gemacht. Die von ihnen geführten Betriebe wurden vielfach geschickt
verwaltet, ihre Erträgnisse befruchteten die kommunalen Finanzen,
und für die Verbraucher ergaben sich befriedigende Verhältnisse.
Dennoch ist die kommunalsoziale Strömung im Elektrizitätswesen schon
nach kurzer Zeit verlangsamt worden. Daran waren neben den oben
geschilderten finanziellen Gründen auch verwaltungspolitische und
betriebstechnische schuld. Die Übernahme von Elektrizitätswerken,
elektrischen Straßenbahnen usw. in städtische Regie erforderte
eine beträchtliche Verstärkung der kommunalen Beamten- und
Arbeiterschaft; sie schuf verwickelte Besoldungsprobleme und rapide
anschwellende Pensionsetats. Überdies erforderte die Eigenart
des elektrischen Betriebes die Anstellung besonders tüchtiger
und demgemäß auch teurer Kräfte, deren Bezahlung innerhalb der
kommunalen Beamtenschaft Schwierigkeiten bot. Alles dies in einer
Zeit, in der die Kommunalpolitik notgedrungen auf größtmöglichste
Sparsamkeit und auf Einschränkung der Ausgaben hinarbeiten mußte. Das
ausschlaggebende Moment war aber doch wohl das betriebstechnische.
Die +Elektrizitätswerke+ fingen an +zu groß+ zu werden,
als daß ihr Wirkungsgebiet sich hätte auf eine einzige mittlere oder
selbst große Kommune beschränken können. Elektrizitätszentralen,
die auf der Höhe der Technik und Wirtschaftlichkeit stehen
sollten, mußten neben der Zentralstadt nicht nur die Vororte und
benachbarten Landkreise, sondern auch weitere Zentralstädte in ihren
Versorgungsradius ziehen. Den einzelnen Kommunen wuchs mit anderen
Worten das Problem der wirtschaftlichen Elektrizitätsversorgung
aus den Händen. Sie machten zwar gelegentlich den Versuch, sich zu
Verbänden oder Verbands-Aktiengesellschaften zusammen zu schließen,
aber solche Versuche gelangen doch nur ausnahmsweise, zumal da sich
gleichzeitig die Elektrizitätserzeugung der großen Industriezentren
mit überzeugendem Nutzen an privatindustrielle Produktionsstätten
anzulehnen begann, die einen Teil ihrer überschüssigen oder billig
zu erzeugenden Kraft für die Elektrizitätserzeugung hergeben
konnten. Hier liegt die große produktive Leistung Hugo Stinnes,
der -- ohne eigentlich Elektrizitätsfachmann zu sein -- eine
derartige Elektrizitätserzeugung auf montanindustrieller Basis zum
ersten Mal in großem Stile aufnahm, die Gichtgase seiner Hochöfen
als Antriebskraft für riesige Dynamomaschinen benutzte und in
seinem Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk eine technisch
wie kaufmännisch gleich hervorragende Organisation schuf. In diese
Organisation zog er eine große Reihe rheinisch-westfälischer Groß- und
Kleinstädte, Landgemeinden und Privatkonsumenten mit hinein. Was Emil
Rathenau vorschwebte, als er vor Jahrzehnten bereits aus den damaligen
Schwierigkeiten seiner privaten Kraftwerke heraus ein Zusammenwirken
zwischen Privatindustrie und Gemeinden auf genossenschaftlicher
Grundlage vorschlug, was er später beim Elektrizitätswerk Straßburg
i. E. durch Verbindung eines Konzessionsvertrages mit einer mäßigen
Aktienbeteiligung der Kommune vorbereitend anbahnte, ist beim
Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk aus den Unzulänglichkeiten
lokaler Elektrizitätsversorgung heraus voll verwirklicht und in reifer
Form angewendet worden.
