ihrer Gründung angehörte und mit ihrem Begründer mehr als nur
geschäftsfreundlich verkehrte, fragte einmal, als in einem Kreise
von den +technischen Fähigkeiten+ Rathenaus gesprochen wurde,
einigermaßen erstaunt: „Ist Rathenau denn Ingenieur?“ Herrschte schon
in dem engeren Kreise, der Emil Rathenau umgab, solche Unwissenheit
über seine technische Begabung und Leistung, so ist es nicht weiter
verwunderlich, wenn die weitere Öffentlichkeit von dem Techniker nicht
viel wußte und ihn so sehr ausschließlich als Kaufmann und Finanzmann
betrachtete, daß die Legende entstehen und sich jahrelang erhalten
konnte, die A. E. G. sei gar kein Fabrikationsunternehmen, sondern ein
rein industrielles Finanzinstitut. Gewiß, Emil Rathenaus einzigartige
Begabung, sein Genie und das Schöpferische seiner Leistung lagen auf
industrie-kaufmännischem und industrie-finanziellem Gebiete, aber alles
dies hätte sich doch nicht zu so geschlossener Wirkung, zu so sicherer
Schlagkraft und Ausgeglichenheit entwickeln können, wenn es nicht auf
dem Untergrunde einer zuverlässigen technischen Fähigkeit aufgebaut
gewesen wäre. Ein Kaufmann, der erst über die technische Grundlage und
Tragweite seiner wirtschaftlichen Projekte den Fachmann befragen muß,
wird seine Pläne nie so frei, so sicher, so souverän entwerfen und
überwachen können, als wenn er selbst der technische Fachmann ist. Er
ist von dem Urteil anderer abhängig und kann Glück haben, wenn diese
anderen ein richtiges Urteil besitzen und seinen Plänen kongeniales
Verständnis entgegenbringen. Er kann aber auch Unglück haben, wenn das
Urteil seiner Fachleute falsch ist oder sich ihr technischer Ideengang
nicht ganz harmonisch mit seinem wirtschaftlichen verschmelzen läßt.
Emil Rathenau war kein sogenannter produktiver Techniker, kein
Erfinder und Entwerfer, er hat nur selten eine technische Konstruktion
selbständig von Anfang bis zum Ende durchgeführt. Darin waren ihm
viele Ingenieure mittleren und kleineren Formats überlegen. Selbst
in der Maschinenfabrik Webers, wo er doch konstruieren sollte und
wollte, hat er es nur zu Verbesserungen der Maschinen gebracht. Das
Hauptresultat seiner Arbeit war ein ziemlich resigniertes Urteil über
die Unzulänglichkeit der ganzen damaligen Maschinentypen. Dennoch besaß
er auch auf dem Fachgebiet eine Begabung allerersten Ranges: Er war ein
technischer +Kritiker+ von ungewöhnlichem Scharf- und Weitblick,
ein Kritiker, der nicht nur tief in die Einzelheiten und Kleinheiten
einer Materie eindringen, sondern der neben dem Mikrokosmos auch den
Makrokosmos, die großen Zusammenhänge, Untergründe und Ausblicke sah.
Vielleicht ist diese Gabe der technischen Kritik sogar für den Leiter
eines so weit ausgesponnenen Unternehmens mit gemischter Fabrikation,
das sozusagen alle Erzeugnisse seines Faches herstellen und sich
nicht auf die hervorragende Durchführung irgend einer Spezialität
beschränken darf, wichtiger als die geniale Technikerveranlagung
positiver Art. Denn der positive Techniker, der ein großes Unternehmen
leitet, kann immer nur eine beschränkte Anzahl von Konstruktionen
selbst durchführen oder leiten. Es liegt bei ihm die Gefahr vor, daß
er gerade +seine+ Konstruktionen für die wichtigsten hält, sie
in der Gesamtökonomie seiner Fabrikation bevorzugt und darum den
objektiv richtig wertenden Überblick über den ganzen technischen
Komplex der Gesamt-Unternehmung aus subjektiven Gründen verliert. --
Ein technischer Kritiker ist dieser Gefahr nicht so sehr ausgesetzt.
Auch er kann natürlich, wie jeder Mensch, subjektiv sein, sich in den
Maßstäben seiner Kritik irren, gewisse Vorlieben und Vorurteile haben.
