anders als die übrigen Elektrizitätsunternehmungen, die der zweiten
und dritten Kategorie angehörten. Sie blieb nicht nur lebenskräftig
und unerschüttert, sondern auch aufnahmefähig zur Übernahme
schwachgewordener Elemente der Elektrizitätsindustrie und konnte,
gestützt auf ihren unverwüstlichen Fundus, trotz einer nicht gerade
elastischen, sondern eine freie Bewegung erschwerenden Organisation
an der gewaltigen Konzentrationsbewegung, die nach Überwindung
der Krisis einsetzte, mit erstaunlicher Aktivität teilnehmen. Für
alle anderen Unternehmungen, -- mit Ausnahme der A. E. G. und der
Siemens & Halske-Akt.-Ges. -- waren die destruktiven Einwirkungen
der Krisis aber derart schwer, daß sie nicht nur von dem akuten
Rückschlag in ihren Grundfesten erschüttert wurden, sondern auch die
Reorganisationskraft für alle Dauer einbüßten. Bei ihnen wurden --
ob nun die volle Schwere der Krisis sogleich, oder erst später nach
außenhin hervortrat -- nicht nur die Bezirke an der Peripherie, sondern
der Lebensnerv von der Krisis getroffen. Zum offenen Zusammenbruch
kam es sofort bei der +Elektrizitätsgesellschaft vormals Schuckert in
Nürnberg+, bei der +Akt.-Ges. Elektrizitätswerk (vorm. O. L. Kummer)+
in +Dresden+ und bei der +Helios-Akt.-Ges. für Elektrizität+ in
+Köln+. Die Schuckert-Gesellschaft in Nürnberg war -- wie wir schon
gesehen haben -- ein Unternehmen, das eine ausgezeichnete technische
Leistungsfähigkeit und einen vorzüglichen Ruf in der Fachwelt besaß
und sich diese auch trotz aller späteren Fehlschläge und Mißerfolge,
die sie auf organisatorisch-finanziellem Gebiet erlitt, bewahren
konnte. Ihre Anfänge und die Persönlichkeit ihres grundtüchtigen
Gründers haben wir bereits an früherer Stelle geschildert, und
späterhin auch gesehen, wie sich die Firma in den achtziger und am
Anfang der neunziger Jahre die vertragliche Gebundenheit der A. E.
G. und der Siemens & Halske-Ges. im Zentralenbau derart zunutze zu
machen verstand, daß sie zeitweilig mehr Elektrizitätswerke bauen
konnte, als die beiden Berliner Unternehmungen zusammen. Ihre
Dynamomaschinen besaßen vorzügliche technische Eigenschaften, auf dem
Gebiete der kombinierten Bogen- und Glühlichtbeleuchtung gelangen
ihr treffliche Konstruktionen. Bereits in den Jahren 1883-1886 baute
die Gesellschaft elektrische Straßenbahnen (zwischen Schwabing bei
München und Ungarbad) und Industriebahnen (bei Rosenheim). 1887, also
wenige Jahre nach der Errichtung der Berliner Elektrizitätswerke,
wurde in Lübeck die erste Elektrizitätszentrale von Schuckert gebaut,
seine Scheinwerferkonstruktionen (mit parabolischen Spiegeln) wurden
zeitweilig in der deutschen Marine ausschließlich verwendet. Kurzum
eine Zeitlang hatte es den Anschein, als ob die Gesellschaft sich als
drittes großes Gestirn neben der A. E. G. und Siemens & Halske am
Elektrizitätshimmel dauernd behaupten würde. Der gesellschaftliche
Entwickelungsgang des Unternehmens führte im Jahre 1888 zur Bildung
einer Kommanditgesellschaft mit einem Kapital von 2 Millionen Mark,
an der neben Johann Siegismund Schuckert auch Hugo Ritter von Maffei
von der Maschinenfabrik Maffei in München, die Maschinenfabrik
Augsburg-Nürnberg und der A. Schaaffhausensche Bankverein beteiligt
waren. In demselben Jahre wurde die Elektrotechnische Fabrik
Spieker & Co. in Köln aufgenommen. Im Jahre 1893, also in demselben
Jahre, in dem sich die A. E. G. endgültig von Siemens & Halske frei
machte, erfolgte die Umwandlung des Schuckert-Unternehmens in eine
Aktiengesellschaft, an der auch die Firma Felten & Guilleaume, die
in Mülheim am Rhein ein Kabelwerk betrieb, Anteil nahm. Das Kapital
betrug 12 Mill. M., es wurde im Jahre 1896 bereits auf 18 Mill.
