hatte übrigens auch mit dem Lauffen-Frankfurter Erfolge die starke
Opposition, die der Wechselstrom in einem Teile der Fachwelt gefunden
hatte, noch keineswegs völlig überwunden. Der Streit der technischen
Sachverständigen verstummte erst einige Jahre später, und sogar
für die Stadt Frankfurt a. M., die doch gerade in ihren Mauern die
Elektrizitätsausstellung veranstaltet hatte, um für den damals
geplanten Bau eines städtischen Elektrizitätswerkes das beste und
modernste System ausfindig zu machen, war es trotz des großen Erfolges
der Lauffener Fernübertragung nicht ohne weiteres ausgemacht, daß für
ihr Werk das Drehstromsystem zur Anwendung kommen müßte. Als dies
doch schließlich geschah, wurde die Ausführung einer ausländischen
Gesellschaft übertragen. Gleichstrom- und Wechselstrom-Anhänger
kämpften noch bei dieser Gelegenheit scharf gegeneinander. Von den
letzteren wurde auf die Vorteile der Unabhängigkeit vom Verbrauchsort,
des kleineren Querschnitts der Kupferleitungen und der billigeren
Erzeugungskosten, die besonders für Kraftzwecke in die Wagschale
fielen, von den ersteren auf die Mängel, die dem Wechselstrom damals
noch für die Lichtelektrizität anhafteten, sowie auf die angeblichen
Gefahren der Hochspannung hingewiesen. Rathenau nahm auch nach dem
Frankfurt-Lauffener Erfolge noch einen vermittelnden Standpunkt
ein, und wollte die Frage „Gleichstrom oder Wechselstrom“ von den
Bedürfnissen des jeweiligen Anwendungsfalles abhängig machen. Durch die
Verbesserung des Drehstromlichtes wurde schließlich diese Streitfrage
endgültig zugunsten des moderneren Systems gelöst.
Aber nicht nur die fabrikationstechnische Entwickelung der A. E. G.
kam nach Überwindung der Krise von 1887 in Schwung, auch auf einem
anderen Gebiete begann sie eine weitreichende und bis zu einem gewissen
Grade neuartige Tätigkeit auszuüben. Wir haben gehört, daß schon bei
der Gründung der Gesellschaft nicht nur die Fabrikationstätigkeit,
sondern der Erwerb von Konzessionen zum Zwecke der Errichtung von
Zentralstationen in ihr Programm aufgenommen worden war. Auf dieses
Feld der Gründung und Finanzierung von Tochterunternehmungen, von denen
elektrotechnische Lösungen zunächst beispielmäßig zu Anwendungszwecken
in der Praxis durchgeführt wurden, war die Gesellschaft umsomehr
angewiesen, als ihre fabrikatorische Tätigkeit durch die Verträge mit
der ersten deutschen Fabrikationsgesellschaft Siemens & Halske nach
vielen Seiten hin eingeengt war. Es trafen also sozusagen Neigung und
Zwang zusammen, um einen guten Teil der Kräfte der Gesellschaft auf das
Gebiet des Unternehmergeschäfts zu leiten. In der ersten Periode des
Unternehmens von 1883-1887, als die Kraftquellen noch spärlich flossen,
wurde ihre Gründungstätigkeit voll und sogar übermäßig beansprucht
durch das große Werk der Berliner Elektrizitätswerke. In der zweiten
Periode konnte sich das Unternehmer- und Beteiligungsgeschäft der
Gesellschaft freier und vielfältiger betätigen dank dem größeren
Reichtum der Mittel und dem stärkeren finanziellen Rückhalt, den der
A. E. G. die Erweiterung ihrer Bankengruppe und die erfolgreiche
Entwickelung ihrer ersten großen Tochtergesellschaft verliehen
hatten. Der Umstand, daß die Schranken der Fabrikationstätigkeit in
dieser zweiten Periode zum Teil niedergelegt worden waren, zog die
Gesellschaft von dem Unternehmergeschäft aber nicht ab, sondern
verstärkte in mancher Hinsicht sogar ihre Neigung zu Geschäften auf
diesem Gebiet. Denn um in den neu aufgenommenen Fabrikationszweigen
nicht erst selbst die Anfangsgründe mühsam auf empirischem Wege sich
aneignen zu müssen und der bereits vorher in ihnen tätig gewesenen
Konkurrenz sofort gewachsen zu sein, erwarb die Gesellschaft fertige
Verfahren, in die sie dann sofort mit entwickelter Produktion eintrat.
