+Industriefinanzier+ -- das ist das Wort, mit dem Rathenau am

häufigsten charakterisiert wird, womit man die Größe und Besonderheit

seiner Leistung am kräftigsten herausheben und umschreiben zu

können meint. Große Industriegebilde hätten auch andere geschaffen,

unterschiedlich und neu seien bei Rathenau aber hauptsächlich die

Finanzierungsmethoden, die in dieser Art und Ausprägung kein anderer

vor ihm und neben ihm ausgebildet habe, die für eine ganze Generation

vorbildlich und fruchtbar geworden seien. Drängt sich ein so starker

Eindruck von dem Wesen und Wirken eines Mannes der Öffentlichkeit

auf, so muß ihm naturgemäß irgend eine berechtigte Ursache zu Grunde

liegen. Das Urteil der öffentlichen Meinung braucht nicht umfassend zu

sein, es braucht das Bild des beurteilten Menschen oder Gegenstandes

nicht ganz in der Fläche zu decken und nicht ganz bis in die Tiefe

zu erfassen. Die Beurteilung kann schief und oberflächlich, aber

sie kann nicht völlig falsch sein. In der Tat war Emil Rathenau

ein Finanzkünstler ersten Ranges, und in der Tat gehen von hier

vielleicht die stärksten Einflüsse aus, die er über die Grenzen seiner

Sondertechnik und Sonderindustrie hinaus auf das Gesamtwirtschaftsleben

ausgeübt hat, sofern wir allerdings die umwälzenden Einwirkungen der

von Rathenau beschleunigten „Elektrisierung“ fast aller Verkehrs-

und Produktionsprozesse als zur elektrischen Sondertechnik gehörend

betrachten. Unter seinen Methoden, die einfach von anderen Gewerben

übernommen, zum Gemeingut der Gesamtwirtschaft werden konnten,

stehen die finanziellen weitaus im Vordergrunde. Das System der

Selbstbedarfsdeckung und Selbstabsatzwirtschaft, wie es Rathenau für

die elektrische Industrie erfunden hat, war doch im wesentlichen

auf diese oder wenige verwandt organisierte Industrien beschränkt,

in anderen Großgewerben, wie zum Beispiel im Montangewerbe, in der

chemischen Großindustrie usw. entstanden unabhängig davon ganz andere,

zum Teil sogar noch radikalere Methoden der „Gemischtwirtschaft“. Das

Finanz- und Reservensystem Emil Rathenaus dagegen ist weit über die

Grenzen der Elektrizitätsindustrie hinaus epochemachend geworden, und

mit Recht konnte Dr. Walther Rathenau in der ersten Generalversammlung,

die die A. E. G. während des Krieges abhielt, darauf hinweisen, daß

die großen Reserven der industriellen Unternehmungen, dieses „Mark im

Knochengerüst des deutschen Industriekörpers“ die schnelle Umstellung

und Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie im Kriege in erster

Linie ermöglicht hätten. Nun folgt allerdings daraus, daß Emil Rathenau

diese Reservenpolitik zuerst im großen Maßstabe angewandt hat, noch

nicht unbedingt, daß sie ohne ihn überhaupt nicht Eingang im deutschen

Wirtschaftsleben gefunden hätte. Vielleicht lag sie ohnedies in der

Richtung unserer Industrieentwickelung und Emil Rathenaus Verdienst

bestände alsdann nur darin, durch sein erfolgreiches Vorbild diese

Entwickelung bestärkt und beschleunigt zu haben. Daß sie nicht mit

+jeder+ großen und reichen Wirtschaftsentwickelung notwendig

verbunden zu sein braucht, zeigt das Beispiel Englands, wo eine

viel ältere wirtschaftliche Generation doch nicht annähernd so viel

Reservekraft der unpersönlichen Unternehmungen, dafür aber mehr

persönlichen Reichtum angesammelt hatte wie die deutsche, zeigt

ferner das Beispiel Amerikas, wo man trotz einer fast noch stärkeren

Industrialisierung im allgemeinen noch nicht die Kinderkrankheit

jeder Großwirtschaftsbewegung, das System der Agiotage und

Kapitalverwässerung, überwunden hat.