M., im Jahre 1897 weiter auf 22,5 Mill. M. erhöht, wobei ein Teil
der jungen Aktien zu dem hohen Kurse von 265% an die Firma Gebr.
Naglo als Kaufpreis für deren Fabrikunternehmen gegeben wurde; im
Jahre 1898 stieg das Kapital weiter auf 28 Millionen Mark und im
Jahre 1899 auf 42 Millionen Mark, bei welcher Gelegenheit das noch
im Umlauf befindliche Kapital der +Continentalen Gesellschaft für
elektrische Unternehmungen+, der Trust- und Beteiligungsgesellschaft
des Schuckert-Konzerns, erworben wurde. Anleihen von 10, 10 und 15
Millionen Mark wurden in den Jahren 1898, 1899 und 1901 aufgenommen
und standen in schlechtem Verhältnis zu der Höhe des Aktienkapitals.
Die bald nach der Aktiengründung einsetzende Periode der schnellen
Expansion hatte der ruhige und solide, allen phantastischen Plänen
abholde Joh. Siegismund Schuckert, der, solange er lebte, die
technische Seele und das Gewissen des Unternehmens gewesen war, nicht
mehr miterlebt. An seine Stelle trat Alexander Wacker, der zuerst die
Generalvertretung der Firma Schuckert für Mittel- und Norddeutschland
innegehabt, dann mit der zunehmenden Ausdehnung des Geschäfts die
kaufmännische Leitung in Nürnberg übernommen hatte. Alexander Wacker
schloß sich der Hochkonjunktur in der Elektrizitätsindustrie mit vollen
Segeln an. Er nahm das Unternehmergeschäft nach Rathenauschem System
auf und betrieb die fabrikatorische Expansion in großem Stile. Die
Dividenden der Gesellschaft steigerten sich schnell von 9 auf 15%,
bei den Kapitaltransaktionen wurde das sich aus den hohen Dividenden
ergebende Agio des Aktienkurses bis zur letzten Neige ausgenutzt, ohne
daß dabei aber auf die innere Stärkung des Unternehmens Rücksicht
genommen worden wäre. Die hohen offenen Agio-Reserven vermochten das
Unternehmen nicht vor dem Niederbruch zu bewahren. Für das Jahr 1900/01
war im Geschäftsbericht noch eine Dividende von 10% vorgeschlagen.
Weil aber als Folge des Krachs der Leipziger Bank 4,2 Millionen Mark
für den Erwerb von Aktien der Bosnischen Elektrizitätswerke seitens
der Gesellschaft sofort zu zahlen waren, die nach den ursprünglichen
Abmachungen erst in 2 Jahren hätten fällig sein sollen, wurde die
Dividendenzahlung von der Generalversammlung sistiert. 714602 Mark
Unkosten und Disagio aus der Begebung der letzten noch im Krisisjahre
1901 aufgenommenen Anleihe von 15 Millionen Mark belasteten überdies
den Abschluß, die Erträgnislosigkeit der Continentalen Gesellschaft
für elektrische Unternehmungen beeinträchtigte ihn weiterhin. Die
Vorgänge bei der Gesellschaft wurden im Bayerischen Abgeordnetenhause
einer abfälligen Kritik unterzogen, was die geschäftliche Entwickelung
natürlich keineswegs förderte. Im Jahre 1901/02 fiel der Umsatz von
72 auf 49 Millionen Mark und das Resultat dieses Jahres gipfelte nach
Aufzehrung des Gewinnvortrages von 5549689 Mark in einem Verlust von
nicht weniger als 15399317 Mark, durch den auch der Reservefonds in
Anspruch genommen wurde. Die Gesellschaft war in ihren Grundlagen
erschüttert und „fusionsreif“ geworden.
