In der +Angestelltenfrage+ war der Standpunkt Rathenaus

grundsätzlich derselbe wie in der Arbeiterfrage. Er stellte sich auf

den Boden einer nüchternen Tatsachenpolitik, und wenn die Angestellten

bei ihm trotzdem nicht dasselbe erreichten wie die Arbeiter, so liegt

das daran, daß ihnen die Macht und Solidarität des Zusammenschlusses

nicht in demselben Maße zur Seite stand, die ihren Forderungen

denselben Nachdruck hätte geben können wie der Arbeiterschaft. Immerhin

versuchte er, soweit es bei einem so großen Betrieb möglich ist, den

tüchtigen Angestellten den Aufstieg aus den niedrigsten Regionen zu

ermöglichen. Die Verbesserung der sozialen Lage des Durchschnitts ging

nur schrittweise vor sich.

Ein eigenartiges Kapitel im sozialen Leben Rathenaus betrifft die

+Frauenarbeit+. Er schätzte an Frauen besonders die Weiblichkeit,

und infolgedessen entsprach seinem Gefühl die Frauenarbeit recht wenig.

Als ihm aber manche seiner Mitarbeiter rechnerisch überzeugend deren

Vorteile für das Unternehmen dargelegt hatten, gab er seinen Widerstand

auf und ließ sogar zu, daß Frauen von der A. E. G. in großem Umfange

eingestellt wurden. In seinem innersten Empfinden blieb er aber immer

ungläubig und als einmal in irgend einer Zeitung die Meldung zu lesen

war, daß die Baltimore- und Ohio-Bahn eine Statistik aufgemacht habe,

nach der die Bezahlung der Frauen bei dieser Gesellschaft um 30%,

die Leistung aber um 50% geringer sei als die der Männer, ließ er

überall nachforschen, um Näheres über diese Statistik zu ermitteln.

Die Ermittelungen fielen negativ aus und es erwies sich, daß die

Baltimore-Ohio-Bahn überhaupt keine Statistik dieser Art angefertigt

habe. -- Die Beamten, die er mit dieser Nachforschung beauftragt

hatte, waren nicht wenig erstaunt, als Rathenau wenige Tage nachher

gelegentlich des Empfanges einer Studiengesellschaft eine Rede hielt,

in der er die Vorteile der Frauenarbeit begeistert pries und mit Stolz

darauf hinwies, daß bei der A. E. G. schon seit langem die Frauenarbeit

in großem Maßstabe gepflegt würde.

Im Endeffekt hat natürlich Emil Rathenau, wie jeder andere große

Entwickeler industrieller Arbeit, auch sozial fördernd gewirkt.

Industrie schaffen, heißt Arbeit schaffen und die Bedingungen der

Industrie verbessern, heißt auch die Bedingungen der Arbeit verbessern,

wenngleich eine zu plötzliche, revolutionierende Verbesserung der

Industrietechnik vorübergehend auch auf die Arbeiterverhältnisse

drücken kann. Das von Adam Smith aufgestellte Lohngesetz, nach dem die

Industrie den Arbeiter stets nur so viel verdienen läßt, daß er gerade

sein Auskommen finden kann, hat doch heute nicht mehr volle Geltung.

Die soziale Bewegung, aber auch die großartige Industrieentwickelung

haben zweifellos in den letzten Jahrzehnten dahin gewirkt, die soziale

Lage zu mindestens des Standes der gelernten Arbeiter zu heben und sie

der des Kleinbürgertums anzunähern.

g)

Wir sind am Ende. Wir haben versucht, ein Menschenleben in seinem

Sein und Wirken zu schildern, das ein Heldenleben gewesen ist, wie

nur irgend eines, wenn ihm auch vielleicht der Schimmer der Romantik

gefehlt hat. An Kämpfen war dieses Leben reich und reich an Erfolgen.

Mit dem Leben hatte Emil Rathenau zu ringen, und zuletzt auch mit

dem Tode. Wer den Invaliden sah, als er sich, von dem ersten Anfall

der tückischen Krankheit kaum erholt, im Rollstuhl nach seinem

Arbeitszimmer am Friedrich Karl-Ufer fahren ließ, diese zitternden

Hände, diesen totenblassen Kopf, diese müden Züge, die einst von

Energie und Lebenswillen durchglüht gewesen waren, gab diesem Mann

nur noch wenige Wochen. Immer neue Attacken der Krankheit schüttelten

ihn. Er überwand sie und gewann noch ein paar Jahre. Im Mai 1914, als

ich ihn zum letzten Male aufsuchte, war er äußerlich ganz der alte.

