Auch im Kaufmännischen ging Werner v. Siemens nicht ganz mit der

aufkommenden neuen Zeit mit, wenngleich ein Unternehmen, wie das von

Siemens & Halske naturgemäß genug innere Triebkraft und Elastizität

besaß, um seine Stellung -- allerdings hier und da nach einigem Zaudern

-- allen Methoden der Konkurrenz gegenüber zu verteidigen, und wo

es nottat, sich ihnen anzupassen. Einrosten ließ diese Firma ihren

Betrieb auch auf der Höhe der Entwicklung nicht, lebendig blieb ihr

Geschäft auch in der Folgezeit, aber das +Bahnbrechende+ ging doch

in mancher Hinsicht verloren. Das Kämpfen wurde nicht verlernt, aber

doch das Angreifen und Erobern. Die Zeiten, in denen Werner Siemens

nacheinander sechs Außenseiterlinien gegen den englischen Kabelring

aufbot, und immer eine neue Linie begann, wenn sich der Ring mit der

früheren verglichen hatte, wichen ruhigeren Perioden, in denen nicht

das Erringen des Besitzes, sondern seine Wahrung dem Ganzen den Stempel

aufdrückte. Das lag sozusagen an der zunehmenden „Klassizität“, in die

sich Werner v. Siemens hineinwuchs. Der Grundzug seines Wesens war

ja nie loderndes Temperament, heiße Flamme gewesen, wie sie manchmal

auch Grauköpfe noch zu Ausbrüchen, Überraschungen, Neuerungen bringen

mögen. Die ruhige Wärme, die gleichmäßige Kraft, die seiner ganzen

Natur eigen war, gaben seinem reifen Alter etwas Zurückhaltendes,

in sich Geschlossenes, manchmal Abweisendes. Eine gewisse --

wenigstens äußere -- Abkühlung war bei Menschen seines Schlages

mit den zunehmenden Jahren nicht zu vermeiden. Wir haben bereits

früher einmal gesagt, daß Werner v. Siemens in der Mitte zwischen

Wissenschaft und Technik stand und durch die eine die andere zu erobern

trachtete. In seinen späteren Jahren suchte er immer tiefer von dem

Technischen in das Wissenschaftliche vorzudringen, und wie ernst seine

Wissenschaftlichkeit nicht nur war, sondern auch von der Zunft und

ihren Königen genommen wurde, zeigt sich darin, daß Männer wie Magnus,

Dove, du Bois und Helmholtz ihm eng befreundet waren und ihn durchaus

als ihresgleichen betrachteten. Du Bois-Reymond sagte von ihm, daß er

nach Beanlagung und Neigung in weit höherem Maße der Wissenschaft als

der Technik angehöre und Werner Siemens war mit dieser Charakteristik

durchaus zufrieden. Er wurde philosophischer Ehrendoktor, Mitglied

der Akademie der Wissenschaften, und war als solches nicht nur

genötigt, sondern auch gern bereit, sich über Probleme der angewandten

technischen Wissenschaft hinaus, auch mit rein naturwissenschaftlichen

Untersuchungen und Arbeiten allgemeiner Art zu beschäftigen. Diese

Beschäftigung und dieser Umgang mußten auch auf die kaufmännische Seite

seiner Tätigkeit zurückwirken. Er wurde als Kaufmann sehr vornehm, und

als der alte Kaiser Wilhelm ihm durch die Ernennung zum Kommerzienrat

eine Ehre erweisen wollte, bemerkte er ablehnend zu dem Beauftragten

des Monarchen: „Premierleutnant, Dr. phil. honoris causa und

Kommerzienrat vertrügen sich nicht, das mache ja Leibschmerzen.“ -- Es

wäre indes völlig falsch, wenn man Werner Siemens, wie dies hier und da

geschehen ist, kaufmännische Talente und Neigungen absprechen wollte.