Hugo Stinnes hat nicht nur zuerst das technische Problem der
montanindustriellen Großzentrale bewältigt, er hat auch zugleich
die grundsätzliche wirtschaftliche Unternehmungsform gefunden,
die es gestattete, einen privaten Industriebetrieb mit einer oder
mehreren kommunalen Körperschaften zu einem Interessenverbande zu
vereinigen. Er wählte die Form der Privat-Aktiengesellschaft, an deren
Finanzierung sich sowohl das private Unternehmerkapital als auch die
Kommunen beteiligten, und in deren Verwaltungsrat sowohl Vertreter
der beteiligten Kommunen als auch der privaten Unternehmerkreise
saßen. Ging beim Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerk die
Anregung zur Bildung eines gemischt-wirtschaftlichen Unternehmens
von der Rohstofflieferantin, der Montanindustrie, aus, so gab
bei anderen Bildungen dieser Art die Materiallieferantin, die
Elektrizitätsindustrie, den Anstoß. Diese Industrie, die seit
langem mit der Errichtung von Elektrizitätswerken in eigener Regie
oder in der Regie von Tochterunternehmungen günstige finanzielle
Erfolge erzielt hatte, indem sie sich nicht nur für den Absatz ihrer
Fabrikate Stützpunkte schuf, sondern auch noch die Quelle reichlich
und ziemlich gleichmäßig fließender Rentengewinne erschloß, diese
Industrie hat sehr schnell eingesehen, daß sie mit der neuen Form der
gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung, mit dieser Konzession an den
sozialen Zeitgedanken, der streng kommunalsozialistischen Bewegung den
Wind wenigstens teilweise würde aus den Segeln nehmen können. Was sie
praktisch aufgab, war nicht sehr viel. Das absolute privatindustrielle
Selbstbestimmungsrecht, das ihr übrigens vorher schon durch die
Konzessionsverträge mit den Kommunen beschnitten gewesen war, wurde
durch die Beteiligung der Kommunen am Stimmrecht und an der Verwaltung,
sowie durch gewisse kommunale Veto- und Forderungsrechte allerdings
bis zu einem gewissen Grade eingeschränkt. Dafür bot ihr aber die
Kontrolle durch öffentliche Verwaltungsorgane einen wirksamen Schutz
gegen Angriffe, denen sie vorher ausgesetzt war. Ferner behielt die
Privatindustrie die besonders wertvolle Möglichkeit, die von ihr
in Gemeinschaft mit den Kommunen betriebenen Elektrizitätswerke
als Arbeitszubringer und Abnehmer für ihre Fabrikate zu benutzen,
fast unbeschränkt bei. Ebenso blieb ihr das Renteninteresse an den
Unternehmungen erhalten, wenn auch der Quantität nach durch die
Beteiligung der Kommunen etwas verringert; der Qualität nach wurde es
durch die moralische und manchmal auch rechtliche Garantieübernahme
seitens der Kommunen sogar noch erhöht.
Ob die Interessen der Kommunen und der Verbraucher bei der
gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung ebenso gut aufgehoben gewesen
sind, wie die der Privatindustrie, ist eine Frage, die sich nicht
allgemein entscheiden und bejahen läßt. Ein gewisser Nachteil für
die Kommunen mag darin liegen, daß eine gemeinsame Beteiligung
und Tätigkeit in denselben Unternehmungen sie aus übergeordneten
Behörden zu Wirtschaftsgenossen und Geschäftsteilnehmern der
Unternehmer macht, ein Verhältnis, das gewiß Gefahren mit sich
bringt, deren Vermeidung besondere Klugheit und Charakterfestigkeit
der kommunalen Vertreter erfordert. Dabei war besonders anfänglich
der Kaufmann dem Verwaltungsbeamten in der geschäftlichen Praxis,
noch mehr in der industriellen Technik so sehr überlegen, daß die
theoretisch zugestandenen Aufsichts- und Mitbestimmungsrechte
nicht immer wirkungsvoll zur Geltung gebracht werden konnten. Das
lag aber oft nicht an der Formulierung dieser Rechte, die meist
ausreichend war und einer besonderen gesetzlichen Regelung, wie
sie zum Beispiel Freund gefordert hat, nicht bedurfte, sondern
eben an der mangelhaften Handhabung. Gerade in dieser Hinsicht
hat der Kommunalbeamte im Laufe der Entwickelung und durch diese
viel gelernt. Die Möglichkeiten der Erfahrung und der Vergleichung
haben ihn geschult. Eine Kontrolle durch fachmännische Revisoren
ist bei Elektrizitätswerken heute fast schematisch möglich. Es läßt
sich ziemlich genau bestimmen, welche Stromkosten ein Kraftwerk
je nach seiner Größe, seiner betriebstechnischen Grundlage (als
montanindustrielles, Fernleitungs- oder lokales Werk) haben, und welche
Strompreise es berechnen darf. Schwieriger schon ist die Kontrolle,
ob die von den privaten Unternehmergesellschaften berechneten Preise
für Maschinen- und Materiallieferungen angemessen sind, aber auch
in dieser Hinsicht sind die Kontrollaufgaben für eine tüchtige
Kommunalverwaltung schließlich recht wohl zu erfüllen. Prinzipiell
wird man das System der gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung in der
elektrischen Stromerzeugung schon deswegen billigen können, weil in dem
Entwicklungsprozeß der Stromerzeugung, der sich gegenwärtig vollzieht,
die gemischte Unternehmung eine nützliche Übergangsstufe zu den höheren
Betriebsformen darstellt, die wir im vorigen Kapitel geschildert haben.
