Unter solchen Umständen finden Banken, welche, wie die

unsrige, sich speziell mit der Übernahme und Durchführung

von Finanzgeschäften auf elektrotechnischem Gebiet abgeben,

Gelegenheit genug, sich zu betätigen, und es hat der Umfang unserer

Geschäftsverbindungen und die Anlage unserer Betriebsmittel in

Beteiligungen aller Art bei elektrotechnischen Unternehmungen auch

im abgelaufenen Jahr wieder zugenommen. Immerhin genügten hierfür

die von uns schon früher beschafften Mittel, während wir von der

Begebung weiterer Obligationen unserer Bank bei der im ganzen

ungünstigen Disposition des Geldmarktes glaubten absehen zu sollen.“

Nichtsdestoweniger wird für das Jahr 1899/1900 bei der A. E. G. noch

die unverminderte Dividende von 15% ausgeschüttet. Das folgende Jahr

bringt einen Rückgang auf 12%, wobei allerdings zu berücksichtigen

ist, daß diesmal 13 Millionen Mark junge Aktien, die im Vorjahre

nur die Hälfte der Dividende erhielten, voll daran teilnehmen. So

wird noch immer eine Dividendensumme von 7,2 Millionen Mark gegen

8025000 Mark im Vorjahre herausgewirtschaftet. Der Niedergang kann

nun von niemandem mehr geleugnet werden. Die starken wohlfundierten

Unternehmungen halten den Stoß bewunderungswürdig gut aus, aber in

dem leichten Gebälk der schwächer gezimmerten Gesellschaften kracht

und knirscht es bereits. Der Geschäftsbericht des Jahres 1900/1901

setzt sofort mit Krisenstimmung ein. „Fast zwei Jahrzehnte lang hat

die elektrotechnische Industrie immer neue lohnende Aufgaben gefunden

und sich einer stetigen Entwickelung erfreut; die bekannten Vorgänge

in unserem Wirtschaftsleben mußten eine vorläufige Unterbrechung

dieser Bewegung mit Notwendigkeit herbeiführen. Auf die Anzeichen

drohender Überproduktion und ungesunder Übertreibung haben wir in den

letzten Jahren oftmals hingewiesen. Wie schmerzlich auch der scharfe

Rückgang in der Konjunktur empfunden wird und wie berechtigt die

Klagen über Schäden und Einbußen sind: der auf Vervollkommnung der

Arbeitsmethoden bedachte Fabrikant und Techniker wird zugeben, daß nur

normal beschäftigte Werkstätten Zeit und Muße zu Verbesserungen und

Verbilligungen finden, während die zwei- und dreifachen Schichten, wie

sie jahrelang zur Notwendigkeit geworden waren, Ausgestaltungen und

Neuerungen der Fabrikationsmethoden erschwerten.“ -- Von Resignation

oder Waffenstreckung also trotz der Enttäuschungen und Rückschläge

keine Spur. Auch hier der feste Wille, sich von Mißhelligkeiten nicht

unterkriegen zu lassen und sogar aus ihnen noch Vorteil für die Zukunft

zu ziehen. Zur Verzweiflung lag allerdings bei der A. E. G. auch

noch kein Anlaß vor: „Wir konnten annähernd den gleichen Umsatz wie

im Vorjahre abrechnen und waren in den meisten Abteilungen unseres

Geschäftsbetriebes und der Fabrikation befriedigend beschäftigt; neuen

Unternehmungen gegenüber legen wir uns aber große Beschränkungen auf.“

-- Auch die Aussichten werden nicht als direkt ungünstig geschildert,

wenigstens was die Arbeits+quantität+ anlangt: „Nach den ultimo

September gemachten Aufstellungen erreichen die fakturierten Umsätze

nahezu die der gleichen Periode des Vorjahres, ebenso die vorliegenden

Aufträge, soweit Bahnunternehmungen und Bestellungen für die Berliner

Elektrizitätswerke, deren Bautätigkeit einstweilen zum Abschluß gelangt

ist, nicht in Betracht kommen.“ Nun aber kommt der wunde Punkt:

