waren, so sehr sie gerade den gelernten Maschinenbauer reizten und
beschäftigten, es war vielleicht zu viel des Neuen, das auf ihn
einstürmte und ihm die Wahl schwer machte. „Mir schien, als brauche ich
nur ins volle Menschenleben hineinzugreifen, um mir die Fabrikation
zu sichern, die mich interessierte,“ schrieb er. Aber die Fülle
der Gesichte, die den Schauenden und Lernenden überwältigte, hätte
entsagungsvoll eingedämmt und eingeschränkt werden müssen, sobald
es ans praktische Ausführen gegangen wäre. Er war ja nicht nur nach
Amerika gereist, um zu lernen, sein Wissen zu bereichern und zu
vertiefen, sondern auch um eine geschäftliche Idee, eine faßbare
Grundlage für eine neue aussichtsreiche Unternehmung mit nach Hause
zu bringen. Der frühere Sozius Valentin begleitete ihn auf dieser
Reise, und beide waren sich darüber klar, daß sie ihr gutes Geld
nicht ausschließlich für eine wissenschaftliche Studienreise ausgeben
durften, sondern als einen Spesenbetrag betrachten müßten, den sie sich
aus den geschäftlichen Früchten dieser Reise vervielfacht zurückholen
wollten. Mehrere amerikanische Städte und Fabriken wurden darum
besucht, und es wurde nach einer aussichtsreichen Sache gesucht, die
man mit den zur Verfügung stehenden, immerhin nicht unbeschränkten
Mitteln und Kräften nach Deutschland verpflanzen könnte. Daß diese
Mittel für die gewaltigen Maße einer in Deutschland nach amerikanischem
Muster zu errichtenden Großmaschinenfabrik nicht ausreichten, sagten
sich die beiden Freunde wohl ohne weiteres. Wenn Rathenau diese
notgedrungene Entsagung nicht zu schwer fiel, so war dies darauf
zurückzuführen, daß sich noch etwas anderes bot, das ihn technisch kaum
weniger fesselte, dazu aber leichter und schneller praktische Erfolge
versprach:
In Philadelphia hatte Rathenau das Telephon und Mikrophon, eine
dem Gedanken nach deutsche Erfindung, zuerst praktisch brauchbar
ausgeführt in überzeugender Funktion gesehen. „Das Telephon und das
fast gleichzeitig mit ihm erfundene Mikrophon haben, vielleicht wegen
ihrer verblüffenden Einfachheit, die Bewunderung niemals erregt, die
minder bedeutsamen Errungenschaften der Technik zuteil geworden war.
Mich elektrisierten förmlich die ingeniösen Apparate...“ Rathenau
schwankte, ob er ihre Erzeugung im Großen aufnehmen sollte, aber die
Befürchtung, daß einerseits fremde Patente den Absatz ins Ausland
erschwerten und andererseits die Herstellung so außerordentlich,
so fast handwerksmäßig leicht war, daß sie einen verheerenden
Wettbewerb anlocken mußte, ließ ihn vorsichtig sein. Der Kaufmann in
Rathenau bändigte eben fast immer die Leidenschaft des technischen
Gründers. Er entschloß sich, keine Telephonfabrik zu bauen, sondern
nur eine Konzession für eine Berliner Telephonzentrale nachzusuchen,
gewissermaßen das Telephon in Berlin in Generalentreprise zu nehmen.
