Bedeutung für die Lichtelektrizität zuwenden, wollen wir einen kurzen
Rückblick auf die früheren Versuche auf dem Gebiete des elektrischen
Lichts werfen. Die erste -- allerdings nicht praktisch gewordene --
Verwendung der Elektrizität zur Erzeugung von Licht ist sehr früh
erfolgt, lange bevor der elektrische Telegraph, der doch mehr als ein
Menschenalter vor dem elektrischen Licht die Welt eroberte, entdeckt
worden war. Der berühmte englische Chemiker Humphry +Davy+
stellte im Jahre 1808, also nur 18 Jahre nach der Entdeckung Galvanis,
den fundamentalen, für seine eigene wissenschaftliche Leistung
allerdings nur nebensächlichen Versuch an, der unter dem Namen des
elektrischen Lichtbogens berühmt geworden ist und die Grundlage
für das Verfahren der Bogenlichterzeugung bildet. Davy hatte zwei
zugespitzte Kohlenstäbchen mit den Polen einer galvanischen Kette
verbunden, und beobachtete, daß zwischen den Spitzen eine leicht
gebogene Flamme entstand, wenn man die vorher in Berührung gebrachten
Kohlenspitzen vorsichtig auseinanderzog. Von da bis zur Anwendung der
Bogenlampe in der Praxis war aber ein weiter Weg. Solange man auf
Schwachstrom angewiesen war, kam man über vereinzelte Versuche nicht
hinaus, als gebräuchliches Beleuchtungssystem wollte die Bogenlampe
nicht Fuß fassen. Im Jahre 1846 wurde die Lampe, der „potenzierte
Mondschein“, wie man sie damals nannte, bei der Erstaufführung der
Meyerbeerschen Oper „Der Prophet“ in Paris als Bühnenbeleuchtung
benutzt. Als Straßenbeleuchtung erschien das neue Licht zu grell und
„augenschädlich“. Diese ungünstigen Eigenschaften verbunden mit einer
noch ziemlich starken Unzuverlässigkeit des Lichtes, ließen den Versuch
einer Straßenbeleuchtung, den Jacobi im Jahre 1850 in Petersburg
machte, scheitern. Dagegen erwies es sich gerade der genannten
Eigenschaften wegen als besonders geeignet für Leuchtturmlicht.
Und besonders nachdem der berühmte englische Elektro-Physiker
+Faraday+ zum wissenschaftlichen Berater der Korporation, die
die Instandhaltung des gesamten englischen Leuchtturmwesens zur
Aufgabe hatte, ernannt worden war, fand das Bogenlicht ausgedehnte
Anwendung bei Leuchttürmen. Dabei bediente sich Faraday aber als
Kraftquellen nicht mehr großer galvanischer Batterien, wie das bei
den früheren Versuchen (auch in St. Petersburg) geschehen war,
sondern von ihm hergestellter magnetelektrischer Maschinen, die nach
dem von Faraday entdeckten Prinzip der Induktion hergestellt worden
waren. Diese Maschinen, bei denen die induzierende Wirkung durch
die Kraft permanenter Stahlmagnete hervorgerufen wurde, arbeiteten
indes trotz ihrer Größe und im Verhältnis zu ihrer Größe wie ihren
Kosten sehr unökonomisch, so daß sich ihre Verwendung für Zwecke,
in denen andere, billigere Beleuchtungsarten zur Verfügung standen
und nicht besonders starke Einzellichter benötigt wurden, verbot.