Er besaß sie in hohem Maße, wie sich schon in seiner ersten Periode der

technischen Erfindungen, für die er mit großer Geschäftsgewandtheit

noch als Offizier sofort die richtige kaufmännische Ausnutzung

zu finden wußte, hinlänglich gezeigt hat; wie noch stärker die

spätere meisterhafte Ausnutzung aller nationalen und internationalen

Kaufmannschancen bewies. Man vergleiche damit z. B. die Weltfremdheit,

mit der ein Gauß auf jede kommerzielle Verwertung seines Telegraphen

verzichtet hatte, man vergleiche damit auch moderne Erfinder, wie

Nernst, Röntgen, Ehrlich usw., die zwar -- im Zeitalter der technischen

Ausnutzung -- sehr wohl verstanden, Industrielle für ihre Entdeckungen

zu interessieren und Kapital aus ihnen zu schlagen, aber trotzdem

Gelehrte gewesen und geblieben sind. Werner Siemens war -- das kann

man auch seiner eigenen anders lautenden Ansicht gegenüber aufrecht

erhalten -- im Kerne seines Wesens vor allem nicht nur praktischer

Techniker, sondern auch praktischer Kaufmann. Er beherrschte nicht nur

die großen, sondern auch die kleinen kaufmännischen Mittel und konnte

nicht nur klug, sondern auch gerissen sein. Erst nachdem er sich in

diesen Richtungen so weit ausgelebt hatte, als es die Bedingungen

seiner Zeit und seine Veranlagung erlaubten, gab er der +dritten

Fähigkeit+ seiner reichen Natur freie Bahn, die vielleicht nicht

die innerste, aber doch die innerlichste seines Wesens war, in der

er am reinsten und klarsten zu einer Vertiefung und Sammlung seiner

Gedankenarbeit, zu einem einheitlichen, geschlossenen Wissensbild, zu

einer Klarheit über sich, die Wurzeln und Kräfte seiner Welt gelangen

konnte. Diese Verinnerlichung und Veredelung seines Wesens, die

gewiß nur wenig mit Akademikerstolz, mit geschmeichelter Eitelkeit

des wissenschaftlich Anerkannten zu tun hatte, ehrt den Menschen

Siemens gewiß; diese schließliche seelische Intensivierung ist

keine geringe ethische Leistung für einen von Hause aus praktisch

veranlagten Menschen, dessen Leben lange Zeit im Zeichen der äußersten,

vielgestaltigsten Expansion gestanden hatte. Dem industriellen Kaufmann

und seinem Unternehmen hat sie naturgemäß nicht in gleicher Weise zum

Vorteil gereicht.

Die Starkstromtechnik brachte bald das zu Wege, was in den Zeiten der

Schwachstromtechnik -- wenigstens in Deutschland -- nicht gelungen war.

Es entstand neben Siemens & Halske eine ganze Reihe von Unternehmungen,

die sich im industriellen Großbetrieb der Elektrotechnik zuwandten.

Auf dem Gebiete des Telegraphen und des Kabels hatten die Verhältnisse

so gelegen, daß zur Gründung von Betrieben, die den Bau von großen

Telegraphenlinien und Kabelverbindungen für fremde oder auch für

eigene Rechnung unternehmen wollten, umfangreiche Kapitalien und

eingehende Erfahrungen nötig waren. An solche Aufgaben traute man

sich in Deutschland, besonders angesichts des Vorsprungs, den Siemens

& Halske darin erworben hatten, nicht heran. Für die Herstellung von

Apparaten, Instrumenten und Materialien der Schwachstromindustrie

genügten aber kleinere Mechanikerbetriebe, die der großgewerblichen

Methoden entraten konnten, da es auf die feinmechanische Arbeit, nicht

auf die Maschinentechnik ankam. Dies wurde mit einem Schlage anders,

als die Starkstromtechnik auf dem Plane erschien. Dynamomaschinen,

elektrische Lampen usw. ließen sich nur in fabrikmäßigen Betrieben

herstellen. Hierzu waren aber weder -- wenigstens in der ersten Zeit

-- besonders große Kapitalien nötig, noch war die weit überlegene

Konkurrenz älterer Fabriken zu überwinden. Die Firma Siemens & Halske

mußte hier genau so von vorn anfangen, wie alle anderen Fabriken, und

es gab eine ganze Menge von Fachleuten, die in der Maschinentechnik

ebenso große, vielleicht noch größere Vorkenntnisse besaßen, als die

Ingenieure dieser Firma. Gegen Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre

entstanden infolgedessen mehrere elektrotechnische Fabriken, die sich

vornehmlich der Starkstromindustrie zuwandten. Von ihnen sind besonders

zu erwähnen die Elektrizitätsgesellschaft vorm. Schuckert und die

Deutschen Elektrizitätswerke Garbe, Lahmeyer & Co., die später in die

Kommanditges. und schließlich in die Elektrizitäts-Aktiengesellschaft

W. Lahmeyer & Co. überführt wurde. Ihre Entstehung hat mit der

Lichtelektrizität, die -- ihrerseits vorbereitet durch die Konstruktion

der Dynamomaschine -- wiederum eine Reihe weiterer Unternehmungen wie

die Deutsche Edison-Ges. (A. E. G.), die Helios-Elektrizitäts-Ges., die

Elektrizitäts-Akt.-Ges. Kummer ins Leben rief, noch nicht viel zu tun.

Jene Gründungen -- Schuckert und Lahmeyer -- beruhten hauptsächlich

auf der Fabrikation von Dynamomaschinen. Besonders die Entwicklung

der Schuckertschen Fabrik illustriert deutlich die Bedeutung, die die

praktische Ausgestaltung der Dynamomaschine für die geschäftlichen

Aussichten neuer Unternehmungen in der Elektrizitätsindustrie gehabt

hat.

Johann Sigmund Schuckert gehört zu den interessanteren Persönlichkeiten

der deutschen Elektrizitätsindustrie, und darum seien seinem

ungewöhnlichen Lebens- und Entwicklungsgang einige Worte gewidmet.

Schuckert hat keine Ingenieurbildung erhalten, sondern er stammte aus

ganz einfacher Mechanikerlaufbahn, und ist in dieser Hinsicht von allen

bekannten Persönlichkeiten der deutschen Elektrizitätsindustrie am

meisten Halske ähnlich. Während dieser aber alles, was er geworden ist,

seinem Sozius Siemens verdankte, dessen fortreißende Persönlichkeit den

für bescheidene Verhältnisse Geschaffenen über die ihm sonst gesetzten

Grenzen hinaushob, ohne ihn doch auf der erreichten Höhe heimisch

machen zu können, besaß Schuckert die +Energien des Auftriebs+

in sich selbst. In einer mechanischen Werkstätte seiner Vaterstadt

Nürnberg duldete es ihn nur gerade die drei Lehrjahre. Dann ging er

auf die Wanderschaft durch eine Reihe von größeren deutschen Städten.

In Berlin arbeitete er eine Zeitlang im Betriebe von Siemens & Halske.

Allmählich brachte er es bis zum Werkmeister, die Mußestunden, die ihm

seine Berufsarbeit ließ, zu seiner technischen Fortbildung benutzend.

Sein Wandertrieb führte ihn schließlich nach Amerika, wo er auch

bei Edison tätig war. Im Jahre 1873 kehrte er nach Nürnberg zurück,

wo er eine kleine Werkstätte errichtete und sich mit der Reparatur

von Nähmaschinen und der Herstellung von Instrumenten und Apparaten

beschäftigte, die er zum Teil selbst konstruierte oder verbesserte.

