Werner Siemens wurde im Jahre 1816 in Lenthe in Hannover als Sohn

eines Gutspächters geboren. Schon den jungen Gymnasiasten drängten

Begabung und Neigung zur Technik. Da das Studium auf der Bauakademie,

dem damals einzigen technischen Lehrfach, dem Vater zu kostspielig

war, wurde auf Anraten eines Freundes der Familie ein Kompromißweg

gefunden. Werner Siemens sollte preußischer Pionieroffizier werden,

wo er Gelegenheit haben würde, dasselbe zu lernen wie auf der

Bauakademie. Wie so viele strebsame Jünglinge aus den deutschen Mittel-

und Kleinstaaten wandte sich Siemens nach Preußen. „Der einzige

feste Punkt in Deutschland ist jetzt der Staat Friedrichs des Großen

und die preußische Armee,“ sagte ihm zustimmend der Vater, als er

seinen Entschluß zu erkennen gab. Werner Siemens wurde aber nicht

Pionier-, sondern Artillerieoffizier, da ihm gesagt wurde, daß er

als solcher bedeutend bessere militärische Aussichten und dieselbe

technische Vorbildung haben würde. Die Zeit auf der Artillerie- und

Ingenieurschule nutzte der junge Mann in ernster Weise aus, auch als

Offizier in verschiedenen preußischen Garnisonstädten befaßte er

sich mit wissenschaftlichen Studien und Experimenten. Die Erfindung

Jacobis, Kupfer in metallischer Form durch den galvanischen Strom aus

reiner Lösung von Kupfervitriol niederzuschlagen, veranlaßte ihn,

sich im Jahre 1840 mit der Galvanisierung zu beschäftigen. In der

Zitadelle von Magdeburg, in der er eine ihm wegen Sekundierens beim

Duell auferlegte Festungshaft absolvieren sollte, richtete er sich,

ganz zufrieden mit der ihm ermöglichten Muße, ein Laboratorium ein,

und es glückte ihm, ein neues Verfahren galvanischer Versilberung und

Vergoldung zu entdecken. Der praktische Sinn des jungen Offiziers

äußerte sich darin, daß er, obwohl als Militär in der Wahl der Mittel

zur Einleitung von Geschäften sehr beschränkt, darauf bedacht war,

aus seiner Erfindung Kapital zu schlagen. Es gelang ihm, mit der

Neusilberfabrik J. Heninger einen Vertrag abzuschließen, auf Grund

dessen er dieser eine Anstalt für Vergoldung und Versilberung nach

seinen Patenten gegen Gewinnbeteiligung einrichtete. Seinen Bruder

Wilhelm schickte er nach England, damit er dort den Versuch mache,

die elektrolytischen Patente und das später erfundene Verfahren der

Vernickelung zu verwerten. Diesem glückte es auch, die Patente für

1500 Pfd. Sterl. an eine englische Firma zu verkaufen. Bald lenkten

größere Aufgaben das Interesse Werner Siemens auf sich. Er beteiligte

sich an den Versuchen, die Leonhardt im Auftrage des Generalstabes

der preußischen Armee über die Frage der Ersetzbarkeit der optischen

Telegraphie durch elektrische anstellte. Siemens konstruierte einen

Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung, dessen Herstellung er

einem jungen Mechaniker namens +Halske+ anvertraute. Kurze

Zeit später fand er in dem damals neu auf dem englischen Markte

erschienenen Guttapercha ein ausgezeichnetes Isolationsmaterial für

unterirdische elektrische Drahtleitungen, wie sie damals angesichts

der herrschenden Meinung, daß oberirdische Leitungen zu leicht der

Zerstörung ausgesetzt seien, für allein anwendbar gehalten wurden. Er

