Die Hochkonjunktur für +Zentralstationen+, für die das letzte

Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts den Höhepunkt gebracht

hatte, war in den Jahren der Krisis und in der Folgezeit merklich

abgeflaut. Zwar wurden auch jetzt im Inlande, namentlich aber im

Auslande noch Zentralstationen errichtet, doch der Regiebetrieb

überwog den Unternehmer-Betrieb. Auch an Aufträgen für Ergänzungs-

und Ersatzlieferungen für alte Zentralen fehlte es nicht. Der

Geschäftszweig war aber im ganzen viel ruhiger geworden, und infolge

der scharfen Konkurrenzbedingungen nicht mehr so lohnend wie früher.

Schwung kam erst in ihn wieder hinein, als sich das Lokalwerk zur

+Überlandzentrale+ auswuchs, vermittelst des Hochspannungssystems

der Versorgungsradius der Kraftwerke sich ausdehnte und neben dem

städtischen Bedarf auch die Industrie und das platte Land in die

Versorgung von Zentralwerken einbezogen werden konnten. Erst jetzt --

wiederum begünstigt durch die Ausgestaltung des Turbodynamos -- kam das

Drehstromsystem, das vorher etwas rohe und ökonomisch wie technisch

nicht ganz befriedigende Ergebnisse geliefert hatte, zu voller und

reifer Auswirkung. Aber die technische Leistungsfähigkeit war eher

erreicht als das Gleichgewicht der wirtschaftlichen Durchbildung.

Emil Rathenau warnte vor Überlandzentralen, die nur ländliche Bezirke

versorgten. Der ungleichmäßige, zeitweilig anschwellende, dann wieder

erheblich nachlassende Bedarf, die zu geringe Beanspruchung des Stroms

in den dünn besiedelten ländlichen Verbrauchsstätten machten die großen

Kosten des weit auseinandergezogenen Hochspannungsnetzes nicht bezahlt.

Erst der Anschluß von industriellen Verbrauchern, die Einbeziehung

lokaler Kraftwerke, die von den Überlandzentralen den Strom zu

niedrigeren als ihren eigenen Erzeugungskosten beziehen und ihn durch

ihre Anlagen umformen sowie verteilen konnten, ließen die Zentralen

rentabel arbeiten. An besonders geeigneten Stellen, im Kraftwerk an

der Oberspree, im oberschlesischen Industriebezirk schuf die A. E. G.

Musterbeispiele moderner und ökonomisch arbeitender Überlandzentralen.

