& Halske hatte für beide Teile seine Vorteile und Nachteile. Für
die ältere Firma, deren weitverzweigter Geschäftskreis dadurch nur
in einem, überdies ziemlich weit an der Peripherie gelegenen Teile
berührt wurde, hatte es zunächst mehr die Bedeutung eines Ausgleichs
über ein neues, den alten Geschäftsstamm ergänzendes Zukunftsgebiet,
keineswegs die Tragweite einer Teilung bisherigen Alleinbesitzes
mit einem neu hinzukommenden Konkurrenten. So wurde es wenigstens
damals von den Leitern der Firma S. & H. aufgefaßt. Auf diesem neuen
Gebiete, dem der Lichtelektrizität, sicherte man sich das Recht, die
beste damals vorhandene Glühlampe zu produzieren. Die der Deutschen
Edison Gesellschaft gegenüber höhere Lizenzgebühr nahm man in den
Kauf, glaubte diesen Nachteil aber dadurch hinlänglich ausgeglichen zu
haben, daß man das ausschließliche Recht, Maschinen und Materialien
für Beleuchtungszwecke nach dem Edisonschen System herzustellen und
dazu einen bedeutenden Pflichtabnehmer für diese Fabrikate sowie
für die eigene Bogenlampenkonstruktion gewann. Der Verzicht auf die
sogenannten „Konzessionen“, das heißt das Recht, Zentralstationen zur
Erzeugung und gewerblichen Abgabe von Lichtstrom für eigene Rechnung
zu errichten, fiel der Firma Siemens & Halske damals nicht schwer.
Sie hielt diesen Zentralenbau in eigener Regie für etwas Unsolides,
mit dem Odium der Gründerei Behaftetes und hätte -- wenigstens zu
jener Zeit -- wohl auch ohne diese Bindung nicht an die Errichtung
solcher Stationen gedacht. Der ganze Vertrag war für die Firma insofern
wertvoll, als er ihr die Möglichkeit bot, die neue Konkurrenz, deren
Kapitals- und Industriekraft ihr gewiß nicht ebenbürtig war, deren
Unternehmungslust aber sehr groß und lebhaft zu sein schien, auf ein
Sondergebiet, das der Glühlampenbeleuchtung, zu beschränken. Für
die Deutsche Edison Gesellschaft waren manche der einschränkenden
Bedingungen -- darüber war sich Emil Rathenau schon damals nicht im
Unklaren -- hemmend, wenngleich nicht so sehr für die nächste Zeit, die
auf dem gewählten Sondergebiet vorerst mehr als genug Arbeit bot, als
für die weitere Entwickelung. Dafür erwarb die junge Gesellschaft aber
ein Rechtsmonopol für Glühlampen Edisonschen Systems in Deutschland,
schaltete die stärkste Konkurrenz auf dem wichtigen Zentralenbaugebiet
aus und hatte die Gewähr, diejenigen Hilfsanlagen, die sie selbst
nicht herstellen durfte, von der leistungsfähigsten Fabrikationsfirma
zu günstigen Preisen geliefert zu erhalten. Schließlich war die enge
Geschäftsverbindung mit dem großen Hause Siemens & Halske für den
geschäftlichen Ruf eines neu gegründeten Unternehmens an sich, ganz
unabhängig von dem Inhalt der Verträge, wertvoll genug. Sie hob es über
die Fährnisse und Unsicherheiten der Vertrauensfrage Abnehmern und
Aktionären gegenüber mit einem Schlage soweit hinaus, wie dies sonst