Erst die Erfindung des dynamoelektrischen Prinzips, bei dem sich die
induzierenden Magnete und der erzeugte Strom gegenseitig verstärkten,
und die hieraus folgende schnelle Entwickelung immer vollkommenerer
Dynamomaschinen schufen hierin Wandel. Es schoß bald eine große
Anzahl von Bogenlampen-Konstruktionen aus dem Boden. Das ganze System
krankte aber noch an dem Nachteil, daß für jede Lampe eine besondere
Dynamomaschine als Kraftquelle benötigt wurde, was das Bogenlicht als
Beleuchtung dem aus zentralen Kraftquellen gespeisten Gas unterlegen
machte. Die erste Erfindung, nach der aus +einer+ Maschine mehrere
Stromkreise gespeist werden konnten, ging von Jablochkoff aus, von
dessen Lampen wir bereits mehrfach, unter anderem zum Beginn dieses
Kapitels gesprochen haben. Das Pariser Warenhaus „Louvre“ wurde zuerst
mit Jablochkoff-Kerzen erleuchtet, es folgten mehrere öffentliche
Plätze und Straßen in Paris, darunter die Avenue de l’opéra, deren
strahlendes Licht Emil Rathenau als Berliner Lokalpatriot in Gegensatz
zu der rückständigen Beleuchtung seiner Vaterstadt gestellt hatte.
Zur Krafterzeugung für diese eine kurze Straße waren damals noch
drei Zentralstationen notwendig. Kurze Zeit später, im Jahre 1878,
konstruierte Hefner-Alteneck die nach ihm benannte Differentiallampe,
deren Prinzip von Werner Siemens herrührt. Hier wurde derselbe Erfolg
der Speisung mehrerer Lampen aus einer Kraftquelle solider und
vollkommener erreicht als bei Jablochkoff, wobei die Differentiallampe
auch durch andere Verbesserungen, wie die Verwendung der sogenannten
Dochtkohlen, reineres Licht usw. ausgestaltet worden war. Dennoch
war man, wie wir gesehen haben, im Hause Siemens & Halske nicht so
wagemutig und unternehmend wie in Paris, was die Beleuchtung von
öffentlichen Straßen mit Bogenlampen anlangt. Werner Siemens stand
derartigen neuen Problemen passiver gegenüber als den Erfindungen
seiner Jugendzeit, und dem Konstrukteur Hefner-Alteneck fehlte
bei aller Tiefe und Gründlichkeit der technischen Anschauung doch
der Feuergeist und die Einbildungskraft des großen Erfinders. Man
beschränkte sich zunächst auf die Beleuchtung von Hallen, Innenräumen
usw. und der Gedanke der zentralen Kraftstation auch in der
primitivsten Form war den vorsichtigen Technikern der Firma Siemens &
Halske noch „schleierhaft“.
Die große Belebung sollte der Industrie des elektrischen Lichtes aber
nicht von der Bogenlampe, sondern von der +Glühlampe+ kommen.
Die Bogenlampe war bei ihrer großen Intensität und Lichtstärke nur
für die Beleuchtung von Straßen und großen Innenräumen zu verwenden,
nicht für die Erhellung von Wohnräumen. Ihr Licht brannte -- namentlich
in der ersten Zeit -- flackerig und unregelmäßig und sie sonderte
verhältnismäßig viel Kohlenruß ab.
Experimentelle Versuche mit der Glühlampe sind gleichfalls schon sehr
früh angestellt worden. Das Prinzip bestand darin, Kohlen oder Metalle
in luftleer gemachtem Raume so zu erhitzen, daß sie leuchteten, ohne
zu verbrennen. Als im Jahre 1859 C. G. Farmer in Newport sein Haus
mit 42 Platinfaden-Lampen beleuchtete, war dies nicht der erste, wohl
aber der erste größere Versuch dieser Art. Eine weitere Ausdehnung
der Erfindung scheiterte auch hier daran, daß große galvanische
Batterien, auf die man vorläufig als Kraftquellen angewiesen blieb,
sehr teuer herzustellen waren und trotzdem eine für praktische Zwecke
nur beschränkte Kraftmenge lieferten. Im Großen gelang erst Thomas Alva
+Edison+, dem Verbesserer des Mikrophons -- unter Benutzung von
Dynamomaschinen -- die Herstellung und Verwendung von Glühlampen. In
seinem Laboratorium zu Menlo-Park, einem Vorort von New York, begann
Edison im Jahre 1878, angeregt durch den Anblick der ersten Bogenlampe,
die er sah, und deren Mängel er bei aller Bewunderung sofort erkannte,
mit Hilfe eines Kreises von Assistenten und Schülern die systematische
Arbeit an der Glühlampe, die er trotz aller anfänglichen Fehlschläge
mit großer Zähigkeit fortsetzte. Es ist eigentümlich, daß Edison
seine ersten Versuche nicht mit Kohlenfäden, sondern mit Metallfäden
machte, zu denen ja die Glühlampenindustrie in neuerer Zeit schließlich
nach dem Umwege über die Kohlenfadenlampe wieder zurückgekehrt ist.
