sondern auch im Entwerfen und Unternehmen, wenn es sich um die
Bewältigung einer neuen bestimmten Aufgabe oder eines Aufgabenkomplexes
handelte. Seine Initiative war frisch, sein Plan großzügig, seine
Stimmung hoffnungsfreudig angeregt, sein Einfluß auf die Tätigkeit
der Mitarbeiter anfeuernd. Kurzum der Rausch des Schaffens erfüllte
und bewegte ihn, wie nur je einen Künstler, der von der Inspiration
ergriffen ist. Sobald aber vom Entwerfen zum Ausführen geschritten
wurde, trat eine merkwürdige Erkältung ein. Ernüchterung, Mißtrauen
und Zweifel an der Arbeit und ihrer Lösung überkamen ihn, er quälte
sich und die Mitarbeiter mit Bedenken, Abänderungsplänen, immer neuen
Einwürfen und Fragen. Kein Ergebnis erschien ihm vollkommen genug,
keine Leistung genügte ihm. Dieser Abfall der Stimmung hatte aber nun
nicht wie bei optimistischen Plänemachern die Wirkung, daß er der
Sache schnell überdrüssig wurde und sie mißmutig und müde beiseite
legte, um sich neuen Projekten zuzuwenden. Im Gegenteil, nun, da der
Schwung, das Hochgefühl des Schaffens verloren gegangen war, trat
eine andere Eigenschaft seines Charakters in Erscheinung, die seine
Mitarbeiter und Untergebenen bewunderten, aber auch fürchteten. Es
war eine Zähigkeit ohne Gleichen, die allen das Leben schwer machte,
kein Ausruhen, keine Ablenkung für ihn und für die anderen zuließ.
Die spröde Materie mußte sozusagen bis ins Kleinste durchknetet, der
Arbeitsprozeß immer wieder von neuem wiederholt werden, bis das Höchste
an Inhalt und Form aus dem Stoffe herausgearbeitet war. Ein Abschweifen
zu anderen Plänen gab es dabei selten, wenigstens nicht, wenn es sich
um die Bewältigung einer großen Aufgabe handelte. Der Meister, der
sonst viele Zügel auf einmal in der Hand halten konnte, konzentrierte
sich dann ganz auf die eine Sache, Schwierigkeiten konnten ihn nie
schrecken, sie veranlaßten ihn höchstens, die bereits geleistete Arbeit
über den Haufen zu werfen und das Problem von einer ganz anderen Seite
anzupacken. Auch in finanziellen Dingen trat dieser Gegensatz zwischen
optimistischem Schwung und kritischer, ja übertriebener Vorsicht
oft auffallend in Erscheinung. Vor finanziellen Wagnissen, neuen
großen Unternehmungen und Gründungen schreckte er nie zurück, aber er
begann nie eine Sache zu verwirklichen, bis er sie nicht gründlich
nach allen Seiten hin fundiert hatte. Damit, daß er jemandem, der
ihm ein Projekt vortrug, in freudigen Worten seine erste Zustimmung
ausgedrückt hatte, war er -- wie manche Erfinder und Unternehmer zu
ihrer Verblüffung inne wurden -- noch keineswegs für die Durchführung
gewonnen. Solche Leute schickte er gewöhnlich zu dem Fachdirektor,
der das betreffende Gebiet bearbeitete, mit dem Auftrag, alles
einzelne zu besprechen und zu verabreden. Hier wurden nun häufig die
überschwänglichen Hoffnungen, denen sich die Besucher auf Grund ihrer
Unterredung mit Rathenau hingegeben hatten, wesentlich herabgemindert.
War aber einmal ein Projekt als reif und aussichtsvoll anerkannt, so
trug Rathenau kein Bedenken, seine Verwirklichung in freigebiger Weise
mit Geldmitteln zu unterstützen. Vor großen geldlichen Transaktionen
ist er nie zurückgescheut, das Kapital der A. E. G. war ihm stets zu
niedrig, und als es auf 60 Millionen Mark angelangt war, erklärte er
Aktionären, denen das Tempo der Expansion zu schnell gegangen war,
daß er sich freuen würde, wenn er es auf 100 Millionen bringen könne.
