Geschäftszweig, den man ursprünglich am sorgfältigsten zu pflegen
beabsichtigt hatte: +der Zentralenbau+. Die A. E. G. hatte
das erste große Musterbeispiel für eine Elektrizitätszentrale in
den Berliner Elektrizitätswerken geschaffen und war nach diesen
Erfolgen und Erfahrungen die nächste dazu, für ähnliche Werke,
die anderswo errichtet werden sollten, als Baufirma herangezogen
zu werden. Dennoch war ihre Tätigkeit auf diesem Gebiete sowohl
für eigene Rechnung auf Grund erteilter Konzessionen als auch im
fremden Auftrag verhältnismäßig gering. Konzessionsbauten wurden in
Eisenach und im Berliner Villenvorort Wannsee errichtet, es handelte
sich aber hierbei nur um kleinere Unternehmungen, denen keine große
Bedeutung zukam. Eine weit wichtigere Schöpfung war die +Compania
Generale Madrilena de Electricidad in Madrid+, eine Zentrale, die
im Zusammenwirken mit der Besitzerin der Madrider Gasanstalten, der
Compagnie Madrilene d’Eclairage et de Chauffage par le Gaz in Paris,
unter erheblicher Aktienbeteiligung der A. E. G. errichtet wurde.
Infolge der ausnahmsweise günstigen Verhältnisse in Madrid war diese
Zentrale, die sich eng an das Vorbild der Berliner Elektrizitätswerke
anlehnte, in technischer wie in finanzieller Hinsicht ein voller und
schneller Erfolg; umsomehr als diese Unternehmung sich weit günstiger
entwickelte, als eine andere gleichfalls in Madrid arbeitende englische
Konkurrenzgesellschaft. Die Gesellschaft begann bereits nach 2 Jahren
mit der Dividendenzahlung, schüttete in der Folge hohe Erträgnisse
aus, und mußte andauernd erweitert werden. Bereits nach wenigen Jahren
konnte die A. E. G. ihr Aktieninteresse mit einem Buchgewinn von etwa 1
Mill. Mark abstoßen, und dieses gute und glatte Geschäft, das aber auch
für die A. E. G. eine Ausnahme bildete, während die meisten übrigen
Gründungen eine geduldigere Behandlung erforderten, trug in erster
Linie dazu bei, in der deutschen Elektrizitätsindustrie den Glauben
an die leichten und großen Gewinnchancen des Unternehmergeschäfts zu
erwecken, ein Glauben, der für viele Elektrizitäts-Firmen späterhin
verhängnisvoll werden sollte.
Dieser „Treffer“ in Madrid war aber, solange der Vertrag mit Siemens &
Halske in Geltung war, der einzige Lichtblick in dem sonst unergiebigen
Zentralenbau-Geschäft. Der Vertrag hemmte an allen Ecken und Enden.
Die Bedingung, große Maschinen und Kabel von Siemens & Halske zu
beziehen, erschwerte die Kalkulation, gestattete keine ökonomischen
Projektierungen und verringerte die Wettbewerbsfähigkeit +beider+
Vertragsgesellschaften gegenüber der ungebundenen Konkurrenz, die sich
auf dem ureigenen Gebiet Rathenauscher Initiative die Unfreiheit der
beiden stärksten Gesellschaften zunutze machte. Besonders die Firma
Schuckert in München, die sich fabrikatorisch damals auf der Höhe
ihrer Leistungsfähigkeit befand, sehr gute Maschinen herstellte und
in allem Technischen der Konkurrenz nicht nachstand, warf sich auf
den Zentralenbau und stellte zeitweilig allein mehr Werke her, als
Siemens & Halske und die A. E. G. zusammen. Dabei wurde man sich in
der A. E. G. bald darüber klar, daß die Firma Siemens & Halske oder
wenigstens manche ihrer Beamten in der Zentralenfrage nicht den guten
Willen hatten, den Vertrag seinen Absichten gemäß loyal zu erfüllen.
