Zur besseren Durchführbarkeit dieser Ziele wurde in Berlin

ein Zweigbureau geschaffen, das von Dr. Walther Rathenau, dem

Administrateur und eigentlichen Kopf der Elektrobank geleitet wurde.

In dieser Zeit war die fast völlige Union zwischen der A. E. G. und

der Elektrobank einer Lockerung insofern gewichen, als die A. E. G.

langsam größere Posten ihres Aktienbesitzes der Elektrobank abstieß.

Ferner hatte die Annäherung der Union-Elektrizitäts-Gesellschaft an

die A. E. G. zwar eine erhebliche Anzahl von Beteiligungen dieser

Gesellschaft dem Portefeuille der A. E. G. zugeführt, andere wiederum

einer selbständig bleibenden Trustgesellschaft der „Gesellschaft für

elektrische Unternehmungen“ überlassen. Auch neue schweizerische

Interessentenkreise traten der Elektrobank nahe, und gerade an

Finanzierungen aus der von der A. E. G. unabhängigen Schweizer

Elektrizitätsindustrie war wohl gedacht, wenn die Grenzen der Tätigkeit

der Elektrobank etwas weitergerückt wurden. Überdies wuchs auch

die Deutsch-Überseeische Elektrizitätsgesellschaft, die in ihren

Anfängen vorwiegend von der Elektrobank entwickelt worden war, immer

mehr über das Wurzelreich des A. E. G.-Konzerns hinaus. Sie brauchte

zur Speisung ihres gewaltigen Kapitalbedarfs stärkerer Quellen, als

die A. E. G. und ihr engeres Bankenkonsortium zu bieten vermochten.

Die Gruppe der Deutschen Bank, die an der D. Ü. E. G. schon seit

der Gründung beteiligt gewesen war, wurde schließlich die führende

Bankverbindung der großen südamerikanischen Elektrizitätsunternehmung

und als solche gelangte auch ihre Stellung in der Elektrobank, die

ja noch immer einen beträchtlichen Teil der Deutsch-Überseeischen

Aktien besaß, zu ausgeprägterer Bedeutung. Aus allen diesen Gründen

erschien eine allzugroße Isolierung der Elektrobank auf den A. E.

G.-Konzern nicht mehr erwünscht, und wenn die A. E. G.-Note bei der

Züricher Finanzgesellschaft auch stets die vorherrschende blieb, so

sollte sie doch nicht mehr die einzige sein. In späteren Jahren ist der

Elektrobank durch die Fusion mit der +Elektrizitäts-Akt.-Ges. vorm.

Lahmeyer+, der Finanzgesellschaft des von der A. E. G. aufgenommenen

Felten-Guilleaume-Lahmeyerkonzerns, ein neues großes Einflußgebiet

zugeführt worden. Sie übernahm von dem 25 Millionen Mark betragenden

Kapital der Lahmeyergesellschaft 21720000 Mark gegen Hingabe von

16290000 Frcs. neuer Elektrobank-Aktien. Es fand also eine Verkapselung

zweier Finanzgesellschaften ineinander statt, die beide ohne förmliche

Fusion juristisch selbständig nebeneinander bestehen blieben.

* *

*

Werfen wir zum Schluß auch dieses Kapitels unserer Gewohnheit nach

noch einen Blick auf die Entwickelung der Erträgnisse und der

Bilanzaufstellungen der A. E. G. in dem soeben behandelten Abschnitt,

den die Jahre 1894 und 1900 umrahmen. Die Entwickelung der Kapitalien

ist folgende: Im Jahre 1895/96 wurde das Stammkapital von 20 auf 25

Millionen Mark erhöht, im Jahre 1896/97 auf 35 Millionen Mark, im

Jahre 1897/98 auf 47 Millionen Mark, im Jahre 1898/99 auf 60 Millionen

Mark, eine Höhe, die es auch im Jahre 1899/1900 nicht überschritt.

