Diese Formen sind so gewählt, daß sie allen Bedürfnissen der

Unternehmer- und Industrietätigkeit gerecht werden können. Um dies

zu verstehen, müssen wir diesen Bedürfnissen etwas näher nachzugehen

versuchen. Die Methoden der Finanzierung neuer Unternehmungen, die

Rathenau vorfand, waren ziemlich primitiv. Wenn man Bauprojekte

nicht von irgend einem geldkräftigen Unternehmer, einer Kommune,

einer fremden Aktiengesellschaft usw. im festen risikolosen Auftrag

erhielt (was aber namentlich in den ersten Zeiten der angewandten

Elektrotechnik nur selten der Fall war), mußte man die Geldmittel

für zunächst in eigener Regie auszuführende Werke entweder selbst

bereitstellen, von Banken borgen oder am Kapitalmarkt beschaffen.

Alle derartige Methoden waren aber sozusagen nur von kurzem Atem.

Sie schafften zinsloses Geld nur für verhältnismäßig kurze Zeit, und

hinter dem Industriellen stand der Kapitalist, stets nach schneller

Rente, kurzfristiger Rückgewährung des Kapitals und eventuell noch nach

möglichst hohen Zwischengewinnen drängend. Baldigen und hohen Nutzen

erwartete er von einer neuen Industrie, der er noch nicht so recht

traute und deren Risikoprämie er also verhältnismäßig hoch bemaß und

kurz begrenzte. Die Solidität der Bauarbeiten mußte darunter leiden,

und den Unternehmungen war nicht genügend Zeit und Raum zum Ausreifen

gegönnt. Wir haben gesehen, daß durch solche Verhältnisse selbst ein

so aussichtsreiches und gutfundiertes Unternehmen wie die Berliner

Elektrizitätswerke an den Rand der Krise geführt wurde, daß nicht

nur die Aktionäre, sondern auch die Banken bei dieser Gesellschaft

vorzeitig das Vertrauen verloren. Schon damals wurde es Rathenau,

der von der Notwendigkeit der eigenen Unternehmertätigkeit stets

fest durchdrungen war, vollkommen klar, daß er mit den bisherigen

Finanzierungsmethoden diese Unternehmertätigkeit und damit die

Entwickelung der Elektrizitätsindustrie nicht in dem gewünschten Tempo

vorwärts bringen könnte. Zwar wuchs mit den Erfolgen der ersten Werke

-- mit den technischen wie finanziellen -- auch der Emissionskredit

und die Emissionsgeduld beim Kapitalistenpublikum und bei den Banken.

Immerhin war die Hebelkraft, die man auf diese Weise gewinnen

konnte, noch zu gering, und von zu vielen Zufälligkeiten abhängig.

Man konnte dem Publikum vielleicht zu gleicher Zeit zwei oder drei

Papiere werdender, aber noch nicht werbender Unternehmungen derselben

Art anbieten, überall hätte man subsidiär wohl noch den Kredit der

A. E. G. einsetzen müssen. Außerdem war man von den Banken, als

Emissionsvermittlern, Garanten und Vorschußgebern abhängig, und was

das zu bedeuten hatte, wußte Rathenau aus der Praxis ziemlich genau.

Eine derartige Abhängigkeit war ihm unsympathisch und sie paßte auch

nicht in seine planmäßig festen Baukalkulationen. Schließlich mußte

man sich auch nach Industrie- und Börsenkonjunkturen richten. Man lief

somit Gefahr, daß in einem Augenblicke, in dem irgend ein Bauprogramm

dringend fortgeführt werden mußte, die Erweiterung einer Anlage sich

als zweckmäßig und gar notwendig erwies, kein Geld aufzutreiben war,

weil die Verhältnisse auf dem Emissionsmarkte gerade ungünstig lagen.