Während aber bei dem positiven Techniker der Subjektivismus mit der
Größe des Talents sehr wohl wachsen, der Eigensinn mit der Eigenart
sich steigern kann, wird der Kritiker, je klüger, scharfsinniger,
treffsicherer er denkt, auch umso objektiver in seinem Urteil werden
und man kann ruhig sagen, daß gerade der große Kritiker sich von
Willkürlichkeiten in der Wertbemessung im allgemeinen fern halten
wird. Er hat die Distanz zum Einzelnen und zum Gesamten, die dem
Erfinder häufig fehlt. Denn das Grundelement seiner Begabung ist
+vergleichende+ Logik, das des Erfinders +temperamentvolle+
Logik. Worin tritt nun die Wirksamkeit eines solchen technischen
Kritikers, wie Emil Rathenau einer war, besonders in Erscheinung? --
Wenn man es kurz und prägnant zusammenfassen will, kann man vielleicht
sagen, daß er +einmal+ aus dem bisherigen Stande der Wirtschaft
und der Technik Bedürfnisse und die Möglichkeiten ihrer Befriedigung
für die weitere Entwickelung ablesen kann und +zweitens+,
daß er bei technischen Erfindungen die Frage ihrer praktischen
Verwertbarkeit treffend zu beurteilen vermag. Die erstere Eigenschaft
macht den technischen Anreger, und tatsächlich ist Rathenau für seine
Konstrukteure ein außerordentlich fruchtbarer Anreger gewesen, er
hat sie auf Ideen gebracht, die nicht selten unter den Händen der
richtigen Fachleute zu glücklichen Verwirklichungen führten. Er sagte
zum Beispiel: Wir brauchen, um eine gewisse wirtschaftlich notwendig
erscheinende Wirkung zu erzielen, jetzt Maschinen oder Transformatoren
von einer gewissen Stärke und Beschaffenheit. Oder wir brauchen, um die
elektrische Kraftübertragung in den Fabriken einzuführen, Vorrichtungen
bestimmter Art und Wirkung, durch die gewisse ökonomische Vorteile
erreicht werden. Er gab das Ziel an, und manchmal auch den Weg oder
mehrere Wege, auf denen man zu dem erwünschten Ziel kommen könnte und
er hat sich in der richtigen Beurteilung des Zieles nur selten geirrt
und ziemlich häufig auch mit den von ihm vorgeschlagenen Wegen das
Richtige getroffen. Vielleicht noch erfolgreicher war Rathenau in der
treffsicheren Beurteilung der in einer Erfindung liegenden praktischen
Ausnutzungs-Möglichkeiten. Sein Blick dafür war direkt genial, und
es gibt vielleicht keinen zweiten, der ihm in dieser Hinsicht an
die Seite zu stellen ist. Seine praktische Vision beim Anblick der
Edisonlampe sah sofort Jahrzehnte der Entwickelung voraus, die dann
tatsächlich fast genau so eingetreten ist, wie er sie sich vorgestellt
hatte. Die Aussichten der Aluminiumherstellung auf elektrochemischem
Wege erkannte er gleichfalls auf der Stelle und hielt das Verfahren
und die praktische Arbeit mit diesem durch alle Schwierigkeiten und
Kosten hindurch aufrecht. Den Wert des Drehstromsystems, der Turbine
hat er mit schneller Sicherheit begriffen, und auch viele kleinere
Erfindungen verdanken ihm ihre Ausgestaltung und Nutzanwendung.
Erfindungen dagegen, die nicht so absolut schlagkräftig waren, wie den
Jablochkofflampen, dem ersten Wechselstromsystem usw. stand er mit
abwartender Vorsicht gegenüber. Den Akkumulator, der viele Techniker
und Gründer blendete, hat er niemals überschätzt, sondern bei aller
Würdigung seines Wertes doch stets als Stromquelle minderen Ranges
betrachtet.
