auf die zunehmende Bedeutung der +Kraftübertragung+ für die
elektrische Industrie hingewiesen worden, nachdem die Bestrebungen, die
Elektrotechnik der Kraftübertragung und Kraftverteilung zuzuführen,
infolge des Beharrungsvermögens der Verbraucher lange erfolglos
geblieben waren. Zwei Entwickelungen waren es, die dann in der Frage
des elektrischen Antriebes der Arbeitsmaschinen den Bann brachen:
Die -- nach kurzem Zögern -- rapide Entwickelung des Drehstroms, die
Möglichkeit der Verwendung, Umformung und Verteilung hochgespannter
Ströme, die technisch wie ökonomisch dem bisher verwendeten Gleichstrom
und Wechselstrom weit überlegen waren, und ferner das Beispiel
der ersten +Straßenbahnen+, die sofort und schlagend die
Betriebsbilligkeit der Elektrizität als Antriebs- und Arbeitsfaktor
erwiesen. „Die Elektrotechnik vertieft sich zur Maschinenindustrie.“
Im Straßenbahnbau war die A. E. G. von Anfang an ebenso frei gewesen
wie Siemens & Halske, in der Entwickelung der Kraftübertragung hemmte
das vertragliche Verbot der Herstellung großer Maschinen und hierdurch
wurde die Ausnutzung des starken Vorsprungs, den der Gesellschaft das
von ihr zuerst und besonders wirkungsvoll dargestellte Drehstromsystem
ermöglicht hätte, verhindert, zumal eine Monopolisierung dieses bald
allenthalben von der Konkurrenz adoptierten Systems -- wie das bei
großen elektrischen Erfindungen üblich ist -- nicht gelang. Die erste
technische Aufgabe nach der Erlangung der völligen Fabrikationsfreiheit
war die Erweiterung der Maschinenfabrikation. 84541 qm wurden zu
diesem Zwecke längs des Humboldthains zwischen der Brunnen- bis zur
Hussitenstraße von der Berliner Lagerhof-Ges. in Liqu. erworben und
mit der alten Maschinenfabrik durch eine Tunnelbahn verbunden. 2
Millionen Mark neue A. E. G.-Aktien, die bei dem damaligen Kurse
einen Wert von mehr als 5 Millionen Mark repräsentierten und 341667
Mark in bar mußten für die Grundstücke allein bezahlt werden. Für
den Ausbau wurden die Mittel der Gesellschaft um weitere 5 Millionen
Mark Obligationen und 3 Millionen Mark neue Aktien vermehrt, von
denen allerdings 1 Million Mark zum Erwerb von 2 Millionen Mark
Anteilen der +Elektrochemischen Werke Bitterfeld G. m. b. H.+
dienten und der Rest zum Kurse von 175% den Aktionären angeboten
wurde. Die zweite große Ergänzung des fabrikatorischen Prozesses der
Gesellschaft, das +Kabelwerk+, das Material für unterirdische
Leitungen erzeugen sollte, nachdem die Gesellschaft schon seit längerer
Zeit oberirdisches Leitungsmaterial herstellte, wurde im Jahre 1896
begonnen. Dafür wurde ein Gelände von 102,120 qm an der Oberspree,
unmittelbar neben der neuen Kraftstation der B. E. W. erworben; dahin
wurde die gesamte Leitungsmaterialfabrikation verlegt, so daß der
bisher durch die Fabrik für oberirdisches Leitungsmaterial belegte
Werkstattraum in der Ackerstraße für andere Zwecke frei wurde.
Zugleich gewann die Gesellschaft durch den neuen Grundstückskauf einen
wertvollen Wasserstraßenanschluß. Von den bestehenden Fabrikanlagen
wurde die Glühlampenfabrikation durch Hinzunahme neuer Räume auf dem
Grundstück Schlegelstraße so beträchtlich erweitert, daß sie im Jahre
1895/96 600000 Lampen mehr erzeugen konnte als im Vorjahre und daß
die Erhöhung der gesamten Produktion auf das Doppelte im Bedarfsfalle
mit den geschaffenen Betriebseinrichtungen vorgenommen werden konnte.
