In den Geschäftsberichten der Jahre 1894 und 1895 war bereits

auf die zunehmende Bedeutung der +Kraftübertragung+ für die

elektrische Industrie hingewiesen worden, nachdem die Bestrebungen, die

Elektrotechnik der Kraftübertragung und Kraftverteilung zuzuführen,

infolge des Beharrungsvermögens der Verbraucher lange erfolglos

geblieben waren. Zwei Entwickelungen waren es, die dann in der Frage

des elektrischen Antriebes der Arbeitsmaschinen den Bann brachen:

Die -- nach kurzem Zögern -- rapide Entwickelung des Drehstroms, die

Möglichkeit der Verwendung, Umformung und Verteilung hochgespannter

Ströme, die technisch wie ökonomisch dem bisher verwendeten Gleichstrom

und Wechselstrom weit überlegen waren, und ferner das Beispiel

der ersten +Straßenbahnen+, die sofort und schlagend die

Betriebsbilligkeit der Elektrizität als Antriebs- und Arbeitsfaktor

erwiesen. „Die Elektrotechnik vertieft sich zur Maschinenindustrie.“

Im Straßenbahnbau war die A. E. G. von Anfang an ebenso frei gewesen

wie Siemens & Halske, in der Entwickelung der Kraftübertragung hemmte

das vertragliche Verbot der Herstellung großer Maschinen und hierdurch

wurde die Ausnutzung des starken Vorsprungs, den der Gesellschaft das

von ihr zuerst und besonders wirkungsvoll dargestellte Drehstromsystem

ermöglicht hätte, verhindert, zumal eine Monopolisierung dieses bald

allenthalben von der Konkurrenz adoptierten Systems -- wie das bei

großen elektrischen Erfindungen üblich ist -- nicht gelang. Die erste

technische Aufgabe nach der Erlangung der völligen Fabrikationsfreiheit

war die Erweiterung der Maschinenfabrikation. 84541 qm wurden zu

diesem Zwecke längs des Humboldthains zwischen der Brunnen- bis zur

Hussitenstraße von der Berliner Lagerhof-Ges. in Liqu. erworben und

mit der alten Maschinenfabrik durch eine Tunnelbahn verbunden. 2

Millionen Mark neue A. E. G.-Aktien, die bei dem damaligen Kurse

einen Wert von mehr als 5 Millionen Mark repräsentierten und 341667

Mark in bar mußten für die Grundstücke allein bezahlt werden. Für

den Ausbau wurden die Mittel der Gesellschaft um weitere 5 Millionen

Mark Obligationen und 3 Millionen Mark neue Aktien vermehrt, von

denen allerdings 1 Million Mark zum Erwerb von 2 Millionen Mark

Anteilen der +Elektrochemischen Werke Bitterfeld G. m. b. H.+

dienten und der Rest zum Kurse von 175% den Aktionären angeboten

wurde. Die zweite große Ergänzung des fabrikatorischen Prozesses der

Gesellschaft, das +Kabelwerk+, das Material für unterirdische

Leitungen erzeugen sollte, nachdem die Gesellschaft schon seit längerer

Zeit oberirdisches Leitungsmaterial herstellte, wurde im Jahre 1896

begonnen. Dafür wurde ein Gelände von 102,120 qm an der Oberspree,

unmittelbar neben der neuen Kraftstation der B. E. W. erworben; dahin

wurde die gesamte Leitungsmaterialfabrikation verlegt, so daß der

bisher durch die Fabrik für oberirdisches Leitungsmaterial belegte

Werkstattraum in der Ackerstraße für andere Zwecke frei wurde.

Zugleich gewann die Gesellschaft durch den neuen Grundstückskauf einen

wertvollen Wasserstraßenanschluß. Von den bestehenden Fabrikanlagen

wurde die Glühlampenfabrikation durch Hinzunahme neuer Räume auf dem

Grundstück Schlegelstraße so beträchtlich erweitert, daß sie im Jahre

1895/96 600000 Lampen mehr erzeugen konnte als im Vorjahre und daß

die Erhöhung der gesamten Produktion auf das Doppelte im Bedarfsfalle

mit den geschaffenen Betriebseinrichtungen vorgenommen werden konnte.