Kamen zum Beispiel eine Gemeinde oder ein Unternehmer zu Siemens, der
damals namentlich bei Behörden noch immer als die höchste Autorität
in elektrischen Dingen galt, mit der Frage, ob und wie sie ein
Elektrizitätswerk bauen könnten, so empfahl ihnen der Altmeister Werner
v. Siemens zwar in durchaus korrekter Weise, wegen Konzession und
Projektierung sich mit der A. E. G. in Verbindung zu setzen. Darüber
hinaus kümmerte sich aber der alte Herr um Einzelheiten des Geschäfts
nicht mehr wie in den früheren Zeiten seiner industriellen Vollkraft.
Er hörte die an ihn Empfohlenen oder ihm Bekannten zwar höflich an, zur
Besprechung der Einzelfragen verwies er sie aber an seine Prokuristen,
Oberingenieure usw. Und wenn die Frager in diese Regionen kamen, wehte
meist ein ganz anderer Wind. Die „Halbgötter“ der Firma Siemens waren
eifersüchtig auf den jungen Ruhm, die kräftige Unternehmungslust und
die wachsende Bedeutung der Berliner Konkurrenzfirma. „Was brauchen Sie
dazu die Juden?“ fragten sie diejenigen, die mit Projektierungswünschen
an sie gewiesen wurden. Sie wollten der A. E. G. weder Konzessionen
zuweisen, noch selbst welche übernehmen, denn sie hätten sie ja
an die A. E. G. vertragsgemäß weitergeben müssen. So empfahlen sie
meistens den Anfragern, die Anlagen in eigener Regie zu errichten.
Die Kapitalien würden sie sich ja auch ohne die A. E. G. beschaffen
können, und den Bau, die Maschinenlieferung usw. würden ihnen Siemens
& Halske ebensogut direkt liefern können als indirekt durch die A.
E. G. Derartige Fälle kamen wiederholt zur Kenntnis Rathenaus und
seiner Mitdirektoren. Man war empört, beschwerte sich, aber die
Tatbestände waren so geschickt verschleiert, daß Vertragsverletzungen
nicht nachgewiesen werden konnten. Sogar im eigenen Aufsichtsrat,
in dem verschiedene Vertreter des Siemens-Konsortiums saßen, konnte
die Direktion mit ihren Beschwerden nicht hinreichend durchdringen.
Es fehlte nicht an Intriguen und Kabalen, und es gab Zeiten, in
denen an jedem Tage ein anderer A. E. G.-Direktor seine Demission
einreichte. Die Situation war in dieser Weise nicht länger haltbar.
Diese Überzeugung kam schließlich nicht nur bei der A. E. G., sondern
auch bei Siemens & Halske zum Durchbruch. Die A. E. G. war allmählich,
das merkte man jetzt auch bei Siemens, eine solche Macht, eine solche
Lebenskraft geworden, daß man sie -- durch den besten Vertrag --
nicht mehr niederhalten konnte, umsomehr wenn dieser Vertrag nicht
nur die Freiheit der A. E. G., sondern auch die eigene zu Gunsten
lachender Dritter hemmte. Georg von Siemens, der Direktor der Deutschen
Bank, der Zeit seines Lebens ein Verehrer und Freund Emil Rathenaus
gewesen ist, auch Objektivität und volkswirtschaftlichen Sinn genug
besaß, um die engherzige Knebelung einer Gesellschaft, die das Zeug
hatte, Mehrerin der deutschen Industriekraft zu werden, zu Gunsten
seiner Bankinteressen nicht mitzumachen, erbot und bemühte sich als
Vermittler, eine vorzeitige Lösung des Vertrages auf gütlichem Wege
herbeizuführen. Nach schwierigen Verhandlungen gelang am 20. Juni 1894
die endgültige Auseinandersetzung. Die A. E. G. verpflichtete sich, an
Siemens & Halske eine Entschädigungssumme von 696742 Mark zu zahlen.
