Aber nicht nur in den Zeitumständen, auch in den Charaktereigenschaften

war Emil Rathenau fester gegründet, als der so ähnlich begabte

Stammesgenosse. In dem wesentlichen Grundzug ihrer finderischen

Natur waren diese beiden Juden einander nahe verwandt. Beide von

einer -- bei aller Fähigkeit für das Komplizierte -- schlichten

und fast naiven Konstruktivität, Strousberg naiver, Rathenau

schlichter, beide von hellseherischer Phantasie für zukünftige

Möglichkeiten und Notwendigkeiten, Strousberg schweifender auf die

Möglichkeiten, Rathenau -- wenigstens in der Arbeit -- nüchterner

auf die Notwendigkeiten gerichtet. Des einen, des Bahnenkönigs

Unternehmungsgeist, trotzdem er nie eine Sache um des Gründergewinns,

sondern nur um des meist guten industriellen Gedankens willen gründete,

etwas fessel- und hier und da auch wahllos umherspringend, des andern

Schaffen bei allen gelegentlichen gedanklichen Exkursionen von einer

einheitlichen Grundidee gebändigt und beherrscht, sich selbst mit

eiserner Selbstzucht stets wieder auf den Boden der Wirklichkeit

zurückzwingend. Strousberg hat auf +viele+ Gebiete der Industrie

übergegriffen, Rathenau hat +eine+ Industrie mit höchster

Vertiefung und Vielseitigkeit ausgebaut und die Nebenindustrien,

denen er sich zuwandte, doch immer unter die Gesichtspunkte des

elektrotechnischen Gewerbes gestellt. Bei aller Verwandtschaft der

spirituellen Intelligenz, der Begabung und der Methode, eine starke

Verschiedenheit weniger der Temperamente, als der Hemmungen der

Temperamente. Strousberg drängte gewaltsam vorwärts und überstürzte.

Rathenau hat gezeigt, daß er wohl zu warten verstand.

Unter solchen Umständen ist es falsch zu sagen, daß Glück oder Unglück

die entscheidende Rolle in dem Leben dieser beiden Männer gespielt

haben, wie dies Strousberg in seiner im russischen Schuldgefängnis

geschriebenen Selbstbiographie von sich behauptet hat. Es ist richtig,

daß die 6 Millionen Taler Entschädigung, die Strousberg gerade in

seiner kritischen Zeit an Rumänien infolge fehlerhafter Ausführung

eines Bahnenbaus zahlen mußte, seinen Zusammenbruch beschleunigt

haben. Aber dieses Schicksal traf ihn nicht unverdient, und es wurde

aufgewogen durch manchen Glückszufall, aus dem er früher hatte

Nutzen ziehen können. Emil Rathenau andererseits ist durch das Glück

nie sonderlich verwöhnt worden und gerade die vielen Reserven,

Hindernislinien und Schutzgräben, von denen er um sein Werk nicht

genug ziehen konnte, um es gegen jeden Schicksalsschlag, gegen

jeden ungünstigen Zufall zu sichern, zeigen den Unterschied seiner

industriellen Bauweise von der Strousbergs.