Eine Anzahl von neuen Modellen, besonders Lampen hoher Spannung, die

eine wesentliche Ausdehnung der Netze von Beleuchtungsstationen ohne

starke Kosten ermöglichten, wurde in den nächsten Jahren geschaffen.

Im Jahre 1897/98 stieg der Absatz weiter um 900000 Lampen gegenüber

der gleichfalls wesentlich erhöhten Zahl des Vorjahres; in den Jahren

1898/99 und 1899/1900 um je 1 Million. Damit war die Leistungsfähigkeit

der erweiterten Fabrik erschöpft und es mußte zu einer neuen Ausdehnung

geschritten werden. Dabei wurde auch Vorsorge für die Haltung eines

größeren Lagerbestandes getroffen. Die Preise für Glühlampen waren

infolge der starken Konkurrenz in dieser Zeit ständig unter Druck, und

in den Kreisen der Fabrikanten wurde vielfach über unauskömmliche, zum

Teil ruinöse Preise geklagt. Im Geschäftsbericht für das Jahr 1895/96

trat die A. E. G. diesen Anschauungen mit folgenden Worten entgegen:

„Trotzdem der Marktpreis der Glühlampen sich über das frühere Niveau

nicht erhoben hat, müssen wir der, auch von Fabrikanten vielfach

ausgesprochenen Ansicht entgegentreten, daß derselbe die Lieferung

eines sorgfältig sortierten und geprüften Fabrikates nicht gestatte.

Bei zweckmäßigen Einrichtungen und entsprechendem Umsatz ist der Preis

dieses nach Millionen zählenden Massenartikels auskömmlich.“ -- In

den nächsten Jahren bis zur Krise kam die rückläufige Preisbewegung

auf dem Kohlenfadenlampen-Markte nicht zum Stillstand. Erst nachdem

eine Reihe schwacher und nicht konkurrenzfähiger Betriebe zum Erliegen

gekommen war, gelang ein Zusammenschluß der verbliebenen Fabriken im

+Kohlenfadenlampensyndikat+. Im Jahre 1898 erwarb die A. E. G. die

Nernstlampe, die nach dem Erfinder Prof. Dr. Nernst in Göttingen diesen

Namen erhalten hat, und suchte, zunächst durch Laboratoriumsarbeit die

praktische Verwertbarkeit dieser Lampe zu erreichen und sie für die

Fabrikation vorzubereiten. Darüber wurde im Geschäftsbericht dieses

Jahres geschrieben:

„Im Laboratorium beschäftigen wir uns seit Mitte März mit der

Erfindung des Herrn Professors Dr. Nernst in Göttingen. Das Prinzip

derselben läßt sich kurz dahin charakterisieren, daß, ähnlich wie beim

Gasglühlicht anstatt leuchtender Kohlenpartikelchen Substanzen von

besserer Lichtemission durch die Flammgase zum Glühen gelangen, so auch

in der neuen Lampe anstatt Kohlenkörper, die sowohl beim elektrischen

Bogen- wie Glühlicht bisher praktisch ausschließlich zur Verwendung

kamen, unverbrennliche Substanzen von hohem Lichtvermögen durch

den galvanischen Strom zur blendenden Weißglut erhitzt werden. Die

Hauptschwierigkeiten, die der Übertragung der Erfindung in die Praxis

anfänglich entgegenstanden, und welche einerseits die Anregung der im

kalten Zustande isolierenden Glühkörper, andererseits die Erzielung

genügender Haltbarkeit und Konstanz der Glühkörper bot, können jetzt

als bis zum gewissen Grade überwunden angesehen werden. Der Nutzeffekt

der Lampen ist z. Zt. etwa derjenige kleinerer Bogenlampen, also

erheblich besser als derjenige der bisherigen Glühlampen. Es steht zu

hoffen, daß sich der Nutzeffekt noch merklich steigern wird, und daß

sich Glühkörper bis zu fast beliebigen Kerzenstärken werden herstellen

lassen. In der Bequemlichkeit oder Handhabung sind die neuen Lampen

den Bogenlampen offenbar überlegen, stehen aber darin den gewöhnlichen

Glühlampen erheblich nach. Wir glauben nicht, daß die neue Lampe die

bisherigen Systeme elektrischer Beleuchtung verdrängen wird, vielmehr

scheint uns sicher, daß sie neben jenen ihr Anwendungsgebiet sich

erobern wird.“

Die Exploitation der Lampe nahm indes unerwartet viel Zeit in Anspruch,

trotzdem unermüdlich unter tätiger und ratender Mitarbeit Emil

Rathenaus an ihr gearbeitet und experimentiert wurde. 1899 hieß es:

„Die technische und wirtschaftliche Bedeutung der Nernstlampe werden

wir zu erproben Gelegenheit haben, sobald die im Bau begriffenen

Werkstätten uns in den Stand setzen, die der regen Nachfrage

entsprechenden Mengen herzustellen. Das Hauptpatent ist in Deutschland

nach Erledigung verschiedener Einsprüche erteilt worden. Die Option auf

die übrigen Patente mit Ausnahme derer für Österreich-Ungarn, Italien

und der Balkanländer haben wir ausgeübt.“ -- Die Hauptschwierigkeit lag

danach nicht mehr in der Konstruktion, sondern in der Produktion, deren

Überführung ins Große sich Hindernisse in den Weg stellten. Sie waren

auch im folgenden Jahre noch nicht behoben. Endlich im Jahre 1900/01

war das Stadium der Versuche und Enttäuschungen überwunden, worüber die

Gesellschaft mit folgenden Sätzen im Geschäftsbericht quittierte:

„Ein voller Erfolg ist nach jahrelanger, mühsamer Arbeit die Einführung

der Nernstlampe geworden. Die schöne und zugleich sparsame Lichtquelle

befindet sich in Hunderttausenden von Exemplaren bereits im Gebrauch

und gewinnt infolge sehr günstiger Betriebserfahrungen und der äußerst

befriedigenden Meßresultate der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt

täglich weitere Kreise.“

Vermochte die A. E. G. auf dem Gebiete der Beleuchtungstechnik

ihre dominierende Stellung (wenn auch unter ständiger, gewaltiger

Steigerung der Absatzquantität) nur gerade zu behaupten, während

ihren Plänen, neue Vorsprünge vor der Konkurrenz zu gewinnen,

-- wie die Folgezeit lehren sollte -- trotz der Nernstlampe ein

durchschlagender und dauernder Erfolg nicht beschieden war, so wurden

auf anderen Gebieten Leistungen vollbracht, die durchaus den Stempel

des Neuartigen, Schöpferischen trugen. Hierher gehört vor allem

die klassische Durchbildung und praktisch-großartige Nutzanwendung

der Kraftübertragung in Stromerzeugungswerken, die das Höchstmaß

der damals möglichen Leistungsfähigkeit zu erreichen und ständig

zu erweitern suchten. Gerade dadurch, daß Rathenau auf dem Gebiete

des Wechselstroms nichts überstürzte und andere Unternehmungen,

so die Helios-Gesellschaft in Köln, englische und schweizerische

Gesellschaften den Wettlauf um die halbfertigen, halbgelungenen

Verwirklichungen ausfechten ließ, erwies er die Geduld und die

Kunst des Meisters. Er hatte sehr richtig erkannt, daß die Motoren

und auch die Lampen erst einer gründlichen Durchbildung für das

Hochspannungssystem bedurften, die nicht im Handumdrehen zu erreichen

war. Seine ersten nach dem Drehstromsystem erbauten Zentralen waren,

nachdem diese Schwierigkeiten überwunden waren, von überzeugender

Schlagkraft und Reife. Die Zentrale in Straßburg i. E. wurde im

Jahre 1895 rechtzeitig eröffnet, um die Stromlieferung für die

elsaß-lothringische Landesausstellung übernehmen zu können. Die neue

Zentrale an der Oberspree trat im Jahre 1896 in Tätigkeit mit einer

Anlage, die auf 50000 Pferdekräfte zugeschnitten war und einen Teil der

Vororte Berlins mit billiger Energie nach einem besonders vorteilhaften

Tarif versorgen sollte. Die Werke der Berliner Elektrizitätswerke

wurden dadurch ergänzt und die B. E. W. übernahmen das fertiggestellte

Werk, nachdem sein Funktionieren zweifelsfrei erwiesen war. Die

moderne Außenanlage wurde bei der nächsten Vertragserneuerung dem

Vertrage mit der Stadt Berlin eingegliedert, und man sorgte dafür,

daß der in Oberschöneweide erzeugte Hochspannungsstrom auch in

das innere Weichbild Berlins eingeführt werden konnte, wo er in 5

Unterstationen umgeformt wurde. Die Riesenmaschinen der neuen Zentrale

erregten die Bewunderung der ganzen Fachwelt, deren Vertreter wie

seinerzeit bei der Straßenbahn in Halle aus aller Herren Länder zur

Besichtigung herbeieilten. Es folgten die Anfänge der Versorgung

des oberschlesischen Industriebezirks mit Licht- und Kraftstrom,

verbunden mit der Elektrifizierung oberschlesischer Straßenbahnen.

In Zaborze und Chorzow wurden zunächst Zentralstationen errichtet,

die das Fundament für die +Oberschlesischen Elektrizitätswerke+

abgaben, und im Laufe der Zeit unter der Firma Schlesische

Elektrizitäts- und Gas-Aktiengesellschaft sich zu einem der wenigen

ganz großen Überlandzentralen-Werke Deutschlands auswuchsen. Die

Kraftübertragungswerke Rheinfelden, deren schwierige Wasserbauten

infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse und des dadurch

herbeigeführten hohen Wasserstandes des Rheins nicht mit der

planmäßigen Schnelligkeit gefordert werden konnten, reiften ihrer

Vollendung entgegen. Hier wie in anderen modernen Zentralstationen

wurden +Turbinen+ großer Maßstäbe als Antriebsmaschinen

verwendet. Auch auf diesem Gebiete trat das echt Rathenausche Prinzip

deutlich hervor, nicht zu warten, bis der Absatz allmählich den

Erzeugungsstätten zufloß, sondern sich für besonders rationell zu

erzeugende Kraft Groß-Abnehmer zu schaffen. Die Kraftübertragungswerke

Rheinfelden überließen die Hälfte ihrer verfügbaren Kraft auf die

Dauer der Konzession großen elektrochemischen Fabriken, die von der A.

E. G. und ihrem Konzern zu diesem Behufe gegründet oder unterstützt

worden waren und deren Produktionsnutzen auf dem Prinzip des billigen

Kraftbezuges beruhte. Der Standort der billigen Betriebskraft fing

auch in der elektrotechnischen Industrie an, eine maßgebende Bedeutung

neben dem Standort der günstigen Produktions- und Absatzverhältnisse

zu erlangen. Die Elektrochemie, der sich die A. E. G. besonders

durch Errichtung der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld mit ihren

Zweigunternehmungen in Rheinfelden zugewendet hatte, betätigte sich

in der ersten Zeit besonders durch Erzeugung von Kalziumkarbid, um

später durch die elektrochemische Herstellung von Luftstickstoff eine

gewaltige Bedeutung zu erlangen. -- Lizenzen der elektrochemischen

Verfahren wurden an ausländische Gesellschaften, in Polen, in

Frankreich, in der Schweiz usw. übertragen, an denen sich das

Stammunternehmen beteiligte.

In dieser Zeit beginnt auch das +ausländische+ Gründungs- und

Beteiligungsgeschäft, das schon vorher in kleineren und mittleren

Unternehmen betätigt worden war, große Formen anzunehmen. Die Werke in

Madrid, Barcelona, Bilbao, Craiova, Kopenhagen hatten die A. E. G. im

Auslandsgeschäft heimisch gemacht. Im Jahre 1894 wird durch Übernahme

der Aktien der von der Stadtgemeinde Genua und der italienischen

Regierung konzessionierten Società di Ferrovie Elettriche e Funicolare

(Elektrische Tram- und Drahtseilbahnen) die Zusammenfassung und

Elektrifizierung des gesamten Straßenbahn- und Krafterzeugungswesens

der lebendigsten italienischen Hafenstadt eingeleitet. Schon im

nächsten Jahre wird diese Gesellschaft zum Erwerb sämtlicher

Aktien der Società dei Tramways Orientali veranlaßt, die mit den

Konzessionsrechten zum Bau und zum Betrieb elektrischer Trambahnen für

den Osten von Genua und für die Vororte bis Nervi ausgerüstet war.