Ganz ähnlich entwickelten sich die Verhältnisse bei der
+Kummer-Gesellschaft+. Sie war als Aktiengesellschaft im
Jahre 1894 errichtet worden und aus der Firma O. L. Kummer, die
in den achtziger Jahren durch den Marineingenieur gleichen Namens
gegründet worden war, hervorgegangen. Auch hier eine stürmische
Kapitalssteigerung von 1,5 Millionen Mark auf 2,5 Millionen Mark im
Jahre 1896, auf 4,5 Millionen Mark im Jahre 1897, auf 7,5 Millionen
Mark im Jahre 1898, auf 10 Millionen Mark im Jahre 1899, hohe
Dividenden bis zu 10%, Ausnutzung des Aktienkurses zur Agiotage
und eine über den engen Rahmen des Unternehmens weit hinausgehende
Beteiligung am Unternehmergeschäft. Am 31. Dezember 1900 waren die
offenen Schulden einschließlich der Bankschulden infolge des in den
letzten Jahren schon verringerten Emissionskredites bis auf 9150239
Mark angewachsen, erreichten also fast die Höhe des Aktienkapitals.
Die von den Gesellschaftern beabsichtigte Geldbeschaffung zur
Finanzierung schwebender Projekte auf dem Gebiet des Bahnen- und
Zentralenwesens konnte nicht mehr durchgeführt werden, nachdem
die Begebung einer Obligationenanleihe von 2,5 Millionen Mark nur
teilweise geglückt war. Zuerst glaubte die Verwaltung mit einer
Sistierung der Dividendenzahlungen über die Krisis hinwegzukommen.
Der Geschäftsbericht für das Jahr 1900 berichtet sogar noch über
die Schaffung von Ingenieurbureaus in Hannover, Bielefeld, München,
Breslau und von mehreren in Japan und China errichteten Vertretungen.
Bald aber wurde es klar, daß die Verhältnisse des Unternehmens nicht
ohne Sanierung zu ordnen waren, doch auch dieser Ausweg war nach
kurzer Zeit nicht mehr gangbar. Die Situation verschlimmerte sich
rapide. Das Finanzinstitut, auf das sich die Gesellschaft seit ihrer
Gründung gestützt hatte, die Creditanstalt für Industrie und Handel,
geriet selbst in Schwierigkeiten, und es schwand die Möglichkeit, mit
seiner Hilfe die Sanierung durchzuführen. Anderweitig eingeleitete
Verhandlungen zerschlugen sich und am 15. Juni 1901 mußte wegen
Zahlungsunfähigkeit der +Konkurs+ über die Gesellschaft eröffnet
werden. Aus ihren Trümmern entstand späterhin auf gänzlich neuer
Grundlage die Sachsenwerk-Akt.-Ges., ein Elektrizitätsunternehmen, das
sich sehr langsam zu einer mäßigen Rentabilität entwickelte, bis ihm
die Kriegskonjunktur zu außerordentlich günstigen Verhältnissen verhalf.
Ein ähnliches Schicksal erlebte die +Helios
Elektrizitäts-Akt.-Ges.+ Ihr Ursprung geht zurück auf die im Jahre
1882 mit 200000 Mark Aktienkapital gegründete Kommanditgesellschaft
für elektrisches Licht und Telegraphenbau P. Berghausen in Köln. Im
Jahre 1884 wurde diese Firma mit einem Kapital von 1 Million Mark in
eine Aktiengesellschaft umgewandelt; 1886 erfolgte eine Erhöhung auf
2 Millionen Mark, 1890 eine zweite auf 3,1 Millionen Mark. Das Jahr
1894 führte zu einer Sanierung des Unternehmens durch Herabsetzung
des Kapitals auf 2056000 Mark, das Jahr 1895 bereits wieder zu
einer Erhöhung auf 3 Millionen Mark. Nunmehr geht es wie bei allen
übrigen Gesellschaften im stürmischen Tempo weiter. Das Jahr 1897
sieht sogar zwei Kapitalerhöhungen, um 1 und 4 Millionen Mark, das
Jahr 1898 eine Erhöhung um 2 Mill. M. und das Jahr 1899 schließlich
eine solche um 6 Millionen Mark, so daß das Kapital der Gesellschaft
beim Ausbruch der Krisis auf 16 Millionen Mark angewachsen war.