Sechzehntes Kapitel
Charakterbild
a)
Wenn man sich den großen Tatmenschen vorstellt, so sieht man
ihn gemeiniglich als absoluten Willensmenschen von unbeirrbarer
Geistesschärfe, unerschütterlicher Entschlußkraft und
Entschlußdurchführung, von immer gleichbleibender Energie des
Entwerfens und Arbeitens. Unentschlossenheit, Schwankungen des
Intellektes und des Willens traut man ihm und seiner ganzen Art nicht
zu. Hat er Nerven, so sind es stählerne, federnde, die ihn nicht in
der Entfaltung seiner Geisteskräfte hemmen, sondern ihn beschwingen,
ihn über körperliche Anfechtungen und Schwächen hinwegtragen, seinem
Geist, wenn er in zu einsame Höhen der Abstraktion fliegen will, die
Verbindung mit dem Körper, dem Humusboden der Realität erhalten. So
sieht vielleicht das Bild des Genies der Tat für den Fernstehenden aus,
wie es sich am Ende einer festliegenden und festlegenden Entwickelung
geformt hat. Mit so abgeschlossenen und verschlossenen Zügen tritt das
Genie vielleicht aus den Kämpfen seines Innenlebens, aus den Stürmen
seines Werdegangs der Öffentlichkeit entgegen, der es nur die fertigen
Tatsachen, nicht den schweren Weg, auf dem es zu ihnen gelangt ist, nur
die äußeren Ergebnisse, nicht den aufreibenden und oft verzweifelten
Kampf der Möglichkeiten, der ihnen voranging, zeigen will und zeigt.
So ist es auch erklärlich, daß zunächst nur das +äußere+ Bild des
großen Mannes in die Geschichte übergeht und erst die eindringende
Nachforschung des psychologischen Geschichtsschreibers notwendig ist,
um es zu verinnerlichen, um hinter der +Maske+ das Gesicht hervortreten
zu lassen. Man hat gesagt, daß niemand vor seinem Kammerdiener der
große Mann bleibt, und man kann mit der gleichen Berechtigung sagen,
daß niemand vor dem Spiegel seines eigenen Inneren oder dem seiner
nächsten Umgebung der eiserne Tatenmensch bleibt, als den ihn die
Fernstehenden nach seinen Taten ansehen. Shakespeare hat seinem Hamlet,
diesem genialischen Typus der Halbheit und Unentschlossenheit, der
ewigen einander lähmenden Schwankungen und Streitereien des Gemüts
und des Verstandes in Fortinbras einen Tatmenschen, einen Typus des
Positivismus gegenübergestellt. Jener zergrübelt, dieser handelt.