Das Obligationenkapital wurde in dieser Zeit von 4844000 auf 14046500

Mark gesteigert. Der ordentliche Reservefonds stieg von 4479479 auf

22027621 Mark, wie früher ausschließlich durch Agiobeträge, die ihm

bei den verschiedenen Kapitalerhöhungen zuflossen. Daneben wurde

die freie oder außerordentliche Reserve von 500000 auf 5 Mill.

M. vermehrt. Neben diesen offenen Reserven sind aber die stillen

Rücklagen in ganz anderer Weise gestärkt worden als in den früheren

Perioden. Die Gesellschaft hat die dazwischen liegende große Expansion

nicht nur zur Erzielung hoher Agiogewinne, sondern auch zur inneren

Festigung des Unternehmens durch Zurückhaltung beträchtlicher Teile

der erzielten Gewinne benutzt, und sich so aufs beste gerüstet und

gewappnet, die folgenden Jahre des Rückschlages und der Krisis nicht

nur unerschüttert zu überstehen, sondern auch ausnutzen zu können.

In dem von der A. E. G. gewählten System waren die stillen Reserven

darum die echten Reserven, die offenen -- wenigstens soweit der

gesetzliche Reservefonds in Frage kam -- nur der Ausfluß des hohen

Markt- und Emissionswertes der A. E. G.-Aktie. Offene Reserven

brauchen durchaus nicht immer wirkliche Schutzwälle zu sein, die um

das Aktienkapital gelegt sind, um es gegen Stöße und Erschütterungen

zu sichern und zu verhindern, daß Verluste sofort die Kapitalsubstanz,

den inneren Fundus einer Gesellschaft treffen können. Sie brauchen

es besonders dann nicht zu sein, wenn sie aus Agiogewinnen stammen.