Die Netze beider Verkehrsunternehmen sollten zusammen ausgebaut und

in einheitlichem Betriebe geführt werden. Nahezu gleichzeitig mit

dem Erwerb der Società dei Tramways Orientali wird der A. E. G. von

der Stadt Genua die Konzession für den Bau und Betrieb eines Werkes

zur Erzeugung von Licht und Kraft erteilt, die einer neugegründeten

italienischen Aktiengesellschaft „Officine Elettriche Genovesi“

übertragen wird. Die Interessen der drei Gesellschaften wiesen auf

enges Zusammengehen hin, damit alle Vorteile ausgenutzt würden, die

sich aus der Zusammenlegung der Betriebe ergeben konnten. Die schon

an sich starke Position der A. E. G. in der Elektrizitätsversorgung

Genuas wird noch dadurch verstärkt und ergänzt, daß die seit Jahren

bestehende große Pferdebahn der Compania Generale Francese, die Genua

mit Sampierdarena, Pegli, Voltri und Pontedecimo verband, in den

Besitz einer neugegründeten italienischen Aktiengesellschaft, der

Unione Italiana, übergeführt und dem Netz der A. E. G. -- wenn auch

nicht durch direkte finanzielle Beteiligung, so doch durch Bau- und

Betriebseinfluß -- angegliedert wird. Alle drei Trambahnunternehmen,

die eine Gleislänge von 90 km besitzen, werden in elektrischen Betrieb

überführt und mit dem Strom der Offizine Elettriche Genovesi, des neuen

Kraftwerks, gespeist. Diese mustergültige Konzentration des gesamten

Elektrizitätswesens einer großen Stadt bietet eine Fülle finanzieller,

organisatorischer und technischer Arbeit, zu deren Bewältigung ebenso

wie für andere gegenwärtige und zukünftige Aufgaben ähnlicher Art

eine besondere Finanzgesellschaft, die „+Bank für elektrische

Unternehmungen in Zürich+“ mit einem Kapital von 30 Mill. Fr.

gegründet wird. Sie übernimmt zunächst den Hauptaktienbesitz der A.

E. G. an den italienischen Gesellschaften, zu denen im Laufe der Zeit

Betriebe in Mailand, Venedig und Neapel treten.

Noch breitere Dimensionen, weitere Perspektiven weist ein zweites

Auslandsunternehmen auf, das zum ersten Mal die Pioniere der A. E. G.

nach +Übersee+ führt. In Buenos Aires und in Santiago de Chile

werden im Jahre 1897 Konzessionen zur Errichtung von Zentralstationen

für die Erzeugung von Kraft und Licht erworben. Straßenbahnprojekte

ergänzen diese Konzessionen. An der chilenischen Unternehmung

beteiligen sich neben der A. E. G. und ihren Finanzfreunden, die dem

Löwe-Konzern nahestehende Gesellschaft für Elektrische Unternehmungen

und das Haus Wernher, Beit & Co. in London. Die südamerikanischen

Werke, zu denen später noch Gründungen in Montevideo und Rosario

treten, werden in einer +Deutsch-Überseeischen Elektrizitäts-Ges.+

zusammengefaßt. Diese Gesellschaft entwickelt sich so gewaltig, daß zu

ihrer Finanzierung später fast alle deutschen Banken, unter der Führung

der Deutschen Bank hinzugezogen werden, und daß ihr technischer Ausbau

ein Zusammenarbeiten der A. E. G. mit Siemens & Halske wünschenswert

erscheinen läßt. Es entsteht und wächst ein Unternehmen, dessen Kapital

schließlich 150 Millionen Mark an Aktien und über 100 Millionen

Mark an Obligationen erreichte, das größte Kulturwerk deutscher

Auslandswirtschaft.