Die Stadt Berlin hätte die Sache vielleicht mit ihm gemacht, aber
der damalige Polizeipräsident v. Madai wollte die Konzession, die
Rathenau brauchte, nicht erteilen. „Das Telephon ist ein Reichsregal,“
entschied Herr v. Madai, und, wenn sich auch später bei der Beratung
des Telegraphengesetzes ergab, daß er geirrt hatte, Rathenau fürchtete
zu jener Zeit die Scherereien des Instanzenweges und bot dem damaligen
Generalpostmeister Stephan, dem Verweser des angeblichen Regals,
die Durchführung in Reichsregie an. Aber der sonst so weitsichtige
Stephan versagte zunächst. Er stellte sich auf den Standpunkt, den die
Verteidiger der Postkutsche der Einführung der Eisenbahnen gegenüber
eingenommen hatten und prophezeite, daß eine Telephonzentrale in Berlin
höchstens 23 Anschlüsse finden würde. Diesen rückständigen Standpunkt
nahm er ein, trotzdem die Postverwaltung damals mit dem telephonischen
Überlandverkehr zwischen verschiedenen Ortschaften Versuche gemacht und
günstige Erfolge erzielt hatte. Die städtische Schaltzentrale hielt die
Postbehörde dagegen für ein unlösliches Problem. Später kam Stephan
von selbst auf die Idee zurück, er bot Rathenau an, die Einführung
des Telephons im öffentlichen Postdienst auf Reichskosten zu leiten.
Rathenau, den inzwischen schon ganz andere Dinge beschäftigt und
tiefer in das Wesen der elektrischen Industrie hineingeführt hatten,
nahm trotzdem an, weil er sich mit der elektrischen Technik praktisch
vertraut machen wollte. Ihre Zukunftskraft hatte ihn inzwischen mit
Macht gepackt, um ihn nie mehr loszulassen.
Den ihm von Stephan übertragenen Auftrag führte er ehrenamtlich
aus, ohne eine Vergütung dafür zu beanspruchen oder anzunehmen.
Nachdem er die grundlegende Organisation geschaffen hatte, verließ
er das Arbeitszimmer im Reichspostamt, das ihm Stephan für die Zeit
seiner Tätigkeit im Telephondienste der Post eingeräumt hatte. Da
Schwachstromanlagen dem Feinmechaniker mehr Spielraum als dem Ingenieur
gewährten, so wandte er sich seinem alten Plan, nach kurzer Übung
auf dem Schwachstromgebiete zu der durch die Elektrizität veredelten
Technik zurückzukehren, ohne längeres Besinnen wieder zu. An einer
Tätigkeit, die ihm innerlich nichts mehr sagte, ihm keine Rätsel
mehr aufgab, hielt er nicht fest, auch wenn sie ihm noch so gute
geschäftliche Erfolge versprochen hätte.
An die großartige Verbindung und die gegenseitige Befruchtung
der Maschinentechnik und der Elektrizität, die Rathenau auf sein
ureigenstes Schaffensgebiet, zu der großen Leistung seines Lebens
führen sollten, dachte dieser damals noch nicht. Die gewaltige Weite
und Tiefe der zukünftigen Verschwisterung hatte sich vor seinem
Auge noch nicht aufgetan, und wenn er auch einige Blicke in die
Werkstatt der Elektrizität geworfen hatte, so lag es doch nicht
in seiner Absicht, sich zum Meister dieser Werkstatt zu machen,
sondern er dachte an Rückkehr zum „veredelten“ Maschinenbau. Der
„Dynamo“, der Hauptträger der maschinellen Elektrotechnik, befand
sich damals allerdings noch immer in einem primitiven Zustand und
ließ die gewaltige Entwickelung, die er bald -- besonders auf Grund
der Anforderungen nehmen sollte, die Rathenau seinen Konstrukteuren
stellte, noch nicht ahnen. Wie so viele technische Erfindungen wurde er
nicht aus sich heraus, aus seiner eigenen konstruktiven Idee zur vollen
Leistungsfähigkeit entwickelt und ihm dann die Anwendungsmöglichkeit
geschaffen, sondern als sich die praktischen Bedürfnisse einstellten
und immer größere Ansprüche an ihn stellten, wurden die Heere der
Techniker mobilisiert, die besten Ingenieurgehirne aufgeboten, um ihm
seine Geheimnisse abzulauschen und ihm die Leistungen abzuringen, die
der Anwendungszweck von ihm forderte.