Die vorangegangene Schilderung hat gezeigt, welche große Bedeutung

die +zeitlichen Umstände+ als Vorbedingung für ein Werk,

wie das Rathenaus gehabt haben, wenngleich sie keineswegs allein

ausschlaggebend für das Wachstum seiner Persönlichkeit und seiner

Schöpfung gewesen sind. Man kann sagen, daß die letzten 3 Jahrzehnte

in Deutschland deswegen so viel schöpferische Persönlichkeiten und

Leistungen in Handel und Gewerbe hervorgebracht haben, weil sie

selbst so schöpferisch waren und Gelegenheit, ja förmlich Zwang zu

produktiver Tätigkeit boten. In dem Agrarland Deutschland war noch

so viel Platz für große Industrieunternehmungen, es gab so viele

ungehobene industrielle Rohstoffe, so viel überschüssiges, früher

auf den Weg der Auswanderung gedrängtes Menschenmaterial, daß die

Entwicklung, nachdem einmal die Bahn durch Beseitigung der politischen

Hemmungen, durch Freimachung und Anreicherung der kapitalbildenden

Kräfte geebnet war, mächtig vorwärts drängen mußte. Man brauchte sich

nur von dieser Entwicklung tragen zu lassen, um es zu etwas zu bringen

und selbst die +mäßige+ Begabung konnte sich ansehnliche Ziele

stecken. Die +große+ aber fand Baustoff und Werkzeug zu stärkstem

Vollbringen. Man kann den Anteil, den Zeit und Persönlichkeit an den

gewerblichen Schöpfungen unseres Zeitalters hatten, vielleicht am

besten charakterisieren, wenn man sagt, daß die Männer dieser Zeit mit

der Stromrichtung schwimmen konnten. Sie hatten -- natürlich nur im

Großen, und nicht im einzelnen betrachtet -- kein zähes Gestrüpp an

Gewohnheiten, Vorurteilen erst auszuroden, ehe sie mit der eigentlichen

Arbeit beginnen konnten. Sie brauchten nicht einen erheblichen Teil

ihrer besten Kraft darauf zu wenden, erst den Kampf des Positiven gegen

das Negative zu führen, wie etwa der gedankliche Bahnbrecher Friedrich

List, sie brauchten auch keiner spröden Materie langsame Gestaltung

abzuzwingen, wie David Hansemann, Alfred Krupp und Werner Siemens. Sie

fanden den Boden gepflügt und gedüngt. Gewiß, nur fruchtbare Körner

konnten auf ihm aufgehen. Aber das fruchtbare Korn wird, wenn es auf

einen guten und bereiten Boden fällt, anders und stärker gedeihen, als

wenn es in Brachland oder dünnen Sandboden gesenkt wird.

Es spricht nicht gegen unsere Auffassung von den wirtschaftlichen

Wirkungen der reichsdeutschen Gruppierung um die staatenbildende

Zentrifugalkraft Preußens, wenn man feststellt, daß einmal der

wirtschaftliche Zusammenschluß Norddeutschlands und der spätere

Hinzutritt Süddeutschlands zu dem deutschen Zollverein schon vor dem

deutsch-französischen Kriege stattgefunden hatten und daß nachher noch

fast ein Jahrzehnt hinging, ehe die moderne Wirtschaftsbewegung mit

voller Kraft einsetzte. Vor dem Kriege war durch die Zollbündnisse,

die den politischen Reichsgedanken vorbereiten halfen, wohl eine

gewisse Einheit schon de jure erreicht. Das blieb auch ganz gewiß

nicht ohne befruchtende Wirkung auf das Wirtschaftsleben und führte

schon in der Mitte der 60er Jahre zu günstigen Geschäftskonjunkturen.

Aber die große Revolutionierung des Wirtschaftsbodens, von der wir

gesprochen haben, wurde dadurch höchstens angekündigt, noch nicht

eingeleitet. Dies konnte erst geschehen, nachdem die wirtschaftliche

Einheit durch die feste politische Form endgültig geworden, gegen

jede Bedrohung von innen und außen gesichert war. Die allgemeine

Überzeugung, daß die Einheit politisch und kriegerisch noch einmal

würde erprobt und verteidigt werden müssen, hinderte vorerst das

organische Zusammenwachsen der einzelnen Glieder Deutschlands zu

einem einheitlichen Wirtschaftsgebiet. +Nach dem Kriege+ setzte der

+subjektive+ Aufschwung sofort ein und zwar in einem Tempo, daß ihm

der objektive Aufschwung nicht zu folgen vermochte. Da keine genügende

Zahl von industriellen Unternehmungen und von den sie repräsentierenden

Wertpapieren da war, an denen die spekulative Hochbewertung sich

hätte genug tun können, nahm der Aufschwung die Form der künstlichen

„Wertschafferei“ und „Werttreiberei“ an, die sich auch am +fingierten+

Wert entzündeten. Die +wirklichen+ Werte an industriellen Objekten, an

Grund und Boden, an Waren und Rohstoffen wurden gewaltig übersteigert,

wie das immer der Fall ist, wenn der Kreis der realen Tatsachen

nicht schnell genug erweitert und auf den Umfang der neuen geistigen

Möglichkeiten gebracht werden kann. Die Plötzlichkeit, mit der die

deutsche Binnenwirtschaft vor weltwirtschaftliche, ja imperialistische

Probleme gestellt wurde, zeitigte ein gewaltiges schöpferisches

Bedürfnis, dem die schöpferischen Verwirklichungen nicht im gleichen

Tempo folgen konnten. Die Zukunftsphantasien, die den Gründern und

Spekulanten jener Zeit vor Augen standen, waren dabei sicherlich nicht

einmal falsch gesehen oder übertrieben. Was seither verwirklicht

wurde, hat jene Phantasiegemälde längst überboten und in Schatten

gestellt. Falsch war nur die Bemessung der Distanz, der Zeitspanne,

in der man zur Verwirklichung jener Ideen kommen zu können glaubte.