Damals mißglückten die 13 Monate lang fortgeführten Versuche mit
Platindrähten, mit Platin-Iridiumdrähten und anderen Metallen, weil es
nicht gelingen wollte, die Drähte bei genügender Erhitzung unschmelzbar
zu machen. Versuche, die Drähte mit Oxyden zu umwickeln, ließen eine
Lampe mit hoher Widerstandsfähigkeit entstehen, aber solche Lampen
erlitten bald Kurzschluß. Durch einen Zufall kam Edison auf die
Idee, Kohlenfäden zu benutzen. Das Experiment glückte mit verkohlten
Baumwollfäden, aber die Brenndauer der Lampe war noch nicht lang
genug. Es dauerte noch einige Zeit, ehe er den geeigneten Stoff zur
Herstellung der Kohlenfäden in den Bambusfasern gefunden hatte. Mit der
Erzeugung der Lampe, auf die Edison bald in Amerika und Europa Patente
nahm, war aber nur der Keim der neuen Beleuchtungsart gefunden. Für das
ihm im Januar 1880 erteilte amerikanische Patent auf die Glühlampe hat
Edison folgende Beschreibung seiner Erfindung geliefert:
„Ich, Thomas Alva Edison, von Menlo Park, New-Jersey, Vereinigte
Staaten von Amerika, habe eine Verbesserung an elektrischen Lampen
und in der Methode der Fabrikation dieser Lampen erfunden, die ich
im Folgenden einzeln beschreibe:
Das Objekt dieser Erfindung ist die Herstellung elektrischer
Lampen mit weißglühendem Licht, die einen so starken Widerstand
leisten, daß sie die praktische Verteilung des elektrischen
Lichtes gestatten. Die Erfindung beruht auf einem Licht spendenden
Körper von verkohltem Draht, der dergestalt gedreht ist, daß er
dem Durchgang des elektrischen Stromes hohen Widerstand leistet
und gleichzeitig nur eine geringe Oberfläche für die Ausstrahlung
darbietet. Die Erfindung besteht ferner in der Verwendung von
Brennern von großer Widerstandskraft in einem nahezu vollkommenen
Vakuum, die das Oxydieren und eine Beschädigung des Konduktors
durch die Luft verhindern. Der so durch Platindrähte in die
evakuierte Birne geleitete Strom wird im Glas verschlossen.
Die Erfindung umfaßt ferner die Methode der Herstellung von
Konduktoren aus Kohlenstoff von hoher Widerstandskraft, damit sie
imstande sind, ein weißes Glühlicht zu liefern.
Vordem hat man weißes Glühlicht von Kohlenstiften mit ein bis vier
Ohm Widerstand erhalten und in verschlossenen Gefäßen gehabt,
worin die Luft durch Gase ersetzt war, die sich chemisch nicht
verbinden. Die Leitungsdrähte sind immer stark gewesen, so daß
ihre Widerstandskraft manchmal geringer als jene des Brenners ist.
