die Preußische Boden-Kredit-Aktienbank, deren Direktor Schweder
Aufsichtsrat-Vorsitzender bei der „Berliner Union“ -- so hieß die neue
Aktiengesellschaft -- geworden war. Er hatte Rathenau und Valentin
sogar größere Geldmittel als sie beanspruchten, förmlich aufgedrängt,
indem er in den Aufsichtsratssitzungen darlegte, daß es auf 300000
Mark mehr oder weniger bei einer solchen Gründung nicht ankomme.
Infolgedessen war das finanzielle sowohl wie das betriebliche Gewand
des neuen Unternehmens den Gewohnheiten jener Zeit entsprechend
sehr reichlich bemessen worden. Man hatte neue Fabrikationszweige
aufgenommen und wenn auch alles organisch gut gegliedert und nach dem
Rathenauschen Urteil „wie aus einem Guß“ hingestellt war, so setzte es
doch die pünktliche und regelmäßige Zuführung immer neuer Geldmittel
voraus. Als nun die Krise hereinbrach, stockte der Kapitalzufluß
plötzlich, die bereits gedruckten Schuldverschreibungen konnten nicht
mehr emittiert werden und zu allem Überfluß brach Schweder, eine der
verwegensten Spekulantennaturen jener Periode, finanziell zusammen
und wurde seines Direktorpostens bei der von ihm geleiteten Bank
enthoben. Als daraufhin die Direktoren der „Berliner Union“ bei dieser
Bank vorstellig wurden und um die Hergabe der ihnen zugesagten Mittel
ersuchten, wurde ihnen ein kühl ablehnender Bescheid. Die Bank habe
sich zu nichts verpflichtet, sie könne und wolle als Hypothekenbank
überhaupt derartige industrielle Geschäfte nicht mehr machen und die
Herren möchten sich an Schweder halten. Mit diesem Bescheid mußten
sich Rathenau und Valentin zufrieden geben. Es blieb nichts anderes
übrig als die Liquidation der Gesellschaft, bei der die Gläubiger
nichts verloren, die Aktionäre allerdings nur sehr wenig retteten.
Mit geschmälertem aber immerhin noch ansehnlichem Besitz -- jeder der
beiden Teilhaber verfügte damals aus dem Verkauf der Aktien über ein
Vermögen von etwa 900000 M. -- ging Rathenau nach 10jähriger Tätigkeit
aus seinem ersten Unternehmen heraus. Aber er behielt doch als nie
vergessene Lehre aus der ganzen Angelegenheit die später für seine
großen Transaktionen sehr nützliche und heilsame Abneigung gegen
Geschäfte zurück, für die er vorher das Geld nicht bar im Kasten
hatte. Ihm, dem sich gewisse persönliche Erfahrungen hartnäckig bis
zur Grenze der Zwangsvorstellung einprägten, hatte sich für allezeit
ein Mißtrauen gegen Banken und Bankiers eingegraben, von denen er,
wenn es irgend ging, bei seinen Geschäften nicht abhängig sein wollte.
Hier liegt die erste tiefe Wurzel für seine Bankguthabenpolitik in der
A. E. G.-Zeit, die wir später noch kennen lernen werden. Auch eine
unüberwindbare Antipathie gegen Effektenspekulationen jeder Art hatten
die Erlebnisse und Erfahrungen der Gründerjahre in ihn gelegt. Der
Zusammenbruch Schweders, die Liquidation der „Berliner Union“, und das
tragische Schicksal seines Schwiegervaters Nachmann, der nach schweren
Börsenverlusten aus dem Leben schied, waren die Fälle, die sich von
dem gleichgestimmten Hintergrund der allgemeinen Zeitverhältnisse für
ihn besonders scharf abhoben und ihn persönlich tief berührten. Sein
Unterbewußtsein hat diese Eindrücke nie vergessen.
Zweites Kapitel
Zwischenspiel
Emil Rathenau war in einer ungünstigen Zeit frei geworden. Wir haben
bereits gesehen, daß die Krisis, die der Gründerzeit folgte, mit in
die letzten Phasen seiner ersten Unternehmung hineingespielt hatte.