Hier nun sollte das Finanzierungssystem sichernd, ergänzend, helfend,

vermittelnd und vorsorgend eingreifen. Es war nicht lediglich eine

Vermittelungsorganisation, die den geldbedürftigen Unternehmungen am

Anlagemarkte mit ihrem eigenen gefestigteren Kredit Kapital besorgte,

es war selbst ein Kapitalmarkt im Kleinen, ein Sammel- und Staubecken,

das in günstigen Zeiten der Geldkonjunktur sich mit Kapital vollsog

-- gleichgültig ob es zunächst eine bestimmte Verwendung dafür

hatte --, um es zu geeigneten Zeiten an die Bauunternehmungen des

Konzerns weiterzugeben. Ähnlich wie der unregelmäßige Wasserzufluß

eines Gebirgsbaches zu Zeiten des Wasserreichtums in einer Talsperre

aufgesammelt wird, um die konstanten Ansprüche eines Kraftwerkes

auch in Perioden der Wasserarmut befriedigen zu können, war auch das

Stauwerk des Finanzsystems organisiert. „In den nächsten Jahren wird

eine Reihe von neuen Aufgaben an uns herantreten, zu deren Lösung wir

uns jetzt schon rüsten müssen.“ Mit solchen oder ähnlichen Worten

sind von der A. E. G. selbst und ihren Finanzgesellschaften häufig

genug Kapitalserhöhungen begründet worden, für die im Augenblick

ihrer Durchführung bestimmte Anlässe noch nicht vorlagen oder doch

noch nicht klar hervorgetreten waren. Emil Rathenau hielt darauf, daß

in seinen Kassen nie der Boden sichtbar wurde und sorgte dafür, daß

stets mehr Geld darin war, als er für alle im Augenblick übersehbaren

Ausgaben brauchte. Es mußten stets beträchtliche Kapitalreserven für

unvorhergesehene Mehrausgaben oder für neue, plötzlich hervortretende

Projekte verfügbar gehalten werden. Nur dadurch konnte er stets die

+besten+ Geschäfte machen, daß er allen anderen Mitbewerbern in

geldlicher Bereitschaft und geldlicher Leistungsfähigkeit überlegen

war. Er war stets Gläubiger, nie Schuldner der Banken, und blieb durch

die beträchtlichen Bankguthaben, die er so unterhielt, nicht nur

von den großen Geldinstituten unabhängig, sondern er schuf sich eine

solche Position, daß sie um ihn werben mußten und sich zur Teilnahme

an seinen Finanzierungen, an seinen Konsortial- und Kreditgeschäften

drängten. Denn das ist gerade das Geniale an seinem System der

Finanzgesellschaften: Sie waren wohl stets in der Lage und gerüstet,

ihm das Höchstmaß der etwa verlangten finanziellen Kraftanspannung zu

leisten, er nutzte diese theoretische Höchstbelastung aber praktisch

nie aus, sondern verteilte die Ansprüche auf einen möglichst weiten

Kreis ihm zur Verfügung stehender Geldquellen. Nachdem er die feineren

und zuverlässigen Methoden der Finanzierung ausgebildet hatte,

verzichtete er durchaus nicht auf die älteren und primitiven. Neben

dem neuen Trustsystem wendete er das alte Konsortialsystem weiter an,

und die Banken, die ihm zuerst nur vorsichtig Kredit gegeben hatten,

beteiligten sich später gern an seinen neuen, wenn auch zunächst noch

nicht rententragenden Unternehmungen, weil sie bald aus Erfahrung

wußten, daß die mageren Jahre bei ihnen durch darauffolgende fette

mehr als reichlich ausgeglichen würden. So legten sie gewissermaßen

die Bankguthaben, die Rathenau bei ihnen unterhielt, wieder in seinen

industriellen Unternehmungen an und zogen aus der Zinsdifferenz

zwischen beiden Konsortialgewinne. Rathenau selbst hinwiederum

brauchte nicht die ganzen ihm zur Verfügung stehenden Kapitalien in

industriellem Risiko festzulegen, sondern war in der Lage, einen

Teil davon, wenngleich auch dieser letzten Endes indirekt seinem

Unternehmergeschäft wieder zugute kam, als Bankgeld flüssig zu halten.