Das konnte aber am besten dadurch geschehen, daß sie Gesellschaften,
die diese Verfahren bisher betrieben hatten, in sich aufnahm, oder
daß sie für diese Verfahren besondere Gesellschaften bildete, um sie
von ihrem bisherigen Arbeitsgebiete zu trennen, ihr eigenes Risiko
zu begrenzen und der neuen Fabrikation Spielraum zu Experimenten,
Fehlschlägen und Investitionen zu lassen, durch die sie nicht so direkt
berührt wurde wie beim Eigenbetrieb. Über die verschiedenen Arten
und Zwecke der Untergesellschaften soll später eine systematische
Darstellung versucht werden, hier soll nur rein historisch über die
Gründungen und Beteiligungen der Gesellschaft in der eben behandelten
Periode berichtet werden. Zu den ersten Beteiligungsinteressen der
A. E. G. gehörten die an der +General Electric Co.+ in New York
und an der +Compagnie Internationale d’Electricité+ in Lüttich.
Beide Verbindungen standen hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt:
„Austausch von Erfahrungen -- Gegenseitige Absatzunterstützung in den
beiderseitigen Arbeitsgebieten“. -- Die General Electric Co. in New
York vereinigte die verschiedenen amerikanischen Edison-Gesellschaften
zu einem großen Unternehmen, dem größten, das damals in der
elektrotechnischen Industrie Amerikas bestand. Die Finanzierung
erfolgte durch ein Konsortium erster deutscher und amerikanischer
Firmen, in das die A. E. G. mit einem Anteil von 250000 Doll. eintrat,
der später auf 400000 Doll. erhöht wurde. Es ist bezeichnend für
die Fortschritte, die in dem kurzen Zeitraum von 8 Jahren in der
Durchbildung der deutschen Starkstrom- und Beleuchtungstechnik wie
in den Methoden ihrer Bewirtschaftung gemacht worden waren, daß ihre
Hilfe bei der erst jetzt einsetzenden Organisation der zwar technisch
bahnbrechenden, aber lange unsystematisch arbeitenden Unternehmungen
in Amerika nachgesucht wurde und gewährt werden konnte. Emil Rathenau
überzeugte sich durch einen persönlichen Besuch in Amerika, der ihm wie
stets solche Besichtigungsreisen große Anregungen brachte, von „den
vortrefflichen Einrichtungen und den ausnahmsweise günstigen Aussichten
dieses größten elektrotechnischen Unternehmens der neuen Welt.“ Weder
der aufgefrischte Enthusiasmus für die technische Welt Amerikas noch
die alte Liebe zu dem großen Edison verhinderten aber, daß die A. E. G.
einige Jahre später den Besitz an General Electric-Aktien veräußerte,
als dies mit Nutzen (der Gewinn betrug allerdings nur 85459 Mark)
geschehen konnte und naheliegendere Aufgaben wichtiger wurden als die
amerikanische Freundschaftsbeteiligung, die ihren eigentlichen Zweck
bereits erfüllt hatte. So wurde dieser Faden verloren und erst nach
Jahren wieder aufgenommen, als die A. E. G. durch ihre Fusion mit
der Union Elektrizitäts-Ges. in neue Beziehungen zu dem Konzern der
General Electric trat. Eine ähnliche technisch-kontrollierende und
geschäftlich-ausdehnende Bedeutung wie die Beteiligung an der General
Electric hatte auch der Erwerb von 500000 Frcs. Aktien der Compagnie
Internationale d’Electricité in Lüttich. Diese Gesellschaft war aus
einer Firma hervorgegangen, deren Erzeugnissen die A. E. G. seit
Jahren mit Erfolg den deutschen Markt erschlossen hatte. Bei dieser
Anknüpfung war zum Teil der Gedanke maßgebend, daß die Compagnie
Internationale umgekehrt neben ihren Fabrikaten auch denen der A. E.