Der kritische Techniker dieser Art braucht zwar kein hervorragender
Könner im Positiven zu sein, aber ohne grundlegende technische
Vorbildung, ohne genaue Einsicht in die technischen Methoden,
Erfahrungen und Gesetze kann er seine fruchtbare Arbeit nicht
ausüben. Ein begabter Dilettant, der nur gewisse mehr oder weniger
phantasievolle, selbst geistreiche Vorstellungen von technischen
Dingen hätte -- ein Jules Verne der Praxis -- würde das sichere
Urteil, diese Grundlage des technischen Kritikers, nicht besitzen,
er würde vielleicht einmal einen Treffer erzielen, öfter jedoch
irren und Fehlschläge erleiden. Ein solcher Dilettant, dessen Wissen
Stückwerk ist, würde, an die Spitze eines großen Unternehmens
gestellt, mit seiner Autorität im Anregen und Entscheiden großes
Unheil über seine Gesellschaft bringen können, Geld und Arbeitskräfte
vergeuden und das Unternehmen zum finanziellen Ruin treiben können.
Emil Rathenau war ganz und gar kein solcher Dilettant. Er hatte die
Maschinentechnik in seiner Jugend gründlich gelernt und studiert,
und mit der Elektrotechnik, wenigstens dem für ihn ausschlaggebenden
Starkstromwesen, war er sozusagen aufgewachsen. Ihre Gesetze und ihre
Erscheinungsformen waren ihm nicht angelernter, sondern erworbener
Besitz.
Neben seiner Fähigkeit der technischen Kritik oder sozusagen
verbunden mit ihr, besaß Rathenau noch eine andere Gabe, die seine
Mitarbeit an technischen Dingen für seine Ingenieure zwar manchmal
wenig angenehm, aber im Interesse eines gelungenen Ergebnisses
außerordentlich wertvoll machte. Er besaß eine ausgesprochene,
direkt erfinderische Kunst, Hemmnisse, Fehler und Widerstände in der
technischen Konstruktion zu überwinden oder doch die Konstrukteure auf
die richtigen Wege zu ihrer Überwindung hinzuweisen. Diese Kunst, bei
der es sich um kein bloßes Herumraten, sondern um ernstes Durchdenken
handelte, wurzelte in zweien seiner grundlegenden Eigenschaften,
nämlich einmal in seiner intellektuellen Fähigkeit der technischen
Kritik und ferner in der Unerschütterlichkeit des Willens, mit der er,
von keinem Fehlschlage entmutigt, immer wieder von neuem durchdachte,
versuchte und aufstachelte, um schließlich dennoch -- wenn nicht auf
der Hauptstraße, so doch auf Umwegen -- zum Ziele zu gelangen. Dabei
begnügte er sich nicht mit einer unvollkommenen oder annehmbaren
Lösung, sondern er gab nicht eher Ruhe, als bis die höchstmöglichste
Vollendung erreicht war. Als einmal Felix Deutsch noch in der ersten
Zeit der A. E. G. von einer Geschäftsreise aus England zurückkehrte,
empfing ihn Rathenau zu seiner großen Bestürzung mit den Worten:
„Lieber Deutsch, Sie haben zwar sehr schöne Aufträge gebracht. Das
nützt aber nichts. Wir sind kaputt. Siemens hat eine neue Lampe, die
viel besser ist als die unsrige.“ Emil Rathenau setzte sich aber trotz
dieses Anfalls von Resignation 4 Wochen lang von morgens früh bis
tief in die Nacht hinein in die Lampenfabrik, und arbeitete mit den
Konstrukteuren so lange, bis er eine Lampe fertiggebracht hatte, die
dem Konkurrenzfabrikat mehr als ebenbürtig war. Unsäglich peinigte er
die armen Techniker, denen er die knifflige Aufgabe zugewiesen hatte,
die Nernstlampe, aus einer geistreich ersonnenen in eine praktisch
brauchbare Konstruktion umzuwandeln. Hier liegt vielleicht der einzige
Fall vor, bei dem sich Rathenau in eine falsche Richtung verrannt, oder
doch die noch richtigere Bahn verfehlt hatte. Bei dieser Arbeit war der
Verbrauch Rathenaus an Technikern ganz gewaltig gewesen, und einige von
ihnen mußten Sanatorien aufsuchen, um sich von der Arbeit und Mitarbeit
Emil Rathenaus zu erholen.
Leicht gemacht wurden Emil Rathenau seine technischen Erfolge fast nie.