Denn Agiomöglichkeiten können künstlich durch hochgetriebene oder

leichtfertige Gewinnausschüttungen herbeigeführt werden, da sich ja

der Kurs einer Aktie und damit das Aufgeld bei Kapitalerhöhungen nach

der Höhe der gezahlten Dividenden zu richten pflegen. Gerade wenn ein

zu großer Teil der verdienten Gewinne auf Kosten der Abschreibungen

und Rückstellungen als Dividende ausgeschüttet wird, läßt sich der

Aktienkurs steigern, und in der Zeit, von der wir sprechen, war

die Bilanzkritik bei der Presse und bei den Aktionären noch nicht

ausgebildet genug, als daß nicht derartige Versuche auf dem Gebiet der

künstlichen Agiotage möglich gewesen wären und die Wirtschaftswelt

hätten irre führen können. In der Elektrizitätsindustrie insbesondere,

die in den von uns behandelten Jahren unter einem Überschwange der

Tendenzbeurteilung bei den Produzierenden sowohl wie auch beim Publikum

stand, war ein besonders geeigneter Nährboden für eine derartige

Ausnutzung des Aktienagios vorhanden. Es wurde überreichlich von ihm

Gebrauch gemacht, und wir werden später sehen, daß die auf diese Weise

geschaffenen großen offenen Reserven mancher Unternehmungen dem Anprall

der Krise durchaus nicht standhielten und sozusagen auf den ersten

Anhieb zusammenstürzten, das innere Leben der Gesellschaften, die sie

decken sollten, sofort dem Ansturm preisgebend. In der Rathenauschen

Bilanz war die Expansion, die zur Bildung der großen offenen Reserven

geführt hatte, Hand in Hand mit einer Konsolidierung der inneren

Werte gegangen, und die Echtheit der inneren Reserven wirkte auch auf

den Bestand der äußeren Reserven zurück. Worin bestanden nun diese

inneren Reserven? -- Ein Vergleich der Bilanzen von 1894 und von

1900 zeigt es deutlich. Während im Jahre 1894 noch die sämtlichen

Anlagekonten der A. E. G. in der Bilanz mit sichtbaren Wertansätzen

erschienen, die einen vielleicht +verhältnismäßig+ niedrigen,

aber doch absolut betrachtet, noch einen recht hohen Bewertungsgrad

darstellten, werden im Jahre 1900 nur noch Grundstücke, Gebäude und

Vorräte mit Effektivansätzen bewertet. Maschinen, die 1894 noch mit

1220000 Mark ausgewiesen worden waren, erscheinen jetzt lediglich mit

pro-Memoria-Beträgen von je 1 Mark. Sie sind also ganz abgeschrieben

worden, trotzdem ihr wirklicher Wert in dieser Zeit nicht verringert,

sondern um viele Millionen Mark -- entsprechend dem gewaltigen

Anwachsen der A. E. G.-Unternehmungen -- vergrößert worden ist. In

diesen Konten liegen also sehr beträchtliche innere Reserven, die

sich von Jahr zu Jahr steigerten, denn alles, was in einem Jahre

an neuen Maschinen, Werkzeugen, Utensilien usw. angeschafft wurde,

gelangte sofort wieder voll zur Abschreibung. Während im Jahre 1894

auf Werkzeuge 20%, auf Maschinen 10% abgesetzt worden waren, betrugen

im Jahre 1899/1900 die Abschreibungssätze auf diesen Konten volle

100%. Emil Rathenau hatte, um diese Bilanzierungsmethode möglichst

unkontrolliert von der Öffentlichkeit und den Aktionären durchführen

zu können, seit einigen Jahren die Gewohnheit angenommen, nur die

Ergebnisse der Fabrikation, des Produktionsgeschäftes -- und auch

diese nur soweit es ihm paßte -- in der Gewinn- und Verlustrechnung

auszuweisen. Die gesamten Erträge des Finanzgeschäftes, und zwar

sowohl die Rentenerträgnisse der im Besitz der A. E. G. befindlichen

-- auf Effekten- und Konsortialkonto verbuchten -- Wertpapiere und

Beteiligungen wie auch die Gewinne aus Effektentransaktionen wurden

überhaupt nicht eingestellt, sondern zu Abschreibungen entweder auf

Effekten oder auf Anlagen benutzt. Dabei richtete sich das Ausmaß der

vorzunehmenden Abschreibungen nicht nach den wirklichen jeweiligen

+Ergebnissen+ der Effektenkonten, die ja immerhin einen zufälligen

Faktor darstellten, und somit auch ein Moment der Zufälligkeit in die

Abschreibungspolitik der Gesellschaft gebracht hätten. Sie wurden

vielmehr nach dem Abschreibungsbedürfnis reguliert, das durch die Höhe

der Zugänge auf den regelmäßig bis auf 1 Mark herunterzubuchenden

Anlagekonten und durch den Stand der übrigen Konten (Gebäude,

Grundstücke, Vorräte usw.) bestimmt wurde. Reichten also die aus dem

Effektengeschäft stammenden Beträge nicht aus, so mußten noch Teile

aus dem Fabrikationsgewinn abgezweigt und zu Abschreibungen mit

herangezogen werden. Je gewaltiger die so heruntergeschriebenen Anlagen

der Gesellschaft anwuchsen, desto größer mußten naturgemäß auch die

hinter den Eine-Mark-Posten stehenden inneren Reserven sich erhöhen.

Über die Bedeutung dieses später nur noch quantitativ, nicht mehr

grundsätzlich geänderten Abschreibungssystems für die innere und äußere

Entwickelung der Gesellschaft, für ihre Finanzen und die Stellung der

Aktionäre zu ihr, wird noch später zusammenfassend zu sprechen sein.

Hier soll nur im historischen Entwickelungsgange auf den Zeitpunkt

hingewiesen werden, in dem diese Methode in das Finanzsystem der

Gesellschaft eintritt und auf den Kontrast, in dem sie zu den früheren

Bilanzierungsgewohnheiten steht. In dieser Hinsicht ist sie als Symptom

für den fortschreitenden Konsolidierungsprozeß der Gesellschaft zu

bewerten.