Eine Anzahl von neuen Modellen, besonders Lampen hoher Spannung, die
eine wesentliche Ausdehnung der Netze von Beleuchtungsstationen ohne
starke Kosten ermöglichten, wurde in den nächsten Jahren geschaffen.
Im Jahre 1897/98 stieg der Absatz weiter um 900000 Lampen gegenüber
der gleichfalls wesentlich erhöhten Zahl des Vorjahres; in den Jahren
1898/99 und 1899/1900 um je 1 Million. Damit war die Leistungsfähigkeit
der erweiterten Fabrik erschöpft und es mußte zu einer neuen Ausdehnung
geschritten werden. Dabei wurde auch Vorsorge für die Haltung eines
größeren Lagerbestandes getroffen. Die Preise für Glühlampen waren
infolge der starken Konkurrenz in dieser Zeit ständig unter Druck, und
in den Kreisen der Fabrikanten wurde vielfach über unauskömmliche, zum
Teil ruinöse Preise geklagt. Im Geschäftsbericht für das Jahr 1895/96
trat die A. E. G. diesen Anschauungen mit folgenden Worten entgegen:
„Trotzdem der Marktpreis der Glühlampen sich über das frühere Niveau
nicht erhoben hat, müssen wir der, auch von Fabrikanten vielfach
ausgesprochenen Ansicht entgegentreten, daß derselbe die Lieferung
eines sorgfältig sortierten und geprüften Fabrikates nicht gestatte.
Bei zweckmäßigen Einrichtungen und entsprechendem Umsatz ist der Preis
dieses nach Millionen zählenden Massenartikels auskömmlich.“ -- In
den nächsten Jahren bis zur Krise kam die rückläufige Preisbewegung
auf dem Kohlenfadenlampen-Markte nicht zum Stillstand. Erst nachdem
eine Reihe schwacher und nicht konkurrenzfähiger Betriebe zum Erliegen
gekommen war, gelang ein Zusammenschluß der verbliebenen Fabriken im
+Kohlenfadenlampensyndikat+. Im Jahre 1898 erwarb die A. E. G. die
Nernstlampe, die nach dem Erfinder Prof. Dr. Nernst in Göttingen diesen
Namen erhalten hat, und suchte, zunächst durch Laboratoriumsarbeit die
praktische Verwertbarkeit dieser Lampe zu erreichen und sie für die
Fabrikation vorzubereiten. Darüber wurde im Geschäftsbericht dieses
Jahres geschrieben:
„Im Laboratorium beschäftigen wir uns seit Mitte März mit der
Erfindung des Herrn Professors Dr. Nernst in Göttingen. Das Prinzip
derselben läßt sich kurz dahin charakterisieren, daß, ähnlich wie beim
Gasglühlicht anstatt leuchtender Kohlenpartikelchen Substanzen von
besserer Lichtemission durch die Flammgase zum Glühen gelangen, so auch
in der neuen Lampe anstatt Kohlenkörper, die sowohl beim elektrischen
Bogen- wie Glühlicht bisher praktisch ausschließlich zur Verwendung
kamen, unverbrennliche Substanzen von hohem Lichtvermögen durch
den galvanischen Strom zur blendenden Weißglut erhitzt werden. Die
Hauptschwierigkeiten, die der Übertragung der Erfindung in die Praxis
anfänglich entgegenstanden, und welche einerseits die Anregung der im
kalten Zustande isolierenden Glühkörper, andererseits die Erzielung
genügender Haltbarkeit und Konstanz der Glühkörper bot, können jetzt
als bis zum gewissen Grade überwunden angesehen werden. Der Nutzeffekt
der Lampen ist z. Zt. etwa derjenige kleinerer Bogenlampen, also
erheblich besser als derjenige der bisherigen Glühlampen. Es steht zu
hoffen, daß sich der Nutzeffekt noch merklich steigern wird, und daß
sich Glühkörper bis zu fast beliebigen Kerzenstärken werden herstellen
lassen. In der Bequemlichkeit oder Handhabung sind die neuen Lampen
den Bogenlampen offenbar überlegen, stehen aber darin den gewöhnlichen
Glühlampen erheblich nach. Wir glauben nicht, daß die neue Lampe die
bisherigen Systeme elektrischer Beleuchtung verdrängen wird, vielmehr
scheint uns sicher, daß sie neben jenen ihr Anwendungsgebiet sich
erobern wird.“
Die Exploitation der Lampe nahm indes unerwartet viel Zeit in Anspruch,
trotzdem unermüdlich unter tätiger und ratender Mitarbeit Emil
Rathenaus an ihr gearbeitet und experimentiert wurde. 1899 hieß es:
„Die technische und wirtschaftliche Bedeutung der Nernstlampe werden