Und doch -- trotz der großen Ausbildung, Sichtbarkeit und Fernwirkung

der Rathenauschen Finanzkunst, kann sie nicht als seine grundlegende,

seine primäre Begabung bezeichnet werden. Rathenau hat niemals

reine Geschäfte mit dem Gelde und um des Geldes willen gemacht, er

finanzierte nie aus Freude am Finanzieren, sondern dies war ihm nur

das -- virtuos angewandte -- Mittel zum Zwecke des Industrialisierens.

Seine Finanzwirtschaft war sozusagen nur das der Industriewirtschaft

genau angepaßte Kleid, eine sekundäre Kunst, destilliert aus

seinen +ursprünglichen+ Begabungen und Eigenschaften, denen

sie dienen und die sie erst zu voller Wirkung bringen sollte.

Finanzgewinne wurden von Rathenau -- wenigstens ursprünglich -- nicht

+angestrebt+, sondern sie fielen als reife Früchte von dem Baume

seiner Industriepolitik ab. Erst später, als er erkannt hatte, wie

reiche Geldfrüchte dieser Baum tragen könnte, ging er dazu über, sie zu

züchten, immer jedoch die Gesichtspunkte der Industriewirtschaft denen

der Finanzwirtschaft voranstellend, deren Gefahren er wohl kannte und

deren Verlockungen er darum nie Macht über sich gewinnen ließ.

Entwickelte sich so Rathenaus Finanzkunst, die in der Hochzüchtung,

Festigung und späteren gewinnreichen Verwertung von Betriebsrenten,

nicht im Manipulieren mit dem Aktienkurse bestand, ganz aus dem

Bedürfnis des Industrialisierens, also aus der wirtschaftlichen

Grundeigenschaft des Mannes, so wurzelte seine finanzielle

Reservenpolitik vielleicht noch tiefer in einem der Grundgefühle des

Rathenauschen +Charakters+: nämlich in dem +Pessimismus+.

In der Kühnheit des Entwerfens industrieller und finanzieller

Transaktionen keinem der großen Kaufleute unserer Zeit nachstehend,

übertraf sie Rathenau doch alle in dem Gegengewicht der Vorsicht,

durch das er diese Kühnheit des Entwurfes bei der Ausführung gegen

alle möglichen Gefahren zu sichern bestrebt war. Dieses Gegengewicht

war aus Reserven gebildet, die zum Teil aus zurückgelegten Beträgen

der Jahresgewinne, zum Teil aus dem zurückhaltend angewandten

Aktienagio und zum Teil aus Buchvorteilen bei Transaktionen unter

Ausnutzung dieses Aktienagios stammten, das es der A. E. G. gestattete,

Fabrikationswerte und Beteiligungen zu außerordentlich niedrigen

Preisen zu erwerben oder doch so in ihre Bilanz einzustellen.

Dabei hat sich die Reservenpolitik nie so weit verstiegen, daß von

einer +ungesunden+ Thesaurierung gesprochen werden könnte,

wie sie sich in einem Teil der deutschen Verfeinerungsindustrie,

namentlich im Metallgewerbe, in der chemischen Großindustrie, in der

Rüstungsindustrie -- unter übertriebener Nachahmung des Rathenauschen

Vorbildes -- während des letzten Jahrzehnts ohne berechtigten

wirtschaftlichen Zweck herausgebildet hat. Ein so falsches Bild wie

bei den Unternehmungen dieser Art, so zum Beispiel den Daimlerwerken,

den Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken, den Köln-Rottweiler

Pulverfabriken, der Deutschen Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer),