Überhaupt waren die Versuche früherer Arbeiter darauf gerichtet,
den Widerstand des Kohlenstifts zu vermindern. Die aus dieser
Praxis erwachsenden Nachteile sind, daß eine Lampe mit nur ein
bis vier Ohm Widerstand in großer Anzahl zu vielfachem Bogenlicht
nicht ohne Verwendung von Konduktoren von enormen Dimensionen zu
benutzen ist, sowie daß wegen des geringen Widerstands der Lampe,
die Leitungsdrähte stark und die Konduktoren gut sein müssen, und
eine Glaskugel nicht dicht gehalten werden kann, wo die Drähte
eingeleitet und fest verbunden sind. Deshalb verzehrt sich der
Kohlenstift, weil stets ein vollkommenes Vakuum vorhanden sein muß,
um den Kohlenstift dauerhaft zu erhalten, besonders wenn dieser nur
klein ist und hohen elektrischen Widerstand leistet.
Die Verwendung von Gas in dem Empfänger führt bei dem Luftdruck,
wiewohl dieser die Kohle nicht angreift, in kurzer Zeit zur
Zerstörung, entweder durch das Ausfegen durch die Luft, oder durch
die von dem rapiden Durchströmen des Gases über die nur lose
verbundene, noch erhitzte Oberfläche der Kohle erzeugte Reibung.
Die Methode habe ich umgestaltet. Ich habe gefunden, wie selbst ein
gut verkohlter Baumwollfaden in einer verschlossenen Glasbirne,
woraus die Luft bis auf ein Millionstel gepumpt ist, dem Durchgang
des Stromes 100-500 Ohm Widerstand leistet, und daß er auch bei
sehr hoher Temperatur durchaus aushält. Ferner, daß, wenn der
Faden als Spirale gedreht und verkohlt ist, oder wenn die Fasern
gewisser Pflanzen, die einen Rückstand von Kohle aufweisen, nach
Erhitzung in einem geschlossenen Raum gedreht werden, sie bis zu
2000 Ohm Widerstand leisten, ohne zur Ausstrahlung einer größeren
Oberfläche als drei Sechzehntel eines Zolls zu bedürfen. Baumwoll-
und Leinenfaden habe ich verkohlt probiert, Holzsplitter, auf
verschiedene Weise gedrehte Papiere, auch Lampenruß, Graphit und
Kohle in der verschiedensten Weise mit Teer gemischt und daraus
Drähte von verschiedener Länge und Stärke gedreht.“
Mit der bloßen Konstruktion der Glühlampe begnügte sich indes ein
Mann der praktischen Ausnutzung wie Edison nicht. Er glaubte seine
Arbeit nicht eher beendigen zu können, als bis er ein bis ins Kleinste
durchkonstruiertes, alle Erfordernisse der praktischen Nutzbarkeit
berücksichtigendes Beleuchtungssystem fertiggestellt hatte. Die
Hauptstücke waren die Glühlampe und die nach damaligen Begriffen
riesige Stromerzeugungsmaschine (im Volksmund Jumbo genannt), ein
sogenannter „Schnelläufer“ von 150 PS. Die Verbindung zwischen beiden
hatte ein mit allen Finessen feinmechanischer Inspiration ausgedachtes
und ausgeführtes Netz von Apparaten zu schaffen. Emil Rathenau, der
das Ganze auf der Pariser Ausstellung sah, schilderte den Eindruck
folgendermaßen: „Edisons Beleuchtungssystem war bis in die Einzelheiten
so genial erdacht und sachkundig durchgearbeitet, daß man meinte,
es sei in unzähligen Städten jahrzehntelang erprobt gewesen. Weder
Fassungen, Umschalter, Schmelzsicherungen, Lampenträger noch andere
zur Installation gehörige Gegenstände fehlten, und die Stromerzeugung,