Darauf waren aber Bestellungen auf Maschinen und Kabel in Anrechnung
zu bringen, die die A. E. G. noch bis zum 1. Januar 1900 von Siemens
& Halske beziehen sollte und die zum Meistbegünstigungspreise mit 13%
Rabatt geliefert werden mußten.
So wichtig die endgültige Trennung der A. E. G. von Siemens & Halske
auch war, weder im Geschäftsbericht für das Jahr 1893/94 noch in der
Generalversammlung wurde dieser Vorgang eingehender behandelt. -- Bald
nach Lösung des Vertrages wurde der Bau des +Kabelwerks+ an der
Oberspree begonnen und damit der Fabrikation der A. E. G. das letzte
ihr noch fehlende Hauptglied eingefügt. Auch die Maschinenfabrikation
wurde erweitert. Die Befreiung von den Vertragsfesseln äußerte
sich sofort in einer sichtbaren Zunahme des Zentralenbaus. Der
Geschäftsbericht für 1893/94 verzeichnet bereits Bauaufträge für
Barcelona, Sevilla, Craiova, Freihafengebiet Kopenhagen und Straßburg.
Außerdem wurde für die B. E. W. eine neue Zentralanlage an der
Oberspree errichtet, die die Vorstädte Berlins und die umliegenden
Ortschaften mit elektrischem Strom versorgen sollte. Hier wie in
Straßburg gelangte das Drehstromsystem in großem Maßstabe zur Anwendung.
* *
*
Überblicken wir den zuletzt behandelten Abschnitt, der von der
Überwindung der Krisis von 1886/87 und dem zweiten Vertragsabschluß
mit Siemens & Halske bis zur vollständigen Vertrags- und
Betätigungsfreiheit Mitte 1894 reicht, so finden wir, daß diese
Periode, vielleicht die entscheidende und grundlegende für die
Fundierung und Richtungsentwickelung der Gesellschaft --, im Inneren
voll von drängender, vielgestaltiger und doch deswegen nicht
unbeherrschter Gestaltung, auch das +äußere Bild+ der Gesellschaft
wesentlich verändert hat. Zunächst in den Kapitalverhältnissen. Der
Erhöhung des Aktienkapitals von 5 auf 12 Millionen Mark im Jahre 1887
folgte im April 1889 eine weitere Erhöhung auf 16 Millionen Mark.
Dabei konnten die Aktien der Gesellschaft zum ersten Male mit einem
äußerlich sichtbaren Agio begeben werden. Sie wurden zum Kurse von
150% herausgebracht und 2 Millionen Mark flossen in den Reservefonds,
der dadurch die statutenmäßige und gesetzliche Höhe bereits um
501364 Mark überschritt. Im nächsten Jahre 1890/91 erfolgte eine
dritte Kapitalserhöhung um wieder 4 Millionen Mark auf 20 Millionen
Mark, wobei die neuen Aktien zu dem weiter erhöhten Kurse von 165%
ausgegeben wurden und nach Abzug sämtlicher Provisionen, Spesen,
Stempelkosten usw. 2378115 Mark in den Reservefonds flossen. Von
der Generalversammlung (29. November 1890) hatte sich ferner die
Verwaltung die Ermächtigung erteilen lassen, Obligationen in Höhe
des Aktienkapitals auszugeben, nicht ohne daß aus Aktionärkreisen
-- der Oppositionsredner war der angesehene Inhaber des Bankhauses
N. Helfft & Co. -- die Warnung ergangen wäre, den Geschäftsbetrieb
zu weit auszudehnen und die Aktion durch eine uferlose Expansion
zu beunruhigen. Emil Rathenau belächelte innerlich diese Warnungen
kleingeistiger Aktionärvorsicht, die von seiner pflichtgemäßen
Verwaltungsvorsicht so sehr verschieden war. -- In jener Zeit konnte
er allerdings noch nicht auf die Erfolge seiner Finanzwirtschaft
verweisen, mit denen er später alle ähnlichen Einwendungen leicht
zu schlagen vermochte. Georg v. Siemens und Rathenau entschuldigten
die immer neuen Geldforderungen gewissermaßen mit den großen
Geldbedürfnissen der B. E. W., in denen man bald 30 Millionen Mark
investiert haben werde. Man tröstete die Aktionäre damit, daß die
Stadt Berlin die Berliner Werke sicher später einmal übernehmen würde,
vielleicht schon im Jahre 1895, wobei man dann das ausgelegte Geld auf
Heller und Pfennig, dazu mit einem ansehnlichen Gewinn, zurückerhalten
müßte.