Daneben wurden in den Jahren 1896 und 1898 Obligationsanleihen von
1 und 3 Millionen Mark, im Jahre 1900 eine solche von 10 Millionen
Mark und im Jahre 1901 noch eine von 6 Millionen Mark aufgenommen.
Dividenden von 11 und 12% stützten das auf so schmaler Grundlage
hochgetürmte Kapitalgebäude eine Zeitlang. Die Gesellschaft war in ganz
besonders starkem Maße bestrebt, das Rathenausche Unternehmergeschäft
nachzuahmen und sie schuf sich zu seiner Unterstützung eine ganze
Reihe von Finanz- und Beteiligungsgesellschaften, so die Akt.-Ges. für
Elektrizitätsanlagen in Köln, die Bayerische Elektrizitäts-Ges. Helios,
die Elektrizitätsgesellschaft Felix Singer in Berlin, die Bank für
elektrische Industrie in Wien. Aber die Krisis warf alle diese Gebilde
über den Haufen. Die Betriebe und Tochterunternehmungen vermochten den
Anprall des Konjunkturrückschlages nicht auszuhalten, das Jahr 1900/01
schloß mit einer Unterbilanz von 4906417 Mark, die im folgenden Jahre
auf 8853094 Mark stieg. Eine im Jahre 1902 beschlossene Sanierung
konnte das Unternehmen nicht lebensfähig machen, das Jahr 1903/04 ergab
eine neue Unterbilanz von 5283953 Mark und die Gesellschaft mußte in
Liquidation treten, nachdem mit den Obligationären und Bankengläubigern
ein kompliziertes Abkommen zur Rettung der Masse getroffen worden war
und die großen Elektrizitätskonzerne eine Anzahl von Beteiligungen
übernommen hatten.
Nicht ganz so scharf wie die vorstehend geschilderten Unternehmungen
wurden einige andere von der Krisis gefaßt, wenigstens gelang
es ihnen, den offenen Zusammenbruch zu vermeiden. Die +Union
Elektrizitäts-Akt.-Ges.+ in Berlin, die im Jahre 1892 gegründet worden
war, verdankt ihre Existenz starken Kapital- und Industriekräften, die
allerdings damals noch bei weitem nicht die Bedeutung und Macht erlangt
hatten, die sie heute besitzen. An ihrer Gründung waren beteiligt die
Akt.-Ges. Ludw. Loewe & Co. in Berlin, die damals noch außer ihrer
Werkzeugmaschinenfabrik die später auf die Deutschen Waffen- und
Munitionsfabriken übergegangene Waffenfabrik Martinikenfelde besaß,
ferner die Dresdner Bank, die Firma Thyssen & Co. in Mülheim, deren
Industriemacht zu jener Zeit gleichfalls noch nicht so entwickelt war
wie jetzt, schließlich die Thomson Houston Electric Co. in Boston,
die im Jahre 1892 aus einer Fusion zwischen der Thomson Houston
Co. mit der -- uns schon aus den Rathenauschen, allerdings nur
vorübergehend geknüpften Beziehungen bekannt gewordenen -- General
Edison Electric Co. hervorgegangen war. Die beiden Hauptgründer, die
Firma Ludw. Löwe und die Thomson Houston Electric Co. hatten mit der
Errichtung der „Union“ ganz bestimmte Zwecke verfolgt und daher das
junge Unternehmen durch langfristige Verträge an sich gefesselt. Löwe
sicherte sich -- ähnlich wie dies in dem Vertrage zwischen Siemens
& Halske und der Deutschen Edison-Ges. der Fall gewesen war -- bei
der neuen Gesellschaft auf 25 Jahre ein Monopolrecht für den Bau und
die Lieferung aller von ihr benötigten elektrischen Maschinen, die
Firma Thomson Houston Electric Co. übertrug der Union ihre bekannten
und ausgezeichneten Straßenbahnbau-Patente, nach denen bis zum Jahre
1897 etwa 70% aller elektrischen Straßenbahnen in Amerika und 50%