Zu typischer Bedeutung gelangte das neue System erst in den Jahren

1907 bis 1909. Im englischen Kohlenrevier von Newcastle führte die

A. E. G. ein Kabelnetz von 130 km Länge mit 10000 bis teilweise

20000 Volt Spannung aus, im südafrikanischen Randminen-Gebiete

errichtete sie das gewaltige Elektrizitätswerk der +Victoria

Falls und Transvaal Power Co.+ mit Wasserkraftantrieb, das einen

beträchtlichen Teil der Goldminen Transvaals mit Energie versorgte,

während allerdings ein anderer Teil an seinen eigenen Kraftzentralen

festhielt. Als dieses Projekt in der Öffentlichkeit bekannt wurde,

warf man der unternehmenden Gesellschaft wie der bauausführenden

A. E. G. Phantasterei vor und hielt es technisch, besonders aber

wirtschaftlich für außerordentlich gewagt, eine oberirdische

Fernleitung 800 Kilometer weit von den Victoria-Fällen durch die Wüste

nach dem Rand zu legen. „Die deutsche Elektrizitätsindustrie ist an der

Ausführung des Planes durch ihr gewordene große Aufträge wesentlich

interessiert. Sie hat sich dadurch vielleicht ebenfalls etwas ins

Utopische hineinziehen lassen. Die Utopie ist aber eine Insel, die

schwer mit heilem Schiffe zu umsegeln ist,“ so hieß es in einer der

gelesensten Berliner Zeitungen. Nichtsdestoweniger gelang das kühne

Unternehmen. In Deutschland erstand durch die A. E. G. das +Märkische

Elektrizitätswerk+ bei Eberswalde, das eine Anzahl märkischer Kreise

versorgte und in neuester Zeit zu einem gemischt-wirtschaftlichen

Unternehmen unter Beteiligung der Provinz Brandenburg umgestaltet

wurde. Im westfälischen Bezirk wurde das +Elektrizitätswerk

Westfalen+ am Standorte der Kohle errichtet, im Saargebiet

gleichfalls ein großes Elektrizitätswerk unter denselben Bedingungen.

Zur Ausrüstung des Rheinisch-Westfälischen Elektrizitätswerks, der

größten Montanzentrale Deutschlands, lieferte die A. E. G. Turbodynamos

von 21500 K. V. A. Ständig wurden diese Größenmaße überboten und im

Kriegsjahre 1915/16 erhielt dasselbe Werk von der A. E. G. Turbodynamos

von 60000 K. V. A. Auch in Braunkohlenrevieren entstanden große

Kraftwerke. Die Hochspannung wurde schließlich bis auf 100000 Volt und

mehr gesteigert. Über diese Werke, ihre rechtliche, wirtschaftliche

und technische Bedeutung soll in einem besonderen Kapitel gesprochen

werden. Hier seien sie nur als vorläufige Endpunkte einer mit der

Schaffung der Überlandzentralen eingeleiteten Entwickelung kurz erwähnt.

Eine gleiche Entwickelung vom Kleinen zum Großen, vom Lokal- zum

Überland- und Fernbetrieb wie im Zentralenwesen vollzog sich auch

auf dem zweiten großen Ausdehnungsgebiete der Elektrizität, bei den

+elektrischen Bahnen+. Allerdings kam hier die Entwickelung noch

schwerer in Fluß und der Ausbreitung stellten sich größere Widerstände

entgegen als dem Bau zentraler Kraftwerke. Insbesondere bekundeten die

Staatsbahnverwaltungen in der Frage der Elektrisierung der Vollbahnen

Zurückhaltung. Emil Rathenau schätzte die Widerstände anfänglich wohl

zu gering ein, seinem lediglich auf den Fortschritt eingestellten

Geist war die bureaukratische und fiskalische Bedächtigkeit, mit

der die Verwaltungsbehörden diese Dinge anfaßten oder vielmehr nach

Möglichkeit von sich fernhielten, unverständlich. Er hatte daher

nicht mit ihr gerechnet und das Problem der Vollbahnen für gelöst oder

doch für lösbar gehalten, nachdem die technische Seite und vielleicht

auch die ökonomische, wie sie für große privatwirtschaftliche

Betriebe sich dargestellt hätte, ihre grundsätzliche Klärung gefunden

hatten. Bereits um die Wende des 20. Jahrhunderts sprach Rathenau in

den Geschäftsberichten der A. E. G. viel davon, daß die Lösung des

elektrischen Vollbahnproblems zu den nächsten großen Aufgaben der

Zukunft gehöre. Er hatte aber dabei wohl nicht genügend berücksichtigt,

daß eine aktive Art der demonstrativen Propaganda, wie sie die

Elektrizitätsindustrie unter seiner Führung bei der Einführung der

früheren großen Unternehmungstypen entwickelt hatte, auf diesem Gebiete

unmöglich war. Für Eigenbetriebe war hier wenigstens in Deutschland

wegen des Eisenbahnmonopols kein Raum, in anderen Ländern verbot der

Umfang der notwendigen Kapitalinvestitionen große Unternehmergeschäfte

im Vollbahnbau.

So entwickelte sich der Großbahnenbetrieb nur langsam, tastend und

versuchsweise. Die Staatsbahnverwaltung verlangte umfangreiche Vor-

und Probearbeiten. Auf der Militärbahnstrecke Berlin-Zossen wurde ein

elektrischer Versuchsbahnbetrieb eingerichtet, an dem neben der A.