wir zu erproben Gelegenheit haben, sobald die im Bau begriffenen
Werkstätten uns in den Stand setzen, die der regen Nachfrage
entsprechenden Mengen herzustellen. Das Hauptpatent ist in Deutschland
nach Erledigung verschiedener Einsprüche erteilt worden. Die Option auf
die übrigen Patente mit Ausnahme derer für Österreich-Ungarn, Italien
und der Balkanländer haben wir ausgeübt.“ -- Die Hauptschwierigkeit lag
danach nicht mehr in der Konstruktion, sondern in der Produktion, deren
Überführung ins Große sich Hindernisse in den Weg stellten. Sie waren
auch im folgenden Jahre noch nicht behoben. Endlich im Jahre 1900/01
war das Stadium der Versuche und Enttäuschungen überwunden, worüber die
Gesellschaft mit folgenden Sätzen im Geschäftsbericht quittierte:
„Ein voller Erfolg ist nach jahrelanger, mühsamer Arbeit die Einführung
der Nernstlampe geworden. Die schöne und zugleich sparsame Lichtquelle
befindet sich in Hunderttausenden von Exemplaren bereits im Gebrauch
und gewinnt infolge sehr günstiger Betriebserfahrungen und der äußerst
befriedigenden Meßresultate der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt
täglich weitere Kreise.“
Vermochte die A. E. G. auf dem Gebiete der Beleuchtungstechnik
ihre dominierende Stellung (wenn auch unter ständiger, gewaltiger
Steigerung der Absatzquantität) nur gerade zu behaupten, während
ihren Plänen, neue Vorsprünge vor der Konkurrenz zu gewinnen,
-- wie die Folgezeit lehren sollte -- trotz der Nernstlampe ein
durchschlagender und dauernder Erfolg nicht beschieden war, so wurden
auf anderen Gebieten Leistungen vollbracht, die durchaus den Stempel
des Neuartigen, Schöpferischen trugen. Hierher gehört vor allem
die klassische Durchbildung und praktisch-großartige Nutzanwendung
der Kraftübertragung in Stromerzeugungswerken, die das Höchstmaß
der damals möglichen Leistungsfähigkeit zu erreichen und ständig
zu erweitern suchten. Gerade dadurch, daß Rathenau auf dem Gebiete
des Wechselstroms nichts überstürzte und andere Unternehmungen,
so die Helios-Gesellschaft in Köln, englische und schweizerische
Gesellschaften den Wettlauf um die halbfertigen, halbgelungenen
Verwirklichungen ausfechten ließ, erwies er die Geduld und die
Kunst des Meisters. Er hatte sehr richtig erkannt, daß die Motoren
und auch die Lampen erst einer gründlichen Durchbildung für das
Hochspannungssystem bedurften, die nicht im Handumdrehen zu erreichen
war. Seine ersten nach dem Drehstromsystem erbauten Zentralen waren,
nachdem diese Schwierigkeiten überwunden waren, von überzeugender
Schlagkraft und Reife. Die Zentrale in Straßburg i. E. wurde im
Jahre 1895 rechtzeitig eröffnet, um die Stromlieferung für die
elsaß-lothringische Landesausstellung übernehmen zu können. Die neue
Zentrale an der Oberspree trat im Jahre 1896 in Tätigkeit mit einer
Anlage, die auf 50000 Pferdekräfte zugeschnitten war und einen Teil der
Vororte Berlins mit billiger Energie nach einem besonders vorteilhaften
Tarif versorgen sollte. Die Werke der Berliner Elektrizitätswerke
wurden dadurch ergänzt und die B. E. W. übernahmen das fertiggestellte
Werk, nachdem sein Funktionieren zweifelsfrei erwiesen war. Die
moderne Außenanlage wurde bei der nächsten Vertragserneuerung dem
Vertrage mit der Stadt Berlin eingegliedert, und man sorgte dafür,
daß der in Oberschöneweide erzeugte Hochspannungsstrom auch in
das innere Weichbild Berlins eingeführt werden konnte, wo er in 5
Unterstationen umgeformt wurde. Die Riesenmaschinen der neuen Zentrale
erregten die Bewunderung der ganzen Fachwelt, deren Vertreter wie
seinerzeit bei der Straßenbahn in Halle aus aller Herren Länder zur
Besichtigung herbeieilten. Es folgten die Anfänge der Versorgung
des oberschlesischen Industriebezirks mit Licht- und Kraftstrom,
verbunden mit der Elektrifizierung oberschlesischer Straßenbahnen.
