Die Bilanz von Ende 1886 gewährte schon ein ganz anderes Bild als

die erste von 1883. Das Anfangskapital von 5 Millionen Mark, mit dem

die Gesellschaft bei ihrer Gründung ziemlich reichlich ausgestattet

worden war, ist auch jetzt noch nicht aufgezehrt. 1.724.886 Mark

werden noch als Bankguthaben flüssig gehalten. Daneben aber sind die

Immobilien (Friedrichstraße und Schlegelstraße) bereits auf 829.502

Mark angewachsen, die Blockstation in der Friedrichstraße erscheint

mit 132.843 Mark, die in der Schadowstraße mit 50.102 Mark; Aktien der

Städtischen Elektrizitätswerke werden mit 557.200 Mark aufgeführt,

Maschinen und Apparate mit 162.756 Mark, Waren mit 491.938 und

Forderungen in laufender Rechnung mit 1.724.886 Mark. Die Geldmittel

sind also zum großen Teil in den Betrieb geflossen und in werbende

Anlagen überführt worden. Die offenen Schulden der Gesellschaft sind

nur gering und betragen 392.912 Mk., und es hätte aus dem Reingewinn

von 324.870 Mk. bequem eine Dividendensteigerung auf 6%, nachdem in den

ersten beiden Jahren 4% und im dritten Jahre 5% gezahlt worden waren,

vorgenommen werden können. Um zu verstehen, warum dies nicht geschah,

warum die Gesellschaft sogar 1886 und Anfang 1887 in eine Krise -- die

einzige wirklich bedrohliche in ihrer ganzen Geschichte -- geriet, muß

noch von anderen Dingen gesprochen, eine andere Entwickelungsreihe

verfolgt werden, die uns zeigen wird, daß der unternehmerische Geist

Rathenaus sich in den bereits geschilderten Dingen nicht erschöpft

hatte, andererseits aber auch, daß er sich trotz seiner unleugbaren

Erfolge noch nicht zum +entscheidenden+ Erfolg durchgerungen

hatte.