Trotz der großen Agiogewinne, mit denen die Reserven stattlich
aufgefüllt werden konnten, sah Emil Rathenau aber bald ein, daß es
nicht zweckmäßig sein würde, den Emissionskredit der Gesellschaft
allzusehr anzuspannen und den Marktwert der Aktien durch eine
Überproduktion an Aktienkapital zu entwerten. „Wir verkennen den
Vorteil nicht, der bei dem gegenwärtigen Kursstande unserer Papiere
der Gesellschaft durch Ausgabe neuer Aktien erwachsen würde,
glauben aber mit Rücksicht auf eine möglichst gleichbleibende Rente
von derselben für jetzt Abstand nehmen zu sollen, nachdem wir --
allerdings bei progressiver Steigerung der Gewinnziffern -- in rascher
Folge Kapitalserhöhungen durchgeführt haben, die das ursprüngliche
Gesellschaftsvermögen von 5 auf 20 Millionen Mark vermehrten.“
-- Der Finanzpolitiker, der stets eine feine Witterung für die
Imponderabilien des Geld- und Kapitalmarktes bekundet hat, erkannte in
einem Augenblick, in dem der Aktienkurs seinen höchsten Stand erreicht
hatte, und mancher andere vielleicht dem Agio noch seine letzten
Möglichkeiten abgepreßt haben würde, daß der Aktienemissionskredit nun
zunächst einmal einer längeren Schonung bedürfe und das Gefäß, das
jetzt vielleicht noch nicht ganz angefüllt sei, durch einen neuen
Aufguß zum Überlaufen gebracht werden könne. Also entschloß sich
Rathenau, zunächst einmal ein anderes Mittel der Geldbeschaffung zu
wählen und Obligationen auszugeben. Auch hier nahm er jedoch bei weitem
nicht den ganzen Spielraum, den er sich von der Generalversammlung
hatte geben lassen, in Anspruch. Im Jahre 1890/91 wurden 5 Millionen
Mark Obligationen ausgegeben, mit deren Auslosung sofort begonnen
wurde. Eine meisterhafte Hand in der Verteilung und Niedrighaltung
der Kapitalien für das Gründungsgeschäft tritt schon hier zu Tage. Im
Geschäftsbericht für 1893/94 wird bemerkt: „Da wir die Finanzierung
fast aller größeren Unternehmungen potenten Bankkonsortien überlassen
haben, in denen wir uns angemessene Beteiligungen vorbehielten, so
wird unser Geldbedarf im Verhältnis zu dem Kapitalsaufwand, den
diese Anlagen erfordern, in mäßigen Grenzen sich bewegen.“ Schon
damals gelang es Rathenau, mit einem kleinen eigenen Kapital große
Unternehmergeschäfte in Bewegung zu setzen. Verschiedene glückliche
Geschäfte, die er zum Teil im Gegensatz zur herrschenden Auffassung
und zu den Ansichten der Banken mit großem Erfolge durchgeführt
und durchgehalten hatte, schufen ihm den Ruf eines glücklichen
und scharfsinnigen Finanziers. So drängten sich die Konsorten zu
seinen Geschäften, und er, dem es letzten Endes immer nur auf die
industriepolitische Seite ankam, überließ ihnen gerne einen Teil der
finanziellen Chance, wenn sie ihm halfen, einen entsprechenden Teil der
finanziellen Last und des finanziellen Risikos zu tragen.