Wenngleich seine Trennung von der Maschinenfabrik zweifellos früher
oder später auch ohnedies erfolgt wäre, so ist sie doch durch den
mißglückten Aufschwung und den darauf folgenden Zusammenbruch, mit
denen die Rathenau-Valentinsche Fabrik der Zeitentwicklung Rechnung
trug, beschleunigt worden. Inzwischen war die Krisis hereingebrochen,
und für einen halbverkrachten Unternehmer, als der Rathenau damals
in den Augen der Öffentlichkeit erscheinen mußte, war es nicht
leicht, etwas Neues und Besseres zu finden, das ihm voll zusagte. Vom
Standpunkt der damals nächstliegenden Situation aus beurteilt war das
vielleicht ein „Pech“, vom Standpunkte der langsichtigen Entwickelung
aber ein Glück für den innerlich noch nicht Ausgereiften. Hätte er
seine erste Fabrik vor oder in den Gründerjahren aufgegeben, so würde
die hochflutende Welle der Konjunktur ihn vielleicht schnell wieder
an irgend einen anderen Strand geführt haben. Von dem hochgestimmten,
der Selbstkritik und der Kritik der Dinge abholden Schwunge der Zeit
getragen, würde er vielleicht -- wie so viele andere auch -- Arbeit
und Kredit in einer Sache engagiert haben, der es an solider Grundlage
und dauernder Lebensfähigkeit fehlte. Selbst eine in der Anlage gute
Sache hätte von der Sturmflut der wenig später hereinbrechenden Krisis
untergraben und fortgespült werden können. Ein zweites Mißlingen
hätte ihm aber innerlich und äußerlich zweifellos noch schwerer
geschadet, hätte sein Selbstvertrauen und das Vertrauen, das andere
ihm entgegenbrachten, völlig erschüttern können. So war es wohl für
ihn am besten, daß er, der innerlich noch nicht fertig geworden, der
noch nicht im Feuer des doppelten Kampfes mit sich selbst und mit
der Außenwelt dreimal gehärtet war, nach der Aufgabe seiner ersten
Selbständigkeit in eine Zeit geriet, die aus Erfahrung kritisch
geworden war, die ein berechtigtes Mißtrauen vor neuen Gründungen und
Unternehmungen hatte. Im Jahre 1875 war die Auflösung der „Berliner
Union“ vollendet, und nun tat der siebenunddreißigjährige Rentier, der
seinen wahren Beruf noch nicht gefunden hatte, eigentlich 8 Jahre, --
sonst die produktivsten Jahre des Manneslebens -- nichts Bestimmtes,
wenn man eben für das unablässige Suchen und das leidenschaftliche
Lernen eines reifenden Charakters den Ausdruck „nichts Bestimmtes tun“
gebrauchen will. Die Familie, besonders die weitere, die Reichenheims
und Liebermanns, die etwas hinter sich gebracht hatten, deren
gefestigter Wohlstand sich von dem Aufschwung der Gründerzeit vornehm
zurückgehalten hatte, aber auch von den Folgen des Zusammenbruches
verschont geblieben war, gebrauchte wahrscheinlich solche Ausdrücke,
und vielleicht -- wenn sie unter sich war -- noch weniger respektvolle.
Für sie war Emil Rathenau der kleine Verwandte, der Fiasko erlitten
hatte, der sich mit einer Menge von nicht ernstzunehmenden Projekten
herumtrug und herumschlug, dem man darum auch keine rechte Zukunft
zutraute. Emil Rathenau schwankte und irrlichtellierte in dieser
Zeit tatsächlich ziemlich viel hin und her. Er faßte Pläne, ließ sie
wieder fallen, erwärmte sich anfänglich für irgend einen ihm von den
Brüdern oder Fremden zugetragenen Vorschlag, und lehnte -- manchmal im
letzten Augenblick -- wenn der andere sich schon darauf eingerichtet
hatte, aus irgend einem eigensinnigen oder nebensächlichen Vorwande
ab. Sein älterer Bruder zum Beispiel, der eine glückliche Hand bei
dem Kaufe und Wiederverkauf von Häusern zeigte, hatte ihn einmal
zur Teilnahme an einem derartigen Geschäft, das Rathenau von ferne
zunächst einen plausiblen Eindruck zu machen schien, aufgefordert.