In Zaborze und Chorzow wurden zunächst Zentralstationen errichtet,
die das Fundament für die +Oberschlesischen Elektrizitätswerke+
abgaben, und im Laufe der Zeit unter der Firma Schlesische
Elektrizitäts- und Gas-Aktiengesellschaft sich zu einem der wenigen
ganz großen Überlandzentralen-Werke Deutschlands auswuchsen. Die
Kraftübertragungswerke Rheinfelden, deren schwierige Wasserbauten
infolge ungünstiger Witterungsverhältnisse und des dadurch
herbeigeführten hohen Wasserstandes des Rheins nicht mit der
planmäßigen Schnelligkeit gefordert werden konnten, reiften ihrer
Vollendung entgegen. Hier wie in anderen modernen Zentralstationen
wurden +Turbinen+ großer Maßstäbe als Antriebsmaschinen
verwendet. Auch auf diesem Gebiete trat das echt Rathenausche Prinzip
deutlich hervor, nicht zu warten, bis der Absatz allmählich den
Erzeugungsstätten zufloß, sondern sich für besonders rationell zu
erzeugende Kraft Groß-Abnehmer zu schaffen. Die Kraftübertragungswerke
Rheinfelden überließen die Hälfte ihrer verfügbaren Kraft auf die
Dauer der Konzession großen elektrochemischen Fabriken, die von der A.
E. G. und ihrem Konzern zu diesem Behufe gegründet oder unterstützt
worden waren und deren Produktionsnutzen auf dem Prinzip des billigen
Kraftbezuges beruhte. Der Standort der billigen Betriebskraft fing
auch in der elektrotechnischen Industrie an, eine maßgebende Bedeutung
neben dem Standort der günstigen Produktions- und Absatzverhältnisse
zu erlangen. Die Elektrochemie, der sich die A. E. G. besonders
durch Errichtung der Elektrochemischen Werke in Bitterfeld mit ihren
Zweigunternehmungen in Rheinfelden zugewendet hatte, betätigte sich
in der ersten Zeit besonders durch Erzeugung von Kalziumkarbid, um
später durch die elektrochemische Herstellung von Luftstickstoff eine
gewaltige Bedeutung zu erlangen. -- Lizenzen der elektrochemischen
Verfahren wurden an ausländische Gesellschaften, in Polen, in
Frankreich, in der Schweiz usw. übertragen, an denen sich das
Stammunternehmen beteiligte.
In dieser Zeit beginnt auch das +ausländische+ Gründungs- und
Beteiligungsgeschäft, das schon vorher in kleineren und mittleren
Unternehmen betätigt worden war, große Formen anzunehmen. Die Werke in
Madrid, Barcelona, Bilbao, Craiova, Kopenhagen hatten die A. E. G. im
Auslandsgeschäft heimisch gemacht. Im Jahre 1894 wird durch Übernahme
der Aktien der von der Stadtgemeinde Genua und der italienischen
Regierung konzessionierten Società di Ferrovie Elettriche e Funicolare
(Elektrische Tram- und Drahtseilbahnen) die Zusammenfassung und
Elektrifizierung des gesamten Straßenbahn- und Krafterzeugungswesens
der lebendigsten italienischen Hafenstadt eingeleitet. Schon im
nächsten Jahre wird diese Gesellschaft zum Erwerb sämtlicher
Aktien der Società dei Tramways Orientali veranlaßt, die mit den
Konzessionsrechten zum Bau und zum Betrieb elektrischer Trambahnen für
den Osten von Genua und für die Vororte bis Nervi ausgerüstet war.