den Vereinigten Glanzstofffabriken und vielen anderen, die mit

verantwortlichen Aktienkapitalien von 10 bis 20 Millionen Mark,

Vermögenswerte von 50 und 100 Millionen Mark decken, hat die Bilanz

der A. E. G. niemals gezeigt. Bei ihr standen die Rücklagen immer noch

in einem ungefähr richtigen Verhältnis zu den Risiken, der Aktienkurs

war nicht so beschwert mit spekulationstreibenden Rätseln, wenn auch

das Bilanzbild keineswegs jene Durchsichtigkeit besaß, die der Sinn

und jedenfalls der Buchstabe des Aktienrechts vielleicht verlangen,

die der wirtschaftlichen Entwickelung des Aktienwesens aber nicht

immer zuträglich ist. Niemals hat die A. E. G. jene künstlichen

Kapitalserleichterungen und Kapitalsverwässerungen vornehmen müssen,

die das sicherste äußere Kennzeichen einer +ungesunden+

Reservenanhäufung sind, eine spekulative Unsicherheit in den Besitz

der Aktien und bis zu einem gewissen Grade auch in die Verwaltung der

Aktiengesellschaften tragen. Emil Rathenau hat niemals unter Verzicht

auf das Aktienagio Pari-Aktien oder gar Gratis-Aktien ausgegeben, er

hat andererseits auch niemals das Agio bis zur letzten Grenze oder

gar noch darüber hinaus ausgenutzt. Er ging einen Mittelweg, der alle

Bedürfnisse des gesellschaftlichen Interesses, des Aktionärinteresses

und des Kapitalmarktes zu berücksichtigen suchte. Ebenso wie die Rente

und den Aktienkurs suchte er auch das Aktienagio stabil oder doch in

stabiler, das heißt stetiger Aufwärtsbewegung zu halten.

Damit waren der Grundrente nicht nur günstige, sondern auch sichere

Verhältnisse geschaffen und das Verhältnis zwischen Kapital plus

inneren und äußeren Reserven auf der einen Seite und dem Umsatz,

dem Gewinn und dem Unternehmerrisiko auf der anderen Seite blieb in

den Formen des Ebenmaßes und Gleichgewichts, die auf Produktion und

Kalkulation vorteilhaft und festigend einwirkten und in guten Zeiten

angenehme Überraschungen nicht übermäßigen Umfanges, in schlechten

Zeiten niemals allzu unangenehme Enttäuschungen bringen konnten.