Drittes Kapitel
Wirtschaftliche Vorbedingungen
Die Wirtschafts-Geschichte aller Epochen und Länder weist wohl kaum
-- trotz der japanischen Emanzipation -- einen zweiten Fall auf, in
dem sich ein Volk in seinem ganzen ökonomischen Leben so grundsätzlich
und grundlegend wandelte, in die Breite, Tiefe und Höhe reckte, wie
das deutsche Volk nach dem wahrhaft schöpferischen Einigungskriege von
1870/71. Ich weiß, daß ich eine Binsenwahrheit niederschreibe, die von
pathetischen Rednern, denen das unbegreifliche Wunder dieser Befreiung
und Beflügelung elementarer Volkskräfte nie das Hirn erhellt hat, so
oft leer hingesprochen worden ist, daß sie fast zur Phrase versteinte.
Wenn man eine Erscheinung, wie die Emil Rathenaus, wenn man ein Werk,
wie das des großen Organisators der Elektrizität in seinen Wurzeln und
Verzweigungen, in seinem Werden und Sein verstehen will, darf man sich
nicht schämen, diese Binsenwahrheit dreimal unterstrichen noch einmal
auszusprechen, nachdem man sie von allem Phrasenwerk gereinigt und mit
dem Blut des Gedankens wieder gefüllt hat.
Was der Schöpfer des geeinten Deutschland politisch erreicht
hat, war schon nach wenigen starken Schritten des Volkes auf der
neuerschlossenen Bahn klar und im Resultat abzuschätzen. Nach Bismarcks
entscheidender staatsmännischer Tat hat es in Deutschland einen
großen politischen Gedanken nicht mehr gegeben, brauchte es auch auf
lange Zeit keinen mehr zu geben. Die erobernde Arbeit, die jetzt zu
leisten war, ist wirtschaftliche Arbeit gewesen, selbst die Ansätze
zu einer deutschen Kolonialpolitik, die nach den nun einmal verpaßten
Möglichkeiten einer vollblütigen deutschen Kolonialwirtschaft mehr
ein Luxus des mächtig gewordenen und reich werdenden Deutschlands
waren, als eine wirtschaftliche Notwendigkeit, mußten Nebensache
bleiben. Darin -- noch mehr als in dem subalternen Niveau der
epigonischen Regierungskunst -- liegt wohl der tiefste Grund dafür,
daß sich die Persönlichkeiten mit Schöpferwillen und Schöpferkraft
im Deutschland der nachbismärckischen Zeit nicht der Politik,
sondern dem Wirtschaftsleben zuwendeten, daß wir in Deutschland eine
Überfülle bedeutender, ja großer Kaufleute und Industrieller, so
wenig politische Talente besaßen. Der schöpferische Mensch drängt
dahin, wo es zu schaffen gibt, und besonders Männer des großen Wurfes
fanden in der Politik nicht das Feld, das ihrem Schaffensbedürfnis
genügte, ganz abgesehen davon, daß sich ihr Temperament an den
ständigen Reibungen und fruchtlosen Hemmungen (es gibt auch fruchtbare)
mit dem Bureaukratenstaat müde gelaufen hätte. Es konnten wohl
Organisatoren jener stillen, schmiegsamen Art, wie Stephan und Miquel
im preußisch-deutschen Staate ihren Platz finden, eine volle und
vielleicht übervolle Kraft wie Dernburg wurde darin nie heimisch,
überschritt allenthalben die ihr gezogenen Grenzen, fand die Einheit
ihres Werkes auf Schritt und Tritt von hochmütiger Verständnislosigkeit
durchkreuzt und kapitulierte schließlich vor dem Geist Erzbergers.