Man war übereingekommen, 80000 Taler für das Objekt anzulegen, der
Bruder hatte das Grundstück aber nur zu einem höheren Preise bekommen
können und Emil, dem das ganze seinem Charakter fernliegende Geschäft
inzwischen leid geworden war, benutzte den Vorwand des überschrittenen
Preises, um sich von der Sache loszusagen. „Behalte du das Haus lieber
alleine,“ sagte er zu dem Bruder, der ihm den Kaufabschluß melden
kam. Ein anderes Mal, als es sich um den von Rathenau eine Zeitlang
erwogenen Ankauf der sogenannten Jablochkoff-Patente für elektrische
Bogenlampen-Beleuchtung handelte, die in der Avenue de l’opéra in Paris
mit vielem Reklame-Tam-Tam als erste elektrische Straßenbeleuchtung
größeren Umfangs angewendet worden war, erwog er mit demselben
Bruder den Plan, daß jeder zum gemeinsamen Ankauf jener Patente für
Deutschland einen Teil des erforderlichen Geldes beschaffen sollte.
Auch hier kam es aber nicht zum Kaufabschluß, und die Verstimmungen,
die sich aus diesen gescheiterten Unternehmungen ergaben, waren so
stark, daß eine Aussöhnung zwischen den beiden Brüdern nie mehr
erfolgte.
Für die Menschen, die ihn damals sahen und kannten, soll Emil Rathenau,
wie manch’ einer von den Zeitgenossen berichtet, keineswegs den
Eindruck eines überragend genialen Mannes gemacht haben, dessen Stunde
noch nicht gekommen ist, und der im vollen Bewußtsein seiner Kraft
den richtigen Augenblick für sein Hervortreten abwartet. Er trug noch
immer den Marschallstab im Tornister, aber der Durchschnittsmensch
sah es ihm nicht an, und er hatte, wo und wann er auch immer mit
Plänen an jemanden herantrat, Mißtrauen oder die noch schlimmere
Gleichgültigkeit, kurz alle jene Hemmungen zu überwinden, die dem
Anfänger, erst recht aber dem, der zum zweiten Mal anfangen will,
im Wege stehen. Nur wer selbst mit Genieaugen Menschen und Dingen
durch die äußere Schale auf den Grund blickte, wie Werner v. Siemens,
spürte aus Rathenaus Reden und Entwürfen den göttlichen Funken
überspringen. „Dem Mann geben wir Geld,“ sagte er, und machte sein
Versprechen trotz skeptischer Einwände und passiver Resistenz seiner
Mitarbeiter schließlich wahr. Für die meisten übrigen Menschen aber
mochte Rathenau, der stets bereitwillig die Lippen von dem überfließen
ließ, wessen sein Herz voll war, in jener Zeit manche Züge von Hjalmar
Ekdal, dem ewigen Genie von morgen, an sich gehabt haben. Eine
gewisse leidenschaftliche Beflissenheit und Verbissenheit konnten
dem werdenden Genius eigen sein, aber dieselben Eigenschaften weist
auch häufig die problematische Natur auf. Auch für Rathenau selbst
war die Wartezeit zwischen der ersten provisorischen Unternehmung,
die im Niedergang einer alten, überlebten Epoche zerbröckelte, und
der zweiten endgültigen Schöpfung, die im Aufstieg einer neuen Zeit
sich zu weltenweiten Formen auswuchs, keineswegs immer die bewußt
gewählte, in jedem Augenblick gut ausgefüllte Ruhe- und Lernpause, als
die sie in den Rückblicken des Vollendeten erscheint. Gar manchmal,
wenn der Akkumulator des phantasiebegabten Kopfes zu viel von der
aufgespeicherten Gedankenkraft von sich gegeben und sich erschöpft
hatte, kamen Stunden und Tage der Verzagtheit, der Trübsal, in
denen der beschäftigungslose Vierziger sich in seine Wohnung in der
Eichhornstraße mit grauen Gedanken einspann. Aber solche Zeiten wurden
von der ihm eigenen Schwungkraft des Wesens bald überwunden, und im
Notfalle half die Ablenkung und Abwechselung einer Reise, wie denn
Emil Rathenau Zeit seines Lebens vom Reisetrieb beseelt war und auch
in den späteren Jahren der Arbeitsüberlastung aus geschäftlichen und
privaten Reisen -- mochten sie auch noch so kurz sein -- immer wieder
Frische und Nervenergänzung mit heim brachte. Wenn somit den in der
Vollkraft der Jahre stehenden Mann die Tatenlosigkeit manchmal drückte,
so zeigt doch seine ganze spätere Entwickelung, besonders die Art, wie
er im richtigen Augenblick mit genialer Intuition und unbeirrbarer
Entschlossenheit zugriff und alle Zweifelsucht von sich abstreifte,
daß +nicht er+ es gewesen war, der in jener Warteperiode an
Ziellosigkeit, an Stagnation krankte, sondern die +Zeit+. Jene