Das finanzielle Traggerüst war so gezimmert, daß es auf die denkbar

größte Belastung eingerichtet war. Dieses Ideal der Sicherheit, das

für Rathenau mit dem der +allgemeinen und durchschnittlichen+

Wirtschaftlichkeit zusammenfiel, wurde soweit verfolgt, daß darüber

die Wirtschaftlichkeit in manchen Einzeldingen allerdings auch außer

acht gelassen wurde. Dies zeigt sich vornehmlich auch in der von

Jahr zu Jahr größeren +Anhäufung von baren Mitteln+, die nicht

im Betriebe werbend angelegt, sondern in Form von Bankguthaben stets

greifbar gehalten wurden und fast immer die Hälfte des nominellen

Aktienkapitals, so gewaltig dieses auch zuletzt anwuchs, erreicht

haben. Der Zweck dieser Bankguthaben, in denen ja allerdings nicht

allein die Barmittel der A. E. G. selbst vereinigt waren, sondern

auch ein Teil der überschüssigen Gelder des ganzen Konzerns zum

Ausdruck kam, bestand in der jederzeitigen völligen Unabhängigkeit

von den Banken und vom Kapitalmarkte. Die Gesellschaft sollte stets

bereit und fähig sein, neue Projekte und Geschäfte, die sich ihr vom

technischen oder industriellen Standpunkte aus boten, durchzuführen,

gleichgültig, ob die Zeitverhältnisse oder die kapitalbeherrschenden

Geldmächte solche Unternehmungen gerade begünstigten oder nicht. Bis zu

einem gewissen Grade war die Geldbeschaffung des Konzerns durch die

Finanzgesellschaften sichergestellt. Ein Teil von deren Hilfskräften

aber gerade sowie die eigenen Barmittel der A. E. G. waren in den

Bankguthaben der A. E. G. (im Gegensatz zu den buchmäßigen Rücklagen,

die möglichst verborgen gehalten wurden) sichtbar zusammengefaßt und

mit einem gewissen Stolze zur Schau getragen, als deutliches Zeichen

der finanziellen Macht und Stärke der Gesellschaft. Industriell ist

diese Hauptreserve der Gesellschaft in den späteren Jahren selten in

vollem oder auch nur größerem Umfange in Anspruch genommen worden,

und das Beispiel anderer großer Industriekonzerne hat gezeigt, daß

ein wohlfundiertes, gut rentierendes Unternehmen auch von außenher

fast stets Investitionsmittel erhalten konnte, wenn es sie für

wichtige Zwecke gebrauchte. Gerade erstklassige Großunternehmungen

brauchen so riesige Barmittel nicht unbedingt, kleinere und weniger

gefestigte Gesellschaften können sie sich wiederum nicht leisten.

Eine rückschauende Kritik wird daher möglicherweise einmal zu dem

Ergebnis kommen, daß diese großen Flüssigkeitsreserven in stärkerem

Maße einen Luxus darstellten als die von den Aktionären viel

heftiger bekämpften Buchreserven. Bei der Struktur unseres Kapital-

und Bankenwesens, die immer mehr darauf zugeschnitten wurde, die

einträgliche Industrieanlage vor den sonstigen Kapitalanlagen, der

Staatsrente, dem Hypothekarkredit usw. zu bevorzugen, erscheint von

einem industriellen Nützlichkeitsstandpunkte aus betrachtet diese

übermäßige Anhäufung von Barmitteln für ein industrielles Unternehmen

vielleicht nicht mehr unbedingt nötig. Vom finanziellen Standpunkte

aus bedeutet die Barhaltung so großer Teile des Anlagekapitals, die

nicht im Betriebe gewinnbringende Anlage finden, sondern im günstigsten

Falle die Zinsen wieder einbringen, die sie kosten, bis zu einem

gewissen Grade eine unwirtschaftliche Last. Emil Rathenau, der doch

sonst moderne Entwickelungen so schnell begriffen, häufig sogar ihnen

vorangegangen ist, kam in dieser Hinsicht von den Verhältnissen in den

70er und 80er Jahren und den schlechten Erfahrungen, die er damals

mit der „Berliner Union“, der Deutschen Edison Gesellschaft und den

Städtischen Elektrizitätswerken gemacht hatte, niemals so recht los. Er

bedachte nicht, daß sich in der Zwischenzeit nicht nur sein Unternehmen

bis zu einer Größe und Kraft entwickelt hatte, die es den Banken unter

keinen Umständen hätte geraten erscheinen lassen, seine Bedürfnisse zu

ignorieren, sondern daß auch Bankwesen und Kapitalmarkt sich inzwischen

gewandelt und zu größerer Aufnahmefähigkeit und Aufnahmewilligkeit

für Industriefinanzierungen vertieft hatten. Wenn sich trotzdem auch

der Grundsatz der Unabhängigkeit von Banken und Kapitalmarkt für ein

großindustrielles Unternehmen sehr wohl billigen ließ, so ist doch

die Übertreibung dieses Grundsatzes, die durch Ansammlung übergroßer

Barmittel eher umgekehrt eine Beherrschung der Banken anstrebte, nicht

ebenso ganz zu rechtfertigen.