Er mußte überall ringen, und Lehrgeld bezahlen, viel Mühe und Zeit
aufwenden, ehe er den Erfolg sah. Dafür hat er aber auch diesen am
Ende fast stets für sich gehabt, und ein vollständiges Fiasko kaum je
erlitten.
c)
Als +Kaufmann+ wurzelte Emil Rathenau +nicht+ im
+Händlerischen+, sondern im +Industriellen+. Das heißt, ihn
interessierte nicht der Verkauf der Ware, und die Technik des Absatzes,
sondern sein Interesse und seine Arbeit gingen dahin, eine Ware so
herzustellen und auszustatten, daß sie sich gut verkaufen ließ, daß
ihre Eigenschaften dazu angetan waren, auf dem Absatzmarkte Nachfrage
zu erregen, wirkliche Bedürfnisse zu befriedigen oder auch zukünftige
Bedürfnisse zu wecken. Dabei wußte er sehr wohl, daß man dem Käufer
auf die Dauer keine Ware aufdrängen konnte, die ihm nicht wirklich
Vorteile bot. Nicht das Verblüffende, das Effektvolle einer Ware konnte
das dauernde Bedürfnis nach ihr schaffen, sondern nur das Zweckmäßige,
das irgendwelche Vorzüge vor der bisherigen Art der Bedarfsdeckung
bot, eine höhere Stufe der Wirtschaftlichkeit verhieß, neue produktive
Möglichkeiten eröffnete und neue Aussichten des Gewinnes oder der
Ersparnis bot. Das Telephon, die Glühlampe, die Kraftübertragung
führte er in Zeiten, in denen ein großer Bedarf nach ihnen sich noch
nicht feststellen ließ, vielleicht auch noch gar nicht vorhanden war,
keineswegs deswegen ein, weil die Einrichtungen technisch sinnreich
und praktisch effektvoll waren, sondern er sah voraus, welche neuen
Wirkungen, Leistungen und Vervielfältigungen im Wirtschafts- und
Verkehrsleben sich mit ihnen erreichen lassen würden. Hier, wo die
Statistik, die Erfahrung, die zahlenmäßige Kalkulation auf Grund des
vorhandenen Tatsachenmaterials versagen, wo aber auch die Phantasie
nicht theoretisch schweifen darf, sondern die realen Voraussetzungen,
die +Tatsachen+ einer zukünftigen Wirtschaftswelt sich sozusagen
im Irrealen voraus konstruieren muß, als ob bereits Erfahrungen
vorlagen, ist das schwierigste, aber auch das erfolgversprechendste
Gebiet des industriellen Kaufmanns.
Emil Rathenau war ein Meister dieser +realen+, dieser
+statistischen+ Phantasie. Naturgemäß genügte aber bei
der Befriedigung erst zu weckender Kaufbedürfnisse nicht die
einfache ökonomische Fertigstellung einer brauchbaren, ja selbst
konkurrenzüberlegenen Ware, so daß dann alles übrige der Verkaufs-
und Handelstechnik überlassen werden konnte. Es war auch notwendig,
die Ware oder die Leistung so zu zeigen, daß ihre Vorzüge für jeden
als Verbraucher in Betracht kommenden deutlich in Erscheinung
treten +mußten+. Diese Propaganda für neuartige Dinge gehörte
infolgedessen mit zu der Sphäre des industriellen Kaufmanns, in
der Rathenau lebte und webte. Die Schaffung und Organisation der
sogenannten Demonstrationsunternehmungen war sogar eine seiner
ureigenen Aufgaben, zu deren Lösung er die Anregungen und die
bestimmenden Anweisungen gegeben hat. Anders war es mit dem Absatz
von sogenannten marktgängigen Waren, von Typen- und Massenartikeln,
worunter nicht nur solche zu verstehen sind, die in ihren Formen und
Eigenschaften endgültig oder für längere Zeitspannen festliegen,
sondern auch solche, die -- wie es bei den meisten Fabrikaten
einer fortschrittlichen Technik der Fall ist -- in einem ständigen
Entwickelungs- und Verbesserungsprozeß begriffen sind. Hier griff
die eigentliche Verkaufsorganisation ein, die für Rathenau aber nur
eine Sache zweiter Ordnung war. Wenn trotzdem die A. E. G. auch in
dieser Hinsicht nicht nur mustergültig versorgt war, sondern ganz
neuartige Wege beschritt, so ist dies dem Umstand zu danken, daß
ihr von Anfang an in Felix Deutsch, Rathenaus erstem Mitarbeiter,
eine Kraft zur Verfügung stand, die an händlerischer Begabung die
mehr aufs Industrielle gerichteten Fähigkeiten des Meisters wirksam
und glücklich ergänzte. Deutsch war auf seinem ureigenen Gebiete so
überragend und selbstsicher, daß Emil Rathenau ihm dieses Gebiet
fast ganz selbständig überließ und sogar zugab, daß die Organisation
des Verkaufsgeschäfts sich in einer Richtung entwickelte, die seinen
eigenen Anschauungen anfangs bis zu einem gewissen Grade zuwiderlief.