* *

*

Neben der +zentralistischen+ Tätigkeit der A. E. G. in den eigenen

Fabriken war seit der Schaffung der B. E. W. in immer stärkerem

Umfange die +dezentralisierende+ getreten, die sich in der

Gründung von Zweigunternehmungen, Tochter- und Enkelgesellschaften

aller Art ausdrückte. Es wurde ein Weg beschritten, zunächst scheinbar

unabsichtlich oder doch ohne feste programmatische Absicht, der von

Fall zu Fall, wie es jeweilig die einzel-geschäftliche Erwägung

zweckmäßig erscheinen ließ, zu Außenansiedelungen führte, die dem

Stammunternehmen in irgend einer Hinsicht von Nutzen sein und als

Stützpunkte dienen konnten. Die Methode der Dezentralisation, der

Abzweigung exzentrischer Unternehmergebiete vom Hauptunternehmen

durch Schaffung juristisch selbstständiger Gesellschaften oder

auch der Zusammenfassung einer Reihe von verwandten, miteinander

in Beziehung stehenden oder einander ergänzenden Unternehmungen in

einer Gruppe, sei es durch eine übergeordnete Mantelunternehmung

oder durch gegenseitige Aktienbeteiligung, ist nicht von Rathenau

erfunden worden. In dem Zeitalter, das durch Konzentration groß wurde,

lag sie sozusagen in der Luft. Die dezentralisierenden Seiten des

sogenannten Verschachtelungssystems entlasteten die Leiter der großen

Gruppenunternehmungen von einer Kleinarbeit und einer aktienrechtlichen

Verantwortlichkeit für Einzelheiten ihrer weitverzweigten Geschäfte,

die sie bei einer streng zentralistischen Verwaltung in der

Entfaltung ihrer Kräfte behindert, vielleicht erdrückt hätten. Die

zusammenfassenden Seiten dieses Systems boten ihnen trotzdem die

Möglichkeit, jederzeit alle Ausstrahlungen ihrer Unternehmungen zu

überblicken und zu überwachen. Vor Rathenau und gleichzeitig mit ihm

waren in der heimischen und der ausländischen Industrie trustartige

Gebilde entstanden, so besonders in den Vereinigten Staaten von

Amerika, wo sie sich als eine Folge des dort üblichen Finanz- und

Kapitalsystems herausbildeten. Zusammenballung unter ständigem Kampf

mit Konkurrenten war die Tendenz, in der unter der rein plutokratischen

Ordnung in Amerika Vermögen und Unternehmungen in die Breite strebten.

Die Häufung der +Quantität+ gab hier oft den Ausschlag, und

die großen Trustherren des Landes erweiterten ihren Aktienbesitz

durch Zusammenschweißung vielfach heterogener Wirtschaftsgebilde,

getrieben häufig nur von dem Willen zur Macht und zum Reichtum.

Rivalitätsneid, Agiotage, Plusmacherei, Spekulationssucht und andere

unsachliche Nebenerscheinungen des kapitalistischen Unternehmertums

nahmen im Transaktionswesen einen ungebührlich breiten Raum ein

und durchseuchten auch das Wurzelreich der Trustkombinationen. Die

Operationen am Aktienmarkte, nicht die wirtschaftlichen Interessen

der Industrie bildeten häufig die Triebfeder für Effektengeschäfte.

Nicht die Wertebildung, sondern die Wertebemessung war ihr Ziel. Es

konnte durch rasche Manöver besser erreicht werden als durch geduldige

Arbeit, und der Kurs ließ sich schneller beeinflussen als die Rente.