Trotzdem innerhalb des von uns behandelten Zeitabschnittes eine
gewerbliche Krise, die der A. E. G. zwar nichts anhaben konnte, der
aber Rathenau durch die vorsichtige Behandlung des Emissionsmarktes
Rechnung trug, die Verhältnisse unsicher machte, brauchte die
Dividende der Gesellschaft nur vorübergehend und nicht erheblich
gesenkt zu werden. Sie zeigt von 1887-1893 folgende Kurve: 7, 9,
10, 9, 7½, 8¼, 9%. Sehr interessant ist das Bild, das die
Bilanz der Gesellschaft im Vergleich mit denen an früheren markanten
Abschnittspunkten gewährt. Immobilien sind bis Ende 1894 auf 2807455
Mark, Maschinen und Apparate auf 1220000 Mark, Werkzeuge auf 263000
Mark, Fabrikutensilien auf 60000 Mark, Waren auf 4108925 Mark, Guthaben
in laufender Rechnung einschließlich der bei Zweigniederlassungen
auf 6613742 Mark, Forderungen für Installationen auf 535848 Mark,
Wechsel auf 247128 Mark und Kautionen auf 579712 Mark gestiegen. Es
ergibt sich danach eine Summe des Fabrikationsgeschäfts von 16435810
Mark. Das Finanzgeschäft wird dargestellt durch Effekten von 5976266,
Konsortialien von 2963348 Mark und 1913253 Mark Guthaben bei den
B. E. W., also zusammen durch 10852867 Mark. Daneben erscheint als
gleitender Faktor in der Bilanz das Bankguthaben von 7933463 Mark,
wohlgemerkt in einem Zeitpunkte, in dem seit mehreren Jahren weder
neues Aktien-, noch Obligationenkapital der Gesellschaft zugeflossen
war. Die Kreditoren von 2575873 Mark sind gegenüber den festliegenden
und flüssigen Aktivwerten bescheiden und stellen keine Verschuldung,
sondern laufende, durch den Stand des regulären Geschäfts bedingte
Verbindlichkeiten dar, die durch die Aktiva -- und zwar schon durch
die sofort greifbaren -- weit überdeckt sind. Die äußere Finanzlage
der Gesellschaft muß also als glänzend bezeichnet werden. Zum Teil
hing das damit zusammen, daß die B. E. W. durch Obligationenausgabe
in der Lage gewesen waren, einen großen Teil der ihnen geleisteten
Vorschüsse zurückzuzahlen. Auch war vom Effektenbestande einiges
verkauft worden. Die +innere+ Fundierung der Gesellschaft, nicht
zu verwechseln mit der äußeren Finanzlage, ist befriedigend, aber nicht
mehr als dies, wenn man sie in Vergleich stellt zu der Reservenfülle,
die in späteren Jahren erreicht wurde. Der ordentliche Reservefonds,
der bei einem Kapital von 20 Millionen Mark 4479479 Mark enthielt,
ist fast ausschließlich aus den Agiogewinnen der Kapitalserhöhungen
zusammengesetzt. Eine solche Reserve kann wertvoll sein, wenn der
innere Wert der mit hohem Agio begebenen Aktien dem äußeren Kurse
entspricht, er kann aber auch ein Truggebilde darstellen, wenn die
Emissionskurse und die Dividenden künstlich und ungesund in die Höhe
getrieben worden sind. Eine außerordentliche Reserve von 500000 Mark
und ein Rückstellungskonto von 550000 Mark sind zweifellos als echte
Reserven zu bezeichnen, denn sie stammen aus den erzielten Gewinnen.
