eines Gutspächters geboren. Schon den jungen Gymnasiasten drängten
Begabung und Neigung zur Technik. Da das Studium auf der Bauakademie,
dem damals einzigen technischen Lehrfach, dem Vater zu kostspielig
war, wurde auf Anraten eines Freundes der Familie ein Kompromißweg
gefunden. Werner Siemens sollte preußischer Pionieroffizier werden,
wo er Gelegenheit haben würde, dasselbe zu lernen wie auf der
Bauakademie. Wie so viele strebsame Jünglinge aus den deutschen Mittel-
und Kleinstaaten wandte sich Siemens nach Preußen. „Der einzige
feste Punkt in Deutschland ist jetzt der Staat Friedrichs des Großen
und die preußische Armee,“ sagte ihm zustimmend der Vater, als er
seinen Entschluß zu erkennen gab. Werner Siemens wurde aber nicht
Pionier-, sondern Artillerieoffizier, da ihm gesagt wurde, daß er
als solcher bedeutend bessere militärische Aussichten und dieselbe
technische Vorbildung haben würde. Die Zeit auf der Artillerie- und
Ingenieurschule nutzte der junge Mann in ernster Weise aus, auch als
Offizier in verschiedenen preußischen Garnisonstädten befaßte er
sich mit wissenschaftlichen Studien und Experimenten. Die Erfindung
Jacobis, Kupfer in metallischer Form durch den galvanischen Strom aus
reiner Lösung von Kupfervitriol niederzuschlagen, veranlaßte ihn,
sich im Jahre 1840 mit der Galvanisierung zu beschäftigen. In der
Zitadelle von Magdeburg, in der er eine ihm wegen Sekundierens beim
Duell auferlegte Festungshaft absolvieren sollte, richtete er sich,
ganz zufrieden mit der ihm ermöglichten Muße, ein Laboratorium ein,
und es glückte ihm, ein neues Verfahren galvanischer Versilberung und
Vergoldung zu entdecken. Der praktische Sinn des jungen Offiziers
äußerte sich darin, daß er, obwohl als Militär in der Wahl der Mittel
zur Einleitung von Geschäften sehr beschränkt, darauf bedacht war,
aus seiner Erfindung Kapital zu schlagen. Es gelang ihm, mit der
Neusilberfabrik J. Heninger einen Vertrag abzuschließen, auf Grund
dessen er dieser eine Anstalt für Vergoldung und Versilberung nach
seinen Patenten gegen Gewinnbeteiligung einrichtete. Seinen Bruder
Wilhelm schickte er nach England, damit er dort den Versuch mache,
die elektrolytischen Patente und das später erfundene Verfahren der
Vernickelung zu verwerten. Diesem glückte es auch, die Patente für
1500 Pfd. Sterl. an eine englische Firma zu verkaufen. Bald lenkten
größere Aufgaben das Interesse Werner Siemens auf sich. Er beteiligte
sich an den Versuchen, die Leonhardt im Auftrage des Generalstabes
der preußischen Armee über die Frage der Ersetzbarkeit der optischen
Telegraphie durch elektrische anstellte. Siemens konstruierte einen
Zeigertelegraphen mit Selbstunterbrechung, dessen Herstellung er
einem jungen Mechaniker namens +Halske+ anvertraute. Kurze
Zeit später fand er in dem damals neu auf dem englischen Markte
erschienenen Guttapercha ein ausgezeichnetes Isolationsmaterial für
unterirdische elektrische Drahtleitungen, wie sie damals angesichts
der herrschenden Meinung, daß oberirdische Leitungen zu leicht der
Zerstörung ausgesetzt seien, für allein anwendbar gehalten wurden. Er
stellte ferner auch eine Schraubenpresse her, durch die der erwärmte