die Regulierung, die Leitungen mit ihren Abzweigen, Hausanschlüssen,
Elektrizitätsmessern usw. waren mit staunenswertem Verständnis und
unvergleichlichem Genie durchgebildet.“
Dem Eindruck, wie ihn Rathenau hier 27 Jahre nach dem auslösenden
Erlebnis schilderte, ist wohl, wie wir das schon in einem anderen Falle
feststellen zu können glaubten, ein gewisser Schuß retrospektiver
Phantasie beigemischt. So urteilte nicht der unmittelbar Erlebende,
sondern der Zurückschauende, der inzwischen eine lange Periode der
Entwickelung, Durchbildung und Vervollkommnung mit angesehen und
sein ganzes Leben und Tun mit ihr so identifiziert hatte, daß er die
Fähigkeit zur historischen Kritik vielleicht nicht mehr in vollem Maße
besaß. Gewiß, Rathenau, dem die Gabe in seltenem Maße zu eigen war,
eine Erfindung -- auch wenn sie nur in ihrer Urzelle vorlag -- mit
blitzschneller Prophetie bis zu ihrer höchsten Vollendung zu Ende zu
denken, hat in Paris in dem Edisonlicht mehr gesehen als alle anderen,
vielleicht sogar mehr als der Erfinder selbst. Er war überhaupt wohl
der einzige, der die +ganze+ Zukunftskraft der Erfindung erfaßte,
wie er denn auch derjenige gewesen ist, der am meisten zu ihrer
Ausbildung getan hat. Seine Tat war vom technischen Standpunkt aus
betrachtet keine primäre, sondern eine „zweithändige“, aber technisch
doch keine Epigonenleistung und praktisch direkt von schöpferischer
Prägung. Um dies zu verstehen, muß man sich vergegenwärtigen, daß
der +allgemeine+ Eindruck des Edisonlichts in Paris durchaus
nicht einhellig und mit dem Rathenaus identisch war. Es gab gewiß
genug Leute, die von der neuen Erfindung fasziniert waren, ohne doch
ihren ganzen Zukunftswert zu erfassen. Es gab auch wieder andere,
die kühl blieben und das Glühlicht -- ohne seinen praktischen Wert
ganz zu verneinen -- weit hinter das Bogenlicht stellten. Es fehlte
aber auch schließlich nicht an Fachleuten, die die ganze Geschichte
für Humbug, für eine Spielerei erklärten. So hielt ein namhafter
Techniker im Saal der Ausstellung einen wissenschaftlichen Vortrag,
in dem er die Edisonsche Erfindung mit Ironie abtat und am Schluß die
Behauptung aufstellte, daß in Paris eine Edisonsche Glühlichtanlage
zum ersten, aber wohl auch zum letzten Male im Betrieb gewesen sei.
Derartige Aussprüche können heute nur noch komisch wirken. Immerhin
war die Edison-Beleuchtung -- das sollte gerade Rathenau in den ersten
Jahren, als er sich praktisch mit Installationen befaßte, erfahren
-- keineswegs so vollkommen, wie er sie rückschauend geschildert
hat. Sie litt vielleicht nicht in der Anlage, wohl aber in der
Durchführung an großen Mängeln und Unvollkommenheiten. Edison ist
stets mehr ein genialer Experimentierer, ein origineller Erfinder,
als ein systematischer Forscher, ein exakter Konstrukteur gewesen.
Diesen Stempel trug auch seine Pariser Glühlichtanlage, und alles
was er in derselben Art bereits in Amerika gemacht hatte, deutlich
an der Stirn. Besonders die Maschinen waren nicht gut konstruiert,
und noch schlechter ausgeführt. Es war alles mehr empfunden, als
genau errechnet; die Maße der Spannungen und Belastungen usw.