Abgesehen von diesem Zeichen der Konsolidierung weist die Bilanz von

1899/1900 aber auch noch andere interessante Merkmale auf. Auch bei

den übrigen Anlagekonten ist eine stärkere Abschreibungspolitik

sichtbar. Während zum Beispiel früher auf Gebäude nur 2% abgeschrieben

wurden, werden jetzt neben den ordentlichen Abschreibungen in derselben

Höhe noch außerordentliche Abschreibungen vorgenommen, die dreimal

so hoch sind wie die Pflichtabschreibungen. Es gelangen also auf

Gebäude jetzt 8% gegen 2% früher zur Abschreibung, das sind für solche

Anlagen ungewöhnlich hohe Prozentsätze. Das Effektenkonto wird mit

20984364 Mark gegen 5976266 Mark ausgewiesen, das Konsortialkonto

mit 4837794 gegen 2963348 Mark. Daneben werden noch die Aktien der

Bank für elektrische Unternehmungen mit 11395290 Mark aufgeführt.

Die Effektenbestände sind also in sehr erheblichem Umfang gestiegen.

Vergleicht man aber die Buchwerte mit dem Nominalbesitz an

Wertpapieren, so zeigt sich, daß die Effektenbestände durchschnittlich

viel niedriger zu Buche stehen als im Jahre 1894. In der Bilanz

erscheint ferner -- und dies ist für die Flüssigkeit des Status,

nicht so sehr für die Solidität der Bewertung charakteristisch -- ein

Bankguthaben von 15620344 Mark gegen ein solches von 7933463 Mark in

der Vergleichsbilanz. Die Gesamtdebitoren betragen 47037896 Mark gegen

16996308 Mark, die Gesamtkreditoren 19301579 Mark gegen 2575873 Mark.

Bei einem Kapital von 60 Millionen Mark weist jede Seite der Bilanz

jetzt einen Saldo von 133420023 Mark gegen einen solchen von 35542941

Mark bei einem Kapital von 20 Millionen Mark in der Vergleichsperiode

auf. Trotzdem die Werte im Jahre 1900 viel niedriger bemessen sind als

im Jahre 1894, trotzdem also ein großer Teil dieser Werte nur durch

innere Reserven, nicht durch sichtbare Bilanzwerte belegt ist, stellt

sich sogar der Gesamtbetrag der sichtbaren Aktiva im Verhältnis zum

Aktienkapital ganz unvergleichlich höher als im Jahre 1894. D. h. mit

einer Kapitalverdreifachung ist eine Expansion ausgeführt worden, die

die Werte des Unternehmens weit mehr als verdreifacht hat.

Trotz dieser starken inneren Konsolidierung und der Zurückbehaltung

großer Gewinnteile ist die Rente der Aktionäre in diesem Abschnitt

ständig gestiegen. Die Dividende betrug im Jahre 1893/94 9%, sie ging

dann in den folgenden Jahren bis 1895/96 auf 11% und 13%. In den Jahren

1896/97-1899/1900 betrug sie 15%.

