Neben der kräftigen Weiterentwickelung der B. E. W., die nach kaum

10jährigem Bestehen etwa 30 Millionen Mark in ihren Betrieben angelegt

hatten, und nur in den ersten Jahren die Festlegung erheblicher Mittel

seitens der A. E. G. verlangten, während sie sich später mit ihrer

zunehmenden Rentabilität selbständig mit Kapital versorgen konnten,

erforderte das Fabrikations- wie das sonstige Beteiligungsgeschäft

der A. E. G. beträchtliche neue Mittel. Die Glühlampenfabrik erfuhr

eine gewaltige Ausdehnung. Gegen 90000 Stück Lampen im Jahre 1886

wurden im nächsten, 18 Monate umfassenden Geschäftsjahr 1887/88

bereits 300000 Stück abgesetzt. Ein paar Jahre später zählte der

Absatz nach Millionen. Die zunehmende Konkurrenz zwang allerdings zu

Preisherabsetzungen und zu Verbesserungen in der Ökonomie der Lampen,

die nur durch Verbilligungen des Herstellungsprozesses ausgeglichen

werden konnten. Die Aufnahme der Dynamomaschinenfabrikation, die für

Maschinen bis zu 100 PS durch den neuen Vertrag mit Siemens & Halske

der Gesellschaft ermöglicht worden war, und für die erst noch das

Edisonsche, dann später ein eigenes System verwendet wurde, erforderte

die Errichtung einer besonderen Fabrik. Es wurde bereits im Jahre 1887

die Weddingsche Maschinenfabrik samt dem zugehörigen von der Acker-,

Hermsdorfer-, Feld- und Hussitenstraße begrenzten Gelände erworben und

ausgebaut. Auch eine neue Fabrik für Leitungsmaterial wurde errichtet,

desgleichen eine Akkumulatorenfabrik, nachdem die Gesellschaft mit

Rücksicht auf die zukünftige Bedeutung, die sie den Apparaten zur

Aufspeicherung des elektrischen Stromes beimaß, die Patentrechte der

Electrical Power Storage Company für das Deutsche Reich erworben

hatte. Im Jahre 1888/89 wandte sich die Gesellschaft ferner der

Herstellung +elektrischer Straßenbahnen+ zu. Um sogleich mit

einem fertigen und in allen Teilen erprobten System hervortreten zu

können, erwarb Rathenau -- der sich nie gern mit Vorarbeiten abgab,

wo fertige Resultate bereits vorlagen -- die Erfindungen und Patente

des im amerikanischen Eisenbahnwesen bekannten Konstrukteurs J. Frank

Sprague und sicherte sich dadurch vertragsgemäß weitgehende Erfahrungen

auf dem Gebiete der elektrischen Straßenbahnen. Auch elektrische

Grubenbahnen wurden in den Tätigkeitskreis der Gesellschaft gezogen.

Die Zahl der inländischen und ausländischen Installationsbureaus wurde

fernerhin vermehrt. Die Herstellung isolierter Anlagen, für die die

Gesellschaft nach dem neuen Vertrage mit Siemens & Halske nun auch

die +Maschinen+ selbst herstellen durfte, nahm beträchtlich

zu, insbesondere erhielt die Gesellschaft wieder eine Reihe von

Aufträgen für Theaterbeleuchtungen sowie industrielle Stationen, und

mit Genugtuung wurde im Jahre 1892 festgestellt, daß die Gesellschaft

nunmehr den ganzen Bedarf derartiger Anlagen von der Dampfmaschine

bis zur Glühlampe selbst herstelle. Inzwischen war nämlich neben der

Dynamomaschine auch der Elektromotor, ferner die Herstellung von Gummi-

und anderem Isolationsmaterial in den Produktionskreis der Gesellschaft

gezogen worden. Elektrische Pumpen, Winden, Aufzüge und Krähne wurden

gleichfalls fabriziert und außer dem ersten großen Anwendungsgebiet

des elektrischen Starkstroms, der Beleuchtungselektrizität, begann

das zweite, das im Laufe der Entwickelung ungleich wichtiger werden

sollte, das Gebiet des +Kraftstroms+ an Bedeutung zu gewinnen.