„Diese Ziffern wären unter den gegenwärtigen Zeitverhältnissen

befriedigend, wenn die Akquisitionstätigkeit der Konkurrenz,

welche ohne Rücksicht auf Herstellungskosten um jeden Auftrag

kämpft, nicht zu andauerndem Rückgang der Preise führte. Da

unter diesen Umständen ein Urteil über die zukünftige Gestaltung

des wirtschaftlichen Lebens schwer zu gewinnen ist, müssen wir

damit rechnen, daß ein Aufschwung gleich dem der letzten Jahre,

dem die Elektrotechnik ihre Größe verdankt, sich nicht sogleich

erneuern werde. Vielfach haben Unternehmungen, welche in der

Hochflut der Konjunktur ohne innere Notwendigkeit entstanden

und mit ungenügender Sachkenntnis geleitet waren, das Vertrauen

in die Ergiebigkeit unserer Industrie erschüttert. Es wird die

Aufgabe der auf solider Grundlage errichteten und mit Umsicht

und Verständnis geleiteten Werke sein, dieses Vertrauen wieder

herzustellen. Aber hierdurch allein wird die Schwierigkeit der

Lage, die teilweise auf notorischer Überproduktion der Fabriken

beruht, nicht beseitigt. Die mißlichen Verhältnisse werden

schwinden, und die deutsche Elektrotechnik wird ihre Macht und

Bedeutung, welche sie im Wettbewerbe der Nationen in Chicago und

Paris gezeigt hat, erfolgreich auf dem Weltmarkt betätigen, wenn

neue Handelsverträge, wie wir hoffen, unseren Waren die Märkte

befreundeter Nationen offen halten, und wenn die kräftigeren

Unternehmungen durch zweckmäßige Organisation und rationelle

Arbeitsteilung die Versuchs-, Fabrikations- und Verkaufsspesen auf

das geringste Maß herabmindern. Im eigenen Interesse, wie in dem

der elektrotechnischen Industrie ist deshalb unser Bestreben darauf

gerichtet, in dem angedeuteten Sinne zu wirken, und wir halten uns

die Initiative hierfür zu ergreifen für berechtigt, weil die innere

und äußere Lage unserer Gesellschaft die Vermutung ausschließen

sollte, daß sie auf das Zustandekommen derartiger Projekte

angewiesen ist.“

Noch weiter werden die hier angedeuteten Gesichtspunkte betreffend die

ruinöse Konkurrenz und das Mißtrauen des Kapitals, von dem gerade die

Elektrizitätsindustrie in den letzten Jahren außerordentlich verwöhnt

worden war, ausgesponnen und daneben noch andere negative Momente,

so die langsame Verwirklichung der von der Elektrizitätsindustrie

mit Ungeduld erwarteten Elektrisierung der Vollbahnstrecken, in dem

Geschäftsbericht der Elektrobank für das Jahr 1900/01 geschildert:

„Die von kompetenten Fachleuten schon vor geraumer Zeit gemachte

und geäußerte, anfänglich aber vielfach bestrittene Wahrnehmung,

daß die Konjunktur in der elektrischen Industrie für einmal

ihren Höhepunkt erreicht habe, hat durch den Geschäftsgang in

dem Zeitraum, über welchen wir Bericht und Rechnung zu erstatten

haben, eine Bestätigung gefunden, welche an der Richtigkeit

dieser Tatsache heute wohl niemanden mehr zweifeln läßt. Zwar

sind wenigstens die größeren Etablissements der elektrischen

Industrie noch immer befriedigend beschäftigt. Aber der Bau

neuer elektrischer Anlagen, sowohl für Beleuchtung, als für

Straßenbahnen und für Kraftübertragung, hat doch insofern eine

fühlbare Einschränkung erfahren, als es den Unternehmerfirmen nicht

mehr so leicht gemacht ist, durch gleichzeitige Finanzierung der

zu erstellenden Werke sich vorteilhafte Bestellungen zu sichern:

Das Kapital drängt sich zu Anlagen in elektrischen Werten nicht

mehr so heran, wie vor einigen Jahren. Das hat zur Folge, daß die

Konstruktionsfirmen diejenigen Aufträge bevorzugen, welche für

sie keine finanziellen Leistungen involvieren, selbst wenn die

dabei zu erzielenden Preise weniger günstig sind. Daneben kommt

das eigentliche Fabrikationsgeschäft, welches sich die Erzeugung

der vielfältigen Verbrauchsgegenstände für die bereits bestehenden

Anlagen zur Aufgabe stellt, immer mehr zur Geltung. Die Zeit muß

lehren, ob alle die großen Konstruktionsunternehmungen, welche die

elektrische Industrie namentlich in Deutschland und der Schweiz

zu so hoher Blüte gebracht haben, auch auf dieser reduzierten

Basis genügende und lohnende Beschäftigung finden, namentlich

wenn neben der gegenseitigen inländischen auch die ausländische,

speziell amerikanische Konkurrenz in der Folge sich noch intensiver

geltend machen sollte. Jedenfalls ist die heutige Situation ein

Ansporn, allen Bestrebungen, welche neue Arten der Verwendung der

elektrischen Energie zu finden bezwecken, die größte Aufmerksamkeit

zu widmen. Angesichts der unbestrittenen Höhe, welche die

Leistungsfähigkeit unserer elektrischen Industrie, wissenschaftlich

und praktisch, erreicht hat, darf man zuversichtlich hoffen, daß

es ihr gelingen wird, die Aufgabe zu lösen, der Elektrizität

Anwendung auf immer weiteren Gebieten zu sichern und sich damit

die Möglichkeit ausreichender Tätigkeit auch in Zukunft zu wahren.

So dürfte eine neue, der frühern nahekommende Blütezeit für die

elektrische Industrie namentlich dann zu erwarten sein, wenn

es gelingen sollte, das Problem eines rationellen elektrischen

Vollbahn-Betriebes endgültig zu lösen, ein Problem, welches

namentlich für kohlenarme, aber wasserkraftreiche Länder, wie die

Schweiz, von sehr großer Bedeutung ist und bleiben wird.

Für unsere Bank ist der eingetretene Unterbruch in der mehrjährigen

glänzenden Entwicklung der Elektrizitätsbranche bis jetzt nur

insofern von Einfluß gewesen, als auch wir uns mehr mit unseren

bisherigen Geschäften und deren weiteren Forderung, als mit neuen

Unternehmungen abgegeben haben.“

Das Jahr 1901/1902 bringt noch eine Vertiefung der Krisis. Die

Dividende der A. E. G. sinkt bis auf 8% und neben der Kritik

der äußeren Dinge wird auch die Selbstkritik schärfer, wird die

Notwendigkeit anerkannt, aus den begangenen Fehlern und Irrtümern zu

lernen, aber doch zugleich eingestanden, daß ein Ende des Niederganges

noch nicht abzusehen und eine volle Erkenntnis der Heilmittel noch

nicht möglich ist. Lassen wir wieder den Geschäftsbericht in Rathenaus

diesmal besonders scharf geprägten Worten sprechen:

„Wie der wirtschaftliche Aufschwung des letzten Jahrzehntes sich um

die aufblühende elektrotechnische Industrie konzentrierte, so steht

diese in der gegenwärtigen Periode im Mittelpunkte des allgemeinen

Niederganges; ja es darf heute kaum mehr geleugnet werden, daß

die elektrische Krisis eher eine der Ursachen als eine Folge der

wirtschaftlichen Gesamterkrankung darstellt.