Hamlet ist ein bis ins Feinste ausgeführtes Bildnis, Fortinbras eine
nur den Zwecken des Kontrastes dienende Skizze. Hätte Shakespeare
diese Skizze weiter ausgeführt, so würde er gefunden haben, daß auch
Fortinbras nicht nur klares Wissen, gradliniger Wille ist. Er, der
tiefe Menschenkenner, würde sicherlich zu dem Ergebnis gekommen sein,
daß auch der Tatmensch nicht immer sofort instinktiv das Richtige
sieht und das Richtige tut, sondern daß auch ihm die Fülle der
Gesichte oft beängstigend entgegendrängt, daß auch er sich in Streit
und Widerstreit, in leidenschaftlichen Diskussionen mit sich selbst
und anderen erst aus dem verwirrenden Zuviel der Möglichkeiten auf
den klaren Weg der Notwendigkeit retten muß. Das Entscheidende und
Unterscheidende ist es eben, +daß+ er sich rettet, daß er nicht in dem
Strauchwerk der Reflexion hängen bleibt wie der hamletische Charakter,
der ihm an +vielen+ Gaben nicht unterlegen zu sein braucht, dem aber
die +eine+ Gabe fehlt, in sich Ordnung zu schaffen, seiner Gedanken und
Gefühle doch schließlich Herr zu werden, nachdem er sie genug in sich
hat ringen und wühlen lassen. Gewiß tritt mancher schöpferische Gedanke
intuitiv, sozusagen blitzartig vor den Geist des Tatmenschen hin. Er
hat sich vielleicht nie oder nur obenhin mit dem Problem beschäftigt,
das dieser Gedanke löst. Er erhält Antwort, ohne gefragt zu haben,
findet Gold, ohne daß er danach zu graben brauchte. Die Überlieferung
berichtet von manchen großen Taten, die so entstanden sind, aber sie
verschweigt, wie viel öfter der sogenannte Instinkt den schöpferischen
wie den problematischen Menschen irregeführt hat. Die Bewunderung der
Masse vor dem genialen Instinkt würde vielleicht geringer werden,
wenn sie erfaßte, daß gerade zu dem psychischen Bild Hamlets schnelle
Gedankenblitze und Gedankensprünge gehören, die dem geistreichen
Menschen in gehobener Stimmung oft einen Goldwert der Idee vortäuschen,
der sich bei nüchterner Überlegung nur als blinder Glanz erweist.
Wie nahe die Grenzen problematischen Wesens und tatkräftiger
Veranlagung beieinander liegen können, wie schmal manchmal die
Wasserscheide ist, von der der Lauf eines Lebens zu diesem oder jenem
Charakter führen kann, zeigt gerade die Geschichte Emil Rathenaus. Nach
einer frisch, doch keineswegs ungewöhnlich geführten Jugend drohte
sein Dasein -- eine beklemmend lange Zeit -- in Unentschlossenheit
zu zerfließen, und doch hat sich derselbe Mann später zu einem
Tatmenschen stärkster Prägung entwickelt. Es ist eben nicht nur
Charakter+material+ zur Bildung eines Charakters erforderlich,
sondern auch das taugliche Objekt, an dem sich dieses Material bewähren
kann. Sicherlich gibt es nicht nur Begabungen, sondern auch Charaktere,
die ihre beste Energie im Suchen um einen geeigneten Platz aufbrauchen,
ihn vielleicht nie finden oder, wenn sie ihn endlich gefunden haben,
nicht mehr Vollkraft genug besitzen, um auf ihm Großes zu wirken. Das
tägliche Leben kennt viele solcher halben Helden, die Geschichte weiß
nicht ebensoviel von ihnen zu erzählen, denn ihr Schicksal erfüllt
sich meistens nicht im Licht, sondern im Dunkel. Hätte Emil Rathenau
ganz mit denselben Geistes- und Charaktereigenschaften erst zehn Jahre
später seinen wahren Beruf, sein wahres Objekt gefunden, und dann nicht
mehr die Frische gehabt, um sich ganz darin auszuleben und auszuwirken,
oder wäre er über die Krise der Berliner Elektrizitätswerke
gestrauchelt und hätte nicht die Kraft besessen, um zum dritten
Male anzufangen, die Geschichte hätte kaum etwas von ihm gewußt und
in dem Gedächtnis seiner Bekannten hätte er höchstens als begabter
„Lebensverfehler“ fortgelebt.
Emil Rathenaus Charakter rückte wohl deswegen eine Zeitlang scheinbar
so dicht in die Nähe der problematischen, weil er ganz ungewöhnlich
voll von Gegensätzen und Widersprüchen war, die sich mit dem
zunehmenden Alter nicht etwa verringerten oder abschliffen, sondern
im Gegenteil bis zur Wunderlichkeit und Skurrilität verschärften.