Die Netze beider Verkehrsunternehmen sollten zusammen ausgebaut und
in einheitlichem Betriebe geführt werden. Nahezu gleichzeitig mit
dem Erwerb der Società dei Tramways Orientali wird der A. E. G. von
der Stadt Genua die Konzession für den Bau und Betrieb eines Werkes
zur Erzeugung von Licht und Kraft erteilt, die einer neugegründeten
italienischen Aktiengesellschaft „Officine Elettriche Genovesi“
übertragen wird. Die Interessen der drei Gesellschaften wiesen auf
enges Zusammengehen hin, damit alle Vorteile ausgenutzt würden, die
sich aus der Zusammenlegung der Betriebe ergeben konnten. Die schon
an sich starke Position der A. E. G. in der Elektrizitätsversorgung
Genuas wird noch dadurch verstärkt und ergänzt, daß die seit Jahren
bestehende große Pferdebahn der Compania Generale Francese, die Genua
mit Sampierdarena, Pegli, Voltri und Pontedecimo verband, in den
Besitz einer neugegründeten italienischen Aktiengesellschaft, der
Unione Italiana, übergeführt und dem Netz der A. E. G. -- wenn auch
nicht durch direkte finanzielle Beteiligung, so doch durch Bau- und
Betriebseinfluß -- angegliedert wird. Alle drei Trambahnunternehmen,
die eine Gleislänge von 90 km besitzen, werden in elektrischen Betrieb
überführt und mit dem Strom der Offizine Elettriche Genovesi, des neuen
Kraftwerks, gespeist. Diese mustergültige Konzentration des gesamten
Elektrizitätswesens einer großen Stadt bietet eine Fülle finanzieller,
organisatorischer und technischer Arbeit, zu deren Bewältigung ebenso
wie für andere gegenwärtige und zukünftige Aufgaben ähnlicher Art
eine besondere Finanzgesellschaft, die „+Bank für elektrische
Unternehmungen in Zürich+“ mit einem Kapital von 30 Mill. Fr.
gegründet wird. Sie übernimmt zunächst den Hauptaktienbesitz der A.
E. G. an den italienischen Gesellschaften, zu denen im Laufe der Zeit
Betriebe in Mailand, Venedig und Neapel treten.
Noch breitere Dimensionen, weitere Perspektiven weist ein zweites
Auslandsunternehmen auf, das zum ersten Mal die Pioniere der A. E. G.
nach +Übersee+ führt. In Buenos Aires und in Santiago de Chile
werden im Jahre 1897 Konzessionen zur Errichtung von Zentralstationen
für die Erzeugung von Kraft und Licht erworben. Straßenbahnprojekte
ergänzen diese Konzessionen. An der chilenischen Unternehmung
beteiligen sich neben der A. E. G. und ihren Finanzfreunden, die dem
Löwe-Konzern nahestehende Gesellschaft für Elektrische Unternehmungen
und das Haus Wernher, Beit & Co. in London. Die südamerikanischen
Werke, zu denen später noch Gründungen in Montevideo und Rosario
treten, werden in einer +Deutsch-Überseeischen Elektrizitäts-Ges.+
zusammengefaßt. Diese Gesellschaft entwickelt sich so gewaltig, daß zu
ihrer Finanzierung später fast alle deutschen Banken, unter der Führung
der Deutschen Bank hinzugezogen werden, und daß ihr technischer Ausbau
ein Zusammenarbeiten der A. E. G. mit Siemens & Halske wünschenswert
erscheinen läßt. Es entsteht und wächst ein Unternehmen, dessen Kapital
schließlich 150 Millionen Mark an Aktien und über 100 Millionen
Mark an Obligationen erreichte, das größte Kulturwerk deutscher
Auslandswirtschaft.