Die elektrische Kraftübertragung, die Emil Rathenau schon früh an

Stelle der Dampfkraft setzen wollte, weil er sie als ökonomischer

und leistungsfähiger ansah, faßte allmählich Fuß, wenngleich sich

die Industrie nur schwer von ihrer Überlegenheit beim Betrieb von

Fabriken, Bergwerken usw. überzeugen ließ, und die demonstrative

Vorführung am Muster-Beispiel, die Rathenau sonst gern eindrucksvoll

zur Wirkung kommen ließ, hier viel schwieriger wie auf anderen Gebieten

durchzuführen war. Denn Blockstationen, Beleuchtungszentralen,

elektrische Bahnen, konnte die A. E. G. selbst erbauen und betreiben,

um an ihnen den Wert der Elektrizität zu beweisen. Der überzeugende

Nachweis der elektrischen Ökonomie im Fabrikbetriebe war viel

schwieriger zu erbringen. Rathenau konnte nicht eigene Bergwerke,

Hütten, Hochöfen erwerben, um vergleichende Tabellen über die Kosten

des Dampf- und des elektrischen Betriebes aufzustellen. Die Industrie

ihrerseits, noch immer gegen die unbedingte Zuverlässigkeit des

elektrischen Betriebes mißtrauisch, fürchtete Störungen, und gab sich

zu gefährlichen Experimenten nicht leicht her. Dampfkrafttechniker

und Elektrotechniker bekämpften sich mit Ökonomie-Statistiken, und

jeder wollte nachweisen, daß seine Methode die billigere sei und den

Vorzug verdiene. Emil Rathenau hat die Heranziehung der Elektrizität

als Kraftquelle mit den von Jahr zu Jahr steigenden Kohlenpreisen

einerseits und andererseits mit der Notwendigkeit begründet, die

allmählich sich aufbrauchenden Kohlenvorräte der Erde dadurch zu

„strecken“, daß nur der Kraftantrieb durch Kohle zu erfolgen habe,

während die eigentliche Krafterzeugung durch die mit Kohle in

Bewegung gesetzte Elektrizität erfolgen müsse, eine Anschauung, die

vom Standpunkte einer weitsichtigen Entwickelung aus betrachtet,

zweifellos Berechtigung besitzt. Einen großen Schritt auf dem Wege der

Kraftübertragung tat im Jahre 1890 die A. E. G. durch die Ausbildung

eines von ihrem Ingenieur +Dolivo Dobrolowsky+ ausgebildeten

neuen Stromsystems, das als Drehstrom- oder Mehrphasensystem für

die Kraftübertragung eine fundamentale Bedeutung erlangt hat. Die

Kraftübertragung, die bis dahin technischer Behandlung nur in engen

räumlichen Grenzen fähig war, wurde damit auch auf weitere Entfernungen

hin möglich. Noch wichtiger für die damalige Zeit war es wohl, daß

durch das Drehstromsystem der +Wechselstrom+ mit seinen hohen

Spannungen und größeren Leistungen sich endgültig gegenüber dem bis

dahin vorherrschenden Gleichstrom durchzusetzen vermochte, nachdem

er bis dahin mehrere Jahre lang einen nicht gerade erfolgreichen

Kampf gegen den Gleichstrom geführt hatte. Die technische Welt

war längere Zeit in zwei Lager gespalten gewesen, und gerade die

größten Autoritäten, wie Siemens und Edison, bis zu einem gewissen

Grade auch Rathenau, hatten sich durch die bis dahin eingeführten

unvollkommenen Systeme des Wechselstroms meist einphasiger Natur

nicht für die neue Stromart gewinnen lassen. In Amerika kämpften

Georg Westinghouse, in England Ferranti, in Deutschland besonders die

Helios-Elektrizitäts-Gesellschaft für den Wechselstrom. Es wurden von

diesen auch große Krafterzeugungswerke errichtet, die aber weder in

technischer, noch in wirtschaftlicher Beziehung die Überlegenheit des

Wechselstromsystems zu erweisen vermochten, trotzdem manche von ihnen,

besonders das Ferrantische Werk in Deptford bei London mit großzügigen

Baugedanken, namentlich auf dem Gebiete der Großmotorentechnik

errichtet worden waren. Erst das mehrphasige Drehstromsystem, das nach

einem von dem italienischen Physiker Ferraris entwickelten Prinzip

von verschiedenen Konstrukteuren, mit besonderem Erfolg von Dolivo

Dobrolowsky ausgeführt worden war, brachte die endgültige Entscheidung.