Zeit, in der die Triebkräfte der alten Wirtschaftsordnung abgestorben
waren und die der neuen Epoche nach dem ersten überschwänglichen
Aufflackern in der Gründerperiode noch nicht so recht Wurzelboden
gefunden hatten. Rathenau wartete -- innerlich betrachtet -- nicht
aus Unentschlossenheit, sondern aus Prinzip, und, wenn seine
oberflächlichen Einsichten auch manchmal vielleicht ihn selbst der
hamletischen Charakterschwäche anklagen mochten, die instinktiven,
tieferen Einsichten waren stark genug, um sich dieser Selbstkritik und
der Kritik der Außenwelt gegenüber durchsetzen zu können. Es waren
nicht Jahre der inneren Klarheit, der bewußten Selbstzügelung und
überlegenen Voraussicht, die Emil Rathenau damals durchmachte, sondern
+Jahre+ des inneren +Kämpfens+ und +Ringens+. Mit dieser
Feststellung setzt man die Größe des Mannes und seines Charakters nicht
herab, dessen Bild weder menschlich-richtig, noch glaubhaft erscheinen
würde, wenn man ihm nur geniale Frühzüge andichten wollte. Zu seiner
vollen Entfaltung ist Rathenau, wie so viele seiner Zeitgenossen, erst
dadurch gelangt, daß die Zeit sein Werk und sein Werk +ihn+ zu
einer Höhe trug, die er unter weniger glücklichen Bedingungen kaum
erreicht hätte. Was er vorher darstellte, war ein Charakterboden, auf
dem alle die reichen Saaten der Zeit Wurzel fassen und in reicher Blüte
aufgehen konnten.
Der Fehler mancher früheren Biographen, den +jungen+ Rathenau zu
bewußt, zu klar und gewissermaßen zu seherisch-weise darzustellen,
ist vom Standpunkt des nachgeborenen Betrachters verständlich
und er ähnelt der Art der dichterischen oder zweckhistorischen
Schilderung, die ihrem Helden bereits pränumerando Gedankengänge und
Ereignisdarstellungen prophetisch in den Mund legt, welche erst viel
später als Ergebnis von Notwendigkeiten, Zufällen, sich kreuzenden
Entwickelungsrichtungen in Kampf und Wirrnis verwirklicht wurden.
So wird von oberflächlichen Schilderern vielfach die Geschichte der
Reichsgründung in der Weise gelehrt, als ob Bismarck bereits, als er
die preußische Ministerpräsidentschaft übernahm, die genauen Pläne für
den Aufbau des Reiches und die Politik, die zu ihm führte, fertig in
seinem Kopfe getragen hätte, als ob Moltke, da er Chef des preußischen
Generalstabs wurde, seine drei großen Kriege und ihren genauen
Hergang bereits in ihren „notwendigen“ Grundzügen vor Augen gehabt
hätte. Wer bewußt Geschichte miterlebt hat, weiß, wie ganz anders die
Dinge sich zu entwickeln pflegen, wie auf dem großen Schachbrett der
Geschehnisse Zug und Gegenzug abwechseln, wieviel verschiedene Züge in
einem bestimmten Augenblick möglich sind, und wieviel Zufälligkeiten,
Gegenströmungen und Wechselwirkungen einen Entschluß zeitigen und seine
Folgen bilden. Die Rathenauschilderer, die in seinem Leben alles auf
Gesetzmäßigkeit, auf Notwendigkeit und Vorherbestimmung zurückführen,
die der Ansicht sind, daß dem 37jährigen, als er seine Maschinenfabrik
Webers aufgab und sich zur ersten Ausreise nach Amerika anschickte,
seine ganze spätere Entwickelung und die ganze spätere Entwickelung der
Industrie wenigstens in ihren Umrissen klar vor Augen gestanden haben,
können allerdings eines zu ihrer Entschuldigung anführen: Rathenau
selbst hat in der schon verschiedentlich erwähnten Jubiläumsrede die
Gedankenwelt, die ihn damals an der Wende zweier Generationen und
wirtschaftlicher Epochen erfüllte, so dargestellt, als ob er nicht
erst als rückschauend Betrachtender, sondern schon als Miterlebender
Vergangenheit und Zukunft mit voller Klarheit erkannt und durchschaut
hätte. Die betreffenden Ausführungen sind interessant genug, um hier
wörtlich wiederholt zu werden. Rathenau erzählte:
„Als in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ich die erste
Phase geschäftlicher Tätigkeit abgeschlossen hatte, erwog ich, ein
Dreißiger damals, ob ich den mit Leib und Seele zugetanen Beruf
wieder aufnehmen oder einer neuen Technik mich zuwenden sollte. An
Anerbietungen fehlte es nicht, aber der Großmaschinenbau schien seine
Bedeutung in Berlin eingebüßt zu haben, und die Geburtsstadt mochte ich
ungern verlassen.