stellte ferner auch eine Schraubenpresse her, durch die der erwärmte

Guttapercha unter Anwendung hohen Drucks nahtlos um den Kupferdraht

gepreßt wurde. Siemens Entschluß, sich ganz der Entwicklung des

Telegraphenwesens zu widmen, stand nun fest. Er veranlaßte im Jahre

1847 den Mechaniker G. Halske, mit dem die gemeinsame Arbeit ihn näher

verbunden hatte, eine Telegraphenbauanstalt zu begründen, in die er

nach seiner Verabschiedung aus dem Heeresdienste selbst eintreten

wollte. Das Betriebskapital von 6000 Talern lieh ihm ein Vetter, der

Justizrat Siemens, der Vater des später so berühmt gewordenen ersten

Direktors der Deutschen Bank Georg von Siemens. Die Werkstatt wurde

in einem Hinterhaus der Schönebergerstraße in der Nähe des Anhalter

Bahnhofs eröffnet. Siemens selbst wollte seine ganze Kraft dem neuen

Unternehmen erst widmen, wenn die Generalstabskommission zur Einführung

des elektrischen Telegraphen ihre Aufgabe voll erfüllt hatte. So sehr

er auch die ihm offenstehende Laufbahn, sich dank seiner beherrschenden

Stellung in der Telegraphenkommission allmählich zum Schöpfer und

Leiter des preußischen Staatstelegraphen aufzuschwingen, als zu eng,

zu wenig selbständig, zu bureaukratisch ablehnte, hier lag doch in

der damaligen Zeit noch das Feld, auf dem er am entscheidendsten

an der Verwirklichung seiner Pläne mitarbeiten konnte. Bald darauf

wurde auch die bereits erwähnte erste unterirdische Telegraphenlinie

Berlin-Großbeeren und die oberirdische Linie Berlin-Potsdam

fertiggestellt, und von dem freien Blick dieses kaufmännischen

Soldaten zeugt es, daß er -- im Gegensatz zu den Heeresbehörden --

dafür eintrat, daß die neuen Linien nicht nur dem Militär, sondern

auch dem Publikum zur Verfügung stehen mußten. Die März-Revolution

und der dänische Krieg von 1848 unterbrachen die systematische Arbeit

am Telegraphen. Wir sehen Siemens als Kriegstechniker in Kiel,

Friedrichsort und Eckernförde, wo er die Verteidigung dieser Seehäfen

durch Minensperren -- die ersten, die jemals gelegt wurden -- und

durch Hafenbatterien durchführte. Nach Berlin zurückgekehrt, nahm

Siemens die telegraphischen Projekte mit Hochdruck wieder auf. Der

brave Halske hatte, unbeirrt durch Revolution und Kriegsgeschrei, seine

Telegraphenapparate auch ohne Bestellung weiter fabriziert und dadurch

das junge Unternehmen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Zuversicht

sollte sich lohnen. Es gab bald Arbeit in Hülle und Fülle. Eine große

unterirdische Telegraphenlinie von Berlin nach Eisenach und eine

oberirdische von dort nach Frankfurt, wo damals das erste deutsche

Parlament tagte, waren im Auftrage des preußischen Handelsministeriums

zu bauen. Die Loslösung des Telegraphen vom rein militärischen

Interesse, seine Verwendung im Dienste des Verkehrs war eine Tatsache.

Siemens zog nun endgültig den Soldatenrock aus und trat als offener

Teilhaber in die Firma Siemens & Halske ein. Die Periode der Versuche,

der tastenden Anfänge und kleinen Dimensionen ist überwunden. Die

Entwicklung verstärkt, verbreitert, vervielfältigt sich, geht ins

Große und trägt die Firma Siemens & Halske zur Bedeutung nicht nur des

ersten elektrotechnischen Unternehmens in Deutschland, sondern eines

Welthauses empor.

