Sollte dieses Anerbieten Ihre Zustimmung finden, so

würden wir gleichzeitig den Antrag stellen, die bisherige

+Interessen-Gemeinschaft+ der beiden Gesellschaften +aufzuheben+

und den Umtausch der Aktien der Union E. G. gegen solche der

Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft im Verhältnis der durch

die Interessengemeinschaft festgesetzten Relationen von 3:2 zum

Zwecke einer späteren Fusion bezw. Liquidation der Union E. G.

zu vollziehen. Diese Verschmelzung würde wesentlich noch dadurch

erleichtert werden, daß Immobilien, Betriebsinventarien, Waren und

Materialien teils auf die Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft

übergehen, welche zugleich Kasse, Wechsel, Kautionen, Vorräte,

Debitoren, Versicherungsprämien und Patente zu übernehmen hätte.

Da die Reserven der Union E. G. den aus der Bilanz sich ergebenden

Verlust des letzten Jahres reichlich decken, so wäre das teils

in bar, teils in sofort realisierbaren Werten vorhandene

Gesellschaftskapital der Union E. G. zur Durchführung sämtlicher

Transaktionen vorhanden.

Aktionäre der Union E. G., welche über die Hälfte des

Aktienkapitals verfügen, haben den eventuellen Umtausch ihrer

Aktien unter diesen Bedingungen zugesagt, und wir zweifeln nicht,

daß die übrigen ihrem Beispiel folgen werden.

Aber auch die Aktionäre der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft

hätten Grund zur Zufriedenheit, denn ihre Gesellschaft würde

gegen Hergabe von 22½ Millionen neuer Aktien und Übernahme von

10 Millionen Obligationen erstens 34 Millionen liquider Mittel,

zweitens Effekten, Zentralen und Bahnen, welche bei der Union E.

G. mit mehr als 13 Millionen Mark zu Buche stehen, und drittens

Rechte, Erfahrungen, Patente, die gesamten Grundstücke und

Fabrikanlagen und die Organisation dieser Gesellschaft erlangen,

sowie in den alleinigen und ausschließlichen Besitz der Rechte

und Verträge treten, die namens der deutschen Gruppe mit den oben

erwähnten Parteien geschlossen sind.“

Das äußere Resultat, sozusagen der Mantel, mit dem die Fülle der neuen

Lebens- und Schaffensformen umkleidet wurde, ist die Kapitalserhöhung

der A. E. G. um 26 auf 86 Millionen Mark. Die vielen kleineren und

größeren Kräfte, die mit den Transaktionen des 27. Februar 1904 dem

Fundus der A. E. G. zugefügt wurden, setzten ihr Wirken fort, aber

ihr Pulsschlag, ihre Richtung und ihr Taktschritt wird dem größeren

Leben der A. E. G. angepaßt, ihren Gesichtspunkten und Interessen

eingeordnet, -- gewiß nicht im ersten Wurfe, sondern in langsamer,

zusammenschweißender und abschließender Organisationsarbeit. Allmählich

gingen sie auf in dem regelmäßig und einheitlich arbeitenden

Räderwerk, das der Betrieb eines Riesenunternehmens wie der A.

