gemischtes Werk gegründet worden, sondern hatten sich,
ursprünglich als Spezialfabrik für Isolier-Leitungsrohre und
Spezial-Installations-Artikel errichtet, erst später und in
allmählichem Ausbau zum elektrischen Universalunternehmen entwickelt.
Ihre Geschichte, ihr Kampf und ihr Schicksal ist in mehr als einer
Hinsicht charakteristisch für die Gestaltung der Verhältnisse in der
deutschen Elektrizitätsindustrie nach der Krise von 1901/03. Im Jahre
1893 wurde die Gesellschaft mit dem kleinen Kapital von 1 Million
Mark zur Herstellung der oben erwähnten Sonderartikel gegründet, sie
ging hervor aus der seit 1891 bestehenden offenen Handelsgesellschaft
S. Bergmann & Co. in Berlin. Sigmund Bergmann, ihr Gründer, stammte
aus der Schule des Amerikaners Edison, mit dem er jahrelang als
Associé zusammengearbeitet hatte und der ihm auch später stets in
enger Freundschaft verbunden blieb. Bergmann gründete im Jahre 1897,
während er seinen Wohnsitz noch in New York hatte, außerdem die
Bergmann-Elektromotoren- und Dynamo-Werke, die gleichfalls zuerst nur
mit einem Kapital von 1 Million Mark arbeiteten. Im Jahre 1900 wurden
beide Gesellschaften miteinander fusioniert und das Kapital des damit
den Weg der gemischten Werke beschreitenden Gesamtunternehmens erhielt
einen Umfang von 8,5 Millionen Mark. Die Gesellschaft, technisch aufs
beste und modernste ausgerüstet und mit den neuesten amerikanischen
Konstruktionen arbeitend, hatte bis zum Jahre 1900 ihre Dividenden
auf 23% gesteigert. Die Krisis brachte nur einen Rückgang auf den
immerhin noch sehr hohen, von keiner anderen Elektrizitätsgesellschaft
jemals gezahlten Satz von 17%. Nach der Krisis stellte sich die
Dividende jahrelang auf 18%. Die hohe Rente bot die Möglichkeit zur
Erzielung großer Agiogewinne bei den verschiedenen und häufigen
Kapitalerhöhungen. Die Aktienkurse bewegten sich zwischen 200 und 300%.
Bei Neuemissionen konnten Begebungskurse von durchschnittlich 200%
festgesetzt werden, und kein geringeres Institut als die Deutsche Bank
wurde für den Aufsichtsrat und als Bankverbindung für die Gesellschaft
gewonnen.
Diese äußerlich glänzende Entwickelung hatte aber eine Schattenseite.
Sigmund Bergmann war ein ausgezeichneter Techniker, ein moderner,
tatkräftiger Industrieller, aber er, der Amerikaner unter den deutschen
Elektrikern, glaubte die amerikanischen Industrie- und Finanzmethoden
nach Deutschland übertragen zu können, wo doch Emil Rathenau längst
einen Typus und ein System entwickelt hatte, das dem amerikanischen
weit überlegen war und die nach diesem arbeitenden Unternehmungen
letzten Endes schlagen +mußte+. Bergmann mangelte bei seinen
außerordentlichen technischen und industriellen Fähigkeiten eine
ebenbürtige kaufmännische Veranlagung. Er kopierte hier eigentlich
nur, was ihm die großen Konkurrenzwerke bereits erfolgreich vorgemacht
hatten. Ganz ging ihm aber die +finanzielle Meisterschaft+ eines
Emil Rathenau ab, er besaß nicht das eigene finanzielle Urteil,
geschweige denn die originale, schöpferische Finanzkunst des A.
E. G.-Gründers. So ließ er sich auf der Bahn, die ihm die ersten
großen technischen Erfolge seines Unternehmens mit ihren hohen
Dividendenresultaten eröffnet hatten, gern und kritiklos weitertreiben.