Neben Telegraphenanlagen wurden bald Läutewerke für Bahnanlagen,

Meßinstrumente hergestellt. Der im Jahre 1850 nach Europa gekommene

Morse-Apparat wurde von der Firma mit vielen Verbesserungen versehen

und zu einer Vollendung gebracht, die ihn über alle früheren Systeme

weit hinaushob. Das Absatzgebiet wurde über Deutschland hinaus

erweitert. Insbesondere in Rußland verstand es die junge Firma,

die im Jahre 1849 immer noch mit 32 Arbeitern auskam, festen Fuß

zu fassen; neben kleineren Telegraphenlinien wurden die großen

Strecken Petersburg-Warschau, Moskau-Kiew-Odessa, Petersburg-Reval

und Petersburg-Helsingfors fertiggestellt. Werner Siemens hatte

das Glück, energische und tüchtige Brüder zu besitzen, denen er

die Geschäfte im Auslande anvertrauen konnte, was dazu beitrug,

den Familiencharakter der Siemensschen Unternehmungen zu wahren,

und trotz der notwendig gewordenen Dezentralisation aufrecht zu

erhalten. Wie Karl Siemens das russische Geschäft, den technischen

Weisungen des genialen Werner folgend, aber kaufmännisch mit einem

hohen Grade von Selbständigkeit und Geschick entwickeln konnte, so

vermochte Wilhelm Siemens, der früh nach England gegangen war, trotz

der starken Konkurrenz in diesem technisch dem damaligen Deutschland

überlegenen Lande, eine starke Stellung zu erkämpfen. Er lieferte

für den indischen Telegraphen Materialien und Apparate und eröffnete

einen lohnenden Fabrikationszweig durch die Konstruktion des nach

ihm benannten Wassermessers. Entscheidend wurde die Betätigung in

England für die Bedeutung, die sich die Firma Siemens & Halske in

der +Kabelfabrikation+ und in der Kabellegung erwerben sollte.

Zunächst beschränkte man sich auf die Herstellung von Kabeln und

elektrischen Apparaten für die Unterwassertelegraphie, und entwickelte

grundlegende Methoden für Kabelprüfung und Fehlerbestimmung. Die

erste selbständige Kabellegung für die Linie Kartagena-Oran, die

von der französischen Regierung in Auftrag gegeben worden war, aber

infolge ungünstiger Formation des Meeresbodens dreimal mißglückte,

forderte schwere Opfer, die die Brüder Siemens nicht entmutigten,

aber den vorsichtigen, jeder Großzügigkeit baren Halske veranlaßten,

die Trennung des Londoner Geschäfts von dem Berliner zu beantragen.

Diese erfolgte und das Londoner Geschäft ging unter der Firma Siemens

Brothers in den Besitz der Brüder Wilhelm, Werner und Karl über. Das

Vertrauen in die Leistungsfähigkeit dieser Firma für den Bau von

Überseekabeln hat nicht getrogen. Im Laufe der Jahre gelang es Siemens

Brothers mit einem direkten Kabel von Irland nach Amerika das Monopol

eines damals unter den Auspizien Sir William Penders gebildeten

Kabelringes zu durchbrechen und andere große Überseekabel in Auftrag

zu bekommen. Kein Geringerer als der große Gelehrte Sir William

Thomson hatte das erste Siemenskabel geprüft und für fehlerfrei und

außerordentlich sprechfähig erklärt. Vorangegangen war die Errichtung

einer eigenen Guttaperchafabrik in England, die notwendig wurde, da

die einzige englische Fabrik, die bis dahin nahtlos mit Guttapercha

umpreßte Drähte nach dem Siemensschen System herstellte, offenbar

im Interesse jenes Kabelringes bei der Lieferung von gereinigter

Guttapercha an Siemens Brothers Schwierigkeiten gemacht hatte. Die

Gesellschaft, die von den Brüdern Werner, Wilhelm und Karl Siemens

für den Bau der Kabellinie Irland-Amerika gegründet wurde, mußte ihr

Kapital auf dem Kontinent aufbringen, da der englische Markt durch

die übermächtige Konkurrenz verschlossen war. Schon vorher hatte

der ständig nach neuen Projekten ausschauende Geist Werner Siemens

ein anderes gewaltiges Werk ersonnen und ausgeführt. Es handelte

sich um nichts geringeres, als um den Bau einer Indo-Europäischen

Überland-Telegraphen-Linie, die England über Preußen, Rußland und

Persien mit seiner Kolonie Indien verband. Zu diesem Zwecke wurde

eine englische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 425000 Pfd.

Sterl. gegründet, die sämtliche Konzessionen von den beteiligten

Regierungen erwarb und die Linie bis zum Jahre 1869 fertigstellte.