Seine Fabrikate verleugneten nicht den Fachmann, der die Elemente

der Feinmechanik nicht nur technisch, sondern auch handwerklich bis

ins Kleinste studiert hatte. Im Jahre 1875 baute er seine erste

Dynamomaschine, und die vorzüglichen Eigenschaften, die sie besaß,

schufen seinen Erzeugnissen Ruf, seinem Geschäft die Grundlage für den

Aufschwung. Auch die Bogenlampe und später die Glühlampe traten hinzu,

wodurch sich das Unternehmen allmählich zum größeren elektrotechnischen

Etablissement auswuchs, das in Alexander Wacker einen tüchtigen

Kaufmann fand, der die technische Arbeit Schuckerts so lange glücklich

ergänzte, als er sich nicht zu unbeherrschten Experimenten hinreißen

ließ.

In technischer und kaufmännischer Hinsicht richteten sich die

meisten der damals neugegründeten Firmen bis zum Beginn der 90er

Jahre noch immer nach dem +Vorbild+ von Siemens & Halske, die

damals ihren Vorrang noch unbestritten behaupteten. Sie begannen als

offene Handelsgesellschaften und sobald es galt, ihnen eine straffere

handelsrechtliche Form zu geben, bedienten sie sich der Rechtsnatur

der +Kommanditgesellschaft+, die auch Siemens & Halske (Inhaber

Werners Bruder Karl und Werners Söhne Arnold und Wilhelm) nach dem

im Jahre 1890 erfolgten Austritt Werner v. Siemens aus der Firma

gewählt hatten. Erst später, als die A. E. G. sich immer stärker mit

ihren neuen Geschäftsmethoden an die Seite von Siemens & Halske und

an dieser vorbei in den Vordergrund schob, wurde auch für die anderen

Unternehmungen der Elektrizitätsindustrie die +Aktiengesellschaft+

die gegebene Form, für die sich Emil Rathenau schon bei der Gründung

seiner Gesellschaft im Jahre 1883 ohne Zögern, und ohne an irgend

welche Vorbilder zu denken, entschieden hatte. Selbst Siemens &

Halske konnten schließlich nicht umhin, ihr Unternehmen auch in

dieser Hinsicht ihrer jüngeren Konkurrenz anzupassen und wandelten

im Jahre 1897 ihre Kommanditgesellschaft als letzte der großen

Elektrizitätsfirmen in eine Aktiengesellschaft um. Der Typ Rathenau

hatte endgültig gesiegt. Werner v. Siemens, der im Jahre 1892 gestorben

war, hatte diesen Umschwung allerdings nicht mehr erlebt. Ob er ihn

gebilligt hätte, ist schwer zu sagen. Noch im Jahre 1889, als er

seine Lebenserinnerungen schrieb, äußerte er sich über die Frage der

rechtlichen Form von gewerblichen Unternehmungen folgendermaßen:

„Es führt mich dies auf die Frage, ob es überhaupt dem

allgemeinen Interesse dienlich ist, daß sich in einem Staate

große Geschäftshäuser bilden, die sich dauernd im Besitze der

Familie des Begründers erhalten. Man könnte sagen, daß solche

großen Häuser dem Emporkommen vieler kleineren Unternehmungen

hinderlich sind und deshalb schädlich wirken. Es ist das gewiß in

vielen Fällen auch zutreffend. Überall, wo der Handwerksbetrieb

ausreicht, die Fabrikation exportfähig zu erhalten, wirken große

konkurrierende Fabriken nachteilig. Überall dagegen, wo es sich

um die Entwicklung neuer Industriezweige und um die Eröffnung des

Weltmarktes für schon bestehende handelt, sind große zentralisierte

Geschäftsorgane mit reichlicher Kapitalansammlung unentbehrlich.