Die reichlichen Mittel, die ihm jederzeit für Unternehmungen zur

Verfügung standen, wurden nun in der verschiedensten Form den jungen

Bauwerken zur Verfügung gestellt, teils als einfache Vorschüsse mit

längerer oder kürzerer Rückzahlungsfrist, teils als fundierte Darlehen

(Obligationen oder Hypotheken), teils als aktives Beteiligungskapital,

je nachdem die Bedürfnisse der jungen Werke dies erforderten und

ihre Baureife es zuließ. Mit fortschreitender Entwickelung wurde

vielfach die formlosere Art der Kapitalhergabe in die gebundenere

umgewandelt. Während der Anlaufszeit, die junge Unternehmungen bis zu

dem Zeitpunkt erforderten, in dem sie sich „freigebaut“ hatten und

zinstragend geworden waren, betätigten sich die Finanzgesellschaften,

das Beteiligungskonto der Hauptgesellschaft und die Bankenkonsortien

als kapitalische „Vorwärmer“ für sie, indem sie ihren Geldbedarf

sicherstellten, das Risiko und entsprechend auch die kapitalistische

Gewinnchance übernahmen. Der Emissionskredit der alten bewährten

Unternehmungen trat gewissermaßen solange für die Finanzbedürfnisse

der jungen werdenden Betriebe ein, bis deren eigener Emissionskredit

gereift war und selbständig auf dem Kapitalmarkt tätig sein konnte.

Sobald dieses Stadium erreicht war, erledigten die flügge gewordenen

Gesellschaften nicht nur ihre zukünftige Geldbeschaffung selbständig

(wobei die Finanzgruppen des Konzerns häufig Teilbeträge der neuen

Emissionen noch weiter übernahmen, aber nicht um den geldsuchenden

Tochtergesellschaften die Geldbeschaffung zu erleichtern, sondern

um selbst an den durch sie gebotenen günstigen Anlagemöglichkeiten

teilzunehmen); sondern die Vorwärmer-Gesellschaften konnten dazu

schreiten, die früher von ihnen übernommenen Kapitalbeteiligungen

unter Ausnutzung der inzwischen eingetretenen Wertsteigerungen

soweit abzustoßen, als es ihnen zweckmäßig erschien. Derartige

„Realisierungen“ rententragend gewordener Beteiligungen sorgten

dafür, daß die Finanz- und Konsortialkonten aus dem Wechsel ihrer

Bestände selbst einen Teil der Mittel gewinnen konnten, die sie für

neue Aufgaben brauchten. Der Effektenbesitz alimentierte und ergänzte

sich aus sich selbst. Da der Umfang dieser Aufgaben aber ständig

anwuchs, reichten die Realisations- und Abbaufonds meist nicht aus,

um die Anlage- und Aufbaufonds vollständig zu speisen. Es wurden

Kapitalserhöhungen der Finanzstammunternehmungen, Verstärkungen der

zentralen Geldquellen selbst, von Zeit zu Zeit nötig. Gelegentlich

fügte es sich auch so, daß neugegründete Unternehmungen die ihnen

mitgegebenen Kapitalien nicht sofort vollständig verwenden konnten.

Sie stellten sie dann zeitweilig den Finanzgesellschaften zur

Verfügung, die sie ihrerseits teils wieder zur Deckung akuter

Geldbedürfnisse anderer Betriebswerke verwandten, um sie ihren

Eigentümern im gegebenen Augenblicke zurückzustellen. Neben die

Disposition über dauernde Anlagekapitalien trat dann die Disposition

über vorübergehend verfügbare Mittel, die Finanzgesellschaften wurden

zu Ausgleichsstellen, die sich von den wirklichen Banken nur noch durch

die Begrenzung ihrer Geschäftsgebiete, nicht durch das Wesen ihrer

Geschäfte unterschieden.

Im allgemeinen wurde bei dem Rathenauschen Finanzsystem nicht der

Nachdruck auf dauernde, unlösliche Aktien-Verkapselung gelegt. Je

selbständiger die Tochtergesellschaften in ihrer Finanzgebarung

gestellt werden konnten, umso mehr ihrer Wertpapiere wurden aus den

Portefeuilles der Konzerngesellschaften an den freien Markt gegeben.

An dem Besitz von Dreiviertel-Majoritäten oder auch nur einfachen

Majoritäten wurde nicht pedantisch festgehalten, sondern das Streben

darauf gerichtet, daß der Konzernzusammenhang bei verhältnismäßig

kleinen Aktienbeteiligungen durch innere Bande, durch den Magnetismus

des wechselseitigen Interesses und der Gewohnheit erhalten blieb.