nur durch jahrelange gute Leistungen und Erträgnisse möglich gewesen
wäre, und gab ihm von vornherein den Rahmen der Ernsthaftigkeit und
industriellen Bedeutung. Eine Gesellschaft, die Siemens & Halske eines
Interessenteilungs-Vertrages für würdig hielten, mußte -- so wird man
sich damals gesagt haben -- doch eine ernsthafte Grundlage besitzen,
und der „Vertrag mit Siemens, der Rathenau an Händen und Füßen
fesselte“ -- so drückte sich ein bekannter Finanzmann aus -- „war für
das junge Unternehmen nichtsdestoweniger ein Glück, weil es eben ein
Vertrag mit Siemens war.“
Nach Erledigung dieser rechtlichen und vertraglichen
Grundkonstruktionen konnte sich die neue Verwaltung mit Intensität
ihrer industriellen Arbeit widmen. Dabei war sie sich durchaus der
Tatsache bewußt, daß das neue Beleuchtungssystem in seiner praktischen
Anwendung und Handhabung noch nicht völlig über die Periode der
Versuche und Kinderkrankheiten hinausgewachsen war. Rückschläge und
Mißerfolge -- namentlich in der Hand von ungeübten Unternehmern --
waren leicht möglich, und hätten der Volkstümlichkeit der jungen
Beleuchtung schweren Schaden bringen können. In der ersten eigenen
Blockstation, Friedrichstraße 85, von der aus man die umliegenden
Häuser und Etablissements mit elektrischem Licht speiste, mußten die
Ingenieure der Gesellschaft, darunter Rathenau und Oscar v. Miller,
noch immer persönlich scharfen Überwachungsdienst leisten, damit
die Maschinen in richtigem Gang blieben, und wenn doch einmal, was
gar nicht so selten vorkam, die elektrische Beleuchtung plötzlich
erlosch, mußten die Gäste im Café Bauer, das zu den Abnehmern
jener ersten Station gehörte, mit guter Laune über die unangenehme
Situation hinweggebracht werden, eine Aufgabe, die allerdings -- wie
Oscar v. Miller humorvoll zu erzählen pflegte -- bei den Kollegen
am wenigsten begehrt war. Hatte die Deutsche Edison Gesellschaft
schon selbst trotz ihrer besonderen Erfahrungen auf dem Gebiete des
Glühlampen-Lichts mit derartigen Schwierigkeiten zu kämpfen, so mußte
sie sich die Lizenzanträge, die ihr in großer Zahl zugingen, doppelt
und dreifach daraufhin ansehen, ob die Firmen, von denen sie ausgingen,
die erforderliche technische Gewähr für zuverlässige Ausführung
boten. In ihrem ersten Geschäftsbericht hebt die Edisongesellschaft
ausdrücklich hervor, daß sie unter Verzicht auf den durch unbeschränkte
Lizenzerteilung zu erzielenden Nutzen unter dem Schutz der deutschen
Edison-Patente nur Firmen vereinigen dürfe, die durch ihre bisherigen
Leistungen und durch ihre bevorzugte Stellung in der Industrie dem
Publikum genügende Sicherheit für sorgfältige Installation und
Garantien dafür boten, daß sie nicht auf Kosten der Qualität eine
Preiskonkurrenz herbeiführen würden. Infolge dieser vorsichtigen
Verkaufspolitik wurden im ersten Geschäftsjahre nur mit der Firma J.