Dabei war ihm doch häufig sozusagen vor seiner eigenen „Courage“
bange. Die Sorge vor Rückschlägen, vor unerwarteten Entwickelungen
raubte ihm den Schlaf mancher Nacht, und wenn er sein Unternehmen nie
genug mit Reserven auspolstern konnte, so tat er dies weniger, weil
er sich von dem großen Spartopf nicht trennen konnte, sondern weil
er, Zeit seines Lebens beherrscht von den schlimmen Erfahrungen, die
er mit seiner Maschinenfabrik in der Gründerzeit gemacht hatte, ein
überstarkes Gegengewicht gegen die großen Risiken und Gefahren, denen
er durch seine extensive Geschäftspolitik die Gesellschaft aussetzen
+mußte+, für unbedingt nötig hielt. Als ich ihn einmal ein paar
Jahre vor seinem Tode besuchte, sagte er mir wörtlich: „Sie glauben gar
nicht, welch ein Stein mir vom Herzen gefallen ist, als ich die offenen
Reserven in diesem Jahre auf 50% des verantwortlichen Aktienkapitals
bringen konnte.“
Höchst widerspruchsvoll war auch das Verhältnis Rathenaus +zum
Gelde+. Bei den Geschäften seiner Unternehmungen schaltete er damit
in einer Weise, die an Großzügigkeit nichts zu wünschen übrig ließ.
Aussichtsreiche, gut begründete Geschäfte stattete er in durchaus
splendider Weise aus, knauserte nicht mit Einrichtungskosten,
Spesen, Versuchs- und Propagandaopfern. In technische Ideen, die ihm
zukunftsreich erschienen, konnte er Millionen hineinstecken, ehe er
noch Aussicht hatte, einen Pfennig wieder herauszuholen. So legte er
zum Beispiel die Netze neuer elektrischer Bahnen manchmal in einem
Umfange an, der die bisherigen Verkehrszahlen weit übertraf und alle
Vorkalkulationen außer acht ließ. Dabei ging er von der optimistischen
Ansicht aus, daß die modernere Verkehrsform die Frequenz auf eine
ganz andere als die bisherige Stufe stellen würde. Nicht nur dem
Inhalt seiner Unternehmungen gab er, was notwendig war, sondern er
hatte auch Sinn für die Form, die Ausstattung, das Dekorum. Zwischen
dieser Großzügigkeit bei Ausgaben, die er sozusagen nur auf dem Papier
übersah und nur auf ihrem Wege durch Projekte, Rechnungsauszüge
und Bilanzen verfolgen konnte, und dem Ausgabeetat, der zu seiner
unmittelbaren persönlichen Sphäre gehörte, gewissermaßen unter
seinen Augen verbraucht wurde, bestand aber ein großer Unterschied.
Hier war er kleinlich bis zum Geiz, weniger aus System -- denn ein
System hätte zweifellos die geistig sichtbaren mit den körperlich
sichtbaren Ausgaben auf eine Stufe gestellt und die nur scheinbare
Verschiedenheit zwischen ihnen überwunden -- sondern aus Gewohnheit und
Beharrungsträgheit. Wir können ja vielfach bei selfmademen, die aus
kleinen Anfängen sich zu großen Verhältnissen hinaufgearbeitet haben,
die Beobachtung machen, daß sie mit den Maßen ihrer Geschäfte in allen
Hauptdingen gewachsen sind, aber in gewissen +Äußerlichkeiten+ und
+Nebensachen+ sich von den alten Befangenheiten und Beschränktheiten
nicht zu befreien vermögen. Daß eine den neuzeitlichen Anforderungen
entsprechende Fabrik, ein modernes Geschäftshaus gebaut werden muß,
sieht ein solcher selfmademan stets ein, zur Anschaffung einer neuen
Kopiermaschine kann er sich dagegen viel schwerer entschließen. In
seiner Jugend ist man, so meint er, mit dem alten Kontormaterial sehr
gut ausgekommen. Warum muß man jetzt neue und kostspieligere Moden
einführen? Für jüngere Kaufleute, die derartige Reminiszenzen aus ihrer
bescheidenen Werdezeit nicht mit sich herumschleppen und gleich in
größere Verhältnisse hineingeboren sind, ist ein derartiges Verhalten
unverständlich, es erscheint ihnen kleinlich, unlogisch, ja lächerlich.