Der Bau, die Lieferungen an Materialien und Apparaten und die

Unterhaltung der ganzen Linie wurde der Firma Siemens & Halske

übertragen, die sich ihrerseits mit einem Fünftel des Aktienkapitals

an dem Unternehmen beteiligte. Die Indo-Europäische Überland-Linie

und die Kabelgesellschaft Irland-Amerika bilden die ersten Fälle von

sogenannten Betriebsunternehmungen, die nicht im fremden Auftrag,

sondern auf eigene Initiative von einer Fabrikationsgesellschaft in

der elektrischen Industrie gegründet worden sind. Für Werner Siemens

sind es Ausnahmefälle geblieben, die nicht einem geschäftlichen

System entsprangen, sondern der Verwirklichung technischer und

verkehrspolitischer Lieblings-Gedanken dienen sollten, weil diese

Verwirklichung auf anderem Wege nicht hätte erfolgen können. Zu

den Prinzipien der Firma Siemens & Halske gehörten derartige

Eigen-Gründungen durchaus nicht, und wir werden später sehen, daß

hier gerade ein Ansatzpunkt für das kaufmännisch anders geartete und

modernere System Emil Rathenaus lag.

Schon der unternehmerische Wagemut, den damals die Firma Siemens &

Halske an den Tag legte und der die Grenzen der Firma immer weiter ins

Weltwirtschaftliche und Großbetriebliche hinausschob, sagte Halske,

dem ersten Sozius Werner Siemens und Mitbegründer der Firma nicht zu.

Sein ehrlicher, gediegener, aber immerhin begrenzter und ängstlicher

Geist liebte nur Geschäfte, die er überblicken konnte. Wohl fühlte er

sich nur in kleineren Dimensionen, das andere schien ihm ein Wagen,

das dem Hazardieren verwandt war. Darum schied er im Jahre 1868 aus

der Firma, der er in den ersten Jahren ihres Bestehens als geschickter

und tüchtiger Feinmechaniker hatte treffliche Dienste leisten können,

die ihm aber entwachsen war, seitdem sich die Firma handwerkliche

Talente, wie er eins war, zu Dutzenden gegen mäßige Bezahlung halten

konnte. An Bedeutung für das Geschäft war Halske schon lange hinter

Siemens Jugendfreund William Meyer, der jahrelang die Stellung eines

Oberingenieurs und Prokuristen bekleidet hatte, zurückgeblieben. Meyers

Nachfolger, der frühere Leiter des Hannoverschen Telegraphenwesens Karl

Frischen, überragte als Persönlichkeit Halske noch beträchtlicher.

Endlich wuchs in der Person des Herrn v. Hefner-Alteneck, der aus

dem jüngeren Schülerstabe Werner Siemens stammend, als Chef des

Konstruktionsbureaus tätig war, eine Kraft heran, der als technischer

Erfinder in der Folgezeit Bedeutendes leisten sollte und als

Konstrukteur neben Werner Siemens wohl bestehen konnte. Damit war

Halskes Platz als erster Mitarbeiter Werner Siemens in einer dem neuen

Charakter des Geschäfts entsprechenden Weise schon lange besetzt

worden, ehe er ihn noch verlassen hatte.

Alles was die Firma Siemens & Halske, was die Elektrizitätsindustrie

in der vergangenen Periode geleistet hatte, was auch noch

den Hauptinhalt des nächsten Jahrzehnts bildete, gehörte der

+Schwachstromindustrie+, das heißt der Erzeugung von Elektrizität

auf +chemischem Wege+ an. In Deutschland waren in dieser ersten

Blüteperiode der Elektrizitätsindustrie nur verhältnismäßig wenige

größere Firmen neben Siemens & Halske tätig. Bedeutung erwarben

außerdem eigentlich nur die Firmen Felten & Guilleaume in Mülheim a.