Solche Kapitalansammlungen lassen sich heutigen Tages für

bestimmte Zwecke allerdings am leichtesten in der Form von

Aktiengesellschaften herbeiführen, doch können diese fast immer nur

reine Erwerbsgesellschaften sein, die schon statutenmäßig nur die

Erzielung möglichst hohen Gewinnes im Auge haben dürfen. Sie eignen

sich daher nur zur Ausbeutung von bereits vorhandenen, erprobten

Arbeitsmethoden und Einrichtungen. Die Eröffnung neuer Wege ist

dagegen fast immer mühevoll und mit großem Risiko verknüpft,

erfordert auch einen größeren Schatz von Spezialkenntnissen und

Erfahrungen, als er in den meist kurzlebigen und ihre Leitung

oft wechselnden Aktiengesellschaften zu finden ist. Eine solche

Ansammlung von Kapital, Kenntnissen und Erfahrungen kann sich nur

in lange bestehenden, durch Erbschaft in der Familie bleibenden

Geschäftshäusern bilden und erhalten. So wie die großen

Handelshäuser des Mittelalters nicht nur Geldgewinnungsanstalten

waren, sondern sich für berufen und verpflichtet hielten, durch

Aufsuchung neuer Verkehrsobjekte und neuer Handelswege ihren

Mitbürgern und ihrem Staate zu dienen, und wie dies Pflichtgefühl

sich als Familientradition durch viele Generationen fortpflanzte,

so sind heutigen Tages im angebrochenen naturwissenschaftlichen

Zeitalter die großen technischen Geschäftshäuser berufen, ihre

ganze Kraft dafür einzusetzen, daß die Industrie ihres Landes im

großen Wettkampfe der zivilisierten Welt die leitende Spitze, oder

wenigstens den ihr nach Natur und Lage ihres Landes zustehenden

Platz einnimmt.“

Man sieht also, Werner v. Siemens fühlt das Bedürfnis, sich und

seinen Typus des großindustriellen Geschäftshauses noch nach zwei

Seiten hin zu verteidigen, einmal gegenüber dem von ihm überwundenen

+Handwerksbetrieb+, den er zur Zeit seiner Anfänge in Deutschland

noch als den herrschenden vorgefunden hatte, ferner gegenüber dem

Aktienbetrieb, der damals schon im Begriff war, seinen Typus zu

überwinden. Inzwischen hat sich gezeigt, daß die Nachteile, die er

den Aktiengesellschaften zuschreibt, nämlich die Notwendigkeit, hohe

Gewinne zu erzielen und +auszuschütten+, dieser Rechtsform

zwar anhaften können, aber nicht anzuhaften brauchen. Es gibt

Aktiengesellschaften, die Gewinne ebenso zurückzuhalten und im

Betriebe weiterarbeiten zu lassen verstehen, wie Privathäuser.

Man braucht gar nicht einmal an die Friedrich Krupp Akt.-Ges., an

die Thyssenschen, Hanielschen Unternehmungen und an viele andere

zu denken, deren Aktien sich in einer Hand oder in den Händen

einer geschlossenen Gruppe befinden. Wir wissen jetzt, daß auch

die eigentlichen Aktiengesellschaften, die nicht Privathäuser

in Aktiengesellschaftsform, sondern republikanische Gebilde mit

zersplittertem Aktienbesitz sind, die Nachteile, die ihnen Werner

v. Siemens zuschreibt, sehr wohl vermeiden und über das jeweilige

Aktionärinteresse hinaus bei zweckentsprechender Verwaltung eine solide

+Innenkultur+ treiben können. Diesen Beweis hat kein anderer

so glänzend erbracht, wie der zweite große technische Kaufmann der

deutschen Elektrizitätsindustrie: Emil Rathenau.

Fünftes Kapitel

Licht

Emil Rathenau benutzte, wie wir schon gehört haben, die Zeit

zwischen seinen beiden Arbeitsperioden viel zu Reisen, die teils

der Unterrichtung, teils der Erholung dienten. Auch der schwankende

Gesundheitszustand seines zweiten Sohnes Erich, der seit einer

schweren Erkältung, die er sich auf dem Eise zugezogen hatte, an einer

Herzkrankheit litt, veranlaßte die Familie, häufig Kurorte und Bäder

aufzusuchen. Es mag vielleicht nur ein eigenartiger +Zufall+ sein,

daß Emil Rathenau, ebenso wie er sich die entscheidenden Anregungen

für neue Phasen seiner beruflichen Tätigkeit auf Reisen holte -- in

England, von den Weltausstellungen in Philadelphia und Paris --,

auch die wichtigsten persönlichen Beziehungen auf Reisen anknüpfte.