Nicht die Majoritätskontrolle, sondern die Hingezogenheit der freien

Aktionäre zum Konzern der A. E. G. sollte und konnte fast stets die

Verbindung wahren. Die Besetzung der Aufsichtsratskollegien mit

Konzernmitgliedern, und auch der Herdentrieb der freien Aktionäre,

die die Vertretung ihrer Aktien in den Generalversammlungen meist der

Konzerngesellschaft oder ihren Banken überließen, unterstützte die

Aufrechterhaltung der Herrschaft auch in solchen Fällen, in denen

der Konzern an sich in der Minderheit war. So zum Beispiel besaß die

A. E. G. zeitweilig nicht mehr als 1 Million Aktien der B. E. W. und

vermochte doch das mit einem Aktienkapital von 60 Millionen Mark

arbeitende Unternehmen in allen Einzelheiten zu leiten, trotzdem ihr

die Bestimmung darüber zeitweilig durch eine aus Kreisen der freien

Aktionäre gebildete Opposition streitig zu machen versucht wurde. Eine

solche Herrschaft mit geringem Eigenbesitz konnte nur durch einen

Konzern ausgeübt werden, der ein hohes Maß von immanenter Macht und

Autorität besaß, und der das ihm entgegengebrachte Vertrauen trotz

mancher gegen ihn vorgebrachten Einzel-Kritiken nie getäuscht hat.

Ein Trustsystem der geschilderten Art war aber nicht nur imstande,

die Emissionskraft der ihm angehörenden Unternehmungen sozusagen zu

„eskomptieren“, auf indirektem Wege früher zur Geltung zu bringen,

als es auf direktem Wege möglich gewesen wäre; es hat sie auch in

außerordentlicher Weise erweitert und verbreitert, und zwar dadurch,

daß es die Emissionen durch Teilung und Abwechslung reizvoller und

verdaulicher für den Kapitalmarkt zu gestalten vermochte. Hätte die

A. E. G. ihr Finanzsystem streng zentralistisch ausgebaut, hätte sie

die Kosten ihrer Unternehmertätigkeit nur durch ihre eigenen Aktien

und Obligationen bestritten, oder auch nur in vorbereitender Weise

aufgebracht, so würde das an dem +industriellen+ und +technischen+

Wert des Gesamtanlagenkomplexes und der Sicherheit der ihn

repräsentierenden Kapitalanlage eigentlich nichts geändert haben. Ob

ein Betriebsunternehmen direkt von der A. E. G. oder von einer ihrer

Finanzgesellschaften finanziert wurde, wäre für die industrielle

Entwickelung dieses Unternehmens und seiner Rente gleichgültig gewesen,

nicht aber für die Geldaufbringung am Kapitalmarkt. Hätte die A. E.

G. 500 oder 1000 Millionen eigener Aktien und einen ähnlichen Betrag

eigener Obligationen am Geldmarkt aufnehmen müssen, statt nur 200

Millionen Mark, so würde der Marktwert der A. E. G.-Aktien zweifellos

unter einem Überangebot gelitten haben, ihre Emissionskraft wäre

vermindert worden, da sich der Kapitalmarkt gesträubt und schließlich

ganz geweigert hätte, immer dasselbe Papier aufzunehmen. Viel günstiger

gestaltete sich die Situation dadurch, daß der Emissionskredit des

Gesamtkonzerns auf eine ganze Reihe von A. E. G.-Unternehmungen

verteilt wurde. Er wurde vor Überanstrengung bewahrt, denn die

Tochtergesellschaften behielten ebenso wie die Hauptgesellschaft jede

ihren Einzel-Kredit für sich, und empfingen von ihrer Zugehörigkeit

zum Gesamtkonzern noch eine Beigabe moralischer Art, die ihren eigenen

Kredit festigte und steigerte.

