Es bleibt noch zu untersuchen, weswegen die +Krisis+ des Jahres

1900/01 die Elektrizitätsindustrie +stärker mitnahm als jede andere

gewerbliche Depression+ vorher und nachher, wenigstens soweit die

von uns vornehmlich behandelte Periode von der Gründung der A. E.

G. bis zur Gegenwart in Betracht kommt. Wohl stand der Anfang der

achtziger Jahre in der Elektrizitätsindustrie, namentlich in der

englischen, unter dem Zeichen einer Kabelkrisis, die durch die vielen

Gründungen von Telegraphen- und Kabelgesellschaften entstanden war.

Gerade aber die beginnende Epoche der Starkstromindustrie und die

Erfindung des elektrischen Bogen- und Glühlichts trugen dazu bei,

diese Krisis verhältnismäßig schnell zu überwinden. Indem man sich

in England unter dem Eindruck der Schäden und Verluste, die eine

übermäßige Gründungstätigkeit auf dem Gebiete der Schwachstromtechnik

dort verursacht hatte, vor ähnlichen Gefahren und Auswüchsen auf dem

Gebiete der Lichtelektrizität in Zukunft durch gesetzliche Hemmungen

und Kontrollen schützen zu müssen meinte, trug man dazu bei, das

Schwergewicht der Starkstromtechnik nach anderen Ländern zu verlegen,

von denen besonders Deutschland, dank der Voraussicht und der Energie

Emil Rathenaus, die Führung auf dem neuen Gebiete übernahm. Die kurze

Krisis von 1891/92 berührte natürlich auch die Elektrizitätsindustrie,

aber sie hinterließ keine tieferen Spuren. Die Entwickelungskräfte,

von denen die Industrie damals getrieben wurde, der Zentralenbau,

der Straßenbahnbau und die Anfänge der Kraftübertragung, waren

noch frisch, und zeigten bislang keine Spuren von Erschöpfung. Das

Unternehmergeschäft war noch nicht allzusehr umstritten, und überhaupt

die Konkurrenz in der Elektrizitätsindustrie noch verhältnismäßig

gering, die Expansionsfreiheit bei großen Unternehmungen wie bei

Siemens & Halske und der A. E. G. beschränkt und durch Verträge

gehindert. Diese Verhältnisse hatten sich in dem folgenden Jahrzehnt

gründlich verändert. Die großen Erfindungen und Entwickelungsprobleme

der achtziger Jahre hatten einen starken und zahlreichen Wettbewerb

auf den Plan gelockt, der sich fast ganz frei betätigen und

ausbreiten konnte, denn die Dynamomaschine und die Glühlampe, die

technischen Träger dieser Entwickelung, hatten sich durch Patente

nicht monopolisieren lassen. Dadurch wurden diese Erfindungen und die

ihnen innewohnenden industriellen Möglichkeiten sehr schnell aus- und

abgenützt, alle der Anwendung zugänglichen Objekte in kurzer Zeit

herausgesucht und bearbeitet und zwar unter Bedingungen, die mit dem

zunehmenden Wettbewerb sich für die Industrie verschlechterten. Die

Zeit von 1890 bis 1900 war eine Periode der schnellen, umfassenden

und gründlichen Durchführung, Verbesserung und Ausbildung früherer

Erfindungen, keine Periode neuer schöpferischer und befruchtender

Gedanken, eine Periode der Industrialisierung, keine der technischen

Grundlegung. Der Zentralenbau hatte noch nicht den großen Schritt zur

Überlandzentrale und erst recht noch nicht den größeren zu der Montan-

oder Wasserkraftzentrale mit weiterem Fernübertragungsradius getan. Der

Lichtelektrizität erstand in der scheinbar schon stark zurückgedrängten

+Gastechnik+ ein alter, aber verjüngter Wettbewerber wieder, der

mit Zähigkeit, Geschick und Glück dem elektrischen Eindringling die

Spitze zu bieten, ja ihn zurückzuschlagen suchte. Das Gasglühlicht,

die geniale Erfindung Auer v. Welsbachs, mit seinem großen technischen

und ökonomischen Fortschritt gegenüber der alten Gaslampe nahm

den Kampf gegen die stagnierende Technik der Kohlenfadenlampe auf.