* *
*
Neben der +zentralistischen+ Tätigkeit der A. E. G. in den eigenen
Fabriken war seit der Schaffung der B. E. W. in immer stärkerem
Umfange die +dezentralisierende+ getreten, die sich in der
Gründung von Zweigunternehmungen, Tochter- und Enkelgesellschaften
aller Art ausdrückte. Es wurde ein Weg beschritten, zunächst scheinbar
unabsichtlich oder doch ohne feste programmatische Absicht, der von
Fall zu Fall, wie es jeweilig die einzel-geschäftliche Erwägung
zweckmäßig erscheinen ließ, zu Außenansiedelungen führte, die dem
Stammunternehmen in irgend einer Hinsicht von Nutzen sein und als
Stützpunkte dienen konnten. Die Methode der Dezentralisation, der
Abzweigung exzentrischer Unternehmergebiete vom Hauptunternehmen
durch Schaffung juristisch selbstständiger Gesellschaften oder
auch der Zusammenfassung einer Reihe von verwandten, miteinander
in Beziehung stehenden oder einander ergänzenden Unternehmungen in
einer Gruppe, sei es durch eine übergeordnete Mantelunternehmung
oder durch gegenseitige Aktienbeteiligung, ist nicht von Rathenau
erfunden worden. In dem Zeitalter, das durch Konzentration groß wurde,
lag sie sozusagen in der Luft. Die dezentralisierenden Seiten des
sogenannten Verschachtelungssystems entlasteten die Leiter der großen
Gruppenunternehmungen von einer Kleinarbeit und einer aktienrechtlichen
Verantwortlichkeit für Einzelheiten ihrer weitverzweigten Geschäfte,
die sie bei einer streng zentralistischen Verwaltung in der
Entfaltung ihrer Kräfte behindert, vielleicht erdrückt hätten. Die
zusammenfassenden Seiten dieses Systems boten ihnen trotzdem die
Möglichkeit, jederzeit alle Ausstrahlungen ihrer Unternehmungen zu
überblicken und zu überwachen. Vor Rathenau und gleichzeitig mit ihm
waren in der heimischen und der ausländischen Industrie trustartige
Gebilde entstanden, so besonders in den Vereinigten Staaten von
Amerika, wo sie sich als eine Folge des dort üblichen Finanz- und
Kapitalsystems herausbildeten. Zusammenballung unter ständigem Kampf
mit Konkurrenten war die Tendenz, in der unter der rein plutokratischen
Ordnung in Amerika Vermögen und Unternehmungen in die Breite strebten.
Die Häufung der +Quantität+ gab hier oft den Ausschlag, und
die großen Trustherren des Landes erweiterten ihren Aktienbesitz
durch Zusammenschweißung vielfach heterogener Wirtschaftsgebilde,
getrieben häufig nur von dem Willen zur Macht und zum Reichtum.
Rivalitätsneid, Agiotage, Plusmacherei, Spekulationssucht und andere
unsachliche Nebenerscheinungen des kapitalistischen Unternehmertums
nahmen im Transaktionswesen einen ungebührlich breiten Raum ein
und durchseuchten auch das Wurzelreich der Trustkombinationen. Die
Operationen am Aktienmarkte, nicht die wirtschaftlichen Interessen
der Industrie bildeten häufig die Triebfeder für Effektengeschäfte.
Nicht die Wertebildung, sondern die Wertebemessung war ihr Ziel. Es
konnte durch rasche Manöver besser erreicht werden als durch geduldige
Arbeit, und der Kurs ließ sich schneller beeinflussen als die Rente.