Die A. E. G. fand Gelegenheit, die starke Wirkung ihres

Drehstromsystems und der dadurch ermöglichten Kraftübertragung in

die Ferne auf der Internationalen Elektrotechnischen Ausstellung in

Frankfurt a. M. im Jahre 1891 vorzuführen, unter deren hervorragenden,

von der Leistungsfähigkeit der Starkstromtechnik zum ersten Male

ein zusammenfassendes Bild gebenden Veranstaltungen die Fernleitung

Lauffen-Frankfurt a. M. im Mittelpunkt des Interesses stand. Die

Idee, mit Hilfe des neuerfundenen Drehstroms die Wasserkräfte des

Neckarfalles bei Lauffen 175 km weit auf elektrischem Wege nach

Frankfurt a. M. zu überführen, ging von dem Ingenieur Oscar v. Miller

aus, der ebenso wie in München vor 9 Jahren auch der leitende Geist

der Frankfurter Elektrizitätsausstellung war. Miller, dieser nicht

nur geschickte, sondern auch geistvolle Organisator und Herold der

Elektrizitäts-Propaganda, der es wie kaum ein anderer verstand, das

repräsentative Bild einer modernen technischen Kultur aus ihren

historischen Fundamenten aufzubauen, in ihrem Gegenwartswert greifbar

lebendig zu machen und zugleich ihre Zukunftsperspektiven aufzurollen,

Oscar v. Miller, der später in der Schöpfung des Deutschen Museums

einen klassischen Ausdruck für seine „gehobene Ausstellungskunst“

fand, suchte nach einem „Schlager“ für die Frankfurter Ausstellung,

der über die bereits anderweitig gezeigten „Errungenschaften“ der

Elektrizität nicht nur dem Grade nach hinausging, sondern etwas ganz

Neues bieten sollte. Die modernsten Lampen, die damals gerade in voller

Entwickelung stehenden Techniken des Zentralen- und Bahnenbaus, alles

das wurde selbstverständlich in Frankfurt gezeigt, das waren doch

aber nur Verbesserungen von technischen Prozessen, die anderswo auf

Ausstellungen oder im praktischen Betriebe bereits vorgeführt worden

waren, Feinheiten des Details und des Fortschritts, die eigentlich

nur den Techniker voll interessierten. Das ganz Neue, das er suchte,

fand Oscar v. Miller nun bei der A. E. G., deren Mit-Direktor er

bis vor wenigen Jahren gewesen war, bevor er dem an ihn ergangenen

Rufe folgte, die Frankfurter Ausstellung zu organisieren. Miller,

der übrigens bereits 1882 in München den allerdings damals mehr

spielerischen Versuch gemacht hatte, eine Fernleitung vermittelst

Gleichstroms nach dem System von Deprez vorzuführen, kannte von der

A. E. G. her das Dobrolowskysche Drehstrom-Verfahren. Er wußte auch,

daß Emil Rathenau entgegen den Zweifeln und Einwänden, mit denen

ein großer Teil der Elektriker der Fernübertragung des elektrischen

Stroms noch immer begegnete, die kühnsten und höchsten Erwartungen in

dieses Verfahren setzte. Es galt diesen latenten Kräften und Ideen die

Vorbedingungen der Verwirklichung zu geben, da sonst damals auf anderem

Wege die Mittel zur praktischen Nutzanwendung der Erfindung noch nicht

geschaffen werden konnten. Die Fernübertragung war gewissermaßen

nur die sensationelle Einkleidung für das weniger wirkungsvolle,

aber für die damalige Entwickelungsstufe der Elektrizität weit