Schuckert in Nürnberg und der Firma Heilmann, Ducommun & Steinlen
in Mülhausen Lizenzverträge abgeschlossen, nach denen sie gegen
Erstattung gewisser Abgaben und gegen die Verpflichtung, die Lampen
ausschließlich von der Deutschen Edison Gesellschaft zu beziehen,
zur Benutzung der Edisonschen Patente berechtigt waren. Trotz dieser
selbstgewählten Beschränkung waren bei Ablauf des ersten im ganzen
noch nicht 8 Monate umfassenden Geschäftsjahres der Gesellschaft in
Deutschland bereits 138 Dynamomaschinen mit mehr als 12000 Lampen unter
dem Schutze der Edisonschen Patente in Tätigkeit. Die ersten Maschinen,
Apparate usw. mußten noch von ausländischen Edison-Gesellschaften
bezogen werden, da die Firma Siemens & Halske nicht sofort mit
der Lieferung von Edison-Maschinen beginnen konnte, sondern erst
umfassende Vorbereitungen für die Produktion treffen mußte. Hierbei
trat denn die Mangelhaftigkeit der Edisonschen Original-Maschinen
klar zutage. Eisenteile zerbrachen häufig, die Widerstände waren
falsch berechnet. Kurz, die Deutsche Edison Gesellschaft hatte mit
diesen Maschinen viel Ärger. Schon in kurzer Zeit gelang es der Firma
Siemens & Halske aber dank ihrer ausgezeichneten und geschulten
Kräfte und der reichen Mittel, die ihr zur Verfügung standen, sich
der übernommenen Aufgabe in so vollendeter Weise zu entledigen, daß
die Deutsche Edison Gesellschaft ihren Bedarf ausschließlich in ihren
Werkstätten decken konnte. Für die Herstellung von Antriebsmotoren
zum Betriebe der Dynamomaschinen, bei deren Bezug die Gesellschaft
nicht an S. & H. gebunden war, entwarf die Edison-Gesellschaft, nachdem
es sich herausgestellt hatte, daß die zu verwendenden Motoren die
bisherigen Ansprüche überstiegen, Spezialkonstruktionen, die nach ihren
Anweisungen von einer Berliner Maschinenfabrik hergestellt wurden.
Auch hier ging es nicht ohne Fehlschläge ab. Für die Herstellung
von Glühlampen, die den wesentlichsten Teil der neuen Beleuchtung
bildeten, richtete die Gesellschaft dagegen eigene Fabrikationsanlagen
auf Grund der in Amerika und Frankreich gemachten Erfahrungen
ein; die Erzeugungsfähigkeit der Fabrik wurde auf zunächst 150000
Lampen jährlich bemessen und im ersten Geschäftsjahre -- in einer
Verkaufszeit von 6 Monaten -- wurden 25000 Stück abgesetzt. An größeren
Installationsaufträgen waren u. a. auszuführen: Die endgültigen
Beleuchtungsanlagen in den beiden Münchener Königlichen Theatern,
dem Residenztheater und dem Opernhaus, und eine Anlage in dem neuen
Königlichen Residenztheater zu Stuttgart. Im ganzen wurden 27 Anlagen
mit 33 Maschinen hergestellt, unter deren Bestellern sich Maschinen-,
Zucker- und Papierfabriken, Spinnereien, Webereien, Geschäftshäuser und
Restaurants befanden. Dabei leisteten Felix Deutsch seine Beziehungen
namentlich zur Zuckerindustrie gute Dienste. Auch hier waren die
Ergebnisse aber zunächst keineswegs so befriedigend, wie man das
erhofft hatte. Abgesehen von den Störungen, die durch die anfänglich
gelieferten schlechten amerikanischen Maschinen hervorgerufen
wurden, konnten sich die Kunden auch nur schwer an die sogenannten
„Schnelläufer“ gewöhnen, die mit den 300 Touren, die sie in jener Zeit
liefen, für damalige Begriffe ein Höllengeräusch machten. In eigenem
Betrieb wurde die kleine von der Versuchsgesellschaft übernommene
Zentralstation ausgebaut, die von dem Grundstück des Unionklubs in der
Schadowstraße diesen sowie die Ressource von 1794 mit elektrischer
Energie versorgte. Eine Erweiterung mit dem Zwecke, auch das in der
Nähe gelegene Aquarium so wie einige andere Nachbarbetriebe mit Licht
zu versorgen, wurde in die Wege geleitet. Die im Jahre 1883 in Berlin
abgehaltene Hygiene-Ausstellung wurde dazu benutzt, das Glühlicht in
großem Maßstabe dem Publikum der Reichshauptstadt vorzuführen.