In der Mitte der neunziger Jahre war es, als die damals gegründete

+Deutsche Gasglühlicht-Akt.-Ges.+ (+Auer-Gesellschaft+)

Dividenden von 100 und 130% ausschüttete und das märchenhafte Phantom

am deutschen Börsenhimmel wurde, bis die Krisis auch diesen Kometen

vorerst wieder verdunkelte. Jene Konstruktion hatte gleichfalls dem

Versuch, sie in die Fesseln des Patentes zu schlagen, gespottet. Die

Patentfreiheit hatte das Monopol der Auer-Gesellschaft zwar vernichtet,

die Konkurrenz des Gasglühlichts gegenüber dem elektrischen Glühlicht

aber wesentlich gesteigert. Später bedeutete das hängende Gasglühlicht

einen weiteren bedeutenden Fortschritt an Lichthelle, Lichtschönheit

und Gasersparnis. Selbst das an die elektrische Bogenlampe verlorene

Terrain suchte die Gaslampe durch neue gelungene Konstruktionen

wiederzuerobern. Demgegenüber gelang der Lichtelektrizität in dieser

Zeit kein ganz großer Wurf. Die elektrische Metallfadenlampe, mit der

Auer v. Welsbach seiner Deutschen Gasglühlicht-Ges. die durch die

Überproduktion im Gasglühlichtgebiete erschütterte Sonderstellung

wiederzugeben versuchte, war noch nicht auf dem Plan erschienen; die

Nernstlampe, so ingeniös ihre Idee auch war und so enormen Aufwand an

Kapital und Arbeit in der Konstruktion und Propaganda die A. E. G.