Rh., Gebr. Naglo und H. Poege in Chemnitz. Im übrigen gab es wohl

eine ganze Anzahl von kleinen Betriebswerkstätten, die mit wenigen

Arbeitern auskamen, und sich auf die Anfertigung von Apparaten,

kleineren Telegraphenanlagen, Instrumenten usw. beschränkten. Über

eine nationale, kaum lokale Bedeutung gingen aber diese Betriebe

nicht hinaus. Wie wenig auch Siemens & Halske damals noch trotz

ihres internationalen, weit ausgesponnenen Geschäfts dem entsprachen,

was wir heute unter einem Großunternehmen verstehen, geht daraus

hervor, daß diese Firma im Jahre 1869 nur 250, im Jahre 1875 nur

600 Arbeiter beschäftigte, eine Anzahl, die ungefähr die Hälfte der

damals in der ganzen deutschen Elektrizitätsindustrie verwandten

Arbeiter darstellte. Die überragende Bedeutung der Firma Siemens &

Halske in dieser Periode hatte insofern ihr gutes, als der deutschen

Elektrizitätsindustrie dadurch die konjunkturellen Ausschreitungen und

die darauf folgende Krise erspart blieben, die in den anderen damals

industriell weiter entwickelten Ländern infolge der Übergründungen

elektrotechnischer Unternehmungen unausbleiblich gewesen waren. Die

erste der großen elektrotechnischen Krisen berührte infolgedessen

Deutschland nur verhältnismäßig wenig. Am stärksten hatte sie England

betroffen, wo die industrielle Elektrotechnik namentlich nach den

ersten großen Erfolgen des Kabelbaus mit einer Hochflut von Gründungen

und Projekten eingesetzt hatte. Die hohen Dividenden der ersten

Kabelunternehmungen hatten zur Nachahmung angestachelt, und das

Publikum riß sich förmlich um die Papiere von Aktiengesellschaften, die

irgend etwas mit Elektrizität zu tun hatten. Da die Aktien nach dem

englischen Gesetz auf den kleinen Betrag von 1 Pfd. Sterl. ausgegeben

werden konnten, ergriff das elektrische Spekulationsfieber auch die

kleinsten Kapitalistenschichten. Ein Börsenkrach fegte diese ungesunden

Auswüchse schließlich fort und die englische Regierung hielt es

für richtig, als im Jahre 1880 mit der Lichtelektrizität ein neues

Feld für Gründungen auf elektrotechnischem Gebiete sich zu eröffnen

schien, mit einem beschränkenden Gesetz, der Electric Lighting Act,

einzugreifen. Durch dieses Gesetz, das elektrische Beleuchtungsanlagen

für die Dauer von 20 Jahren als ein Monopol der Regierung erklärte,

wurde aber nicht nur die Entwicklung der Gründerei und Spekulation,

sondern auch die der elektrotechnischen Industrie behindert, was sich

in den kommenden Zeiten der zweiten elektrotechnischen Blüteperiode,

in der die +Starkstrom-Industrie+ zur Geltung kam, als ein

schwerer Nachteil für England erwies. Die großen Erfolge der deutschen

Starkstromindustrie, die dieser die unbestrittene Führung in Europa

sicherten, sind einmal dadurch ermöglicht worden, daß in Deutschland

dank der soliden Vorherrschaft der Firma Siemens & Halske kein

kapitalistischer Zusammenbruch den Enthusiasmus für elektrische

Gründungen abgekühlt hatte; dann aber auch dadurch, daß England, das

gegebene Hauptwettbewerbsland, schon unangenehme Erfahrungen mit der

industriellen Elektrotechnik hinter sich hatte, von denen sich weder

die Regierung, noch das Publikum im richtigen Augenblick befreien

konnten.

Das große historische Verdienst Werner v. Siemens lag nicht nur

in der hervorragenden Mitwirkung, die er der Entwicklung der

Schwachstromtechnik hatte angedeihen lassen, sondern in der

+schöpferischen Wendung+, die er der +Starkstromtechnik+ durch seine

grundlegende Erfindung des sogenannten +dynamo-elektrischen+ Prinzips

im Jahre 1866 gegeben hatte. Dieses Prinzip besteht darin, daß

Elektrizität nicht wie beim Schwachstrom auf chemischem Wege (durch

Elemente oder Batterien), sondern auf physikalischem Wege durch die

elektromagnetische Induktionsmaschine erzeugt wird. Werner v. Siemens

schildert seine Versuche auf diesem Gebiete und die Ergebnisse,

zu denen er durch sie gelangte, in seinen Lebenserinnerungen

folgendermaßen:

„Bereits im Herbst des Jahres 1866, als ich bemüht war, die

elektrischen Zündvorrichtungen mit Hilfe meines Zylinderinduktors

zu vervollkommnen, beschäftigte mich die Frage, ob man nicht durch

geschickte Benutzung des sogenannten Extrastromes eine wesentliche

Verstärkung des Induktionsstromes hervorbringen könnte. Es wurde mir

klar, daß eine elektromagnetische Maschine, deren Arbeitsleistung durch

die in ihren Windungen entstehenden Gegenströme so außerordentlich

geschwächt wird, weil diese Gegenströme die Kraft der wirksamen

Batterie beträchtlich vermindern, umgekehrt eine Verstärkung der

Kraft dieser Batterie hervorrufen müßte, wenn sie durch eine äußere

Arbeitskraft in der entgegengesetzten Richtung gewaltsam gedreht

würde. Dies mußte der Fall sein, weil durch die umgekehrte Bewegung

gleichzeitig die Richtung der induzierten Ströme umgekehrt wurde. In

der Tat bestätigte der Versuch diese Theorie, und es stellte sich

dabei heraus, daß in den feststehenden Elektromagneten einer passend

eingerichteten elektromagnetischen Maschine immer Magnetismus genug

zurückbleibt, um durch allmähliche Verstärkung des durch ihn erzeugten

Stromes bei umgekehrter Drehung die überraschendsten Wirkungen

hervorzubringen.

Es war dies die Entdeckung und erste Anwendung des allen

dynamo-elektrischen Maschinen zu Grunde liegenden dynamo-elektrischen

Prinzips. Die erste Aufgabe, welche dadurch praktisch gelöst wurde,

war die Konstruktion eines wirksamen elektrischen Zündapparates ohne

Stahlmagnete, und noch heute werden Zündapparate dieser Art allgemein

verwendet. Die Berliner Physiker, unter ihnen Magnus, Dove, Rieß, du

Bois-Reymond, waren äußerst überrascht, als ich ihnen im Dezember

1866 einen solchen Zünderinduktor vorführte und an ihm zeigte, daß

eine kleine elektromagnetische Maschine ohne Batterie und permanente

Magnete, die sich in einer Richtung ohne allen Kraftaufwand und in

jeder Geschwindigkeit drehen ließ, der entgegengesetzten Drehung einen

kaum zu überwindenden Widerstand darbot und dabei einen so starken

elektrischen Strom erzeugte, daß ihre Drahtwindungen sich schnell

erhitzten.“

Die Priorität der Siemensschen Erfindung ist bald nach ihrer

Bekanntgabe von verschiedenen Seiten bestritten worden. Die Engländer

Wheatstone und Varley nahmen für sich die Gleichzeitigkeit der Idee

in Anspruch. Immerhin hat Werner v. Siemens das dynamo-elektrische

Prinzip zuerst literarisch dargestellt, konstruktiv mit Hilfe des

sogenannten Doppel-T-Ankers ausgeführt, und ihm den Namen gegeben.

Sein Verdienst wird nicht geschmälert, wenn man selbst annimmt, daß er

etwas erfunden habe, was damals in dem Gang der wissenschaftlichen und

technischen Entwicklung logisch begründet und sozusagen in der Luft

lag. Dies zeigt im Gegenteil, daß seine Erfindung systematischer Arbeit

und folgerichtigem Denken, nicht einem Zufall ihr Dasein verdankt.

Richtig ist hingegen, daß Werner v. Siemens weder die Dynamomaschine

zu voller praktischer Brauchbarkeit entwickelt, noch den ganzen

Umfang ihrer industriellen Nutzungsmöglichkeit erkannt und mit der

sonst bei ihm gewohnten Energie zu verwirklichen gesucht hat. Sein

Gedanken- und Arbeitskreis war doch wohl zu sehr von den Problemen der

Schwachstromtechnik erfüllt, seine Kraft zu sehr von der lebenslangen

Beschäftigung mit ihr absorbiert, als daß er sich dem Neuland der

Starkstromtechnik hätte mit unverminderter Schaffensfähigkeit zuwenden

können. Dazu gehörte eine unverbrauchte Frische, eine Jugend mit

Zukunftsaugen, nicht der Rest eines mit Arbeit und Gedanken überfüllten

Lebens.