Für das Jahr 1883, das erste Geschäftsjahr des neuen Unternehmens,
wurde folgende Bilanz aufgestellt:
=Bilance für das erste Geschäftsjahr=,
abgeschlossen per 31. Dezember 1883.
_Aktiva._ M. Pf.
An Kasse-Conto 7.720.07
„ Effekten-Conto 3½ pCt. Pr. St.
Schld. (Kaution) nom. M.
150.-- 150.05
„ Waaren-Conto 204.248.01
„ Conto-Corrent-Conto
a) Guthaben bei diversen Banken 4.103.672.--
b) Guthaben auf Forderungen in
lfd. Rechnung 548.298.27 4.651.970.27
„ Inventarien-Conto
I. Mobilien 11.727.97
II. Comptoir- und
Bureau-Utensilien 4.219.95
III. Technische Instrumente,
Apparate und Chemikalien 5.929.55
IV. Bücher und Pläne 2.387.60
V. Werkzeuge 1.233.85
----------
25.498.92
ab 10% Abschreibung 2.550.-- 22.948.92
„ Immobilien-Conto
Grundstück Friedrichstrasse 85 227.211.38
„ Vorschuss-Conto Compagnie
Continentale Paris, Rest der
an dieselbe, für Ausnutzung
der Edison-Patente gezahlten
Erwerbspreise von M.
350.000 per 31. Dezember
1883 (§ 35 der Statuten) 336.133.45
„ Centralstation Schadowstrasse 9
Union-Club und Ressource 1794 54.739.05
„ Patent-Conto 2.000.--
------------
5.507.121.20
_Passiva._ M. Pf.
Per Actien-Capital-Conto 5.000.000.--
„ Conto-Corrent-Conto
Creditoren in laufender Rechnung
303.137.03
„ Hypotheken-Conto
auf Friedrichstrasse 85 haftende
Hypothek 30.000.--
„ Gewinn- und Verlust-Conto
Reingewinn 173.984.17
„ Dividenden-Conto per 1883
4% v. M. 5.000.000 resp.
10.000 Act. à M. 13.35 M. 133.500
„ Rückstellungs-Conto
für unternommene Anlagen M. 40.000
„ Gewinn-Uebertrag pro 1884 M. 484.17
_____ ____________
5.507.121.20
=Gewinn- und Verlust-Conto=
per 31. Dezember 1883.
_Debet._ M. Pf.
An Handlungs-Unkosten-Conto
I. Gehälter 56.563.70
II. Reisekosten 4.203.75
III. Schreib- und Zeichen-Material,
Druckkosten, Formulare
und Bureaubedürfnisse
6.529.48
IV. Porti, Depeschen, Insertionen
und öffentliche
Blätter 5.926.68
V. Miethe und Instandhaltung
der Dienstlokale 6.641.50
VI. Feuer-Versicherung 861.48
VII. Stempel, Steuern, Einkommen-
und Mieths-Steuer 4.993.70
_________
85.720.29
An Organisations-Conto
Druck der Actien und Statuten, Prospekte,
Eintragungskosten, Fertigstellung und
Controllzeichnung der Actien und
Publikationen durch die Presse 12.323.33
„ Inventarien-Conto
10 pCt. Abschreibung von 25.498.92 2.550.--
Reiner Gewinn 173.984.17
__________
274.577.79
_Credit._ M. Pf.
Per Waaren-Conto 160.151.23
Per Zinsen-Conto 114.426.56
__________
274.577.79
* *
*
Wir sehen aus dieser Bilanz, daß nach Ablauf des ersten Geschäftsjahres
das eingezahlte Kapital der Gesellschaft von 5 Millionen Mark erst zu
einem kleinen Teil in Anspruch genommen und in den Betrieb überführt
worden war. Ein Betrag von 4.103.672 Mark war noch bar vorhanden und
als Guthaben der Gesellschaft bei verschiedenen Banken niedergelegt.