Man glaubte Tal und Berg im Sprung überwinden zu können, während eine

mühselige Wanderung über Hügel und Einsenkungen, durch Schluchten und

Gestein notwendig war. Was diesen Trugschluß damals noch so wesentlich

förderte, war der französische Milliardensegen, der sich unerwartet

und unvorbereitet über Deutschland ergoß. Man glaubte, daß mit diesem

Gelde jede Distanz überwunden werden könnte und hatte noch nicht

die vorher nirgends so augenfällig gewordene, erst anläßlich dieser

gewaltigsten gegenwertlosen Geldübertragung der Geschichte möglich

gewordene Erfahrung gemacht, daß ein Überfluß an Geld eine gesunde

Entwicklung nicht fördert, sondern stört. Nur Geld, das Kapital

geworden ist oder Kapital werden kann, das heißt für das sich eine

gesunde Anlagemöglichkeit findet, vermag Früchte zu tragen. Das Geld,

das beschäftigungslos umhertreibt oder zu zwecklosen Experimenten

verwendet wird, schafft eine künstliche Kaufkraft, eine ungesunde

Unternehmungslust, bringt die Faktoren der Preisbildung, die Ventile

der Marktregulierung in Unordnung und treibt in Krisen hinein, in denen

die künstlichen Gebilde zusammenbrechen müssen, ehe wieder richtige

Wertmaßstäbe gewonnen werden können.

Durch die Delirien dieser Krise mußte erst die subjektive

Aufschwungskraft des wirtschaftlichen Deutschland nach seiner Einigung

hindurchgehen, ehe der wirkliche, wohlfundierte Aufstieg begonnen

werden konnte. In dieser Krise wurde schon die Spreu von dem Weizen

gesondert, und wer sie überlebte, hatte schon halb bewiesen, daß er

würdig und fähig war, an den Mühsalen und Früchten des aufsteigenden

Weges teilzunehmen. Emil Rathenau gehörte zu jenen, die sich durch das

falsche Gold der Gründerjahre nicht hatten blenden lassen. Er hatte

seine gewaltige Bejahungskraft, seine Phantasie, die doch nicht weniger

lebendig und beweglich waren als die des verwegensten Abenteurers aus

der Gründerzeit, vollkräftig und doch fast unbeschädigt durch die Jahre

getragen, die rings um ihn von Orgien der Unternehmungslust erfüllt

gewesen waren. So war er rein und stark für die kommenden Jahre der

Stärke geblieben.

Viertes Kapitel

Technische Vorbedingungen

„Als Emil Rathenau seine Siegeslaufbahn begann, war die

Elektrotechnik wenig mehr als ein bescheidener Versuch, die

großartigen Forschungen der Physik des vorigen Jahrhunderts

nützlicher Verwertung zu erschließen. Die Erfindungen trugen noch

deutlich den Stempel ihrer Geburtsstätte -- es waren Erzeugnisse

instrumentaler Technik. Werner v. Siemens, selbst aus dieser

hervorgegangen, war der erste, dessen weitschauender Geist die

Notwendigkeit erkannte, die Hilfe eines Bundesgenossen, der

Maschinentechnik, herbeizurufen, das Studium der Elektrotechnik

den Technischen Hochschulen zuzuweisen, und mit dem Maschinenbau

auf das Innigste zu verschmelzen. Schwierig war die Aufgabe,

die er damit den technischen Hochschulen erteilte, fehlte es

denselben doch zunächst an geeigneten Lehrkräften, die mit

theoretischem Wissen praktisches Können vereinten. Da brachte

Hilfe die schnell sich entwickelnde Technik selber. Hervorragende

Maschineningenieure, technische Physik beherrschend, traten in die

Werkstätten der Elektrotechnik und wurden bald ihre Lenker und

Leiter. Als der ersten einer -- Emil Rathenau. Es war ein großes

Glück für die deutsche Elektrotechnik, daß ihr neben Siemens ein

Mann erstand, von gleichen Überzeugungen beseelt, mit genialer

Veranlagung zum Maschineningenieur erzogen, der, zwar nicht mit ihm

vereint, wohl aber im edelsten Wetteifer mit ihm gleichen Zielen

zustrebte. Dem Wirken dieser beiden Männer verdankt die deutsche

Elektrotechnik ihre erstaunlich schnelle Entwicklung.“

(Prof. Dr. Slaby in einer Festrede zur Feier des 25jährigen

Bestehens der A. E. G.)