Siebentes Kapitel

Zentralstationen

Der Name Zentralstation ist uns in den früheren Kapiteln schon öfter

begegnet. Bereits in den Verträgen mit Edison und Siemens wird von

Zentralstationen gesprochen. In dem ersten Vertrage mit Edison im

Jahre 1881 hieß es, daß abgesehen von der Fabrikationsgesellschaft

eine zweite für den Bau von Zentralstationen errichtet werden sollte,

in dem zweiten endgültigen Vertrage von 1883, der die Gründung nur

+einer+ Gesellschaft vorsieht, ist von Zentralstationen in

diesem Zusammenhange nicht mehr die Rede. Es heißt darin schlechthin,

daß die Deutsche Edison Gesellschaft das Recht, Installationen für

Beleuchtungs- und Kraftübertragungswerke einzurichten, von Edison

erwirbt. Im Vertrage mit Siemens & Halske wird der Edison Gesellschaft

bekanntlich das Recht vorbehalten, allein Zentralstationen für eigene

Rechnung zu bauen. Daß der Begriff Zentralstation überhaupt so früh

auftaucht, ist nicht darauf zurückzuführen, daß er in der damaligen

Zeit bereits in großem Maßstabe und in vielen Beispielen verwirklicht

war. Er lebte -- wenigstens in einer Form, die diesen Namen wirklich

verdiente -- eigentlich erst allein in der Idee Emil Rathenaus, der

sich dafür keineswegs auf Vorbilder, sondern höchstens auf gewisse

Ansätze in den damals in der Lichtelektrizität am meisten entwickelten

Ländern Amerika und Frankreich berufen konnte. Was zu jener Zeit

die Regel, den Typus bildete, waren isolierte Lichtanlagen, die ein

Haus, eine Fabrik, einen Park, eine Straße oder mehrere benachbarte

Häuser in einem beschränkten Radius versorgen konnten. Edison war dem

Gedanken des Zentralwerks allerdings bereits früh nachgegangen und

hatte auch eine Zentrale, die einen Stadtteil südlich von Wallstreet

mit Licht versehen sollte, errichtet. Aber diesem genialen Techniker

war doch nur bis zu einem gewissen Grade die Fähigkeit gegeben, ein

technisches Verfahren industriell auszubauen. Seine Anschauungen von

finanziellen Dingen waren naiv, und an betrieblicher Methodik fehlte

es ihm so gut wie ganz. Edison hat denn auch aus seinen großartigen

Erfindungen nur verhältnismäßig geringen und fast niemals dauernden

Nutzen wirtschaftlicher Art gezogen. Wie wenig die Edisonsche Zentrale,

obwohl für einen ersten Versuch sinnreich erdacht, doch dem entsprach,

was wir später unter einer Großstation verstanden, geht daraus hervor,

daß die Herstellung von Maschinen mit 150 PS als ganz besonders

großartiger Fortschritt bezeichnet wurde. Bei der Broadway-Zentrale

wurden die Dynamos nach Edisons eigener Aussage auf bloße Vermutung

hin gebaut. Die gewählte Spannung von 110 Volt reichte denn auch

nicht aus. Auch sonst wurde rein empirisch, ohne jede Systematik

vorgegangen, wenig berechnet und viel probiert. Die Folge war, daß von

den parallel geschalteten Maschinen die eine stille stand, während die

andere bis auf 1000 Umdrehungen lief und dabei wippte. Zur Messung