wichtigere Drehstromsystem. Hinter dem +Schlager+ verbarg sich

das vielumstrittene +Problem+, und Oscar v. Miller leistete

weit mehr als ausstellungstechnische Arbeit, indem er einer der

zukunftskräftigsten, aber auch am schwersten zu verwirklichenden Ideen

der angewandten Elektrizität durch Dornengestrüpp die Wege bahnte.

Denn die zu überwindenden Hindernisse waren groß. Sie bestanden

nicht so sehr in den maschinellen Vorbedingungen der Anlage, die

auf eine so hohe Spannung eingerichtet werden mußte, wie sie damals

noch unerhört war. Daß man Maschinen von genügender Größe und

Stärke herstellen konnte, ist Emil Rathenau und Oscar v. Miller nie

zweifelhaft gewesen. Die Maschinenfabrik Oerlikon bei Zürich in der

Schweiz lieferte auch eine tadellos funktionierende Maschine von

mehr als 200 Pferdestärken, mit der es möglich war, eine Spannung

von 16000 Volt -- eine für jene Zeit außerordentliche Leistung -- zu

erzeugen. Die Anwendung einer derartigen Hochspannung gestattete es

auch, Kupferleitungen zu verwenden, die einen verhältnismäßig geringen

Durchmesser aufwiesen, während bei starkem Gleichstrom wesentlich

größere und direkt unwirtschaftliche Kupferdurchschnitte notwendig

gewesen waren. Auch genügend widerstandsfähige Isolatoren konnten

gebaut werden. An der Erzeugungsstelle, und an der Verbrauchsstelle

des Stroms wurden Transformatoren eingebaut, die die Heraufsetzung und

Wiederherabsetzung des dreiphasigen Stroms tadellos bewirkten. Schwerer

waren die Hemmungen zu überwinden, die der Durchleitung des damals

als sehr gefährlich geltenden Hochspannungsstroms durch die zwischen

der Erzeugungs- und der Verbrauchsstelle liegenden Landstrecken im

Wege standen. Württemberg, Baden, Hessen und Preußen hatten die

Genehmigung zur Durchführung der Leitungen über ihr Gebiet zu erteilen.

Nach großen Schwierigkeiten und Widerständen namentlich seitens der

Postverwaltung, die eine Störung ihrer Schwachstromleitungen durch

die Hochspannungsanlagen befürchtete, gelang auch dies, aber erst

längere Zeit nach Eröffnung der Ausstellung in Frankfurt konnte die

Fernleitung in Betrieb gesetzt werden. Dann aber brannten in Frankfurt

a. M. eines Abends 1000 Glühlampen, die mit Wasserkraftstrom aus

dem 175 km entfernten Kraftwerk gespeist waren. Um die trotz der

Übertragung nicht verminderte Stärke des Fernstroms zu zeigen, wurde in

Frankfurt ein Wasserfall betrieben, der vermittelst einer durch einen

Drehstrommotor in Bewegung gesetzten Kreiselpumpe in Tätigkeit gesetzt

wurde. Charakteristisch für den reifen und klaren Blick, mit dem Emil

Rathenau das Fernleitungsproblem schon im Jahre 1891 sah, ist die Rede,

die er bei der Besichtigung der Frankfurter Anlage vor den Festgästen

gehalten hat. Sie ist interessant genug und gibt außerdem ein so

bezeichnendes Bild von der Art, mit der Rathenaus reale Phantasie

Zukunftsentwickelungen schon aus Erfindungen, die erst sozusagen in

den Anfangsgründen vorlagen, gedanklich vorwegnahm, daß sie hier im

Wortlaut wiedergegeben werden soll:

„Meine Hochgeehrten Herren!