Guttapercha unter Anwendung hohen Drucks nahtlos um den Kupferdraht
gepreßt wurde. Siemens Entschluß, sich ganz der Entwicklung des
Telegraphenwesens zu widmen, stand nun fest. Er veranlaßte im Jahre
1847 den Mechaniker G. Halske, mit dem die gemeinsame Arbeit ihn näher
verbunden hatte, eine Telegraphenbauanstalt zu begründen, in die er
nach seiner Verabschiedung aus dem Heeresdienste selbst eintreten
wollte. Das Betriebskapital von 6000 Talern lieh ihm ein Vetter, der
Justizrat Siemens, der Vater des später so berühmt gewordenen ersten
Direktors der Deutschen Bank Georg von Siemens. Die Werkstatt wurde
in einem Hinterhaus der Schönebergerstraße in der Nähe des Anhalter
Bahnhofs eröffnet. Siemens selbst wollte seine ganze Kraft dem neuen
Unternehmen erst widmen, wenn die Generalstabskommission zur Einführung
des elektrischen Telegraphen ihre Aufgabe voll erfüllt hatte. So sehr
er auch die ihm offenstehende Laufbahn, sich dank seiner beherrschenden
Stellung in der Telegraphenkommission allmählich zum Schöpfer und
Leiter des preußischen Staatstelegraphen aufzuschwingen, als zu eng,
zu wenig selbständig, zu bureaukratisch ablehnte, hier lag doch in
der damaligen Zeit noch das Feld, auf dem er am entscheidendsten
an der Verwirklichung seiner Pläne mitarbeiten konnte. Bald darauf
wurde auch die bereits erwähnte erste unterirdische Telegraphenlinie
Berlin-Großbeeren und die oberirdische Linie Berlin-Potsdam
fertiggestellt, und von dem freien Blick dieses kaufmännischen
Soldaten zeugt es, daß er -- im Gegensatz zu den Heeresbehörden --
dafür eintrat, daß die neuen Linien nicht nur dem Militär, sondern
auch dem Publikum zur Verfügung stehen mußten. Die März-Revolution
und der dänische Krieg von 1848 unterbrachen die systematische Arbeit
am Telegraphen. Wir sehen Siemens als Kriegstechniker in Kiel,
Friedrichsort und Eckernförde, wo er die Verteidigung dieser Seehäfen
durch Minensperren -- die ersten, die jemals gelegt wurden -- und
durch Hafenbatterien durchführte. Nach Berlin zurückgekehrt, nahm
Siemens die telegraphischen Projekte mit Hochdruck wieder auf. Der
brave Halske hatte, unbeirrt durch Revolution und Kriegsgeschrei, seine
Telegraphenapparate auch ohne Bestellung weiter fabriziert und dadurch
das junge Unternehmen vor dem Zusammenbruch bewahrt. Die Zuversicht
sollte sich lohnen. Es gab bald Arbeit in Hülle und Fülle. Eine große
unterirdische Telegraphenlinie von Berlin nach Eisenach und eine
oberirdische von dort nach Frankfurt, wo damals das erste deutsche
Parlament tagte, waren im Auftrage des preußischen Handelsministeriums
zu bauen. Die Loslösung des Telegraphen vom rein militärischen
Interesse, seine Verwendung im Dienste des Verkehrs war eine Tatsache.
Siemens zog nun endgültig den Soldatenrock aus und trat als offener
Teilhaber in die Firma Siemens & Halske ein. Die Periode der Versuche,
der tastenden Anfänge und kleinen Dimensionen ist überwunden. Die
Entwicklung verstärkt, verbreitert, vervielfältigt sich, geht ins
Große und trägt die Firma Siemens & Halske zur Bedeutung nicht nur des
ersten elektrotechnischen Unternehmens in Deutschland, sondern eines
Welthauses empor.