E. G. darstellte, darstellen mußte, wenn nicht Reibungsverluste,

Desorganisation, Absterben von Trieben den Organismus verfallen lassen

sollten. Nur wer die ungeheuren Schwierigkeiten und die gewaltige

Menge an Kleinarbeit, Disharmonik und Unstimmigkeit kennt, die mit

einer Eingliederung und Abstimmung oft heterogener Fusionselemente

verbunden sind, wer es einmal gesehen hat, wie neben den durch die

Fusion erhaltenen und belebten Kräften auch andere der Verpflanzung

sich widersetzen und verkümmern, ja wie manchmal der ganze theoretisch

fein ausgeklügelte Fusionsgedanke sich bei der Verwirklichung

als irrtümlich und verfehlt erweist, der kann ermessen, welche

kaufmännische Leistung die +Durchführung+ einer so umfangreichen

und vielgestaltigen Transaktion wie der vorstehend geschilderten

bildet. Für den Außenstehenden ist die Angelegenheit damit erledigt,

daß der Plan der Transaktionsarchitektur im großen festgelegt ist,

die Personalveränderungen in den höchsten Stufen, bei Aufsichtsrat

und Vorstand, erfolgt und die Generalversammlungsformalitäten erfüllt

sind. Die neuen Aktien sind da und verbergen dem Außenstehenden das

Chaos, das noch besteht, das Durcheinander der Meinungen, Gewohnheiten

und Methoden, das nun erst zu ordnen, in Reih und Glied zu bringen

ist. Welche ungeheure Menge an Fehlschlägen, an Verstimmungen,

an Vergewaltigungen nach der papierenen Beschlußfassung über die

Verschmelzung noch zu entstehen vermag, ahnt der Aktionär nicht, dessen

Wertpapiere nur eine andere Uniform angezogen haben. Oder er bekommt

es manchmal erst später zu erfahren, wenn sich herausstellt, daß das

Mißlingen der Fusionsdurchführung die Rente und die Aktie entkräftet

hat. Auch solche Fälle von unheilbarer Fusionskrankheit gibt es,

und gerade in der Elektrizitätsindustrie ist ein sehr lehrreiches

Beispiel dieser Art in der Fusion des Felten Guilleaume Carlswerks

mit der Elektrizitäts-Ges. Lahmeyer zu finden, die kurze Zeit nach

der Verschmelzung der A. E. G. mit der Union E. G. aus derselben

Konzentrationstendenz heraus und mit ähnlichen Absichten erfolgte.

Hier war nicht Kräftigung, sondern Schwächung die Folge der in der

Durchführung mißlungenen Fusion, und bei der später wieder erforderlich

werdenden Trennung war es gerade die Reorganisationskraft der A. E.

G., die das Übel heilen mußte und heilen konnte. Nicht nur in der

Anlage von Fusionsplänen, sondern auch in ihrer Durchführung haben

Rathenau und seine Mitarbeiter stets eine überragende Meisterschaft

bekundet. Gewiß gab es auch bei ihnen im einzelnen Rückstände

im Einschmelzungsprozeß, aber die große Reservekapazität ihrer

Unternehmungen gestattete es diesen, derartige Verluste bei Fusionen

leicht zu verwinden, ja von vornherein mit in die Rechnung einzustellen.

Das Gesetz der Rivalität und des +Dualismus+ wurde durch die

Ausdehnung der A. E. G. auf das amerikanische Interessengebiet

augenblicklich in Tätigkeit gesetzt. Siemens & Halske leiteten bald

nach Bekanntwerden der Reise Rathenaus nach Amerika und der damit

verbundenen Pläne Verhandlungen mit dem +Westinghouse-Konzern+

ein, der zeitweilig seinen mit großer Kühnheit und Vielseitigkeit

entworfenen Unternehmungen größere Ausdehnung zu geben verstanden

hatte als selbst die General Electric. Georg Westinghouse, ein Geist

von hohen technischen und kaufmännischen Fähigkeiten, hatte ähnliche

Bahnen beschritten wie Rathenau, aber gerade bei ihm machte sich

verhältnismäßig früh das Fehlen einer soliden Fundierung, einer inneren

Festigung und Sicherung der durch die Expansion eroberten großen und

mit verschwenderischer Fülle ausgestatteten Gebiete geltend. Die

amerikanische Krisis des Jahres 1907 erschütterte die Fundamente seiner

Gründungen und stellte sie vor die Notwendigkeit einer Reorganisation.

Die Westinghouse-Gesellschaft mußte sich damals unter Receiverschaft

(Zwangsverwaltung) begeben, während Emil Rathenau die Genugtuung hatte,

daß die von ihm beratene General Electric den Sturm überstehen konnte.