Er nutzte unbekümmert um die innere Konsolidierung, um die Sicherung
seiner Basis durch starke Reservestellungen, die Möglichkeiten aus,
die ihm die hohen äußeren Renten boten. Seine Finanztechnik bestand
in der Ausmünzung des +Aktienagios+, und er glaubte genug
Rücklagen zu haben, wenn er die ihm aus seinen Kapitalserhöhungen
zufließenden stattlichen Aufgelder in den Reservefonds einstellte.
Seine Finanzpolitik war ein grundsätzliches Gegenbild zu der Emil
Rathenaus, der sich nie durch die Agiochancen dazu verführen ließ,
seine Dividenden höher zu bemessen, als ihm dies seine streng
sachliche, hypervorsichtige Bilanzierung gestattete. Sigmund Bergmann
war dabei zweifellos finanziell gutgläubig, seine Finanzpolitik kann
nicht etwa als +leichtfertige+ Agiotage bezeichnet werden, und in
einer anderen, nicht so sehr durch übermächtigen Wettbewerb älterer
Unternehmungen beengten Industrie hätte sie vielleicht sogar passieren
können. Bergmanns Tragik war, daß er 10 oder 15 Jahre zu spät kam, und
in seiner Fachtüchtigkeit einen Gegner wie Emil Rathenau vorfand, der
nicht nur fachtüchtig, sondern universal-tüchtig war und obendrein
im Besitz, im Vorsprung war. Bergmann fand die ungeheuer schwere
Aufgabe vor, nicht nur unter gleichen Bedingungen die stärksten Gegner
zu besiegen, sondern noch deren beträchtliche Vorgabe einzuholen.
Der Mut, mit dem der finanziell naive Techniker an die gewaltige
Aufgabe heranging, ist bewunderungswürdig, bewunderungswürdig auch,
was er unter so ungünstigen Bedingungen industriell erreicht hat.
Der Ausbau seiner kleinen Spezialbetriebe zu einem großen modernen
elektrotechnischen Universalwerk, das sich in technischer Beziehung
durchaus neben der A. E. G. und Siemens-Schuckert sehen lassen konnte,
ist eine hervorragende Leistung, die ohne bedeutende Organisationskraft
nicht zu bewältigen war. Da er große und zahlreiche Werke schnell
bauen mußte, auch in der kostspieligen Außenorganisation, die ihn zur
Errichtung vieler auswärtiger und ausländischer Installations- und
Konstruktionsbureaus zwang, und schließlich in der Fundierung des
Unternehmergeschäfts, die er durch die Gründung einer Trustgesellschaft
„der Bergmann Elektrische Unternehmungen-Akt.-Ges.“ zu stützen
versuchte, den großen Vorbildern nachstreben mußte, konnte er
allerdings wohl finanziell gar nicht so vorsichtig und bedächtig
vorgehen wie Emil Rathenau. Er konnte sich nicht den Luxus leisten,
das Geld auf die hohe Kante zu legen, sondern mußte häufige und
umfangreiche Kapitalerhöhungen vornehmen, und dabei so beträchtliche
Agiobeträge wie möglich hereinbringen. Er war spät gekommen und
mußte schnell vorwärts, wenn er noch mit an die Spitze wollte. Der
finanziell Einsichtige hätte wissen müssen, daß er so Gefahr lief,
sich letzten Endes in geldlichen Schwierigkeiten zu verfangen, der
industriell Wagemutige und Schaffensfreudige hat das Experiment doch
versucht, und ist daran gescheitert. Bergmanns Tragödie ist die
Tragödie des Nachgeborenen, der mit all seiner Schaffenskraft beendete
Entwickelungen, verschlossene Kanäle, gelöste Probleme vorfindet, wie
Rathenaus Glück das Glück des Schöpfers ist, der gerade im Augenblicke
zu schaffen beginnt, in dem die Zeit seinen Plänen entgegenreift,
in dem Baugrund und Baumaterial nur des Baumeisters warten. Den
einen haben die Verhältnisse niedergehalten, den anderen haben sie
emporgetragen.