Seinen künstlichen Fuß, den ihm ein Meister-Orthopäde konstruiert

hatte, betrachtete er nur als technisches Problem. In stundenlanger

Unterhaltung entwickelte er mir damals alle brennenden Fragen der

Elektrizitätsindustrie, jugendlich, frisch, zukunftsfreudig wie nur je,

ganz ungebrochener Geist, der sich die Materie untertan gemacht hat.

Ein Jahr später hatte die Materie doch den Geist überwunden. Am Tage

der Wiedereroberung von Lemberg schloß Emil Rathenau die Augen.

Können heute noch Männer seinesgleichen wachsen und werden? Die

Großen aus dem Reiche der Industrie sind gestorben oder sie altern.

Aus den Reihen der jungen Saat sehen wir noch keinen Halm, der über

die umstehenden Köpfe soweit hinausragt, wie Saul über die Propheten.

Unsere Industrieentwickelung ist voller aber auch ruhiger geworden. Es

sind nur Schritte vorwärts zu tun, langsame oder schnelle, aber keine

großen Distanzen mehr zu überspringen, im Sturmschritt zu durcheilen

wie zur Zeit, als Rathenau nicht nur selbst jung war, sondern das Glück

hatte, die Jugend einer Epoche zu erleben. Es fehlen die neuen, großen

jungfräulichen Probleme, an denen sich die Begabung zur Vollkraft

entwickeln, der Feuerfunke des Genius zum lodernden Brand entzünden

kann. -- Fehlen sie? Oder werden sie aus der ungeheuren Umwälzung

entstehen, in die dieser lange, schwere und zerstörende Krieg Europa

gestürzt hat und aus der seine Weltherrschaft nur eine ungeheure Arbeit

der Geister und Hände erretten könnte? -- Warten wir und hoffen,

daß uns Deutschen Männer wie Emil Rathenau wieder geschenkt werden,

die unsere Kraft der Organisation mit dem Blute der Persönlichkeit

durchtränken und zu noch höherem Werte emporheben können.

Wir machen bei dieser Gelegenheit noch besonders auf die früher

erschienenen Bände I-V der „Großen Männer“ aufmerksam.

Band I

Große Männer.

Von +Wilhelm Ostwald+, 3. u. 4. Aufl. Broschiert M. 14.--.

Die schnelle Folge der Auflagen ist ein Beweis dafür, wie dieses Werk

die öffentliche Meinung wachgerüttelt hat. Demgemäß haben denn auch

die vorliegenden Kritiken alle Stufen von glühendem Enthusiasmus bis

zu wütender Gegnerschaft durchmessen... Es sei wiederholt auf dieses

bedeutsame Buch hingewiesen, das die so wichtigen Gegenstände der

Erziehung und Bildung der Jugend in eine ganz neue Beleuchtung rückt

und aus deren Ergebnis einschneidende Verbesserungsvorschläge gewinnt.

Frankfurter Zeitung.

Band II

Zur Geschichte der Wissenschaften und der Gelehrten seit zwei

Jahrhunderten

nebst anderen Studien über wissenschaftl. Gegenstände, insbesondere

Vererbung u. Selektion beim Menschen v. +Alphonse de Candolle+.

Deutsch herausgeg. v. +Wilh. Ostwald+. Brosch. M. 12.--, gebunden

M. 13.--.

... Die Umsicht und die Gewissenhaftigkeit, mit der das Material

bearbeitet ist, erweckt ebenso unsere Bewunderung, wie die

Bescheidenheit, mit der die Ergebnisse vorgetragen werden, unsere

Sympathie erregt. Forscher und Lehrer sollten sich mit dem Inhalt des

schönen Werkes vertraut machen.

Prof. Schaum, Leipzig, in „Leipziger Neueste Nachrichten.“

Band III

Jacobus Henricus van’t Hoff.

Sein Leben und Wirken von +Ernst Cohen+, Prof. an der

Reichs-Universität zu Utrecht. Mit 2 Gravuren u. 90 Abbildungen.

Broschiert M. 14.75, gebunden. M. 16.--.

Das Aufsehen erregende Werk bildet einerseits einen wertvollen Beitrag

zur Geschichte der exakten Naturwissenschaften, insbesondere der

Chemie und sucht andererseits die Schätze aufzudecken, die der heutige

Schulbetrieb für einseitig begabte Menschen, die das Zeug zum „großen

Mann“ hätten, im Gefolge habe.

„Jahresbericht für das höhere Schulwesen.“

BESTELLSCHEIN

Unterzeichneter bestellt hiermit von den im Verlage der

Akademischen Verlagsgesellschaft m. b. H. in Leipzig

erschienenen Bänden der „=Großen Männer=“:

Bd. I: =Große Männer.= Von Wilh. Ostwald. Brosch. M. 14.--,

gebd. M. 15.--

Bd. II: =Zur Geschichte der Wissenschaften u. der Gelehrten

seit zwei Jahrhunderten.= Von A. de Candolle -- Wilh. Ostwald.