aller europäischen Straßenbahnen gebaut waren. Dem Straßenbahnbau
widmete sich die junge Gesellschaft auch vornehmlich und auf diesem
Gebiete übertraf sie bald die anderen, auch die größten deutschen
Elektrizitätsgesellschaften in dem Umfang ihrer Tätigkeit. Ihr eigenes
Anfangskapital war nur klein, es betrug 1,5 Millionen Mark. Da ihre
Fabrikation nur gering war und der Straßenbahnbau, ihr Spezialfach,
sie hauptsächlich auf das Unternehmergeschäft hinwies, gliederte
sie sich schon im Jahre 1894 in der „Gesellschaft für elektrische
Unternehmungen“ ein Finanzunternehmen an, das mit dem Zehnfachen ihres
Kapitals, nämlich 15 Millionen Mark, arbeitete. Bald aber wurde auch
die Union E. G. von dem Expansionstaumel in der Elektrizitätsindustrie
erfaßt. Ihr Aktienkapital wurde im Jahre 1896 auf 3 Millionen Mark,
und bis zum Jahre 1900 in schnellen Sprüngen auf 24 Millionen Mark
gesteigert. Daneben wurden noch 10 Millionen Mark Obligationen
aufgenommen. Auch diese Gesellschaft vermochte es in der kurzen Zeit
ihrer Schnellentwickelung nicht zu einer soliden inneren Durchbildung
zu bringen. Ihre Dividenden von 12% gingen im Jahre 1899/1900 auf 10%,
im nächsten Jahre auf 6% und in 1901/02 auf 4% zurück. Immerhin schien
es, als ob diese Gesellschaft die Krisis besser überwinden würde als
manche anderen Unternehmungen der Industrie, ja sie benutzte sogar die
Zeit stillerer Beschäftigung, um die maschinellen Einrichtungen ihrer
Fabrik durch Einführung besonders trefflicher Werkzeugmaschinen und
vorteilhafte Anordnung und Anwendung „in einer Weise zu vervollkommnen,
wie sie ihresgleichen kaum finden.“ (Geschäftsbericht für 1900/01.)
Aber gerade die Kosten dieser inneren Umwälzung und die drückende Bürde
des schlechtrentierenden Effektenbesitzes, den die Gesellschaft im
Gegensatz zur A. E. G. nicht durch Vornahme innerer Abschreibungen auf
einen gefahrlos niedrigen Stand herabgeschrieben hatte, und der daher
in der Krisis immer weitere Kursabbuchungen verlangte, führte auch bei
dieser Gesellschaft einen Schwächezustand herbei. Dieser veranlaßte
sie, nachdem das Bilanzgleichgewicht bis in das Jahr 1901/02 künstlich
aufrecht erhalten worden war, in dem Anschluß an die A. E. G. Hilfe zu
suchen. Dem kritischen Prüferauge Emil Rathenaus hielt das notdürftig
gezimmerte Bilanzgerüst nicht stand, und bevor die endgültige Übernahme
der Union durch die A. E. G. erfolgte, mußte die Bilanz noch im
Juni 1903 in einer Zwischenaufstellung einer gründlichen Säuberung
unterzogen werden. Ein buchmäßiger Verlust von 2549933 Mark war das
äußere Zeichen dieser verspäteten Krisen-Reaktion.
Noch länger konnte die +Elektrizitätsgesellschaft vorm. Lahmeyer
in Frankfurt a. M.+ den vollen Umfang der Schäden verschleiern,
den ihr die Krisis verursacht hatte. Diese Gesellschaft führte ihren
Ursprung zurück auf die im Jahre 1896 als offene Handelsgesellschaft
gegründeten Deutschen Elektrizitätswerke Garbe, Lahmeyer & Co. Von
dieser bezw. von dem Ingenieur W. Lahmeyer wurde im Jahre 1890 mit
1,2 Millionen Mark Kapital die Kommanditgesellschaft W. Lahmeyer
gegründet, die hauptsächlich große Dynamos bauen sollte. Diese Firma
wieder errichtete im Jahre 1893 die „Elektrizitätsgesellschaft vorm.