Die politische Sammlung, die die bis 1870 verzettelten, durcheinander
und gegeneinander streitenden Kräfte des Volkes in Richtung und
Zusammenwirkung brachte, vermochte aber allein für sich und aus sich
zunächst das neue wirtschaftliche Deutschland noch nicht zu schaffen,
wenngleich eine Änderung und ein Aufschwung gegenüber dem bisherigen
binnenwirtschaftlich beschränkten Zustand des Landes sofort sichtbar
wurde, wenngleich aus dem Boden fast fabelhaft schnell frisches Grün
emporsproß, vielleicht zu schnell emporwucherte. Aber all das war nur
eine Verstärkung, eine Beschleunigung einer in ihrer Art und Richtung
bisher schon im Flusse befindlichen Entwicklung. Es war nicht die
Etablierung des neuen, technisch wie organisatorisch völlig anders
gearteten Systems, das bisher noch nicht dagewesene Betriebsformen,
Arbeitsmethoden, Wirtschaftsgebilde in Deutschland auf die Füße
stellte, Kanäle und breite Tore auf den Weltmarkt öffnete, aus dem
nach innen gerichteten, an versteckten Meereswinkeln träumenden
Binnenlande den modernsten und expansivsten Industriestaat, den
emsigsten Exporteur der Welt schuf. Dazu bedurfte es erst einer
völligen Umdüngung des freigerodeten Bodens, der für die neue Ökonomie
aufnahmefähig sein sollte. Die tüchtigen Industrieunternehmungen des
Landes erhielten sofort nach dem Kriege einen verstärkten Antrieb
gerieten in ein schnelleres Tempo der Entwicklung. Krupp, Borsig,
Siemens fingen an wirklich groß zu werden. Sie und ein paar andere
Werke wuchsen in die Statur von Weltfirmen hinein, aber die deutsche
Industrie wuchs noch nicht zur Weltindustrie. Es gab schon große
Industriepersönlichkeiten, Männer von jener zähen, soliden Genialität,
die von unten, von klein herauf strebten, ihre Geschäfte Schritt für
Schritt aufbauten, ihren Unternehmungen nur den gerade unbedingt
notwendigen Schuß von Spekulation beimischten und geliehenes Geld
wenn überhaupt, so nur widerwillig, gewissermaßen contre coeur
und contre honneur aufnahmen. Noch in unsere heutige ganz anders
geartete Zeit ragen Reste dieser Familienindustriewirtschaft hinein.
Man denke an die Tradition bei Aktiengesellschaften wie Siemens &
Halske und Krupp, an den alten Magnaten- und Gewerkenreichtum in
Westfalen und Oberschlesien. Neben diesen Industriepersönlichkeiten
und Industriefamilien mit durchaus intensiver Finanzwirtschaft standen
schon damals große, oder doch wenigstens berühmte Finanziers. Sie
waren entweder ihrem Grundzuge nach reine Bankiers wie damals noch die
Bleichröders, Mendelsohns, Schicklers, die Industriefinanzierungen nur
gelegentlich mitmachten, oder sie konnten, wenn sie die wechselseitigen
Befruchtungsmöglichkeiten von Industrie und Bankgeschäft schon
erkannten -- wie einer der Bahnbrecher des modernen Finanzwesens, David
Hansemann -- den neuen Weg nur vorsichtig beschreiten, weil sich in
ihrer Hand zu jener Zeit lange noch nicht die Kapitalien gesammelt
hatten, die für eine Industriefinanzierung großen Stils notwendig
sind. Die damals größte Bank Deutschlands, die Diskontogesellschaft,
verfügte in den 70er Jahren über ein Kapital von 60 Millionen Mark,
unser heutiges führendes Institut, die Deutsche Bank, nur über
ein solches von 45 Millionen. Die Mittel dieser Banken und des
Kapitalmarktes flossen in jenen Zeiten abgesehen von den Beträgen, die
der Handel beanspruchte, in weit größerem Umfange als den Industrien
den Eisenbahngesellschaften zu, die sich damals noch im Privatbesitz
befanden und deren Aktien wie Obligationen mit den wichtigsten Posten
in der Anlagenbilanz des nationalen Kapitals bildeten.