Brosch. M. 12.--, gebd. M. 13.--

Bd. III: =Jac. Henr. van’t Hoff.= Von Ernst Cohen. Brosch. M.

14.75, gebd. M. 16.--

Bd. IV: =Victor Meyer.= Von Rich. Meyer. Brosch. M. 18.--,

gebd. M. 20.--

Bd. V: =Ernst Abbe.= Von F. Auerbach. Brosch. M. 18.--, gebd.

M. 21.--

Ort und Datum Unterschrift (bitte recht deutlich):

...........................................................

GROSSE MÄNNER

Studien zur Biologie des Genies

Herausgegeben von

WILHELM OSTWALD

Band IV

VICTOR MEYER

Leben und Wirken eines deutschen Chemikers und Naturforschers 1848-1897

von

RICHARD MEYER

Geh. Rat, Professor an der Herzogl. Techn. Hochschule zu Braunschweig.

Mit 1 Titelbilde, 79 Textabbildungen und der Wiedergabe eines

Originalbriefes.

Geheftet M. 18.--; gebunden M. 20.--.

Aus dem Vorwort:

Das vorliegende Werk ist aus einem Nachruf hervorgegangen, den ich auf

Wunsch des Vorstandes der Deutschen Chemischen Gesellschaft verfaßt

habe und der in den Berichten der Gesellschaft (41, 4505) im Jahre

1909 erschienen ist. Wie ich damals ausführte, glaubte ich im ersten

Augenblick die Aufgabe, ein Lebensbild meines geliebten Bruders zu

entwerfen, nicht übernehmen zu können. Ich empfand nicht nur die

großen, allgemeinen Schwierigkeiten, sondern vor allem die besonderen

persönlichen Bedenken, welche sich aus meinem verwandtschaftlichen

Verhältnisse zu dem früh Geschiedenen ergaben. Sie wollten sich auch

durch die Erwägung nicht beschwichtigen lassen, daß die gemeinsam

verlebte Jugend und unsere durch ein ganzes Leben fortgesetzten

innigen Beziehungen mir eine Fülle von Erinnerungen und schriftlichen

Zeugnissen seiner Entwickelung hinterlassen haben, welche eine

wertvolle Grundlage für ein Lebensbild abgeben konnten. Die Bedenken

habe ich in eingehender Darlegung zum Ausdruck gebracht. Sie wurden

freundlich aber entschieden zurückgewiesen -- und so glaubte ich

mich der verantwortungsvollen und zugleich mir teuren Pflicht nicht

entziehen zu dürfen.

Als vier Jahre später die Akademische Verlagsgesellschaft mit der

Aufforderung an mich herantrat, eine ausführliche Biographie zu

verfassen, habe ich dem nach gründlicher Überlegung Folge gegeben. An

der Bearbeitung des Werkes hat meine Frau einen wesentlichen Anteil.

Von der Jugend her in inniger Freundschaft mit uns beiden verbunden,

stand sie meinem Bruder menschlich nahe und teilte seine künstlerischen

und literarischen Interessen. Manches hier Niedergeschriebene stammt

aus ihrer Feder, und vielfach ist die Grenze ihres und meines Anteils

verwischt.

Dem Texte sind zahlreiche Bildnisse von Personen eingefügt, welche mit

meinem Bruder in näherer wissenschaftlicher oder freundschaftlicher

Beziehung gestanden haben. Daher war ich bestrebt, die Betreffenden in

dem Alter wiederzugeben, in dem sie hauptsächlich mit meinem Bruder

verkehrten, was in den meisten Fällen, wenn auch nicht immer gelungen

ist.

Die Darstellung gliedert sich in zwei Abschnitte. Der erste enthält

die Schilderung des Lebensganges, im zweiten ist die wissenschaftliche

Lebensarbeit des Mannes im Zusammenhange dargestellt. Dabei konnte

es aber nicht fehlen, daß die Arbeiten auch schon im ersten Teile

berührt wurden, soweit sie das innere Leben beeinflußten, und

weil die Briefe vielfach ganz davon erfüllt sind. -- Den Schluß

bildet ein Anhang, welcher kurze biographische Notizen über die im

Text erwähnten Persönlichkeiten enthält. Dabei ließ ich mich von

demselben Gedanken leiten, welcher +G. W. A. Kahlbaum+ bei der

Herausgabe von +Liebigs+ Briefwechsel mit +Schönbein+ und

+Friedr. Mohr+ zur Anfügung umfassender Anmerkungen veranlaßte,

und welchen er durch die Worte zum Ausdruck brachte: „Als Ideal hat

uns vorgeschwebt, den Leser so zu stellen, als sei er ein Mitglied

des Freundeskreises +Liebig-Schönbein+ gewesen, und daher

über Menschen und Dinge, über Vorgänge und Arbeiten einigermaßen

orientiert.“ -- Dabei mußte ich auf einen Leserkreis Rücksicht nehmen,

der sich aus Chemikern und Nicht-Chemikern zusammensetzt.