Von Emil Rathenau werden viele Züge solcher Kleinlichkeit erzählt, und
mit den Anekdoten, die über seine Sparsamkeit in kleingeschäftlichen
und privaten Dingen über ihn im Umlauf sind, könnte man ein Kapitel
füllen, das an Umfang das längste dieses Buches übertreffen würde.
Das würde zwar ganz unterhaltend sein, aber doch die kleinen
Schönheitsflecke, die auch im Bilde dieses Großen nicht fehlen, über
Gebühr betonen. Einiges, was für dieses Bild charakteristisch ist,
möge immerhin erzählt werden. So konnte Rathenau es nicht über sich
gewinnen, aus der Hausverwaltung des unmittelbaren Geschäftsgebäudes
der A. E. G. sich ganz auszuschalten. Dabei begnügte er sich nicht mit
gelegentlichen Stichproben. Er ließ sich über alle Anschaffungen, die
gemacht werden mußten, Bericht erstatten. Jeder neue Linoleumläufer
mußte von ihm genehmigt sein, und er konnte recht ungemütlich werden,
wenn er Botenjungen im Hause unbeschäftigt herumlungern sah. Wenn
bei den Generalversammlungen der Gesellschaft drei Garderobiers den
Aktionären die Mäntel und Hüte abnahmen, konnte er den Hausverwalter
heftig zur Rede stellen, und ihm vorrechnen, daß für diesen Zweck auch
zwei Beamte völlig ausreichend seien. Auch in Personalangelegenheiten
behielt er sich die letzte Entscheidung vor bis zur Anstellung von
Maschinenschreiberinnen hinab. Alle nicht ganz geringfügigen Zulagen
bedurften seiner Genehmigung. Es war aber vielleicht nicht nur die
alte Gewohnheit, von der er sich nicht zu trennen vermochte, sondern
einem derartigen Abschweifen und Haftenbleiben an geschäftlichem
Kleinkram, bei dem möglicherweise wirklich erzielbare Ersparnisse den
Zeitaufwand auch nicht im entferntesten lohnten, den die Oberleitung
und kostbarste Kraft des Unternehmens an sie wendete, lagen wohl noch
andere Ursachen zu Grunde. Die eine von ihnen bestand vielleicht
darin, daß Emil Rathenau, wie viele praktische Kaufleute, die „von
der Pike auf gedient haben,“ mit der persönlichen „Kontrolle bis ins
Kleinste“, wenn er sie auch nur in einem ganz schmalen Ausschnitt des
gewaltigen Gesamtbetriebes zur Geltung bringen konnte, bei seinem
Personal den Eindruck erwecken wollte, als ob sein Auge und sein
Interesse allgegenwärtig seien. Möglicherweise wollte er dadurch einen
erzieherischen Eindruck auf Kontrollierte und Kontrolleure ausüben.