So waren es letzten Endes hüben und drüben nur wenige der aus der

großen Schwungkraft der Elektrizitätsbewegung geborenen Unternehmungen,

die aus der Feuerprobe der Krisis ungeschwächt hervorgingen. Die

wenigen allerdings, die stark blieben, wurden durch den Verlust und

den Fall der anderen noch stärker und konnten einen Teil der Werte

aufraffen, die von den anderen hatten aufgegeben werden müssen.

Dreizehntes Kapitel

Weltwirtschaft

Es kamen die Jahre der Reife und der Ernte. Nachdem die Krisis

überwunden, der Besitz durch sie gemehrt, die früher mit unzulänglichen

Mitteln unternommene Einflußausdehnung auf die verwandte Industrie der

Neuen Welt mit gesammelter Kraft wiederholt, die überseeische Tätigkeit

durch mächtige Stützpunkte und gewaltige Kulturbauten fest gegründet

worden war, brauchte eine Erschütterung der Position nicht mehr

befürchtet zu werden. Eines der größten Unternehmungen Deutschlands

nicht nur, sondern auch eines der bekanntesten im Auslande war die

A. E. G. geworden. Der Weltruf war geschaffen. Nur wenige deutsche

Industrie-Unternehmungen standen ihr darin gleich. Vielleicht Krupp,

Siemens, die Hamburg-Amerika-Linie und der Norddeutsche Lloyd. Die

Riesenhüttenwerke Rheinland-Westfalens konnten es an internationaler

Popularität mit ihr nicht aufnehmen, weil sie für breite Teile ihres

Absatzes nicht unmittelbar, sondern durch die großen Montanverbände,

Kohlensyndikat, Stahlwerksverband, Walzdrahtverband usw. mit der

Auslandskundschaft in Berührung traten.

Nach der stilleren Laboratoriumsarbeit, der inneren Ausgestaltung

der Betriebe und Methoden, die in der Zeit der Krisis und Nachkrisis

zu Ersparnissen und Verbilligungen in der Arbeit führen sollten,

kam wieder die Zeit des kühnen Planens, der neuen Entwürfe und

Geschäfte. Es wurde nicht mehr gespart, sondern gewagt, um zu

gewinnen. Millionen wurden wieder auf eine Karte gesetzt, und

die Zurückhaltung gegenüber neuen Projekten, die Rathenau in den

Generalversammlungen der vergangenen Jahre gepredigt hatte, drückte

nicht mehr auf die Schaffensfreudigkeit. Die Fenster wurden weit

wie nie zuvor geöffnet, und frische Luft drang von allen Seiten in

Bureauräume und Fabrikhallen. Auch in äußeren Dingen wurde mehr auf

Repräsentation und würdige Aufmachung gegeben als vorher. Man mußte

auch dadurch erweisen, daß man an der Spitze der deutschen Industrie

marschierte und Welthaus geworden war. Statt des engen und veralteten

Verwaltungsgebäudes, das die A. E. G. von den B. E. W. gemietet und

mit ihnen geteilt hatte, entstand der in seiner Schlichtheit schöne

und monumentale +Messelbau+ am Friedrich Karl-Ufer. Statt der

roten Backsteinfabriken, wie sie die 80er und 90er Jahre in einer

unschönen Mischung von Kasernen- und Trutzburgenstil geschaffen hatten,

-- Bauwerke, die den Fabrikcharakter mehr verdecken, als zum Ausdruck

bringen sollten -- entstanden die Maschinen- und Turbinenhallen Peter

+Behrens+, massige, dabei doch leichte und lichte Zweckbauten

aus Stein, Beton und Eisen, die mit selbstbewußter Sachlichkeit, doch

ohne Aufdringlichkeit den Verwendungszweck der Gebäude betonten. Das

Großgewerbe fand seinen künstlerischen Stil und die Kunst begann das

Großgewerbe zu verstehen.