Trotzdem konnte auf das Aktienkapital von 5 Millionen Mark eine
Dividende von 4% für die Zeit von der Gründung der Gesellschaft bis
zum Bilanzabschluß zur Ausschüttung gebracht werden, was aber zum Teil
dadurch ermöglicht wurde, daß neben dem Warengewinn von 160.151 Mark
ein Zinsgewinn von 114.426 Mark aus dem Bankguthaben der Gesellschaft
zufloß.
In den folgenden Jahren schritt die technische Entwickelung rüstig
fort. Trotz mancher Rück- und Fehlschläge war der Siegeszug des
Edison-Lichts nicht mehr aufzuhalten, besonders nachdem es der
Gesellschaft gelungen war, eine Bogenlampenkonstruktion zu erwerben,
bei der es möglich wurde, Bogenlicht und Glühlicht rationell in
demselben Stromkreise zu brennen. Diese Lampe füllte auch die
Lücke aus, die bisher zwischen der sechzehnkerzigen Glühlampe
und der Bogenlampe von 1000 Normalkerzen bestanden hatte, da man
ihre Lichtstärke durch Regulierung des Stromverbrauchs in weiten
Grenzen bis zu 100 Kerzen Leuchtkraft herab vermindern konnte.
Damit wurde eine der Hauptvorbedingungen für die Einrichtung von
Zentralstationen, die Straßen und Innenräume gleichzeitig versorgen
konnten, gegeben. Die neue Bogenlampe bewährte sich gleich gut in
Wohnungen wie in Werkstätten, in Theatern wie auf Straßen und gewann
schon in wenigen Monaten unter der großen Zahl von Bogenlampen, die
allenthalben angeboten wurden, solchen Ruf, daß die Deutsche Edison
Gesellschaft nur selten Glühlichtbeleuchtungen ausführte, bei denen
nicht einige oder mehrere Bogenlampen mit verwendet wurden. Mit dem
neuen System hatte die Deutsche Edison Gesellschaft zwar, bei der
damals herrschenden Praxis des Patentamts, neue Erfindungen nur in
begrenztem Umfange zu schützen, kein Monopol für gemischtes Licht
erworben, aber trotz der Intensität, mit der sich fast die gesamte
Konkurrenz sofort dem neuen Gebiete zuwandte, einen Vorsprung erlangt,
der so schnell nicht einzuholen war. Auf Grund ihrer Erfahrungen
hatte sie eine Spezialfabrikation der neuen Lampe eingerichtet, die
es ihr ermöglichte, diese in einer Vollendung herzustellen, wie
sie die Konkurrenz damals noch nicht erreichen konnte. Derartige
Vorsprünge lassen sich gerade in der Elektrotechnik allerdings nur
verhältnismäßig kurze Zeit hindurch aufrechterhalten, und, selbst
wenn unablässig weiter gearbeitet und der Zwischenraum durch neue
Verbesserungen aufrecht zu halten versucht wird, gelingt es meist
nach einiger Zeit der Konkurrenz, den Anschluß wieder zu finden. So
schnell war dies damals bei dem gemischten Licht der Deutschen Edison
Gesellschaft aber nicht möglich, und infolgedessen wurde gerade von
der stärksten Konkurrenzfirma, Siemens & Halske, die sich in ihrer
bisherigen fast monopolistischen Beherrschung des Bogenlampengeschäfts
durch die neue Erfindung ernstlich bedroht sah, eine Einwirkung auf
nichttechnischem Gebiete versucht. Siemens & Halske bestritten der
Deutschen Edison Gesellschaft auf Grund des zwischen beiden Firmen
geschlossenen Vertrages das Recht, Bogenlampen anderer Konstruktion als
der von Siemens & Halske verwendeten herzustellen oder zu beziehen.