Im vorigen Kapitel haben wir gesehen, welche allgemeinwirtschaftlichen

Bedingungen Emil Rathenau vorfand, als er am Anfang der 80er Jahre

daranging, ein neues Unternehmen aufzubauen. Jetzt soll untersucht

werden, wie es mit der +Entwicklung+ der +elektrotechnischen

Industrie+ stand, der sich Rathenau zuwandte, weil er auf ihrem

Gebiet die größten Zukunftsmöglichkeiten für einen technischen Kaufmann

sah.

Die Elektrotechnik, als Grundlage der Elektrizitäts-Industrie, das

heißt einer praktisch-wirtschaftlichen Ausnutzung der Wissenschaft

von der Elektrizität ist viel jünger als die Erfindung oder besser

als die Findung der galvanischen Kraft. Sie ist ganz und gar ein

Kind des 19. Jahrhunderts und setzte zu ihrer Ausbildung die

Pionierdienste voraus, die auf allgemein-technischem Gebiete erst

die Physik und die Chemie leisten mußten. Der erste Schritt in das

seitdem experimentell vielfach durchleuchtete Gebiet einer ihrem

inneren Wesen nach noch immer geheimnisvollen Kraft wurde halb durch

Zufall getan. Lange Zeit ging die herrschende Ansicht dahin, daß

die magnetischen und elektrischen Erscheinungen nicht miteinander

zusammenhingen. Ein dänischer Physiker Hans Chrystian Oersted

entdeckte 1820 das Prinzip des Elektromagnetismus, indem er bemerkte,

daß eine auf seinem Experimentiertische befindliche Magnetnadel

durch galvanischen Strom abgelenkt wurde. Deutsche, französische

und englische Forscher warfen sich bald darauf mit intensiver

Energie auf das neue Gebiet der Wissenschaft und suchten die schmale

Eingangspforte durch systematische Arbeit zu erweitern. Während

man auch nach der Entdeckung Oersteds zunächst noch an der Ansicht

festhielt, daß nicht die Elektrizität, sondern der Magnetismus die

einfachere, grundlegende Kraft sei, begründete Ampère die Theorie,

daß das Grundphänomen das elektrische sei und daß alle Äußerungen

des Magnetismus auf elektrischen Strömen beruhten, eine Theorie, die

als erwiesen gelten konnte, nachdem gezeigt worden war, daß durch

elektrischen Strom ein Magnetfeld erzeugt werden konnte. Damit war

die industriell so außerordentlich fruchtbar gewordene Einwirkung der

elektrischen Kraft auf den Grundstoff aller modernen industriellen

Betätigung, das Eisen, festgestellt, das die Eigentümlichkeit besitzt,

durch einen elektrischen Strom sehr kräftig magnetisiert zu werden.

Gauß und Weber gelangten auf Grund ihrer Arbeiten im Jahre 1833 zur

Erfindung des +elektrischen Telegraphen+ und stellten bald darauf die

erste telegraphische Verbindung auf eine kurze Strecke -- zwischen

ihren beiden Arbeitsstätten in Göttingen -- her. Damit schien die

deutsche Forschung, nachdem sie dieses eminent praktische Problem

wissenschaftlich gelöst hatte, sich zunächst begnügen zu wollen.

Für eine praktische Ausnutzung fehlte es in Deutschland damals an

einer entwickelten Industrie und gerade umgekehrt wie bei späteren

großen Erfindungen, die im Auslande gemacht, aber in Deutschland

systematisch-praktisch durchgebildet wurden, ließ man bei den ersten

epochemachenden Entdeckungen auf dem Gebiete der Elektrotechnik

die grundsätzlichen Erkenntnisse der Wissenschaft ohne Folgen. Wie

später auch das von dem deutschen Physiker Philipp Reis erfundene

Telephon wurde der elektrische Telegraph in Amerika entwickelt.

Schon im Jahre 1835 konstruierte der Amerikaner Samuel Morse den

nach ihm benannten Fernschreibapparat, auch andere Amerikaner und

Engländer, wie Wheatstone und Coke befaßten sich erfolgreich mit der

Ausbildung des Telegraphen. Im Jahre 1844 wurde die erste öffentliche

Telegraphenleitung zwischen Washington und Boston eingerichtet und

dem öffentlichen Verkehr zugänglich gemacht. Die verkehrstechnische

Entwicklung des Telegraphen schritt nun mit schnellen Schritten fort.