Dem rückschauenden Blick wird es vielleicht scheinen, daß dieses

Rathenausche Finanz- und Trustsystem, das -- so kompliziert es in

der Darstellung sich auch ausnehmen mag, -- doch wie jede einem

wirtschaftlichen Bedürfnis organisch angepaßte Methode im Kerne

und Aufbau ganz einfach ist, die Zeitgenossen sofort gewonnen und

überzeugt haben muß. In dieser Ansicht wird man noch bestärkt,

wenn man sich vergegenwärtigt, daß bereits ein paar Jahre später

die ganze Konkurrenz in der Elektrizitätsindustrie das Bestreben

zeigte, dieses System nachzuahmen und die mit ihm -- anscheinend

so mühelos -- erzielten Erfolge auch ihrerseits zu erreichen.

Aber es war nicht der gesunde, innere, nur in geduldiger Arbeit

zu entwickelnde Kern, der diese Mitläufer +überzeugt+ hatte,

sondern meist die von ihnen mißverstandenen und für die Hauptsache

gehaltenen äußeren Oberflächenwirkungen, die sie +blendeten+.

In den damals mit Rathenau liierten Bankkreisen war man von den

fachlichen Finanzierungsbanken innerlich durchaus nicht begeistert.

Einmal fürchtete man von ihnen einen Übergriff auf ihr eigenes

Geschäftsgebiet, sah in ihnen das Instrument, durch das sich

Rathenau von den Emissionsbanken unabhängig machen, diese jedenfalls

ihrer finanziellen Vorherrschaft -- soweit die Finanzierung seiner

Unternehmungen in Frage kam -- entkleiden wollte. Die Banken ahnten

wohl, daß hier ein Industrieller den Versuch machte, ihnen die

herrschende Stellung im Industrieleben allmählich zu nehmen und

ihnen die Rolle von dienenden Gliedern in seinem Bereich anzuweisen.