Einer allerdings hat schon damals -- und zwar schon vor dem Kriege
-- seiner Zeit und ihren Möglichkeiten mit ungeduldigem Geniewurf
vorausgreifend, beides, das Industrielle und das Finanzielle, in
denkbar größtem Maße zu vereinen versucht, sich nicht damit begnügen
können, ein einziges Unternehmen in Ruhe auszubauen, sondern sein
Bedürfnis und seine glänzenden Fähigkeiten im Anregen, Finanzieren und
Verwirklichen immer neuer Projekte betätigen müssen. +Strousberg+,
dessen Größe nur allzusehr im „Entwerfen“ lag, und den nicht nur
seine nach einem Sündenbock suchende Zeitgenossenschaft, sondern auch
die geschichtliche Registratur als das böse Musterbeispiel einer
„Gründerei nur um des Gründens willen“, als das Symbol jener sinn-
und skrupellosen Wertetreiberei der ersten siebziger Jahre verewigt
hat. Er war es nicht, war nicht Symbol, nicht Urheber, sondern Opfer
dieser in allen Fäulnisfarben schillernden Periode. Ihre Wurzeln
waren nicht die seinen; der Krieg, der die eigentlichen Gründer groß
machte, hatte ihn, der damals gerade zuviel auf die Karte seiner
rumänischen Bahnbauten gesetzt hatte, bereits empfindlich geschwächt.
Die Atmosphäre der Gründerjahre ergriff den schon unsicher Gewordenen,
und in ihren Zusammenbruch wurde der Ausschweifend-Geniale, der seine
Saatkörner auf zu viele Äcker ausgestreut hatte, als einer der ersten
mit hineingezogen. Den guten, den fruchtbaren Grundkern in Strousberg
und seiner Methode anzuerkennen, ist Pflicht desjenigen, der die Art
und das Werk eines Emil Rathenau in ihrer ganzen Bedeutung für unsere
deutsche Wirtschaft erkennen und würdigen will. Wer Rathenau unbedingt
bejaht, darf Strousberg nicht unbedingt verneinen. Denn Strousberg
hat schon das vorgeschwebt, was Rathenau und die anderen großen
Industriellen in den Jahrzehnten um die Wende des 19. Jahrhunderts auf
ihren begrenzteren, aber geschlosseneren und intensiver bearbeiteten
Arbeitsgebieten verwirklichen konnten. Woran Strousberg scheiterte,
das waren Anomalien der Charakterveranlagung und der Zeitverhältnisse,
die seinen Plänen und Absichten ebenso stark zuwiderliefen, wie die
Schöpfungen Rathenaus und der anderen Nachsiebziger durch Harmonien
der Umstände gefördert und hochgetragen wurden. Der Vergleich zwischen
Strousberg und Rathenau ist darum ganz besonders lehrreich, wenn man
die historischen Wurzeln und Bedingtheiten einer Erscheinung wie der
Emil Rathenaus verstehen lernen will. Strousbergs Entwickelung und
geschäftlicher Höhepunkt lagen in einer Zeit, in der größere Bildungen
industrieller Natur in Deutschland zwar an sich möglich waren, aber
doch mangels entwickelter Kapitalmächte und Geldorganisationen,
mangels einer ausgebildeten modernen Fabrikationstechnik nicht in
verhältnismäßig kurzer Zeit hingeworfen werden konnten. Die bedächtige
Entwicklung von innen heraus, der stufenweise Aufbau vom kleineren
zum größeren war nötig, um dem industriellen Wachstum Gesundheit und
Dauerhaftigkeit zu verleihen. So entwickelten Krupp und Siemens ihre
Betriebe, so betrieb Wilhelm v. Mevissen seine Eisenbahnbaupolitik.