G. in den westlichen Ländern Europas, die deutschen Gesellschaften aus
nationalen Gründen damals schwer zugänglich waren (gemeint war wohl in
erster Linie Frankreich), Eingang verschaffen sollte. Der Gesellschaft
wurde die Generalvertretung der A. E. G. für Belgien und Frankreich
übertragen. Auch verschaffte sich diese durch die Aktienbeteiligung
an dem belgischen Unternehmen den deutschen Vertrieb einer von der
Compagnie Internationale exploitierten neuen Lampe, die in der
Beleuchtungstechnik eine gewisse Rolle zu spielen versprach, da sie die
Vorzüge des Glühlichts mit denen des Bogenlichts zu vereinigen schien.
Auch hier war die Interessennahme nur eine vorübergehende. Bereits im
Jahre 1891 wurden die Aktien zum Nennwerte wieder verkauft, nachdem
die A. E. G. durch eigene Konstruktionen in den Stand gesetzt worden
war, die Fabrikate, die den Hauptgegenstand der Lütticher Fabrikation
bildeten, selbst herzustellen. -- Wenig ersprießlich gestaltete
sich zunächst auch die Beteiligung der in London von der A. E. G.
mitbegründeten +Key’s Electric Co.+, die an Stelle einer Filiale
für den Verkauf der Erzeugnisse der A. E. G. in England tätig sein
sollte. Von dem 15000 Pfd. Strl. betragenden Kapital erwarb die A. E.
G. zuerst die Hälfte, schließlich 13500 Pfd. Strl. Die Gesellschaft
zeigte sich in dieser Form ihrer Aufgabe nicht gewachsen, zumal auch
in England die Einführung und der Vertrieb deutscher Produkte auf
nationalistischen Widerstand stieß. Die A. E. G. glaubte trotzdem für
die Erschließung des englischen Absatzgebietes noch weitere Opfer
bringen zu sollen. Sie formte das genannte Unternehmen unter Änderung
der Firma in „The Electrical Company Ltd.“ zur Vertretung ihrer
alleinigen Interessen um, erwarb die in fremdem Besitz befindlichen
Aktien und Gründeranteile und beseitigte die vorhandene Unterbilanz,
nachdem sie die ihr dadurch verursachten Verluste in ihrer eigenen
Bilanz bereits vorher abgeschrieben hatte. Auch in dieser Form
vermochte sich die Gesellschaft aber nicht auf die Dauer zu halten.
Sehr früh wurde der Grund zu einer neuen elektrischen Technik
gelegt, die in nicht langer Zeit zu einer großen industriellen
Bedeutung gelangen und der Gesellschaft ansehnliche Erträge bringen
sollte. Es handelt sich um die Gewinnung von +Aluminium+ auf
elektrischem Wege. In der Generalversammlung vom 22. November 1888
äußerte sich Emil Rathenau auf Anfragen aus Aktionärkreisen zum
ersten Male ausführlich über seine Anschauungen und Pläne auf diesem
elektrolytischen Gebiete. Auch hier fehlte es nicht an Fachleuten, die
von Utopien und Phantastereien sprachen, auch hier hat die Entwicklung
bewiesen, daß Emil Rathenaus in die Zukunft dringender Blick die
technischen Möglichkeiten durchaus sicher und zutreffend abgeschätzt
hat und daß seine „phantastisch klingenden“ Worte vom Standpunkt der
späteren Verwirklichungen aus betrachtet eher noch zu vorsichtig
gewählt waren. Die Bedeutung der elektrischen Legierungs-Verfahren,
so bemerkte Rathenau in jener Generalversammlung, der ersten, in
der er mit einer größeren Rede hervortrat, sei durchaus nicht zu
unterschätzen. Es sei anzunehmen, daß die Verbindungen des Aluminiums
mit Eisen als Ferro-Mangan und mit Kupfer als Aluminium-Bronze der
Metallindustrie sogleich neue Bahnen eröffnen würden. Das Problem
der Aluminiumgewinnung bestehe darin, das Metall mittels des
elektrischen Stromes aus seinen häufig in der Natur vorkommenden
Verbindungen (hauptsächlich der Tonerde) auszuscheiden und ohne jede
Zutat zu gewinnen. Die bisherige kleine Fabrik habe gute Erfahrungen
für den Großbetrieb geschaffen. -- In Zürich war unterdessen eine
„Metallurgische Gesellschaft“ mit gleichen Zielen ins Leben getreten.