Elftes Kapitel

Krisis

Die bisherige Schilderung des Entwickelungsganges der A. E. G. seit

der Überwindung der Krisis des Jahres 1887 wird bei dem Leser den

Eindruck einer unaufhaltsamen, im Innern von mächtiger, manchmal

ungestümer Triebkraft bewegten, von den äußeren Verhältnissen im

großen und ganzen begünstigten Vorwärts- und Aufwärtsbewegung gemacht

haben. Dieser Eindruck war auch vom Verfasser gewollt, denn er gibt

ein richtiges Spiegelbild von dem inneren Schwung und dem Tempo, die

Rathenaus Persönlichkeit wie das von seinem Geist geschaffene und

erfüllte Werk stets, doch vielleicht nie so feurig beflügelten wie in

jenem Zeitraum. Es waren die Jahre, in denen die Persönlichkeit sich

am reichsten und freiesten entfaltete, in denen die Schöpfung den

Ausdruck der Persönlichkeit und der Eigenart des Schöpfers annahm, in

denen sie die bestimmenden Formen ihres Charakters, ihrer äußeren und

inneren Gestalt, kurz ihres Entwickelungsgesetzes fand. Der Besitz

der A. E. G. ist in späteren Perioden vielleicht noch stärker gemehrt

worden, die Expansion noch vielgestaltiger fortgeschritten. Das

geschah aber dann zum Teil infolge der automatisch nach Erweiterung

drängenden Schwerkraft des kernhaft gewordenen Unternehmens, nicht

mehr so sehr durch höchstpersönliche Leistung am werdenden Werk. Die

Entwickelung +nach 1902+ hätte man sich zur Not auch ohne Emil

Rathenau vorstellen können, die +vor 1900+ aber keinesfalls. Alle

Keime begannen in dieser schöpferischen Periode bereits aufzugehen,

alle Möglichkeiten traten bereits in den Kreis des Unternehmens,

alle Fundamente wurden gefestigt und alle Grenzen fingen an, sich

abzuzeichnen. Die Ideen traten hervor, ohne sich allerdings bereits

ganz zu erfüllen, oder gar zu erschöpfen. Aber das Werk ließ

bereits die Umrisse erkennen, das Wesenhafte an Rathenaus Art und

Leistung hatte sich ausgeprägt. Seine Art der Industriepolitik,

der Unternehmerpolitik, der Finanzpolitik und der Sozialpolitik

ist grundsätzlich hier bereits festgelegt. Was dann noch kam, war

gewiß keineswegs bloße Wiederholung oder nur Anwendung und Ausbau im

Quantitativen, keineswegs nur das Abrollen und Anschwellen einer im

Lauf befindlichen Lawine, aber es war doch das Fortschreiten auf dem

bereits gebahnten und gerichteten Wege. Die Verfeinerungsarbeit, die

nun folgte, die eine naturgemäß im Expansionsgange liegende Häufung

der Mengen und Mittel vor einer Ausartung ins Nichts-als-Kolossale

bewahren, und darum einer ganz besonders eindringlichen inneren

Verarbeitung unterziehen mußte, warf tagtäglich neue Probleme auf,

erforderte ständig eine Verjüngung und Erneuerung der Methoden. Sie

stellte an die Individualität immer frische geistige Anforderungen,

damit die Gefahr der Schematisierung und Mechanisierung vermieden

wurde, die eine unbeherrscht so stark anschwellende Masse schließlich

starr und unproduktiv gemacht hätte. Eine Organisation, die nur

vergrößert, nicht stets kontrolliert und erneuert wird, muß schließlich

zur Bürokratie werden und leidet unter ihrem eigenen Gewicht. Dies im

zunehmenden Tagesdrang der kleinen und großen Geschäfte vermieden,

daneben jedoch neuen Problemen frisches Augenmaß gegeben zu haben,

bleibt die geistige Leistung der nachfolgenden Schaffensperiode

Rathenaus.

Das große Bild jener Grundlegung in den Entwickelungsjahren bis

1900 durfte nicht durch zu starkes Betonen der Retardations- und

Rückschlagsmomente, der Nebenwirkungen, Auswüchse, der richtigen

und falschen Nachahmungen beschwert und beunruhigt werden, wenn

es voll wirken sollte. An solchen Zügen hat es natürlich auch in

jenen Zeiten des Aufschwungs nicht gefehlt, weder innerhalb, noch

außerhalb des A. E. G.-Kreises. Auf sie ist gelegentlich auch bereits

hingewiesen worden, so besonders auf die langsame, kühle Verwirklichung

mancher heiß und kühn konzipierten technischen und wirtschaftlichen

Erkenntnisse, auf den Überschwang mancher Projekte und die falsche

Abschätzung mancher Dimensionen, schließlich auch auf die falsche,

mißverstandene Anwendung mancher Methoden durch dritte. Wir haben

gesehen, daß in der vergangenen Epoche die Führung und Tonangabe,

wenn auch nicht in der elektrischen Industrie, so doch in ihrer

Fortentwickelungstendenz von der Firma Siemens & Halske auf die A.