Sigmund Bergmann war es zwar in den Tagen des Glücks gelungen, die
erste deutsche Bank zur Unterstützung seiner Finanzgebarung zu
gewinnen. Aber gerade hier hat sich erwiesen, wie wenig auch die
beste Bank (wenn sie nicht gerade selbst industrielle Unternehmungen
entwickelt) in der Lage und gewillt ist, rein industrielle
Finanzpolitik zu treiben, die eigene, rein sachliche und nur den
Interessen des Unternehmens dienende Finanzpolitik des industriellen
Leiters zu ersetzen. Gerade dieses negative Ergebnis bei Bergmann
illustriert in scharfem Kontrast, wie sehr umgekehrt Emil Rathenau,
der sein eigener Finanzminister war, die Bankier-Begabung zustatten
gekommen sein muß. Die Deutsche Bank hat Sigmund Bergmanns falsche
Finanzpolitik, die ihr selbst bei den vielen Kapitalserhöhungen schöne
Provisions- und Emissionsgewinne einbrachte, bereitwillig und ohne
Kritik mitgemacht, so lange alles gut ging. Als aber die Zeit der
Dividendenrückgänge, des Schwachwerdens im Konkurrenzgeschäft, das
Versagen des Emissionsmarktes und die durch keine Kapitalserhöhungen
mehr zu behebenden Geldschwierigkeiten kamen, hat die Deutsche Bank
der Gesellschaft und ihrem Leiter nicht die starke finanzielle
Rückendeckung gewährt, die ihn vielleicht noch (oder vielleicht
auch nicht mehr) hätte retten können. Sie hat vielmehr die
Bergmann-Gesellschaft zur Aufgabe ihrer Selbständigkeit, zum Anschluß
an einen der großen Konzerne gedrängt und die weitere Geldhergabe
von dieser Kapitulation abhängig gemacht. Mit diesen Worten soll
der Deutschen Bank gewiß nicht der Vorwurf einer illoyalen,
unzuverlässigen Handlungsweise gemacht, sondern nur gezeigt werden,
daß auch die größten Banken nicht gewillt und imstande sind, schon mit
Rücksicht auf ihre eigenen Aktionäre gar nicht imstande sein können,
junge Industrie-Unternehmungen im Kampf gegen große übermächtige
Konkurrenzkonzerne durchzuhalten und in ihrer Entwickelung zu stützen;
insbesondere dann nicht, wenn diese Kapitalmächte -- wie das im
deutschen Wirtschaftsleben nicht selten der Fall ist -- in Beziehungen
zu einem jener großen Konkurrenzkonzerne stehen und im Interesse der
wertvolleren Verbindung die minder wertvolle preiszugeben geneigt
sind. Die Unabhängigkeit eines Industrieunternehmens, besonders eines
mittleren, noch nicht zum ersten Range emporgestiegenen, kann nur auf
dem Wege erreicht werden, den Rathenau einschlug, nämlich dem der
finanziellen Selbständigkeit. Unbedingt Herr im eigenen Hause bleibt
nur +der+ Industrielle, der sich frei von Bankgeld und Bankenhilfe
hält, der genug eigene Geldmittel aufsammelt, um damit auch Krisen
überwinden, in Zeiten schlechten Emissionswetters seine Bedürfnisse
decken zu können. Beispiele für solche selbständige Finanzpolitik,
die zwar die Banken gelegentlich benutzt, darin aber nicht so weit
geht, daß sie von Banken beherrscht werden kann, bieten abgesehen von
der A. E. G., Siemens & Halske, Krupp, die Hamburg-Amerika-Linie, die
Gelsenkirchener Bergwerksgesellschaft, der Bochumer Gußstahlverein,
die großen Anilinfarbengesellschaften und eine erhebliche Anzahl in
der letzten Zeit reich gewordener Unternehmungen kleineren Formats.