Die praktische Verwertbarkeit der Dynamomaschine wurde gefördert

durch die Einführung des sogenannten Pacinottischen Ringankers und des

Hefnerschen Wickelungssystems (Trommelanker), aber erst Gramme baute

im Jahre 1869 die erste wirklich gut funktionierende und industriell

brauchbare Dynamomaschine, die kontinuierlichen Gleichstrom erzeugte.

Werner v. Siemens hat selbstverständlich als der bedeutende Techniker

und der klare Kopf, der er war, erkannt, daß die neue Erfindung

eine große Tragweite besitze. An seinen Bruder Wilhelm schrieb er

schon im Jahre 1866: „Die Effekte der dynamo-elektrischen Maschine

müssen bei geeigneter Konstruktion kolossale werden. Die Sache ist

sehr ausbildungsfähig und kann eine neue Ära des Elektromagnetismus

anbahnen. Magnet-Elektrizität wird billig werden und kann nun zur

Lichterzeugung, für elektrochemische Zwecke, ja selbst wieder zum

Betriebe von kleinen elektromagnetischen Maschinen zum Vorteil

verwandt werden.“ -- Man sieht, das sind Worte, in denen die höchsten

Erwartungen und Hoffnungen sich widerspiegeln, aber es ist merkwürdig,

die Hand Werner v. Siemens war bei den Ausführungsmaßnahmen auf dem

neuen, als gewaltig erkannten Gebiet nicht mehr so sicher, fest

und glücklich wie früher, die Phantasie arbeitete nicht mehr so

hoffnungsfreudig und kühn, und die Durchführung wirkt sozusagen kleiner

als der Gedanke. Wenn Werner v. Siemens auch recht wohl erkannte, daß

die Erzeugung starker Gleichströme und großer Strommengen für die

Lichterzeugung von großer Bedeutung sein werde, so sah er doch auf

diesem Gebiete hauptsächlich nur die äußerlich pompöse Bogenlampe, die

in den 70er Jahren erfunden worden war, und für die Siemens & Halske in

der Hefner-Alteneckschen Differential-Lampe ein besonders gutes Modell

besaßen. Die unscheinbarere, aber für die elektrische Beleuchtung viel

wichtiger gewordene Glühlampe lehnte Siemens nicht gerade ab. Er ließ

sich, als Emil Rathenau mit genialem Blick die großartige Zukunft

dieser Lampe erkannt hatte und zu ihrer Einführung in Deutschland die

Unterstützung der damals maßgebenden deutschen elektrotechnischen Firma

nachsuchte, sogar ziemlich leicht von ihrem Wert überzeugen, aber seine

ganze Stellung zur Glühlampe war doch mehr passiv. Sie mußte ihm erst

plausibel gemacht, fast aufgedrängt werden. Er riß sie nicht an sich,

wie er vor 30 Jahren den Telegraphen an sich gerissen hatte. Auch von

der gewaltigen quantitativen Ausdehnungsfähigkeit der Dynamomaschine

machte er sich nicht das richtige Bild. Als Emil Rathenau, der in

den ersten Jahren seiner Tätigkeit für die Edison-Gesellschaft die

Maschinen vertragsgemäß bei Siemens & Halske bauen lassen mußte, von

Siemens bis dahin unerhört große Maschinentypen verlangte, sah ihn

der große Konstrukteur verwundert, und fast geringschätzig wie einen

überspannten Dilettanten an, und sagte ihm: „Gewiß, bauen kann ich

Ihnen solche Maschinen, aber gehen werden sie nicht.“ Emil Rathenau

ließ die Maschinen schließlich aber doch bauen, und sie gingen nicht

nur, sondern es gingen auch noch solche, neben denen sich seine ersten

heute als Zwerge ausnehmen würden. Emil Rathenau reichte als positiver

Techniker auch nicht entfernt an Werner v. Siemens heran, aber in

diesen Dingen und zu diesen Zeiten hatte er den größeren technischen

Weitblick.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 7 / 41 段