Rathenau hielt es seiner Gewohnheit nach als kluger Taktiker für
zweckmäßig, statt eines Konkurrenzkampfes, eines Wettrennens beider
Unternehmungen um das beste und billigste Verfahren, eine Vereinigung
der zwei Gruppen und Techniken herbeizuführen. Eine solche empfahl
sich für die A. E. G. besonders, weil der Züricher Gesellschaft die
Wasserkräfte des Rheinfalls bei Schaffhausen zur Verfügung standen,
die ihr bei gleicher technischer Leistungsfähigkeit jedenfalls eine
billigere Produktion ermöglicht hätten als der auf Kohlenfeuerung
angewiesenen Fabrik der A. E. G. Der Schweizerischen Gruppe hinwiederum
erschien eine Anlehnung an die stärkere Finanzmacht und an die
größere Absatzorganisation der A. E. G. zweckmäßig. Da schon auf
anderen geschäftlichen Gebieten gute Beziehungen zwischen der A. E.
G. und den maßgebenden Schweizer Persönlichkeiten bestanden, gelang
es rasch, eine Grundlage zur Verständigung zu finden, nachdem eine
gegenseitige Prüfung der beiden Verfahren befriedigt hatte. Es wurde
eine Gesellschaft mit 10 Mill. Frcs. Kapital gegründet, von dem die
A. E. G. 1½ Mill. Frcs. übernahm. Der Besitz der Wasserkräfte
des Rheins, die Vereinigung der beherrschenden europäischen Patente
und Verfahren stellten der Gesellschaft auf die Dauer einen Schutz
gegen jede Konkurrenz in Aussicht. Den Alleinverkauf der Produkte
des Neuhausener Werks übernahm die A. E. G. für Deutschland und
Rußland. Die Erwartungen der Industrie für Verwendung des leichten
Metalls wurden allerdings nicht so rasch erfüllt, als man bei
fabrikmäßiger Herstellung des bis dahin kostbaren Erzeugnisses
vorausgesetzt hatte. Zu den Schwierigkeiten des Großbetriebs gesellte
sich neben mangelnder Erfahrung in der Behandlung, Unkenntnis der
Verwendungszwecke. Ferner warf durch den zollfreien Import begünstigt,
die ausländische Konkurrenz ihre Überproduktion zu Schleuderpreisen
auf den deutschen Markt. Erst allmählich gelang es der Neuhausener
Gesellschaft, die Schwierigkeiten des Gewinnungsprozesses vollkommen
zu beseitigen und das Produkt zu einem den Vorausberechnungen
entsprechenden, konkurrenzfähigen Preise herzustellen. In der Folge
hat sich das Aluminium, das erst nur als Kuriosität betrachtet und
in etwas spielerischer Weise zu allen möglichen und unmöglichen
Gebrauchsgegenständen des täglichen Bedarfs, wie Federhaltern, Büchsen
etc. verwendet wurde, in der Industrie und im Militärbedarf immer
mehr eingebürgert. Der Absatz stieg förmlich von Tag zu Tag, die
Selbstkosten wurden immer weiter herabgedrückt und die vorhandene
Anlage konnte auf die volle Leistung ausgebaut werden, die die
Gesellschaft dem Rheinfall zu entnehmen berechtigt war. Bereits nach
wenigen Jahren stellte sich die Produktion der Gesellschaft auf 1
Million Kilo, für 1892 wurde zum ersten Mal die Dividendenzahlung