E. G. übergegangen war. Ihre Schwungkraft, ihr Expansionswille und

die Art seiner Betätigung gaben der ganzen Industrie die bestimmende

Note. Auf ihrem Fluge war sie bald von einem ganzen Schwarm von

Mitläufern umringt, die ihr Tempo mitzuhalten, wenn gar noch zu

übertreffen versuchten. Überspannung, heftiger Konkurrenzkampf,

der noch durch die Energie und Eifersucht, mit der sich die früher

allein herrschende Firma Siemens & Halske aus ihrem bereits etwas

satt gewordenen Entwickelungstemperament heraus zur Wehr setzte,

gesteigert und vertieft wurde, gaben schon in den letzten Jahren des

zu Ende gehenden neunzehnten Jahrhunderts den Verhältnissen in der

Elektrizitätsindustrie immer stärker das Gepräge. Überproduktion

und Preisrückgänge waren die Folgen. Sie traten umso schärfer in

Erscheinung, als die großen Anregungen der Elektrizitätsbewegung, die

von der Konstruktion der Dynamomaschine, der Erfindung des Bogen-

und Glühlichts ihren Ausgang genommen und ihre Kraft zwei Jahrzehnte

hindurch in ständig anschwellendem Strom betätigt hatten, ihren

Höhepunkt überschritten zu haben und in die Periode des Auslaufs zu

kommen schienen, ohne daß zunächst neue motorische Kräfte an ihre

Stelle traten. Die Krise kündigte sich durch mehr als ein Zeichen

an, und es kam jetzt darauf an, ob alle Unternehmungen der Industrie

ebenso wie die A. E. G. trotz des Sturmschritts des letzten Jahrzehnts

ausreichende Sicherheitsventile gegen die Wucht plötzlichen Überdrucks,

innere Kraftausgleichsquellen gegen Rückschläge geschaffen hatten.

Von Emil Rathenau war mit der Wahrscheinlichkeit, ja Notwendigkeit

eines Rückschlages immer gerechnet worden. Trotz allem Optimismus für

die große Zukunft und die unverwüstliche Lebenskraft der elektrischen

Idee überließ sich seine praktische Arbeit nie unbeherrscht diesem

felsenfesten Vertrauen in den Enderfolg, sondern sie wurde auf Schritt

und Tritt von dem latenten Pessimismus überwacht, der die Durchführung

dieser Idee gegen alle nur denkbare Zufälle und Mißhelligkeiten nicht

genug versichern konnte. „Ich traue auf meinen Stern, also brauche

ich mich nicht vorzusehen,“ diese beliebte Devise der Optimisten war

Rathenau ganz und gar fremd. Bereits in den letzten Jahren des zu

Ende gehenden Jahrhunderts hat Rathenau die Krisis nahen gefühlt,

während die Konkurrenz sich noch mit ungeminderter Leidenschaft dem

Gründungstaumel hingab. Ganz besonders auf dem scharf umstrittenen

Gebiete des elektrischen Straßenbahnbaus legte sich die A. E. G.

sichtbare Zurückhaltung auf. Dem Handelsredakteur eines großen

süddeutschen Blattes vertraute Emil Rathenau bereits längere Zeit

vor Ausbruch der Krisis seine Befürchtungen an. „Flaumacherei,

Baissemanöver, Neid gegenüber der ihn überflügelnden Konkurrenz“ wurden

Rathenau damals von anderen Elektrizitätsfachleuten in der Presse

vorgeworfen, als seine Äußerungen an die Öffentlichkeit gelangten.

In den offiziellen Kundgebungen der A. E. G. wird zum ersten Male im

Geschäftsbericht für das Jahr 1898/99 das Nahen der Krisis angedeutet,

nachdem bereits in der oben wiedergegebenen Generalversammlungsrede

im Jahre 1898 gelegentlich des Erwerbes der Elektrobank-Aktien auf

die ungesunden Gründungen in der Elektrizitätsindustrie, und auf die

Wahrscheinlichkeit eines früher oder später eintretenden Rückschlags

hingewiesen worden war. Die Gesellschaft spricht im Jahre 1898/99

von eventuell bevorstehenden schlechteren Zeiten und einer für die

Elektrizitätsindustrie drohenden Überproduktion. Im Bericht für das

Jahr 1899/1900 wird schon ein deutlicheres Warnungssignal gegeben.