Neben Telegraphenanlagen wurden bald Läutewerke für Bahnanlagen,
Meßinstrumente hergestellt. Der im Jahre 1850 nach Europa gekommene
Morse-Apparat wurde von der Firma mit vielen Verbesserungen versehen
und zu einer Vollendung gebracht, die ihn über alle früheren Systeme
weit hinaushob. Das Absatzgebiet wurde über Deutschland hinaus
erweitert. Insbesondere in Rußland verstand es die junge Firma,
die im Jahre 1849 immer noch mit 32 Arbeitern auskam, festen Fuß
zu fassen; neben kleineren Telegraphenlinien wurden die großen
Strecken Petersburg-Warschau, Moskau-Kiew-Odessa, Petersburg-Reval
und Petersburg-Helsingfors fertiggestellt. Werner Siemens hatte
das Glück, energische und tüchtige Brüder zu besitzen, denen er
die Geschäfte im Auslande anvertrauen konnte, was dazu beitrug,
den Familiencharakter der Siemensschen Unternehmungen zu wahren,
und trotz der notwendig gewordenen Dezentralisation aufrecht zu
erhalten. Wie Karl Siemens das russische Geschäft, den technischen
Weisungen des genialen Werner folgend, aber kaufmännisch mit einem
hohen Grade von Selbständigkeit und Geschick entwickeln konnte, so
vermochte Wilhelm Siemens, der früh nach England gegangen war, trotz
der starken Konkurrenz in diesem technisch dem damaligen Deutschland
überlegenen Lande, eine starke Stellung zu erkämpfen. Er lieferte
für den indischen Telegraphen Materialien und Apparate und eröffnete
einen lohnenden Fabrikationszweig durch die Konstruktion des nach
ihm benannten Wassermessers. Entscheidend wurde die Betätigung in
England für die Bedeutung, die sich die Firma Siemens & Halske in
der +Kabelfabrikation+ und in der Kabellegung erwerben sollte.
Zunächst beschränkte man sich auf die Herstellung von Kabeln und
elektrischen Apparaten für die Unterwassertelegraphie, und entwickelte
grundlegende Methoden für Kabelprüfung und Fehlerbestimmung. Die
erste selbständige Kabellegung für die Linie Kartagena-Oran, die
von der französischen Regierung in Auftrag gegeben worden war, aber
infolge ungünstiger Formation des Meeresbodens dreimal mißglückte,
forderte schwere Opfer, die die Brüder Siemens nicht entmutigten,
aber den vorsichtigen, jeder Großzügigkeit baren Halske veranlaßten,
die Trennung des Londoner Geschäfts von dem Berliner zu beantragen.
Diese erfolgte und das Londoner Geschäft ging unter der Firma Siemens
Brothers in den Besitz der Brüder Wilhelm, Werner und Karl über. Das
Vertrauen in die Leistungsfähigkeit dieser Firma für den Bau von
Überseekabeln hat nicht getrogen. Im Laufe der Jahre gelang es Siemens
Brothers mit einem direkten Kabel von Irland nach Amerika das Monopol
eines damals unter den Auspizien Sir William Penders gebildeten
Kabelringes zu durchbrechen und andere große Überseekabel in Auftrag
zu bekommen. Kein Geringerer als der große Gelehrte Sir William
Thomson hatte das erste Siemenskabel geprüft und für fehlerfrei und
außerordentlich sprechfähig erklärt. Vorangegangen war die Errichtung
einer eigenen Guttaperchafabrik in England, die notwendig wurde, da
die einzige englische Fabrik, die bis dahin nahtlos mit Guttapercha
umpreßte Drähte nach dem Siemensschen System herstellte, offenbar
im Interesse jenes Kabelringes bei der Lieferung von gereinigter
Guttapercha an Siemens Brothers Schwierigkeiten gemacht hatte. Die
Gesellschaft, die von den Brüdern Werner, Wilhelm und Karl Siemens
für den Bau der Kabellinie Irland-Amerika gegründet wurde, mußte ihr
Kapital auf dem Kontinent aufbringen, da der englische Markt durch
die übermächtige Konkurrenz verschlossen war. Schon vorher hatte
der ständig nach neuen Projekten ausschauende Geist Werner Siemens
ein anderes gewaltiges Werk ersonnen und ausgeführt. Es handelte
sich um nichts geringeres, als um den Bau einer Indo-Europäischen
Überland-Telegraphen-Linie, die England über Preußen, Rußland und
Persien mit seiner Kolonie Indien verband. Zu diesem Zwecke wurde
eine englische Aktiengesellschaft mit einem Kapital von 425000 Pfd.
Sterl. gegründet, die sämtliche Konzessionen von den beteiligten
Regierungen erwarb und die Linie bis zum Jahre 1869 fertigstellte.