Gegenbeispiele der durch Banken in ihrer sachlichen Geschäftspolitik
zeitweilig beeinflußten Unternehmungen sind außer Bergmann u. a. die
Phönix-Akt.-Ges. in ihrer früheren Periode, in der sie durch die
Banken zum Eintritt in den Stahlwerksverband gezwungen wurde, die
Deutsch-Luxemburgische Bergwerks- und Hütten-Ges., die Hohenlohewerke,
die Deutschen Erdölwerke. Nur +ein+ großes Beispiel, bei dem
sich industrielle Selbständigkeit mit starker Verschuldung bei Banken
vereinigt hat, kennt die Geschichte der deutschen Großindustrie:
den Fall +August Thyssens+. Dieser Ausnahmefall weist aber
so viele seltene, einzigartige Vorbedingungen auf, daß er gerade
dadurch die Regel bestätigt. Eine große, kühne und ganz besonders
im Komplizierten sich erweisende Finanzkunst, die in ihrer Art der
ganz anders gerichteten Emil Rathenaus ebenbürtig war, die mit dem
persönlichen Kredit ebenso überlegen operierte, wie Rathenau mit dem
Aktienkredit, unterstützte hier die industrie-kaufmännische Begabung.
August Thyssen verstand es, so viele Kreditquellen zu benutzen, und die
Konkurrenzströmungen auf dem Kapitalmarkte so geschickt gegeneinander
auszuspielen, daß er stets Herr der Lage blieb und schließlich eine
Macht wurde, mit der es kein Bankgläubiger verderben durfte, -- in
guten Zeiten, weil er den großen Kunden zu verlieren fürchtete, in
schlechten, weil er die Sicherheit des geliehenen Geldes besser durch
Nachgiebigkeit als durch Rücksichtslosigkeit gewährleistet glauben
mußte.
Kehren wir zu den Verhältnissen der Elektrizitätsindustrie zurück.
Die Bergmann-Elektrizitätswerke mußten, durch den Konkurrenzkampf der
letzten Jahre geschwächt, mitten in großen Erweiterungsplänen und
Geldbedürfnissen, ihre Dividende im Jahre 1910 von 18 auf 12%, im
folgenden Jahre auf 5% herabsetzen. Der überanstrengte Emissionskredit
brach damit zusammen, die unvollendeten Pläne konnten nicht mehr weiter
geführt werden. In dieser Situation gab es keinen anderen Ausweg als
den Anschluß an einen der großen Konkurrenzkonzerne. Die Deutsche
Bank vermittelte die Anlehnung an den Siemens-Schuckert-Konzern,
dem sie ja selbst finanziell nahestand. Auch mit der A. E. G. war
verhandelt worden, aber diese konnte sich nicht dazu entschließen,
Bergmann die von ihm verlangte, wenigstens halbe Selbständigkeit
zu gewähren, war wohl auch durch die Angliederung des Felten
Guilleaume-Lahmeyer-Konzerns vorerst gesättigt und brauchte kein
Unternehmen mehr zu erwerben, das ihr nur Machterweiterung, aber
keine Ergänzung durch neue Betriebszweige bot. So kam die Anlehnung
der Bergmannwerke an Siemens-Schuckert zustande. Das Kapital der
Bergmann-Werke wurde von 29 auf 52 Millionen Mark erhöht, davon
übernahmen die Siemens-Schuckertwerke 8½ Millionen Mark. Aus ihrem
Konzern trat Theodor Berliner in die Generaldirektion der Bergmannwerke
neben Sigmund Bergmann ein, er übernahm die kaufmännische und
finanzielle Führung, während die technische bei Bergmann verblieb.
Die industriellen Baupläne wurden, mit +dem+ Teil des neuen
Geldes, der nicht zur Ablösung bereits verbauter, vorläufig durch
Bankkredit beschaffter Mittel erforderlich war, zu Ende geführt. Das
Unternehmergeschäft dagegen wurde liquidiert. Der früher hochrentablen
Bergmann-Aktie stand eine Reihe magerer Jahre bevor, bis der Krieg auch
diesem Unternehmen, wie so manchen anderen durch Betätigung auf dem
seiner eigentlichen Natur fremden Gebiet der Munitionsherstellung eine
unerwartet schnelle Erholung brachte.