Hierin lag vielleicht letzten Endes der Grund für die Langsamkeit,
mit der er sich in die entscheidende Bahn fand, mit der er den Boden
erreichte, auf dem er endlich Wurzel fassen und den festen Punkt
für die Ausgleichung seiner starken Charakterschwankungen finden
konnte. Aber hierin lag auch der Grund für die Kraft, den Reichtum,
die Mannigfaltigkeit und die Elastizität seiner Natur, die sich
niemals länger in einer Richtung festhalten ließ, als dies ihrer
Entwickelung förderlich war und die bei aller sachlichen Konsequenz
-- wenn es von höherem Gesichts- oder Gefühlspunkte zweckmäßig war --
auch einmal inkonsequent sein konnte. Dem außenstehenden Beobachter
mochte vielleicht manchmal als Sprunghaftigkeit, als Impressionismus
erscheinen, was doch nur ein freies und souveränes Spiel mit den
äußeren Formen der Logik war, ein Spiel, das manchmal vielleicht
den Gesetzen der Umwelt, niemals aber den Gesetzen der eigenen
Natur zuwiderlief. Den Mitlebenden oft unverständlich, sich selbst
vielfach nicht bewußt, sprang Rathenaus schneller Instinkt manchmal
über Zwischenglieder der logischen Entwickelung hinweg, an denen
andere nicht vorüberkamen oder vor denen sie wenigstens stutzten.
Seine Entschlüsse und Maßnahmen, die aus einem derartigen geistigen
Telegrammstil entsprangen, erschienen anderen darum oft verkehrt und
nicht folgerichtig, zumal Rathenau sie häufig nicht bewußt begründen
konnte. Die rückschauende Beurteilung mußte sie fast stets als treffend
und zweckmäßig anerkennen, was Rathenau verschiedentlich den Ruf
prophetischer Gabe eingetragen hat. In der schönen Grabrede, die er
seinem Vater hielt, hat Walther Rathenau diese Gabe folgendermaßen
geschildert: „Wer ihm nahe gestanden hat, der weiß es, wie erschütternd
es war, wenn er in seiner einfachen Sprache von Dingen erzählte,
die ihm selbstverständlich erschienen; aber diese Dinge waren nicht
selbstverständlich, denn es waren keine Erinnerungen und es war
keine Gegenwart. Was er schilderte und was er erzählte, das war die
Zukunft, und in dieser Zukunft sah er so klar, wie wir sehen in unserer
Zeit und in dem, was wir von der Vergangenheit wissen. So kamen die
Menschen von weit her und fragten ihn: was wird aus dieser Technik,
was wird aus jenem Verkehr, was wird aus dieser Wirtschaftsform und
was wird aus jener Entwickelung? Und dann gab er ihnen stille Antwort
und wunderte sich nur über das Eine, daß der andere nicht als ein
Selbstverständliches schmählte, was er ihm aussprach.“
Gegensätze und Widersprüche des Charakters können die Tatkraft einer
Intelligenz lähmen und zerreiben, wie wir das nur zu oft auch bei
klugen und scharfsinnigen Menschen zu beobachten vermögen. Aber sie
können einem Wirken auch jene Fruchtbarkeit geben, die der einfach
organisierten Natur nicht erreichbar ist, weil sie nicht die ganze
Tiefe, Fülle und Vielgestaltigkeit der Probleme ausschöpfen kann, die
der komplizierte Charakter -- stets auf den Kampf und den Ausgleich
zwischen seinen verschiedenen Gegensätzen angewiesen -- aufwerfen
und in glücklichen Fällen lösen wird. Jeder Mensch und besonders der
sanguinische hat Zeiten des Optimismus und Pessimismus, schwankt
zwischen verschiedenen Stimmungen auf und nieder. Hochgefühl, frische
Spannkraft auf der einen Seite, Depression, Unzufriedenheit und
Überdruß auf der anderen Seite wechseln miteinander ab. Wie sehr hier
eine der Triebkräfte jeder Leistung, jedes Fortschritts und jeder
Entwickelung liegt, zeigt die Übertragung dieser Schwankungen auf
die Geschichte allgemeiner Gestaltungen, die sozusagen von diesem
Auf und Nieder leben, aus dem Wechsel von Hausse und Baisse, von
Ebbe und Flut ihre immer neue motorische Lebenskraft ziehen. Fehlten
die Pendelschwingungen dieses geistigen „Perpetuum mobile“, so
würde die Uhr bald stille stehen, jede Fortentwickelung im Marasmus
ersticken. Bei Emil Rathenau war die Wellenlinie zwischen Optimismus
und Pessimismus außerordentlich stark ausgeprägt. Beide Pole standen
einander ganz schroff entgegen. Daher lebte der Organismus so stark,
wirkte der Ausgleich so fruchtbar, war der entladende Funke von so
zündender Durchschlagsgewalt. So kraß Wärme und Kälte in dem Wesen Emil
Rathenaus aber auch in Erscheinung treten konnten, so wenig ließ der
reale Tatsachensinn, der in der Mitte zwischen den beiden Polen stand,
zu, daß sie mit ihrem +Übermaß+ Einfluß auf die praktische Arbeit
gewinnen konnten. Sie hatten im richtigen Moment anzufeuern und im
richtigen Momente abzukühlen, hatten sich gegenseitig zu beobachten und
zu kontrollieren. War die rechte Mischung erreicht, so war damit die
Bahn und das Tempo der Arbeit festgelegt. Beide wurden dann unbeirrt
und unbeirrbar festgehalten bis zum Ende. Optimistische Voreiligkeit
und pessimistische Hemmung durften ihre Konstanz nicht mehr stören.