Wenn wir auch das Verdienst in keiner Weise für uns in Anspruch

nehmen, daß Sie, meine hochgeehrten Herren, von weit hergekommen

sind, um sich durch den Augenschein zu überzeugen, auf welche

Entfernung der elektrische Strom zur Übertragung der Kraft des

Neckars mit Erfolg verwendet werden kann, so können wir doch

nicht umhin, Ihnen unseren ehrerbietigen und verbindlichsten Dank

auszusprechen, daß Sie uns gestattet haben, die Anregung dazu zu

geben und in diesem Sinne heiße ich Sie willkommen.

Es möchte als Selbstverherrlichung erscheinen, wenn die, welche an

dem eben vollendeten Werke mitgewirkt haben, sich in Betrachtungen

verlören, über etwaige Umwälzungen, die das Gelingen dieser Aufgabe

herbeiführen kann, und ich überlasse es deshalb der begeisterten

Phantasie Fernstehender, Zukunftsbilder auszumalen; aber vom rein

technischen Standpunkte aus wollen Sie mir gestatten, einige Worte

über die Kraftübertragung hier auszusprechen.

Wenn wir, uns des wohlgelungenen Werkes freuend, Rückblicke in

die Vergangenheit werfen und sinnend in die Zukunft schauen, so

geschieht dies nicht in dem selbstgenügenden Sinne, in welchem

Goethe seinen alternden Faust zum Augenblicke sagen läßt: „Verweile

doch, du bist so schön.“ Wir glauben nicht einen Idealzustand, ein

endgültiges Ziel erreicht zu haben. Wir möchten uns dem kühnen

Bergsteiger vergleichen, welcher, nachdem wieder ein großer Teil

des Weges zurückgelegt ist, stehen bleibt und auf die überwundenen

Schwierigkeiten zurückblickt, dabei aber doch das Endziel nicht aus

den Augen verliert.

Die Kultur unserer Erde ist den Jugendjahren entwachsen, sie tritt

in das ernste Alter der Männlichkeit, wo die volle Kraft zur

Verfügung steht, wo es aber zu Ende sein muß mit dem übermütigen

Brausen und Vergeuden der Jugend, und was hier im Bilde von der

Kraft gesagt ist, müssen wir auf die Kraft im wissenschaftlichen

Sinne, auf das eigentliche Lebensprinzip unserer Erde mit

bedeutungsvollem Ernst anwenden. Die Zunahme der Bevölkerung und

ihre dichtere Verbreitung auf dem besser gelegenen Teil unserer

Erde zwingen uns, mit dem Vorhandenen haushälterisch umzugehen.