waren in ziemlich primitiver empirischer Weise gewählt, sozusagen
nach dem Gefühl. Man hielt sich an eine Schablone, die man bei den
ersten Versuchen gefunden hatte und war zufrieden, wenn sie halbwegs
stimmte. Den Grundsatz „Probieren geht über Studieren“ hat auch die
Arbeit des Autodidakten Edison trotz ihrer genialen Faktur nicht
verleugnet. Gewiß leidet jede große Erfindung unter derartigen
anfänglichen Unvollkommenheiten der Ausführung und des Details, aber
es ist sehr fraglich, ob die damalige amerikanische Elektrotechnik
imstande gewesen wäre, sie so schnell zu beseitigen, wie dies Rathenau
später tat. Jedenfalls waren derartige Mängel in Paris vorhanden,
und während ein technisch-kritisches Genie wie Rathenau über diese
leicht zu beseitigenden Nebensächlichkeiten hinwegblickte und nur den
genialen Kern der Idee und den guten Grundzusammenhang der ganzen
Anlage sah, blieben kleinere Geister, weniger scharfe Augen an den
mangelhaften Äußerlichkeiten haften und erschöpften ihre Kritik an
ihnen. -- Trotzdem aber die Wirkung der Edisonschen Ausstellung
gerade in Fachkreisen keine einhellige war, ist selten der Eindruck
einer technischen Demonstration so nachhaltig gewesen, wie der des
Edison-Lichts in Paris.
Die Pariser Elektrizitätsausstellung vom Jahre 1881 erlangte für
das elektrische Glühlicht dieselbe epochemachende Bedeutung wie
die Pariser Weltausstellung von 1878 für das Bogenlicht. Die
französische Hauptstadt war damals das unbestrittene Zentrum der
modernen Elektrizitätsentwickelung, die gerade in ihr effektvollstes,
brillantestes Stadium, das der „Lichtwunder“ getreten war. Während
Frankreich in der früheren Geschichte der angewandten Elektrizität
keine besonders ausschlaggebende Rolle gespielt, in der Technik der
elektrischen Telegraphen, Kabel und Maschinen den Pionierländern
Amerika, England und Deutschland nur eben gefolgt war, riß es in der
Beleuchtungsfrage oder wenigstens in ihrer ersten praktischen Anwendung
(denn von den grundlegenden Erfindungen der Lichtelektrizität war
in Frankreich keine gemacht worden) die Führung an sich. Für diese
Erscheinung können zwei Gründe angeführt werden. Einmal war gerade der
französische Volkscharakter und der ihm anhaftende Ehrgeiz, in seiner
Hauptstadt Paris die erste Welt- und Fremdenstadt der Erde zu sehen,
besonders empfänglich für Wirkungen, wie sie das elektrische Licht als
großstädtischer Faktor ausüben mußte. Ferner war besonders die damalige
Zeit, in der sich die französische Republik von dem militärischen
und politischen Schlage des Krieges von 1870/71 zu erheben begann,
angefüllt mit leidenschaftlichen Bemühungen, das an Prestige auf
jenen Gebieten Verlorene durch wirtschaftliche und kulturelle Werke,
oder vielleicht besser durch wirtschaftliche und kulturelle Effekte
wettzumachen. Die Republik warb mit solchen Mitteln aufs neue um die
Bewunderung der Welt, die den Diplomaten und Soldaten des Kaiserreichs
durch den unglücklichen Krieg zu einem großen Teile verloren gegangen
war. Die Weltausstellung wurde hier in die moderne internationale
Form gegossen, in der sie die nächsten Jahrzehnte beherrschen sollte,
als ein Mittelding zwischen einer wissenschaftlichen, technischen
und gewerblichen Demonstrationsstätte und einem den Fremdenverkehr
anziehenden Sensations- und Amüsierbetrieb. Sie war hier nicht
so sehr der Ausdruck einer großen gewerblichen und technischen
Leistungsfähigkeit und Fortschrittlichkeit, deren überquellende innere
Kräfte nach äußerer Darstellung drängten, als die Bekundung eines
ehrgeizigen Glänzenwollens. Nicht die Befriedigung des Schaffens,
sondern der Drang nach Wirkung beherrschte diese Ausstellungen, und
gerade der Umstand, daß das eigene Schaffen der französischen Nation
damals nicht auf einer Höhe stand, die es gestattete, großartige
Ausstellungswirkungen hervorzurufen, ließ es notwendig erscheinen,
den +Welt+charakter der Ausstellungen in bisher nicht üblich
gewesener starker und wie man zugeben muß national vorurteilsloser
Weise zu betonen. Dieses Weltausstellungssystem ist im Laufe der
Jahre, als es jede mittlere Nation, jede mäßig interessante Stadt
nachzuahmen versuchte, allmählich zu Tode gehetzt worden und es verlor
an Zugkraft, je häufiger sich derartige Ausstellungen wiederholten.