Die kühneren Perspektiven eines Friedrich List waren nur Theorien, die
zwar mit treffsicherem Blick für die Praxis erdacht waren, aber doch
erst in einer späteren Zeit verwirklicht werden konnten. Strousberg
ging ohne Rücksicht auf die Zeitumstände zu Werke. Er sprang mit
Volldampf in seine Projekte. Nicht aus kleinen Anfängen und Entwürfen
wuchsen seine Werke allmählich über sich hinaus, sondern seine
Verwirklichungen blieben fast immer hinter dem Idealbild seiner Pläne
zurück. Interessant und bezeichnend war es schon, wie er die Geldmittel
für seine Gründungen aufbrachte. Sein Kapital stammte -- wenigstens
in der ersten Periode seiner Gründungstätigkeit -- vorwiegend aus
England, dem Lande, das ihm den Namen und die industriellen Maßstäbe
gebildet, aber wohl auch für deutsche Verhältnisse etwas verbildet
hatte. Es war ein geistreicher und geschickter Gedanke Strousbergs, den
damals sehr erheblichen Unterschied zwischen dem niedrigen englischen
und dem hohen deutschen Geldleihsatz als rentensteigernden Faktor in
seine Rechnung einzustellen. Der Gedanke war nicht einmal ganz neu
in jener Zeit, aber er war sonst nicht von Deutschen, sondern meist
von Engländern ausgegangen und hatte zum Beispiel dazu geführt, daß
englische Kapitalisten und Unternehmer in Deutschland Kohlenbergwerke
(wie die Hibernia), Gasanstalten (wie die Berliner Imperial Gas
Association), zu deren Errichtung von deutscher Seite es an Kapital
oder auch an Unternehmungsgeist fehlte, mit eigenen Mitteln und unter
eigener Verantwortung gründeten. Strousberg wollte selbst gründen,
selbst die vollen industriellen Chancen ausnützen und das englische
Kapital, das er verwendete, auf den bescheidenen Platz des mit einer
festen Rente abgefundenen Finanz- oder Bankkapitals verweisen. Auch
das ließ sich durchführen, und versprach sogar hohen Ertrag, wenn mit
der bei einer Verringerung jener Zinsdifferenz eintretenden Gefahr
des plötzlichen Abziehens der englischen Gelder gerechnet und gegen
die Nachteile, die aus einer derartigen Geldentziehung erwachsen
mußten, Vorsorge getroffen worden wäre. Eine solche Vorsorge hätte
darin bestehen können, das englische Kapital entweder so fest an die
deutschen Unternehmungen zu fesseln, daß eine plötzliche Abziehung
nicht hätte vorgenommen werden können. Dann hätte Strousberg aber
diesem Kapital einen starken Einfluß auf die Verwaltung und Verfassung
seiner Unternehmungen einräumen, wahrscheinlich ihnen sogar einen
englischen Sitz und englische Rechtsform, ihren Aktien einen
englischen Markt geben müssen (+deutsche+ Aktien würden ja bei
einer Krise auf den +deutschen+ Markt geworfen worden sein). Da
Strousberg aber seinen Geldgebern einen solchen Anteil an der Macht
nicht einräumen wollte, hätte er sich auf eine andere Art gegen die
Gefahr der Kapitalentziehung sichern müssen. Er hätte das englische
Kapital nur als eine vorübergehende, vorläufige Finanzgrundlage
seiner Unternehmungen betrachten und dafür sorgen müssen, daß es
allmählich entsprechend der langsameren Kapitalbildung auf dem
deutschen Geldmarkte oder auch vermittels der eigenen Erträgnisse
seiner Unternehmungen durch deutsches Kapital ausgewechselt werden
konnte. Das hätte aber einmal einen Verzicht auf die langfristige
Ausnutzung der Zinsdifferenz, an deren dauerndes und ununterbrochenes
Vorhandensein Strousberg geglaubt zu haben schien, zur Bedingung
gehabt; ferner hätte es einen ruhigen, geduldigen Ausbau der Gründungen
verlangt, nicht jenes überstürzte Eiltempo der Expansion, das in dem
Temperament Strousbergs begründet lag. Schon in finanzieller Hinsicht
waren Strousbergs Werke also auf einer historischen Anomalie gegründet.