In Amerika, wo besonders große Entfernungen zu überwinden sind, war

das Bedürfnis nach rascher Nachrichtenübermittelung naturgemäß am

stärksten, und der praktische Sinn überdies am schnellsten bereit,

die Errungenschaften der Technik nutzbar zu machen. Aber auch Europa

rührte sich. England, Frankreich und Deutschland vermochten sich

der Bedeutung nicht zu entziehen, die der Telegraph für das ganze

wirtschaftliche, soziale und politische Leben gewinnen mußte. Die Welt

war damals bereits aus dem handwerklichen in das maschinelle Zeitalter

getreten, und sie rückte auch immer entschiedener in das Zeichen

des Verkehrs. Im Jahre 1838 war die erste Eisenbahn in Deutschland

fertiggestellt worden, nun folgten allenthalben neue Schienenwege, und

die Eisenbahnverwaltungen erkannten bald die Vorteile, die es ihnen

bot, ihre Linien von telegraphischen Leitungen begleiten zu lassen. So

trafen sich die Bedürfnisse der maschinellen Verkehrstechnik mit denen

der elektrischen. Der erste Anstoß für die Einführung des Telegraphen

kam in Preußen allerdings nicht von der verkehrspolitischen, sondern

von der militärischen Seite her. Die Kommission des preußischen

Generalstabes für die Einführung der elektrischen Telegraphen übertrug

im Jahre 1847 dem Artillerieleutnant +Werner Siemens+ die Herstellung

einer unterirdischen Telegraphenlinie von Berlin nach Großbeeren zu

Versuchszwecken. Eine glücklichere Wahl hätte die Militärbehörde

nicht treffen können. Damit wurde zum ersten Male der Mann mit

der Lösung einer bedeutsamen Aufgabe betraut, der zu den größten

technischen Konstrukteuren aller Zeiten gehörend, die Entwicklung

der elektrotechnischen Industrie in ihrer ersten, grundlegenden

Periode anregen, führen und verkörpern sollte wie kein zweiter in

Deutschland, wie nur wenige andere in der ganzen Welt. In der Mitte

zwischen technischer Wissenschaft und Praxis stehend, war es Werner

Siemens in einer Zeit, in der eine tiefe Kluft zwischen der Theorie

und der ausübenden Technik gähnte, vergönnt, sich beide Gebiete ganz

zu eigen zu machen, auf beiden Gebieten Gedanken aus erster Hand, von

primärem Wert und schöpferischer Auswirkung zu prägen und miteinander

zu verschmelzen. Die eiserne Folgerichtigkeit seines technischen

Denkens, und die nie ermüdende und nie abschweifende Konstanz seiner

Arbeit ermöglichten es ihm, die fruchtbaren Gedanken zur industriellen

Reife zu entwickeln. Kein schnelles Blitzlicht, das hier und dorthin

springend dunkle Gebiete der Forschung einen Augenblick erhellt und es

dann anderen oder auch dem Zufall überläßt, sie dauernd aufzuklären,

sondern eine ruhig brennende Flamme, die sich von dem zu erforschenden

Gegenstand nicht früher abkehrt, bis sie ihn von allen Seiten

abgeleuchtet hat. Nicht so geniefunkelnd, experimentell-geistreich und

vielseitig wie der amerikanische „Zauberer“ Thomas Alva Edison, aber

nicht weniger finderisch als dieser. Der ernste Kopf, das tiefe Auge,

die feste Hand des Niederdeutschen, eine Natur, die mit einer Sache

ringt und sie nicht läßt, bevor sie sich ihm ergeben hat. Gewiß, auch

Werner Siemens fehlte manches, wovon später noch zu reden sein wird.

Aber es war vielleicht gut, daß ihm dieses fehlte, wofür in seiner

Zeit die Bedingungen wenigstens in Deutschland noch nicht vorhanden

waren, was ihn möglicherweise in der Sicherheit seines Wesens und

Wollens nur beirrt, in der Gradlinigkeit seines Schaffens zersplittert

hätte. Gerade dadurch, daß Werner Siemens die Möglichkeiten und

Forderungen +seiner+ Zeit so völlig erschöpfte, erschöpfte er sich in

ihnen, ging die Entwicklung schließlich über ihn hinweg, vermochte er

sich einer anderen Zeit nicht mehr so recht anzupassen.

Emil Rathenau und das elektrische Zeitalter · 第 6 / 41 段