Neue große Fabrikbauten entstanden an allen Betriebsstätten des

Unternehmens. Die Grundstücke der Union E. G. in der Sickingen-

und Huttenstraße wurden zur Verlegung ganzer gesonderter

Produktionsabteilungen benutzt. Neben dem Kabelwerk Oberspree wurden

neue Betriebe, so ein Messingwalzwerk, eine eigene Eisen- und

Stahldrahtfabrik, eine Automobilfabrik errichtet. Schließlich als

die in der Stadt und nahe der Stadt liegenden Grundstückskomplexe

der Gesellschaft nicht mehr ausreichten, wurde in Hennigsdorf am

neuen Großschiffahrtsweg Berlin-Stettin im Jahre 1909 ein weites

zusammenhängendes Gelände erworben, auf dem neue Betriebe entstanden

und der Expansionsdrang sich frei ausleben konnte.

Die Selbstbedarfsdeckung und die Vielseitigkeit im Produktionsprozeß

wurden weiter ausgedehnt, und gingen soweit, daß eigene Porzellan-,

Gummi- und Papierfabriken als Hilfsbetriebe entstanden. Dabei hat

sich die A. E. G. allerdings nicht eigensinnig auf die Durchführung

eines lückenlosen Selbstbedarfsdeckungsprinzips versteift, wo es

nicht rationell in den herrschenden Marktverhältnissen begründet

war. Als zum Beispiel die französische Gummireifen-Firma Michelin

plötzlich dazu überging, die Verkaufspreise ihrer Fabrikate um 50%

herabzusetzen, stellte Rathenau kurzentschlossen die Eigenproduktion in

diesem Artikel ein, denn er konnte seinen Bedarf am Markte billiger

eindecken. Das System der Selbstbedarfsdeckung wurde von der A. E. G.

auch nicht soweit ausgedehnt, daß das Gleichgewicht des Aufbaus durch

die Angliederung „schwerer“ Nebenbetriebe beeinträchtigt worden wäre.

Insbesondere hielt sich Rathenau davon zurück, die Hauptrohstoffe

seiner Produktion in eigenen Betrieben zu erzeugen. Ein Strousberg

hätte vielleicht den jährlichen Kupferverbrauch von zuletzt mehr als

30000 t zum Anlaß genommen, sich eine eigene Kupfermine in Amerika

zu kaufen. Emil Rathenau war ein zu vorsichtiger Rechner, um in

derartige Nebenbetriebe, die ihm möglicherweise eine etwas günstigere

Materialbeschaffung gestattet hätten, ein Kapital zu investieren,

das im Mißverhältnis zu den Anlagen seiner Hauptwerke stand und mit

dem er in seinen Verfeinerungsbetrieben weit mehr verdienen konnte.

Bei aller Großzügigkeit in der Fabrikationspolitik war er doch frei

von jeder Großmannssucht. Er suchte Wirkungen, nicht Effekte. Auch

der Versuchung, eine Kohlenzeche zu erwerben, widerstand er, denn

er hätte deren Produkte nur zum Teil ausnutzen können, zum anderen

Teil verkaufen und damit Geschäftszweige aufnehmen müssen, die

seinem Gebiet ganz fern lagen. Die Feldererwerbungen im Bitterfelder

Braunkohlenrevier dienten nicht der Brennstoffversorgung der A.

E. G., sondern der Stromerzeugung besonderer Kraftwerke. Eine

eigene Stahlanlage in Steinfort schuf sich der A. E. G.-Konzern nur

indirekt durch das Felten-Guilleaume-Carlswerk in Mülheim, dessen

Aktienmajorität er im Jahre 1910 erwarb. Im allgemeinen verfolgte

Rathenau das Prinzip, über den Kreis der Elektrizitätsindustrie nicht

hinauszugehen, und von Erwerbungen, die nur teilweise in diesen

Kreis hineingehörten, mit beträchtlichen Abschnitten aber in andere

Industrien hineinragten, wollte er nicht viel wissen. Dafür war er aber

darauf bedacht, sein eigenes Gebiet, das der Elektrizitätsindustrie, so

weit als möglich auszubauen, innerhalb dieses Gebietes alle möglichen

Techniken und Betriebszweige zu entwickeln, alle Absatzmöglichkeiten

durch Sonderorganisationen zu pflegen und alle Hilfsindustrien, soweit

dies mit angemessenen Kosten möglich war, sich anzugliedern.