W. Lahmeyer in Frankfurt a. M.“ mit einem Kapital von 500000 Mark
sowie die „Aktiengesellschaft für den Bau und Betrieb elektrischer
Anlagen“, die eine für die Fabrikation, die andere für die Ausführung
von Elektrizitätsanlagen. Später wurden beide Unternehmungen, da
sich der getrennte Betrieb organisatorisch nicht bewährte, wieder
miteinander fusioniert. Das Kapital der Gesellschaft, das im Jahre 1893
1,7 Millionen Mark betrug, wurde 1896 auf 3 Millionen Mark, 1897 auf
4 Millionen Mark, 1899 auf 6 Millionen Mark und 1900 auf 10 Millionen
Mark erhöht. Im Jahre 1901 wurde das Aktienkapital gelegentlich
der Angliederung der „Deutschen Gesellschaft für elektrische
Unternehmungen“, der Finanzgesellschaft des Lahmeyer-Konzerns, auf
rund 20 Millionen Mark erhöht, daneben wurden im Jahre 1898, 1901 und
1902 Anleihen von 2, 4 und 10 Millionen Mark aufgenommen. Bei dieser
Gesellschaft liegt also das Schwergewicht der Kapitalsvermehrung
schon direkt in der Krisenzeit. Die Gesellschaft zahlte auch ihre
Höchstdividende von 11% noch im Jahre 1899/1900, im Jahre 1900/01 ging
sie auf 10% herab, und erst die beiden folgenden Jahre brachten die
völlige Einstellung der Dividendenzahlungen. Das Jahr 1901/02 ergab
einen Verlust von 2493871 Mark, das Jahr 1902/03 einen solchen von
371698 Mark, wodurch der Reservefonds so gut wie vollständig aufgezehrt
wurde. Wenn es dieser Gesellschaft gelang, die Bilanzreinigung
länger als andere Unternehmungen hinauszuschieben, so war dies auf
den Umstand zurückzuführen, daß eine verhältnismäßig gute, aber auf
Kosten zu niedriger Konkurrenzpreise erreichte Beschäftigung und ein
relativ befriedigender Geldbestand die latente Schwäche zeitweilig
zu übertünchen gestatteten und die akute Gefahr hinausschoben.
Auf die Dauer war eine derartige Bilanzierung aber natürlich nicht
aufrechtzuerhalten. Auch die Verlustjahre 1901/02 und 1902/03 brachten
keine wirkliche Gesundung. Eine im Jahre 1905 vorgenommene Vereinigung
des Fabrikationsgeschäfts der Gesellschaft mit dem Kabelwerk Felten
& Guilleaume in Mülheim am Rhein, einem in sich durchaus kräftigen
und lebensfähigen Unternehmen, gestattete eine Aufrechterhaltung der
Scheingesundheit für ein paar weitere Jahre. Erst im Jahre 1910 ließ
sich die innere Schwäche der Gesellschaft nicht länger verbergen und
die Gesellschaft fiel als Fusionsobjekt der A. E. G. anheim.
Günstiger als diese Unternehmungen, die den großen führenden
Konzernen nach zur Universalität in der elektrischen Fabrikation
strebten und sich von Emil Rathenau auf das gefährliche Gebiet
der Unternehmergeschäfte locken ließen, überstanden die
guten elektrotechnischen Spezialfabriken die Krise der Jahre
1900-1903. Kabel- und Drahtwerke, Apparatefabriken, Dynamowerke,
Instrumentenfabriken, die ihre Spezialität sorgfältig ohne
Großmannssucht und ohne Übergriffe auf andere Gebiete ausbildeten,
konnten sich auch späterhin gegen die erdrückende und aufsaugende
Übermacht der großen Konzerne behaupten, der sich die „gemischten
Unternehmungen“ zweiten und dritten Ranges ohne Ausnahme nicht
gewachsen zeigten.