Dasselbe gilt von ihrer industriellen und technischen Anlage. Seine
Entwürfe und Ideen waren meist gut, oft zukunftsreich und immer
genialisch, die Mittel, mit denen er sie ausführte, oft unzulänglich.
Denn der intellektuelle Defekt in diesem bewunderungswürdig
scharfsinnigen und positiven Gehirn bestand darin, daß Strousberg
keinen Sinn für die praktischen Hemmungen der Materie hatte, daß er
seiner eigenen Phantasie gegenüber durchaus unkritisch war. Sein
Positivismus war ein Rausch, keine fest verankerte Weltanschauung,
er war zu sehr Bau+künstler+ und zu wenig Bau+meister+.
Seiner Phantasie schwebte ein großzügiges Eisenbahnsystem von Rumänien
durch Deutschland bis zum Atlantischen Ozean vor, aber die Art, wie
er nun an allen Ecken und Enden, wo sich ihm gerade eine Möglichkeit
bot, Linien anzulegen begann, in der Hoffnung, das Stückwerk werde
sich schon von selbst zum Ganzen runden, war ganz und gar systemlos.
Der Gedanke, die Lokomotiven, Waggons, Schienen, Eisenteile und den
sonstigen Bedarf für seine Bahnen in eigenen Betrieben herzustellen,
war von industrieller Folgerichtigkeit und Fruchtbarkeit, aber es
war vermessen und ein Zeichen gänzlich falscher Einschätzung des
Entwicklungsgesetzes, die Konzentrationsidee, den Gedanken der
Selbstbedarfsdeckung, des gemischten Fabrikationsprozesses gleich mit
einem umfassenden Radikalismus zu beginnen, bis zu dem er heute nach 50
industriellen Entwicklungsjahren kaum gediehen ist. Das konnte keine
gesunde Grundlage für mächtige Unternehmungen, kein gerundetes Ganzes
geben, sondern es wurde Stückwerk, das beim ersten naturnotwendigen
Rückschlag der Entwicklung, beim ersten Kampf der Idee mit der
Materie zerbrechen mußte. Die Dortmunder Union, das erste, fast ein
Menschenalter zu früh angewendete Beispiel eines gemischten Eisen- und
Stahlwerks, wie es später eine der schöpferischsten Ideen der deutschen
Industrie wurde, ist in der praktischen Anlage so verunglückt, daß
immer neue Sanierungen notwendig wurden und doch Jahrzehnte hindurch
den Boden des Fasses nicht erreichten. Noch haltloser waren die
Grundlagen für das von Strousberg geplante große Werk in Zbirow bei
Pilsen, das ebenfalls die ganze Eisenfabrikation vom Erz bis zum
Eisenbahnbedarf umfassen sollte. Hier war nicht nur die Anlage, sondern
auch der Standort, die Rohstoffgrundlage verfehlt. Auch den übrigen
Gründungen Strousbergs, den Markthallen, Schlachthöfen, Zeitungen, die
er gewissermaßen nebenbei aus dem unerschöpflichen Füllhorn seines
Ideenreichtums schüttete, lag fast stets ein guter Gedanke zu Grunde,
die Ausführung aber war flüchtig und sorglos. Es war vielleicht die
verhängnisvollste Schwäche Strousbergs, daß er, der Nichtfachmann, der
seine Unternehmungen auf die Technik einer künftigen Zeit anlegte,
nicht einmal die Technik seiner Zeit völlig beherrschte. So sehr er
sich in seinem Memoirenwerk dagegen wehrt, er +hat+ manchmal
schlecht gebaut, trotz des meist ehrlichen Willens, gut zu bauen, weil
er nicht imstande war, sich die richtigen Fachleute auszusuchen und
weil er zu schnell bauen wollte und mußte.