Wahrscheinlicher ist es aber, daß dieser bewußte Beweggrund, wenn er
wirklich mitspielte, nur eine Art Vorwand darstellte für ein unbewußtes
Bedürfnis, das überlastete Menschen, die aber doch nicht stillsitzen
und sich einer völligen Muße hingeben können, häufig dazu zwingt, sich
ein Ventil gegen Überspannung zu schaffen. Die ständige ununterbrochene
Beschäftigung mit großen und schwierigen geschäftlichen Problemen
würde solche Männer frühzeitig aufreiben und aufbrauchen, und es ist
ja auch schon häufig beobachtet worden, daß derart überanstrengte
Persönlichkeiten, die stets mit voller Kraft arbeiteten, plötzlich
geistig oder körperlich zusammenbrachen. Bei anderen wieder sucht sich
die Natur selbsttätig einen gewissen Ausgleich. Dieser kann in der
Beschäftigung mit Sport, Kunst, Spiel oder auch in der Geselligkeit
bestehen. Er kann aber auch sehr wohl darin liegen, daß sie sich für
gewisse Zeiten mit kleingeschäftlichen Dingen beschäftigen, zu deren
Behandlung sie keine eigentliche Geistesarbeit aufzuwenden brauchen und
die sie gerade aus diesem geistigen Ausruhebedürfnis heraus häufig ganz
schablonenhaft (wie sie es in ihrer Jugend gelernt haben), erledigen.
Emil Rathenau hatte außerhalb seines Geschäftes keine Interessen. Er
besuchte zwar regelmäßig -- aber meist nur zu leichteren Stücken --
das Theater, im übrigen war er gänzlich kunstfremd. Musik, Malerei
sagten ihm nichts. Er konnte nicht einmal der Kunstsammlerei, die
manche reichen Leute auch ohne innere Beziehung zur Kunst betreiben,
einen Geschmack abgewinnen. Von Politik und von Fragen des Gemeinlebens
hielt er sich fast gänzlich fern. Spiel und gesellige Anregung reizten
ihn nicht. Auch die Fähigkeit auszuruhen, ohne irgend etwas äußerlich
Greifbares zu tun, besaß seine unruhige Natur nicht. So ruhte er in
der Beschäftigung mit geschäftlichem Kleinkram aus, wobei er sich
natürlich bemühte, die sachlich wenig ergiebige, für sein persönliches
Gleichgewicht aber nützliche und heilsame Tätigkeit durch logische
Erwägungen vor sich selbst und anderen zu rechtfertigen. Auf einem
ganz ähnlichen Blatte stand es zum Beispiel auch, wenn er manchmal mit
der Stadtbahn nach Niederschöneweide ins Kabelwerk hinausfuhr, statt
-- wie die übrigen Direktoren und höheren Beamten -- Automobile dazu
zu benutzen. Er redete sich dann ein, daß die Fahrt mit der Stadtbahn
ökonomischer sei als die Automobilfahrt, bei der Benzin, Gummi usw.
verbraucht würden. Der folgerichtige Denkprozeß hätte ihn natürlich
dahin geführt, daß der Zeitverlust, den er bei der Stadtbahnfahrt
erleiden mußte, ökonomisch für ihn in keinem Verhältnis zu den
verhältnismäßig geringen Unkosten stand, die bei einer Automobilfahrt
entstanden. Aber trotzdem war in diesem Falle die unbewußte Halblogik
besser als die schärfste Konsequenz im abstrakten, unpersönlichen
Denkprozesse. Hätte Rathenau in der Struktur seiner Seele und seines
Körpers ganz klar lesen können, wie in den Blättern eines Buches, so
würde er den Vorwand der Materialersparnis erst gar nicht gebraucht
haben. Er hätte die Frage überhaupt nicht mit rechnenden, sondern mit
psychologischen oder wenn man will, mit ärztlichen Augen angesehen und
wäre zu dem Schluß gekommen, daß die Zeit, die er an unwichtige Dinge
preisgab, für ihn doch im ganzen betrachtet keine zur Arbeit nutzbare
gewesen wäre.