Mit der Erhebung zur Reichshauptstadt hatten die Berliner Verhältnisse
sich wesentlich geändert: Der Wert von Grund und Boden, die Preise der
Lebensbedürfnisse und infolgedessen die Arbeitslöhne waren so gewaltig
gestiegen, daß die großen Maschinenbauanstalten von Borsig, Egells,
Schwartzkopf, Wöhlert, Hoppe und andere sich anschickten, ihre Fabriken
aus dem Norden der Stadt, wo sie seit Begründung betrieben wurden, in
die weitere Umgebung zu verlegen, oder das Feld früher ersprießlicher
Tätigkeit aufzugeben. Auf den weitläufigen Geländen entstanden
neue Straßenzüge, an der Stelle lärmender Werkstätten erhoben sich
Wohnhäuser und Mietskasernen, und wo aus hohen Schornsteinen dichter
Qualm zu den Wolken emporgestiegen war, wirbelten dünne Rauchsäulen
von den häuslichen Herden. In den Vororten aber waren bei dem Mangel
an Verkehrsgelegenheit geschulte Arbeitskräfte mit Schwierigkeit zu
beschaffen. Ein noch wichtigerer Faktor beeinflußte meinen Entschluß,
von der unmittelbaren Aufnahme einer neuen Tätigkeit abzustehen und
den völligen Verlauf der Krisis abzuwarten, die in der Finanzwelt und
Industrie unzählige Opfer gefordert hatte: Patriotische Fabrikherren,
die trotz eigener Sorgen in der schweren Zeit die Angehörigen ihrer
im Felde stehenden Arbeiter mit reichen Mitteln unterstützt hatten,
ernteten hierfür keinen Dank, sondern mußten nach dem Kriege mit
Bedauern wahrnehmen, daß die Wogen der sozialdemokratischen Bewegung
sich höher auftürmten als zuvor. Männer, wie Siemens, Schwartzkopf,
-- auch ich hatte die Ehre, der kleinen Vereinigung anzugehören, --
hofften vergeblich durch Wohlfahrtseinrichtungen und den Bau von
Wohnhäusern die Unzufriedenheit der Arbeiter einzudämmen.
Unter diesen Verhältnissen war eine Wiederbelebung des einst
hochgefeierten Berliner Maschinenbaus frühestens mit dem Ersatz der
physischen Arbeit durch selbsttätig wirkende Maschinen oder bei
vollkommener Ausnutzung der der Berliner Arbeiterschaft eigenen
Geschicklichkeit und Intelligenz zu erwarten. Unter ähnlichen
Bedingungen waren vollendete Arbeitsmethoden in den Vereinigten Staaten
von Nord-Amerika entstanden, allerdings unter Befolgung des Prinzips,
das Zahl und Wahl der Produkte durch Teilung der Arbeit beschränkte.
Leider steht in den heimischen Werken die weitgehende Spezialisierung
der Erzeugnisse auch jetzt noch hinter der amerikanischen zurück,
trotzdem die Fabrikation aus ihr große Vorteile ziehen würde.
Dieses amerikanische System war in Berlin nicht unbekannt. Intelligente
Fabrikanten hatten mehr oder weniger automatisch arbeitende Maschinen
von Amerika eingeführt, konnten ihnen jedoch in ihren Betrieben
genügende Geltung nicht verschaffen, weil entweder die Präzision der
Leistung damals noch nicht hoch genug eingeschätzt, oder die Rückkehr
zu altmodischen Werkzeugen durch die Gewohnheit zu sehr begünstigt
wurde.