ihr auch widmete, blieb eine Sonderlichtquelle von schönem, reichem

und stromsparendem Licht. Sie bedeutete für gewisse Zwecke einen

beachtenswerten Fortschritt, es fehlte ihr aber doch das Zündende und

Einfache, das sie zu einem Massenbeleuchtungsartikel hätte machen

können. Der Optimismus Emil Rathenaus sollte sich diesmal nicht ganz

als gerechtfertigt erweisen. „Wiederum stehen wir,“ so hatte Rathenau

in der Generalversammlung der A. E. G. vom November 1899 prophezeit,

„wie damals in Paris an der Wiege einer neuen Beleuchtungsart.“

Gerade aber das, was Rathenau von der Erfindung der elektrolytischen

Beleuchtungskörper erwartet hatte, daß „das elektrische Licht mit

ihr nicht länger seinen Triumphzug auf Paläste und vornehme Häuser

beschränken würde, sondern vielmehr in die Hütten und Werkstätten

Minderbemittelter eindringen und den Wettbewerb mit untergeordneten

Beleuchtungsmitteln auch ökonomisch bestehen würde,“ hat sich mit

der Nernstlampe noch nicht erfüllt. Diese Aufgabe wurde erst mit der

Metallfadenlampe gelöst. -- Auch auf dem Gebiet der elektrischen

Bahnen schien ein Stillstand einzutreten. Im +Strassenbahnbau+

mußte sich der Kreis der +möglichen+ Aufträge mit ihrer Erledigung

allmählich erschöpfen, und je stürmischer die Elektrifizierung der

Straßenbahnen in der vorangegangenen Periode vor sich gegangen war,

desto stärker war der Abfall in der Beschäftigung, nachdem der größte

Teil der lokalen Pferdebahnen in den elektrischen Betrieb überführt

war. Dieser Geschäftszweig schrumpfte zusammen und stellte bald kein

ergiebiges Tätigkeitsfeld mehr für eine so umfangreich gewordene

Industrie wie die elektrische dar. Was jetzt noch an Aufträgen

einging, setzte sich aus der Nachlese der Straßenbahnbau-Tätigkeit

und dem im Verhältnis zu den großen Fabrikationsanlagen der Werke

geringen Reparatur- und Ergänzungsgeschäft zusammen. Der Bau von

+Untergrundbahnen+ wollte noch nicht so recht vorwärts schreiten,

und die Unternehmung im Reiche hielt es für richtig, fürs erste einmal

die Erfahrungen abzuwarten, die man mit der Elektrischen Hoch- und

Untergrundbahn in Berlin machen würde. Vollends die +Elektrifizierung

der Vollbahnen+, die von den Elektrizitätsfachleuten, voran Emil

Rathenau, als das große, ertragreiche Zukunftsgebiet bezeichnet wurde,

stieß auf schwer zu überwindende Hemmungen. Die Staatsbahnverwaltungen,

die über die ökonomische Frage, und die militärischen Behörden,

die über die Betriebssicherheit im Kriege recht skeptisch dachten,

standen den großen, stürmisch geäußerten Plänen der Industrie sehr

zurückhaltend gegenüber, und waren nur für eine langsame, vorbereitende

Versuchsarbeit auf kurzen Strecken zu gewinnen. Alles, was in dieser

Epoche auf elektrischem Gebiet geleistet wurde, war somit -- oft sehr

wertvolle und verdienstliche -- Kleinarbeit, bot aber keine großen,

in die Zukunft weisenden, die Phantasie und das Kapital anregenden

Ausblicke. Der bisher stürmisch dahinsausende Wagen der Entwickelung

verlangsamte seinen Lauf, es traten Reibungen und Hemmungen auf und der

Schwung drohte verloren zu gehen.

Als letztes, die Krisis auslösendes und verschärfendes Moment traten

die +Auswüchse des Unternehmergeschäfts+ hinzu, das von einer

Rathenauschen Spezialität zu einer allgemeinen Übung der Industrie

geworden war, ohne aber in dieser allgemeinen Anwendung die Solidität,

Sicherheit und Rückendeckung zu besitzen, die ihr der Erfinder und

Meister für seinen Sonderfall gegeben hatte. Eine Zeitlang hatte

dieses Unternehmergeschäft der Industrie verstärktes Leben einhauchen

können, gerade diese künstliche Belebung des Pulsschlages mußte aber

umso früher zu einer Erschöpfung und Erschlaffung führen. Die Fabriken

waren, wie die A. E. G. es in ihrem Geschäftsbericht ausgedrückt hatte,

auf Grund von Aufträgen, die aus Lieferungen für eigene Unternehmungen

stammten, und darum nur einmalige waren, ungerechtfertigt erweitert

worden. Von dieser falschen Einschätzung des Verhältnisses zwischen

Unternehmer- und Fabrikationsgeschäft hatte sich sogar die A. E. G.

nicht ganz freihalten können; die meisten übrigen Gesellschaften der

elektrotechnischen Industrie hatten ihre ganze Schwerkraft darauf

eingestellt.

Rathenaus System war zwar in seinen Äußerlichkeiten nachgeahmt, aber

nicht in seinem organischen Wesen begriffen und übernommen worden.

Was Emil Rathenau in jahrelanger geduldiger Arbeit Stein auf Stein

setzend, vom Kleineren zum Größeren schreitend, keinen Schritt tuend,

ohne den vorigen gesichert und gefestigt zu haben, aufgebaut hatte,

sollte von den anderen in der raschen Arbeit weniger Jahre zu gleicher

Höhe geführt werden. Der industrielle Baugedanke, der bei Rathenau

die Hauptsache gebildet hatte, aus dessen Durchführung erst alle

anderen gefolgt, die Auftragsgewinne, die Effektengewinne usw. als

Früchte langsam gereift waren, trat bei den anderen mehr und mehr in

den Hintergrund. Sie bauten ihre Unternehmungen nicht so selbstlos

wie möglich, damit sie als dauernde Rentenquellen ihren späteren,

dann aber endgültigen Wert erhielten, sondern sie suchten sich schon

an der Ausführung zu bereichern. Sie hielten die Effekten nicht

vorsichtig zurück, bis sie wirklich emissionsreif geworden waren,

sondern wollten den Emissions- und Finanzgewinn schnell pflücken. Die

Banken, die ihnen nahestanden, drängten zu häufigen und schnellen

Transaktionen, bei denen auch die Finanzinstitute umsetzen und

verdienen konnten. Sie machten sich so zu den Herren der Finanzpolitik,

während sie bei Rathenau stets die Diener geblieben waren. Das

Mißverhältnis der Finanzkapitalien zu den Industriekapitalien,

das wir bei einigen der jüngeren Gesellschaften oben festgestellt

haben, ist charakteristisch für die falsche Anwendung der Methode

Rathenau. So gelangen den Nachahmern zwar vielleicht am Anfang einige

Transaktionen -- wenigstens scheinbar. Die schlechten Erfahrungen,

die das Kapitalistenpublikum aber schließlich mit der Mehrzahl der

erworbenen Werte machte, diskreditierte bald ihren Emissionskredit und

den der Elektrizitätsindustrie überhaupt. Denn es ist verständlich,

daß für die zu Tage getretenen Enttäuschungen und Auswüchse nicht

die falsche Anwendung des Systems Rathenau, sondern das System

an sich verantwortlich gemacht wurde. Gerade in Hausseperioden

wie in Krisenzeiten unterscheidet und sichtet das Publikum nicht

ruhig und unbefangen, sondern es ist geneigt, zu verallgemeinern,

statt zu unterscheiden. Der Rausch wie der Katzenjammer führen zu

stimmungsmäßigem, nicht zu kritischem Urteil.