Die Arbeit wurde im Januar 1914 begonnen. Während ich damit beschäftigt

war, brach der Weltkrieg aus, der natürlich hemmend darauf einwirken

mußte. Gleichwohl konnte ich sie zu Ende führen, und wenn jetzt der

ersehnte Friede anscheinend noch in unbestimmter Ferne liegt, so wird

doch vielleicht nach mehr als zweijähriger Kriegsdauer der Leserwelt

die Darbietung eines friedlichen Stoffes nicht unerwünscht sein.

+Braunschweig+, im Oktober 1916.

+Richard Meyer.+

Band V

ERNST ABBE

Sein Leben, sein Wirken, seine Persönlichkeit

nach den Quellen und eigenen Erinnerungen dargestellt

von

FELIX AUERBACH

Mit 1 Gravüre, 115 Abbildungen im Text und der Wiedergabe zweier

Originalschriftstücke.

Geheftet M. 18.-- Gebunden M. 21.--.

Hiermit wird den Lesern die Lebensbeschreibung eines Mannes geboten,

der wegen der völligen Originalität seiner Persönlichkeit wie seines

Wirkens, durch die Mannigfaltigkeit seiner Betätigung und doch auch

wieder durch die einheitliche Größe seines Wesens das Interesse

weiterer Kreise erwecken und erfüllen muß, als es sonst Biographien tun

können. Hat doch Ernst Abbe nicht bloß in der wissenschaftlichen Optik

Bahnbrechendes geleistet, hat er doch nicht bloß die optische Industrie

auf eine Höhe gebracht, von der aus Deutschland jetzt auf die andern

Länder mit berechtigtem Stolze herabschaut; sondern auch auf einem ganz

andern Gebiete, als sozialer Reformator, Unvergleichliches geschaffen

-- auf einem Gebiete, auf dem es leicht ist zu reden und zu schreiben,

aber ebenso schwer zu handeln, schwer wegen der unumgänglichen

Voraussetzungen des Herzens, des Charakters und des Verstandes, an die

jenes Handeln geknüpft ist. Nur selten in Jahrhunderten finden sich

diese Voraussetzungen in einer und derselben Person vereinigt; bei

Abbe sind sie es gewesen, und so war diesem einfachen Arbeitersohn ein

innerer und äußerer Erfolg gleichen Maßes und größten Stils beschieden.

Im vorliegenden Buche wird, an der Hand des Quellenmaterials und

persönlichen Erlebnisses, unterstützt durch sorgfältig ausgewählte

Bildnisse und Illustrationen, der ganze Aufbau dieses Lebens

dargestellt, und das in einer Weise, die es auch dem Nichtfachmann

(und Abbe gegenüber sind wir das alle) ermöglicht, Schritt für Schritt

mitzugehen und die Entwickelung dieses wahrhaft großen Mannes zu

verfolgen -- nicht nur dem Gelehrten, dem Techniker, dem Industriellen,

dem Volkswirt; nein, auch ganz einfach dem Menschen, zu dem der große

Mensch eindringlich spricht. Den Beschluß des Buches bilden Beigaben

für den, der durch seine Lektüre zu eingehender Beschäftigung mit

seinem Gegenstande angeregt worden ist.

Fußnoten:

[1] Siehe „Der Staat und die Elektrizitätsversorgung“ von Dr. ing.

Gustav Siegel.

[2] In letzter Zeit hat die A. E. G. die Elektrowerke an den

Reichsfiskus verkauft.

[3] Abgedruckt in der „Elektrochemischen Zeitschrift“ 1916, S. 297 ff.

[4] Inzwischen ist die Besteuerung der Kohle ohne Zusammenhang mit dem

Elektrizitätsproblem bereits zur Durchführung gelangt, und zwar in viel

höherem Ausmaß, als es Klingenberg vorgeschlagen hatte.

[5] Nach Fertigstellung dieser Ausführungen hat der Verkehrsminister

v. Breitenbach im Abgeordnetenhause eine stärkere Betätigung des

preußischen Staates auf dem Gebiete der Großkrafterzeugung angekündigt

und Pläne entwickelt, die ganz in der Richtung der Rathenau’schen,

Siegel’schen und Klingenberg’schen liegen. Auch er mußte aber zugeben,

daß die Vorteile eines solchen Vorgehens zunächst nicht so sehr auf

dem staatsfinanziellen, als auf dem allgemeinwirtschaftlichen Gebiete

liegen würden.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 41 / 41 段