Der Bau, die Lieferungen an Materialien und Apparaten und die
Unterhaltung der ganzen Linie wurde der Firma Siemens & Halske
übertragen, die sich ihrerseits mit einem Fünftel des Aktienkapitals
an dem Unternehmen beteiligte. Die Indo-Europäische Überland-Linie
und die Kabelgesellschaft Irland-Amerika bilden die ersten Fälle von
sogenannten Betriebsunternehmungen, die nicht im fremden Auftrag,
sondern auf eigene Initiative von einer Fabrikationsgesellschaft in
der elektrischen Industrie gegründet worden sind. Für Werner Siemens
sind es Ausnahmefälle geblieben, die nicht einem geschäftlichen
System entsprangen, sondern der Verwirklichung technischer und
verkehrspolitischer Lieblings-Gedanken dienen sollten, weil diese
Verwirklichung auf anderem Wege nicht hätte erfolgen können. Zu
den Prinzipien der Firma Siemens & Halske gehörten derartige
Eigen-Gründungen durchaus nicht, und wir werden später sehen, daß
hier gerade ein Ansatzpunkt für das kaufmännisch anders geartete und
modernere System Emil Rathenaus lag.
Schon der unternehmerische Wagemut, den damals die Firma Siemens &
Halske an den Tag legte und der die Grenzen der Firma immer weiter ins
Weltwirtschaftliche und Großbetriebliche hinausschob, sagte Halske,
dem ersten Sozius Werner Siemens und Mitbegründer der Firma nicht zu.
Sein ehrlicher, gediegener, aber immerhin begrenzter und ängstlicher
Geist liebte nur Geschäfte, die er überblicken konnte. Wohl fühlte er
sich nur in kleineren Dimensionen, das andere schien ihm ein Wagen,
das dem Hazardieren verwandt war. Darum schied er im Jahre 1868 aus
der Firma, der er in den ersten Jahren ihres Bestehens als geschickter
und tüchtiger Feinmechaniker hatte treffliche Dienste leisten können,
die ihm aber entwachsen war, seitdem sich die Firma handwerkliche
Talente, wie er eins war, zu Dutzenden gegen mäßige Bezahlung halten
konnte. An Bedeutung für das Geschäft war Halske schon lange hinter
Siemens Jugendfreund William Meyer, der jahrelang die Stellung eines
Oberingenieurs und Prokuristen bekleidet hatte, zurückgeblieben. Meyers
Nachfolger, der frühere Leiter des Hannoverschen Telegraphenwesens Karl
Frischen, überragte als Persönlichkeit Halske noch beträchtlicher.
Endlich wuchs in der Person des Herrn v. Hefner-Alteneck, der aus
dem jüngeren Schülerstabe Werner Siemens stammend, als Chef des
Konstruktionsbureaus tätig war, eine Kraft heran, der als technischer
Erfinder in der Folgezeit Bedeutendes leisten sollte und als
Konstrukteur neben Werner Siemens wohl bestehen konnte. Damit war
Halskes Platz als erster Mitarbeiter Werner Siemens in einer dem neuen
Charakter des Geschäfts entsprechenden Weise schon lange besetzt
worden, ehe er ihn noch verlassen hatte.
Alles was die Firma Siemens & Halske, was die Elektrizitätsindustrie
in der vergangenen Periode geleistet hatte, was auch noch
den Hauptinhalt des nächsten Jahrzehnts bildete, gehörte der
+Schwachstromindustrie+, das heißt der Erzeugung von Elektrizität
auf +chemischem Wege+ an. In Deutschland waren in dieser ersten
Blüteperiode der Elektrizitätsindustrie nur verhältnismäßig wenige
größere Firmen neben Siemens & Halske tätig. Bedeutung erwarben
außerdem eigentlich nur die Firmen Felten & Guilleaume in Mülheim a.