Die Ausnutzung solcher Zufälle, in mancher Hinsicht möglicherweise

auch die geeignete Prädisposition für ihre Herbeiführung, ist aber

doch zweifellos von der „Reisestimmung“ begünstigt worden. Die

größere Freiheit und Leichtigkeit der veränderten Atmosphäre, die

Losgebundenheit von der latenten Trägheit, in die auch dieser Arbeiter

trotz aller in ihm wirkenden Energien des Gedankens und der Tat

ebenso wie andere Mitglieder seiner Familie gelegentlich verfallen

konnte, wenn sein Leben sich in gewohnten Gleisen ohne zwingende

Arbeitsnötigung hinspann, erfrischten und verjüngten ihn, hoben seine

Entschlußkraft und sein Selbstvertrauen. „Geistige Luftveränderung“

ist ihm stets sehr gut bekommen, so wenig auch für ihn ein dauernder

Ortswechsel denkbar war. Wir werden später sehen, daß Emil Rathenau

die finanzielle Beihilfe zur Gründung seiner Deutschen Edison

Gesellschaft einer zufälligen Begegnung in Bad Langenschwalbach

verdankte. Auch die Anknüpfung näherer Beziehungen zu Werner v.

Siemens, die so wichtig für ihn werden sollten, vollzog sich auf

einer Schweizer Reise. Kennen gelernt hatte Rathenau den Altmeister

der deutschen Elektrizität, wie wir schon berichteten, bereits lange

vorher, als er noch Besitzer der Maschinenfabrik Webers war. Am

Anfang der 70er Jahre hatte Emil Rathenau mit Siemens, Schwartzkopff

und anderen der kleinen Vereinigung Berliner Fabrikanten angehört,

die durch patriarchalische Wohlfahrtseinrichtungen, wie den Bau von

Arbeiterhäusern gehofft hatten, der jungen sozialdemokratischen

Bewegung den Wind aus den Segeln nehmen zu können. Die Bekanntschaft

war damals aber nur ziemlich oberflächlicher Art gewesen. Zwischen

dem berühmten technischen Industriellen und dem bescheidenen jungen

Fabrikbesitzer war es zu einem näheren Verkehr nicht gekommen.

Immerhin war die frühere Beziehung dazu hinreichend, daß sich Werner

v. Siemens des damaligen Vereinsgenossen erinnerte, als dieser auf der

Rückreise vom Engadin in Bad Alveneu mit ihm zusammentraf. Nach dem

Mittagessen entspann sich eine zunächst wohl konventionell einsetzende,

dann allmählich wärmer werdende Unterhaltung. Man erörterte die

Möglichkeiten des damals aufkommenden elektrischen Lichts. Rathenau,

der gerade über Zukunftsprobleme zündend zu sprechen wußte, beklagte

die Rückständigkeit Berlins in der elektrischen Beleuchtung gegenüber

Paris, wo die Avenue de l’opéra und die Place de la Concorde jeden

Abend im Glanz von Jablochkoff-Kerzen erstrahlten. Emil Rathenau,

der sich -- wie wir wissen -- vorübergehend selbst mit dem Plan, die

Jablochkoff-Patente für Deutschland zu erwerben, beschäftigt, die Idee

aber bald wieder fallen gelassen hatte, warf die Bemerkung hin, daß die

Leipziger Straße mit Hefner-Altenecks Differential-Lampen beleuchtet,

die französische Hauptstadt in Schatten stellen würde. Werner v.

Siemens gefiel die Anregung, vielleicht schmeichelte sie ihm auch nur,

und er lud Rathenau ein, in Berlin weiter darüber zu sprechen. Bei

seinem Besuch begleitete er Rathenau zur Tür des Chefkonstrukteurs,

mit dem Rathenau persönlich bekannt war, seitdem er für die erste

von Siemens & Halske konstruierte elektrische Scheinwerferanlage die

Dampfmaschine geliefert hatte. Hefner-Alteneck, der merkwürdigerweise

seiner eigenen Erfindung nur eine beschränkte praktische Entwickelung

zuzutrauen schien, fragte Rathenau skeptisch, ob ihm der Alte gesagt

hätte, wie er die Aufgabe zu lösen denke oder ob er selbst es wisse.