Der Vermittlungs-Vorschlag der Deutschen Edison Gesellschaft, Siemens
& Halske die Anfertigung der neuen Lampen vorzugsweise zu bestimmten
Preisen zu übertragen, wurde nicht angenommen, und es kam zwischen den
beiden Firmen zu ihrem ersten Prozeß. Auch sonst hatte die Edison
Gesellschaft ihre Patente und Konstruktionen gegen Einsprüche und
Verletzungen zu verteidigen. Insbesondere die Swan United Electric
Light Co. in London, die Besitzerin der englischen Edisonpatente,
hatte einerseits eine Klage auf Nichtigkeit der Edison-Patente in
Deutschland angestrengt, und andererseits behauptet, daß die von ihr
hergestellten und in Deutschland vertriebenen sogenannten Swanlampen
die Edison-Patente nicht berührten. Es entwickelte sich ein Rattenkönig
von Prozessen, da umgekehrt auch die Deutsche Edison Gesellschaft gegen
Agenten und Abnehmer der Swan Electric Co. Klagen bei verschiedenen
Landgerichten wegen Patentverletzung eingereicht hatte. Solange die
Prozesse schwebten, konnten, wie es in solchen Fällen zu geschehen
pflegt, wirksame Mittel gegen eine Herstellung und Vertreibung der
„rechtswidrig hergestellten“ Lampen nicht ergriffen werden. Selbst als
die Hauptklagen vom Reichsgericht zu Gunsten der Edison Gesellschaft
entschieden waren, gelang es nicht mehr, eine völlige Aufrechterhaltung
der Edison-Patente zu erreichen, da die Gegner in gewissen rechtlich
als Nebenpunkte figurierenden Teilen ihrer Klage durchdringen konnten,
womit aber bei der Lage der damaligen Technik die Edison-Patente
tatsächlich gefallen waren. Streng genommen sind sie niemals derart in
Kraft gewesen, daß sie ein tatsächliches Monopol für die Herstellung
der Glühlampen gewährten. Es gab stets Konkurrenzfirmen, sowohl in
Deutschland als auch anderswo, die sich außerhalb der Patente zu
stellen wußten, und so wäre es auch Rathenau an sich möglich gewesen,
seine Glühlampenfabrikation ohne die belastenden Verträge mit Edison
aufzunehmen. Er hätte vielleicht als „Patent-Freibeuter“ nicht viel
mehr Prozesse führen müssen, wie er in seiner Eigenschaft als Wahrer
der legitimen Edisonschen Rechte gegen die Freibeuter zu führen
gezwungen war. Aber er wählte zum Teil aus Redlichkeit, zum Teil,
um die große Zugkraft des berühmten Erfindernamens und die damals
beste und fertigste Glühlampe sowie die von Edison bereits gemachten
Erfahrungen sich nutzbar machen zu können, den geraden Weg. Bitter
hat er es gelegentlich beklagt, daß „dem großen Meister der Tribut
seiner Erfindung vorenthalten worden sei und daß selbst die technische
Autorität eines Slaby nicht ausgereicht hätte, um den Richtern seine
wissenschaftliche Überzeugung, mit der er für die Erhaltung der
deutschen Patente eingetreten war, glaubhaft zu machen.“ Wieviel
Intriguenspiel und inneres Unrecht bei diesen „rechtlich“ zu Gunsten
der Gegner entschiedenen Prozessen mit im Spiel war, zeigt allein
die Tatsache, daß dieselbe Swan Electric Co., die in Deutschland
die Edison-Patente bekämpfte und zu Fall brachte, in England selbst
Inhaberin dieser Patente war und daß es ihr dort gelang, sie noch etwa
10 Jahre lang gegen alle Einsprüche aufrecht zu erhalten. Angesichts
solcher Widersprüche wird die Bitterkeit, mit der Rathenau häufig genug
von den Patententtäuschungen jener Zeit sprach, wohl verständlich.