Außerdem war der letzte, vielleicht unbewußte Rest von Mißtrauen in

die Neuerungen des Mannes noch immer nicht geschwunden, von dem erst

endgültig zu erweisen war, ob er ein schöpferischer Umwälzer aller

Werte, oder nur ein glänzend begabter, doch unruhiger Experimentierer

war, dessen kühnes, vielstöckiges Architekturwerk doch eines Tages

-- in sich selbst überbaut -- zusammenbrechen konnte. Es gibt ja

Brücken- und Gebäudekonstruktionen, deren Tragfähigkeit die technische

Wissenschaft als sicher, ja übersicher errechnet hat und die doch auf

den Laien einen gefährlichen Eindruck machen. Man hatte sich an der

Gründung der Elektrobank -- fasziniert von der Neuartigkeit der Idee,

und unter dem Einfluß der Rathenauschen Erfolge -- kapitalistisch

beteiligt. Aber es kam hier, -- ähnlich wie seinerzeit bei den

Berliner Elektrizitätswerken, wenn auch in weit weniger krisenhafter

Weise -- bald dahin, daß die Banken an der Ertragfähigkeit des neuen

Unternehmens zweifelten und sich von den ihnen zu groß erscheinenden

Aktienbeteiligungen, die das Publikum ihnen nicht bereitwillig genug

abnehmen wollte, zu entlasten wünschten. In der Tat war in diesen

ersten Jahren ihres Bestehens die Elektrobank, wie das nicht anders

zu erwarten war, mit jungen, meist noch halbfertigen Unternehmungen

-- besonders den ausländischen Werken in Genua, Barcelona, Bilbao,

Buenos Aires, Santiago -- angefüllt, die sich nur langsam zur

Rentabilität entwickelten und von Rathenau bewußtermaßen nicht zur

schnellen Einträglichkeit getrieben wurden. Mit Mühe und Not zahlte die

Elektrobank Dividenden von 5%. Darin lag keine Emissionschance für ihre

Aktien und was aus den „exotischen“ Werten ihres Portefeuilles werden

würde, war noch eine ganz offene Frage. Die Banken hatten vielleicht

gewünscht, daß um ihrer Beteiligung an der Mantelgesellschaft willen,

die in deren Besitz befindlichen Betriebswerke etwas gewaltsam

gefördert worden wären. Aber Rathenau war viel zu sehr Industrieller,

als daß er finanztechnische Momente den bautechnischen hätte,

auch nur vorübergehend, voranstellen können. Er, der inzwischen

so erstarkt war, daß er Konzessionen -- wie manchmal am Anfang --

nicht mehr zu machen brauchte, hätte aber gerade in diesem Punkte

zuallerletzt Bankwünschen nachgegeben. Das entscheidende Interesse

legte er stets den produzierenden Unternehmungen und niemals den

finanzierenden Hilfsgesellschaften bei. Das Mittel, mit dem er die

latenten Schwierigkeiten in dem Falle der Elektrobank beseitigte,

war genau dasselbe wie das im Falle der Berliner Elektrizitätswerke

-- vor einem Jahrzehnt -- angewandte. Er übernahm kurz entschlossen

die gesamten Elektrobank-Aktien der Bankgruppe zu vorteilhaftem Kurse

und gewann die Mittel dazu durch Erhöhung des Kapitals der A. E. G.

um 12 Millionen Mark, die allerdings nicht sämtlich zum Umtausch der

Elektrobank-Aktien benötigt wurden. Dieser erfolgte in der Weise, daß

für je 5 vollgezahlte Elektrobank-Aktien zu 1000 Frcs. nom. 2000 M.

junge A. E. G.-Aktien angeboten wurden. Hierbei gelangte die A. E.

G. zu dem lächerlich geringen Buchpreise von 400 Mark für das Stück

in den Besitz von 28640000 Frcs. Elektrobank-Aktien, sie erwarb also

fast das ganze damals 30 Mill. Frcs. betragende Aktienkapital. Im

Geschäftsbericht des Jahres 1897/98 wird der Erwerb nur kurz begründet:

„Die Angliederung einer Trust-Gesellschaft war ratsam, und das uns

nahestehende Institut in Zürich wegen der in Angriff genommenen

internationalen Geschäfte hierfür vorzüglich geeignet.“ -- Für einen

Schritt, der vielleicht in den Augen Emil Rathenaus den Keim für ein

sehr gutes Geschäft darstellte, in den Augen der Aktionäre aber als ein

großes Wagnis erscheinen mußte, waren diese paar Zeilen der Begründung

ziemlich dürftig. Allerdings wurde den Aktionären der A. E. G. auf

Wunsch ein ausführlicher Bericht über die Situation der Elektrobank

zur Verfügung gestellt, aber bei der statistischen Ungeklärtheit der

die ausländischen Unternehmungen betreffenden Fragen, enthielt er

natürlich auch nur Konjekturen, keine unumstößlichen Tatsachen. In

der General-Versammlung sah sich Emil Rathenau denn auch veranlaßt,

den Erwerb der Elektrobank-Aktien näher zu motivieren. In seinen

Ausführungen klingen die Unstimmigkeiten mit der Bankengruppe, die

den Entschluß der Fusion mit der Elektrobank letzten Endes ausgelöst

hatten, nur leise an. In ihrem wesentlichen Teile bedeuten sie eine

Rechtfertigung des Systems der Trustgesellschaften im allgemeinen. Sie

sind gerade darum interessant genug, um nachstehend in ihrem Wortlaut

wiedergegeben zu werden, Rathenau sagte:

„Zur Durchführung der von uns ins Leben gerufenen Unternehmungen

hatten wir uns bisher mit einem aus potenten Finanzkräften bestehenden

Konsortium verbunden, und diese Vereinigung wird vielleicht auch in

Zukunft aufrecht erhalten werden. Aber wir verhehlen uns nicht, daß

die Banken als Vermittler des Kapitals zwischen dem Publikum und dem

Unternehmer der jeweiligen Stimmung des ersteren Rechnung tragen und

in Perioden wirtschaftlichen Niederganges und politischer Wirren ihre

Mitwirkung leicht versagen könnten. Gerade in solchen Zeitläuften,

deren baldige Wiederkehr freilich vorläufig nicht zu befürchten ist,

am wenigstens für uns, die wir mit lohnenden Aufträgen versorgt sind,

bedarf der Fabrikant ihrer Unterstützung zur Erlangung von Arbeiten,

mit denen er seine Werkstätten beschäftigen und den Stamm geschulter

Arbeiter erhalten kann. Schon aus diesem Grunde erachten wir es als

eine Pflicht, Geldquellen für den steigenden Kapitalbedarf, den die

ausgedehnten Unternehmungen fortdauernd hervorrufen, rechtzeitig uns zu

sichern. Diese Vorsicht scheint uns umsomehr geboten, als wir in einer

Industrie stehen, von der wir nicht wissen, wie lange ihr die Gunst

des Publikums erhalten bleibt. Denn es sind durch die Leichtigkeit der

Geldbeschaffung in den vergangenen Jahren zahlreiche Unternehmungen

gegründet worden, die ihre Lebensfähigkeit noch zu erweisen haben;

Enttäuschungen irgend welcher Art können aber ein Mißtrauen

verursachen, das sich auch auf gesunde Unternehmungen erstreckt.

Unter solchen Umständen werden gut organisierte und kapitalkräftige

Trustgesellschaften, welche den inneren Wert von Unternehmen

erkennen, die sich noch in der Vorbereitung befinden, den Mangel an

Unternehmungslust ersetzen können. Für die großen ausländischen und

überseeischen Unternehmungen, welche eine um so größere Bedeutung

für uns erlangen, je mehr die Geschäfte im Mutterlande abnehmen,

tritt aber das unabweisbare Bedürfnis einer Trustgesellschaft hervor,

welche ein internationales Gepräge besitzt und kapitalkräftig genug

ist, um die Führung in solchen Unternehmungen zu übernehmen. Eine

solche Organisation besteht bereits in der unter dem Patronat der

Schweizerischen Kreditanstalt in Zürich wirkenden Bank für elektrische

Unternehmungen, die auf einem politisch neutralen Gebiet, unter dem

Schutz einer für Trustgesellschaften günstigen Gesetzgebung im Juli

1895 gegründet wurde. Ein solches großes, bereits in voller Tätigkeit

befindliches internationales Organ für unsere Zwecke in noch höherem

Maße als bisher nutzbar zu machen, halten wir für zweckentsprechend.“

Die Aktionäre der A. E. G. haben, wie sich bald zeigte, die Transaktion

nie zu beklagen gehabt. Die Dividende der Elektrobank erhöhte sich

sehr bald auf 6½% und dann nach einem zweijährigen Rückschlag, der

sie in den Jahren der Elektrokrise auf 6% zurückführte, weiter auf

10 und 12%. Die A. E. G. wurde dadurch in die Lage versetzt, jeden

beliebigen Teil ihrer Elektrobank-Aktien mit ansehnlichem Kursgewinn

wieder zu veräußern, eine Möglichkeit, von der sie auch in den ihr

zweckmäßig erscheinenden Grenzen Gebrauch machte. Wieder einmal hatte

Emil Rathenau recht behalten und eine zunächst unerfreulich scheinende

Situation zum Vorteil gewandt. Späterhin wurde der Versuch gemacht, die

Organisation der Elektrobank auf eine grundsätzlich breitere Grundlage

zu stellen und ihren Wirkungskreis über den Bezirk der A. E. G. hinaus

zu erweitern. In ihrem Geschäftsbericht für 1903/04 finden sich

folgende Programmsätze:

„Nachdem wir uns früher hauptsächlich mit der Finanzierung solcher

neuen Unternehmungen abgegeben haben, deren technische Ausführung

durch die uns nahestehende Allgemeine Elektrizitätsgesellschaft

besorgt wurde, haben wir im Laufe des letzten Berichtsjahres den

ausdrücklichen Beschluß gefaßt, unsere geschäftliche Tätigkeit

insbesondere auch auszudehnen auf die Beschaffung der nötigen

Geldmittel für bereits bestehende Unternehmungen und die

Bevorschussung von Werten solcher, beides eventuell in Verbindung

mit technischer und administrativer Reorganisation des Betriebes

und mit dadurch zu erzielender Höherbewertung der eigentümlich

erworbenen oder mit Ausbedingung von Optionsrechten bevorschusster

Werte solcher Unternehmungen. Unsere Bank soll mit anderen Worten

+ein allgemeines Finanzierungsinstitut+ der Elektrizitätsindustrie

sein.“

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 21 / 41 段