Eine eigenartige Entwickelung nahm im neuen Jahrhundert die

+Beleuchtungs-Industrie+. Die A. E. G. hatte durch Übernahme und

Entwickelung der +Nernstlampe+ die Führung auf diesem Urgebiete

der Starkstromtechnik, die sie bei ihrer Gründung durch den Erwerb der

Edisonpatente für Deutschland inne gehabt hatte, sich von neuem sichern

und festigen wollen. Große Mittel waren in diese Lampe investiert

worden, der Erfolg hatte sich allmählich eingestellt, überwältigend

wäre er nie geworden, -- auch wenn die +bessere+ Metallfadenlampe

nicht gekommen wäre, und sofort über die gute Nernstlampe den Sieg

davon getragen hätte.

Die sogenannten „ökonomischen“ Lampen waren nicht aus einer in sich

selbst begründeten Fortentwickelung der elektrischen Glühlampe

entstanden, sondern sie wurden gesucht und gefunden, weil das

Gasglühlicht in seinen modernen Formen die „stromfressende“, teure und

lichtschwache Kohlenfadenlampe völlig zu verdrängen drohte. Zuerst

hatte man es mit einer Verbesserung der Ökonomie des Kohlenfadens

versucht und durch die sogenannte Metallisierung dieses Fadens in

der Tat eine Stromersparnis von etwa 30% zu erreichen verstanden.

Das genügte aber nicht lange und höhere Glühtemperaturen ertrug der

Kohlenfaden nicht. Schon vorher war Nernst auf den Plan getreten. Er

nahm an, daß unter den metallisch leitenden Körpern (den sogenannten

Leitern I. Klasse) sich keine Substanz befinde, die für die Herstellung

einer wirklich ökonomischen Lampe geeignet sei. Er benutzte darum als

Glühkörper seltene Oxyde, bei denen die Leitfähigkeit elektrolytischer

Natur ist, die allerdings den Nachteil haben, den elektrischen Strom

erst in der Wärme zu leiten. Es dauerte darum stets einige Zeit,

ehe die Nernstlampe zu leuchten begann. Die Glühstäbchen mußten

erst glühend geworden sein. Die A. E. G. hat auf alle mögliche

Weise versucht, diesen Nachteil zu beheben oder doch abzumildern.