E. G. auch Siemens & Halske sich beteiligten. Die zu diesem Behufe

bereits im Jahre 1902 gebildete Studiengesellschaft bekundete schnell

ihre elektrotechnische Leistungsfähigkeit, indes gestattete der

Oberbau der Strecke nur eine Schnelligkeit von 125 km in der Stunde.

Um größere Schnelligkeiten zu erreichen, war eine Verstärkung des

Oberbaus der Strecke erforderlich. Nachdem diese durchgeführt war,

gelangen mühelos Stundengeschwindigkeiten bis zu 200 km. Damit war

die Schnelligkeitshöchstgrenze, über die man vorerst praktisch nicht

hinausgehen wollte, erreicht und die Studiengesellschaft beendete

im Jahre 1905 vorläufig ihre Arbeiten, nachdem sie die technische

Seite des Problems hinlänglich klargestellt hatte. Das von der A.

E. G. und Siemens & Halske auf Grund der Erfahrungen ausgearbeitete

+Projekt+ einer +elektrischen Schnellbahn Berlin-Hamburg+,

durch das die Elektrizitätsindustrie an einer Stelle der stärksten

Verkehrsakkumulation sozusagen in medias res springen wollte, erschien

der Regierung zu kühn. Es war dazu bestimmt, Schreibtischarbeit zu

bleiben. Dagegen entschloß sich die preußische Eisenbahnverwaltung in

schrittweisem Vorgehen zu einem zweiten Stadium der Versuchsarbeiten.

Es wurde -- auch hier wieder ohne Überstürzung und Beschleunigung

-- der Ausbau einer größeren für den praktischen Verkehr bestimmten

+Vollbahnstrecke Magdeburg-Halle-Leipzig+ begonnen und zunächst

der Streckenteil Dessau-Bitterfeld in Angriff genommen. An dieser

Strecke sollte die betriebliche und wirtschaftliche Seite der

elektrischen Fernbahn studiert werden. Gemäß dem Grundsatz, daß bei

der Ausprobierung des Problems möglichst vielseitige Konstruktionen

und Erfahrungen gesammelt und aus ihrem Zusammenarbeiten die beste

praktische Lösung gefunden werden sollte, wurden verschiedene

Elektrizitätsfirmen zur Beteiligung aufgefordert, neben der A. E. G.

auch Siemens & Halske, die Bergmann Elektrizitätswerke und andere

leistungsfähige Unternehmungen. Noch eine weitere -- kleinere --

Strecke Lauban-Königszelt, die nicht ausschließlich durch Flachland

führte, sondern größere Steigungen zu überwinden hatte, wurde in

Angriff genommen.

Schon vorher hatte die A. E. G. sich auf eigene Faust mit dem

Schnellbahnsystem in seinen verschiedensten Formen, wenn auch

in kleineren Ausmaßen beschäftigt. Dabei hatte sie sich auf

das Einphasen-Wechselstromsystem gestützt, das die „Union“ ihr

aus dem amerikanischen Patentkreis in die Fusion eingebracht

hatte. Zunächst wurde es bei der Elektrisierung der Anhalter

Vorortbahnstrecke Berlin-Groß-Lichterfelde-Ost, dann auf der Strecke

Spindlersfeld-Johannisthal, beidemal im Auftrage der Preußischen

Staatsbahnverwaltung, ausprobiert und bewährte sich schon in der

ersten Anlage. Auch der Stadt- und Vorortverkehr von Hamburg-Altona

wurde nach demselben System teilweise in den elektrischen Betrieb

überführt, daneben wurden mehrere Gebirgsstrecken, so die Linie

Berchtesgaden-Salzburg, die Stubaitalbahn erbaut. Auch im Auslande

konnte die A. E. G. ihr Einphasen-Wechselstromsystem zur Anwendung

bringen, auf einer schwedischen Linie und auf der Strecke Padua-Fusina.