mit 8% aufgenommen, die im nächsten Jahre auf 10% stieg. Die
Gesellschaft vermochte die Kosten für ihre Erweiterung bereits aus
verfügbaren Mitteln zu decken und die ursprünglichen Aktienzeichner
waren, nachdem die Gesellschaft zur Rentabilität und damit zur
kapitalistischen Selbständigkeit gelangt war, nicht mehr genötigt,
neue Investitionsmittel in dem Unternehmen festzulegen, sie konnten
sogar einen Teil der von ihnen ursprünglich übernommenen Aktien
auf den Markt bringen und dort mit Gewinn abstoßen. Nachdem die in
Neuhausen gemachten Erfahrungen die fabrikatorische Lage hinreichend
geklärt hatten, konnte auch das Konsortium für die Verwertung der
Aluminium-Patente in +Österreich+, dem die A. E. G. gleichfalls
angehörte, zu dem Bau einer Fabrik in Lend-Gastein und zur Ausnutzung
der ihr daselbst gehörigen Wasserkraft mit einem Gefälle von über 100 m
schreiten.
Die eigene Betätigung, die die A. E. G. auf dem Gebiete der
+Akkumulatoren-Herstellung+ nach Erwerb der Electrical Power
Storage Company für Deutschland geplant, und, um zunächst die
notwendigen Erfahrungen unter geringem Kostenaufwand gewinnen
zu können, in mäßigem Umfange aufgenommen hatte, fand bald ihr
Ende, nachdem die Gesellschaft im Verein mit Siemens & Halske die
bewährte Akkumulatorenfabrik Müller & Einbeck erworben und in eine
Aktiengesellschaft unter der Firma Akkumulatorenfabrik Akt.-Ges.
Hagen umgewandelt hatte. Dieser Akkumulatorenfabrik, die nach dem
System Tudor arbeitete und die von der A. E. G. erst zu machenden
Erfahrungen bereits in erheblichem Grade gesammelt hatte, überließen
sowohl die A. E. G. als auch Siemens & Halske ihre Patente. Von den
Aktien wurde der überwiegende Teil von Siemens & Halske, der A. E.
G. und den Vorbesitzern, der kleinere Teil von den Finanzgruppen der
beiden Gesellschaften übernommen. Der Vorsprung, den diese Gesellschaft
damals an sich schon besaß, die technischen Ergänzungen, die ihr durch
die Akkumulatorenabteilungen der beiden Elektrizitätsgesellschaften
zugeführt wurden, und die Stärke, die ihr die Finanzbeteiligung
sowie die Kundschaft dieser Gesellschaften gewährten, haben
die Stellung der Akkumulatorenfabrik Hagen, die später auch in
Berlin Fabriken errichtete, so gefestigt, daß sie nicht nur eine
glänzende Rentabilität, sondern auch eine marktbeherrschende, fast
monopolistische Stellung in Deutschland erringen konnte. -- Im Jahre
1890 erwarb die A. E. G. schließlich den größten Teil der Aktien der
Akt.-Ges. für Bronze- und Zinkgußwaren vorm. +J. C. Spinn & Sohn+
im Umtausch gegen Aktien der Berliner Elektrizitätswerke. Damit
gliederte sich die Gesellschaft ein Unternehmen an, das die Herstellung
von Beleuchtungskörpern als Spezialität betrieb und ergänzte damit ihr
Glühlampengeschäft in wirksamer Weise.