Die Geschichte der Bergmannwerke hat den Beweis erbracht, daß ein
aussichtsreicher Wettbewerb gegen die beiden herrschenden Groß-Konzerne
auf dem Gebiete der +Neuerrichtung von Werken+ ebensowenig
möglich war, wie er durch Fusion bereits bestehender Unternehmungen
mittlerer Größe im Falle Felten Guilleaume-Lahmeyer auf die Dauer
sich hatte behaupten können. Dies Aufgehen der beiden letzten
Konkurrenzbetriebe gemischter Natur in die Interessenkreise der beiden
„Großen“ hatte nunmehr die Situation in voller Reinheit und Klarheit
hervortreten lassen, auf die die ganze Entwickelung seit Beginn der
Konzentrationsperiode sichtlich hingedrängt hatte. Das Prinzip des
Dualismus hatte sich voll ausgewirkt. Nur zwei Gruppen, die A. E.
G. und Siemens-Schuckert, standen sich jetzt noch gegenüber. Es war
kein Wunder, daß die Monopolfurcht, die schon gelegentlich der ersten
großen Fusionen im Jahre 1903 in der Öffentlichkeit hervorgetreten
war, von neuem auftauchte. Vom konsequent durchgeführten Dualismus
bis zum Monopolismus war ja nur -- so fürchtete ein Teil der
öffentlichen Meinung -- ein Schritt. Ein offener oder ein geheimer
Vertrag zwischen den beiden Gruppen konnte den deutschen Konsum der
Herrschaft eines Elektrizitätsmonopols ausliefern. In der Mitteilung,
die der Siemens-Schuckertkonzern gelegentlich der Transaktion mit
Bergmann bekannt gab, verwahrte er sich allerdings mit Nachdruck gegen
Monopolbestrebungen. Man wolle kein Monopol, und man halte es nicht
einmal für nützlich im Interesse der Elektrizitätsindustrie. Darum
beabsichtige man auch nicht, die kaufmännische Selbständigkeit der
Bergmann-Elektrizitätswerke durch die Übernahme der Bergmann-Aktien
anzutasten. Diese Gesellschaft solle ihre Bewegungsfreiheit auch
weiter behalten. Eine +nachhaltige+ Beunruhigung über die
Monopolfrage kam denn auch infolge der letzten Fusionen in der
Elektrizitätsindustrie nicht auf oder sie verlor sich doch bald. Das
war zum Teil darauf zurückzuführen, daß man den Monopolen in manchen
Kreisen nicht mehr so streng ablehnend gegenüberstand, wie noch vor 10
Jahren, nachdem man erkannt hatte, daß ihre Macht durch Staatskontrolle
zu beschränken sei, während die betriebliche Wirtschaftlichkeit
durch sie zweifellos gefördert werde. Auf der anderen Seite hatte
man aber gerade in der Zwischenzeit die Erfahrung gemacht, daß die
Vereinigungsidee in der Elektrizitätsindustrie über den Dualismus A. E.