Da der Gewinn am Kurse schon an sich den Gewinn an der Rente um ein
Vielfaches übertrifft, indem er sozusagen die Kapitalisierung des
letzteren darstellt, da überdies Schwankungen des Kurses sich ungleich
häufiger ins Werk setzen lassen als Schwankungen der Rente, findet
derjenige, der auf eine schnelle Häufung großer Kapitalien ausgeht, in
dem Manipulieren, das heißt dem Hin- und Herschieben von industriellen
Wertpapieren eine Potenzierung +der+ Gewinnmöglichkeiten, die
ihm die Entwickelung von industriellen Werten bietet. Nur durch
die skrupellose Schaffung und Ausnutzung von künstlichen oder gar
fiktiven Werteverschiebungen und Wertevergrößerungen, für die
industrielle Vorgänge geschickt als Vorwand benutzt oder konstruiert
wurden, erklärt sich die schnelle Bildung mancher amerikanischen
Riesenvermögen. Ebensowenig wie behauptet werden kann, daß unsere
deutschen Verhältnisse von derartigen Erscheinungen und Auswüchsen
ganz frei gewesen sind -- wir werden später noch sehen, daß gerade
das Rathenausche Unternehmergeschäft, falsch nachgeahmt, zu ganz
ähnlichen Mißbräuchen des Effekteninstruments, allerdings in den
kleineren Maßen unseres Landes geführt hat --, ebensowenig soll dem
amerikanischen Trustsystem jeder sachlich-wertvolle Inhalt, jeder
industriell-zweckvolle Gesichtspunkt abgesprochen werden. Neben der
rein kapitalistischen Macht wurde vielfach auch industrielle Macht
angestrebt, und im Entwurf, wenn auch nicht in der Ausführung, hatten
die Spekulationen der Trustkönige fast stets einen wirtschaftlich
wertvollen Kern, weshalb manchen dieser Männer auch -- im Anfange ihrer
Tätigkeit wenigstens -- der gute Glaube nicht unbedingt abgesprochen
werden kann. An wirtschaftlicher Phantasie fehlte es ihnen häufig
nicht, wohl aber an wirtschaftlicher Solidität, und sie zogen es
bald -- nachdem sie die großen Schwierigkeiten zäher Industriearbeit
kennen gelernt hatten -- vor, Effektenpolitik zu treiben, statt
Wirtschaftspolitik. Viele der großen Trusts haben infolgedessen
Jahrzehnte gebraucht, ehe sie das ihnen bei ihrer Taufe mitgegebene
reichliche „Wasser“ aus ihren Eingeweiden aussondern konnten, und die
unorganische Anlage mancher der amerikanischen Bahnsysteme hat sich
bis in die heutige Zeit als unheilbar erwiesen. Auch die elektrischen
Konzerne der Vereinigten Staaten litten jahrzehntelang unter den
Schäden zu leichter Zimmerung.
Wenn nun im Laufe der Jahre, nachdem die Expansionsmöglichkeiten selbst
in Amerika eine gewisse Einengung erfahren haben, die Entwickelung
auch in diesem Lande zu einer gewissen Intensität der Wirtschaft
hinlenkte, wenn auch hier die Effektenfluktuationen allmählich
ruhiger wurden, das Land des Trustsystems hat es bisher eigentlich
nur zu Unternehmungsgruppen gebracht, die man +Flächentrusts+
nennen kann. Es wird eine Anzahl von Unternehmungen, die denselben
Zweck verfolgen und einander ungefähr ähnlich organisiert sind,
zusammengebracht, um die Konkurrenz zwischen ihnen auszuschließen und
den Markt in den von ihnen hergestellten Waren oder den von ihnen
geleisteten Arbeiten zu monopolisieren. Die amerikanischen Trusts sind
im allgemeinen Gegenstücke zu unseren deutschen +Kartellen+.