bediente die „Edison Beleuchtungsgesellschaft“ sich alter chemischer

Geräte, die bald zufroren, bald rotglühend wurden, bald in Brand

gerieten. „Voltometer“, so hat Edison in der „Electrical Review“

erzählt, „besaßen wir schon gar nicht. Wir benutzten Glühlampen. Mit

Mathematikern ließ ich mich erst recht nicht ein, da ich bald fand,

wie ich es ein gut Teil besser treffen konnte als sie mit ihren

Ziffern, und so fuhr ich im Vermuten fort.“ Gewiß hat ein so glänzender

Experimentator wie Edison alle Anstände, die aus solchem Vorgehen

entstehen mußten, immer, wenn sie sich zeigten, durch seine genialen

Kombinationen zu beseitigen verstanden, aber schließlich kam dabei

doch nur ein Werk zustande, das in seinem empirisch-primitiven Aufbau

auf die Persönlichkeit eines so erfinderischen Kopfes wie Edison

gestellt blieb, und überall dort keine Nachahmung finden konnte, wo

eine ähnlich überlegene Persönlichkeit als Leiter fehlte. 8 Jahre

lang arbeitete das Edisonsche Werk auf diese Weise. Schule konnte es

natürlich nicht machen, da ihm die systematische Durchbildung, die

sichere wissenschaftliche Grundlage fehlte. Emil Rathenau erkannte

die Mängel eines solchen gefühlsmäßigen Vorgehens auf den ersten

Blick. Er war sich klar darüber, daß eine wirklich epochemachende

Zentral-Station nicht auf dem Versuch und dem Zufall, sondern nur auf

dem festen Boden der wissenschaftlichen Methodik aufgebaut sein mußte.

Seine Einbildungskraft lebte nicht von dem Experiment, sondern von der

Konstruktion. Auch +er+ war voller Phantasie und rechnete mit

neuartigen Antriebsmaschinen, kunstvoll durchgearbeiteten Kabelsystemen

und wenn er vor den Grenzen der Gegenwart nicht halt machte, so

ließ er doch die Wege in die Zukunft, ehe er sie betrat, stets von

dem Mathematiker genau durchforschen. Er fragte sich, warum eine

Vergrößerung und Vervielfältigung, eine Sammlung und Verteilung der

in kleinem Rahmen geschaffenen Anlagen nicht möglich sein sollte. Er

suchte nach den Gründen, die einer Übertragung ins Große hätten im Wege

stehen können und fand, daß es keine gab, die unüberwindlich gewesen

wären. Denn die Hemmnisse lagen alle nur noch in der Durchführung,

nicht mehr im Prinzip. Gerade aber die Probleme der Durchführung ließen

sich, das wußte er, nur auf wissenschaftliche Weise lösen. Wenn er

daher mit dem damals der übrigen Welt noch nicht geläufigen oder nur

in unvollkommener Form bekannten Begriff der Zentralstation wie mit

etwas Selbstverständlichem operierte, so hatte er seine bestimmten

Gründe dafür. Er erreichte damit, daß dieser anscheinend harmlose

Begriff -- und zwar in einem ihm günstigen Sinne -- in seine Verträge

aufgenommen wurde, was ihm deswegen nicht besonders schwer fiel, weil

die Vertragsgegner diesem Begriff teils zweifelnd, teils sogar direkt

mißtrauisch gegenüberstanden und das mit ihm gekennzeichnete Gebiet

der Wagnisse und Fährnisse gern dem „Phantasten“ überlassen wollten.