Die London Brighton und South East Bahn (Victoria Station) bezog ihre

elektrische Ausrüstung ebenfalls von der A. E. G. Um die elektrische

Städtebahn Köln-Düsseldorf mußte ein langwieriger Konzessionsstreit

geführt werden. Um das Bild der Betätigung der A. E. G. auf dem Gebiete

der elektrischen Vollbahnen vollständig zu machen, soll noch auf die

+Hamburger Hochbahn+ hingewiesen werden, die von der A. E. G.

gemeinsam mit Siemens & Halske erbaut wurde, ferner auf die +A. E.

G. Schnellbahn-Gesellschaft+, ein die Stadt Berlin in der Richtung

Gesundbrunnen-Neukölln durchquerendes Untergrundbahn-Unternehmen, das

in eigener Regie von der A. E. G. gebaut wird. Das Projekt wurde im

Jahre 1907 den Behörden unterbreitet, die Fertigstellung des Baus,

bei dem schwierige Wasseruntertunnelungen nach neuartigen Systemen

unternommen wurden, ist in einigen Jahren zu erwarten. Das Kapital

dieses Unternehmens, das ganz allein von der A. E. G. finanziert wird,

beträgt 42500000 M.

Im Zusammenhang mit den Bestrebungen auf dem Gebiet des Fernbahnenbaus

wurde die +Lokomotivfabrikation+ aufgenommen, die sich bald

zu einem umfangreichen Geschäftszweig entwickelte. Bereits im

Jahre 1909/10 waren tausend Lokomotiven von den Fabriken der

Gesellschaft geliefert. Ergänzt wurden die Fabrikationen auf dem

Gebiet der motorischen Beförderungsmittel durch die Aufnahme

des +Automobilbaus+. Zu diesem Zwecke wurde in den ersten

Jahren des neuen Jahrhunderts die Automobilfirma Kühlstein in

Charlottenburg übernommen und eine eigene Fabrik neben dem Kabelwerk

Oberspree errichtet, die sowohl Benzin-Automobile wie Elektromobile

herstellte. Gerade auf diesem Gebiet blieben der Gesellschaft aber

Anfangsschwierigkeiten und Kinderkrankheiten nicht erspart. Die

schwere Automobil-Krise der Jahre 1907/08 traf auch ihre Fabriken,

und die Neue Automobil-Gesellschaft, die den Vertrieb der A. E.

G.-Automobile besorgte, mußte erst einer durchgreifenden Reorganisation

unterworfen werden, ehe aus dem von ihr bearbeiteten Geschäftszweige

ein rentables Unternehmen werden konnte. Bei der Automobilindustrie

sind die Erfahrungen der Krisenjahre auf ganz besonders fruchtbaren

Boden gefallen, sie hat die Unsicherheitsfaktoren, die gerade

in ihrer Fabrikation liegen, ebenso wie die ungewöhnlich großen

Reklameaufwendungen richtig einschätzen gelernt, und ist seither eine

der bestfundierten und reichsten Industrien Deutschlands geworden.