Das Ungewöhnliche wird gewöhnlich, wenn es regelmäßig wiederkehrt und
dabei noch verkleinlicht wird. Die Welt stumpft gegen Sensationen ab,
die einander zu ähnlich sehen. Trotz dieser späteren Entwickelung und
trotz der zweifelhaften Motive, die den ersten Pariser Ausstellungen
zu Grunde lagen, darf ihr gewaltiger Wert für die Verbreitung und
Popularisierung technischer Fortschritte nicht verkannt werden. Gerade
auf dem Gebiete der elektrischen Lichtindustrie haben sie durch die
überzeugende, wirkungsvolle Darstellung, die sie einem ungewöhnlich
großen internationalen Kreis von den damaligen Errungenschaften
der Technik gaben, eine sehr beträchtliche Beschleunigung in der
praktischen Anwendung herbeigeführt. Die Vorführung des Edisonschen
Beleuchtungssystems wirkte an dieser Stelle mit ganz anderer
internationaler Anregungskraft, als wenn die Erfindung in irgend einer
amerikanischen Stadt mit nüchternem Nutzungszweck durchgeführt und ihre
internationale Propaganda in Europa nur durch Beschreibungen in Büchern
und Zeitungen vermittelt worden wäre.
Auf Naturen wie Emil Rathenau, deren Energien der Anregung durch
eine überzeugende Demonstration bedurften (ebenso wie er später
die Demonstration am gut gewählten Beispiel als das nachhaltigste
Wirkungsmittel auf andere erkannte und benutzte), waren die Eindrücke
in Paris derartig überwältigend, daß sie alles innere Schwanken, alle
Wahlnöte und Entschlußhemmungen mit einem Schlage beseitigten. Aus
dem reflektierenden Zauderer, der auf Enttäuschungen ebenso stark und
schnell reagiert hatte wie auf Hoffnungen, war mit einem Male der
sehnige, bestimmte Tatmensch geworden, der Rathenau, einmal in die
richtige Bahn gestellt, bis an sein Lebensende geblieben ist. Die
Fülle der Gesichte und Möglichkeiten war durch den Anblick des „Ziels“
gebändigt und vereinheitlicht. Das verwirrende Durcheinander der
gangbaren Wege war zur Straße geworden, deren Lauf mit Notwendigkeit
vorgeschrieben war. Rathenau glaubte, als er Edisons Beleuchtungssystem
zuerst sah, sich seiner ganzen Art nach im Sturm der neuen Aufgabe
bemächtigen zu können. Als nicht sofort festzustellen war, von
wem man die Patente und Nutzungsrechte erwerben könne, kabelte er
kurzentschlossen an Edison nach New York, er möge sich sofort auf das
Schiff setzen und in einer dringenden, für beide Teile außerordentlich
wichtigen Angelegenheit nach Europa kommen. Edison erklärte dies zur
Zeit für unmöglich und riet dem ihm unbekannten deutschen Ingenieur,
sich an seine Pariser Vertreter zu wenden. Wäre Rathenau der leicht
zu entflammende, aber von Schwierigkeiten schnell wieder abgekühlte
Stimmungsmensch gewesen, für den er damals vielfach gehalten wurde,
so hätte er bald die Büchse ins Korn geworfen. Aber es bildete die
erste große Probe auf den inneren Stahl, der in dem Charakter des
Mannes enthalten war, mit welcher Energie und Zähigkeit er aus dem
Labyrinth der Edisonschen Patent- und Rechtsverwirrnis die Verträge
herauszuzwingen verstand, die er für eine gesicherte Anwendung des
Edisonlichts in Deutschland haben zu müssen meinte.