Rathenau hatte nämlich in allen Fragen, die er nicht aus erster
Hand, sozusagen in höchstpersönlicher Art löste (was bei dem ihn
nur mittelbar interessierenden Verkaufsgeschäft aber nicht der Fall
war), eine gewisse bewundernde Vorliebe für das Amerikanische. Das
amerikanische Verkaufssystem bestand nun wesentlich in der Abgabe
der typischen Artikel und Massenware an Vertreter, Kommissionäre,
Installateure und Händler, die ihrerseits den Absatz an die Verbraucher
besorgten. Ein solches System ist einfach für den Fabrikanten, und
entsprach aus diesem Grunde wohl der minder bedeutsamen Stellung, die
Rathenau dem Verkaufsgeschäft zuwies. Er wollte es ohne allzugroßen
Aufwand an Eigenarbeit, Apparatur und Kapital, die nach seiner Ansicht
besser anderen, ihm wichtiger erscheinenden Gebieten zugeführt werden
sollten, erledigen und konnte sich dabei immerhin darauf berufen, daß
die Amerikaner mit diesem System gute Geschäfte machten und einen
großen Umsatz erzielten. Nun lagen allerdings die Verhältnisse in
Amerika wohl etwas anders als in Europa. Die Absatzmöglichkeiten des
weiten und sich rasch auf jungem Kulturboden entwickelnden Landes
waren an sich größer, der Bedarf war weniger passiv und wandte sich
ganz von selbst den modernsten Methoden der Technik zu, denn es waren
dort absolut und relativ viel mehr Unternehmungen und Ausrüstungen
ganz neu zu schaffen, die sich naturgemäß dann sofort mit den
zeitgemäßesten Einrichtungen versahen. In der Zeit der Licht- und
Kraftelektrizität entstanden drüben zum Beispiel erst viele Städte
oder es wuchsen Ortschaften zu städtischem Umfang an, die, vor das
Problem der Beleuchtung und Beförderung gestellt, naturgemäß nicht
die älteren Systeme (Gas und Pferdebahn), sondern die modernsten
(elektrisches Licht und elektrische Straßenbahnen) wählten. Dasselbe
war mit neuerstehenden Fabriken, Hüttenwerken usw. der Fall. Sie
führten sofort die rationellste Art der Kraftübertragung ein. Ganz
anders lagen die Verhältnisse in den europäischen Ländern. Hier waren
die Städte und ein großer Teil der Fabrikationsbetriebe bereits, bevor
die Elektrotechnik ihre Leistungsfähigkeit bis zu voller Überlegenheit
entwickelt hatte, auf andere Weise eingerichtet gewesen, und es galt,
sie zur Auswechslung ihrer alten Einrichtungen und zur Ersetzung durch
neue elektrotechnische Anlagen zu veranlassen, eine Aufgabe, die
naturgemäß eine größere Aktivität der Elektrizitätsindustrie erforderte
als in Amerika. Für die Zentralunternehmungen (Elektrizitätswerke
und Bahnen) erkannte dies auch Rathenau als erster durchaus
richtig, und seine Gründungen auf jenen Gebieten dienten darum in
erster Linie dem Zwecke, den Konsum durch anregende Beispiele zur
Elektrizität hinzuführen, ja sogar hinzuzwingen. Sobald es sich aber
um Privatzentralen oder sonstige Einzelanlagen handelte, wollte Emil
Rathenau die Konsequenzen seiner eigenen Idee merkwürdigerweise nicht
ziehen. Er neigte dem amerikanischen System des Absatzes zu, trotzdem
man mit diesem doch nicht unmittelbar an den Konsum herankommen, und
offenbar manche Möglichkeiten des Geschäfts nicht tatkräftig genug
ausnutzen konnte. Anscheinend fürchtete Rathenau, die Schicht der
Zwischenhändler, Vertreter-Firmen und Installateure zu verstimmen, die
zur Zeit der Gründung der A. E. G. das Geschäft zum großen Teil noch
vermittelte und auf die er bis zu einem gewissen Grade sich stützen
zu müssen glaubte. Hier war nun Deutsch weitsichtiger als Rathenau
selbst, indem er die Aussichten der Zukunft über die Beschränktheiten
der damaligen Gegenwart stellte. Er machte die Inkonsequenz seines
Meisters nicht mit und bestand, gestützt auf seine Autorität als