Ihm sei das Problem schleierhaft. Hefner-Alteneck dachte bei diesem

Ausspruch vielleicht noch mehr als an die technische Schwierigkeit der

Anlage an die schwer zu überwindende Konkurrenz der Gasbeleuchtung,

die bereits im Jahre 1880, bei einem Versuch, den Pariser Platz

mit Bogenlampen zu beleuchten, hervorgetreten war. Die probeweise

hergestellte Anlage war damals nicht zur Ausführung gekommen, weil

die Gasfachleute das neue elektrische Licht wirksam zu übertrumpfen

in der Lage gewesen waren. Mit etwas bitterer Selbstironie hatte

Hefner-Alteneck damals bemerkt, daß es zu den guten Eigenschaften des

elektrischen Lichtes gehörte, überall da, wo es sich auch nur von ferne

blicken lasse, zu einer mächtigen Gasbeleuchtung die Veranlassung

zu bieten. Daß der Gedanke Rathenaus, die Leipziger Straße mit

Differentiallampen zu beleuchten, übrigens doch nicht so ganz aus der

Welt lag, zeigte sich etwa 1½ Jahre später. Damals -- im Herbst

1882 -- führten Siemens & Halske nach einem kurzen Versuche mit einer

Glühlichtbeleuchtung in der Kochstraße eine Bogenlampenbeleuchtung

in der Leipziger Straße durch. Beide fanden aber keinen so rechten

Anklang beim Publikum. Das Glühlicht in der Kochstraße imponierte

infolge der noch unentwickelten Lampen, die sich mit ihrem roten Licht

kaum vom Gas unterschieden, nur wenig, das Bogenlicht in der Leipziger

Straße, das von 4 Deutzer Gasmaschinen zu je 12½ PS erzeugt wurde,

stellte sich, trotzdem mit der verwendeten Gasmenge die zehnfache

Lichtwirkung wie beim reinen Gaslicht erzielt wurde, sehr teuer, denn

die Lampenbrennstunde kam auf 38 Pfennige zu stehen. Rathenau, der die

Unvollkommenheit der Siemensschen Versuche nicht verkannte, sprach

damals die Überzeugung aus, daß trotz alledem der Sieg des elektrischen

Lichts in der Straßenbeleuchtung nicht ausbleiben werde.

Die Möglichkeit, mit Siemens & Halske an der elektrischen Beleuchtung

Berlins zu arbeiten, war jedenfalls nach jenem Besuch bei Werner

Siemens, der sich nur halbinteressiert gezeigt hatte, und bei

Hefner-Alteneck, der Rathenau -- zum Teil vielleicht aus einem

Konkurrenzgefühl heraus -- völlig abgewiesen hatte, vorerst erledigt.

Sie stellte für ihn aber nicht den einzigen oder auch nur den besten

Weg dar, auf dem er sich dem Gebiet der elektrischen Beleuchtung

nähern konnte. Dazu war er -- die große Zukunft der Lichtelektrizität

erkennend -- fest entschlossen. War es nicht die Differentiallampe,

die er Siemens gegenüber wohl nur vorgeschlagen hatte, weil er so am

schnellsten dessen mächtige Unterstützung zu finden hoffte, so war es

ein anderer Typus. Diesen fand er mit divinatorischer Sicherheit auf

der Pariser Elektrizitäts-Ausstellung im Jahre 1881, wo Thomas Alva

+Edison+ sich eben anschickte, sein neues Beleuchtungssystem, in

dessen Mittelpunkt als Hauptstück die +Kohlenfadenlampe+ stand,

der europäischen Öffentlichkeit vorzuführen.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 8 / 41 段