Da der Gewinn am Kurse schon an sich den Gewinn an der Rente um ein

Vielfaches übertrifft, indem er sozusagen die Kapitalisierung des

letzteren darstellt, da überdies Schwankungen des Kurses sich ungleich

häufiger ins Werk setzen lassen als Schwankungen der Rente, findet

derjenige, der auf eine schnelle Häufung großer Kapitalien ausgeht, in

dem Manipulieren, das heißt dem Hin- und Herschieben von industriellen

Wertpapieren eine Potenzierung +der+ Gewinnmöglichkeiten, die

ihm die Entwickelung von industriellen Werten bietet. Nur durch

die skrupellose Schaffung und Ausnutzung von künstlichen oder gar

fiktiven Werteverschiebungen und Wertevergrößerungen, für die

industrielle Vorgänge geschickt als Vorwand benutzt oder konstruiert

wurden, erklärt sich die schnelle Bildung mancher amerikanischen

Riesenvermögen. Ebensowenig wie behauptet werden kann, daß unsere

deutschen Verhältnisse von derartigen Erscheinungen und Auswüchsen

ganz frei gewesen sind -- wir werden später noch sehen, daß gerade

das Rathenausche Unternehmergeschäft, falsch nachgeahmt, zu ganz

ähnlichen Mißbräuchen des Effekteninstruments, allerdings in den

kleineren Maßen unseres Landes geführt hat --, ebensowenig soll dem

amerikanischen Trustsystem jeder sachlich-wertvolle Inhalt, jeder

industriell-zweckvolle Gesichtspunkt abgesprochen werden. Neben der

rein kapitalistischen Macht wurde vielfach auch industrielle Macht

angestrebt, und im Entwurf, wenn auch nicht in der Ausführung, hatten

die Spekulationen der Trustkönige fast stets einen wirtschaftlich

wertvollen Kern, weshalb manchen dieser Männer auch -- im Anfange ihrer

Tätigkeit wenigstens -- der gute Glaube nicht unbedingt abgesprochen

werden kann. An wirtschaftlicher Phantasie fehlte es ihnen häufig

nicht, wohl aber an wirtschaftlicher Solidität, und sie zogen es

bald -- nachdem sie die großen Schwierigkeiten zäher Industriearbeit

kennen gelernt hatten -- vor, Effektenpolitik zu treiben, statt

Wirtschaftspolitik. Viele der großen Trusts haben infolgedessen

Jahrzehnte gebraucht, ehe sie das ihnen bei ihrer Taufe mitgegebene

reichliche „Wasser“ aus ihren Eingeweiden aussondern konnten, und die

unorganische Anlage mancher der amerikanischen Bahnsysteme hat sich

bis in die heutige Zeit als unheilbar erwiesen. Auch die elektrischen

Konzerne der Vereinigten Staaten litten jahrzehntelang unter den

Schäden zu leichter Zimmerung.

Wenn nun im Laufe der Jahre, nachdem die Expansionsmöglichkeiten selbst

in Amerika eine gewisse Einengung erfahren haben, die Entwickelung

auch in diesem Lande zu einer gewissen Intensität der Wirtschaft

hinlenkte, wenn auch hier die Effektenfluktuationen allmählich

ruhiger wurden, das Land des Trustsystems hat es bisher eigentlich

nur zu Unternehmungsgruppen gebracht, die man +Flächentrusts+

nennen kann. Es wird eine Anzahl von Unternehmungen, die denselben

Zweck verfolgen und einander ungefähr ähnlich organisiert sind,

zusammengebracht, um die Konkurrenz zwischen ihnen auszuschließen und

den Markt in den von ihnen hergestellten Waren oder den von ihnen

geleisteten Arbeiten zu monopolisieren. Die amerikanischen Trusts sind

im allgemeinen Gegenstücke zu unseren deutschen +Kartellen+.