Noch bescheidener und sparsamer als in kleingeschäftlichen Dingen
war Rathenau in seinem +Privatleben+. Bedürfnisse hatte er
nicht, Wohlleben verstand er nicht zu würdigen. Wenn er auch ganz
und gar nicht frei von Ehrgeiz und dem Bedürfnis nach Anerkennung
war, im öffentlichen und gesellschaftlichen Leben wollte er keine
repräsentative Rolle spielen. Er hätte sie auch schlecht gespielt,
da ihm das leichte Plaudertalent fehlte, und er nur im geistig
anregenden, ernsthaften Gespräch seine nicht gewöhnliche Fähigkeit
des Sprechens erweisen konnte. Überdies schätzte Rathenau das Geld,
seine wirtschaftliche Kraft und Macht zu hoch ein, um es für Dinge
hinzugeben, die er nicht würdigte, kaum verstand. Seine Sparsamkeit war
nicht das Hängen am persönlichen Besitz, der ihm niemals eine besondere
Freude oder auch bloß Interesse bereitete, da er nur arbeitete, um zu
schaffen, nicht um zu erwerben. Seine Sparsamkeit entsprang vielmehr
ganz einem sachlichen Wertgefühl gegenüber dem Gelde, das man nicht
vergeudete oder verschenkte, sondern verwertete, und zwar so, daß
keine Leistung überzahlt wurde. In großen Dingen des geschäftlichen
Lebens konnte Rathenau den Wert oder den Kurs einer Leistung nun sehr
wohl abschätzen, nicht aber in den kleinen Privatangelegenheiten des
täglichen Lebens. Hier war er, der vom Weltmann nichts, aber auch
gar nichts an sich hatte, gänzlich unerfahren und die Maße, die er
an solche Ausgaben anlegte, entstammten noch den kleinbürgerlichen
Verhältnissen und Zeiten, in denen er aufgewachsen war. Wenn seine
Mitdirektoren oder Geschäftsfreunde zum Beispiel mit ihm im Schlafwagen
reisten oder im Hotel wohnten, so gaben sie häufig dem Dienstpersonal
nach Rathenau noch einmal Trinkgeld, um dieses einigermaßen auf die in
ihren Kreisen übliche Höhe zu bringen. Rathenau selbst bekam, wenn er
allein reiste, oft mürrische Gesichter zu sehen, denn er betrachtete
den Hotelportier, „der ihm ja nichts geleistet hatte,“ mit 50 Pfennigen
als genügend entlohnt. Es konnte auch vorkommen, daß Rathenau zu
einer Geschäftsreise nach Zürich, die er mit einem Vorstands- oder
Aufsichtsratsmitgliede gemeinsam unternahm, in Lackstiefeln erschien
und auf die Frage, ob er gerade von einer Gesellschaft komme,
erwiderte: „Das nicht, aber man muß doch solche Stiefeln einmal
auftragen.“ „In großen Dingen ein Grandseigneur, in kleinen Dingen ein
Krämer,“ so hat ihn einmal einer seiner Freunde charakterisiert und
ein anderer, Karl Fürstenberg, hat den hübschen Ausspruch geprägt, daß
bei Rathenau das Geld bei 3 Mark aufhöre und erst bei 3 Millionen Mark
wieder anfange. Die Gegensätze in seiner Stellung zum Gelde waren so
groß, daß sie Emil Rathenau selbst nicht verborgen bleiben konnten.
Er zwang sich, weil er seine schwache Seite kannte, manchmal direkt,
seinem Naturell zuwider zu handeln, besonders in solchen Fällen, in
denen er sich vor anderen genierte, als geizig zu erscheinen. Wenn
er zum Beispiel mit Bekannten zusammen ein Restaurant besuchte, so
bezahlte er manchmal die ganze Zeche heimlich, lange vor dem geeigneten
Zeitpunkt, damit alle späteren Erörterungen über den Zahlungsmodus
von vornherein abgeschnitten wurden. Ebenso kam es vor, daß er bei
gemeinsamen Droschken- und Autofahrten den Kutscher vor der Fahrt
schon entlohnte. Gerade die Umständlichkeit, mit der er freihielt,
bildet aber die beste Bestätigung dafür, daß ihm das Freihalten und
Geldausgeben nicht leicht und selbstverständlich von der Hand ging.