Sie verfolgen denselben Zweck wie diese, wenngleich sie ihn nie so
voll erreicht haben, weil in Amerika die größeren industriellen
Neubildungsmöglichkeiten ein Außenseitertum mehr begünstigten als
unsere extensiv ziemlich erschöpfte und nur im wesentlichen noch
intensiv zu entwickelnde Industrie. Der wirtschaftliche Vorteil
der amerikanischen Trusts besteht nun fast lediglich darin, ihre
Beteiligten davor zu bewahren, die Waren ohne den von ihnen für
notwendig gehaltenen Produktionsnutzen abgeben zu müssen. Die
Politik, die sie betreiben, ist daher nicht nur in der Absicht,
sondern auch in der Wirkung reine Produzentenpolitik. Sie stärkt die
Erzeugerschicht und leistet der Volkswirtschaft damit einen -- wenn
auch einseitigen -- Dienst, indem sie die Rente des in der Industrie
arbeitenden Kapitals schützt und mehrt, und das Gesamtkapital des
Landes, allerdings vielleicht unter Schädigung anderer Schichten,
nach einer bestimmten Richtung hinlenkt. Wird ihre Politik maßvoll
gehandhabt, so braucht sie, und dasselbe gilt von der Politik der
deutschen Kartelle, auch den Interessen der Konsumenten nicht zuwider
zu laufen. Ist ihre Preisdiktatur aber rücksichtslos, so kann die damit
verbundene Schädigung der Konsumenten oder Weiterverarbeiter so groß
sein, daß sie der gesamten volkswirtschaftlichen Ökonomie des Landes
abträglich wird. In der Praxis haben die amerikanischen Trustherren,
die „reichen Räuber“, begünstigt durch eine auf ihre industriellen
Interessen zugeschnittene Hochschutzzollpolitik, tatsächlich die
Kapitalbildung des Landes in eine industrieplutokratische Richtung
gezwungen, wie sie sich in keinem anderen Lande auch nur annähernd
so scharf ausgeprägt hat. Den amerikanischen Flächentrusts sind aber
die ökonomischen Vorteile, wenn auch nicht gänzlich fremd, so doch
verhältnismäßig wenig vertraut, die sich aus der +Vertiefung+
des Produktionsprozesses durch Selbstbedarfsherstellung und
Selbstabsatzdeckung ergeben können. Derartige +Tiefentrusts+, wie
sie besonders die deutsche Industrie herausgebildet hat, verfolgen
an sich nicht die Tendenz der Marktbeherrschung. Sie wollen nicht
so sehr an dem teuren Absatz einer Ware verdienen, als an der
billigen Produktion. Sie wollen diese Ware so billig wie möglich
+herstellen+, um sie -- trotz Erzielung ihres angemessenen
Unternehmer-Nutzens -- so wettbewerbsfähig, das heißt so wohlfeil wie
möglich +verkaufen+ zu können. Sie erreichen dies dadurch, daß
sie die Ware in einem möglichst lückenlosen Produktionsprozeß in allen
Stadien der Rohstoffbeschaffung, Weiterverarbeitung und Endproduktion
selbst erzeugen und sie so -- unbelastet mit den Produktionsnutzen der
Vor-Unternehmer (Roh- und Halbstofflieferanten) -- lediglich unter
Einkalkulierung ihres Schlußgewinnes in den Verkehr bringen können. Die
volkswirtschaftlichen Vorteile dieses Systems liegen auf der Hand.
Sie sind produzenten-fördernd und zugleich konsumenten-dienlich und
selbst wenn der Tiefentrust zugleich ein Monopol besitzt oder -- wie
dies in der deutschen Montanindustrie der Fall ist -- sich mit anderen
Unternehmungen ähnlicher Art durch Kartelle usw. zu einem Monopol
zusammenschließt, sind die Gefahren der Monopolisierung nicht so groß
wie bei dem Flächentrust, weil selbst ein hoher Preisaufschlag beim
Verkauf durch die Ersparnis an den Produktionskosten kompensiert oder
doch verringert wird. Ähnliche Ersparnisse kann der Flächentrust --
wie dies ja in Amerika teilweise der Fall ist -- nur durch äußerste
Spezialisierung, also auf dem ganz entgegengesetzten Wege, machen,
zum Beispiel dadurch, daß eine Fabrik oder eine Fabrikengruppe nicht
Werkzeugmaschinen verschiedener Art, sondern nur eine ganz bestimmte
Werkzeugmaschinentype, daß eine andere Gruppe nur Automobilreifen, eine
dritte nur Fahrradreifen usw. herstellt. Eine solche Spezialisierung
läßt sich aber nur in der Verfeinerungsindustrie, nicht in den unteren
gewerblichen Stufen erreichen, sie entzieht dem Unternehmer auch den
Überblick über die Gesamtheit seiner Industrie, hindert manchmal darum
sein technisches Fortschreiten und setzt jedenfalls seinen, lediglich
auf einen bestimmten Produktionsprozeß zugeschnittenen Betrieb der
Gefahr aus, konkurrenz- und damit lebensunfähig zu werden, sobald von
irgend einer anderen Seite ein besseres Verfahren gefunden wird oder
die Konjunktur seinem Erzeugnisse ungünstig wird.