Die Ursachen der Krisis waren übermäßige Investitionen bei

Betriebsunternehmungen, die weder mit der Kapitalskraft des

Landes noch mit den landesüblichen Ansprüchen an Verzinsung im

Einklang standen, mangelhafte Prüfung und Überkapitalisation

dieser Unternehmungen; ungerechtfertigte +Erweiterung der

Fabrikationsstätten+ auf Grund der +Aufträge+, die aus +Lieferung

für eigene Unternehmungen stammten+ und daher nur einmalige

waren, Ausbreitung der Geschäfts- und Verkaufsorganisationen über

dasjenige Maß hinaus, das durch die Basis der Fabrikation gegeben

war.

Die Bedeutung und Zukunft der Elektrotechnik als Faktor des

modernen Lebens wird durch die Kalamität der Industrie nicht

verringert; im Gegenteil ist zu erwarten, daß die durch Besorgnis

gesteigerte Emsigkeit neue Gebiete und neue Anwendungen erschließen

und die Kenntnis und Beherrschung der vorhandenen erweitern wird.

Wenn auch diese Rückwirkung der elektrotechnischen Industrie zugute

kommen wird, eine Gesundung wird schwerlich sofort erfolgen. Fürs

erste handelt es sich darum, dem vorhandenen Zustand ins Auge zu

sehen und das Mißverhältnis zwischen Produktionsfähigkeit und

Konsum rückhaltlos zu konstatieren. Dies wird dem Kapitalisten

heute leichter sein als vor einem Jahre, nachdem inzwischen

vielfach Ergebnisse und Bewertungen in scharfen Kontrast zu

mannigfachen hoffnungsvollen Erklärungen und Voraussagen getreten

sind. Welche Mittel zu ergreifen sein werden, um unsere Industrie

zu konsolidieren, haben wir wiederholt ausgesprochen. Ein engeres

Zusammenschließen der großen Firmen wird sich kaum vermeiden

lassen, wenn die Verkaufspreise der Erzeugnisse wieder auf ein

der Fabrikation lohnendes Niveau gebracht werden sollen. Daß aber

eine Beschleunigung des Zusammenschlusses leicht zu Übereilungen

führen könnte, scheint uns durch die Tatsache erwiesen, daß noch

im +Verlauf des letzten Jahres+ erhebliche +Verschiebungen in der

relativen Bewertung der einzelnen Unternehmungen+ stattgefunden

haben und anscheinend dauernd sich vollziehen. Schon aus diesem

Grunde scheint uns ein klares Erfassen der Situation die

nächstliegende Vorbedingung für spätere Sanierung.“

Noch pessimistischer klingt’s im Geschäftsbericht der Elektrobank:

„Der Rückschlag auf dem Gebiete der Elektrizitätsindustrie,

der sich schon im Vorjahre als recht intensiv erwies, hat

im Berichtsjahre leider weitere Fortschritte gemacht, und

es ist noch nicht abzusehen, wann die rückläufige Bewegung

einem wiederkehrenden Aufschwunge weichen wird. Speziell das

Unternehmergeschäft, das für Institute, wie das unsrige,

in erster Linie in Betracht fällt, hat an Umfang noch mehr

eingebüßt. Zweifelsohne trägt daran die allgemeine Depression

der wirtschaftlichen Lage in Europa, welche durch den ungewissen

Ausgang der Verhandlungen über den Abschluß neuer Zoll- und

Handelsverträge noch verstärkt wird, eine Hauptschuld. Daneben

wirkt aber mit, daß die Anlagen auf dem Gebiete der elektrischen

Zentralstationen und Straßenbahnen, soweit es sich wenigstens

um hinsichtlich ihrer Ertragsfähigkeit gerechtfertigte Projekte

handelt, in den hierfür einstweilen in Betracht fallenden Ländern

zum guten Teil bereits ausgeführt sein dürften. Eine weitere

Betätigung nach dieser Richtung wird sich also entweder auf

entferntere, politisch und wirtschaftlich weniger entwickelte

Länder erstrecken oder durch eine Verbilligung der Anlagekosten

und des Betriebes die Vorteile der elektrischen Beleuchtung

und Traktion auch solchen Gemeinwesen zugänglich zu machen

suchen müssen, die man für derartige Einrichtungen bis anhin

nicht als genügend lohnende Objekte betrachten konnte. Wohl hat

sich die deutsche und schweizerische Elektrizitätsindustrie

auch schon wiederholt an große ausländische Beleuchtungs- und

Transport-Unternehmungen herangemacht, und wir selbst haben

uns finanziell an solchen interessiert; die Frage bleibt aber

noch offen, ob namentlich die daherige überseeische Tätigkeit

überall eine mit den vermehrten Risiken aller Art im Einklang

stehende Entlohnung dabei findet. Und was die Ausdehnung

elektrischer Einrichtungen im Beleuchtungs- und Traktionswesen

auf wirtschaftlich minder entwickelte Gemeinwesen anbetrifft, so

scheint man auch da schon jetzt oft bis an die äußerste Grenze des

Berechtigten gegangen zu sein.

Solange die Elektrizitäts- und deren Hilfsgesellschaften über,

wie es damals schien, unerschöpfliche Geldmittel verfügten,

wurden die ihnen sich bietenden Unternehmungen häufig mit einem,

den tatsächlichen Verhältnissen widersprechenden Optimismus

eingeschätzt, und die an der Erteilung von Konzessionen

interessierten Organe nahmen nicht selten zum eigenen Nachteil

keinen Anstand, Bewerber nur deshalb zu bevorzugen, weil sie

glänzende Zugeständnisse machten und hohe Erträge in Aussicht

stellten. Nach dieser Richtung wird die jetzt zuweilen beklagte

Zurückhaltung des Kapitals Wandel schaffen, indem es die

Bedingungen des Zustandekommens und die Chancen neu zu schaffender

Elektrizitätsunternehmungen sorgfältiger prüft als bisher.

Andererseits werden aber auch die Kreise, welche die Hebung der

Gemeinden und die Förderung des Verkehrs durch Einführung von

elektrischem Licht und elektrischen Bahnen mit fremden Mitteln

anstreben, im eigenen Interesse auf die zukünftige Prosperität

dieser Schöpfungen bedacht sein und den privaten Unternehmungen

durch Gewährung günstiger Bedingungen das mit Übernahme derselben

verbundene Risiko erleichtern müssen.