Rh., Gebr. Naglo und H. Poege in Chemnitz. Im übrigen gab es wohl
eine ganze Anzahl von kleinen Betriebswerkstätten, die mit wenigen
Arbeitern auskamen, und sich auf die Anfertigung von Apparaten,
kleineren Telegraphenanlagen, Instrumenten usw. beschränkten. Über
eine nationale, kaum lokale Bedeutung gingen aber diese Betriebe
nicht hinaus. Wie wenig auch Siemens & Halske damals noch trotz
ihres internationalen, weit ausgesponnenen Geschäfts dem entsprachen,
was wir heute unter einem Großunternehmen verstehen, geht daraus
hervor, daß diese Firma im Jahre 1869 nur 250, im Jahre 1875 nur
600 Arbeiter beschäftigte, eine Anzahl, die ungefähr die Hälfte der
damals in der ganzen deutschen Elektrizitätsindustrie verwandten
Arbeiter darstellte. Die überragende Bedeutung der Firma Siemens &
Halske in dieser Periode hatte insofern ihr gutes, als der deutschen
Elektrizitätsindustrie dadurch die konjunkturellen Ausschreitungen und
die darauf folgende Krise erspart blieben, die in den anderen damals
industriell weiter entwickelten Ländern infolge der Übergründungen
elektrotechnischer Unternehmungen unausbleiblich gewesen waren. Die
erste der großen elektrotechnischen Krisen berührte infolgedessen
Deutschland nur verhältnismäßig wenig. Am stärksten hatte sie England
betroffen, wo die industrielle Elektrotechnik namentlich nach den
ersten großen Erfolgen des Kabelbaus mit einer Hochflut von Gründungen
und Projekten eingesetzt hatte. Die hohen Dividenden der ersten
Kabelunternehmungen hatten zur Nachahmung angestachelt, und das
Publikum riß sich förmlich um die Papiere von Aktiengesellschaften, die
irgend etwas mit Elektrizität zu tun hatten. Da die Aktien nach dem
englischen Gesetz auf den kleinen Betrag von 1 Pfd. Sterl. ausgegeben
werden konnten, ergriff das elektrische Spekulationsfieber auch die
kleinsten Kapitalistenschichten. Ein Börsenkrach fegte diese ungesunden
Auswüchse schließlich fort und die englische Regierung hielt es
für richtig, als im Jahre 1880 mit der Lichtelektrizität ein neues
Feld für Gründungen auf elektrotechnischem Gebiete sich zu eröffnen
schien, mit einem beschränkenden Gesetz, der Electric Lighting Act,
einzugreifen. Durch dieses Gesetz, das elektrische Beleuchtungsanlagen
für die Dauer von 20 Jahren als ein Monopol der Regierung erklärte,
wurde aber nicht nur die Entwicklung der Gründerei und Spekulation,
sondern auch die der elektrotechnischen Industrie behindert, was sich
in den kommenden Zeiten der zweiten elektrotechnischen Blüteperiode,
in der die +Starkstrom-Industrie+ zur Geltung kam, als ein
schwerer Nachteil für England erwies. Die großen Erfolge der deutschen
Starkstromindustrie, die dieser die unbestrittene Führung in Europa
sicherten, sind einmal dadurch ermöglicht worden, daß in Deutschland
dank der soliden Vorherrschaft der Firma Siemens & Halske kein
kapitalistischer Zusammenbruch den Enthusiasmus für elektrische
Gründungen abgekühlt hatte; dann aber auch dadurch, daß England, das
gegebene Hauptwettbewerbsland, schon unangenehme Erfahrungen mit der
industriellen Elektrotechnik hinter sich hatte, von denen sich weder
die Regierung, noch das Publikum im richtigen Augenblick befreien
konnten.