Die +Krisengefahr+ konnte -- wie sich wiederholt gezeigt hat --

die übermäßige Höhe der unwirtschaftlichen Barmittel nicht hinreichend

begründen, höchstens konnte man bis vor ein paar Jahren der Ansicht

sein, daß die +Kriegsgefahr+ sie fordere. Der gegenwärtige

Weltkrieg scheint aber -- wohl entgegen der vorher überwiegend

herrschenden Meinung -- gerade diese Ansicht bis zu einem gewissen

Grade widerlegt zu haben. Denn er hat -- wenn man von wenigen

Gewerben, wie der Seeschiffahrt, absieht -- nicht die Folge gehabt,

die Barmittel der industriellen Unternehmungen in Anspruch zu nehmen

oder gar aufzubrauchen, sondern er hat im Gegenteil allenthalben diese

Barmittel in ungeahntem Umfange vergrößert, und Verhältnisse, wie

sie in dieser Hinsicht vor dem Kriege nur bei einer Minderzahl von

Gesellschaften, besonders bei der A. E. G., bestanden, für die Mehrzahl

der Industrieunternehmungen geschaffen. Das Barreservensystem ist im

Kriege typisch für die deutsche Gesamtindustrie geworden, bei den

Kriegsmaterialunternehmungen infolge übernormaler Gewinnansammlungen,

bei vielen Friedensunternehmungen infolge einer immer weiter

fortschreitenden Liquidierung ihrer Betriebsmittel (Vorräte,

Außenstände usw.). Welche Wirkung allerdings in dieser Hinsicht ein

unglücklich verlaufender Krieg gehabt haben würde, der ja auch zu einer

Besetzung großer deutscher Industriegebiete durch den Feind hätte

führen können, ist eine andere Frage, die uns veranlassen muß, das

Urteil über das industrielle Barreservensystem immerhin mit einiger

Vorsicht abzugeben.

Gerade wenn wir uns die Reserven- und Finanzpolitik Emil Rathenaus

ansehen, mit ihrer Fülle von verwickelten Erscheinungen und Formen, von

Mitteln und Zwecken, und ihren wenigen einfachen, manchmal vielleicht

übertrieben vereinfachten Resultaten, in die am Ende alle diese Ströme

münden, so finden wir einen der stärksten Grundzüge Rathenauschen

Wesens und Strebens bekräftigt, der sich auch auf allen anderen seiner

Wirkungsgebiete nachweisen läßt: +den Drang vom Komplizierten zum

Einfachen+. Menschen kleineren und mittleren Wuchses beginnen häufig

mit dem Einfachen und gelangen im Laufe ihrer Tätigkeit immer mehr zum

Komplizierteren. Ganz anders Rathenau. Seine Anfänge waren kompliziert.

Er besaß eine erdrückende Fülle der Formen und Möglichkeiten in sich,

in ihm gärte, wie in vielen genialen Charakteren, ein Chaos, das nach

Ausdruck, nach Gestaltung rang. Jede Unfertigkeit, jede Unklarheit

und Ungelöstheit war ihm dabei eine Qual und so strebte er naturgemäß

nach ihrer Beseitigung. Den Mitlebenden mag die erste Schaffensperiode

Rathenaus wirr, unübersichtlich und sprunghaft erschienen sein. Sie

mußte Außenstehenden und in Sonderheit oberflächlich Urteilenden wohl

auch so erscheinen, wenngleich die mannigfaltigen Kräfte Rathenaus wohl

innerlich stets schon nach bestimmten Richtungen und Zielen gedrängt

haben. Erst die zweite Periode brachte -- auch nach außenhin erkennbar

-- die Vereinfachung, die Zusammenfassung der auf verschiedenen Wegen

vorwärts strebenden Tendenzen. Auch dieser kaufmännische Stratege

folgte -- wenn auch bis zu einem gewissen Grade unbewußt -- dem

Grundsatz: „Getrennt marschieren und vereint schlagen“. Und nun trat

das ein, was stets bei den Leistungen großer Männer zu geschehen

pflegt. Was während des mühevollen Arbeitens und Ringens solcher

Männer den Zuschauern unentwirrbar, fragwürdig, im Ziele unklar, im

Ausgang zweifelhaft erschien, wurde nach erreichten Resultaten allen

so einleuchtend, so selbstverständlich, daß es gar nicht anders hätte

kommen können, daß alle schon vorher gewußt und vorher gesagt haben

wollten, wie es kommen würde. Ein großes Beispiel aus der Geschichte:

Die Bismarcksche Reichsgründung, von der wir Nachgeborenen den

Eindruck haben, daß die ganze vorherige Entwickelung mit Notwendigkeit

darauf hindrängte, die aber doch von ihrem Schöpfer nicht mit wenigen

mächtigen Hammerschlägen gefügt, sondern aus vielen Möglichkeiten,

gegen hundert Widerstände und Mißhelligkeiten im erbitterten Ringen

mit sich selbst und der Umwelt, unter aufreibenden Kleinkämpfen

durchgesetzt wurde. Wenn man mit dem gewaltigen politischen Werk

Bismarcks die in ihrer Art gleichfalls imposante Leistung eines großen

Industrieschöpfers vergleichen darf, so hat sich das Urteil der Welt

ihr gegenüber mit dem Erfolge in ähnlicher Weise gewandelt. Aber erst

die lapidaren Linien der Resultate ließen auch die innere Arbeit

erkennen, die das Ringen um sie verursacht haben mußte.