Sie stellte in der sogenannten Expreßlampe eine Kombination der

Heizspirale der Nernstlampe mit sofort leuchtenden Glühfäden her,

ein höchst kunstreiches Produkt, das aber naturgemäß nicht zur

Billigkeit eines Massenartikels zu bringen war. Auch die sogenannte

Mehrfach-Lampe, die eine Anordnung mehrerer Nernstlampen zur Verwendung

für die verschiedensten Zwecke darstellte, konnte den Hauptnachteil

nicht beheben. Es ist eine seltsame Ironie des Schicksals, daß es

gerade Auer von Welsbach, der Erfinder des Gasglühlichts war, dem

als zweiter großer Wurf seines Lebens die Konstruktion +der+

elektrischen Lampe gelang, die einzig und allein imstande gewesen

ist, die Niederlage des elektrischen Glühlichts im Kampfe mit dem

Gasglühlicht zu verhindern. Auer von Welsbach teilte die Ansicht

Nernsts nicht, daß unter den Metallen keine für die Herstellung

ökonomischer Lampen geeignete Substanz zu finden sei. Nach langen

und mühevollen Versuchen gelang es ihm, im Osmium der Platingruppe

(wer erinnert sich nicht der ersten Versuche Edisons vor Herstellung

des Kohlenfadens?) ein Metall zu finden, das nur im elektrischen

Lichtbogen geschmolzen werden konnte. Helles Licht, große Fortschritte

in der Stromökonomie und verhältnismäßig lange Lebensdauer waren

schon die Vorzüge dieser ersten Metallfadenlampe, die den Anstoß

zu neuen, immer vollkommeneren Konstruktionen gab. Emil Rathenau,

der die Nernstlampe doch gewiß außerordentlich hoch eingeschätzt

hatte, besaß wissenschaftliche Einsicht und kritische Objektivität

genug, um sofort zu erkennen, daß die Bahn Auer von Welsbachs die

erfolgversprechendere war und daß seine eigene Mühe und der gewaltige

Aufwand, den er an die Nernstlampe gewandt hatte, diese nicht zu retten

vermochten. Eine Spezialfabrik, die in eine solche grundsätzlich

„überwundene“ Konstruktion viele Millionen hineingesteckt haben

würde, ohne sie schließlich produktiv machen zu können, hätte den

Schlag wahrscheinlich überhaupt nicht verwunden. Auch ein gemischtes

Unternehmen, das aus großen Reserven die entstandenen Verluste

nicht hätte ausgleichen können, würde schwer unter dem Fehlschlag

gelitten haben. Die A. E. G., die alle für die Nernstlampe gemachten

Investitionen sofort abgeschrieben hatte, vermochte ihn angesichts

ihrer inneren Stärke ohne äußerlich erkennbare Schäden zu überwinden,

und konnte sich sofort mit erheblichen Geldkräften der neuen Industrie

der „seltenen Metalle“ zuwenden. Im Jahre 1909 wird der Nernstlampe

auch offiziell im Geschäftsbericht der Begräbnisschein ausgestellt.

„Nur noch Ersatzbrenner und Projektionslampen werden verkauft.“ Bis

die A. E. G. eine leistungsfähige Metallfadenlampe aus Wolfram-Erz

hergestellt hatte, verging natürlich einige Zeit. Neben ihr arbeiteten

noch andere Firmen, darunter Siemens & Halske, die in der Tantallampe

eine Erstkonstruktion von nicht so erheblicher Stromersparnis als

Stoßfestigkeit hergestellt hatten, unermüdlich an der Ausgestaltung

der Metallfadenlampe. Ein bedeutender Fortschritt gelang der General

Electric Co. durch die Erzeugung der +Metalldrahtlampe+, bei

der der gespritzte Metallfaden durch den gezogenen Metalldraht

ersetzt worden war. Die A. E. G. hatte auf Grund ihres technischen

Austauschvertrages mit der General Electric Anspruch auf die

Auslieferung der Erfahrungen dieser Gesellschaft. Schließlich kam

zwischen der A. E. G., der Siemens & Halske-Ges. und der Deutschen

Gasglühlicht-Gesellschaft (Auer) ein Gegenseitigkeitsvertrag zustande,

auf Grund dessen alle diese Gesellschaften zur Vermeidung von

Patentkonflikten ihre Konstruktionen austauschten. Auch andere Firmen

wandten sich dem neuen Gebiete zu, aber durch Reichsgerichtsurteil

wurde den obengenannten drei Gesellschaften, zu denen später

auch noch die Bergmann-Elektrizitätswerke als Lizenznehmer

traten, der Patentschutz für die Metalldrahtlampe gesichert. Eine

Metallfadenlampen-Konvention nach dem Muster der Verkaufsvereinigung

für Kohlenfadenlampen war von manchen Seiten zur Bekämpfung der bald

eintretenden scharfen Konkurrenz vorgeschlagen worden. Die A. E. G.

lehnte eine solche Konvention diesmal ab, mit der Begründung, daß die

technische und ökonomische Höchstleistung der Metallampe noch nicht

erreicht sei und eine Festlegung von Absatzkontingenten die freie

Entwickelung hemmen könnte. Einige Zeit später schritt die A. E. G.