Stille Reserven enthielt die Bilanz der Gesellschaft im Jahre 1894 wohl
erst in bescheidenem Umfange; sie ruhten zumeist in dem Effektenbesitz,
wenngleich dieser damals über alle Schwankungen noch keineswegs
hinaus war und deshalb eigene Vorsichtsreserven brauchte, die auf ihm
ruhenden Reserven also erst zum Teil für das Gesamtunternehmen in
Rechnung gestellt werden konnten. Die Abschreibungen auf Anlagekonten,
die damals noch sichtbar gemacht wurden, waren angemessen, zum Teil
sogar reichlich, sie betrugen bei Maschinen etwa 10%, bei Werkzeugen,
Modellen usw. etwa 20%. Hier und da wurden Extraabschreibungen
vorgenommen. Auch hier kann man von Überschuß-Reserven, die über die
Sicherung der einzelnen Anlagekonten wesentlich hinausgingen, auf die
sie vorgenommen worden waren, kaum schon sprechen.
Zehntes Kapitel
Das Finanz- und Trust-System
In einem kurzen Jahrzehnt war es dem bauenden Genie Rathenaus gelungen,
aus einer eng begrenzten Spezialfabrikation trotz aller technischen
und vertraglichen Fesseln, ein großes, universelles Fabrik- und
Geschäftsunternehmen zu machen. Die kleine Glühlampe hatte den Weg zu
großen industriellen Neuschöpfungen erhellt. Sie hatte auch in dem
ringenden Chaos des Rathenauschen Hirns den schöpferischen Funken, die
klärende Flamme entzündet.
Im vorigen Kapitel haben wir die äußere Expansion der Allgemeinen
Elektrizitäts-Gesellschaft in dem ersten Abschnitt ihrer veränderten
Gestalt geschildert, die Verbreiterung der Fabrikation und die ersten,
aber schon kräftigen und vielfältigen Anfänge des Beteiligungs-
und Unternehmergeschäfts. Der jetzt zu behandelnde Zeitraum, der
ungefähr die Jahre 1895-1901 umfaßt, und von der Gewinnung der
vollständigen Handlungsfreiheit der A. E. G. bis zum Ausbruch der
großen Elektro-Krise um die Jahrhundertwende reicht, ist erfüllt von
den starken Fortschritten dieser doppelten Expansion, die sich ins
Große und Reiche auslebt. Daneben aber und im Gleichschritt mit dieser
ständigen Mehrung der +Quantität+ des Besitzes und Einflusses
entwickelt sich -- mehr unterirdisch und zunächst nur dem eingeweihten
Auge sichtbar -- ein Prozeß der Konsolidierung und Organisierung der
zunächst nach außen bewegten Kräfte, der zu einer stärkeren Festigung
der Fundamente, zu einer Dichtung des Gebälks, zu einer inneren
Auspolsterung mit freien, beliebig hin- und herschiebbaren Reserven
führt. Dadurch wird für das Ganze eine Elastizität erreicht, die in der
Lage ist, Verschiebungen, Erschütterungen und Verluste, die von außen
an das Unternehmen oder einzelne Teile herantreten, im wachsenden Maße
innerlich auszugleichen und somit auf den Weg der Rentenstabilisierung,
der Sicherstellung und Festigung der Aktiendividende führt. Die
Fabrikation wird nicht nur ausgedehnt, sondern auch teils durch
technische, teils durch finanzielle Ökonomie verbilligt, und somit in
die Lage gesetzt, wettbewerbsfähiger liefern und Konjunkturabschläge
ausgleichen zu können. In das Unternehmergeschäft, das bisher
unorganisiert, sozusagen von Augenblickserwägungen geleitet war, wird
System gebracht. -- Mit wenigen Strichen soll zunächst das Bild der
+äußeren Fortentwickelung+ der Gesellschaft in dieser Periode
gezeichnet werden.