Die Not hat uns suchen gelehrt, und wir lernen, die Entfernungen

aufzuheben und auszugleichen. Ein Baum, ein Rind, ein Getreidefeld

ist an der einen Stelle kaum des Aneignens wert und wird weit

entfernt von dort so hoch geschätzt, daß einer großen Mehrzahl

der Bevölkerung nur unter schwerer Arbeit es möglich ist, diese

zur Erhaltung notwendigen Erzeugnisse unserer Erde, unser Aller

Mutter, sich zu verschaffen. Nicht anders ergeht es uns mit

jener belebenden Naturkraft, der Sonnenwärme, welche wir in den

mannigfachsten und wunderbar erscheinenden Formen auf unserer

Erde aufgespeichert finden. Die Quelle, der Wassersturz, die Ebbe

und Flut des Ozeans, sie alle sind Kräfte, welche der menschliche

Geist sich dienstbar machen kann und muß, soll er anders die

Herrschaft über die Erde behaupten, und doch gestatten ihm sehr oft

oder vielleicht zumeist die scheinbar zufällig sich entwickelnden

Lebensbedingungen der Individuen nicht, diese Kräfte am günstigsten

auszunutzen. Als der Mensch überhaupt darauf kam, die elementaren

Naturkräfte sich dienstbar zu machen, waren es nur Wind und

Wasser, die er sich gefügig zu machen vermochte, und Jahrhunderte,

Jahrtausende vergingen, ohne daß ein Fortschritt verzeichnet werden

konnte. Erst unserem Jahrhunderte, dem des Dampfes, blieb es

vorbehalten, die Kräfte der Erde dem Menschen zu erschließen und

die in der Kohle angehäufte Sonnenwärme in ihren Urzustand wieder

zurückzubringen, sie zu zwingen, sich wieder als Kraft und so als

Arbeit dem Menschen zu betätigen. Der Dampf wiederum war es, der es

ermöglichte, die Kraft zu verteilen, einerseits durch Verbesserung

der Transportmittel, andererseits, indem man es bald lernte, seine

Wirkung direkt auf Entfernungen, die man für große hielt, zu

übertragen; ja man lernte es auch, die Dampfkraft zu teilen und

mehreren den Nutzen einer großen Einrichtung gemeinschaftlich und

zu gleicher Zeit zuzuführen.

Bei weitem überflügelt hat aber der, wie man ihn bisher nannte,

elektrische Funke den Dampf. Wir haben es heute gezeigt, daß auf

eine Entfernung von über 170 km mit mathematischer Gewißheit

Elektrizität die ihr von einem Wasserfall zugeführte Kraft

überträgt, und was heute auf 175 km und mit 16000 Volt Spannung

gelingt, wird gewiß in +wenig Jahren mit 100000 Volt auf weit

riesigere Entfernungen ein Leichtes sein+.

Aber nicht allein dieser fast märchenhafte Erfolg, der Überwindung

von Zeit und Raum ist uns klargelegt; Sie werden, meine hochgeehrte

Versammlung, bei Ihrer Rückkehr nach der Ausstellung dort gewahren

können, wie die auf nur 4 Millimeter starke Drähte eingezwängte

und über weite Strecken fortgeleitete Kraft von mehr als 200

Pferdestärken an der Ankunftsstelle den verschiedenartigsten

Zwecken dienstbar gemacht wird, wie sie nicht nur mit einem Aufwand

von etwa 80 Pferdestärken eine Wassermenge 10 Meter in die Höhe

drückt, um dieselbe als Wasserfall hinabsprudeln zu lassen, wie sie

dann noch an verschiedenen Stellen dem Gebote eines geringen Drucks

auf einen Hebel folgend, eine große Anzahl von Lampen aufglühen

läßt, wie sie endlich ohne jede Schwierigkeit geringe Teile ihrer

Kraft, 1/10 Pferdekraft, abgibt, um mittels einer kleinen, fast

spielzeugartigen und doch dauerhaften und betriebsfähigen Maschine,

einen Luftfächer zu bedienen.

Die großartige Verteilungsfähigkeit der Elektrizität ist es, welche

den Versuch der Übertragung auf große, sehr große Entfernungen

erst so recht zu einem bedeutungs- und wertvollen gemacht hat.