Im Gegensatz zu diesen Erfahrungen erblickte ich in den Maschinen
Werkzeuge der Zukunft; ich war überzeugt, daß ihre vortrefflichen
Eigenschaften die Abneigung der Arbeiter allmählich überwinden und eine
ihrer Bedeutung entsprechende Verwendung sichern würden.“
Zweifellos hat Rathenau damals wie kaum ein anderer seiner Zeitgenossen
das sichere Gefühl gehabt, daß eine gründliche Umwandlung der ganzen
industriellen Technik und Arbeitsmethoden bevorstehe. Und zweifellos
hat ihn dies Gefühl mit dazu veranlaßt, mit der vollkräftigen Gründung
eines neuen Unternehmens erst dann zu beginnen, wenn sich die neue
Lage einigermaßen übersehen lasse, wenn sich der neue Boden derart
gefestigt haben würde, daß auf ihm ein tragfähiger Bau errichtet
werden könnte. Was aber die Einzelheiten der von ihm gegebenen
Schilderung, was ihre scharfe Präzisierung und Schattierung anlangt,
so darf nicht vergessen werden, daß es sich bei ihr nicht um eine
impulsive Beschreibung aus der geschilderten Zeit heraus, sondern
um eine rückschauende Darstellung handelt, gesehen mit der Brille
des durch Erfahrungen hindurchgegangenen Mannes, geklärt im Spiegel
der Distanz, geordnet und gerichtet nach den +Ergebnissen+ der
Strömungen, die in ihren +Ursprüngen+ und Anfängen geschildert
werden. Vergleicht man mit dieser bewußten Darstellung die Zeugnisse
Mitlebender, so möchte man der Ansicht zuneigen, daß in Emil Rathenau
damals, als er an der Wende zweier Zeiten und Unternehmungen stand,
bei aller Denk- und Sehschärfe, die ihn stets ausgezeichnet haben,
doch mehr Chaos gewesen ist, als er später selbst zugegeben und gewußt
hat. Das Vorhandensein eines derartigen kreisenden Chaos würde ja auch
die ungemeine Ursprünglichkeit, Kraft und Ausdauer seiner späteren
Leistung nicht abschwächen, sondern erst recht verständlich machen.
Jede völlig durchsichtige Klarheit wird auf die Dauer kraftlos, matt
und unschöpferisch, und nur das Ringen der wechselnden Gedanken vermag
fortzeugendes Leben, Formen und Gestalten zu gebären. Für Emil Rathenau
bildeten die 8 Jahre, die zwischen der Aufgabe seiner Maschinenfabrik
und der Gründung der Deutschen Edison Gesellschaft lagen, das
Staubecken, in das die neuen Kräfte von allen Seiten strömten, in
dem sich -- oft unter Schmerzen, unter drängender Hoffnungs- und
Zweifelsfülle -- aus der Tüchtigkeit das Genie bildete. Fast spürt
man angesichts dieser Pause Neigung an Zarathustra zu denken, dem der
Dichter an die Stirn seiner Geistesgeschichte die Worte schrieb: „Als
Zarathustra 30 Jahre alt war, verließ er seine Heimat und den See
seiner Heimat und ging ins Gebirge. Hier genoß er seines Geistes und
seiner Einsamkeit und wurde 10 Jahre nicht müde. Endlich aber wandelte
sich sein Herz --“. Auch Zarathustra trug keine Klarheit in seine
Einsiedelei, sondern er brachte erst Klarheit und Entschiedenheit aus
ihr mit zurück. Der moderne Zarathustra der Industrie mußte allerdings
nicht in die Einsamkeit, sondern in die Welt gehen, um sich mit dem
Geiste anzufüllen, den er später in Taten umsetzen wollte. Die erste
große Reise, die Rathenau schon im Jahre 1876, also ein Jahr nach der
Auflösung der „Berliner Union“ antrat, ging nach +Amerika+, dem
Lande der technischen Verheißungen. Ein langgehegter Wunsch, mit dem
schon der 28jährige während seines englischen Aufenthaltes gespielt
hatte, fand damit seine Erfüllung. Den äußeren Anlaß zu der Reise bot
die +Weltausstellung in Philadelphia+, eine der wirklich großen
Ausstellungen, auf der fruchtbare technische Gedanken verkündet