Auch hier wieder machte die Firma Siemens & Halske eine rühmliche

Ausnahme. Das Finanzierungssystem, das auch sie schließlich gezwungen

war anzunehmen, hat sie nicht leichtfertig gehandhabt. Daran hinderte

sie die anerzogene Gründlichkeit und Ehrlichkeit ihrer industriellen

Methoden. Aber die Tatsache, daß sie sich erst verhältnismäßig

spät entschloß, Rathenau auf den von ihm eingeschlagenen Wegen zu

folgen, hat es ihr nicht gestattet, den Vorsprung des Rivalen, wenn

er auch vielleicht nur 3-4 Jahre alt war, einzuholen. Das zeigt die

Rentabilität ihrer Finanzgesellschaften deutlich. Die „Schweizerische

Gesellschaft für elektrische Industrie“, die das Siemens & Halskesche

Gegenstück zu der Rathenauschen Bank für elektrische Unternehmungen

bildete, hat nur eine Rente von durchschnittlich 6% erreicht gegenüber

einer solchen von 12% der Elektrobank. -- Die „Elektrische Licht-

und Kraftanlagen-Gesellschaft“, die denselben Zwecken diente wie die

Elektrizitätslieferungsgesellschaft der A. E. G., zahlte, nachdem

sie lange Zeit nur eine bescheidene Rente von durchschnittlich

5% erbracht hatte, in den letzten Friedensjahren 7% gegen 10

und 12% der Elektrizitätslieferungsgesellschaft. Ein ähnliches

bescheidenes Erträgnis haben auch die Siemenssche „Akt.-Ges. für

Elektrizitätsanlagen“ und die „Siemens Elektrische Betriebe Akt. Ges.“

bisher nicht überschritten.