sogar zu mehrmaligen beträchtlichen Herabsetzungen der Verkaufspreise

für die Metalldrahtlampen und zwar besonders für die größeren

Lampentypen, in denen sie damals leistungsfähigere Konstruktionen

besaß als in den kleinen Lampen. Ihre Absicht war es dabei offenbar,

die Verbraucher an die größeren Lampen zu gewöhnen, die sie ihnen zu

ungefähr denselben Preisen lieferte wie vorher die kleinen. Neben ihren

Fabrikationsinteressen mochten sie dabei auch die Interessen ihrer

Stromerzeugungswerke geleitet haben. Erst während des Krieges ist eine

lose Preiskonvention zwischen den größeren Metallfadenlampenfabriken

zustande gekommen. -- Auch mit der Metalldrahtlampe war der

Höhepunkt der Entwickelung noch nicht erreicht. Es folgte die

+Halbwattlampe+, bei der der Glühfaden nicht mehr im luftleeren,

sondern im gasgefüllten Raum eingespannt war. Zuerst wurde diese

Lampe nur für ganz große Formen hergestellt, in denen sie weniger

der Glühlampe, als der Bogenlampe Konkurrenz machte. In letzter

Zeit ist es aber auch gelungen, kleine Halbwattlampen herzustellen.

Die Ökonomie der elektrischen Lampe ist im Laufe der Entwickelung

seit Erfindung der Glühlampe außerordentlich verbessert worden. Die

Halbwattlampe verbraucht weniger als den zehnten Teil des Stromes, den

die Kohlenfadenlampe mit mehr als 5 Watt für die Normalkerze anfänglich

in Anspruch nahm.

Auf dem Gebiete der +Kraftübertragung+ begann in den ersten

Jahren des neuen Jahrhunderts die vorher in mühseliger technischer

und propagandistischer Arbeit ausgestreute Saat ihre reichen Früchte

zu tragen, und zwar sowohl auf dem Gebiete der Einzelanlagen als

auch auf dem der Zentralen. Die Industrie ging in immer stärkerem

Umfange zur Benutzung des elektro-motorischen Antriebes über. Die

+elektrische Fördermaschine+ begann sich in den Bergwerken

einzubürgern. Die Dampfmaschine setzte sich zwar anfangs energisch

zur Wehr und ihre Techniker konstruierten eine Dampfförderanlage,

die die Vorzüge der elektrischen Förderung wettzumachen versuchte

und in wenigen Jahren Verbesserungen erreichte, wie sie vorher in

Jahrzehnten nicht hatten erzielt werden können. Hüben und drüben

wurde mit ökonomischen Tabellen in den industriellen Zeitschriften

für die Vorteile dieses oder jenes Systems gestritten. Es nützte der

Dampfförderanlage nicht viel. Der Kampf war scharf, aber nur kurz.

An Betriebssicherheit und Bequemlichkeit war die elektrische Anlage

namentlich für die Personenbeförderung der Dampfanlage überlegen.

Auch auf den +Hochofen-+ und +Stahlwerksanlagen+, bei den

+Reversierstraßen der Walzwerke+ setzte sich die elektrische

Kraftübertragung rasch durch. Hier galt es einen Kampf mit dem Gasmotor

zu führen, der allerdings nicht so leicht gewonnen werden konnte, wie

der mit der Dampfförderanlage. Die Verwendung des Turbinenantriebes für

Dynamos brachte die Elektrizität auch auf diesem Gebiet in Vorteil,

zumal da es hierdurch möglich war, die Abfallgase mehr als bisher

nutzbar zu machen. Immerhin behauptete sich der Gasmotor für manche

Zwecke. Auch in anderen Industriezweigen, in der Braunkohlenindustrie,

in der Papierindustrie, in der Textilindustrie, die großer

Heißdampfmengen bedarf, drang die Kraftübertragung im Verein mit der

Turbine vor. „Die Zeit der Groß-Elektromotoren ist im Beginnen“ heißt

es im Geschäftsbericht der A. E. G. für 1903/04.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 28 / 41 段