Neben dieser Gruppe von Beteiligungs-Unternehmungen, die im
wesentlichen dazu dienten, entweder bestimmte elektrische
Produktionsprozesse von dem Hauptunternehmen abzusondern bezw.
einen Einfluß auf derartige der Gesellschaft bis dahin fernstehende
Fabrikationen zu gewinnen, oder die auch den Zweck verfolgten,
Hilfsorganisationen für den Absatz in bestimmten Produkten und Ländern
zu schaffen, wurde eine andere Gruppe von Beteiligungsunternehmungen
ausgebildet, mit der Aufgabe, Muster- und Anwendungsbeispiele für
+stromverbrauchende+ Werke zu schaffen. Nachdem man in Amerika
bereits seit einiger Zeit mit der Umwandlung von Pferdebahnen
in elektrischen Betrieb günstige technische wie wirtschaftliche
Erfahrungen gemacht hatte, entschloß sich die A. E. G. zur Anlage einer
elektrischen +Straßenbahn in Halle+. Sie tat dies, indem sie sich
unter maßgebender Beteiligung an einem zur Übernahme der dortigen
Stadtbahn und zu ihrem elektrischen Ausbau gegründeten Finanzsyndikat
die Betriebführung der neuen Bahn für 10 Jahre sicherte. Das Projekt
wurde mit bestem Gelingen durchgeführt und bildete ein so wirksames,
von staatlichen und kommunalen Kommissären, Vertretern von vielen
europäischen Straßenbahngesellschaften studiertes Demonstrationsobjekt,
daß nicht nur die elektrische Straßenbahnführung in Halle auch auf
den bisher noch im Pferdebetrieb verbliebenen Linien eingeführt
wurde, sondern sofort eine Anzahl neuer Elektrisierungspläne in
anderen Städten zur Verwirklichung gelangte. Allerdings führte die
A. E. G. diese Betriebe nicht mehr ausschließlich in eigener Regie
durch, sondern baute sie zum Teil für Rechnung von Kommunen oder
Straßenbahngesellschaften, an denen sie sich allerdings vielfach
durch kleinere Aktienübernahmen beteiligte. Zu erwähnen sind aus
diesen Jahren die Bahnen in Breslau, Gera, Kiew, Chemnitz, Essen,
Dortmund, Christiania, Lübeck und Plauen. Charakteristisch für die
kleinlichen Bedenken, die zu jener Zeit der Einführung der elektrischen
Straßenbahnen entgegengehalten wurden, ist die, auch in der Presse
damals vielfach erörterte, Furcht gewesen, daß die Starkstromleitungen
der Straßenbahnen die Schwachstromleitungen, die die Post für ihre
Telegraphen- und Telephonnetze unterhielt, stören könnte. Es war der
Technik ein Leichtes, diese Gefahr durch geeignete Vorrichtungen zu
bannen. Auch der ästhetische Gesichtspunkt in Form einer Opposition
gegen die „unschöne Oberleitung“ wurde damals von manchen Kreisen nur
zu wirksam gegen die elektrischen Bahnen ins Feld geführt. Er hat zum
Beispiel die Elektrisierung der Berliner Straßenbahn solange verzögert,
daß die Reichshauptstadt erst wesentlich später als viele andere
deutsche Städte elektrische Bahnen erhielt.
Gleichzeitig mit dem Erwerb der Spragueschen Patente für den
elektrischen Straßenbahnbau und der Inangriffnahme der Elektrifizierung
der Stadtbahn in Halle hatte sich die A. E. G. im Jahre 1890
durch Aktienübernahme Einfluß auf die +Allgemeine Lokal- und
Straßenbahn+ gesichert, die eine Reihe von Beteiligungen an damals
noch mit Pferden betriebenen Straßenbahnen besaß. Bei dem Erwerb
leitete die Gesellschaft einmal der Gesichtspunkt, daß die betreffenden
Aktien aus dem Konsortialbestande einer nach Entlastung strebenden
Bank billig zu haben waren, andererseits das Bestreben, eine Reihe von
Objekten für die Anwendung ihres elektrischen Straßenbahnsystems sich
fest zu sichern. Der Nutzen, den der Erwerb dieses Aktienpostens für
die Gesellschaft im Gefolge haben konnte, erwies sich erst später.
In der Generalversammlung vom 26. November 1891 kritisierte ein
Aktionär sowohl diesen Ankauf wie auch den der Spinn & Sohn-Aktien.