Zwölftes Kapitel

Konzentration

Jede große Krisis in der Wirtschaftsgeschichte hat neben dem

allgemeinen Gesetz der Ebbe und Flut, des aus der Überspannung

geborenen Rückschlages, noch irgendeinen bestimmten Sondercharakter

und somit besondere Ursachen und Folgen, die sie von ihren Schwestern

unterscheiden. D. h. nicht im innersten, wesenhaften Kern und

auch nicht so sehr in der Art und Zahl der äußeren Merkmale oder

Ausstrahlungen sind die Krisen voneinander verschieden, sondern

in dem größeren oder geringeren Nachdruck, mit dem sie gewisse

wirtschaftliche Adern und Schichten treffen, in der Stärke, mit

der sie aus ihnen gespeist werden und in der Intensität, mit der

solche Schichten von ihnen umgelagert werden. Fast alle Krisen

weisen ungefähr dieselben Symptome auf, aber in der einen ist dieses

Hauptsymptom stärker ausgeprägt, in der anderen jenes, während die

Symptome zweiten Ranges nur eine mitschwingende, schwächer nuancierte

Bedeutung haben. Diese Differenzierung und Unterscheidung äußert sich

in den Ursachen, Ausdruckserscheinungen und Folgen der einzelnen

Krisen. Gewisse Krisen entstehen hauptsächlich durch die Erfindung

neuer revolutionierender Techniken oder durch die Schaffung neuer

wirtschaftsverändernder Wettbewerbs- und Transportmittel. Andere

haben ihren Grund in geldlichen Bewegungen, in monetären Umwälzungen,

Häufungen oder Verknappungen von Zahlmitteln, sei es aus Metall

oder Papier, die die Kaufkraft des Geldes nach oben oder nach unten

von ihrem normalen Stande entfernen. Manche Krisen wieder entstehen

durch den Wechsel wirtschaftspolitischer Systeme (Freihandel oder

Schutzzoll), die gewisse Wirtschaftsformen in ihren Bedingungen

begünstigen, andere wiederum benachteiligen. Auch soziale und

politische Veränderungen können Revolutionen wirtschaftlicher Art

zur Folge haben. Den verschiedenen Ursachen entsprechen auch stets

die verschiedenen Äußerungs- und Wirkungserscheinungen der einzelnen

Krisen, und jede von ihnen weist sozusagen die Gegenbilder des

vorausgegangenen Aufschwungs und namentlich des ihm fast stets auf

dem Fuße folgenden Überschwangs auf. Frühere Krisen hatten ihre

Ursachen in der Entdeckung neuer großer Gold- oder Silberläger, in

der Verdrängung von Manufakturen durch Maschinentechniken, in der

Ausweitung der lokalen Absatzkreise zu nationalen oder internationalen

durch die Entwickelung der Eisenbahnen und Dampfschiffe. In diesem

Sinne war ferner die Krisis von 1873 vornehmlich eine durch politische

und damit auch wirtschaftliche Maßstabsvergrößerung hervorgerufene,

sowie durch geldliche Hyperthrophie begünstigte Wertveränderungskrise.

Die von 1881, aus Frankreich stammend, hatte ihre Ursache im Gegenteil

in einer Verkleinerung der Maßstäbe, gegen die sich der französische

Wirtschaftsgeist, dazu bestimmt von der unternehmerischen zur

rentnerischen Hauptfunktion überzugehen, in einer krampfhaften, doch

vergeblichen Aufwallung zu wehren strebte. Die Krise von 1907 hatte

ihren Ursprung in einer wirtschaftspolitischen Umwälzung der Ver.

Staaten von Amerika, die zu einer Hochkonjunktur im dortigen Trustwesen

und zu einer Übergründung innerlich schwach konstruierter Trustgebilde

geführt hatte. Der internationale Güteraustausch und das überseeische

Transportwesen waren denn auch von dieser Krise am schärfsten betroffen

worden. Die Krise von 1913 war hinwiederum wenigstens für Deutschland

eine typische Großstadtkrise, von der die gut konsolidierte Industrie

und die gleichfalls gesunde Landwirtschaft nur oberflächlich berührt

wurden, während der städtische Grundbesitz und seine künstlich

hochgezüchteten Blüten, das Terrain-, Kaufhaus-, Theater- und

Etablissementswesen ihre bis dahin schärfste Erschütterung erlebten.

Die Krisis von 1901 war dagegen die ausgesprochene +Krise der

Großindustrie+, hervorgerufen durch die starken Wucherungen,

die mit der Expansion der zur Großwirtschaft strebenden Gewerbe

naturnotwendig verbunden waren. Die allenthalben ins Breite dringenden,

in individueller Geschäftspolitik bis dahin ungehemmt entwickelten

Großunternehmungen „stießen sich hart im Raume“, rieben sich aneinander

und verstanden noch nicht, Fühlung miteinander zu nehmen, sich

miteinander zu organisieren, in die Absatzgebiete zu teilen und

gewisse Absatzfunktionen gemeinsam auszuüben. Die +Krisis+ des

+freien, ungezügelten Wettbewerbs+ war gekommen, nachdem die

ihr vorangegangene Epoche zu unerhört raschem Wachstum, aber auch zu

starken Energieverlusten geführt hatte. Die Krisis, die nun folgte, war

das deutlichste Negativ jener Entwickelungsperiode. Sie trug aber auch

bereits das Gegengift in sich, die Keime zur Gesundung und Überwindung,

und diese ergaben sich logisch aus der Natur und der Art der Krankheit.

Überproduktion der zu schnell ausgedehnten Wirtschaftskräfte und

Überflutung der beschränkten heimischen Märkte: das war die Krankheit

gewesen. Planmäßige Eroberung der Auslandsmärkte einerseits,

Konzentration und gegenseitiger Ausgleich der zersplitterten

Industriekräfte andererseits, das waren die angewandten Heilmittel.