G.--Siemens-Schuckert nur schwer hinwegschreiten würde. Zwischen beiden
Konzernen waren viele Berührungspunkte entstanden, sie saßen in manchen
Produktionsgesellschaften, wie den Akkumulatorenwerken Hagen, in der
Telefunkengesellschaft, in vielen Betriebsgesellschaften, wie der
Deutsch-Überseeischen Elektrizitätsgesellschaft, der St. Petersburger
Gesellschaft für elektrische Beleuchtung, der Hamburger Hochbahn
usw. zusammen, sie gehörten verschiedenen Kartellen an, hatten sogar
gelegentlich geheime Submissionsabmachungen getroffen, und doch waren
die Grundgegensätze zwischen ihnen dadurch keineswegs beseitigt, oder
auch nur gemildert worden. Wenn man mit Persönlichkeiten aus einem der
beiden Häuser von der Konkurrenz sprach, so waren es durchaus nicht
immer Worte des gegenseitigen Verständnisses, der Anerkennung, der
Würdigung, die man über den anderen zu hören bekam. Die Gefühle der
Rivalität, des Konkurrenzneides, waren mehr als je vorherrschend. Statt
eine Annäherung im großen herbeizuführen, hatten die gelegentlichen
geschäftlichen Verbindungen nur das heimliche Gegensatzgefühl, die
innere Kampfstellung verschärft. Und dieser Gegensatz blieb nicht auf
akademische Erörterungen beschränkt, er trat auch auf den Absatzmärkten
allenthalben in Erscheinung. Überall war das Bestreben fühlbar, den
Gegner zu verdrängen, an Leistung zu überbieten und im Preise zu
unterbieten, seine Produkte schlecht zu machen, seine Geschäftspraxis
zu bemängeln. Wenn auch bei großen Geschäften der eine manchmal
vornehm hinter dem anderen zurücktrat, er tat es nur mit innerlichem
Ingrimm, und in kleinen Geschäften wurde der Konkurrenzkampf oft
bis aufs Messer ausgefochten. Man hat gesagt, daß dieser Gegensatz
in Personenfragen begründet sei und mit dem Rücktritt der alten, im
gegenseitigen Kampf aufgewachsenen Personen verblassen und schließlich
ganz verschwinden werde. Das mag bis zu einem gewissen Grade richtig
sein, vorläufig ist aber mit einem Absterben dieser persönlichen
Stimmungen noch lange nicht zu rechnen. Der Patrizierstolz der Familie
Siemens hat sich nun bereits bis ins dritte Glied fortgeerbt, und ist
noch immer stark und unerschüttert. Der A. E. G.-Geist, der nicht
einmal so sehr in der weniger fruchtbaren Dynastie Rathenau verkörpert
ist, wie in den vielen noch lebenden Mitarbeitern Emil Rathenaus aus
seinen ersten Anfängen, will und braucht ebenfalls keine Kompromisse
zu schließen. Ob vielleicht die veränderte Weltlage, die nach
Beendigung des Krieges zweifellos in Erscheinung treten wird, einen
Zusammenschluß der Elektrizitätskonzerne aus Gründen der Verteidigung
des Weltmarktbesitzes herbeiführen wird -- wie sie während des Krieges
schon zu einer Vereinigung der Anilinkonzerne geführt hat und wie ihre
Vorahnung vor dem Kriege bereits ein Bündnis zwischen Hapag und Lloyd
zu Wege brachte -- läßt sich jetzt noch nicht beurteilen. Es ist aber
nicht ganz von der Hand zu weisen, daß auch hier vielleicht die Sachen
stärker sein werden als die Personen.
Bei Beurteilung der Monopolfrage darf nicht außer acht gelassen
werden, daß die elektrischen Großkonzerne, die gemischten Betriebe,
nicht die einzigen Unternehmungen auf dem Gebiete der deutschen
Elektrizitätsindustrie sind. Es besteht sowohl auf dem Starkstrom-
wie auch auf dem Schwachstromgebiet noch eine erhebliche Anzahl
leistungsfähiger und unabhängiger Spezialbetriebe, die gewisse
Sonderprodukte herstellen und die darin eine beachtenswerte Konkurrenz
für die Großkonzerne bilden. Es gibt fast kein elektrotechnisches
Erzeugnis, angefangen von der kleinen Glühlampe und dem Telephonapparat
bis zu der größten Dynamomaschine, das nicht in Spezialfabriken
hergestellt wird. Man kann annehmen, daß die Produktion dieser
Spezialfabriken sich zu der der Großkonzerne etwa wie 1:3 verhält.