Selbst ein Mann wie Werner v. Siemens lächelte über die Idee der

Zentralstation, und erklärte es für eine Utopie, daß man den Leuten

jemals aus einer Zentrale elektrisches Licht in die Häuser würde leiten

können, wie man es mit dem Gaslicht machte. Die Gasfachleute stellten

sich gleichfalls ungläubig, aber durch ihre Ironie klang doch ein

Unterton von Furcht vor der neuen Konkurrenz, die ihnen vielleicht

auch noch die Hausbeleuchtung streitig machen könnte, nachdem sie

ihnen bereits in der Straßen-, Fabrik- und Theaterbeleuchtung Boden

abgerungen hatte. Daß Rathenau eigentlich als einziger die Idee erfaßte

und trotz aller Anfeindungen von wissenschaftlich-autoritativer und

technisch-praktischer Seite an ihr festhielt, ist ein Beweis seines

originellen, unabhängigen und im Grunde schöpferischen technischen

Denkens.

Trotzdem aber der Gedanke absolut klar, folgerichtig und fertig

entwickelt vor dem Geiste Rathenaus stand, sah es zunächst noch nicht

so aus, als ob er bald verwirklicht werden würde. In den Jahren der

Versuchsgesellschaft konnte an die Schaffung einer Zentralstation

natürlich nicht herangegangen werden. Es fehlte an dem technischen

Apparat, es fehlte auch an den geldlichen Mitteln. Das erste Jahr der

Deutschen Edison Gesellschaft sah lediglich die Verwirklichung einer

Reihe von Einzelanlagen und die Vollendung einer +Blockstation+

(in der Schadowstraße) sowie die Inangriffnahme einer zweiten größeren

(in der Friedrichstraße). Sie wurden in den ersten Geschäftsberichten

und Bilanzen der Gesellschaft als Zentralstationen bezeichnet. Mit

Unrecht. Sie waren im technischen Sinne keine Zentralen, sondern

isolierte Anlagen, die -- über den Umfang einer größeren Einzelanlage

kaum hinausgehend -- mehrere Verbraucher versorgten, weil jeder

dieser Verbraucher einen zu geringen Bedarf für eine eigene Anlage

hatte. Weder die Technik war zentral, noch die Verteilung. Denn die

Krafterzeugung erfolgte nicht durch Großmaschinen, sondern durch

eine große Zahl kleiner „Schnellläufer“, von denen jeder nur eine

beschränkte Anzahl von Lampen speiste. Die Verteilung erfolgte

nicht unter Benutzung der öffentlichen Straßen und Verkehrswege

für die Kabellegung, sondern auf dem weit kostspieligeren Wege der

Kabelführung durch privates Gelände. Nur unter besonders günstigen

Bedingungen, nämlich dann, wenn genügend gut zueinander gelegene

Abnehmerbetriebe da waren, die die Leistung der Anlage voll ausnutzen

konnten, waren die Voraussetzungen für die Rentabilität solcher

Blockstationen gegeben. Aber selbst in der Schadowstraße, und in der

Friedrichstraße, also in besonders gut gelegenen Stadtteilen, waren

diese Voraussetzungen nicht vorhanden, denn es konnte nur ein Teil

des erzeugten Stromes abgesetzt werden, und die Erträgnisse reichten

kaum für die notwendigen Abschreibungen, geschweige denn für eine

Verzinsung der Kapitalien aus. Emil Rathenau, für den derartige

Blockstationen nur ein Kompromiß, eine Abschlagszahlung auf die

vollkommenere Idee der Zentralstation darstellten, gelangte sehr

bald zu der Ansicht, daß ein ähnliches Schicksal der Unrentabilität

sehr bald auch die übrigen Stationen erreichen werde, die die

Lieferung elektrischer Ströme mit Umgehung der öffentlichen Straßen

ins Werk setzten. Er war der Ansicht, daß diese Blockstationen nur

Übergangsgebilde darstellen, die verschwinden müßten, nachdem sie

ihren eigentlichen Zweck, als Demonstrationsunternehmungen zu dienen,

erfüllt hätten, und die nächste große Etappe in der Entwickelung,

nämlich die öffentliche Zentralstation, erreicht war. Die spätere

Gestaltung der Dinge hat ihm auch durchaus recht gegeben. Es haben

sich in der Licht- und Krafterzeugung nur +die+ Einzelanlage,

die genau auf die Bedürfnisse des Verbrauchers berechnet war, sich

seinem Betriebe in Produktion und Bedarf anpassen konnte, also im

wesentlichen die industrielle Einzelanlage und ferner die öffentliche

Zentralstation erhalten. Die Blockstation ist völlig verschwunden, wenn

man nicht Einzelanlagen mehrerer Verbraucher oder solche, bei denen

ein Hauptverbraucher nach vorher ungefähr festgelegtem Bedarfsplan an

Nachbarbetriebe Energie abgibt, als Blockstationen bezeichnen will.

Die Entwickelung von der Blockstation bis zur Zentrale, die zunächst

noch im weiten Felde zu liegen schien, ging aber schließlich wider

Erwarten schnell vor sich. Die Praxis folgte in diesem glücklichen

Falle -- einem der wenigen, in dem Rathenaus fast immer richtige

Diagnostik +schneller+ als er erwartet hatte, durch die Tatsachen

bestätigt wurde -- nicht dem behutsamen Gang der allgemeinen

Anschauungen, sondern dem Siebenmeilenstiefelschritt der Rathenauschen

Phantasie. Professor +Slaby+, dem doch niemand langsames Denken

und mangelndes Einbildungsvermögen in elektrischen Dingen wird

nachsagen können, erzählte später, daß er beim Anblick der ersten

Rathenauschen Blockstation, die aus zahlreichen winzigen Maschinen,

von sogenannten Schnellläufern betrieben, mit bewunderungswerten

Regulierungsmethoden die elektrische Kraft sammelte, um sie in

einige umliegende Häuser zu verteilen, begeistert ausgerufen habe:

„Die Lichtzentrale des kommenden Jahrhunderts.“ -- „O nein,“

erwiderte Rathenau lächelnd, „wie verkennen Sie den unersättlichen

Elektrizitätshunger der Menschheit, der in wenigen Jahren sich

einstellen wird. Statt dieser Kellerräume mit ihrem ohrenbetäubenden

Lärm sehe ich hohe, luftige Riesenhallen mit vieltausendpferdigen

Maschinen, die automatisch und geräuschlos Millionenstädte mit Licht

und Kraft versorgen. Zuvor haben wir den Maschinenbau für diese

Leistungen zu erziehen.“ Slaby und wohl auch Rathenau selbst haben

damals kaum gedacht, daß schon ein Jahr nach diesem Zwiegespräch die

erste Zentralstation projektiert und kaum ein halbes Jahr später im

Betrieb sein würde.