Die Allgemeine Lokal- und Straßenbahn-Gesellschaft zahle nur 5%
Dividende. Großen Ertrag verspreche eine derartige Kapitalsanlage
nicht, und was die technischen Umgestaltungspläne der Gesellschaft
anlange, so solle man in dem Bestreben, alles selber machen zu wollen,
nicht die finanzielle Übersicht verlieren und die Rücksicht auf die
Geldbeschaffung außer acht lassen. Man möge den Nebenindustrien
auch etwas zukommen lassen, und nicht die ganze Welt aufkaufen.
Die günstigen Erträgnisse, die die Aktien der Allgemeinen Lokal-
und Straßenbahn-Gesellschaft später aufwiesen, die vorteilhaften
Bauaufträge, die sie der Gesellschaft zuführten, haben indes die
Berechtigung auch dieser Transaktion erwiesen.
Auch mit dem Problem der +elektrischen Untergrundbahnen+
befaßte sich die A. E. G. frühzeitig, und es ist nicht ihre
Schuld, wenn andere Weltstädte, insbesondere London, Paris und New
York, früher ihre „Subways“ und „Metropolitains“ erhalten haben
als die deutsche Hauptstadt. Im Geschäftsbericht für das Jahr
1890/91 schreibt die Gesellschaft: „Ein Projekt von ungewöhnlicher
Bedeutung für die Verkehrsinteressen der Stadt Berlin haben wir
den Behörden zur Konzessionserteilung eingereicht. Es betrifft den
Bau einer elektrischen Untergrundbahn, die in zwei sich kreuzenden
Achsen nord-südlich und ost-westlich und zwei konzentrischen
Ringen in beträchtlicher Tiefe unter dem Niveau der Straßen den
Hauptverkehrsadern folgen wird. Wir hoffen zuversichtlich, daß dieses
Unternehmen, dem vom Publikum und der Presse eine sympathische
Beurteilung zuteil wird, auch bei den Behörden die Unterstützung finde,
deren es zu seiner Verwirklichung bedarf.“ -- Diese Hoffnung sollte
indes nicht erfüllt werden. Die Gesellschaft bereitete technisch
alles aufs Beste für dies -- wie man zugeben muß -- großzügige
Untergrundbahn-Projekt vor, sie ließ sich Verfahren für neuartige
Tunnelvortriebsapparate patentieren, und rief eine Gesellschaft mit
beschränkter Haftung für den Bau von Untergrundbahnen ins Leben.
Das Projekt scheiterte indes sowohl an den Hemmnissen, die ihm
die Aufsichtsbehörden entgegensetzten, wie auch an dem geringen
Entgegenkommen, das die Stadt Berlin bewies. Mehr Erfolg hatte
bekanntlich das von der Firma Siemens & Halske sowie der Deutschen Bank
geplante und durchgeführte Projekt einer Hoch- und Untergrundbahn, die
zunächst von Osten nach Westen unter Einbeziehung des Verkehrs mit
dem Potsdamer Platz führte. In der Generalversammlung interpelliert,
warum die A. E. G. nicht dem Siemens & Halskeschen Projekt Konkurrenz
gemacht habe, erklärte Rathenau, daß man es für besser erachte, nicht
in einen zu scharfen Wettbewerb zu dieser Firma zu treten, durch den
man nur die Preise verderben würde. Man erwarte, daß Siemens & Halske
in einem anderen, ähnlich gelagerten Falle der A. E. G. gegenüber
ebensolche Zurückhaltung zeigen würden. Abgesehen von diesen nach
außen hin zugegebenen Gründen war man wohl damals schon darauf
bedacht, die Konkurrenzfirma, mit der man noch in dem bekannten
Interessengemeinschaftsverhältnis stand, schonend zu behandeln, da
Rathenau zu jener Zeit schon die Lösung des im Jahre 1887 auf 10 Jahre
geschlossenen Vertrages anstrebte, diese aber nur bei gutem Willen der
Firma S. & H. erreichen zu können Aussicht hatte.