Die Konzentration erfolgte in den verschiedensten Formen, je nachdem

der Charakter, das Entwicklungsstadium und die Vorgeschichte der

verschiedenen Industrien sie forderten oder begünstigten. In den

Gewerben, die Massenfabrikate herstellten, also in der Kohlenindustrie,

in den roheren Stadien der Eisenindustrie, erfolgte der Zusammenschluß

auf dem Wege der +Kartellierung+, d. h. der Vereinigung der

Produzenten zur Regelung und gemeinsamen Erledigung gewisser Teile

ihres Geschäftes unter Aufrechterhaltung der bisherigen freien

Besitzverhältnisse. Die Not der Krisenjahre von 1901/02 war es, die

nach dem bekannten Worte die Kartelle der Montanindustrie teils erst

schuf, teils festigte und dauerhaft ausbaute. Daneben trat aber auch

bereits das +Konzentrationsprinzip+ der +Verschmelzung+,

der Zusammenfassung mehrerer sich ergänzender Betriebe sowohl der

Breite als auch der Tiefe nach als generelle Tendenz oder auch

als Mode stärker hervor. Das große und gemischte Montanwerk, das

vorher in einer Reihe von Unternehmungen, so bei Krupp, dem Bochumer

Verein usw. als Einzelerscheinung schon verwirklicht worden war,

begann sich zum Typus in der Montanindustrie auszugestalten. Wo

Zusammenballungstendenzen verwirklicht wurden, drängten sie zum großen

und gemischten Werk, das alle Stufen der Produktion vom untersten

Rohstoff bis zum verfeinertsten Fertigfabrikat umfaßte und in dieser

Vertiefung des Produktionsprozesses und in der Unabhängigmachung von

allen Märkten außer dem letzten Markte der fertigen Verbrauchsartikel

das Ideal des für den Produzenten höchsten und für den Konsumenten

geringsten Unternehmergewinns suchte. Das kleine und reine Werk,

das sich außerhalb dieser Produktionsordnung zu halten versuchte,

wurde konkurrenzunfähig. Einmal, weil die gemischten Werke sich

ihre Rohstoffe billiger zu beschaffen, ihre Selbstkosten durch

Großfabrikation zu ermäßigen und darum die Verkaufspreise niedriger zu

stellen vermochten, zweitens weil die großen gemischten Werke bald die

Verbände in den Stufenfabrikaten beherrschten, denen sie gemeinsam mit

den reinen Werken, -- zum Teil ihren eigenen Abnehmern -- angehörten

und deren Preisbildung sie zu ungunsten der reinen Werke regeln

konnten. Das Trustsystem benutzten sie also dazu, um sich die eigenen

Rohstoffe zu verbilligen, das Kartellsystem u. a. dazu, um sie ihrer

Konkurrenz zu verteuern.

In anderen Industrien hatten sich die Vertrustungs- und

Verschmelzungstendenzen noch reiner ausgeprägt als in der

Montanindustrie, die sowohl Massenartikel als auch individuelle

Produkte umfaßte und in deren Konzentration sich infolgedessen

das System der Kartellierung mit dem der Vertrustung vermengte.