Diese kleinbürgerliche Einfachheit, ja Knickerigkeit des Privatlebens
bei sonst groß gewordenen Lebens- und Schaffensformen ist eine
Eigenschaft, die vielleicht als Erbteil der +jüdischen+ Rasse
bezeichnet werden kann. Sie ist ebenso jüdisch wie das entgegengesetzte
Extrem der üppigen Lebensführung, die sich gerade bei manchen jüdischen
Emporkömmlingen herauszubilden pflegt. Auch sonst ist der jüdische
Einfluß in Rathenaus Charakter deutlich zu spüren. Der rechnerische
Sinn im Schwärmen, der Realismus in der Phantasie, die Kühle im
Enthusiasmus, die Selbstkritik im Optimismus und schließlich die
Schärfe und Helle des Intellekts, die trotzdem nicht zur Gedankenblässe
wird, sondern der Fülle und Farbe fähig ist, alles das sind Zeichen
des einmal bodenständig gewesenen, aber dann entwurzelten und nun
wieder nach Verankerung strebenden, darum in seinen Empfindungen häufig
umschlagenden jüdischen Geistes. Eine Wesens- und Blutsverwandtschaft
zwischen Rathenau und seinem um 8 Jahre jüngeren Vetter, dem Maler Max
Liebermann, mit dem er sich allezeit gut verstand und dessen Berufswahl
er einst gegenüber der ganzen Familie verteidigt hatte, ist hier
schwer zu verkennen.
Außer dem Unterschied zwischen dem problematischen und dem positiven
Charakter, von dem wir am Eingang dieses Kapitels ausgingen, ist
auch für die Beurteilung großer Männer noch ein anderer zu beachten,
nämlich jener, den Schiller durch den Gegensatz von +naiv+ und
+sentimentalisch+ gekennzeichnet hat. Ein Tatmensch kann sowohl
naiv wie auch sentimentalisch sein oder besser gesagt, sowohl der naive
wie der sentimentalische Mensch kann es zu starken Taten bringen.
Der ganze Unterschied liegt vielleicht, wenn man den seelischen
Vorgängen auf den Grund geht, nur im Graduellen. Beim naiven Menschen
ist die Ausbeute aus den intuitiven Einfällen größer als beim
sentimentalischen. Er denkt, schafft, ringt leichter, weil ihm mehr
zufliegt, d. h. weil sein schwingendes, schaffendes Unterbewußtsein
an den Problemen mitarbeitet, die es selbst seinem Bewußtsein als die
seinem Wesen adäquatesten sozusagen untergeschoben hat. Einfall und
bewußte Gedankenarbeit kommen sich bei ihm auf halbem Wege entgegen,
während sich beim sentimentalischen Menschen die Gedankenbildung fast
(aber nur +fast+) vom Urgrund an in der quälend offenliegenden
Sphäre des Bewußtseins, d. h. im Bereiche der Kämpfe, Zweifel und
Widerstände abspielt und er auch Anlage und Form der Schöpfung, die
sich dem naiven Schöpfer meist unwillkürlich runden, erst mühsam
konstruieren muß. Aber man soll nur ja diesen graduellen Unterschied
nicht zu einem grundsätzlichen machen. Auch sentimentalische Schöpfer
gehen von Einfällen aus, wenn diese auch unfertiger, geringer
entwickelt, weniger original sind und mehr von Außendingen angeregt
zu werden pflegen. Auch sie haben Visionen, indes auf der anderen
Seite genialen Männern, die wir als Hauptvertreter des naiven Typus
zu bezeichnen pflegen, wie Luther, Goethe, Friedrich, Napoleon und
Bismarck problematische Kämpfe der schwersten Art gewiß nicht erspart
geblieben sind.