wurden und von der aus sie ihren Weg in die Welt fanden. Für Emil
Rathenau, der später als großer Kaufmann und Industrieller von den
Reklameausstellungen, mit denen gewisse Länder und Städte ihren
Fremdenverkehr zu heben suchten, nur recht wenig hielt, bedeutete die
Ausstellung in Philadelphia eine Offenbarung. Was ihm in den Jahren
der mühsamen Kleinarbeit, der beschränkten Enge in seiner Berliner
Maschinenfabrik vor dem geistigen Auge gestanden hatte, an dessen
Erreichung er aber damals verzweifelte, hier war es verwirklicht
und erfüllt. „Was ich im Geiste erschaute, gestaltete sich zur
Wirklichkeit, und mit reicher Ausbeute kehrte zurück, wer der Heimat
neue Arbeitsprozesse und Industrien zu beschaffen gedachte.“ Damit
meinte Rathenau nicht so sehr die Dampfmaschine, die in Amerika
damals eher auf einer niedrigeren Stufe der Entwickelung stand als
in Deutschland und England. Die 1400 PS vertikale Corlißmaschine,
die in der Mitte der Maschinenhalle paradierte, imponierte zwar dem
Maschinenbauer Rathenau durch den einfachen und soliden Bau, sowie
den langsamen und sanften Gang, aber er hatte doch bereits ähnliches
gesehen. Viel stärker fesselten ihn die Holzbearbeitungs- und
Werkzeugmaschinen für Präzisionsarbeiten, die automatischen Maschinen
zur Herstellung von Massenfabrikaten, neuartige und feine Instrumente
zum Messen, wie sie die deutschen Fabriken nicht einmal kannten. Auch
die Schreibmaschine fand sein lebhaftes Interesse. Im allgemeinen war
es die neuartige technische und wirtschaftliche Betriebsökonomie, die
arbeitssparenden und leistungsverbessernden Maschinen, die Rathenau
in Philadelphia und in den amerikanischen Fabriken bewunderte,
während die räumlichen und sozialen Einrichtungen ihm im Verhältnis
zu den deutschen vernachlässigt zu sein schienen. Auch die deutsche
Industrie hatte damals in Philadelphia ausgestellt, und breite Kreise
der öffentlichen Meinung in Deutschland waren patriotisch-kurzsichtig
genug, um die „soliden und bewährten“ Leistungen der heimischen
Industrie den amerikanischen Bluffkonstruktionen an die Seite oder
noch voranzustellen. Wer den Unterschied wahrheitsgemäß feststellte,
wie Professor Reuleaux, der von der deutschen Industrie damals das
bittere, von unseren Neidern und Konkurrenten noch jahrzehntelang auch
dem längst führend gewordenen deutschen Gewerbe entgegengehaltene
Wort „billig und schlecht“ prägte, wer erkannte und aussprach,
daß die deutsche Fabrikation sich damals zum großen Teil auf
Vergangenheitsgleisen bewegte, während in der amerikanischen
Industrie die konstruktiven Neugedanken vorwärts stürmten, der wurde
„gesteinigt und verbrannt“. Emil Rathenau gehörte weder zu den
radikalen Verächtern der Heimat, deren guten Industrieboden, deren
schlummernde Entwickelungsmöglichkeiten er wohl würdigte, noch zu den
Selbstzufriedenen, die da ständig priesen, „wie wir es so herrlich
weit gebracht hätten.“ „Die Schätze der Maschinenhalle blieben mir
unvergeßlich,“ so erzählte er und in der Tat hat er sich das, was er
dort sah, so tief eingeprägt, daß er es in dem Augenblicke, in dem er
davon Gebrauch machen konnte, nur aus der Kammer des Gedächtnisses
hervorzuholen brauchte. Im Geiste noch übertrumpft mag die mächtige
Phantasie Rathenaus auch die derzeitigen Höchstleistungen des
+Großmaschinenbaus+ schon damals haben. Denn was Rathenau zu
jener Zeit in Philadelphia sah, war neben dem, was er später an
gewaltigen Aggregaten von den Konstrukteuren seiner Drehstrom- und
Hochspannungsmaschinen verlangte und erreichte, das reine Kinderspiel.