Reine Vertrustungs-Konzentration fand in der großen chemischen

Farbenindustrie statt, +reine Vertrustungs-Konzentration+ war

auch der +Weg der Elektrizitäts-Industrie+. Umfassende und

vielfältige Gestaltung der Produktion, weitgehende Selbstbedarfsdeckung

und Selbstabsatzwirtschaft waren hier unter Führung der Großkonzerne

schon lange vor der Krisis wenigstens von einem Teil der Industrie

angestrebt und erreicht worden. Die Krisis führte alsdann eine

Ergänzung und Verstärkung dieser Vertrustungsbewegung dadurch herbei,

daß eine Reihe der vorher selbständig entwickelten Konzerne miteinander

verschmolzen wurde. Vor der Krise war das Konzentrationsprinzip in

einer Zusammenfassung von Spezialbetrieben zu Gemischtbetrieben zum

Ausdruck gekommen, nachher wirkte es sich in der Zusammenfassung

mehrerer Gemischtbetriebe zu Kolossalbetrieben aus. Wir haben

bei der Schilderung der Einwirkungen, die die Krisis auf die

einzelnen Unternehmungen ausübte, bereits gesehen, daß eine Reihe

von Unternehmungen der Elektrizitätsindustrie schwach, unfähig zur

selbständigen, wettbewerbsfähigen Weiterexistenz, -- wie man zu sagen

pflegt -- fusionsreif wurde. Sie hatten aber -- wenn auch nicht

mehr mit eigener Zentrilfugalkraft ausgestattet -- zum Teil genug

an technischen Werten, Kundschaft und Beteiligungsbesitz in sich,

daß ihre Angliederung einem oder dem anderen der großen Konzerne

verlockend erscheinen mußte. Konnten diese doch so ihr Machtgebiet

erweitern und -- was vielleicht manchmal noch entscheidender für

sie war -- eine Erweiterung des Machtgebietes der Konkurrenz

verhindern. Der Faktor des +Dualismus+, der seit jener Krisis

die Entwickelung der Elektrizitätsindustrie zu beherrschen begann,

also die Existenz und der Gegensatz von zwei stark, ausdehnungs-

und kristallisationsfähig gebliebenen Gruppen, der A. E. G. und der

Siemens & Halske-Ges., hat die Konzentrationsbewegung wenn auch

nicht veranlaßt, so doch sehr gefördert und beschleunigt. Es ist

seither für die Verschmelzungsbewegung in der Elektrizitätsindustrie

charakteristisch geworden, daß immer, wenn der eine der beiden Konzerne

eine größere Angliederung vornahm, bald auch der andere zu einer

ähnlichen Erweiterung schritt, um das Gleichgewicht in der Machtlage

und der Marktbeherrschung wieder herzustellen. Der Übernahme der

„Union“-Elektrizitätsgesellschaft durch die A. E. G. folgte sofort die

Aufnahme der Schuckert-Ges. durch Siemens & Halske. Die Angliederung

der Lahmeyer-Gesellschaft durch die A. E. G. zog den Anschluß der

Bergmann Elektrizitätswerke an Siemens & Halske nach sich.

Die Tatsache, daß die Konzentration in der Elektrizitätsindustrie fast

ausschließlich auf dem Wege der Verschmelzung und nicht auf dem der

Kartellierung erfolgte, war aber nicht auf den zufällig oder doch nur

historisch begründeten Umstand zurückzuführen, daß in der Krisis von

1901/02 eine Reihe von Unternehmungen fusionsreif wurde und von den

starkgebliebenen Werken zu niedrigen Preisen und günstigen Bedingungen

(unter geschickter Ausnutzung des eigenen Aktienagios) erworben

werden konnte. Sie beruhte vielmehr auch auf dem natürlichen Umstand,

daß die Elektrizitätsindustrie als Erzeugerin meist komplizierter,

individueller Produkte sich für die Gleichmacherei einer Kartellierung

im allgemeinen nicht eignete. Für die Spezialgebiete, auf denen die

Elektrizitätsindustrie Massenartikel erzeugte, also hauptsächlich

auf dem Gebiete der Glühlampen- und Kabelerzeugung sind sehr wohl

Preis- und Kontingentierungssyndikate zustande gekommen, die nicht nur

die gemischten Konzerne, sondern auch Spezialfabriken umfaßten. Im

Geschäftsbericht des Jahres 1902/03 der A. E. G. werden die Gründe

für den Vertrustungscharakter der Elektrizitätskonzentration in ganz

ähnlicher Weise geschildert. Es heißt da:

„Die bisher zumeist bekannten und betretenen Wege industrieller

Konsolidierung, Bildung von Kartellen, Syndikaten und

Verkaufsvereinigungen, sind für die Elektrotechniker aus zwei

Gründen schwerer gangbar: Einmal, weil die Fabrikation in zahllose

Gattungen von Erzeugnissen verschiedenster Konstruktion und

Bewertung sich spaltet, sodann, weil nicht Zwischenprodukte,

sondern für den Einzelkonsum bestimmte Endprodukte hergestellt

werden, und nicht der weiterverarbeitende Fabrikant, sondern

der Verbraucher selbst in der Hauptsache die Kundschaft unserer

Industrie bildet. Das kaufende Publikum aber wünscht nicht auf die

Auswahl konkurrierender Produkte zu verzichten und entschließt sich

ungern, von einer monopolisierenden Organisation seinen Bedarf zu

beziehen.

Unsere Unternehmungen sind daher darauf angewiesen,

organisatorische Ersparnis durch gruppenweise Zusammenfassung

anzustreben, und die bisher dutzendfach geleistete

Projektierungsarbeit, Propaganda und Verkaufstätigkeit auf eine

drei- oder vierfache zu beschränken. Daß daneben allgemeine

Verständigungen über Auswahl der Typen, Auslandsgeschäfte,

allgemein geschäftliches Vorgehen und mannigfache Einzelgebiete

durch Zusammenschlüsse dieser Art erleichtert werden, liegt auf der

Hand.

Auch sind Syndizierungen solcher Produkte keineswegs

ausgeschlossen, bei denen die individuelle Nüanzierung wenig

bedeutet, und bei denen geringe Korrekturen der Verkaufspreise über

Gewinn und Verlust bei der Fabrikation entscheiden. Dies zeigt das

Zustandekommen der Verkaufsstelle Vereinigter Glühlampenfabriken.“

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 25 / 41 段