Nachdem konstatiert worden ist, daß die Geschäftslage noch günstig

sei, daß die Summe der auf das laufende Jahr übertragenen Aufträge

den Umsatz des abgelaufenen Jahres wesentlich übersteige und die

Gesellschaft auch im neuen Jahre mit lohnenden Arbeiten bisher

reichlich versehen worden sei, heißt es: „Ungeachtet dessen mahnt

die schwindende Zuversicht in den Fortbestand der industriellen

Hochkonjunktur zu verstärkter Vorsicht bei Aufnahme neuer Geschäfte,

die zu ihrer Entwickelung erfahrungsgemäß einer Reihe von Jahren

bedürfen.“ -- Weiter unten wird aber schon die tröstliche Versicherung

gegeben: „Gegen die Nachteile einer etwaigen Überproduktion im Lande

hoffen wir, durch die Einrichtungen unserer Fabriken und deren

Bewertung uns wirksam schützen zu können.“ In der Generalversammlung

vom 6. Dezember des Jahres 1900 unterstrich Rathenau diese Mitteilungen

noch, indem er ausführte, es könne niemand leugnen, daß die Konjunktur

ihren Höhepunkt überschritten habe. Vorläufig sei allerdings der

Rückgang noch mäßig. Als einer der Gründe für den Rückschlag wurde

angegeben, daß zu viele neue Unternehmungen gegründet seien. Am

frühesten zeigten sich Spuren der beginnenden Stauung denn auch

im +Unternehmergeschäft+. Der Geschäftsbericht der Bank für

elektrische Unternehmungen für das Jahr 1899/1900 geht diesen

Spuren nach und schildert sie folgendermaßen, zugleich zeigend, daß

die Trustorganisation für das Unternehmergeschäft nach Versagen des

Kapitalmarktes genau so funktioniere und wirke, wie das von Emil

Rathenau gedacht worden war:

„Die nicht unerhebliche Steigerung der Preise fast sämtlicher,

für die elektrische Industrie in Betracht fallender Rohprodukte

und die daraus sich ergebende Preiserhöhung der Fabrikate, hat

glücklicherweise den Umfang der geschäftlichen Tätigkeit der

großen Elektrizitätsgesellschaften bisher nicht beeinträchtigt. Im

Gegenteil wird von vielen Seiten während des ganzen Berichtsjahres

eine erfreuliche Andauer der Beschäftigung und eine Steigerung

der Umsätze gemeldet, welche häufig sogar den Gewinn-Ausfall

auszugleichen vermocht hat, der dadurch entstand, daß die Preise

der Fabrikate nicht im gleichen Verhältnis hinaufgesetzt werden

konnten, wie die Preise der Rohstoffe und Hilfsmaterialien für die

Konstruktion der elektrotechnischen Produkte sich steigerten.

Diese Preissteigerung der Rohstoffe und Hilfsmaterialien hat sich

aber, mehr noch als beim Bau, beim Betrieb der elektrotechnischen

Maschinen und Anlagen fühlbar gemacht. Man denke nur an die sehr

erhebliche Erhöhung der Selbstkosten des elektrischen Stromes, wie

sie sich für diejenigen Zentralen, die auf Dampfkraft angewiesen

sind, aus der Preissteigerung der Kohle um rund 50% ergeben mußten.

Eine Reihe von diesen Anlagen ist dadurch in ihrer finanziellen

Entwickelung im abgelaufenen Jahr gehemmt worden, und da

infolgedessen den großen Elektrizitätsgesellschaften die definitive

Abstoßung ihrer finanziellen Beteiligungen an von ihnen ins Leben

gerufenen Unternehmungen nicht erleichtert worden ist, so hat

sich in neuester Zeit eine gewisse Zurückhaltung in der Übernahme

von Aufträgen, mit welchen finanzielle Leistungen seitens der

Unternehmerfirmen verknüpft sind, geltend gemacht. Daß die großen

Gesellschaften diesen Standpunkt, jedenfalls nicht zum Nachteil des

eigentlichen legitimen Unternehmer- und Fabrikations-Geschäftes,

einnehmen können, erleichtert und ermöglicht ihnen gerade der

erfreuliche Umstand, daß sie bis jetzt auch ohnedies auf allen

Gebieten vollauf und zu lohnenden Preisen beschäftigt zu sein

scheinen.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 22 / 41 段