Der demonstrative Erfolg der Einzel-Installationen, der Blockstationen

und der Anlage in der Hygieneausstellung war groß gewesen. Es hatten

sich daraufhin in verschiedenen Stadtgemeinden Vereinigungen von

Haus- und Ladenbesitzern gebildet, die mit Anträgen zur Beleuchtung

ihrer Lokale von abgeschlossenen Stationen aus an die Gesellschaft

herantraten. Die Schwierigkeit bestand darin, die Genehmigung der

Stadt Berlin wegen Überlassung städtischen Grund und Bodens zur

Legung von Leitungen zu erhalten, und man bezweifelte, daß die

Stadtverwaltung, als Eigentümerin des Konkurrenzbetriebes der

städtischen Gaswerke, diese Genehmigung in absehbarer Zeit erteilen

würde. Die Kommunalbehörde war aber in diesem Falle besser als

ihr Ruf. Im Roten Hause erinnerte man sich daran, daß man bereits

einmal, als Rathenau vor einer Reihe von Jahren mit dem Plan einer

städtischen Telephonzentrale an die Stadtverwaltung herangetreten

war, die Vorschläge dieses Mannes kurzsichtig abgelehnt hatte. Man

entschloß sich also, trotz der städtischen Gasinteressen, der Idee

der elektrischen Lichtzentrale näherzutreten, und erwog sogar, ob man

das Werk in städtischer Regie errichten solle. Dafür war aber weder

die Mehrheit der Stadtverordneten, noch der vorsichtig abwägende

Oberbürgermeister +Forkenbeck+, der damals an der Spitze der

hauptstädtischen Verwaltung stand, zu haben. Es setzte sich die zu

jener Zeit zweifellos richtige Überzeugung durch, daß ein erstes

Experiment auf so schwierigem Gebiete nicht mit bureaukratischen

Kräften gelöst werden könnte, daß in einer noch so sehr der technischen

Ausgestaltung und Erprobung bedürfenden Unternehmung nicht städtische

Mittel größeren Umfanges investiert werden dürften. Am 24. Januar

1884 wurde von der Stadtverordnetenversammlung nach langen erregten

Debatten, in denen besonders der Bürgermeister +Duncker+ die

Vorlage mit den Worten verteidigte: „Alles Risiko entfällt auf die

Gesellschaft, alle finanziellen Vorteile fallen auf die Stadt,“

ein Vertrag genehmigt. Das Monopol der +ausschließlichen+

Straßenbenutzung, das bei einem Teil der Stadtverordneten besonderen

Widerspruch hervorgerufen hatte, fiel allerdings, wenigstens de

jure. De facto ist es nicht durchbrochen worden, da die Stadt Berlin

anderweitige Konzessionen nicht mehr erteilt hat. Die Zersplitterung,

die in manchen anderen, besonders ausländischen Großstädten, wie New

York, Paris usw., die Entwickelung der Zentralen sehr gehemmt hat,

wurde dadurch in der Berliner Elektrizitätsversorgung glücklicherweise

vermieden. Durch den Konzessionsvertrag wurde der Deutschen Edison

Gesellschaft das Recht eingeräumt, in den Straßen eines beträchtlichen

im Stadtinnern gelegenen Teils von Berlin, begrenzt durch einen um

den Werderschen Markt gezogenen Kreis mit einem Halbmesser von 800 m,

Leitungen zur Fortführung elektrischer Ströme von einer oder mehreren

Zentral-Stationen aus zu legen und zur Anlage dieser Leitungen die

Straßendämme und Bürgersteige zu benutzen. Die Stadt Berlin bedang sich

natürlich Gegenleistungen aus, die u. a. in einer jährlichen Abgabe von

der Bruttoeinnahme wie vom Reingewinn bestanden. Gewonnen war mit dem

neuen Vertrage viel. Die Gesellschaft war durch das Recht, die Straßen

für ihre Leitungen zu benutzen, der Notwendigkeit enthoben, kleine

Sonderstationen für die zu beleuchtenden Häuserblocks zu beschaffen,

sich zu diesem Zwecke in jedem Einzelfall teure Lokalitäten zu mieten

und kostspielige Kabelführungsverträge abzuschließen.