Leiter des Verkaufsgeschäfts, darauf, auch in diesem Gebiete das
Rathenausche System zur Geltung zu bringen. Rathenau selbst ließ ihn
gewähren und mußte sich später überzeugen, daß Deutsch recht gehabt
hatte. Die 300 kaufmännisch-technischen Bureaus, die Deutsch an allen
größeren Plätzen des In- und Auslandes errichtete, bildeten immer mehr
die Tragpfeiler der Absatzorganisation und boten die Möglichkeit,
den Absatz in schneller Progression zu steigern, und alle neuen
Konstruktionen auf dem direktesten Wege in den Konsum zu bringen. Die
Bureaus waren nicht nur mit Kaufleuten besetzt, die propagandistisch
tätig waren und Geschäfte in ihrem Bezirk abschlossen, sondern auch mit
Technikern, die sich nicht darauf beschränkten, die von der A. E. G.
gelieferten Anlagen zu montieren, sondern sie auch ständig überwachten,
Anregungen zu ihrer Anlage, Ergänzung, Verbesserung usw. gaben, Fehler
beseitigten, Belehrungen über die Anwendung erteilten, Irrtümer in der
Anwendung korrigierten, kurzum den Kunden dieselben Berater-Dienste
erwiesen, die ihnen sonst von sogenannten „konsultierenden Technikern“
geleistet wurden. Naturgemäß verschlang ein solcher Riesenapparat von
300 technischen Bureaus mit ihrem Beamtenstab, ihren Lagerbeständen,
ihren Räumlichkeiten gewaltige Summen. Er machte sich nur bei einem
wirklich großen Umsatz bezahlt, und gewann infolgedessen besonders
an Einträglichkeit durch die verschiedenartigen großen Fusionen, die
eine Zusammenlegung der Verkaufsorganisationen der verschmolzenen
Unternehmungen und eine wesentliche Vergrößerung ihres Umsatzes bei nur
geringfügig erhöhten Unkosten gestatteten. Gerade der gewaltige Apparat
der Verkaufsorganisation war ebenso wie das Unternehmergeschäft eine
der Klippen, an denen die schwächeren Konkurrenzunternehmungen in der
Elektrizitätsindustrie scheiterten. Sie vermochten den Umsatz nicht
hereinzubringen, der die großen Spesen dieses Apparates aufgewogen
hätte.
Emil Rathenau hat sich um das Verkaufsgeschäft -- wie schon gesagt
-- nicht allzusehr gekümmert. Wenn er zum Beispiel auf Reisen war,
ließ er sich nur in gewissen Abständen eine kurze Aufstellung über die
Art und die Summe der erfolgten Verkäufe nachsenden. Die Namen der
Käufer interessierten ihn nicht. Das war Deutsch’s Ressort, der als
„Globetrotter der A. E. G.“ einen großen Teil des Jahres unterwegs war,
die Filialen und Bureaus kontrollierte, dort Anregungen geschäftlicher
und organisatorischer Art gab und dafür sorgte, daß die Einrichtungen
auf der Höhe blieben. Wenn Rathenau reiste, so geschah dies -- sofern
nicht Aufsichtsratssitzungen oder Generalversammlungen befreundeter
Gesellschaften und Transaktionsverhandlungen die Veranlassung dazu
boten -- fast stets nur, wenn technische oder fabrikatorische Fragen
zu lösen waren. Insbesondere hatten seine Reisen nach Amerika,
deren letzte noch im Jahre 1912 geplant war, aber nicht mehr zur
Ausführung kam, meist sozusagen eine vergleichende Generalrevision
der jeweiligen technischen Gesamtlage der elektrischen Welt zum
Zwecke. Er prüfte, wie die beiderseitigen Leistungen und Fortschritte
zueinander standen, brachte Eindrücke und Anregungen mit heim und
hielt drüben auch nicht mit den Errungenschaften zurück, die in der
alten Welt inzwischen gemacht worden waren. Natürlich genügten diese
gelegentlichen persönlichen Besuche in Amerika nicht, um einen wirklich
erschöpfenden Ausgleich zwischen kontinentaler und amerikanischer
Elektrizitätstechnik zu gewährleisten. Sie dienten sozusagen nur der
Superkontrolle für das von Rathenau bereits früh eingeführte System des
Austausches mit der General Electric-Gruppe.