Wenn wir daran denken, daß es das ungewußte Sinnen der Menschheit,

das zielbewußte Streben der Forscher, Erfinder, der Leute der

Zukunft, wie ich den Ingenieur bezeichnen möchte, ist, menschlicher

Arbeit das Gebiet des Nachdenkens, das Gebiet der individuellen

Tätigkeit vorzubehalten und immer weiter zu erschließen, alle

rein mechanische, gedankenlose Tätigkeit aber durch Unterjochen

der Naturkraft durch Maschinen zu vollbringen, so darf ich den

jetzt eingeschlagenen Weg kühn als denjenigen bezeichnen, auf dem

Jahrhunderte mit Erfolg weiter wandeln können. Wir dürfen uns auch

weiter der Überzeugung nicht verschließen, daß die Unterstützung

unserer Tätigkeit durch die Arbeitsleistung der Tierwelt längst

nicht mehr ausreicht, und das Zugpferd und der Zugochse von

rechtswegen schon längst der Vergangenheit angehören müßten. Das

Zeitalter des Dampfes hat hierin großes getan, aber wie jeder

rapide und bedeutende Fortschritt auch Nachteile gezeitigt; so

haben wir besonders auf dem Gebiete des Handwerkers mit Bedauern

sehen müssen, daß dem Individualismus die Maschinenarbeit den

Garaus gemacht hat, so daß wir bis vor kurzem uns gewöhnt hatten,

mit dem Ausdruck „Handwerksarbeit“ eine gedankenlose mechanische

Nachahmung zu bezeichnen. Es liegt aber in der Natur des Dampfes,

als Betriebskraft, für große Betriebe mit Erfolg verwendet

werden zu können. Wir haben kein Mittel, um mit materiellem

und technischem Vorteil den Dampf direkt in die Wohnung des

Kleinmeisters zu führen, ebenso wenig können wir die Wirkungen des

Dampfes, sei es durch Transmissionen oder durch andere Art, gut auf

erhebliche Entfernungen übertragen. Ganz anders die Elektrizität!

Die neuesten Fortschritte werden uns gestatten, +großartige

Krafterzeugungszentren an beliebigen Stellen+, im Bergwerk, an

der Meeresküste, um die Ebbe und Flut zu benutzen, an den großen

Katarakten anzulegen, die dort vorhandenen, bisher zwecklos

vergeudeten Kräfte in nutzbringende Elektrizität umzusetzen, diese

in, wir können fast sagen, +beliebige Entfernungen+ zu versenden

und dort in beliebiger Art zu verteilen und zu verbrauchen. Wir

können dem Handwerkmeister seine Nähmaschine elektrisch betreiben,

wir heizen ihm sein Bügeleisen, wir rüsten dem Vergolder die

chemischen Bäder für seine Erzeugnisse. Wir geben noch dazu einem

jeden die Beleuchtung in der Stärke und an dem Orte und zu der

Zeit, wo sie am vorteilhaftesten ist. Und wenn wir schließlich den

Elektromotor mit anderen ähnlichen Maschinen vergleichen, so finden

wir, daß er den geringsten Raum einnimmt, daß seine Einrichtung

die einfachste ist, daß er keine Wartung braucht und keine Gefahr

des Explodierens vorhanden ist, vor allem aber, daß er ökonomisch

deshalb am vorteilhaftesten arbeitet, weil sein Kraftverbrauch

sich mit seiner Belastung selbsttätig regelt. Und wie wir so an

der Verbrauchsstelle sehen, daß die Elektrizität sich bemüht, eine

sparsame Betriebskraft zu sein, so auch an der Erzeugungsstelle.

Das schlechteste Feuerungsmaterial, das bisher den Transport nicht

lohnte, weil zu viel tote Last mit ihm davon geschleppt werden

mußte, wird am Orte, wo es gefunden wird, immer noch mit Vorteil

zum Betriebe von Erregermaschinen Verwendung finden können, und so

sehen wir vor uns, daß die Fortleitung und Verteilung der Kraft

als Elektrizität von der schönsten ausgleichenden Wirkung ist. Wir

können dadurch den Vorteil großartiger Zentralisation erreichen

und ersparen daher viel nutzlose Betriebskraft und Arbeit, und wir

können andererseits in vollkommenster Weise die dezentralisierte

Kraft dem Einzelnen in dem kleinsten Teilchen zugängig machen und

beleben dadurch das Schaffensvermögen und die Schaffensfreudigkeit

der Einzelnen zum Wohle Aller und des Ganzen. Es ist auch nicht

zu unterschätzen, daß die Elektrizität als Verteiler von Kraft die

natürlichen Wasserkräfte wieder zu Ehren gebracht hat, welche durch

den Dampf in die Ecke gedrückt, ein im Verhältnis zu ihrem hohen

ökonomischen Werte zu bescheidenes Dasein fristeten.