Mit dem technischen Gedanken der Zentralstation war auch in Rathenaus

Kopfe sofort schon die +finanzielle+ und +rechtliche+ Form

da, in der er am besten verwirklicht werden konnte. Es sollte eine

besondere Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 3 Millionen Mark

gegründet werden, an der die Deutsche Edison Gesellschaft bezw. ihre

Aktionäre beteiligt werden konnten. „Um im Interesse unserer Aktionäre

die Aktien der neuen Gesellschaft diesen zu einem angemessenen Kurse

reservieren zu können, haben wir von einer festen Begebung der Aktien

an ein Bankierkonsortium Abstand genommen, mit einem solchen jedoch

die Verabredung getroffen, daß es gegen eine mäßige Gewinnbeteiligung

uns die Abnahme von 80% des gesamten Kapitals garantiert. Wir zweifeln

nicht, daß uns aus dem Verkauf dieser Aktien schon in diesem Jahre

ein entsprechender Nutzen erwachsen wird.“ -- Dies sind die Worte,

mit denen die Gründung der Städtischen Elektrizitätswerke, der

ersten Tochtergesellschaft der Deutschen Edison Gesellschaft, im

Geschäftsbericht von 1883 angekündigt wird. In dem gleichen Bericht

findet sich schon ein +programmatischer Satz+ über die Behandlung

von Zentralstationen und Tochterunternehmungen im allgemeinen, der

einige der wichtigsten Richtlinien, die die Gesellschaft später beim

Ausbau ihres Beteiligungssystems befolgt hat, wenn auch noch in

ziemlich einfacher Form, enthält. Er lautet: „Im übrigen liegt es nicht

in unserer Absicht, den liquiden Vermögensstand dauernd durch eigene

Übernahmen großer Zentralstationen zu alterieren. Vielmehr verfolgen

wir das System, solche Stationen mit Hilfe unserer Geldmittel zwar

einzurichten, dieselben aber spätestens nach erfolgter Inbetriebsetzung

selbständigen Gesellschaften zu überlassen, um so unser Kapital immer

wieder für neue Unternehmungen flüssig zu machen.“ -- Hier ist das

Ideal gekennzeichnet, dem Emil Rathenau von Anfang an zugestrebt hat,

das er allerdings gerade in den ersten Zeiten und gerade bei der

ersten Tochtergründung, wie wir später sehen werden, nicht sofort

verwirklichen konnte. Es bedurfte erst eines elastischen und fein

ausgebildeten Finanz- und Beteiligungssystems, mit sinnreich angelegten

Kapitalsammlungs-, Aufsparungs- und Verteilungsvorrichtungen, um

stets die Freiheit der Verfügung über die eigenen Betriebsmittel

und die in Gründungsbauten anzulegenden Kapitalien zu behalten und

das finanzielle Gleichgewicht unabhängig von den Zufälligkeiten der

Geld- und Industriekonjunkturen, unbeeinflußt von unvorhergesehenen

Entwickelungen in den Finanzbedürfnissen der Tochterunternehmungen,

sicherzustellen.

An einer anderen Stelle des Geschäftsberichtes für 1883, in der

von eingeleiteten Verhandlungen mit anderen Städten über die

Einrichtung elektrischer Zentralen gesprochen wird, findet sich

gleichfalls ein Satz, der wert ist, hier wiedergegeben zu werden. Er

lautet: „Wir sind indessen weit entfernt, die Organisation solcher

Lokal-Beleuchtungs-Gesellschaften mit Ausschluß jeder Konkurrenz

nur aus eigenen Mitteln zu bewirken, sondern werden vielmehr die

Kooperation solcher Kräfte, welche naturgemäß zur Einführung des

neuen Lichts berufen scheinen, mit Dank begrüßen; insbesondere

hoffen wir, auch auf dem Wege der +Genossenschafts-Assoziation+

die Wohltaten des elektrischen Lichtes selbst kleineren Städten

und Industriebezirken zugänglich zu machen, welche entweder eine

Beleuchtung von Zentralstellen überhaupt noch nicht besitzen, oder

vermöge ihrer natürlichen Hilfsmittel imstande sind, das elektrische

Licht billiger als andere Beleuchtungen zu erzeugen.“ Diese Stelle ist

in zweifacher Hinsicht bemerkenswert. Einmal zeigt sie das Bestreben,

Aktionäre, Geldgeber und Finanzkonsortium, denen vielleicht damals

noch vor den Risiken des gänzlich unerprobten Zentralenbaus in eigener

Regie etwas bange war, die Beruhigung zu geben, daß man nicht mit

vollen Segeln auf das noch von der Gründerkrisis her gefürchtete Meer

der Unternehmertätigkeit hinausfahren werde. Ferner aber klingen

hier auch schon Ideen über verteiltes Risiko und verteilten Einfluß

zwischen Privatunternehmung und Lokal-Verwaltungen an, die zwar in

der dort geschilderten Form der genossenschaftlichen Assoziation nie

verwirklicht worden sind, aber doch später in der ähnlichen Form der

gemischt-wirtschaftlichen Unternehmung zur Durchführung gelangten.

Es dauerte allerdings Jahrzehnte, bis dieses Zusammenarbeiten von

privatem und öffentlichem Kapital sich durchsetzte. Es ist aber ein

Beweis für den durchdringenden Blick Rathenaus, daß er damals schon das

unzweifelhaft vorliegende Bedürfnis erkannte. Bevor der Zentralenbau

zu dieser Zusammenarbeit gelangte, mußte erst die Privatunternehmung

allein eine ausgedehnte erfolg-, aber auch zum Teil verlustreiche

Arbeit leisten, und die kommunale Verwaltung mußte gleichfalls die

Methoden der öffentlichen Unternehmung ausbilden. Erst dann gelang es,

die Kräfte und Mittel beider organisatorisch zusammenzufassen.

Der von der Stadtverordnetenversammlung genehmigte Vertrag mit der

Stadt Berlin wurde am 6. Februar 1884 vom Magistrat, und am 19. Februar

desselben Jahres von der Deutschen Edison Gesellschaft vollzogen. Das

ganze Jahr 1884 und ein Teil des Jahres 1885 gingen mit den Bauarbeiten

hin.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 13 / 41 段