Emil Rathenau ist, wenn man ihn von dieser Seite aus betrachtet,
nicht ganz leicht in eine der beiden Charakterklassen einzuordnen,
aber im ganzen ist er doch mehr den naiven als den sentimentalischen
Menschen- und Schöpfernaturen zuzurechnen. Dies zeigt sich einmal
in dem schon oben angeführten Merkmal, daß bei ihm die Zahl und
Qualität der „Einfälle“, der intuitiven Gedanken, verhältnismäßig
groß war. Ferner aber in der echt naiven Art, wie er sich, so sehr
und vielseitig er auch die Möglichkeiten seiner Begabung auf den ihr
zugänglichen Gebieten auszubilden bestrebt war, gegen alles abschloß
und verschloß, was ihm nicht „lag“, was ihn von den Grundlagen seines
Wesens und seiner Kraft ablenken, zersplittern und unnötigerweise
mit wahrscheinlich doch zweckloser Arbeit belasten konnte. Der
sentimentalische Mensch weiß oder fühlt nicht so sicher, was ihm
nützen oder schaden, fördern oder hemmen wird. Weil er sich aus
unsicheren Grundlagen heraus seinen wesenhaften und charakteristischen
Besitz erringen muß, kommt er manchmal auch in die Versuchung, sich
etwas nutzbar machen zu wollen, was ihm nichts nützen, ihn nicht
bereichern kann. Er hat, um die gleiche Leistung zu vollbringen wie
der naive Schöpfer, meist einen größeren Material- und darum auch
Energieverbrauch aufzuwenden als jener. Seinem Ertrag an Weizen steht
eine größere Menge Spreu gegenüber. Darüber darf auch die Tatsache
nicht forttäuschen, daß er, als der selbstkritischere Intellekt,
gegenüber dem, was er als fertig betrachtet und an die Öffentlichkeit
gelangen läßt, meist schonungsloser urteilt und es sorgfältiger
sichtet, als der naive Genius.
Emil Rathenau, der ein großer Fachmann war und den die kleinen
Künstler vielleicht mitleidig lächelnd als einen Fachmenschen abtun
werden, stand zum Beispiel jeder Kunst -- mit Ausnahme vielleicht der
ihm naheliegenden Architektur -- mit gänzlich naivem Unverständnis
gegenüber. Er hat sie und manches andere, dem näherzukommen er keinen
Sinn und keine Zeit hatte, aber durchaus nicht etwa geringgeschätzt.
Im Gegenteil, er hatte eine Art kindlich staunender, echt naiver
Bewunderung dafür, die er allerdings auch in derselben Weise den
halsbrecherischen Kunststücken irgendeines Akrobaten entgegenbringen
konnte. Vielleicht hat er manches, was ihm nicht zugänglich war, sogar
mit größerer Ehrfurcht betrachtet als die eigenen Leistungen und das
Gebiet, auf dem sie sich abspielten, und die schriftstellerischen
Arbeiten seines Sohnes Walther, die er wohl kaum ganz verstand,
haben ihn gerade darum etwas von jener Art bewundernden Stolzes auf
den gelehrten und in allen schöngeistigen Sätteln gerechten Sohn
abgenötigt, wie sie der reiche Kaufmann vor dem „studierten“ Erben
häufig genug empfindet. Trotz seiner Kunstfremdheit war Emil Rathenau,
der sich so ängstlich in sein Fachgebiet einschloß, aber im Grunde
seines Wesens und seines Schaffens eine durch und durch künstlerische
Natur. Den Fachmenschen charakterisiert Trockenheit, Pedanterie und
Erdenschwere. Rathenau besaß Schwung, visionäre Kraft und Leidenschaft.
Seine Geistesklarheit, seine Logik waren nicht von nüchterner
Abstraktion durchsetzt, sondern sozusagen bluterfüllt und darum auch
Widersprüchen zugänglich, die ja der Natur gleichfalls nicht so fremd
sind wie der Wissenschaft.
Bei einer solchen Grundveranlagung war an Emil Rathenau und den
Eigenschaften seines Wesens nichts alltäglich, schablonenhaft, vielmehr
alles eigenartig, persönlich, eigenem Boden entwachsen und nach eigenen
Maßen gebildet. Nichts war eindruckslos, matt und trübe, alles farbig,
und zwar von starker, gleichzeitig aber subtil vermischter Farbe. Alles
rundete und gestaltete sich bei ihm zur charakteristischen, bedeutenden
Form. Nichts blieb ungebildetes, unbeherrschtes Material. Gerade
dieser unwillkürliche Drang zur Form offenbart die im tiefsten Wesen
künstlerische Natur dieses Geschäftsmannes.
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