Die geschilderten Umstände dürften gezeigt haben, daß es nicht die
bequemen Monopolrechte waren, denen es zuzuschreiben war, daß die
Deutsche Edison Gesellschaft vorwärts kam, sich Namen und Erfolge
errang. Kaufmännische Zähigkeit und technische Tüchtigkeit errangen
diese Erfolge und bewirkten, daß die junge Gesellschaft die von
ihr rechtmäßig erworbenen Monopole auch tatsächlich verdiente. Sie
mußte sie sozusagen täglich erwerben, um sie zu besitzen. Überall
da, wo die Einführung der Lichtelektrizität am schwersten war,
da war die Deutsche Edison Gesellschaft zu finden. Die kleineren
isolierten Einrichtungen, die mit Hilfe von Agenten und selbständigen
Installateuren verhältnismäßig leicht ausgeführt werden konnten,
überließ sie ihren Lizenzträgern. Sie selbst befaßte sich fast
ausschließlich mit dem Bau umfangreicherer Anlagen wie Blockstationen,
Beleuchtungen von Theatern, Kauf- und Warenhäusern, ausgedehnten
gewerblichen Etablissements. Den bereits geschilderten Anlagen
im Jahre 1883 folgten im nächsten Jahre die Blockstation in der
Friedrichstraße 85, die das Café Bauer, die Gebäude Unter den Linden
26 und 27 mit Strom versorgte und eine Lichtkapazität von 2000
Lampen erhielt. Der Schnelldampfer „Werra“ des Norddeutschen Lloyd
und das chinesische Panzerschiff „Chen Yuen“ erhielten durch die
Gesellschaft Edison-Anlagen. Den Theaterbeleuchtungen in München und
Stuttgart folgten solche in Schwerin, Dessau und Halle. Das Bayerische
Landtagsgebäude, das Preußische Kultusministerium und die Friedrich
Wilhelmsuniversität in Berlin erteilten Aufträge. In Spinnereien,
Webereien, Druckereien, Mühlen, Brauereien fand das neue Licht
wegen seiner Annehmlichkeit und Sicherheit immer größeren Eingang,
besonders nachdem die Maschinen zuverlässiger ausgeführt wurden
und regelmäßiger funktionierten. Derartige größere Anlagen waren
durch selbständige Abnehmer, Agenten oder Installationsingenieure
nicht einzurichten, sie erforderten eine so eingehende Kenntnis der
neuen Methoden, eine so umfangreiche Bauorganisation, daß sie nur
von der Edison-Gesellschaft selbst vorgenommen werden konnten und
nicht nur eine Projektierung durch diese Firma, sondern auch eine
sorgfältige Überwachung der Installationen durch alle Stadien von
der Zentralstelle aus erforderten. Sollte das Werk wirksam seinen
Meister loben, und dem neuen Licht die Anhängerschaft immer weiterer
Kreise werben, so mußten alle wichtigen und schwierigen Anlagen unter
eigener Verantwortlichkeit ausgeführt werden. Besonders Deutsch, der
von Anfang an die Licht- und Kraftanlagen sowie das Installations-
und Absatzgeschäft unter sich hatte, erkannte, gewitzigt durch die
Klagen, die ihm in seinen Abnehmerkreisen fehlerhaft ausgeführte
Anlagen eingetragen hatten, die Notwendigkeit, die bisherigen
Absatzmethoden, wie sie in der Elektrizitätsindustrie, namentlich
auch bei Siemens & Halske, üblich gewesen waren, einer gründlichen
Reform zu unterziehen. An die Stelle des Agenten, Installateurs und
Händlers, der Maschinen, Apparate, Lampen und Materialien bezog,
setzte er das +eigene Installationsbureau+, das allmählich in
allen wichtigeren Städten des In- und Auslands entstehen, die dort
vorkommenden Aufträge ausführen und durch lebendige, individuelle
Propaganda, solide Arbeit und wirksame Beispiele die in Betracht
kommenden Betriebe zur Einführung der elektrischen Beleuchtung anregen
sollte. Bereits im Jahre 1885 wurde das erste Installationsbureau
in München errichtet, zum Teil um den partikularischen Interessen
und Eigenheiten entgegenzukommen, zum Teil weil man in der Stadt
der Elektrizitätsausstellung von 1883 und der ersten elektrischen
Theaterbeleuchtung einen besonders gut vorbereiteten Boden zu finden
hoffte. Leipzig, Breslau, Köln, Hamburg und Straßburg i. E. folgten
bereits in den nächsten Jahren. Die Entwickelung des Geschäfts in der
ersten Periode der Gesellschaft, die mit dem Jahre 1886 abschließt,
wird dadurch am besten gekennzeichnet, daß im Jahre 1883 27 Anlagen mit
33 Maschinen und 4729 Lampen hergestellt wurden, während am Schlusse
des Jahres 1886 durch die Gesellschaft bereits 260 Anlagen mit 70000
Glühlampen und 1000 Bogenlampen in Betrieb gesetzt waren.