* *

*

In dem Bilde des finanziellen Charakters Emil Rathenaus ist einer der

Hauptzüge die Meisterschaft, mit der er die Aktie behandelte, und es

ist kaum glaublich, daß derselbe Mann, dessen ganzes öffentliches

Wirken auf der Grundlage des Aktienwesens aufgebaut ist, im Privatleben

eine unüberwindliche Scheu vor Aktienerwerb und Aktienbesitz hatte.

Das ist kaum glaublich und doch müssen wir, da es von Personen,

die ihm nahestanden, übereinstimmend versichert wird, wohl daran

glauben, ohne es allerdings hinreichend verstehen und erklären zu

können. Der kleinbürgerliche Privatcharakter, den wir ja auch schon

in anderem Zusammenhange in Gegensatz zu seinem geschäftlichen

Weltbürgertum stellen mußten, scheint sich hier von dem Netzwerke der

höchstpersönlichen Begebnisse nicht haben befreien zu können mit dem

Ergebnis, daß Rathenau für sich selbst, und auch für Freunde, die Rat

von ihm verlangten, alles das abschwor, was er öffentlich verkündet

hatte. Einem alten Freunde, der ihn einmal fragte, ob er denn jetzt

A. E. G.-Aktien hinzu kaufen, oder seinen alten Besitz verkaufen

solle, erwiderte er: „Sie können auch das Spekulieren nie lassen.“ Es

mag Leute geben, die Emil Rathenau nach solchen Feststellungen für

unehrlich halten werden und man könnte sich sogar denken, daß ein

findiger Staatsanwalt für den Fall, daß Rathenaus vielverschlungene

Aktiengründungen nicht zu einem großen Erfolg, sondern zu einem

finanziellen Zusammenbruch geführt hätten, aus dem Gegensatz zwischen

der öffentlichen und der privaten Stellung zur Aktie so etwas wie

den „bösen Glauben“ konstruiert haben würde. Als feiner Psychologe

hätte er sich dabei allerdings nicht erwiesen, denn man wird diesen

Widerspruch nicht klären, wenn man den öffentlichen Charakter Rathenaus

der Unehrlichkeit, sondern wenn man den privaten Charakter einer

schrullenhaften Schwäche zeiht. Zweifellos ist Emil Rathenau, dieser

größte Meisterer des Aktienwesens, die tiefinnerliche Abneigung gegen

die Aktie nie losgeworden, die ihn schon beherrschte, als er in der

Gründerzeit gegen die Umwandlung der Maschinenfabrik Webers in eine

Aktiengesellschaft längere Zeit Widerstand leistete. Da er aber ohne

sie seine industriellen Pläne nicht ausführen konnte, mußte er sie

wohl oder übel benutzen, denn sein Drang zum industriellen Schaffen

war schließlich doch noch größer als seine Abneigung gegen die Aktie.

Gewissermaßen um sein Gewissen zu beschwichtigen, hat er die Aktie in

seinem Machtbereich durch die Reservenpolitik immer mehr der Obligation

angenähert, sozusagen aus ihr ein Surrogat für das festverzinsliche

Papier gemacht, ohne daß er sich doch entschließen konnte, für seine

Person von diesem Surrogat Gebrauch zu machen. Als reicher und dabei

bedürfnisloser Mann war er auf die paar Prozent Mehrzinsen, die ihm die

Aktie vor der Staatsrente, der Hypothek brachte, nicht angewiesen.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 38 / 41 段