Die gewaltig steigenden Leistungen und Ausmaße der elektrischen

Großkraftwerke auf allen Gebieten wären nicht möglich gewesen ohne

die schnelle und glückliche Entwickelung der +Turbinen+ und der

Turbodynamos. Emil Rathenau hatte sich in richtiger Voraussicht dieser

Entwickelung, mit dem sicheren Instinkt des geborenen Maschinenbauers,

dem neuen Gebiete frühzeitig zugewandt, und den Turbinenbau noch in

den Krisenjahren 1901 und 1902 als einen der neuen Geschäftszweige

aufgenommen, die dazu dienen sollten, die infolge der starken

Konkurrenz geschmälerten Gewinne der alten Produktionen zu ergänzen

und zu ersetzen. Er hatte sich nicht lange mit der eigensinnigen

Beschränkung auf die eigenen Turbinensysteme aufgehalten, sondern diese

nur als Kompensationsobjekte benutzt, um die besten damaligen Patente

in seinen Bereich zu ziehen und durch Verschmelzung mit seinen eigenen

einen möglichst vollkommenen Typ zu gewinnen. Er bekannte sich zu dem

Standpunkte, lieber eine vollkommene Maschine in einem vertraglich

beschränkten Absatzgebiet zu verkaufen, als für eine schlechtere

Maschine die ganze Welt freizuhaben. Diese Grundsätze kamen in den

Verträgen mit der General Electric und der Brown Boveri-Gesellschaft

zum Ausdruck. Die Turbine errang sich auf verschiedenen Gebieten

bald eine beherrschende Stellung. Große Kraftleistung, regelmäßiger

Gang, Geräuschlosigkeit und geringe Raumbeanspruchung zeichneten sie

vor den Kolbenmaschinen aus, ihre Größen- und Leistungsmaße erwiesen

sich schlechthin als unbegrenzt. Mit Leistungen von 3000 bis 6000 PS

begann die Turbine ihre Entwickelung, bis zu Leistungen von 60000 PS

ist sie zurzeit schon gelangt. Als die beiden Hauptanwendungsgebiete

hatten -- das wurde bald klar -- der Kraftantrieb bei Schiffen und die

Verbindung mit dynamoelektrischen Maschinen im sogenannten Turbodynamo

zu gelten. Schon im Jahre 1905 wurde der Hapag-Dampfer „Kaiser“ mit

2 Turbinen von je 6000 PS ausgerüstet, die vom ersten Tage an ohne

Störung liefen. Schnell griff die Kriegsmarine die neue Errungenschaft

auf, die damit erreichbare größere Schnelligkeit der Schiffe gab

für sie den Ausschlag. Zuerst wurden ein paar Torpedobootdivisionen

mit Turbinen ausgerüstet, dann der kleine Kreuzer „Mainz“. Die

gemachten Erfahrungen führten dahin, daß schließlich auch die

größten Schiffsneubauten der Marine Turbinenantrieb erhielten. Die

Handelsmarine entschloß sich etwas langsamer zur allgemeinen Einführung

der Turbinen. Hier war das Problem der Wirtschaftlichkeit, das für

die Kriegsmarine gegenüber der offenkundig größeren Schnelligkeit an

Bedeutung zurücktrat, erst zu lösen. Ferner wirkte zuerst der Umstand

störend, daß der Turbinenantrieb nur in +einer+ Laufrichtung

des Schiffes wirksam war. Für die Rückwärtsbewegung mußte eine

zweite Turbine oder ein zweiter Turbinensatz eingebaut werden. Die

Umschaltung der Turbinen gelang erst eine Reihe von Jahren später

durch Transformatoren (Föttinger Transformator). Nachdem die englische

Cunard-Linie ihre beiden Rekordbrecher-Schiffe „Lusitania“ und

„Mauretania“ unter Subvention der englischen Regierung gebaut und

mit Turbinenantrieb versehen hatte, verschloß sich auch der deutsche

Handelschiffsbau bei seinen Großschiffen der Turbine nicht länger. Die

Hamburg-Amerika-Linie versah ihre gewaltigen Bauten der Imperatorklasse

mit Turbinen, der Norddeutsche Lloyd verhielt sich zunächst allerdings

noch abwartend. -- Im Kraftantrieb wie im Schiffsbau hat allerdings

der Dieselmotor in den letzten Jahren sich einen Platz neben der

Turbine zu erringen verstanden, doch bewährte sich jener bislang nur

für kleinere Schiffseinheiten und für Privatzentralen, nicht so sehr

für Großkraftwerke und es ist ein Fall bekannt geworden, in dem eine

neue große Kraftzentrale die zuerst von ihr eingebauten Dieselmotoren

wieder stillgelegt und dafür Turbinen verwendet hat. Die A. E. G. hat

denn auch nur Dieselmotoren kleineren Typs in ihr Fabrikationsprogramm

aufgenommen.