Dieser Entwickelung des Absatzes und der Geschäftsorganisation
entspricht auch das Wachstum der Fabrikations- und
Geschäftseinrichtungen. Bereits nach wenigen Monaten hatte die
Gesellschaft ihre Bureauräume im Hause Leipzigerstraße 94 aufgegeben,
zum Teil weil sie zu eng wurden, zum Teil weil die Nähe eines in die
Parterre-Räume eingezogenen Caféetablissements mit wenig vornehmem
Konzert- und Nachtbetrieb unangenehm fühlbar wurde. Die Gesellschaft
hatte alsdann auf Veranlassung des rührigen Deutsch das Grundstück
Friedrichstraße 85 erworben. Deutsch hatte einen Erwerb der ganzen
damals verkäuflichen 400 Quadratruten vorgeschlagen. Rathenau, der
bei Neuerwerbungen immer sehr vorsichtig zu Werke ging, hatte von
diesen 400 Quadratruten 200 abgestrichen. Er huldigte überhaupt dem
Grundsatz „Eher zu klein, als zu groß“ und diesem Grundsatz hat es
seine Gesellschaft zu verdanken gehabt, daß ihre Betriebe stets
überbeschäftigt waren, und jene Halbleere, die die Produktionskosten
und Zinsen so abnorm steigert, auch in Zeiten schlechter Konjunktur
vermieden wurde. Auf die Chancen, gute Konjunkturen ganz auszunutzen,
besonders wenn sie überraschend auftraten, mußte allerdings bei einem
solchen System verzichtet werden. In dem Gebäude Friedrichstraße
85, in dessen Kellerräumen die schon mehrfach erwähnte Blockstation
untergebracht war, befanden sich die Bureauräume, indes auch nur
kurze Zeit. Als das erste Fabrikgebäude in der Schlegelstraße,
die Lampenfabrik, auf dem einstmals von Strousberg für einen
Schlachthof, später für eine Markthalle in Aussicht genommenen
Gelände fertiggestellt war, wurden die Bureauräume im Interesse
einheitlicher Verwaltung bereits Mitte März 1884 in die Fabrik verlegt.
Die Parterre-Räumlichkeiten des Hauses Friedrichstraße wurden an
Laden-Geschäfte vermietet, in den oberen Räumen wurde eine permanente
Ausstellung von Erzeugnissen der Gesellschaft eingerichtet. Die
neue Fabrik hatte einen Umfang und Einrichtungen erhalten, in denen
jährlich 300000 Glühlampen hergestellt werden konnten. Man glaubte
damals, mit solchen Dimensionen einen gewaltigen Spielraum für weitere
Ausdehnungsmöglichkeiten der Zukunft erschlossen zu haben. Mit welchen
Riesenschritten die Ansprüche wachsen würden und wie bald und wie
oft neue Erweiterungen dieser Grundfabrik notwendig werden würden,
hat selbst ein Elektrizitäts-Optimist wie Emil Rathenau damals nicht
vorhergesehen.