Sie verfolgen denselben Zweck wie diese, wenngleich sie ihn nie so

voll erreicht haben, weil in Amerika die größeren industriellen

Neubildungsmöglichkeiten ein Außenseitertum mehr begünstigten als

unsere extensiv ziemlich erschöpfte und nur im wesentlichen noch

intensiv zu entwickelnde Industrie. Der wirtschaftliche Vorteil

der amerikanischen Trusts besteht nun fast lediglich darin, ihre

Beteiligten davor zu bewahren, die Waren ohne den von ihnen für

notwendig gehaltenen Produktionsnutzen abgeben zu müssen. Die

Politik, die sie betreiben, ist daher nicht nur in der Absicht,

sondern auch in der Wirkung reine Produzentenpolitik. Sie stärkt die

Erzeugerschicht und leistet der Volkswirtschaft damit einen -- wenn

auch einseitigen -- Dienst, indem sie die Rente des in der Industrie

arbeitenden Kapitals schützt und mehrt, und das Gesamtkapital des

Landes, allerdings vielleicht unter Schädigung anderer Schichten,

nach einer bestimmten Richtung hinlenkt. Wird ihre Politik maßvoll

gehandhabt, so braucht sie, und dasselbe gilt von der Politik der

deutschen Kartelle, auch den Interessen der Konsumenten nicht zuwider

zu laufen. Ist ihre Preisdiktatur aber rücksichtslos, so kann die damit

verbundene Schädigung der Konsumenten oder Weiterverarbeiter so groß

sein, daß sie der gesamten volkswirtschaftlichen Ökonomie des Landes

abträglich wird. In der Praxis haben die amerikanischen Trustherren,

die „reichen Räuber“, begünstigt durch eine auf ihre industriellen

Interessen zugeschnittene Hochschutzzollpolitik, tatsächlich die

Kapitalbildung des Landes in eine industrieplutokratische Richtung

gezwungen, wie sie sich in keinem anderen Lande auch nur annähernd

so scharf ausgeprägt hat. Den amerikanischen Flächentrusts sind aber

die ökonomischen Vorteile, wenn auch nicht gänzlich fremd, so doch

verhältnismäßig wenig vertraut, die sich aus der +Vertiefung+

des Produktionsprozesses durch Selbstbedarfsherstellung und

Selbstabsatzdeckung ergeben können. Derartige +Tiefentrusts+, wie

sie besonders die deutsche Industrie herausgebildet hat, verfolgen

an sich nicht die Tendenz der Marktbeherrschung. Sie wollen nicht

so sehr an dem teuren Absatz einer Ware verdienen, als an der

billigen Produktion. Sie wollen diese Ware so billig wie möglich

+herstellen+, um sie -- trotz Erzielung ihres angemessenen

Unternehmer-Nutzens -- so wettbewerbsfähig, das heißt so wohlfeil wie

möglich +verkaufen+ zu können. Sie erreichen dies dadurch, daß

sie die Ware in einem möglichst lückenlosen Produktionsprozeß in allen

Stadien der Rohstoffbeschaffung, Weiterverarbeitung und Endproduktion

selbst erzeugen und sie so -- unbelastet mit den Produktionsnutzen der

Vor-Unternehmer (Roh- und Halbstofflieferanten) -- lediglich unter

Einkalkulierung ihres Schlußgewinnes in den Verkehr bringen können. Die

volkswirtschaftlichen Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand.

Sie sind produzenten-fördernd und zugleich konsumenten-dienlich und

selbst wenn der Tiefentrust zugleich ein Monopol besitzt oder -- wie

dies in der deutschen Montanindustrie der Fall ist -- sich mit anderen

Unternehmungen ähnlicher Art durch Kartelle usw. zu einem Monopol

zusammenschließt, sind die Gefahren der Monopolisierung nicht so groß

wie bei dem Flächentrust, weil selbst ein hoher Preisaufschlag beim

Verkauf durch die Ersparnis an den Produktionskosten kompensiert oder

doch verringert wird. Ähnliche Ersparnisse kann der Flächentrust --

wie dies ja in Amerika teilweise der Fall ist -- nur durch äußerste

Spezialisierung, also auf dem ganz entgegengesetzten Wege, machen,

zum Beispiel dadurch, daß eine Fabrik oder eine Fabrikengruppe nicht

Werkzeugmaschinen verschiedener Art, sondern nur eine ganz bestimmte

Werkzeugmaschinentype, daß eine andere Gruppe nur Automobilreifen, eine

dritte nur Fahrradreifen usw. herstellt. Eine solche Spezialisierung

läßt sich aber nur in der Verfeinerungsindustrie, nicht in den unteren

gewerblichen Stufen erreichen, sie entzieht dem Unternehmer auch den

Überblick über die Gesamtheit seiner Industrie, hindert manchmal darum

sein technisches Fortschreiten und setzt jedenfalls seinen, lediglich

auf einen bestimmten Produktionsprozeß zugeschnittenen Betrieb der

Gefahr aus, konkurrenz- und damit lebensunfähig zu werden, sobald von

irgend einer anderen Seite ein besseres Verfahren gefunden wird oder

die Konjunktur seinem Erzeugnisse ungünstig wird.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 19 / 41 段