Das große historische Verdienst Werner v. Siemens lag nicht nur
in der hervorragenden Mitwirkung, die er der Entwicklung der
Schwachstromtechnik hatte angedeihen lassen, sondern in der
+schöpferischen Wendung+, die er der +Starkstromtechnik+ durch seine
grundlegende Erfindung des sogenannten +dynamo-elektrischen+ Prinzips
im Jahre 1866 gegeben hatte. Dieses Prinzip besteht darin, daß
Elektrizität nicht wie beim Schwachstrom auf chemischem Wege (durch
Elemente oder Batterien), sondern auf physikalischem Wege durch die
elektromagnetische Induktionsmaschine erzeugt wird. Werner v. Siemens
schildert seine Versuche auf diesem Gebiete und die Ergebnisse,
zu denen er durch sie gelangte, in seinen Lebenserinnerungen
folgendermaßen:
„Bereits im Herbst des Jahres 1866, als ich bemüht war, die
elektrischen Zündvorrichtungen mit Hilfe meines Zylinderinduktors
zu vervollkommnen, beschäftigte mich die Frage, ob man nicht durch
geschickte Benutzung des sogenannten Extrastromes eine wesentliche
Verstärkung des Induktionsstromes hervorbringen könnte. Es wurde mir
klar, daß eine elektromagnetische Maschine, deren Arbeitsleistung durch
die in ihren Windungen entstehenden Gegenströme so außerordentlich
geschwächt wird, weil diese Gegenströme die Kraft der wirksamen
Batterie beträchtlich vermindern, umgekehrt eine Verstärkung der
Kraft dieser Batterie hervorrufen müßte, wenn sie durch eine äußere
Arbeitskraft in der entgegengesetzten Richtung gewaltsam gedreht
würde. Dies mußte der Fall sein, weil durch die umgekehrte Bewegung
gleichzeitig die Richtung der induzierten Ströme umgekehrt wurde. In
der Tat bestätigte der Versuch diese Theorie, und es stellte sich
dabei heraus, daß in den feststehenden Elektromagneten einer passend
eingerichteten elektromagnetischen Maschine immer Magnetismus genug
zurückbleibt, um durch allmähliche Verstärkung des durch ihn erzeugten
Stromes bei umgekehrter Drehung die überraschendsten Wirkungen
hervorzubringen.
Es war dies die Entdeckung und erste Anwendung des allen
dynamo-elektrischen Maschinen zu Grunde liegenden dynamo-elektrischen
Prinzips. Die erste Aufgabe, welche dadurch praktisch gelöst wurde,
war die Konstruktion eines wirksamen elektrischen Zündapparates ohne
Stahlmagnete, und noch heute werden Zündapparate dieser Art allgemein
verwendet. Die Berliner Physiker, unter ihnen Magnus, Dove, Rieß, du
Bois-Reymond, waren äußerst überrascht, als ich ihnen im Dezember
1866 einen solchen Zünderinduktor vorführte und an ihm zeigte, daß
eine kleine elektromagnetische Maschine ohne Batterie und permanente
Magnete, die sich in einer Richtung ohne allen Kraftaufwand und in
jeder Geschwindigkeit drehen ließ, der entgegengesetzten Drehung einen
kaum zu überwindenden Widerstand darbot und dabei einen so starken
elektrischen Strom erzeugte, daß ihre Drahtwindungen sich schnell
erhitzten.“
Die Priorität der Siemensschen Erfindung ist bald nach ihrer
Bekanntgabe von verschiedenen Seiten bestritten worden. Die Engländer
Wheatstone und Varley nahmen für sich die Gleichzeitigkeit der Idee
in Anspruch. Immerhin hat Werner v. Siemens das dynamo-elektrische
Prinzip zuerst literarisch dargestellt, konstruktiv mit Hilfe des
sogenannten Doppel-T-Ankers ausgeführt, und ihm den Namen gegeben.
Sein Verdienst wird nicht geschmälert, wenn man selbst annimmt, daß er
etwas erfunden habe, was damals in dem Gang der wissenschaftlichen und
technischen Entwicklung logisch begründet und sozusagen in der Luft
lag. Dies zeigt im Gegenteil, daß seine Erfindung systematischer Arbeit
und folgerichtigem Denken, nicht einem Zufall ihr Dasein verdankt.
Richtig ist hingegen, daß Werner v. Siemens weder die Dynamomaschine
zu voller praktischer Brauchbarkeit entwickelt, noch den ganzen
Umfang ihrer industriellen Nutzungsmöglichkeit erkannt und mit der
sonst bei ihm gewohnten Energie zu verwirklichen gesucht hat. Sein
Gedanken- und Arbeitskreis war doch wohl zu sehr von den Problemen der
Schwachstromtechnik erfüllt, seine Kraft zu sehr von der lebenslangen
Beschäftigung mit ihr absorbiert, als daß er sich dem Neuland der
Starkstromtechnik hätte mit unverminderter Schaffensfähigkeit zuwenden
können. Dazu gehörte eine unverbrauchte Frische, eine Jugend mit
Zukunftsaugen, nicht der Rest eines mit Arbeit und Gedanken überfüllten
Lebens.