Unter den gegenwärtigen Verhältnissen liegt einstweilen nach

wie vor das Schwergewicht der Tätigkeit der großen elektrischen

Konstruktionsfirmen in der Fabrikation aller Einrichtungen für

den täglichen, laufenden Gebrauch und Verbrauch der elektrischen

Bedarfsgegenstände aller Art. Hier aber zeigt sich immer mehr, daß

die vorhandenen Fabrikationseinrichtungen für die gegenwärtigen

Bedürfnisse mehr als genügend sind. Daraus resultiert ein ungemein

intensiver Wettbetrieb und ein Preisniveau für die Erzeugnisse,

das kaum mehr den richtigen industriellen Nutzen läßt. Daß

dabei diejenigen Gesellschaften, welche in den guten Zeiten auf

möglichst hohe Rücklagen und Abschreibungen Bedacht genommen

und vor allem für die höchste technische Vervollkommnung ihrer

Fabrikationseinrichtungen Sorge getragen haben, im Konkurrenzkampf

am günstigsten dastehen, ja vielleicht diesen allein zu überdauern

vermögen, ist selbstverständlich. Vielleicht wird auch für

unsere europäischen Elektrizitäts-Gesellschaften ein engerer

Zusammenschluß nach amerikanischem Vorbild zur Notwendigkeit, bei

dem die weniger günstig produzierenden Anlagen einstweilen zum

Stillstand verurteilt werden könnten, bis die Verhältnisse sich

wieder gebessert haben werden. Aber wenn auch verschiedene Gruppen

ihre Interessen vereinigen, so wird eine durchgreifende Besserung

erst allmählich und in dem Maße eintreten, wie die heutigen

Anwendungsarten der elektrischen Industrie auf neue Gebiete sich

erweitern. Wird auch in dieser Richtung unablässig gearbeitet,

und dürfen wir auch in die Fähigkeit, Intelligenz und Energie der

Vertreter unserer elektrischen Wissenschaft und Praxis für die

Zukunft alles Zutrauen haben, so müssen wir doch zugestehen, daß

speziell im abgelaufenen Jahr neue, epochemachende Erfindungen auf

elektrischem Gebiete nicht gemacht, auch längst anhängige wichtige

Probleme, wie insbesondere der elektrische Vollbahnbetrieb, sehr

weit nicht gefördert worden sind.“

Doch gerade hier werden die Interessenten nicht ohne Hoffnungsschimmer

entlassen:

„So düster das vorstehend entworfene Bild sein mag, so fehlen

doch auch gewisse Lichtblicke nicht, die leicht eine Wendung zum

Besseren einleiten könnten: Die starke Verbilligung vieler für die

Elektrotechnik wichtiger Rohmaterialien, insbesondere von Kupfer

und Eisen, hat bereits mit zur Herabsetzung der Preise elektrischer

Maschinen, Kabel usw. beigetragen und wird die Erstellung

neuer elektrischer Einrichtungen, sowie die Ausdehnung des

Anwendungsgebietes der elektrischen Energie zweifelsohne fördern.

Auch die ganz außerordentliche Geldflüssigkeit, die sich seit

längerer Zeit geltend macht, muß früher oder später das Kapital

veranlassen, sich wieder eine höhere Verzinsung bei der Industrie

zu suchen. Das kann auch der Elektrizitätsbranche zugute kommen.

Wie bald, das ist freilich schwer vorauszusagen.“

Das Jahr 1902/03 bringt endlich den ersten Schritt zur Lösung und

Überwindung der Krise. Die Dividende der A. E. G. kann zwar noch nicht

wieder über 8% hinaus erhöht werden, aber bei der Elektrobank und der

Elektrizitäts-Lieferungsgesellschaft werden Steigerungen von 6 auf 6½

und 7 auf 7½% vorgenommen. Das Wesentlichste aber ist, daß das Mittel

nicht nur gefunden, sondern auch zum erstenmal in durchgreifender

Weise zur Anwendung gebracht wird, das den schlimmsten und am bösesten

verwucherten Keim der Krisis, die Überproduktion und den ruinösen

Konkurrenzkampf, zu ertöten geeignet ist. Dieses Mittel heißt

+Konzentration+. Bis dahin in der Elektrizitätsindustrie mit ihren

völlig dezentralisierenden, durch keinerlei Kontrollvereinbarungen

abgedämpften Absatzmethoden völlig unbekannt, ergriff der Gedanke der

Konzentration diese Industrie, geboren aus der Not des Zusammenbruches

und der Kraft des Kontrastes, nun stärker als jedes andere Gewerbe,

die Macht der Schwachen völlig erschütternd, die der Starken aus der

Erbschaft jener außerordentlich mehrend. Er hat die ganze Entwickelung

des folgenden Jahrzehntes beherrscht, aber auch diesen ganzen

Zeitraum gebraucht, um die Reste der früheren individualistischen

Entwicklungsära völlig aufzusaugen und zu verdauen. Bevor wir diesen

Weg weiterverfolgen, wird es notwendig sein, zu untersuchen, wie sich

die Situation der +gesamten Industrie+ in dem Hexenkessel der Krisis

gestaltet und verändert hat. Was wir bisher von ihr gesehen haben, war

aus dem Spiegel der A. E. G. zurückgeworfen und gab -- abgesehen von

subjektiv gefärbten, übrigens immerhin zurückhaltenden Darstellungen

der Lage des Allgemeingewerbes -- nur die Wirkungen auf das A. E.