Der große Erfolg der Turbine führte naturgemäß bald dahin, auch

dieses Produktionsgebiet starker Konkurrenz auszusetzen, und zwar

umsomehr, als es von zwei verschiedenen Industriegruppen aus zu

erreichen und zu erobern war: von der +Elektrizitätsindustrie+

und von der +Maschinenindustrie+ aus. Fast alle namhaften

Elektrizitätswerke und Maschinenfabriken bemächtigten sich der Turbine

und konnten, nachdem die Technik des Turbinenbaus die grundsätzlichen

Schwierigkeiten überwunden hatte und zu einer typischen Fabrikation

geworden war, unschwer brauchbare Konstruktionen herstellen: das

übliche Schicksal neuer Produktionszweige, in denen sich technische

Vorsprünge bei der systematischen Durchbildung und dem öffentlichen

Charakter der modernen Technik nicht lange aufrecht erhalten

lassen. Die Turbinenfabrikation wurde infolgedessen bald aus einem

privilegierten und einträglichen Geschäft zu einem landläufigen

und scharf umstrittenen. Überproduktion und Preisdruck waren die

Folge dieser Entwickelung, die sich höchstens durch eine allgemeine

Syndizierung, nicht durch Einzelverträge hätte beseitigen oder mildern

lassen. Ein allgemeines Syndikat kam bei der Verschiedenartigkeit der

Fabrikate und der Fabrikanten indes nicht zustande, die Sonderverträge

aus früherer Zeit hatten aber ihre Bedeutung verloren. Infolgedessen

löste die A. E. G. nach einiger Zeit auch ihr Turbinenabkommen mit der

Gesellschaft Brown Boveri & Cie. in Baden (Schweiz) und brachte den von

ihr früher erworbenen Besitz an Aktien dieser Gesellschaft wieder zur

Abstoßung.

* *

*

Die Krisis von 1907/08 hatte den starken und gefestigten Unternehmungen

der deutschen Elektrizitätsindustrie nicht viel anzuhaben vermocht.

Die A. E. G. hatte ihre Dividende von 12% unverkürzt aufrecht

erhalten können, und das Jahr 1908/09, das in der allgemeinen

Konjunktur bereits Ansätze zu einer Wiederbelebung aufwies, brachte

den Aktionären sogar eine vorsichtige Erhöhung auf 13%. Die großen

Arbeiten und schwebenden Probleme der A. E. G. waren während der

kritischen Zeit nicht unterbrochen, kaum verlangsamt worden. Von

einer Cäsur wie in 1901/02 war hier nichts zu spüren gewesen. Der

Umfang des Geschäftes, namentlich für Großmaschinen, und die Preise

hatten sich besonders gegen das Ende der Krisis wohl etwas gesenkt,

es setzten auch zeitweilig der Auftrieb und der jährliche Zuwachs

aus, auf die ein blühendes Unternehmen wie jeder lebendige Organismus

vielleicht vorübergehend, aber nicht dauernd verzichten kann, wenn

statt des Aufbaus nicht ein Abbau der Kräfte eintreten soll. -- Im

Geschäftsbericht für 1907/09 wird mit knappen Strichen das Bild der

schwindenden Krisis gezeichnet:

„Die Krisis, die Handel und Gewerbe während der jüngsten Jahre

niederhielt, hatte ihren Ursprung in Amerika. Wie in mehreren

früheren Fällen, ist indes auch die Besserung des Wirtschaftslebens

von dort ausgegangen. Ihre Ausdehnung auf die heimische Konjunktur

wurde zunächst durch politische Besorgnisse und durch die

Unsicherheit über die deutsche Finanzreform verzögert. Erst in den

letzten Monaten zeigen sich erfreulicherweise auch in Deutschland

wieder vertrauenerweckende Ansätze zu einer Hebung der gewerblichen

Tätigkeit. Wenngleich nun die deutsche Elektrizitätsindustrie sich

gegenüber der jüngsten Krisis verhältnismäßig widerstandsfähig

erwiesen hatte, so begrüßt sie doch das Wiedererwachen des

Unternehmungsgeistes mit lebhafter Befriedigung und knüpft daran

die zuversichtliche Erwartung auf kräftige Anregungen und lohnende

Beschäftigung.