Die praktische Verwertbarkeit der Dynamomaschine wurde gefördert
durch die Einführung des sogenannten Pacinottischen Ringankers und des
Hefnerschen Wickelungssystems (Trommelanker), aber erst Gramme baute
im Jahre 1869 die erste wirklich gut funktionierende und industriell
brauchbare Dynamomaschine, die kontinuierlichen Gleichstrom erzeugte.
Werner v. Siemens hat selbstverständlich als der bedeutende Techniker
und der klare Kopf, der er war, erkannt, daß die neue Erfindung
eine große Tragweite besitze. An seinen Bruder Wilhelm schrieb er
schon im Jahre 1866: „Die Effekte der dynamo-elektrischen Maschine
müssen bei geeigneter Konstruktion kolossale werden. Die Sache ist
sehr ausbildungsfähig und kann eine neue Ära des Elektromagnetismus
anbahnen. Magnet-Elektrizität wird billig werden und kann nun zur
Lichterzeugung, für elektrochemische Zwecke, ja selbst wieder zum
Betriebe von kleinen elektromagnetischen Maschinen zum Vorteil
verwandt werden.“ -- Man sieht, das sind Worte, in denen die höchsten
Erwartungen und Hoffnungen sich widerspiegeln, aber es ist merkwürdig,
die Hand Werner v. Siemens war bei den Ausführungsmaßnahmen auf dem
neuen, als gewaltig erkannten Gebiet nicht mehr so sicher, fest
und glücklich wie früher, die Phantasie arbeitete nicht mehr so
hoffnungsfreudig und kühn, und die Durchführung wirkt sozusagen kleiner
als der Gedanke. Wenn Werner v. Siemens auch recht wohl erkannte, daß
die Erzeugung starker Gleichströme und großer Strommengen für die
Lichterzeugung von großer Bedeutung sein werde, so sah er doch auf
diesem Gebiete hauptsächlich nur die äußerlich pompöse Bogenlampe, die
in den 70er Jahren erfunden worden war, und für die Siemens & Halske in
der Hefner-Alteneckschen Differential-Lampe ein besonders gutes Modell
besaßen. Die unscheinbarere, aber für die elektrische Beleuchtung viel
wichtiger gewordene Glühlampe lehnte Siemens nicht gerade ab. Er ließ
sich, als Emil Rathenau mit genialem Blick die großartige Zukunft
dieser Lampe erkannt hatte und zu ihrer Einführung in Deutschland die
Unterstützung der damals maßgebenden deutschen elektrotechnischen Firma
nachsuchte, sogar ziemlich leicht von ihrem Wert überzeugen, aber seine
ganze Stellung zur Glühlampe war doch mehr passiv. Sie mußte ihm erst
plausibel gemacht, fast aufgedrängt werden. Er riß sie nicht an sich,
wie er vor 30 Jahren den Telegraphen an sich gerissen hatte. Auch von
der gewaltigen quantitativen Ausdehnungsfähigkeit der Dynamomaschine
machte er sich nicht das richtige Bild. Als Emil Rathenau, der in
den ersten Jahren seiner Tätigkeit für die Edison-Gesellschaft die
Maschinen vertragsgemäß bei Siemens & Halske bauen lassen mußte, von
Siemens bis dahin unerhört große Maschinentypen verlangte, sah ihn
der große Konstrukteur verwundert, und fast geringschätzig wie einen
überspannten Dilettanten an, und sagte ihm: „Gewiß, bauen kann ich
Ihnen solche Maschinen, aber gehen werden sie nicht.“ Emil Rathenau
ließ die Maschinen schließlich aber doch bauen, und sie gingen nicht
nur, sondern es gingen auch noch solche, neben denen sich seine ersten
heute als Zwerge ausnehmen würden. Emil Rathenau reichte als positiver
Techniker auch nicht entfernt an Werner v. Siemens heran, aber in
diesen Dingen und zu diesen Zeiten hatte er den größeren technischen
Weitblick.