G.-Unternehmen selbst wieder. Dieses Bild muß durch die Schicksale der

anderen in der Industrie tätigen Unternehmungen, ihre Ursachen und ihre

Folgen, ergänzt werden. Erst dann wird das Verständnis der Krise und

das Verständnis ihrer Überwindung ganz erschlossen werden können.

Wie wirkte nun der Niedergang auf die übrigen Unternehmungen der

Elektrizitätsindustrie? -- Wenden wir uns zunächst zu der Firma

+Siemens & Halske+, die erst im Jahre 1897 -- nach dem Tode Werner

Siemens -- in eine Aktiengesellschaft umgewandelt worden war. Das

Kapital dieser Gesellschaft hatte bei der Gründung 35 Millionen Mark

betragen, hatte also genau dieselbe Höhe wie das damalige Aktienkapital

der A. E. G., auf das allerdings zu jener Zeit nur 32586000 Mark

eingezahlt waren. In den Jahren 1898 und 1899 trug die Gesellschaft

dem stürmischen Expansionstempo in der Elektrizitätsindustrie durch

Erhöhungen von je 5 Millionen Mark Rechnung, und im April 1900, also

in einer Zeit, in der der kluge und vorsichtige Emil Rathenau bereits

warnend von der schwindenden Zuversicht in die Konjunktur sprach und

sich wohlweislich hütete, den Kapitalmarkt noch in Anspruch zu nehmen

(nachdem er sich allerdings vorher zu geeigneter Zeit reichlich mit

Mitteln versehen hatte), erfolgte bei Siemens & Halske noch eine

dritte größere Kapitalvermehrung um 9500000 Mark. Die Aktien wurden

allerdings nur teilweise -- in Höhe von 4,5 Millionen Mark -- auf dem

Kapitalmarkt untergebracht, 5 Millionen Mark übernahm die Familie

Siemens, die der Aktiengesellschaft dafür Aktien der Siemens Brothers

& Co. in London und der russischen elektrotechnischen Werke Siemens &

Halske überließ. Damit war das Kapitalbedürfnis der Siemens & Halske

Akt.-Ges. in jener Zeit der Hochspannung aber noch keineswegs gedeckt.

Im Jahre 1898 wurde eine Obligationenanleihe von 20 Millionen Mark, im

Jahre 1900 eine weitere von 10 Millionen Mark aufgenommen. Auch auf dem

Gebiete des Obligationenkredits hatte Emil Rathenau seine Bedürfnisse

in jener vor-kritischen Periode niedriger zu halten verstanden und

im Jahre 1900 eine Anleihe von 15 Millionen Mark, also nur die Hälfte

der von Siemens & Halske beanspruchten Obligationen-Mittel ausgegeben.

-- Die Folge der von Siemens & Halske gerade in der kritischen Zeit

auf sich genommenen neuen Zinslasten war, daß dieses alte, historisch

und technisch viel tiefer als die A. E. G. verwurzelte Unternehmen

dennoch von der Krisis schärfer angefaßt wurde als die jüngere

Konkurrenzgesellschaft. Die Aktiengesellschaft Siemens & Halske,

die in den ersten beiden Jahren ihres Bestehens Dividenden von 10%

ausgeschüttet hatte, mußte im Jahre 1900/01 auf 6%, im Jahre 1901/02

sogar auf 4% heruntergehen, zum Teil auch deswegen, weil sie das

Unternehmer- und Beteiligungsgeschäft, das bei der A. E. G. schon durch

jahrelangen Ausbau gefestigt worden war, erst in den letzten Jahren

vor der Krisis eingerichtet, und infolgedessen noch nicht hinlänglich

geschützt hatte.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 23 / 41 段