In diesem Sinne bitte ich Sie, meine hochgeehrte Versammlung,

diesen, unseren ersten, in den Einzelheiten gewiß noch der

Ausarbeitung bedürftigen Versuch als einen neuen Schritt auf

der Bahn der menschenbeglückenden Zivilisation wohlwollend zu

betrachten. Ich möchte aber meine herzliche Begrüßung und den

Ausdruck meiner hohen Freude über Ihre Anwesenheit, welche ich

zugleich im Namen aller mitbeteiligten ausführenden Firmen und

Männer der Wissenschaft und Praxis auszusprechen die Ehre habe,

nicht schließen, ohne der überaus nutzbringenden Fürsorge der hohen

Reichs- und Staatsbehörden unseren tiefgefühlten Dank ehrerbietigst

abzustatten, ohne welche dieser Versuch nicht hätte unternommen

werden können. Ich bitte die anwesenden hohen und geehrten Herren

Vertreter der Regierungen diesen, unseren ehrfurchtsvollen Dank

auch an dieser Stelle entgegennehmen zu wollen.“

Die Frankfurter Anlage wurde bei aller epochemachender Wirkung, die

nach Schluß der Ausstellung noch zu experimentellen Zwecken auf

eine Spannung von 30000 Volt gesteigert wurde, nur als ein Versuch

aufgefaßt, der nicht als dauernde Einrichtung, sondern als eine

lediglich für die Zeit der Ausstellung berechnete Demonstration

in Geltung bleiben sollte. Trotz des großen Aufsehens, das dieses

Probebeispiel in wissenschaftlichen, technischen und Laienkreisen

machte, hat es ziemlich lange gedauert, bis sich die Kraftübertragung

und erst gar die Fernübertragung elektrischer Kraft praktisch in

vollem Umfange durchgesetzt hat. Die großen Verwirklichungen auf

diesem Gebiete gehören erst einer viel späteren Zeit an. Die ersten

Zweckanwendungen, die dem Frankfurt-Lauffener Experiment folgten,

wurden in der Schweiz vorgenommen, wo Wasserkräfte in großer

Zahl zur Verfügung standen und die zu überwindenden Entfernungen

verhältnismäßig gering waren. Die A. E. G. selbst hat mit den

+Kraftübertragungswerken Rheinfelden+ bereits in den nächsten

Jahren eine praktische Durchführung der Fernübertragung größeren

Umfanges in Angriff genommen. Mit Maschinenleistungen von 15000 PS

sollten elektrische Ströme bei diesem Werk 50 km weit an große und

kleine Abnehmer geliefert werden. Dieser erste Dauer-Anwendungsversuch

hat noch manche schwierige, nur durch langwierige geduldige Arbeit zu

lösende Probleme theoretischer und praktischer Natur aufgeworfen, zumal

da er mit den ersten Versuchen, die Turbine statt der Kolbenmaschine

als Antrieb für Dynamomaschinen zu verwenden, zusammenfiel. Er hat

aber gerade durch die zu überwindenden Schwierigkeiten außerordentlich

lehrreich und klärend gewirkt und über die durch das Lauffener

Experiment bereits festgelegten und im großen ganzen bis heute

unverändert gebliebenen Grundgedanken der Fernübertragung hinaus

viele wichtige Erfahrungen eingetragen. Ist die Lauffen-Frankfurter

Fernübertragung als die erste experimentell-theoretische Lösung des

Problems zu bezeichnen, so stellt die Rheinfeldener Unternehmung

das Schulbeispiel der praktischen systematischen Durchbildung

der Fernübertragung dar. Neben der technischen Bedeutung hat die

Inangriffnahme des Kraft- und Fernübertragungs-Problems für die A.

E. G. noch eine wichtige geschäftliche Folge gehabt. Durch sie sind

die Beziehungen der Gesellschaft zu der schweizerischen Industrie und

Finanz mitangebahnt bezw. es sind diese Beziehungen, die noch von einer

anderen Seite her, nämlich von der Aufnahme der Aluminium-Erzeugung auf

elektrischem Wege in Neuhausen, eingeleitet wurden, derart erweitert

worden, daß sie für die fabrikatorische, besonders aber für die

finanztechnische Entwickelung der Gesellschaft eine große Bedeutung

erhielten.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 16 / 41 段