E. G. geschaffen und zu der ersten

Elektrizitätsgesellschaft der Welt gemacht haben.

f)

Wie ist Emil Rathenau, der die +Sachen+ im allgemeinen so

trefflich zu behandeln verstand, nun mit +Menschen+ umgegangen?

-- Man könnte vielleicht sagen: Wie mit den Sachen, -- wenn dem Worte

nicht ein gewisser herabsetzender Beiklang von Gefühllosigkeit,

von Herzenskälte innewohnte, der in Rathenaus Art, mit Menschen zu

verkehren, vielleicht manchmal, aber durchaus nicht immer enthalten

war. Rathenau konnte kühl und uninteressiert, ja schroff und ablehnend

sein, aber er war durchaus keiner von den Menschen, die über Leichen

gehen. Er hatte darum für eine so ausgesprochene Eroberernatur

eigentlich wenig persönliche Konflikte. Er war Gefühlsregungen

keineswegs unzugänglich und Personen gegenüber, die ihm menschlich

nahe standen, sogar großer Zartheit fähig. Man konnte seine Art,

Menschen zu behandeln, eher „sachlich“ nennen, wenn diese Sachlichkeit

nicht gelegentlich durch persönliche Stimmungen, Gereiztheiten und

sogar Ungerechtigkeiten getrübt worden wäre. Am besten wird man sein

Verhältnis, seinen Umgang mit Menschen vielleicht mit dem Worte

„direkt“ kennzeichnen. Er kannte im Verkehr mit Menschen keine

Umschweife, keine Nebenwege, keine Umhülltheiten, mit einem Worte keine

Indirektheiten. Er hielt mit nichts zurück, und täuschte nichts vor.

Er sagte ehrlich, was er dachte, war in Lob und Tadel, in Anerkennung

und Kritik offen. Rücksichten auf Stand, Rang und Alter nahm er dabei

nicht, und er hat einmal -- wie mir ein Augenzeuge berichtete -- eine

hochgestellte Persönlichkeit seines Konzerns, einen Exzellenzherrn

in Gegenwart von dritten ziemlich brüsk zur Rede gestellt, weil

dieser eine von ihm übernommene Aufgabe nicht zu seiner Zufriedenheit

ausgeführt hatte. Aber so sehr sein Tadel verletzen konnte, so tief

konnte sein Lob beglücken. Für Mitarbeiter, die viel mit ihrem Chef in

Berührung kamen, gab es keine schönere Belohnung als eine Anerkennung

des Meisters, nicht nur deswegen, weil sie selten war, sondern weil

er ihr oft eine menschlich-warme, den Belobten innerlich berührende

Form zu geben verstand. Eine so direkte Art der Menschenbehandlung

war natürlich für das kaufmännische +Verhandeln+ nicht unter

allen Umständen geeignet. Delikate Besprechungen, in denen zunächst

sondiert werden mußte, in denen es darauf ankam, vorerst einmal nicht

das ganze Ziel, die letzte Absicht, das eigentliche Interesse zu

zeigen und aus dem Gegner, der sich ebenso vorsichtig, abwartend

und berechnend verhielt, trotzdem das Wissenswerte herauszuholen,

lagen ihm im allgemeinen nicht. Auch Verhandlungen, bei denen der

Kontrahent nicht durch sachliche Gründe, sondern durch politische

List, nicht durch den Inhalt, sondern durch die Form des Gesprächs

gewonnen werden sollte, verstand Emil Rathenau, trotzdem er am

Schreibtisch und im monologischen Denkprozeß nicht nur klug, sondern

auch schlau zu argumentieren vermochte, nicht übermäßig gut zu

führen. Der +Mensch+, der ihm gegenüber saß, zwang ihn mehr oder

minder rasch zur Offenbarung seiner Karten. Die Ursprünglichkeit, die

Ungeduld, das Endziel zu erreichen, sprengten den zurückhaltenden

Gang umhüllter Unterredungen. Emil Rathenau vermochte im Gespräch

schlagend, aber nicht ebenso schlagfertig zu sein. Während er im

uninteressierten Fachgespräch gut zu plaudern verstand, waren für

Einleitungsverhandlungen zu konkreten Geschäften andere im Konzern

besser geeignet als er. Denn er sagte hier, wie auch in Zweckgesprächen

mit Konkurrenten, Vertretern von Behörden usw. zu schnell und zu

offen, alles was zu sagen und manchmal besser auch nicht zu sagen war,

wie er denn überhaupt der Ansicht war, daß gute Geschäfte nur solche

seien, die beiden Kontrahenten zum Vorteil gereichten. Vorsichtig

zu behandelnde Einleitungsbesprechungen ließ er denn auch meist von

seinen Direktoren oder von seinem Sohn Walther führen. Standen die

Dinge aber so, daß eine offene Aussprache am besten zum Ziele führen

konnte, das heißt handelte es sich um Geschäfte, die überhaupt ganz auf

diese Weise erledigt werden konnten, oder waren die Erörterungen bei

anderen Geschäften über das Stadium des Parlamentierens hinausgelangt,

so war Emil Rathenau der richtige Mann. Dann wurde er zum glänzenden

Verhändler. Kurz, sachlich, bestimmt formulierte er seinen Standpunkt,

machte die Konzessionen, die er machen konnte, feilschte nicht viel und

blieb unbeirrbar bei der Sache. Für Leute, die gleichfalls sachlich zu

diskutieren verstanden, war es ein Vergnügen mit ihm zu verhandeln,

eine Leichtigkeit, mit ihm ins Reine zu kommen. Aber auch Abschweifende

zwang er durch die Suggestion seiner Art und Persönlichkeit gleichfalls

bald zur Sache.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 39 / 41 段