Nicht nur gegenüber dem Kaufmann wußte Rathenau das industrielle
Prinzip zur Geltung zu bringen, sondern auch gegenüber dem Techniker.
Der manchmal eigensinnige Ehrgeiz vieler, hauptsächlich konstruktiv
begabter Techniker, alles im eigenen Hause machen zu wollen, für
jeden Gegenstand eine eigene Konstruktion zu haben, war ihm fremd. Es
hat der A. E. G. unter der Leitung Rathenaus nie an hervorragenden
Eigenkonstruktionen gefehlt. Wenn aber durch den Erwerb fremder,
bereits erprobter Verfahren oder durch die Zusammenlegung eigener und
fremder Verfahren schneller und vorteilhafter zum Ziele zu kommen war
als durch die mühselige technische Innenarbeit, so wählte Rathenau,
dem es letzten Endes nicht nur auf den technischen, sondern auch
auf den wirtschaftlichen Erfolg ankam, unbedenklich statt des rein
technischen Weges den technisch-kommerziellen. Von einer bloßen
schematischen Nachahmung und Benutzung fremder Geistesarbeit war
die Rathenausche Methode aber auch in solchen Fällen weit entfernt.
Überall, wo er fremde Konstruktionen erwarb, so bei den Edisonlampen,
bei den Spragueschen Straßenbahnpatenten, beim Akkumulator und
der Curtis-Turbine, hat er die übernommenen Gegenstände in steter
Weiterentwickelung verbessert und durchgebildet, sie so recht
eigentlich erst zu der Reife gebracht, durch die sie ihre großen
Erfolge davontrugen.
Für die industrielle Grundlage des kaufmännischen Charakters
Emil Rathenaus zeugt schließlich auch die innere Ausbildung des
Kalkulationswesens der A. E. G. Dieses war so organisiert, daß die
Fabrikationsabteilungen mit dem Verkauf und mit der Preisbemessung für
die von ihnen hergestellten Waren nicht das geringste zu tun hatten.
Für sie gab es nur Selbstkostentabellen. Diese übermittelten sie der
Verkaufsabteilung, der es vorbehalten war, auf der Grundlage jener
Tabellen die Preise festzusetzen. Damit wurde bezweckt, daß sich die
Fabrikation von dem Verkaufspreise weder nach oben noch nach unten in
ihrem Herstellungsprozess beeinflussen lassen sollte. Ihre Aufgabe war
es, nach rein sachlichen Gesichtspunkten zu produzieren und dabei die
Ware so gut und so billig wie möglich herzustellen, ohne sich in der
Qualität ihrer Arbeit durch die Kenntnis der Verkaufspreise beirren
zu lassen. Stellte die Verkaufsabteilung fest, daß die Selbstkosten
einer bestimmten Ware im Vergleich mit dem Preise einer gleichartigen
Ware der Konkurrenz zu hoch waren, so wurde auf ihre Veranlassung in
die Frage einer Untersuchung und Verbesserung des Produktionsprozesses
eingetreten. Im übrigen war es das Prinzip Rathenaus, aus den drei
Faktoren Grundrente, Produktionspreis und Vertriebskosten eine
Preisstellung zu ermöglichen, die der jedes Konkurrenten gewachsen,
möglichst aber überlegen war. Über die Faktoren Produktionspreis und
Vertriebskosten ist schon gesprochen worden. Über das Thema Grundrente
soll der nächste Abschnitt, der die Grundlage der Rathenauschen
Finanzpolitik noch einmal zusammenfassend schildern will, Aufschluß
geben.
d)