Eine Reihe der Spezialfabriken, wie zum Beispiel das Sachsenwerk,
die elektrotechnische Fabrik Rheydt, die Telephonfabrik Berliner,
die Mix & Genest-Gesellschaft, die Elektrizitätsgesellschaft Poege,
die Hackethal-Draht- und Kabelwerke, die Fabrik isolierter Drähte
Vogel, das Kabelwerk Cassierer, hat sich im Kriege finanziell sehr
günstig entwickelt und große Reserven aufgehäuft. Dadurch dürfte die
Konkurrenzfähigkeit dieser Gesellschaften nach dem Kriege gegenüber dem
früheren Stand wesentlich gesteigert worden sein. Solange der Dualismus
zwischen der A. E. G. und Siemens-Schuckert erhalten bleibt, werden
auch die Spezialfabriken ihre Stellung behaupten können.
Etwas anders liegen die Verhältnisse auf dem Gebiete der
+Betriebsunternehmungen+. Hier beherrschen die beiden Gruppen
ziemlich allein das Feld und sowohl im Unternehmergeschäft,
als auch bei den Auftragsbauten für Rechnung von besonderen
Betriebsgesellschaften, Kommunen und sonstigen Behörden findet sich
für sie kaum ein nennenswerter Wettbewerb. Das Prinzip des Dualismus,
der wechselseitigen Konkurrenz beider Konzerne, reicht aber auf diesem
Gebiet nur bis zur Projektionsgenehmigung und Auftragserteilung für den
Bau im ganzen, manchmal, wenn beide Gruppen zusammenarbeiten oder sich
über Projekte verständigen, scheidet es auch schon vorher aus. In der
Durchführung des Baus, meist auch in der späteren Materialversorgung,
werden die Gruppen kaum noch durch eine Einwirkung der Konkurrenz
gestört. Diese Gestaltung der Dinge hat in der Öffentlichkeit vielfach
die Furcht vor einem privaten Strommonopol hervorgerufen. Gerade aber
hier würde es auch einem solchen Monopol schwer sein, seine Macht zu
einer Vergewaltigung der Konsumenten, die doch hauptsächlich nur in
einer Heraufschraubung der Tarife bestehen könnte, zu mißbrauchen.
Besonders gilt das für den Kraftstrom. Sobald bei der Tarifbemessung
für elektrische Kraft nämlich die Elektrizitätswerke zu hohe Preise
forderten, würde die Anlage von Privatkraftzentralen für größere
Verbraucherbetriebe, die schon bisher den Strom vielfach vorteilhafter
liefern konnten als öffentliche Zentralen nicht ganz moderner Art und
Leistungsfähigkeit, eine solche Ausdehnung nehmen, daß die öffentliche
Stromversorgung jede Aussicht verlieren würde, an großindustrielle
Betriebe Strom überhaupt abzusetzen. Wurden doch von öffentlichen
Elektrizitätswerken im Jahre 1913 nur 2800 Millionen Kwstd. nutzbar
abgegeben gegen 10000 Millionen Kwstd. von Einzelanlagen[1]. Was aber
den kommunalen Stromverbrauch für Licht- und Kraftzwecke anlangt,
so ist seine Abgabe von der Erteilung der Konzessionen seitens der
Kommunalbehörden abhängig, die sich vertraglich gegen eine Ausnutzung
der Strommonopole zur Erzielung unangemessener Preise schützen können,
wobei die Angemessenheit der Preise durch den sachverständigen
Vergleich mit anderen Werken und Verträgen der gleichen Art nicht
schwer festzustellen ist. Vielfach haben auch Städte, Kreise und
sonstige öffentliche Körperschaften die Stromwerke in eigenen
Betrieb genommen, um statt des privaten Monopols ein öffentliches zu
schaffen. Auch verschiedene +Staaten+ haben sich Einfluß auf die
Elektrizitätserzeugung innerhalb ihrer Grenzen durch Errichtung von
eigenen großen Kraftwerken, Beschlagnahme der Wasserkräfte, Kohlenläger
usw. gesichert.