+Optimist+ war Rathenau stets im Entwerfen, und noch vielmehr
in der Absteckung des Feldes, auf dem entworfen oder verwirklicht
werden sollte. Die Ziele, die er seiner elektrischen Technik stellte,
wurden mit fast unbegrenzter Phantasie so weit als nur irgend denkbar
gestellt. Sein Ideal war, die Welt mit Elektrizität zu durchdringen.
Oft im Gespräch mit Fachgenossen, noch mehr mit Laien und Frauen
erging er sich in kühnen Zukunftskombinationen, die sich bis zu Jules
Verneschen Sphären versteigen konnten. Wenn er in den bescheidenen
Anfängen der Lichtelektrizität von den Möglichkeiten sprach, zu
denen die neue Beleuchtungsart einmal führen könnte, mochte das den
Zeitgenossen phantastisch klingen. Für uns, die wir die Verwirklichung
seiner Pläne miterlebt haben, wirken diese Äußerungen als fast exakt
wissenschaftliche Voraussagung einer Entwickelung, die kommen mußte,
wie sie gekommen ist, und die doch nur dieser eine damals gerade so
vorhergesehen hat. Dasselbe war bei der elektrischen Kraftübertragung
der Fall, wenngleich hier noch einige andere an die große Zukunftskraft
der Erfindung vielleicht nicht weniger stark geglaubt haben als
Rathenau. Ihren optimistischen, phantasievollen Charakter auch jetzt
noch bis zu einem gewissen Grade behalten haben die Rathenauschen
Prophezeiungen über das elektrische Fernbahnsystem, dessen Durchführung
nur langsam fortschreitet, trotz alledem jedoch im Bereiche der
Wahrscheinlichkeit liegt. Aber, wenn Rathenau ins Schwärmen kam, konnte
er auch Ideen entwickeln, zu deren Verwirklichung heute noch nicht
die geringsten Ansätze vorliegen, die zu verwirklichen die Menschheit
vielleicht auch nie unternehmen wird, weil der erreichbare Erfolg
in keinem Verhältnis zu dem technischen Aufwand steht. Warum sollte
man, so meinte er, nicht dahin kommen, daß alle Wohnungen von großen
Elektrizitätszentralen aus geheizt werden, daß jede Wohnung mit einer
Anlage versehen ist, die sie von einer Zentrale her elektrisch mit
Kälte für die Eisherstellung versorgt? Fast stets waren derartige
Kombinationen -- auch wenn sie Dinge nebensächlicher Art betrafen --
technisch richtig gesehen. Das verstand sich für einen so gewiegten
Fachmann von selbst. Rathenau war sich aber recht wohl bewußt, daß er
in solchen lässigen Gesprächen mehr beispielmäßig als ernst sprach und
er würde es sich verbeten haben, wenn ihn jemand beim Wort genommen
und seine praktische Mitwirkung bei der Ausführung derartiger Projekte
verlangt haben würde. Solche Phantasien im großen und im kleinen waren
aber doch kennzeichnend für den gewaltigen Glauben, mit dem Rathenau
seiner Wissenschaft anhing, für die stets beschwingte Vorstellungswelt,
in der dieser Praktiker lebte und aus der er sich Kraft und
Lebendigkeit für seine Arbeit immer wieder aufs neue holte, wenn ihn
die Kleinlichkeiten und Schwierigkeiten mancher Einzeltätigkeit zu
ermüden und niederzudrücken drohten.