War eine der Ursachen der Krisis die Geldklemme gewesen, so wurde

durch deren Beseitigung die Erholung eingeleitet. Die A. E. G. war

auch während der kritischen Periode des Geldmarktes mit verfügbaren

Mitteln überaus reichlich versorgt. Die Geldflüssigkeit, die

in vielen Fällen als Folge darniederliegender Gewerbstätigkeit

anzusehen ist, erklärte sich, soweit unsere Gesellschaft in

Betracht kommt, größtenteils aus den niedrigen Preisen der Metalle,

wie der sonstigen Rohstoffe und damit unserer Lagerbestände. Bei

Lieferungen und Bauausführungen hat sich diese Liquidität schon als

nutzbringend erwiesen.

Die Gefahr einer Elektrizitätssteuer ist glücklich abgewendet

worden, nur Beleuchtungsmittel werden seit dem 1. Oktober d. J.

besteuert. Für die Verbraucher elektrischer Beleuchtungsmittel wird

diese Belastung insofern weniger empfindlich, als Leuchtkörper

für das Gas ebenfalls von der Steuer betroffen werden, und die

elektrischen Lichtquellen neuerdings so gebessert sind, daß

sie trotz der Steuer beträchtliche Ersparnisse gegen früher

ermöglichen.“

Nicht so glimpflich war die neue Krisis an den wenigen gemischten

Fabriken vorübergegangen, die sich abseits von dem Dualismus der beiden

führenden Großkonzerne noch bis dahin eine volle Selbständigkeit

gewahrt hatten. Die Kräfte, die sie nach den Blutverlusten der Krise

von 1901-1903 in den folgenden Jahren des Aufschwungs langsam wieder

angesammelt hatten, waren ihnen durch den bald von frischem entbrannten

Wettbewerb und die Angriffe der neuen Krisenzeit wieder verloren

gegangen. Viel Hoffnung, es den führenden Gruppen noch gleichtun,

diese an Leistungsfähigkeit und Finanzkraft erreichen zu können,

besaßen sie nicht mehr. Immer breiter dehnte sich das Wurzelreich der

„Großen“ unter der Erde, das Geäst ihrer üppigen Baumkronen über der

Erde aus, immer stärker sog es die Kräfte des Bodens in sich hinein,

nahm Licht und Luft für sich in Anspruch. Die größten Kapitalmächte

des Landes waren ihnen dienstbar geworden, speisten ihren Geldhunger,

konnten und wollten anderen Wettbewerbern nicht die riesigen Mittel

zuführen, die zur Behauptung neben den führenden Gruppen, oder

gar zur Überwindung jener Konzerne notwendig gewesen wären. Und

neue Geldmächte, die vielleicht ein Interesse an der Stärkung und

Stützung mittlerer Unternehmungen gehabt hätten, konnten sich auf dem

aufgeteilten und größtenteils kultivierten Kapitalboden Deutschlands

nicht mehr bilden. Denn ebenso wie in der Elektrizitätsindustrie lagen

die Wettbewerbsverhältnisse auch im Bankgewerbe. Auch hier war die

Welt vergeben, Machtverschiebung nicht mehr durch Neubildung, sondern

nur noch durch Konzentration und Fusion möglich. So nahte denn für

die Elektrizitätsindustrie die +zweite Fusionsära+, auch diese

wieder nach einer Krisis, die die Schwachen geschwächt und die Starken

gestärkt hatte.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 29 / 41 段